Land - Perikles Monioudis - E-Book

Land E-Book

Perikles Monioudis

0,0
8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Odyssee Eine Recherche nach den Wurzeln der eigenen Familiengeschichte Ein junger Mann macht sich auf den Weg, um seinen Vorfahren nachzuspüren. Als Zuckerbäcker waren sie von Griechenland nach Alexandria aufgebrochen und haben dort eine berühmte Konditorei geführt. Als sie Ägypten fluchtartig verlassen mussten, kam die Familie in die Schweiz. Die Hinterlassenschaft des einst stolzen Backhauses ist ein legendäres Rezeptbuch, von dem nicht genau bekannt ist, wo es sich befindet. Seine Odyssee führt den Erzähler durch viele Hafenstädte des Mittelmeerraums.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Perikles Monioudis

Land

Roman

dtv

 

 

 

 

Für Dana

 

 

 

 

από πού κι ως πού

πώς και πόσα

 

von wo nach wo

wie und wieviel

1

Nach dem Abendessen ging er nun, die Brise im Rücken, die Straße hinunter und erreichte einen ausgedehnten, mit Flutern erhellten Platz. Nur kurz versuchte er, sich den Stadtplan von Alexandria zu vergegenwärtigen, den er im Hotel, auf dem Nachttisch, liegengelassen hatte. Er schmeckte das Salz in der Brise. Der Reisende atmete auf, als ob er erst in diesem Augenblick am anderen, südlichen Rand des Mittelmeers angelangt wäre.

Als er sich umdrehte, stieß er gegen die hölzerne Bank. Einige Dutzend Sitzreihen waren vor der Bühne aufgestellt. Er betrachtete die alten Menschen, die vielen Familien und Gruppen junger Männer. Sie mußten, neugierig, wie sie sich umsahen, von den Dörfern im Nildelta angereist sein. Die bunten Beleuchtungen, Glühbirnen, an den Seiten des Platzes die Stände, an denen Erdnüsse geröstet und Maiskolben gebraten wurden. Er kaufte eine Handvoll Pistazien. Von hier also kam die Musik, die er schon von weitem, Straßen entfernt, gehört hatte: vom Band, aus aufgestapelten Lautsprecherboxen, schwarze, mannshohe Türme, links und rechts der Bühne mit Seilen an den ausgewachsenen Gummibäumen und Palmen festgemacht.

Wie auf einen Befehl hin füllten sich die Reihen. Die Menschen blinzelten, sie hielten die Hand vor die Stirn, die Scheinwerfer waren zum guten Teil auf sie und auf die Stände gerichtet, wo sich die Ansammlungen nun aufgelöst hatten. Sie bewegten die Lippen zum Text, schlossen die Augen, mit den Fingern schlugen sie den schleppenden Rhythmus, auf das Knie, mit der Sohle auf den gewalzten Sand.

Er mochte diese Musik. Er merkte, daß er sie vermißt hatte, nicht sehnsüchtig, eher erfüllte sich dabei eine lange währende Vorfreude. Von der Sängerin mit dem kratzigen Alt besaß sein Vater mehrere Kassetten, blau und rot arabisch beschriftet. Mit zwölf hatte der Junge eine nach der anderen abgespielt. Daß ihn diese Musik zum Tanzen gebracht, ihn übermütig die Hüften kreisen und die Arme in die Luft hatte werfen lassen, verwunderte ihn heute. War sie ihm näher als die Schullieder deutscher Sprache gewesen, näher als die Schlager im Fernsehen, vorgetragen von Einheimischen, von Menschen, die ihm nur außerhalb des Elternhauses begegneten?

Er öffnete eine Pistazie und warf sie, wie er es hier beobachtet hatte, aus dem Handgelenk in den Mund. Die Hülsen steckte er in die Hosentasche, die er, als sie sich zu füllen begann, neben einer Palme ausschüttelte. Die Pistazien schmeckten. Er sollte vielleicht ein Pfund auf Vorrat kaufen – doch wann würde er hier die Möglichkeit haben, Kadaifi oder Baklava zuzubereiten?

Er versicherte sich der Brieftasche im Jackett, kam sich gleich kindisch vor, man hatte es nicht auf seine Brieftasche abgesehen. Woher diese Befürchtung, fragte er sich. Er machte ein paar Schritte und setzte sich ans Ende einer Bank, neben eine Familie; hier, im Orient, wo auch er in der Lage war, für sich Unterscheidungen zu treffen und sich in diesen eingebildeten oder tatsächlichen Unterscheidungen als das zu sehen, was er nicht war: ein auf Anhieb Eindeutiger.

Der Mann mit dem Samowar auf dem Rücken bot ihm das leere Glas an, ließ sich nicht abweisen. Der bittere schwarze Tee war noch warm. Der Reisende gab das leere Glas zurück, kramte Augenblicke später schon wieder in der Innentasche des Jacketts, nach einem Schein für das Ticket, das ihm ein Alter in einem verschlissenen braunen Anzug in die Hand drückte. Er konnte den Schriftzug auf dem Papierstreifen mit Mühe lesen, kam sich dabei erneut wie ein Ungebildeter vor.

Er erinnerte sich an den Moment, da er, mit zwölf oder etwas älter, verstanden hatte, daß er nicht alles über die Welt wissen konnte. Der Junge lag auf dem Bett, dachte nach, blickte in sich, flößte sich selbst eine kindliche, scheinbar grenzenlose Kraft ein, die immer wieder einen Größenwahn, einen doch höchst eigenen Wahn, eine Art phantastischer Ekstase hervorbrachte: den Kapitän auf den Weltmeeren verlangte es nach Betätigung, den einsamen Beduinen nach Beanspruchung, den großen Erfinder nach Herumgehen, Reisen.

