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Ein Sturz beim Joggen wirft die junge Münchnerin Jessy ziemlich aus der Bahn – sie landet in einer völlig fremden mittelalterlichen Welt. Was ihr zuerst wie ein verrückter Traum erscheint, entpuppt sich schnell als gefährliche Realität. Am Königshof in Ovesta, wo sie auf Hilfe hofft, misstraut man ihr und sie findet sich prompt in einer Kerkerzelle wieder. Doch schnell treten Verbündete auf den Plan. Der charmante Prinz Tychon und der junge Adlige Albin sehen in Jessy mehr als eine Fremde mit eigenartiger Ausdrucksweise. Nun soll sie dabei helfen, die unheimlichen Geschehnisse aufzuklären, die das Westland seit kurzem in Unruhe versetzen. Als Beraterin begleitet sie Tychon und sein Gefolge auf einer Reise ins Nachbarland. Doch was als diplomatische Mission beginnt, wird schnell zu einem gefährlichen Höllenritt ins Unbekannte. Mit jedem Tag muss Jessy mehr über sich hinauswachsen und die magische, wundersame Welt um sie herum akzeptieren. Dabei lernt sie nicht nur ihre eigenen verborgenen Kräfte, wahre Freundschaft und Tapferkeit kennen, sondern stolpert unversehens auch noch über die Liebe ihres Lebens...
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Seitenzahl: 1196
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Julia Adamek
Land der Wölfe
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
„Land der Wölfe“
Copyright © Julia Adamek
Alle Rechte vorbehalten.
Veröffentlichung bei www.neobooks.com 01.11.2015
Covergestaltung: Jessica Rainalter
Bildquellen: www.10.pic-upload.de, www.br.de, www.lvyou.baidu.com,
http://media-cache-ak0.pinimg.com, www.beatebergenbiler.ch
www.julia-adamek.de
Das gleichmäßige Rauschen vorbeifahrender Autos im dichten morgendlichen Berufsverkehr drang wie durch einen dämpfenden Schleier an Jessys Ohren. Erst nach einigen Herzschlägen wurde es zu einem klaren Geräusch, das sie einordnen konnte. Jessy blinzelte und das Licht schmerzte in ihren Augen. Über ihr wölbte sich ein wolkenloser blauer Sommerhimmel. Jetzt spürte sie das Gras und die harte Erde unter sich. Steine bohrten sich in ihren Rücken. Sie stöhnte und setzte sich langsam auf.
So schlimm war sie noch niemals gestürzt. Sie war eine geübte Läuferin, die jeden Morgen bei Wind und Wetter ihre Joggingrunde drehte und deren Füße und Gelenke so manche Unebenheit des Weges ausgleichen konnten. Und tatsächlich konnte sie sich gar nicht erinnern, wie es dazu gekommen war, dass sie den Abhang hinunter fiel. Ihre übliche Route führte an der viel befahrenen Landstraße in Richtung Innenstadt entlang und zweigte dann davon ab in ein kleines Waldstück. Links des Weges fiel die Erde steil ab, Hunde tummelten sich meist im hohen Gras. Niemals wäre sie auf die Idee gekommen, dass die Gefahr bestünde, dort hinunter zu stolpern. Und jetzt war es passiert.
Jessy schüttelte verärgert den Kopf, rollte die Schultern und prüfte, ob sie sich verletzt hatte. Ihre graue Sporthose und der fliederfarbene Nike-Pullover waren mit Erde und Grasflecken verschmiert. Sie musste wie ein Sack Mehl dort hinab gekullert sein. Erst als sie versuchte aufzustehen, stellte sie fest, dass ihr Knöchel offenbar nicht unversehrt geblieben war. Schmerz schoss bei der geringsten Belastung wie ein heißer Blitz durch ihr Gelenk. Jessy ließ sich wieder ins Gras fallen und zog vorsichtig den Schuh aus. Es breitete sich bereits eine ziemlich heftige Schwellung aus und sie konnte den Fuß kaum bewegen.
„Bitte, sei nicht gebrochen“, murmelte sie und verzog das Gesicht. Auftreten kam nicht in Frage, sie musste auf allen Vieren den Hang hinauf klettern und den nächsten Spaziergänger abfangen. Sie nahm ihr Handy nie zum Joggen mit und stellte bestürzt fest, dass sie auch ihre Armbanduhr verloren hatte. Aber es war bestimmt bereits nach neun und sie verpasste die Redaktionssitzung. So ein Mist! Gerade heute konnte sie das überhaupt nicht gebrauchen. Auf ihrem Tisch türmte sich Arbeit auf und am Abend war die Geburtstagsfeier ihrer Mutter. Hoffentlich musste sie nicht auch noch stundenlang im Wartezimmer des Orthopäden sitzen…
Ärgerlich begann Jessy, sich an den Aufstieg zu machen, wobei auch krabbelnd ihr Fußgelenk bei jeder Bewegung schmerzte. Der Hang erstreckte sich plötzlich schier unüberwindlich vor ihr. Schließlich begann sie laut zu rufen.
„Hallo, ist da oben irgendwer? Ich habe mich verletzt, können Sie mir helfen?“
Doch niemand antwortete ihr.
Jessy hielt inne und setzte sich erschöpft ins Gras. Schweiß stand ihr auf der Stirn, es war schon sehr warm und würde ein herrlicher Tag werden. Gewohnheitsmäßig löste sie ihren Pferdeschwanz, so dass ihr das lange braune Haar um die Schultern fiel und fasste es dann erneut zusammen, um es streng zurück zu binden. Plötzlich fühlte sie sich sehr müde und brachte keine Energie auf, weiter zu klettern. Ihr Fuß tat weh und niemand wusste, wo sie war. Sie musste irgendwie nach Hause kommen, duschen, neun Stunden am Schreibtisch im Sender sitzen, zwischendurch einen Termin beim Arzt bekommen und dann rechtzeitig zur Party zu Hause sein. Nicht gerade eine verlockende Aussicht.
Ich bleibe einfach ein paar Minuten hier sitzen, dachte sie träge. Der Knöchel schwillt vielleicht ab oder es kommt jemand vorbei. Sie stützte den Kopf in die Hände, ihr war ein wenig schwindelig.
Dann ließ sie den Blick über die Baumreihen schweifen, an denen sie jeden Morgen vorüber lief. Im Sonnenschein dufteten die blühenden Sträucher und sie hörte die Vögel zwitschern. Was für ein friedliches Bild. Trotzdem störte Jessy etwas daran. Waren die Bäume schon immer so alt und knorrig gewesen? Und das Unterholz so dicht und schattig, dass es undurchdringlich wirkte? Andererseits wusste sich nicht, ob sie sich dieses Wäldchen schon jemals wirklich angeschaut hatte oder darin herum spaziert war. Jessy spürte, dass sie Kopfschmerzen bekam. Vielleicht sollte sie sich besser in den Schatten setzen. Hatte sie sich womöglich eine Gehirnerschütterung geholt? Immerhin war sie ohnmächtig gewesen.
Ein lautes Kläffen riss sie aus ihren Gedanken. Gott sei Dank, wo ein Hund war, war auch ein Herrchen oder Frauchen. Jessy rappelte sich hoch, um sofort auf sich aufmerksam machen zu können, wenn ihr Retter sich zeigte. Doch als sie sah, wie zwei riesengroße Hunde aus dem Wald auf sie zu preschten, blieb ihr fast das Herz stehen. Wie ein Krebs robbte sie rückwärts den Hügel hinauf, ohne Rücksicht auf ihren verletzten Fuß. Die beiden Tiere waren groß wie Kälber und steuerten ungebremst auf sie zu. Ihre Zähne waren wütend gefletscht. Kurz bevor sie Jessy erreichten, verlangsamten sie das Tempo und bauten sich knurrend vor ihr auf.
Jessy starrte in wütende gelbe Augen. Sie sah die Muskeln unter dem braunen, struppigen Fell vor Anspannung zittern.
„Ganz ruhig, Hundchen, schön stehen bleiben“, murmelte sie und versuchte vorsichtig noch mehr Abstand zwischen sich und die Tiere zu bringen. Da schnappte eines von ihnen nach ihrem Bein und Jessy kreischte auf. Ein gellender Pfiff ertönte und die Hunde wichen vor ihr zurück und trabten völlig entspannt davon. Jessy stieß die Luft aus. Ihr Herz raste. Wem immer diese Viecher gehörten, sie würde ihm gehörig die Meinung sagen.
Zwei Männer betraten die Wiese und legten die Hunde an die Leine. Sie hatten Jessy gesehen und kamen auf sie zu. Der eine war sehr groß und die Sonne schimmerte auf seiner Halbglatze. Der andere war kleiner und ein wenig schlaksig, mehr ein Junge als ein Mann.
„Ihre Hunde hätten mich fast angegriffen“, schrie Jessy ihnen entgegen und kam mühsam auf die Füße. Ihre Angst entlud sich in Zorn und ließ sie den schmerzenden Knöchel vergessen. „Es ist unverantwortlich, dass sie frei laufen dürfen! Haben sie eine Maulkorbbefreiung für diese Monster?“
Die Männer musterten sie argwöhnisch. Der größere sah wirklich furchteinflößend aus, sein linkes Ohrläppchen fehlte und seine Nase war von ein paar zu heftigen Schlägen verbeult. Jessy schluckte und kämpfte den Drang nieder, erneut zurück zu weichen. Sie war ganz allein. Würde jemand sie hören, wenn sie um Hilfe schrie? Plötzlich bereute sie es, die Männer so angeblafft zu haben.
