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Wozu Handyvideos verleiten und was sie anrichten können. Wie spontan Fremdgehen sein kann. Wie ein Gentleman sich und sein Leben vergisst. Dies ist die Geschichte von drei Paaren in unterschiedlichen Lebensabschnitten: Eine in die Jahre gekommene Freundschaft, eine Ehe, die in Schieflage geraten ist und das Glück und Unglück einer Teenagerliebe. Doch alle drei Paare verbindet eine Frage: Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht?
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Seitenzahl: 231
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Der Anfang - Vorstellung
Kollision
Theater – the unforgettable box of chocolate
Carpe noctem - Nutze die Nacht
Das geilste Video aller Zeiten
Realität beisst?
Mobbing und andere Sachen
Hannas Geburtstag
Ephraim zu Haus
Die Überlegung
Glühwürmchen
Mathe und andere Schwierigkeiten
Die Aussprache
Hanna nochmal
Reife für den Knast und ein Teehausbesuch
Die Rede in der Kaffeepause und das Testament
Pennefete
Landenpark
Der eine Plan geht auf der andere nicht
Was bleibt
Martin im Elend
Jonas ohne Annabelle
Die Freundin
Grossstadt
Vorbereitungen
Reziproke Reha
Was ihre Welt zusammenhält
Dem Ende entgegen
Selma und die Nacht
Das Ende - Die rote Lok
Die laue Frühlingsluft weht in Böen durch die grossen Bäume des Landenparks. Selma steuert ihre gewohnte Bank an und setzt sich. Sie schlägt die Beine übereinander, prüft ihren weissen Haarknoten und öffnet das Buch.
Zwei Mittvierzigerinnen in enger sportlicher Kleidung laufen schnell und nordisch an ihr vorüber.
Selma lässt das Buch sinken und betrachtet die Szenerie auf dem Rasenoval.
Etwa jeder zweite Mensch schaut sitzend oder liegend auf sein Telefon und streichelt dessen Oberfläche.
Selma fragt sich, was es mit den Menschen macht, wenn ihre Finger öfter ihr Telefon berühren als einen anderen Menschen. Was es mit ihren Augen macht, wenn sie mehr Zeit des Tages auf einen kleinen oder grossen Bildschirm gerichtet sind als auf etwas Lebendiges.
Die bunt angezogenen nordischen Damen machen die zweite Runde, dicht gefolgt von einigen gut geschützten Rollschuhfahrern. Unter der Blutbuche spielen ein paar Jugendliche mit einer Wurfscheibe. Selma wendet sich wieder dem Buch zu.
Sie fühlt sich beobachtet, und als sie den Blick hebt, schafft sie es gerade noch, das Buch nach oben zu reissen, um die auf sie zu rasende Wurfscheibe abzuwehren.
Die Jugendlichen unter der Blutbuche biegen sich vor Lachen. Einer hat das Telefon noch auf sie gerichtet, wischt daran herum und winkt die anderen zu sich. Sie beugen sich kichernd über das Telefon, während Selma ihr Buch verstaut und sich auf den Weg macht.
In einem Laden steht er, Martin Erlendorf, ergraut und doch aufrecht. Mit Hut und Mantel hat er vergessen, was er kaufen will.
Da liegt knuspriges Brot. Er nimmt aus Verlegenheit eines.
Martin durchstreift die Regale und sucht nach einem Anhaltspunkt.
An der Kasse erinnern ihn die süssen Sachen, dass er Selma eine Aufmerksamkeit mitbringen will. Er entscheidet sich für eine kleine quadratische Pralinenschachtel der gehobenen Mittelklasse.
Erleichtert verlässt Martin den Laden.
Das kleine Café in der Südkurve des Landenparks duftet nach Karamelkeksen, Zimt und gerösteten Kaffeebohnen.
Selma nimmt den kleinen runden Zweiertisch am Fenster und beginnt erneut zu lesen. Zwischendurch bestellt sie einen Kaffee mit Schlagsahne.
Stühle, Tische, Wände und Fussboden - alles um sie besteht aus Holz. Holz, das, würde man ein Stück davon mitnehmen und zu Hause auf die Fensterbank legen, nach und nach das Zimmer mit Kaffeeduft erfüllen würde.
Der Kellner bringt den Kaffee mit Haube.
Selma verfolgt die Zeilen ihres Buches, in dem ein alter Mann die Tür eines Cafés öffnet und den Raum betritt.
Selma nippt an ihrem sahnegehäuften Kaffe und erblickt über dem Rand der Tasse ihren Freund Martin.
Der steht, freundlich den Hut ziehend und sich leicht verbeugend vor ihr.
Hanna Himmelbach fühlt sich wie ein vielstrahliger Stern, der nach allen Seiten auseinander gezogen wird wie bei einer Supernova. Dieser Zustand wechselt mit einer Art Automatenzustand ab: Jemand drückt eine Taste, sie funktioniert.
Das Musikschulsekretariat, der Kinderchor, ihr Mann Ephraim, die beiden Kinder, der Haushalt, ein paar Bücher, Yoga, ihre Eltern, ihre Freunde. Sie.