Der Wahn endete öfter unter dem Bett, wo der Junge sich jahrelang mit Vorliebe ausgestreckt hatte, oder dann gleich auf dem Bett, das französisch gemacht war, mit weißem Laken, einem weiteren Laken und der dünnen, blauen Schlafdecke. Nachts kam die Daunendecke drauf, tagsüber, während sie neben dem Daunenkissen im Bettschrank am Kopfende verstaut war, der weinrote Überwurf. Da lag er und starrte mit innerem Blick an die Zimmerdecke.

Das Bett war gemacht wie in einer Schiffskabine. Der Junge verbrachte Stunden auf dem Bett und jagte sich selbst namenlose Angst ein. Er fürchtete sich davor, zu sterben oder daß seine Mutter, eines seiner Geschwister, sein Vater sterben würde. Er hätte wohl sein Leben hingegeben, um Unheil von ihnen abzuwenden. Der Tod, vielleicht auch nur dessen Schatten, beschäftigte ihn maßlos. Besessen aber war er von der zu entdeckenden Welt. Ihre Kehrseite, die schon entdeckte Welt, begriff er als Tod, als letzte Einsamkeit.

Die Stadt ging dem Jungen nicht aus dem Kopf. Früher oder später würde er in die Stadt, nach Zürich, ziehen, vielleicht in eine noch größere, in eine viel größere Stadt, nach Chicago, nach London oder Berlin.

In Zürich fuhren Straßenbahnen, die Stadt war beleuchtet, er sah dort Kaufhäuser und Gesichter, die er noch nie zuvor gesehen hatte. In der kleinen Kantonshauptstadt war ihm nichts und niemand fremd; alle, die er kannte, kannten ihn.

Die kleine Stadt, sosehr er sie liebte, sosehr er den Jahreszeiten mit ihren Veränderungen und, zu Sankt Nikolaus, zu Weihnachten, zu Ostern, den Ritualen anhing, so sehr wünschte er sich in die große Stadt, wo er die Zimmerdecke gegen die vielen Straßen und Plätze würde eintauschen können, die Berge gegen die Straßenzüge.

In einer Umgebung, die nur das von ihm wußte, was er selbst von sich zeigte, würde er in Bedrängnis geraten, das ahnte er schon damals. Unterschiedslos würde man ihn zu Selbstbezichtigungen des Fremden drängen, bis er seine fremde Herkunft haßte. Er beglückwünschte sich, hier, am Mittelmeer, zum großen Erfolg, mit dem er als Jugendlicher den einheimischen Habitus nachgeahmt hatte. Er kaute Pistazien, schaute sich um.

Er fragte sich, was es mit jener kindlichen Ahnung auf sich gehabt hatte, der ekstatischen Phantasie, die er längst nicht mehr herbeisehnte, dem Kapitän, den Beduinen, dem großen Erfinder. Vom Scheinwerferlicht geblendet, überlegte er, ob diese Ahnung so etwas wie ein Instinkt sein konnte, der immer genauer befolgte Instinkt, mit dem er sich Menschen zu- oder abwandte.

Die Bühne war groß genug für ein Blasorchester, dachte er, vielleicht wurde sie dafür gebaut. Als Kind hatte ihm sein Vater immer wieder die Lebensgeschichte des Big-Band-Leaders Glenn Miller erzählt. Sie fing an mit den Erfolgen während des Krieges und endete, unweigerlich, mit der Schlacht in El-Alamein und der kleinen Musikkapelle, einer Band, mit der sein Vater in Alexandriner Nachtklubs gespielt hatte, in seiner Freizeit an Hochzeiten, Trompete und Kontrabaß.

Der Junge verstand nur, daß die Gattin zu Hause auf Miller gewartet hatte, während die US-amerikanischen Truppen in Übersee waren – hier. Auf jener Schallplatte mit der roten Hülle lächelte Miller im nachtblauen Anzug, eine Posaune im Arm. Das Bild war ihm im Gedächtnis haftengeblieben, er hätte gern gewußt, weshalb.

Eine andere Geschichte, die sein Vater gern erzählte, handelte von jener ägyptischen Sängerin, die in den siebziger Jahren starb. Umm Kalsum war ein kratziger, sonorer Alt, eine Stimme wie aus dem Märchen oder doch aus dem, was der Junge dafür hielt. Wenn Umm Kalsum im Radio sang, ließen die Menschen alles stehen und liegen, versammelten sich vor den Apparaten, die sie auch vor die Fenster banden. Der Verkehr kam zum Erliegen, falls die Autos nicht schon vor dem Friseur, auf Plätzen, bei den Märkten verlassen worden waren, ihre Fahrer nicht längst im Kaffeehaus der Stimme harrten, die jetzt, nach der Ouvertüre – nervöse Streicher, schlichte Tamburine, Schellen – anhob und ein tausendfaches Echo hervorrief: Ya-habibi; Auftakt und Begrüßung zugleich: Ach, mein Freund.

Umm Kalsums weinerlicher, so mütterlicher wie lockender Gesang dauerte eine halbe Stunde, versetzte die Männer in ein stummes Hochgefühl, entrückte sie in den Tarab. Weit davon entfernt, eine geistige Führerin zu sein, war sie Ursprung und Erfüllung jeder flehentlichen Sehnsucht, begleitet im orientalischen Takt von Schalmeien und Celli, von den Zwischenrufen der Tonleute und Studioangestellten.