„Unsere Hunde greifen niemanden an“, sagte der jüngere Mann und grinste. „Sie sind abgerichtet und reagieren nur auf Befehl. Du warst nicht in Gefahr.“
„So hat es für mich nicht ausgesehen“, zischte Jessy. Sie wollte sich ihre Angst nicht anmerken lassen. „Der eine hätte mich fast ins Bein gebissen.“
Als sie das Bein zur Demonstration heben wollte, durchzuckte sie wilder Schmerz und sie taumelte zur Seite. Der größere Mann streckte den Arm aus und stützte sie.
„Bist du verletzt?“ fragte er.
„Nichts Schlimmes. Ich bin da runter gefallen.“ Sie wies auf den Abhang. „Habt ihr vielleicht ein Handy, damit ich jemanden anrufen kann, der mich abholt? Ich kann nicht auftreten.“
„Was meint sie?“ fragte der Jüngere leise seinen Freund. Der Große zuckte die Schultern. Jessy stöhnte. An was für Typen war sie da denn geraten? Jetzt fiel ihr auch deren seltsame Kleidung auf. Sie trugen lederne Brustharnische, graue Hemden mit weiten Ärmeln und Pfeil und Bogen…
„Entschuldige, aber was für eigenartige Kleider trägst du?“ fragte sie da der junge Kerl neugierig. Er hatte lustige braune Augen und eine Stupsnase. Sein Haar war militärisch kurz geschnitten. Er deutete auf das große, reflektierende Nike-Zeichen auf ihrer Brust.
„Was ich trage?“ fragte sie spöttisch. „Ihr zwei seht aus, als kämt ihr aus einem Mittelalter-Rollenspiel.“
Nun sah der Junge seinen älteren Begleiter nur fragend von der Seite an.
„Wie auch immer“, sagte Jessy seufzend. „Könntet ihr mich wenigstens den Hügel hinauf stützen? Dann finde ich schon einen Spaziergänger der mir hilft.“
Und der normal im Kopf ist, fügte sie im Stillen hinzu.
„Tja, das würde ich wohl gern tun“, sagte der große Kerl. „Aber da oben ist nichts, Kleine. Nur Wiesen. Sag mal, woher kommst du?“
„Was redest du denn? Da oben ist die verdammte M11 und ein riesengroßer Radweg“, sagte Jessy gereizt und wandte sich ab. „Ich sehe schon, hier kriege ich wohl keine Hilfe.“
Noch bevor sie ihre erneute trotzige Kletterpartie beginnen konnte, packte der Hüne sie von hinten um die Mitte und schleppte sie mit wenigen Schritten den Hügel hinauf. Dass Jessy erschrocken zeterte und sich wehrte schien ihm gar nichts auszumachen. Oben angekommen setzte er sie vorsichtig ab und hielt ihren Arm, damit sie das verletzte Bein nicht belasten musste. Jessy wurde schwindlig.
Sie starrte auf – nichts. Wiesen und Felder bis zum Horizont. Ein paar kleine Häuser in weiter Ferne.
Kleine farbige und schwarze Punkte flimmerten vor ihren Augen und sie rieb sich die feuchte Stirn.
„Das kann doch nicht sein“, murmelte sie. War das alles nur ein Traum? War sie noch immer bewusstlos? Oder noch Schlimmeres…?
„Vielleicht bist du ein wenig auf den Kopf gefallen“, sagte der Große neben ihr freundlich. „Aber falls du eine Straße suchst, hier gibt es keine.“
„Aber… die Autos, ich habe sie doch gehört…“ Jessy schaute sich um. Auch jetzt noch hörte sie das Verkehrsrauschen ganz deutlich. Doch keine Autos weit und breit. Keine Spaziergänger mit Hunden und keine Jogger. Nur Bäume. Bäume in denen der Wind spielte und sie verräterisch rauschen ließ.
„Ich glaube, mir wird schlecht“, sagte sie und klammerte sich an den kräftigen Arm.
„Dennit, komm hier hoch“, schrie der Mann und sofort kam sein junger Freund den Hügel herauf, als stelle er überhaupt kein Hindernis dar. Man hielt Jessy eine Flasche an die Lippen und sie trank ein paar Schlucke. Es war kühles Wasser, das nach Leder schmeckte.
„Danke“, murmelte sie. Der große Mann war neben ihr in die Hocke gegangen.
„Hör mal, sag uns einfach, woher du kommst und wir bringen dich zurück. Manchmal passiert so etwas, wenn man fällt. Du bist nur ein wenig verwirrt.“
„München“, antwortete Jessy schwach, aber sie ahnte, dass das diesen Männern nichts sagen würde. „München in Deutschland.“
Sie blickte flehend in die freundlichen Augen, die auf sie gerichtet waren und sah deutlich, wie die Männer einen argwöhnischen Blick wechselten.
„Das nächste Dorf ist Rauchtal. Meinst du das?“ fragte der Junge. „Oder bist du aus Ovesta? Wie bist du hier her gekommen? Hast du ein Pferd?“
Hilflose Tränen stiegen in Jessys Augen, die sie wütend zurück drängte. Das konnte doch nur ein Traum sein. Ein schlechter Scherz. Die versteckte Kamera? Aber wohin war dann die verfluchte Straße verschwunden?
„Das ist echt nicht lustig. Ich möchte jetzt telefonieren“, krächzte sie. Ein dicker Kloß hatte sich in ihrem Hals gebildet.
„Du bist ein bisschen aufgeregt, Kleine. Wir nehmen dich erstmal mit zu uns, dort kannst du dich ausruhen und dann wird es dir schon wieder einfallen. In Ordnung?“
Trotz seiner Körpergröße und dem verschrammten Gesicht klang die Stimme des Mannes sehr freundlich und das tröstete Jessy aus irgendeinem Grund. Sie nickte.
„Dennit, hol die Pferde. Lass das Wild liegen, wir holen es später. Wie ist dein Name?“
„Jessy“, sagte sie. „Ich heiße Jessy.“
„Ich heiße Bosco. Darf ich dich hochheben, Jessy?“
„Grade eben hast du mich auch nicht gefragt“, antwortete sie. Bosco lächelte verschmitzt. Er hatte viele Lachfalten und seine Haut war von Wind und Wetter gegerbt wie die eines Seglers.
„Naja, manchmal vergesse ich eben meinen Anstand, wenn es darum geht, verletzte Damen Hügel hinauf zu schleppen.“
Auf seinen Armen trug er Jessy hinunter auf die Wiese. Es tat gut, den Blick von dieser fremden Landschaft abzuwenden, die es hier doch gar nicht geben durfte. Dennit brachte zwei große Pferde aus dem Wald hervor. Nun zögerte Jessy doch. Sollte sie wirklich mit diesen Männern mitgehen? Zwei Fremde in Verkleidung – auf Pferden? Aber weit und breit war keine Menschenseele, sie konnte nicht laufen und hatte tatsächlich auch keinen Schimmer, wo sie sich befand. Wie war das nur passiert? Wieder setzte dumpfes Hämmern in ihrem Kopf ein, während sie versuchte, sich auf eine Erklärung zu konzentrieren.
Sie hatte Hunger und Durst und auf gar keinen Fall wollte sie hier draußen alleine bleiben und auf die Nacht warten. Und sie spürte, dass von den Männern keine Gefahr ausging, obwohl sie mit Messern bewaffnet waren. Sie hatte keine andere Wahl, als ihrem Bauchgefühl zu folgen.
Bosco stieg auf sein Pferd und Dennit half ihr, sich dahinter auf den breiten Rücken des Tieres zu schwingen. So ein riesiges Pferd hatte Jessy noch nie gesehen, ihre Erfahrungen beschränkten sich auf Reiterferien als sie zwölf gewesen war. Sie klammerte sich an Boscos mächtigen Rumpf und hoffte, nicht allzu sehr durchgeschüttelt zu werden. Doch ihre Hoffnung wurde enttäuscht. Die Männer legten ein irrsinniges Tempo vor und mehr als einmal befürchtete sie, gleich auf dem Boden zu landen.
Sie ritten durch einen Wald, der ganz sicher nicht der kleine Forst war, den Jessy kannte. Der Weg war schmal und von dicht stehenden, alten Bäumen gesäumt. An manchen Stellen waren die Schatten im Unterholz beunruhigend finster. Schließlich schloss Jessy die Augen und konzentrierte sich nur darauf, sich festzuhalten und die Bewegungen des Pferdes nachzuvollziehen. Als dieses den Schritt verlangsamte, spürte sie die Sonne auf ihrem Gesicht.
Sie hatten den Wald verlassen und ritten nun auf einem breiten Weg durch ordentliche Weiden, auf denen Pferde grasten. Am blauen Himmel tummelten sich Schäfchenwolken und vor ihnen erhob sich, hellgrau und majestätisch, eine gewaltige Burg. Auf den Zinnen und Türmen flatterten bunte Fahnen. Das größte Banner zeigte eine geballte graue Faust auf rotem und blauem Grund. Jessy sah winzige Männer auf den Mauern patrouillieren. Der Mund blieb ihr offen stehen.
„Was zur Hölle ist das?“ fragte sie schrill. Boscos wandte halb den Kopf und sein Körper erbebte unter verhaltenem Gelächter.
„Das ist die Eisenfaust, Kleine. Die mächtigste Feste im Land. Der Hof des Königs.“
Jessy kniff die Augen zusammen. „Das kann doch nicht wahr sein“, flüsterte sie sich selbst zu. „Wach endlich auf, Mädchen. Wach auf!“
Vor ihnen wurden zwei gewaltige hölzerne Torflügel aufgezogen und sie tauchten in den Schatten der Mauer ein.
„Vielleicht sollten wir sie nochmal auf den Kopf schlagen. Dann fällt es ihr bestimmt wieder ein!“
Bosco gab stattdessen dem Jungen, der dies vorgeschlagen hatte, einen kräftigen Hieb auf den Hinterkopf.
„Pass auf, sonst fällt mir gleich was ein“, brummte er.
Der Junge war zehn oder elf Jahre alt und grinste wie ein echter Flegel.
„Jetzt verschwinde hier und hilf im Schlachthaus“, fuhr er fort. Murrend erhob sich der Junge von der langen Holzbank und trödelte in Richtung der Tür.
„Vergiss, was er gesagt hat. Niemand wird dich auf den Kopf schlagen“, sagte Bosco zu Jessy. „Er ist ein Junge mit zu viel freier Zeit. Da kommt man auf Dummheiten.“
„Ganz wie sein Vater“, sagte Kyra und stellte einen Teller vor Jessy auf den Tisch.
„Hier, meine Liebe. Das wird dir gut tun.“
Jessy nahm etwas zögerlich ein Stück dunkles Brot, doch schon nach dem ersten Bissen begehrte ihr hungriger Magen auf und sie stopfte auch Käse und Wurst in sich hinein. Es schmeckte großartig. Zwischendurch nahm sie einen Schluck mildes Bier aus einem Holzbecher.
„Wie fühlt sich der Fuß jetzt an?“
„Viel besser, danke.“
Seit Jessy vor einer Stunde die niedrige Küche der Burg betreten und Boscos Frau Kyra kennen gelernt hatte, fühlte sie sich deutlich besser. Der erste Schock war überwunden. Jessy beschloss erst einmal das Nächstliegende zu tun und nicht daran zu denken, was geschehen war. Sie hatte Hunger und ihr Fuß pochte. Und damit war sie bei Kyra an genau der richtigen Adresse. Mit einem kühlenden Umschlag, der nach Kräutern duftete, dem Bier und einer überwältigenden mitfühlenden Herzlichkeit, hatte die Frau Jessy für den Moment das Leben gerettet.
Denn entweder – so hatte sie es nun erkannt – war sie verrückt geworden oder sie war durch die Zeit gereist. Beide Möglichkeiten waren gleich furchterregend, aber wenn sie verstehen wollte, was hier geschah, musste sie sich stärken.
In dem niedrigen Raum roch es nach Holzkohle und geräuchertem Fleisch. Über einer großen Feuerstelle brodelte ein Kessel und ein paar junge Mädchen schrubbten Geschirr an einem riesigen Spülstein. Sie flüsterten und sahen immer wieder neugierig zu Jessy herüber.
„Also“, sagte Kyra und setzte sich neben sie. Ihre Augen waren blau wie der Sommerhimmel und einzelne Strähnen ihres blonden Haars lugten unter dem makellos weißen Kopftuch hervor. Sie war eine sehr hübsche, üppige Frau mit roten Wangen und die Köchin dieser Burg. Außerdem die Mutter von Boscos sechs Kindern. Soviel hatte Jessy bereits erfahren.
„Erzähl es uns noch einmal. Du bist gefallen und was war davor?“
„Ich bin gejoggt… also gelaufen. Das mache ich jeden Tag. Dann muss ich gestolpert sein und als ich aufwache, bin ich an diesem Ort.“
„Du bist gelaufen“, widerholte Bosco verwirrt. „Bist du weg gelaufen? Wovor?“
„Nein“, antwortete Jessy etwas ungeduldig. „Ich laufe einfach so. Zum Spaß. Aber ich schwöre, ich habe von dieser Burg oder diesem König noch nie etwas gehört. Das ist doch nicht möglich, oder?“
Obwohl sie sich bemühte, es nicht zu zulassen, spürte Jessy wieder dunkle Panik in sich aufsteigen. Kyra tätschelte ihren Arm.
„Keine Sorge, wir werden schon eine Antwort finden. Hier bist du erstmal gut aufgehoben. Einer mehr fällt in der Burg nicht auf. Wir haben von allem genug und der König ist ein großzügiger Mann. Deine Leute werden sicher bald aufbrechen, um dich zu suchen.“
Meine Leute? Jessy stellte sich vor, wie ihr Vater, der Anwalt war, in Anzug und Krawatte in dieser Kulisse auftauchte und lauthals nach dem Verantwortlichen für diese ganze Sache rief. Sie musste grinsen. Und trotzdem sehnte sie sich schmerzlich danach, ihn jetzt zu sehen. Ihr Vater hatte schon immer gewusst, wie man Schwierigkeiten ausräumte. Abgesehen von denen in seiner Ehe.
„Ich verpasse die Geburtstagsfeier meiner Mutter“, sagte sie traurig. Aber war die Party überhaupt heute? War es immer noch derselbe Tag? Darüber nachzudenken, strengte sie unglaublich an.
„Sie wird es dir sicher nicht übel nehmen“, sagte Kyra beruhigend.
Bosco richtete sich auf. Er wirkte viel zu groß für den Raum mit der niedrigen, rußgeschwärzten Decke und sein Harnisch knarrte, als er sich streckte.
„Also, ihr Täubchen, ich muss auf Wache. Werdet ihr zurechtkommen?“ fragte er.
„Ohne dich bestimmt. Wo ist übrigens das versprochene Fleisch?“ fragte Kyra streng.
„Dennit ist zurück geritten um es zu holen, keine Angst. Du wirst deine Mäuler schon gestopft kriegen.“
Bosco erhob sich und schlenderte zur Tür wie Minuten vorher sein Sohn. Im Vorbeigehen zwickte er eines der Mädchen in den Hintern. Kyra warf mit einer blitzschnellen Bewegung ein gekochtes Ei nach ihm, doch Bosco wich aus und war schon aus der Tür.
„Verschwinde aus meiner Küche, du Hund!“ schrie sie ihm hinter her, aber sie lächelte dabei und Boscos gutgelauntes Pfeifen hallte in dem engen Treppenhaus wieder, durch das er sich entfernte.
„Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn Bosco nicht gekommen wäre“, sagte Jessy. „Es war wirklich sehr nett von ihm.“
„Ja, er ist ein wahrer Schatz“, antwortete Kyra schnippisch und begann, Jessys Kräuterumschlag abzunehmen.
„Ist er ein Soldat?“
„Oh nein!“ Die Augen der Frau leuchteten vor Stolz auf. „Er ist in der Königsgarde. Er ist viel mehr als ein Soldat. Nur die Besten im ganzen Land haben die Ehre, das Leben des Königs zu beschützen. Wir hoffen, dass auch unser Ältester aufgenommen wird. Er ist in der Eisenfaust geboren und gerade dreizehn geworden. Und seine Ausbilder sagen, er wird einmal ein großer Krieger.“
Jessy zögerte. Man ließ hier Dreizehnjährige zu Kriegern ausbilden? Sie wusste nicht, wie sie das finden sollte.
„Ist es nicht gefährlich? Das Krieger-Sein, meine ich? Hast du keine Angst um sie?“
Ein Schatten lief für einen Moment über Kyras Miene.
„Ich wusste, was auf mich zukommt, als ich einen von den Wölfen geheiratet habe. Aber die schlimmsten Tage sind ohnehin vorüber. Immerhin gibt es keinen Krieg mehr. Das Schwerste ist wohl, dass die Garde eigentlich seine Familie ist. Er mag es nicht zugeben, aber es ist wahr. Die meisten von ihnen heiraten nie, weißt du? Dem König mit dem Schwert zu dienen ist der einzige Sinn in ihrem Leben.“ Sie lachte und war wieder ganz fröhlich. „So ein Unsinn kann nur Männern einfallen, nicht wahr? Und du weißt wirklich nichts über all das?“
Jessy schüttelte den Kopf und sammelte die letzten Reste ihres Essens vom Teller auf.
„Meinst du, ich könnte mich ein bisschen umschauen?“ fragte sie. „Dann fällt mir vielleicht irgendetwas ein.“
„Eine wunderbare Idee“, rief Kyra. „Aber du solltest etwas… unauffälligeres anziehen. Ich habe genau das Richtige für dich!“
Mit einem Seufzen ließ Jessy sich auf der hölzernen Bank nieder. Sie hatte ein schattiges Plätzchen gefunden und fühlte sich unbeobachtet. Im gleißenden Licht des frühen Nachmittags regte sich kaum etwas im Burghof. Ein paar Hühner scharrten im Staub, hin und wieder ging jemand von einem Gebäude ins andere. Ein alter Mann in fadenscheinigen Kleidern lag ausgestreckt auf einem Heuhaufen und hielt ein Nickerchen. Jessy genoss den Moment der Ruhe.
Die Anlage war riesig. Die Küche befand sich unter dem Hauptgebäude, einem riesigen Bau mit vielen großen Fenstern und einem mit schwarzen Schindeln gedeckten Dach. Es gab noch ein kleineres Wohngebäude und außerdem Ställe, eine Schmiede, eine Bäckerei. In der Mitte des Hofes erhob sich wie ein gewaltiger Obelisk ein runder Turm, der Bergfried. Nur hier waren Anzeichen von Verfall zu sehen. Alles andere wirkte gepflegt und brandneu. Diese Burg war echt, nicht herausgeputzt für Touristen.