Auf der Bühne, beim Mikrophonständer, tat sich noch immer nichts. Er hörte Umm Kalsums Stimme und sah, wie die Menschen in sich gekehrt, die meisten mit geschlossenen Augen, in den Reihen saßen. Daß Umm Kalsum auftreten würde, war unmöglich, dennoch schienen sie mit dieser Erwartung gekommen zu sein, in der Hoffnung, jemanden zu hören und zu sehen, der die Stille, die nun eintrat, für die Dauer eines Menschenlebens aufheben konnte: Ya-habibi. Das war keine Aufnahme, nochmals: Ya-habibi. Die Streicher setzten ein, auch sie nicht vom Tonband, die Musiker saßen wohl hinter der Bühne, als ob diese große, stabile Bühne für eine einzige Person gebaut worden wäre: eine zierliche Person im weißen Abendkleid, Mitte Zwanzig, ein gelbes Seidentuch in der Hand. Ya-habibi, sang sie, die Menschen antworteten ihr, fingen an, im Takt in die Hände zu klatschen. Die junge Frau sang Umm Kalsums Lied, das zuvor vom Band gekommen war – das hatten sie nicht für möglich gehalten. Sie sahen in ihr Umm Kalsum, das Alter stimmte, es konnte nur Umm Kalsum sein.

Kaum war sie abgetreten, fielen sie einander um den Hals. Sie hatten Umm Kalsums Wiedergängerin erlebt, in dem Augenblick, da sie es wurde. Er erkundigte sich nach dem Namen der Sängerin, man antwortete ihm: Amal Mäher.

Die Menschen tanzten in den Straßen, skandierten den neuen Namen, die Nachricht verbreitete sich schnell. Er kehrte ins Hotel zurück.

Die Rezeptionisten sahen ihn an, als ob er etwas Kostbares besäße. Sie hatten nicht erwartet, daß heute, bei der dritten derartigen Veranstaltung in zehn Jahren, die Wiedergängerin erkannt werden würde.

Im Zimmer standen schon wieder eine Flasche Wasser und Obst auf dem Schreibtisch. Er gab dem Pagen, der vor der Tür auf seine Ankunft gewartet hatte, einen Einpfundschein vom Bündel in der Hosentasche. Dann setzte er sich auf den Balkon, schaute aufs Meer hinaus, ein paar Stockwerke unter ihm die Corniche.

Das nächtliche Ereignis hatte den Verkehr lahmgelegt, die meisten Fahrer hupten. Die Menschen hüpften auf den Autos; in den Straßen von Alexandria kein Durchkommen.

Er schloß kurz die Augen. Weiter vorn, am kurzen Kap, lag einst die Konditorei seines Großvaters. Er hatte ein paar Fotos von dem Laden mitgebracht und hoffte, das Rezeptbuch, das alte, von Hand zu Hand weitergereichte Album zu finden. Beschlagnahmt, war es vermutlich zu einer anderen Patisserie gelangt, kostbar, wie es war. Die Zollbeamten behielten den Besitz – Schmuck, Silber, Kleider, Bettwäsche – derer, die Ägypten damals verlassen mußten, für die Vorgesetzten und für sich selbst zurück.

Seine Geschwister wünschten, daß er sich einen Überblick über die verstreuten Besitztümer verschaffte, vor allem über die zyprischen Grundstücke, die französischen Möbel ihrer Großeltern, das Familiensilber.

In wessen Hände mochte das großformatige, in Leder gebundene, bestimmt längst auseinandergefallene Rezeptbuch, die Zuckerbäckersammlung seiner Familie, gelangt sein?

2

Die orangefarbenen Gardinen vor den Fenstern leuchteten im Licht des Vormittags. Er ging auf den Balkon, schaute übers Meer. Schlaftrunken, hielt er die Einsamkeit für einen Verstoß, wenn er auch nicht hätte angeben können, wogegen.

Im hellen Frühstücksraum begrüßte er, gegen halb elf, die arabischen Geschäftsleute. Er setzte sich an einen der straßenseitigen Tische, unter den Deckenventilator, dessen lange Blätter stillstanden. Von neuem bemerkte er die Autos, die einspännigen Kutschen, die ungezählten Taxis auf der Corniche – sollte auch er besser sagen, Straße des 26. Juli 1952?

Alles war, wie denn sonst, noch da; nur Bestätigung dessen, was er gestern schon gesehen hatte, die eiligen, die schlendernden, die mit dem Rücken zur Stadt auf der Uferbefestigung sitzenden Menschen, die vielen Arbeitslosen, die Müßiggänger. Über das Meer blickend, sahen sie, was auch er sah: Grünlich lag es, bei bewölktem Himmel, da, nur leicht gekräuselt, hinausreichend zum Fort Kaitbai ganz links, in der Mitte zum Offenen hin, zum Horizont.

Im Schlaf der vergangenen Nacht hatte sich ihm die deutliche Vorstellung aufgedrängt, der Horizont, die einmal weiße, dann graue, dann gelbliche waagerechte Linie werde in endlicher Staffelung dicht, tief und fest, noch bevor er, auf hoher See, gewiß auch von hier, von Alexandria aus, tatsächlich festen Boden erreichte; ohne einen anderen Grund als den, mit dem Fuß aufzusetzen – nicht zur Probe, sondern um des Trittfassens selbst willen, wie als Kind, beim Himmel-und-Hölle-Spiel, als Aufsetzen und Abspringen noch eins waren.