Mittlerweile war Jessy sicher, dass sie nicht träumte und nicht ins Koma gefallen war. Alles hier war real, sie spürte die Sonnenhitze und den schwächer werdenden Schmerz in ihrem Fuß. Sie roch den Staub, die Tiere und den Duft von frischem Brot in der Luft. Sie hörte Schwalben unter den Dachbalken der Ställe zwitschern und manchmal erklang aus einem Fenster Gelächter. Es konnte einfach kein Traum sein. Aber sobald sie sich bemühte, eine Erklärung zu finden, wurde ihr schwindelig. Ihr Geist konnte nicht erfassen, dass so etwas tatsächlich möglich war. In eine andere Dimension zu fallen, das war Science Fiction, es war einfach nicht machbar. Und doch war sie hier, hatte einen vollen Bauch und fühlte sich entspannt durch das kühle Bier. In Geschichte kannte sie sich ein wenig aus und konnte diese Orte, Westland mit seiner Hauptstadt Ovesta, nicht einordnen. Aber man verstand ihre Sprache und dafür war sie sehr dankbar. Sie war also nicht durch die Zeit gereist, sondern war tatsächlich in einer anderen Welt gelandet. Was für ein Albtraum. Lief zuhause die Zeit weiter? Wann würden sie merken, dass sie fort war? Ihre Mutter würde wahnsinnig werden vor Sorge, es würde Suchtrupps und Polizei geben. Jessy schmerzte der Gedanke an die Ängste, die sie ausstehen musste.
Dabei war sie hier in relativer Sicherheit. Das redete sie sich zumindest erst einmal ein. Sie wollte sich nicht fürchten, das würde sie nur blockieren und sie wollte sich auf keinen Fall wie ein panisches kleines Mädchen verhalten. Dann würde sie nur Fehler machen. Sie war immerhin eine erwachsene Frau.
Diese Menschen hatten sie freundlich aufgenommen und sie wollte ihnen instinktiv vertrauen. Am besten war es wohl, wenn sie sich erst einmal ruhig und unauffällig verhielt. Der erste Schritt war schon einmal gemacht, denn sie trug ein langes Kleid aus sauberem, hellbraunem Leinenstoff, darüber ein weiches Mieder. Soweit sie das erkennen konnte, stand es ihr auch ganz gut. Aber darauf kam es nun wirklich nicht an. Nur ihre Turnschuhe hatte sie angelassen, als wären sie ein Rettungsanker.
Sie würde Bosco bitten, sie zu dem Ort zurück zu bringen, wo er sie gefunden hatte. Nur dort, dessen war sie sich sicher, würde sie die Möglichkeit haben, zurück zu gehen. Vielleicht öffnete sich dieses Portal, oder was immer es war, noch einmal und sie konnte einfach hindurch schlüpfen.
Mach dich nicht lächerlich, so einfach wird es sicher nicht sein, wies sie sich im Stillen zurecht. Ihr rationales Denken funktionierte noch ganz normal, was sie enorm beruhigte.
Das Grübeln ließ Jessy unruhig werden und sie beschloss, in den Pferdestall zu gehen. Auch hier herrschte Ruhe, alles war aufgeräumt und ordentlich gefegt. Die Tiere standen in großen Verschlägen und die Sonne schien warm durch die Fenster herein. Jessy war keine Expertin, aber hier machte sich jemand etwas aus den Pferden. Sie waren wertvoller Besitz und einige von ihnen sahen aus wie sehr edle Schlachtrösser. Jessy schlenderte den langen Gang entlang und streichelte die weichen Nasen, die sich ihr neugierig entgegen streckten. Die friedliche Atmosphäre beruhigte sie, es roch nach Mist, Stroh und Leder. Der Staub tanzte im einfallenden Licht. Plötzlich hörte sie Männerstimmen und beschloss, sich zu verstecken. Sie wollte nicht auf jemanden treffen, dem sie ihre Anwesenheit erklären musste. Durfte sie sich hier überhaupt aufhalten?
Eilig schlüpfte sie in eine leer stehende Box und hockte sich hinter einen Strohballen. Schwere Schritte näherten sich und stoppten ganz in ihrer Nähe.
„Es macht mich wirklich wahnsinnig!“ Die Stimme klang jung und war voller Wut. „Ich weiß nicht, wie lange ich diese Engstirnigkeit noch ertragen kann. Sehen sie denn nicht, dass etwas getan werden muss?“
Der andere Mann sprach sehr ruhig, seine Stimme war dunkel. „Du weißt, dass sie nicht an das Wohl des Landes denken sondern nur an ihre Börsen.“
„Aber Vater muss es doch anders sehen! Morian behandelt ihn wie einen dummen Greis, es ist abstoßend.“
„Mir gefällt es auch nicht, glaube mir.“
„Vater muss mich gehen lassen. Wir müssen all dem endlich auf den Grund gehen. Die Menschen sind in Gefahr, es hat immerhin schon Verletzte gegeben.“
„Denkst du, es ist Magie im Spiel?“
Jessy stockte der Atem. Magie? Das auch noch? Sie war zu neugierig, um ruhig zu bleiben und kroch zur Bretterwand der Box hinüber um hinaus zu sehen. Dort standen zwei Männer, der eine war schlank und sah mit seinem sonnengebräunten Gesicht und dem schulterlangen blonden Haar aus wie ein Filmstar. Seine Kleider waren kostbar bestickt und eine goldene Kette hing auf seiner Brust. Der andere stand mit dem Rücken zu ihr, aber er trug die gleiche Uniform wie Bosco, schwarze Hose, graues Hemd, schwarzer Brustharnisch. An seiner Seite hing ein beeindruckend langes Schwert.
„Was weiß ich schon“, sagte der Soldat. „Aber wenn ja, dann sollten wir hier sein und wenn nötig zu den Waffen greifen.“
„Du denkst immer gleich das Schlimmste. Wir werden jedenfalls nichts erfahren, so lange wir hier sitzen und uns mit den dummen Querelen der Kronräte herumschlagen, die für das Land völlig unerheblich sind. Wir müssen uns auf den Weg nach Samatuska machen.“
„Das ist irrsinnig, Tychon. Viel zu gefährlich. Dein Vater wird dich niemals gehen lassen und ich stimme ihm da vollkommen zu.“
„Komm schon.“ Jessy sah den jungen Mann grinsen. Er hatte ein hübsches Gesicht und ein strahlend weißes Lächeln.
„Hättest du nicht ein wenig Lust auf ein Abenteuer? Bosco bestimmt und auch die anderen.“
„Hör auf so zu reden wie ein kleiner Junge“, wies ihn der andere zurecht. „Darauf kommt es überhaupt nicht an. Deine Sicherheit…“
In diesem Moment gab Jessys verletzter Fuß nach und sie stolperte direkt in die Stallgasse. Der Schmerz tobte in ihrem Gelenk und Tränen verschleierten ihren Blick. Grob wurde sie am Arm gepackt und auf die Füße gezogen. Sie starrte in das zornige Gesicht des Soldaten. Seine Augen waren durchscheinend hell und bohrten sich förmlich in sie hinein.
„Wer bist du? Was hast du hier verloren? Hast du gelauscht?“ fuhr er sie an.
„Rheys, beruhige dich“, sagte der Blonde.
Jessy schlug das Herz bis zum Hals, nun rollte die Angst über sie hinweg wie eine Woge. Der Mann schüttelte sie, weil sie nicht antwortete und das versetzte sie nur noch mehr in Panik.
„Bosco“, stieß sie hervor. „Ich gehöre zu Bosco.“
„Unsinn, das wüsste ich. Rede schon, wer hat dich geschickt?“
„Wirklich, es ist wahr. Er hat mich im Wald aufgelesen.“
Er starrte sie aus zusammengekniffenen Augen an. „Tatsächlich. Dann lass uns gehen und ihn fragen.“
Mit diesen Worten schleppte er sie, ohne auf ihre Schmerzensschreie zur hören aus dem Stall.
„Warte, warte, mein Fuß“, rief sie, doch er reagierte gar nicht darauf. Nun erwachte in Jessy doch der Zorn. Noch niemals hatte jemand sie so gepackt und so rücksichtslos behandelt.
„Lass mich los, du Idiot!“
Er schleifte sie quer über den Hof zu dem Turm, aus dem Bosco – zum Glück – gerade herauskam.
„Bosco, sag diesem Kerl, er soll mich loslassen!“ keifte sie.
„Oh nein“, murmelte Bosco mit einem Seufzen. „Das musste ja passieren. Lass sie los, Rheys, sie ist in Ordnung.“
An einem langen Tisch im Schatten des Turms saßen noch andere Männer, die belustigt verfolgten, was geschah. Aber niemand sagte ein Wort. Mit diesem Rheys war offenbar nicht zu spaßen.
„Also ist es wahr?“ raunzte er. „Hast du sie her gebracht? Wer ist sie?“
„Ihr Name ist Jessy. Sie hat sich verlaufen. Sie ist wirklich ungefährlich, Mann.“
„Sie hat mich und den Prinzen im Stall belauscht. Nennst du das ungefährlich?“
„Ich hatte keine Ahnung, dass ihr kommen würdet. Ich habe mir nur die Pferde angesehen. Ist das etwa verboten?“ fragte sie zornig.
Doch Rheys würdigte sie keines Blickes mehr sondern sprach nur noch mit Bosco, als wäre sie nichts weiter als ein ungehorsames Kind. Der Mann war wirklich unmöglich. Trotzdem fürchtete sie sich vor ihm. Seine ganze Aura war bedrohlich.
„Lass sie gefälligst nicht hier herum streunen. Sie soll sich nützlich machen. Gib sie Kyra, da ist sie gut aufgehoben.“
Nun endlich lockerte er seinen Griff, so dass Jessy ihren Arm herauswinden konnte. Das würde einen satten Bluterguss geben. Er benutzte die freie Hand um belehrend seinen Finger auf Bosco zu richten.