Er ließ sich mit Kardamom versetzten Filterkaffee und Mokka bringen, aß vom Rührei mit Speck, das die junge Kellnerin aufgetischt hatte, blickte übers Wasser, ganz nach vorn. Die entfernte weiße Linie wollte sich ihm als ein erster Landstrich jenseits des Meers zeigen, als Küste Kleinasiens; weiter westlich die Ägäis, noch weiter westlich das Ionische Meer, Catanzaro, Taranto, Häfen ohne allgemeinen Belang, weiter die Enge zwischen Sizilien und dem italienischen Festland, Messina, dahinter Neapel.

Der Voreiligkeit, die ihn auf Schiffen überkam, pflegte er mit einer Art Dämmerzustand zu begegnen, auf dem Promenadendeck an die Reling gelehnt oder im Gesellschaftsraum, allein, ohne Interesse, Bekanntschaften zu machen. Die ungerichtete Erwartung vor der Schiffsreise hatte sich auch diesmal schnell gewendet, in eine ebenso große Langeweile, die er schon als Junge auf Schiffen kannte. Er lenkte auf diese Weise, heute im Frühstücksraum, in die Maßlosigkeit ein, die das Meer nun einmal darstellte; auch das Schiff lenkte stets ein, vorgeblich willenlos, ohne aufzubegehren, um dann doch an der erwarteten Küste anzukommen – ganz so, wie der Junge, mit seinen Eltern und Geschwistern wieder einmal auf dem Mittelmeer unterwegs, im Urlaub von Ancona nach Patras, von Limassol nach Haifa oder Rhodos kam, ganz so, wie es ihm war, wenn er sich auf dem Mittelmeer wußte, die angepeilte Küste eine Nacht lang entfernt, und nur gelegentlich ein anderes, kreuzendes Schiff. Unfreiwillig kündete es von der Stadt, die es verlassen hatte.

Er ließ sich eine Flasche Wasser bringen und winkte dem Pagen an der Tür, der, beauftragt, eine Zigarette zu beschaffen, mit einer Auswahl auf dem Tablett zurückkehrte. Der Reisende fragte, welche die einheimische sei, steckte dann die stark parfümierte, filterlose Zigarette an, auf die der Page mit halb ausgestrecktem Finger gedeutet hatte. Die Zigarette hinterließ einen Geschmack, den er mochte. Er erinnerte ihn an die Pistazien, die er vergangene Nacht gekauft hatte.

Er stellte sich später auf den Balkon, verließ dann schnell das Hotel.

Die Taxifahrer boten ihm draußen auf den Stufen ihre Dienste an, nacheinander. Er empfand die Schritte in der Stadt als Wohltat, obwohl er vorhin noch die Absicht gehabt hatte, sich zum Stadtteil Ibrahimija fahren zu lassen. Auf dem Saad-Zaghloul-Platz schloß er die Augen, einen Moment lang; daß Alexandria eine Hafenstadt war, zeigte sich auch so.

Er versuchte, den salzigen Geschmack der Luft von den Abgasen zu trennen. Schon als Junge hatte er sich bemüht, Geräusche zu unterscheiden, wechselweise nur eines wahrzunehmen. Er wandte den Kopf zum Meer, von der Wasserlinie zur Stadt hin, das Kinn in die Höhe gereckt, als horchte und röche er, da, und dort, in die Richtung des übervölkerten Stadtrands mit den Behausungen, den Zeltplanen und Wellblechdächern, viel weiter noch ins fruchtbare Nildelta. Er strich sich dabei über die Krawatte, auf die er unterwegs selten verzichtete. Mit Krawatte wurde er weniger angesprochen, sie spendete eine Art Reisesegen.

Er ließ sich durch die Angebote der Schuhputzer nicht aufhalten. Vor einer Patisserie blieb er stehen. Wenn er auch auf Anhieb eine gefunden hatte, waren da noch andere, das Pastroudis etwa, das Athinaios, wie er wußte. Vom Gehsteig aus konnte er nicht viel erkennen, die grünen Gardinen hier, die roten dort versperrten ihm den Blick durch die Scheiben ins Innere. Die Vitrinen mit dem Zuckergebäck, die beschürzten Angestellten, die roten Läufer auf dem Marmorboden konnte er nur sehen, wenn die Tür ging. Eine junge Ägypterin trat mit schnellen Schritten heraus, unvorteilhaft geschminkt. Den Karton unter ihrem Arm zierte eine rote Schleife, die in der Brise zitterte.

Er faßte den Entschluß, die Patisserien in Kürze aufzusuchen, dann ging er weiter. An der Frau mit dem Karton haftete außer dem Parfüm jener süße Geruch, den er von zu Hause kannte. Wenn sein Vater buk – er buk, als der Reisende ein Junge war und auch später oft –, verbreitete sich der Duft nach gebrannten Mandeln, nach Vanille, Zimt, Schokolade aus der Küche in alle Zimmer, in die Schlafzimmer der Kinder, kroch in die Spielzeugkisten, in die Schränke.

An der Ecke standen zwei Dutzend Männer, jeder für sich, eine Zeitung in der Hand. Sie warteten auf das Mittagsgebet. Während es, wie ihm wieder aufgefallen war, hier üblich zu sein schien, daß die Menschen im allgemeinen eher näher zusammenstanden, hielten die Männer vor dem Beten voneinander Abstand. Er wollte die Wartenden umgehen, sah zur meernahen Ecke des Platzes hinüber, tat es dann doch den anderen nach: Auf dem kürzesten Weg, durch die Wartenden, gelangten sie, an der Patisserie Délices, anschließend an der Patisserie Le Grand Trianon vorbei, zur Ramleh-Station. Hier fuhr die Straßenbahn.