„Wenn sie etwas anstellt, ziehe ich dich zur Verantwortung.“
„Ja, ja, schon gut“, antwortete Bosco.
Dann drehte Rheys sich um und stürmte davon. Jessy richtete sich erleichtert auf. Die ganze Zeit hatte sie den Kopf eingezogen, als könne sie dem Zorn dieses Mannes dadurch ausweichen.
„Tja, jetzt hast du also Rheys kennen gelernt“, sagte Bosco und schnitt eine Grimasse.
„Was für ein Kotzbrocken. Ich habe wirklich nicht lauschen wollen. Und überhaupt habe ich kein Wort von dem verstanden was geredet wurde“, sagte Jessy.
„Bist du wirklich keine Spionin?“ fragte Bosco misstrauisch. „Wenn doch zieht Rheys mir das Fell über die Ohren. Und das wird kein schöner Anblick.“
„Ich schwöre es.“
„Na gut. Aber geh ihm besser aus dem Weg. Er ist ein wenig… schwierig.“
Jessy rieb sich den schmerzenden Arm. „Ja, den Eindruck habe ich auch.“
Glücklicherweise hatten die Geschehnisse Jessy so erschöpft, dass sie auf der Strohmatratze, die man ihr in einer Dachkammer zugewiesen hatte, schlief wie ein Stein. Andernfalls hätte das Schnarchen der drei Mädchen, mit denen sie das Zimmer teilte, sie keine Sekunde zur Ruhe kommen lassen. Und schon im ersten Morgengrauen begannen sie zu schnattern und Jessy neugierige Fragen zu stellen. Als sie feststellten, dass Jessy nicht besonders viele Auskünfte geben konnte, ließen sie jedoch von ihr ab.
Sie selbst beschloss, sich ein wenig umzuhören. Es konnte nicht schaden, möglichst viele Informationen über diesen seltsamen Ort und seine Bewohner zu sammeln. Man hatte sie bereits verdächtigt, etwas gegen den König im Schilde zu führen, deshalb musste sie vorsichtig vorgehen. Aber Kyra spielte ihr in die Hände. Der kühlende Umschlag hatte Jessys Knöchel schon beinahe geheilt und sie konnte sich humpelnd durch die ganze Burg bewegen. Kyra schickte sie von der Speisekammer in den Speicher, in die Bäckerei und wieder zurück. Sie half beim Polieren des Bestecks und beim Schneiden riesiger Gemüseberge für das Mittagessen und holte sogar unter Protest ein paar tote Hühner aus der Schlachterei. Bei all diesen Tätigkeiten war sie umgeben von Dienern und Mägden, die sie unauffällig ausfragen konnte.
„Wie ich höre gibt es hier auch einen Prinzen?“ fragte sie beiläufig, während sie am späten Vormittag beim Kneten von Pastetenteig half. Die beiden Mädchen Tisi und Marna liefen sofort rot an und begannen zu kichern.
„Oh ja, den gibt es. Wie kommt es nur, dass du noch nie von ihm gehört hast? Prinz Tychon. Er ist der Schönste unter der Sonne“, sagte Tisi schwärmerisch. „Wenn ich mir einen backen könnte, mein Mann müsste genauso sein wie er.“ Dabei bearbeitete sie liebevoll den Teigklumpen vor sich.
„Er ist sehr klug und gewandt“, erklärte Marna, die ruhigere der beiden. „Aber der König will seinen Thron noch nicht freimachen und ihn dem Prinzen überlassen. Tychon ist erst zweiundzwanzig. Deshalb haben die beiden ständig Streit, sagt man. König Bairtliméad behandelt ihn noch immer wie einen Jungen. Dabei ist er bereits ein Krieger und sitzt im Kronrat. Er wird sicher einmal ein sehr guter König sein, weise und gut. Alle Menschen lieben ihn.“
„Hört sich ja zauberhaft an“, sagte Jessy leichthin und sofort wurden die Mädchen ernst.
„Was meinst du damit?“ fragte Tisi. Jessy hob die Brauen. Zauberei war also ein gefährliches Thema. Am besten sprach sie nie wieder davon. Dabei hätte genau das sie brennend interessiert.
Meinst du, es ist Magie im Spiel? hatte der Prinz seinen scheußlichen Freund gefragt.
„Nichts, ich meine gar nichts“, sagte sie schnell. „Traumhaft, es hört sich traumhaft an. Hat er denn auch eine Frau, dieser Traummann?“
Dieses Thema schien den Mädchen mehr zu behagen. Sie grinsten wieder.
„Noch nicht. Dabei treiben sich so viele reiche Fräulein hier herum, die für ihn passend wären. Aber er besteht darauf selbst zu wählen.“
„Ist das nicht romantisch? Er wartet, bis er der Richtigen begegnet…“
„Ihr dummen Gänse“, tönte die raue Stimme von Barla vom anderen Ende der Küche herüber. Sie war eine dicke Frau in den Fünfzigern mit gerötetem Gesicht und kleinen Augen. „Ihr tut gerade so, als ob er eine von euch aussuchen würde.“
„Tychon schätzt die Dienerschaft nicht gering“, antwortete Tisi spitz. „Immerhin ist einer von den Wölfen sein bester Freund.“
„Wie man hört, soll die Prinzessin aber bald verheiratet werden“, sagte Marna nachdenklich. „Das arme Ding. Sie ist jünger als ich. Und wird wahrscheinlich irgendeinen alten Adligen nehmen müssen.“
Klar, dachte Jessy. Das Mädchen darf natürlich nicht auf den Richtigen warten.
„Wenn ihr mich fragt“, mischte sich Barla wieder ein, „ist sie nichts als ein verwöhnter Fratz. Sie sollte sich glücklich schätzen mit all ihrem Reichtum und ihren schönen Sachen. Doch was tut sie? Macht ihren Eltern nur Kummer.“
„Was ist denn mit ihr?“ fragte Jessy.
„Sie ist eben ein Wildfang“, antwortete Tisi schulterzuckend. „Will sich nicht benehmen wie eine Dame, will nicht lernen oder handarbeiten. Man sagt, sie bittet manchmal Knechte im Stall, mit ihr zu kämpfen. Mit Holzschwertern! Ist das nicht lächerlich? Dabei bräuchte sie doch den Stall eigentlich nicht mal zu betreten.“
„Ich glaube, sie ist sehr unglücklich“, meinte Marna bedrückt.
In diesem Augenblick kam Kyra herein und unterbrach das Gespräch.
„Jessy, geh bitte mit mir in den Keller. Wir brauchen noch mehr Obst und Speck, du kannst tragen helfen“, sagte sie und winkte Jessy zur Tür. Mittlerweile konnte sie wieder fast schmerzfrei auftreten und lächelte.
„Deine Medizin ist großartig, Kyra“, sagte sie voller Bewunderung. „Sagst du mir, was du dafür verwendet hast? Bei mir zuhause…“ Sie stockte. Worauf wollte sie denn hinaus? Sicher würde ihr kein Apotheker einen solchen Kräuterumschlag machen. Doch Kyra überhörte ihr Zögern.
„Natürlich, meine Liebe. Es freut mich, dass es besser geworden ist. Du bist auch schon sehr fleißig gewesen heute.“
Das stimmte allerdings. Seit dem Morgen war Jessy auf den Beinen. Schon lange war sie an einem Tag nicht mehr so viel hin und her gelaufen. Und zwischendurch wurde sie sich immer wieder überdeutlich der seltsamen fremden Dinge bewusst, die sie umgaben. Nichts was sie berührte war künstlich, alles war handgemacht. Es gab keine Elektrizität und doch schien sie an keiner Stelle des Haushalts zu fehlen. Keine Nebengeräusche von Fernsehern, Telefonen oder Verkehrslärm lagen in der Luft und trotzdem brummte und summte die Burg vor Geschäftigkeit. Zuhause schaltete Jessy meistens das Radio ein um die Stille aus ihrer Wohnung zu vertreiben. Hier konnte sie sich so ein hintergründiges Gedudel überhaupt nicht vorstellen. Sie fühlte sich seltsam wohl, aber auch schmerzhaft abgeschnitten von allen Dingen, die sie eigentlich wertschätzte. Eine heiße Dusche hätte ihr gut getan oder eine große Tasse Kaffee. Ein kleiner Internet-Bummel zur Entspannung…
Sie erreichten die Tür zum Vorratskeller. Die ganze Burg war unterhöhlt von riesigen Gewölben, wo verderbliche Speisen, Bier und Wein gelagert wurden. Kyra fluchte leise, als sie sah, dass die Tür offen stand und hob ihre Laterne. Hier unten war es finster wie in einem Verlies und von den Steinwänden ging feuchte Kälte aus.
„Wie oft muss ich eigentlich sagen, dass diese Tür immer verschlossen werden muss“, rief Kyra ins Innere des Kellers. Schon erleuchtete ihre Lampe das Gesicht des Übeltäters. Oder vielmehr dessen Hinterseite. Es war ein Junge mit leuchtend roten Haaren. Seine Kleider wirkten mit ihren grellen Grün- und Blautönen hier unten völlig fehl am Platz. Nun fuhr der Junge herum. Er war ein wenig mollig und starrte sie aus großen braunen Augen an wie ein Reh im Scheinwerferlicht.
„Nun“, sagte Kyra. Ihr Zorn schien abgeflaut. „Hatte ich Euch nicht gebeten, den Schlüssel nicht mehr zu benutzen?“
Der Junge schwieg verschämt. In seiner Hand lag ein großes Stück Wurst das er offenbar gestohlen hatte.
„Verzeiht“, murmelte er und schob sich in ihre Richtung.