Seine Mutter hatte ihm in der kleinen Kantonshauptstadt von dieser Station erzählt. Eine Straße vom Meer entfernt, war der Bahnhof das tägliche Ziel der Schülerin gewesen, dann der jungen Frau, begeistert von französischen Schuhen, den Moden aus Paris, den Essenzen der Parfümgeschäfte. Das französische Deodorant, das sie neben der Station kaufte, wurde viele Jahre später – wie zu ihrer Belustigung – in der Schweiz als Nouvauté gefeiert.

Er schrieb es dem Hang seiner Mutter zum Vornehmen zu, daß sie, von ihren eigenen bescheidenen Einkünften lebend, auf ihr Äußeres achtete. Sie mußte diesen Hang von ihrem Vater haben, der seine Möbel aus Paris herbringen ließ. Durch Baumwollspekulationen und dem New Yorker Börsensturz Ende der zwanziger Jahre um sein Geld gekommen, konnte er zuallerletzt für die weitere Ausbildung seiner Kinder sorgen. Die jüngste Tochter legte sich, wie die vier anderen Töchter, früh, mit zwölf, dreizehn, ein eigenes Verständnis vom Leben zu; über ihrem Kopf die britischen Kampfflugzeuge, kreisend, dann mit Kurs auf die nächtliche Wüstenei El-Alamein, die auch die Stukas von Westen, von der Wüste her, anflogen. Sie machte Abitur, legte nach wechselnden Anstellungen in Büros die Prüfungen bei der englischen Handelsschule ab. The class of 1955 stand auf dem Diplom, das, nunmehr in den Alpen, in einem Wechselrahmen steckte.

In der Schrankschublade unter dicken Tischtüchern verstaut, kam der Wechselrahmen dem Jungen immer dann unter die Augen, wenn er die Schublade auf Geheiß seiner Mutter öffnen mußte. In Erwartung von Gästen traf sie fieberhaft Vorbereitungen, sie bewegte sich eckig, schwitzte in ihrem hellgelben Strickjäckchen, das sie aus Furcht vor einer Verkühlung trug. Sie war erst wieder ansprechbar, wenn der Besuch an der Tür klingelte.

Das wenige, das die junge Frau während der Ausbildung verdiente, legte sie – abgesehen von einem benötigten Kostüm in der Saison und ein paar Kosmetika – für die abendliche Handelsschule aus, ihre Eintrittskarte für die amerikanische Versicherungsgesellschaft, noch heute drückte sie sich so aus: Billett für die Insurance Company. Dort, ein Stück weit östlich vom Stadtrand, hatte sie vier Jahre lang gearbeitet und ihren Mann, Sohn eines selbständigen Zuckerbäckers, kennengelernt.

Aus Abenteuerlust, und um der Stadt fürs erste entfliehen zu können, ließ sich der Vater des Reisenden damals bei einer Patisserie anstellen, an der Küste, wo er mit den Briten halsbrecherische Motorrad- und Jeeprennen veranstaltete. Er kam so in die Nähe seiner künftigen Gattin, zum Gelände der Versicherungsgesellschaft. Wenn er, der Eigenbrötler, nicht in der Patisserie und später in der seines Vaters buk, bastelte er in den Werkstätten an Kolben und Vergasern.

Die Eltern des Reisenden verließen Versicherungsgesellschaft und Patisserie erst, als diese geschlossen wurden, Monate vor dem Sechstagekrieg. Einer Verheißung erliegend – ihr wenigstens nicht abgeneigt –, wollten sie sich in der ihnen völlig unbekannten Schweiz niederlassen. Sie meinten damit zunächst die französische Schweiz, Genf, wo seiner Mutter innerhalb des Versicherungskonzerns eine Stelle angeboten wurde, während in der deutschen Schweiz gleich mehrere Betriebe den noch jungen, mehrsprachigen, zurückhaltenden Vater haben wollten, der das französische und das englische Zuckerbäckermetier aufs beste beherrschte.

Sei es, daß ihn die Auflösung der väterlichen Patisserie zu sehr beeindruckt hatte, sei es, daß ihm Wettrennen und nächtelange Auftritte mit der Band nicht mehr viel bedeuteten, er schlug die Offerten der städtischen Patisserien aus und ging statt dessen in die Berge, in die kleine Kantonshauptstadt. Er faßte in einer großen, in alle Erdteile liefernden Süßwarenfabrik Fuß, holte einige Monate später Gattin und Kinder aus Alexandria nach. Hier blieben sie. Hier kam der Reisende zur Welt.

Verließ der Junge das Haus, unternahm er bereits mit dem Schritt vor die Tür eine Reise von tausend Kilometern. Auf dieser Reise war er allein.

Der Junge lernte, daß eine von ihm noch zu überbrückende Distanz zwischen beiden Welten lag, ein noch zu benennender, bestimmt größtmöglicher Unterschied, der sich eben doch nicht in Kilometern ausmessen ließ: Dieser Unterschied war er sich selbst.

Der Junge hatte von seinen Eltern keine Erziehung zum Einheimischen erwartet. Eine kindliche Illusion, darauf zu vertrauen, auch wenn sie sich darum bemühten. Sie wollten verhindern, daß man die Kinder anders denn als Einheimische behandelte, sie selbst wollten Einheimische werden, so schnell, so gut wie möglich. Allerdings wußten sie nicht einmal, wer die Einheimischen waren.