„Das Mittagessen ist bald fertig“, sagte Kyra und machte ihm den Weg frei. Der Junge stob an ihnen vorbei und polterte die Treppe hinauf. Im Vorbeigehen sah Jessy, dass sein Gesicht blutrot angelaufen war.
„Ein Wurstdieb?“
„Albin Tabassum. Er ist einer der Söhne aus dem Kronrat. Ein armer Tropf, sein Vater ist ein Untier. Ich erwische ihn häufig dabei, dass er Essen stielt. Wohl sein einziger Trost.“
Jessy verstand. Kyra konnte diesen Jungen, der rangmäßig so weit über ihr stand natürlich nicht ausschimpfen. Während sie nun Speckschwarten und Äpfel in Jessys Korb lud, plauderte sie weiter.
„Im Gegensatz zur Königsgarde muss man sich nicht besonders auszeichnen um in den Kronrat zu kommen. Die Sitze werden vom Vater auf den Sohn vererbt. Die Söhne gehen in die Kriegerausbildung und sitzen danach einige Jahre als Beobachter im Rat, bis ihre alten Herren den Platz frei machen. Dann übernehmen sie deren Aufgaben. Der König schart altes, adliges Blut um sich, wo ihm doch ein wenig frische Gedanken gar nicht schaden würden.“
„Ich hörte, alle Hoffnung ruht dabei auf dem sagenhaften Prinz Tychon.“
Kyra lächelte. „Die Mädchen schwätzen gerne über ihn. Aber bevor es soweit ist, wird er noch viele Kämpfe auszustehen haben.“
Sie hob ihren eigenen Korb hoch und ging zur Tür. „Komm, wir müssen das Essen servieren. Danach gibt es auch für uns das Mittagessen.“
„Halleluja“, murmelte Jessy, deren Magen vernehmlich knurrte.
Nach dem Essen gewährte Kyra ihr ein wenig Freizeit und Jessy war zutiefst dankbar dafür. Ihr Kopf schwirrte vor Informationen, die sie heute gesammelt hatte. Ihr Fuß tat wegen der ständigen Belastung wieder etwas mehr weh und sie fühlte sich müde. Instinktiv suchte sie wieder den Pferdestall auf – ein Ort tiefer Ruhe und Friedlichkeit. Und das obwohl sie dort von dem unheimlichen Rheys aufgegriffen worden war. War dieser Mann tatsächlich der beste Freund und engste Berater des netten Prinzen, den alle so liebten? Sie konnte es sich kaum vorstellen.
An diesem Tag war es sogar noch heißer als gestern und im Stall stand die Luft still. Das Summen der Fliegen und die dösenden Pferde, die kaum auf Jessys Eintreten reagierten, verstärkten den Eindruck, alles hier befände sich im verdienten Mittagsschlaf.
Nach dem üppigen Mittagessen, das man den Hochwohlgeborenen in der großen Halle servierte, zogen diese sich zur Ruhe zurück. In dieser Zeit hatten die meisten Diener auch ein paar freie Stunden. Die meisten von ihnen waren seit dem Morgengrauen an der Arbeit und hatten sich ein Päuschen in Jessys Augen mehr als verdient. Aber niemand schien unzufrieden mit seiner Tätigkeit, beschwerte sich über Stress und Überstunden oder ungerechte Behandlung. Vielmehr wirkten alle Menschen, mit denen Jessy bisher zu tun gehabt hatte, sehr zufrieden mit ihrem Dasein in dieser Burg.
Westland war ein friedliches Land mit viel Landwirtschaft, soviel hatte sie heute erfahren. König Bairtliméad war beliebt, aber schon in die Jahre gekommen. Alles lief hier einen ruhigen Gang. Vor zehn oder fünfzehn Jahren hatte es einen Krieg gegeben, über den aber niemand genau Auskunft geben wollte oder konnte. Jessy wollte jedoch nicht drängen. Auf keinen Fall sollte noch jemand auf die Idee kommen, sie sei eine gefährliche Spionin.
Und trotzdem fragte sie sich, wie die aufgebrachte Stimmung des Prinzen, die sie im Stall klar und deutlich vernommen hatte, in dieses idyllische Bild eines glücklichen Königreiches passte. Irgendetwas hier lief also doch nicht so reibungslos. Aber darüber konnten ihr die Dienstboten natürlich nichts sagen.
Während ihrer Überlegungen spukte Jessy immer wieder das Wort Magie durch den Kopf, das die Menschen in große Unruhe versetzte, wann immer es jemand aussprach. Sie hatte verschiedenste Vorstellungen davon, was damit gemeint sein könnte, von Harry Potter bis hin zur wahrsagenden Zigeunerin. Am wahrscheinlichsten aber erschien ihr das Bild von Hexenverfolgung, Folter und Scheiterhaufen. Es passte in diese Welt und sie hoffte inständig, dass sie sich damit täuschte.
Eine leise Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sie hatte sich auf einem kleinen Hocker neben einer Boxentür niedergelassen und das verletzte Bein ausgestreckt. Jetzt hörte sie, dass in der Nähe jemand sprach, eine Frau. Tu es nicht schon wieder, mahnte Jessy sich selbst. Geh einfach raus.
Doch es half nichts, sie war zu neugierig. Diesmal aber würde sie sich nicht anschleichen, sondern erhob sich und ging auf die junge Frau zu, die neben einer kleinen weißen Stute stand und liebevoll auf diese einredete. Beim Näherkommen sah Jessy, dass es ein Mädchen war, sehr hübsch mit hüftlangem weißblondem Haar, für das man in ihrer Welt ein Vermögen beim Friseur ausgegeben hätte. Die Kleine trug ein edles blaues Kleid mit Stickerei, das perfekt ihre zierliche Figur umschmeichelte. Als sie Jessy kommen hörte, sah sie auf.
„Das ist ein schönes Pferd“, sagte Jessy und lächelte freundlich. Diese junge Dame gehörte offensichtlich zur Oberschicht und hatte vielleicht eine andere Sicht auf die Dinge, als die Dienstboten.
„Ja, sie gehört … meiner Herrin“, sagte das Mädchen. „Ich bin eine Hofdame der Prinzessin.“
„Solltest du dann nicht drin sein und Sticken oder so was?“ fragte Jessy. Das Mädchen lachte.
„Ja, das sollte ich wohl. Aber um ehrlich zu sein, ich hasse es. Nichts ist schlimmer, als den ganzen Tag dort drinnen eingesperrt zu sein. Es ist so langweilig. Und seit meine Herrin eine richtige Dame ist, können wir auch nicht mehr ausreiten.“
„Ich habe gehört, sie übt das Kämpfen mit den Stallburschen.“
„Oh ja“, sagte das Mädchen eifrig. „Sie ist wirklich eine Kriegerin. Prinz Tychon, ihr Bruder, hat ihr alles beigebracht. Sie könnte jederzeit in eine Schlacht ziehen.“
Die Begeisterung für die Königskinder durchdrang hier wohl jeden Stand.
„Wer bist du, ich habe dich noch nie in der Burg gesehen“, fragte das Mädchen nun und musterte Jessy neugierig.
„Ich bin neu hier, ich komme von weit her und suchte Arbeit. Ich heiße Jessy.“
„Mein Name ist Ami. Ich wurde hier geboren. Und bleibe wohl auch für immer hier“, sagte das Mädchen bitter.
„Die Prinzessin habe ich noch nicht gesehen. Wie ist sie so?“
Ami errötete ganz bezaubernd und Jessy ahnte, dass sie dieser Prinzessin bereits ziemlich nahe gekommen war. Gedankenverloren streichelte das Mädchen über die seidige Mähne des Pferdes.
„Alle sehen in ihr nur eine schöne Puppe, einen Gegenstand, über den man bestimmen kann.“
Ihre Bewegungen wurden energischer bei diesen Worten.
„Aber in ihr steckt viel mehr, als alle ahnen. Doch niemanden interessiert, was sie zu sagen hat. Und jetzt wollen sie auch noch einen Ehemann für sie aussuchen.“
„Vielleicht ist er sehr nett“, meinte Jessy. „Der König wird für seine Tochter doch keine Ehe arrangieren, in der sie unglücklich ist.“
Ami seufzte. „Nein, wahrscheinlich nicht. Aber leider wird sie in jeder Ehe unglücklich sein. Da ist sie sich ganz sicher. Hast du einen Mann?“
„Nein“, antwortete Jessy. „Ich habe keinen.“
Keinen, der zuhause auf mich wartet. Der Gedanke traf sie mit unerwarteter Härte. Andererseits – einer weniger, der sich um sie Sorgen machte. Oder böse auf sie wurde, weil sie ihn so lange nicht zurückrief.
Plötzlich ertönten laute schwere Schritte in der Stallgasse und in Erwartung eines neuerlichen Angriffs von Rheys zog Jessy den Kopf ein. Doch es war Bosco, der angerannt kam. Er war außer Atem und sein Kopf hochrot.
„Da bist du ja!“ rief er. „Oh, Prinzessin Amileehna! Ihr solltet Euch hier nicht allein aufhalten.“
Die ertappte Prinzessin warf Jessy einen schüchternen Blick zu. Doch Jessy lächelte sie nur an. Sie mochte das Mädchen irgendwie.
„Verzeiht, Herrin, aber Jessy muss sofort mit mir kommen. Sie soll vor dem Kronrat sprechen.“
Jessy spürte, wie ihre Gesichtszüge entgleisten. Vor dem Kronrat? Was sollte das denn bedeuten? Wieso wusste überhaupt jemand von ihrer Anwesenheit?