Gegen diesen Willen der Eltern sperrte er sich nicht, er kannte schließlich nichts anderes als die wenigen Quadratkilometer, in denen er herumschweifte, das war seine Gegend. Was lag näher, als tatsächlich ein Einheimischer werden zu wollen? Für sich konnte der Junge ohnehin nur Schweizer sein. Das hatte es ihm erleichtert, seine Eltern nachträglich zu Schweizern zu erziehen – als ob ihm gerade das etwas bedeutet hätte.

Das Wissen um die Sitten, Bräuche, Umgangsformen in der kleinen, von Dreitausendern begrenzten, trotz Industrie und Gewerbe bäuerisch geprägten Stadt, kam mit den Kindern ins Haus, wobei die Regeln des täglichen Lebens gerade von ihnen strenger gefaßt wurden – sie schämten sich ihrer Eltern, die des Dialekts, des Schweizerdeutschen, nicht mächtig waren, über längere, wiederkehrende Zeiten.

Sie mahnten ihre Eltern, den Einheimischen eine Spur weniger verbindlich zu begegnen, bei Einladungen eine Idee weniger verschwenderisch zu sein, zurückhaltend in dem Sinne, daß nicht alles persönlich zu nehmen war – umgekehrt auch nicht die handfeste Benachteiligung in vielerlei Kleinigkeiten, die überzogene Reparaturrechnung, die verweigerte Wohnungsbesichtigung.

Der Reisende wollte nun in Alexandria Menschen und Ämter, die er am Mittelmeer aufzusuchen gedachte, in eine Liste eintragen und diese dann Punkt für Punkt abhaken – ein lächerliches Unterfangen. Er hatte in Berlin, seinem Wohn- und Arbeitsort, damit begonnen, in seinem bevorzugten Café am Petersburger Platz. Das Zettelchen, auf dem die Wörter Alexandria, Chios, Izmir neben Grundstücke, Rezepte standen, hatte er noch dort zerknüllt.

Vorhin mußte es geregnet haben, ein Gewitter in der Morgendämmerung, der Asphalt glänzte naßschwarz. Links und rechts der Straße, auf dem Gehsteig, im Sand, im spärlichen Gras der kleinen Parks Pfützen, in denen tiefe Wolken widerschienen und dann auch ein wenig das Blau des Himmels, bevor die Sonne da, und dort, aus der Wolkendecke stach und die Frontscheibe des Taxis, für Sekunden, erblinden ließ. Der Fahrer hielt das verlotterte Auto in der Spur.

Wenn dem Fahrer danach war, stimmte er ins ununterbrochene Hupen ein. Er wich denen, die über die Straße rannten, gerade noch aus, tat dann so, als hätte er sie längst bemerkt.

Auf die Ansage Ibrahimija hatte der junge Taxifahrer vorhin einen überzogenen Fahrpreis verlangt, doch der Reisende hatte ihm schon zwei Einpfundnoten entgegengestreckt gehabt, sagte auf griechisch zwei, auf arabisch itnani, wartete. Der Fahrer hatte abschätzig genickt, nun drehte er den Ton auf, im Radio lief eine Schnulze. Seinen grünen Turban trug er etwas flacher gewickelt als die Schuhputzer vor dem Hotel, er war schlecht rasiert. Am Rückspiegel hing ein seidenes grünes Tuch.

Der Reisende wußte, daß der junge Mann, ein mehr als überzeugter Muslim, Mitglied der einen oder anderen Bruderschaft, auf ihn herabschaute. Er gönnte ihm den Spaß. Wenn sich ihm die Möglichkeit bot, sah er zu den Sammeltaxis herüber, in die kleinen, meist weißen japanischen Kleinbusse, die da und dort hielten, um Pendler in Anzügen und Windjacken aufzunehmen, Frauen mit Kopftüchern, junge wie alte, aber auch geschminkte Frauen in Hosen und Pumps, mit Sonnengläsern im Haar und schwarzen ledernen Handtaschen, die ihnen von den gepolsterten Schultern hingen.

Durch die Scheiben der Sammeltaxis blickte er aufs Meer. Einen Moment lang kamen ihm das unbewegte, am Horizont mit Frachtern besetzte Meer und die hohen, vertrocknenden Palmen, die die Corniche säumten, die handgeschneiderten Anzüge der Männer, die alten, in der ihm vertrauten westlichen Welt seit fast zwei Generationen ausgemusterten Autos wie aus der Zeit gefallen vor; in den Kopftüchern der Frauen wollte er das modische Accessoire der fünfziger Jahre erkennen.

Er stieg aus. Als er die Straße überquerte, fiel sein Blick auf die Betenden, sie knieten weiter vorn auf Bastmatten, Spannteppichresten, Kunstrasenstücken, die sie aneinandergeschoben hatten, ringsum ihre Schuhe. Der Vorbeter sprach in ein Mikrophon, den Männern war er in seinen Handlungen, dem Aufstehen, Niederknien, Verneigen, den selbstgewählten Bruchteil einer Sekunde voraus.

Naß vom Regen, hinterließ der Belag auf der Stirn der Betenden eine Marke, hätte der Reisende denken können. Das bläuliche Mal war ihm allerdings schon am Hafen, auf der Stirn der Zollbeamten aufgefallen, dann auch auf der Stirn des Ministerpräsidenten und auf der seines ermordeten Vorgängers Sadat, der ein religiöser Mensch gewesen war; auf Plätzen, vor Schulen, bei Kiosken sah er ihre überlebensgroßen Porträts. Das dunkelste Mal trug der junge Taxifahrer von vorhin.