„Ich erkläre dir alles auf dem Weg“, sagte Bosco, als habe er ihre Gedanken gelesen. „Aber man lässt den König nicht warten. Also schnell!“
Jessy bemühte sich, ihm zu folgen, doch Boscos Schritte waren doppelt so lang wie ihre und sie humpelte. Er war so erregt, dass er es gar nicht beachtete. Seine dichten Brauen waren zusammen gezogen und er machte ein finsteres Gesicht.
„Habe ich etwas falsch gemacht?“ fragte Jessy. Plötzlich bekam sie Angst. Sollte dieser Rheys sie etwa als Spionin angezeigt haben?
„Nein, nein“, sagte Bosco grimmig. „Hör zu, hier gehen merkwürdige Dinge vor sich. Schon seit Monaten. Es tauchen Gegenstände auf, wie sie noch nie jemand hier gesehen hat. Wir wissen nichts damit anzufangen. Manchmal leuchten am Himmel Lichter auf und es gibt ohrenbetäubenden Lärm, den wir uns nicht erklären können. Das alles ist uns völlig fremd und es erscheint aus dem Nichts…“
„So wie ich“, beendete Jessy seinen Satz. „Das meinen die doch, oder?“
Bosco nickte während sie durch eine Seitentür in das Hauptgebäude traten und eine weite Treppe hinaufstiegen. Drinnen war es angenehm kühl und dämmrig. Doch Jessys Puls hämmerte.
„Bei deiner Ankunft hat dich jemand in deinen seltsamen Kleidern gesehen und es heute im Kronrat vorgebracht. Und nun wollen sie dich sprechen.“
„Weil sie denken, ich habe etwas mit diesem Zeug zu tun“, schloss sie seine Ausführungen.
Jessy musste zugeben, dass dies ein naheliegender Schluss war. Ihre Gedanken rasten. Immer wieder tauchte das Bild vor ihren Augen auf, wie sie auf den Scheiterhaufen gebracht wurde. Eine Hexe… Wer wusste schon, wie rückständig diese Menschen wirklich waren? Übelkeit rumorte in ihrem Bauch.
Sie erreichten eine breite Tür mit zwei Wachposten und traten ein. Sofort richteten sich alle Blicke auf Jessy. Der Raum war langgestreckt und hatte große Fenster. Von den geschwärzten Deckenbalken hingen bunte Fahnen. Der riesige Kamin gähnte wie ein schwarzer Mund, doch um die Kälte des alten Mauerwerks zu vertreiben, standen überall im Raum verteilt Schalen mit glühenden Kohlen. Jessy spürte die Hitze auf ihrem Gesicht und Schweiß rann ihren Rücken herab.
Es gab keine Möbel außer einem riesigen Tisch an dem etwa zwanzig Männer saßen. Jessy sah verschwommen das blonde Haar des Prinzen. Hinter ihm stand Rheys und starrte sie mit undurchdringlicher Miene an. Es gelang ihr nicht, ihm einen zornigen Blick zuzuwerfen. Ihre Handflächen waren schweißnass und ihre Knie zitterten.
In dem Saal war es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören. Sie spürte Boscos nervöse Unruhe überdeutlich neben sich. Hoffentlich bekam er keinen Ärger wegen ihr.
„Tritt näher, Kind“, sagte der König laut. Seiner Stimme war das Alter deutlich anzuhören, aber trotzdem hallte sie volltönend durch den ganzen Saal. Jessy schluckte und machte einige Schritte vorwärts.
„Hören Sie, ich…“, platzte es aus ihr heraus. Einer der Kronräte fuhr von seinem Stuhl hoch und funkelte sie wütend an.
„Du sprichst nur, wenn der König dir eine Frage stellt, verstanden?“
Jessy verstummte schockiert. Wenn sie jetzt einen Fehler machte, würde sie das Kopf und Kragen kosten, so viel war ihr klar.
„Woher kommst du“, sagte er König nicht unfreundlich. Er hatte kluge Augen und die Ähnlichkeit zu seinem Sohn war deutlich zu sehen. Beide hatten ein starkes Kinn und einen sehr lebendigen Zug um den Mund. Der König trug einen gepflegten weißen Bart und kostbare Kleider. Auf seinem schneeweißen Haar saß eine schmale silberne Krone.
„Nicht von hier“, antwortete Jessy. „Nach einem Sturz erwachte ich im Wald und dieser nette… Krieger brachte mich hier her. Weil ich nicht wusste, wo ich war und auch keinen Weg zurück kannte, bot er mir seine Hilfe an.“
„Du bist also nicht aus Westland?“ fragte ein anderer Mann interessiert. Jessy schaute zu ihm hin. Er hatte glänzend schwarzes, pomadisiertes Haar und stechende schwarze Augen. Seine Zähne schimmerten unnatürlich weiß. Er erinnerte Jessy an einen Bankmanager. Instinktiv spürte sie, dass eine Gefahr oder zumindest etwas durch und durch künstliches von ihm ausging.
„Nein und ehrlich gesagt habe ich von diesem Land auch noch nie etwas gehört.“
Es klang schrecklich in ihren Ohren. Nun hatte sie ihre Hilflosigkeit in Worte gefasst. Die Kronräte tuschelten.
„Aber ich kann allen hier versichern, dass ich nichts Böses im Schilde führe“, sagte sie laut. „Ich bin keine Spionin oder so was. Und auch keine Hexe.“ Das war ihr herausgerutscht, bevor sie darüber hatte nachdenken können und sie biss sich auf die Zunge. Sie spürte beinahe körperlich, wie sich jeder im Raum aufrichtete und ihr blankes Misstrauen entgegenschlug.
„Was weißt du über die Hexen?“ fragte der König. Eine steile Falte hatte sich zwischen seinen weißen Brauen gebildet. Jessy hob abwehrend die Hände
„Ich weiß gar nichts, wirklich. Es war nur so daher gesagt. Wo ich herkomme, gibt es gar keine Hexen.“
„Also weißt du doch, wo du her kommst“, schnappte der Manager und ein Lächeln spielte um seine schmalen Lippen. Jessy stöhnte.
„Ja, aber ich weiß nicht, wie es möglich ist, dass ich hier landen konnte. Oder wie ich zurückkommen soll. Bitte, Sie müssen mir glauben. Ich bin nicht Ihre Feindin.“
„Das ist in der Tat eine seltsame Geschichte“, sagte der König nachdenklich. „Beinahe unglaublich, nicht wahr?“
Die Kronräte seufzten und murmelten zustimmend. Jessy hatte Mühe ruhig stehen zu bleiben. Zeig dich einfach kooperativ, sagte sie sich. Dann wird dir niemand etwas tun.
„Aber im Augenblick geschieht viel Unglaubliches in dieser Gegend“, fuhr er nachdenklich fort. „Vielleicht kannst du uns helfen, etwas Licht ins Dunkel zu bringen.“
„Ich weiß wirklich nicht, Herr König, ob ich Ihnen helfen kann“, wich Jessy aus. Was erwartete er denn bloß von ihr?
„Zeigt ihr die Gegenstände“, befahl er dann und ein Diener eilte aus dem Saal. Nervös leckte Jessy sich über die trockenen Lippen. Noch immer starrten die Männer sie voll unverhohlener Neugierde an. Nur wenige Augenblicke später schleppten zwei Männer eine große Truhe durch den Saal und stellten sie vor Jessy auf den Boden. Ihr graute vor dessen Inhalt, was auch immer es sein mochte.
Der Deckel wurde geöffnet und sie musste sich zusammen nehmen um nicht laut aufzustöhnen. In der Truhe, die mit schweren Eisenbeschlägen und einem Schloss gesichert war, lagen eine Plastiktüte mit Aufdruck, ein Autolenkrad, eine Festplatte, eine CD und eine Spiritusflasche. Also lagen diese Männer genau richtig mit ihrer Vermutung. Jessy war Opfer des gleichen Phänomens geworden, das auch diese Gegenstände aus ihrer Welt hier her gebracht hatte. Ihr wurde schwindelig. War es tatsächlich eine Art Öffnung, eine Tür, die sich aufgetan hatte? Konnten noch mehr Dinge hindurch kommen, noch mehr Menschen? Und wie zur Hölle sollte sie diese Tür finden und es schaffen, wieder auf die andere Seite zu gelangen? Aber das war jetzt nicht wichtig. Wenn diese Leute glaubten, dass sie ihnen bei ihrem Problem eine Hilfe sein konnte, würden sie sie hier festhalten, sie ausquetschen und niemals gehen lassen. Diese Männer durften nicht erfahren, dass sie wahrscheinlich viele Antworten liefern konnte auf die Fragen, die den König und seine Räte so sehr umtrieben. Und wollte nicht gerade der Prinz besonders dringend mehr über all das erfahren? Sein Gesicht leuchtete vor gespannter Erwartung auf ihre Reaktion. Jessy fasste sich schnell.
„Ich kenne nichts davon“, log sie und es ging sogar relativ leicht. Ihre Angst beflügelte sie. „Tut mir wirklich leid. Meine Erinnerung wird sich bald wieder einstellen und dann gehe ich zurück nach Hause. Wahrscheinlich komme ich aus irgendeinem Dorf…“
„Wir gehen davon aus, dass bei dieser ganzen Sache Magie im Spiel ist“, sagte ein breitschultriger Mann aus dem Kronrat mit militärischem Haarschnitt und schwarzer Kleidung. „Mit Magiern im Bunde zu sein bedeutet Hochverrat. Du solltest dir also ganz sicher sein bei deinen Aussagen.“
Die Drohung schwebte im Raum wie eine hell glänzende Messerklinge. Jessy erwiderte den Blick des Mannes standhaft.