Hier mußte die Patisserie seines Großvaters gewesen sein, dachte er und ging ein paar Schritte. Sinnlos, wie das war, fragte er den Nächstbesten. Der Alte deutete in eine Richtung, die auch die andere hätte sein können, hielt dann die offene Hand hin. Der Reisende betrachtete das Trinkgeld, das diesmal ein Almosen war, als Umverteilungsmaßnahme. Er hatte eine Bewegung gefunden, um das Geld so unauffällig wie möglich zu übergeben: von der Hosentasche, in der er mit Daumen und Zeigefinger den obersten Schein vom Bündel schnippte, flink in die wartende Hand bei seiner Hüfte.

Nach einer Weile spürte er den Atem eines Pferdes im Nacken, er ging schneller, schaute nicht zurück.

Er beachtete die Schuhputzer nicht, die ihm auf griechisch Schuhe schön sauber zuriefen. Von dem Felachen, der sich nur schwer abschütteln ließ, mochte er keine Erdnüsse kaufen.

Die Männer, die ihn neben ihren rostigen Personenwaagen aufforderten, sich wiegen zu lassen, kannte er aus den Schilderungen seiner Mutter. Als er wieder das nahende Klacken der Hufe hörte, blickte er sich nicht um, wich zur Seite aus.

Er kam an Schmuckläden vorbei, in denen Gold und Silber nach Gewicht verkauft wurden, Kettchen und Ringe, Armreifen. Einmal blieb er stehen, in der spiegelnden Scheibe sah er seine Umrisse und eine Kutsche, die in seinem Rücken vorüberfuhr. Er erinnerte sich an seinen Vater, der sich als Junge mit den Schulfreunden hinten an der Kutsche festgeklammert hatte. Sie rannten ihr zu zweit nach, sprangen möglichst ohne Rückstoß auf, hielten sich am Verdeck und der Feder fest – fuhren. Sie bevorzugten Kutschen, hatte ihm sein Vater erzählt, die, im Dienst der Fahrgäste, nicht anhielten, der Kutscher konnte dann auch nicht mit der Peitsche nach hinten schlagen, über die Köpfe der Leute hinweg, wie er das bei leerer Fahrt getan hätte. Die städtischen Kutscher verwendeten längere Peitschen als jene in den Orten des Deltas. Umsonst mitfahren ließ es sich nur in der städtischen Anonymität.

In einer Regung drehte sich der Reisende auf der Kreuzung um. Eine Kutsche rollte schnell auf ihn zu, das Pferd schlitterte auf dem Asphalt, die Bremsen verursachten ein kreischendes Geräusch: Eine Armlänge entfernt kam das Pferd zum Stillstand. Er sah die aufgeworfenen Nüstern, die vom Geschirr verursachten offenen, vernarbten und wieder geöffneten Schürfwunden am Kopf. Zwischen den Scheuklappen blickte es ihn an.

Das dunkle Fell war glatt vom Regen und dampfte, zerzaust an einigen Stellen. Er ging ein paar Schritte rückwärts, setzte dann seinen Weg im Laufschritt fort, als hätte er sich wie ein Junge hinten am Verdeck festgeklammert und wäre nun abgesprungen.

Er lief, da er nun einmal lief, über einen Platz, anschließend durch einen kleinen, verfallenen Garten, in dem Kinder mit einem roten Ball spielten. Auf dem Gehsteig erreichte er eine Anhöhe, von wo aus das Meer zu sehen war – wo bin ich?

Er lief weiter, die Anhöhe hinunter, blieb endlich vor einem Hemdenschneider stehen. Zwei alte Männer blickten ihn vom Innern aus an, er grüßte nickend, machte, daß er weiterkam.

Bei der nächsten Station stieg er in die Straßenbahn ein. Er fand sich im Wagen wieder, der Frauen ohne männliche Begleitung vorbehalten war. Die Frauen kicherten unter ihren Schleiern.

Nachdem er in den anderen beiden Wagen ausspuckenden Männern begegnet war, setzte er sich besser in die erste Klasse. Die Straßenbahn fuhr mit Gebimmel los. Er wunderte sich, daß ihm die Glocke, genau über seinem Kopf auf dem Dach angebracht, vorhin nicht aufgefallen war.

Er las die eingemeißelte griechische Beschriftung Gymnasium an einem klassizistischen Bau, der an ihm vorbeizog. Er überlegte, ob hier noch jemand in Altgriechisch unterrichtet wurde. War das die Schule, die seine Mutter besucht hatte, eine Pennälerin mit rundlichem Gesicht und kurzen braunen Haaren? Wo wäre dann die griechisch-orthodoxe Kirche zu finden? Reichte es hin, in der Straßenbahn sitzen zu bleiben, um an der französischen, an der englischen Schule vorbeizukommen? Und wer hatte hier wem vorgearbeitet, daß er nun tatsächlich die Patisserie Lundi zu Gesicht bekam?

Hinter den Auslagen, den weiß und hellblau überzogenen Torten, versperrten Gardinen den Blick ins Innere. Die Scheiben hatte man mit einer gelblichen Folie belegt, als müßten Torten vor dem Vergilben bewahrt werden.

Von der Straßenbahn aus sah er, daß die Gehwegplatten vor dem Lundi aus meterbreiten Steinquadern bestanden, Kalk. In der kleinen Kantonshauptstadt waren die Bordsteinkanten aus Granit geschlagen, dachte er.

Er merkte, daß er vorhin, als er gelaufen war, in die tiefen Spalten zwischen den Steinquadern geblickt und sich gewundert hatte, für welche Ewigkeit diese Gehsteige gebaut waren.

In der fahrenden Straßenbahn betrachtete er das Auto neben ihm auf der Straße, die beiden Hinterreifen waren nicht ausgewuchtet, das Auto schaukelte, wie ein Kamel schaukelnd geht, nur viel hastiger, wie ein Kamel im handgedrehten, zu schnell abgespielten Schwarzweißfilm, eine Karikatur seiner selbst, ahnungslos, hölzern.

Seine Eltern kannten die arabischen Komiker der dreißiger Jahre, sie lachten Tränen über Dialoge, die er nicht verstand. In der Straßenbahn lächelte er in dieser Erinnerung vor sich hin, ganz so, wie es die anderen taten: Jeder schien hier in bester Begleitung zu sein, auch wenn keine zu sehen war. In Gesellschaft ihrer Erinnerungen lachten, fluchten, schwiegen die Fahrgäste.

Er nahm sich erneut vor, niemals, wie es die Männer hier taten, Selbstgespräche zu führen. Nur Idioten ließen sich dazu hinreißen, sagte sein Vater.

Der Reisende stieg aus der Straßenbahn, ging in einer mit jungen Palmen begrenzten Seitenstraße. Blieb er stehen, wurde er nicht angerempelt und hier, in dem Wohnbezirk, auch nicht um Feuer oder Kleingeld angegangen. Die Menschen machten einen Bogen um ihn, wie um jeden, der bloß dastand.

Er aber war versucht, sich herumzuwerfen und ein Stück, zwei, drei Straßen weit, mit den Menschen zu gehen, zum Meer hin.

3

Am Carrer de les Jonqueres stieg sie die Stufen zur Metro-Station hinunter. Auf halber Höhe blieb sie stehen, drehte sich der Sonne zu, als wollte sie nochmals zurückschauen – worauf? Nicht mehr weißlich-gelb wie vor zwei, drei Stunden, als jeder Blick dahin sich verbot, bog sich die Sonne nun gelblich-rot in den eigenen Schein weg, verlängerte, verbreiterte sich westlich zum Horizont hin.

Bevor die Botanikerin die Metro bestieg, suchte sie nach einem Punkt, auf dem ihr Auge ruhen konnte, wie üblich eine Fassade, eine Kuppel, den kleinen Garten dort. Sie setzte die Sonnengläser auf, die über der Stirn im langen blonden Haar steckten. Einen Moment lang hatte sie gedacht, sie habe sie im Lokal liegen lassen. Der nächste Gedanke galt so der Peinlichkeit, sie von dem Reisenden gereicht zu bekommen, hier, in dieser Stadt, die sie für sich doch ausgesucht hatte.

Sie legte die Brille in die Handtasche, mit der flachen Hand strich sie sich übers Haar. Er hatte nichts zu ihren Locken bemerkt, das beruhigte sie – in Berlin hätte sie sich niemals Locken ins Haar drehen lassen. Sie betrat die Metro-Station.

Sie wunderte sich über ihn, mehr noch sah sie an sich selbst, was die vergangenen zwei Jahre – zwei Jahre und drei Monate, wollte sie genau sein – gebracht hatten. Zum erstenmal hatte sie Deutschland mit der Absicht verlassen, die Rückkehr nicht vom bloßen Wunsch danach, sondern vom neuen, südlichen Ort abhängig zu machen, von Umständen, die sie allerdings selbst herbeizuführen gedachte. Hier in Barcelona durfte es nicht so wie in Berlin werden, wo sie sich nur noch gelangweilt, an sich selbst nicht genug und an den anderen zu wenig hatte. Hier mußte alles anders werden, schließlich war sie sich selbst nicht mehr dieselbe.

Die Zehlendorfer Grundschule hätte sich als komischer Gegenentwurf dessen verkaufen lassen, das ihr am Mittelmeer begegnete. Umgekehrt kannte sie die katholischen Männer samt ihren starken Müttern und schwachen Vätern nicht, schon gar nicht als eigene Art. Sie schwärmte für das Mittelmeer, es zog sie von jeher an. Endlich war sie hergekommen, hierher, nach Barcelona, zufällig oder wahllos, an einen Anfang – wovon?

Sie freute sich auf das Abendessen mit Gästen und Kollegen, sie würde ihn für ein paar Stunden vergessen können, ganz so, wie in den vergangenen Monaten, als sie immer weniger an seine unberingten Hände, sein volles Haar gedacht hatte. Auch die ermüdenden Angebote des stellvertretenden Direktors würden sie heute nicht ärgern.

Sie legte sich zurecht, was sie ihm, den sie zugleich abschwörend und beschwörend am Ende nur noch Meinen Diplomaten genannt hatte, beim nächsten Zusammentreffen über sich erzählen würde. Sie überlegte, womit sie beginnen und wo sie aufhören, was sie sagen und was sie besser verschweigen sollte.

Sie wartete, bis die wenigen Menschen neben ihr in die Metro eingestiegen waren, dann stieg auch sie ein, schaute sich um, setzte sich in die Nähe der Tür. Der Wagen rüttelte schon beim Anfahren, sie legte die Handtasche auf den Schoß. Die langen Bügel klappten auf ihre Knie, sie ließ sie liegen.