„Ich sage die Wahrheit. Ich habe mit dieser Magie nichts zu tun, das schwöre ich.“
„Die Schuhe!“ rief plötzlich ein sehr fetter Mann mit glänzender Glatze. „Zeigt uns ihre Schuhe. Der junge Tabassum sagte, ihre Schuhe hätten im Licht der Sonne geleuchtet.“
Verwirrt folgte Jessys Blick den sich umwendenden Köpfen. Jetzt erst entdeckte sie eine Steinbank an der Wand, auf der einige junge Männer saßen. Einer von ihnen leuchtete wie ein Komet, das Gesicht glühte rot unter dem feurigen Haarschopf. Es war der Junge aus der Speisekammer. Noch vor kurzem hatte sie Mitleid mit ihm gehabt, nun war er vielleicht der Nagel zu ihrem Sarg. Bei ihrer Ankunft im Hof musste er sie gesehen haben und nun lieferte er sie diesem Verhör aus. Sie warf ihm einen strafenden Blick zu, unter dem er noch röter wurde und die Schultern noch weiter hoch zog. Die allgemeine Aufmerksamkeit behagte ihm anscheinend nicht.
Ein Wachmann war näher getreten und hob ihren Rock hoch. Darunter kamen ihre neongrünen Joggingschuhe zum Vorschein. Was war sie nur für eine Idiotin? Sie hätte die Schuhe längst ausziehen sollen. Der reflektierende Streifen an der Seite musste diesen Hinterwäldlern ja wie Zauberei vorkommen. Schon ging ein schockiertes Raunen durch die Sitzreihen.
„Es ist Hexerei, Herr“, rief jemand. „Keine Menschenhand kann so etwas erschaffen!“
„Das ist es nicht, wirklich!“ antwortete Jessy ohne zu wissen, an wen sie ihre Worte richten sollte. Aber irgendwie blieb ihr Blick an Prinz Tychon hängen, der sie noch immer interessiert und freundlich anschaute. Er hatte keine Angst. Doch die aufgeregten Stimmen der anderen brachten ihre aufkeimende Hoffnung schnell zum Erlöschen.
„Schafft die Truhe fort! Sie wird uns alle mit ihren Werkzeugen vernichten!“
„Ins Verlies mit der Lügnerin!“
„Ich schwöre, ich lüge nicht! Ich habe dieses Zeug noch nie gesehen! Sie müssen mir glauben! Ich muss nicht ins Verließ!“ rief sie schrill.
Der fette Mann war aufgestanden und hatte watschelnd den Tisch umrundet. Er schwitzte und stank nach Essen. Jessy unterdrückte ein Würgen. Seine kleinen blauen Augen waren wässrig wie bei einem Schwein. Ächzend bückte er sich und nahm die Spiritusflasche aus der Kiste.
„Diese Frau betrügt Euch, Herr“, sagte er in Richtung des Königs „Ich sehe es eindeutig. Sprich die Wahrheit, Weib! Du spielst mit deinem Leben!“
Er gestikulierte wild vor Jessys Gesicht herum. Der Geruch des Spiritus verstärkte ihre Übelkeit noch und schmerzlich war sie sich der Nähe und Hitze der Feuerschale bewusst, neben der sie stand. Die Flasche war offen. Wenn dieser Idiot sie ein wenig drückte, würde er das Zeug direkt in die Glut spritzen und sie standen beide mitten im flammenden Inferno.
„Hören Sie, ich bin ja bereit, alles zu sagen, was ich weiß“, sagte sie beruhigend und versuchte, sich und ihren Peiniger ein wenig von der Schale fort zu bewegen, aber sie war mittlerweile umringt von Wächtern und konnte keinen Schritt zurück weichen. Der fette Mann ging sogar noch näher an die Schale heran.
„Bah, dieses stinkende Zeug“, sagte er. „Das kann nur aus den Kochtöpfen der verfluchten Magier stammen. Wir sollten zusehen, dass wir es loswerden, Herr.“
Er wölbte die Hand und machte Anstalten, sich im Schein der Glut etwas aus der Flasche hinein zu schütten um es genauer zu betrachten. Panik schrillte in Jessys Ohren und sie tat einen Sprung und riss ihm die Flasche aus der Hand.
„Seien Sie vorsichtig damit!“ rief sie atemlos.
Nun hatte sie ist kostbare Deckung aufgegeben. Die Kronräte schimpften aufs Neue los und die Wachposten ergriffen ihre Oberarme.
„Also belügst uns doch“, sagte der König. „Das ist schändlich.“ Er klang beinahe traurig.
Aber sie konnte auch nicht zulassen, dass diese Leute ihre Burg abfackelten!
„Bitte, passen Sie damit auf. Die Flüssigkeit darf nicht in die Nähe von Feuer gebracht werden“, beschwor sie ihn.
Noch immer hielt sie den Spiritus in der Hand, machte sich energisch von den Wächtern los und spritzte ein wenig davon in die Glutschale. Sofort schlugen Flammen hoch. Blankes Chaos brach im Saal aus, die Kronräte sprangen auf und schrien durcheinander.
Jessy wurde gepackt und ihre Sicht verschwamm. Sie hörte Worte, die ihr das Herz gefrieren ließen vor stummer Angst.
„Holt den Folterknecht, er bringt die Wahrheit schon aus ihr heraus!“
„Hängt sie auf! Es ist Hochverrat! Magie ist Hochverrat!“
„Zeigt keine Gnade, Herr!“
Jessy spürte heiße Tränen auf ihrem Gesicht. Sie schaute sich um, versuchte ein einziges Gesicht zu erkennen, das nicht vor Wut verzerrt war. Doch das einzige, das sie sah, war das von Bosco, der sie verwirrt und enttäuscht anblickte. Sie wollte ihm, ihrem einzigen Verbündeten, etwas zurufen, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Dann schleiften die Wächter sie aus dem Saal und hinunter in die Kellergewölbe der Burg.
Das Zuschlagen der schweren eisenbeschlagenen Tür hinter ihr, brachte Jessy wieder zu sich. Als erstes spürte sie die Kälte und Feuchtigkeit, die sich wie ein Schleier auf ihr Gesicht legten. Fast sofort begann sie zu schlottern.
Das kann nicht sein. Das ist alles nicht wahr.
Sie befand sich in einem kleinen niedrigen Raum, Wände und Boden waren aus groben Steinquadern, die dunkel schimmerten. Unter der Decke gab es ein vergittertes schmales Fenster, durch das die letzten Sonnenstrahlen hereinfielen. Auf dem nackten Boden lag Stroh. Es roch muffig und leicht nach Urin. Und nach Einsamkeit.
Ich träume, dachte sie verzweifelt. Das ist alles nur ein Traum. Reine Einbildung.
Sie ließ sich an der Wand zu Boden sinken und hockte dort – die Knie eng an die Brust gezogen.
„Wach auf, Jessy!“ Ihre eigene Stimme klang laut und schrill. Und dann immer leiser. „Wach auf, wach auf, wach auf!“
Doch nichts geschah. Der harte Stein, gegen den sie ihren Hinterkopf immer wieder fallen ließ, gab nicht nach, wurde nicht zu einem Kissen. Sie begann leise zu weinen. In ihrem Kopf drehte sich alles und sie bemerkte den Geschmack von Erbrochenem im Mund.
Sie werden mich umbringen. Oder noch Schlimmeres.
Die Schatten an der Wand bewegten sich, verformten sich, krochen auf sie zu und von ihr weg. Die uralte Kälte des Mauerwerks schlich sich in ihre Knochen. Und mit ihr die Angst derer, die vor ihr hier gesessen und geweint hatten. Draußen wurde es dunkel und die Dämmerung begann, die Umrisse ihres Gefängnisses zu verschlucken. Bald würde nur noch Schwärze um sie sein.
Jessy mochte nicht nachdenken. Nicht überlegen, was sie tun sollte. Sie wollte einfach alles geschehen lassen. Dann würde der Traum sicher enden und sie wäre bald wieder daheim. Daheim in ihrer gemütlichen Zweizimmerwohnung mit Badewanne, Spülmaschine und Kühlschrank. Sie würde sich auf die Couch legen und das Fernsehprogramm tagelang über sich hinweg rieseln lassen, bis sie all das hier vergessen hatte.
Sie konzentrierte sich so stark auf die Erinnerung an ihr Heim, dass sie es für eine Weile schaffte, die Kerkerzelle auszublenden.
Irgendwann musste sie tatsächlich eingeschlafen sein, denn ein schmerzhaftes Zwicken an ihren nackten Zehen ließ sie erschrocken hochfahren. Der instinktiv zutretende Fuß traf auf etwas Weiches, Pelziges. Jessy kreischte. Die Ratte flüchtete ebenso erschrocken ins Stroh.
„Warte gefälligst bis ich tot bin, du Drecksvieh!“ rief Jessy. Ihr Puls raste, sie war wieder hellwach. Ihr Körper schmerzte von der unbequemen Haltung. Widererwarten war es nicht völlig dunkel. Durch die Fensteröffnung fiel das Flackern von Feuerschein herein. Vielleicht brannten draußen Fackeln. Mühsam stand sie auf und schielte eng an die Wand gepresst durch das Fenster hinaus. Der Kerker war ein Kellerverlies, nur wenige Meter unter dem Burghof. Sie konnte über den Hof sehen und wenn sie sich etwas verrenkte und den Kopf in den Nacken legte auch den Himmel und die Sterne über den Zinnen. Es musste spät nachts sein, denn nichts regte sich draußen.