Hanna ist mittelgross und zart, aber drahtig. Ihre dunklen zu einem sorglosen Zopf gebundenen Haare geben ihr einen leicht südländischen Touch, sodass man von ihr mehr Temperament erwartet als sie wirklich hat.
Im Laufe des Vormittags haben sich ein paar Antennen aus grauen und dunklen einzelnen Haaren um ihren Kopf herum gebildet.
Sie steht an der Spüle ihrer Schwiegermutter und reicht ihr eine abgewaschene gusseiserne Bratpfanne.
Das Haus am Stadtrand ist geräumig und angenehm eingerichtet - nicht zu schnuckelig und nicht zu formal.
Die Räume sind luftig, die Atmosphäre klar und durchsichtig; es werden nicht viele Worte gemacht - es ist wie es ist.
Von Anfang an hatte sie sich hier angenommen gefühlt. Eines Tages ist ihr aufgegangen, dass diese Familie so zufrieden ist, so einig, jeder für sich so frei. Die haben einfach keine Probleme. Die haben immer gute Laune. Die sind immer handlungsfähig - nie von Gefühlen wie Zweifeln blockiert.
Und Neid stieg in ihr auf.
Der Neid ging ja noch. Die Scham über den Neid war schlimmer. Sie fühlte sich wie ein untergeordnetes Wesen, ein mit Schuld beladenes und fand nicht zu ihrer Grösse zurück. Was sie im Umkreis ihrer Schwiegermutter und deren neuen Mannes tat, war entweder gezeichnet vom Sich-klein-machen, quasi unter dem Teppich entlang oder sie schlug ein bisschen über die Stränge, dichtete etwas hinzu beim Erzählen einer Anekdote, nahm etwas mehr Nachtisch, dass er nicht für alle reichte oder hakte nicht das ganze Laub weg, liess etwas unter den Büschen liegen.
Schuld ist Schuld, auf mehr oder weniger kam es jetzt nicht mehr an. So erlaubte sie sich die kleinen Übertretungen, um zu sehen wie weit sie kam.
Ihre Schwiegermutter beobachtete sie und liess sie gewähren - mit einer Vorahnung.
Hanna reicht ihrer Schwiegermutter den tropfnassen Spaghettitopf. Ihre Blicke treffen sich für einen Moment, und ihre Schwiegermutter öffnet leicht die Lippen.
Hanna wäscht das Nudelsieb ab und reicht es an sie weiter. Wieder treffen sich ihre Blicke und sie fragt:
"Was ist? Du willst etwas sagen."
Ihre Schwiegermutter erwidert:
"Geht es euch eigentlich gut, dir und Ephraim?"
Hanna zuckt mit den Schultern und sagt:
"Naja, Ehe halt. Zwei Kinder. Beide arbeiten. Die Haare werden grauer. Die Zähne werden schlechter. Wir lesen weniger und haben schon vieles gesagt. Kennst du doch. Ist doch normal."
Hannas Schwiegermutter beisst sich auf die Unterlippe.
An diesem Abend hatten sie die Kinder zu Hannas Eltern gebracht. Es entstand ein wenig Zeit für Ephraim und Hanna. Sie standen in ihrer Wohnung und mussten nicht leise sein. Sie hatten sich leise die Schuhe ausgezogen und hatten still die Dinge verräumt, die sie mitgebracht hatten. Als ihnen aufging, dass sie allein waren, riefen sie sich absichtlich von einem Raum zum anderen zu, stampften von Zimmer zu Zimmer und drehten das Radio auf als das Abendprogramm Jazz brachte. Dann setzten sie sich an den grossen runden Küchentisch und redeten über die Kinder.
Der Schnee fängt gerade an, sich in Wasser für die Frühblüher zu verwandeln, die Vögel tirilieren ihre Liebeslieder, und die Sonne hat schon Kraft, das es eine Wonne ist, sich darin zu bewegen.
Die Wirtin bittet Selma und Martin, sich vor die Eingangstür des Cafés am Landenpark zu stellen, um sie abzulichten. Die ältesten Gäste des Cafés als Zierde für die neue Speise- und Getränkekarte.
Danach umfasst Selma für einen kurzen Moment Martins Handgelenk, um ihn durch die vor dem Café aufgestellten Tische und Stühle zu manövrieren.
Sie wenden sich nach rechts, um die in gleissendes Licht getauchte Strasse entlang zu gehen, von der aus man abbiegend Selmas Wohnhaus erreicht.
Für einen Moment hatte Selma überlegt, von Martins Handgelenk umzufassen, seine Hand zu nehmen und so zu tun als sei das normal. Doch aus Anstand und Höflichkeit nahm sie sich zurück. Martin sollte nicht aus dem Gleichgewicht geraten, mitten auf der Strasse.
Sie gehen zu dem hohen hellen Mietshaus, das vor einigen Jahren entstuckt und neu gestrichen worden war. An der Haustür bietet Selma ihm an, ihr auf einen Tee zu folgen.
Martin gibt ihr die kleine quadratische Pralinenschachtel, hält sie eine Weile zwischen sich und sie und wünscht höflich und mit einer leichten Verbeugung einen guten Tag.
Selma trägt die Pralinenschachtel in die Wohnung und legt sie auf ihren Schreibtisch. Sie brüht einen Tee und legt die Jacke ab. Sie setzt sich, öffnet die Schachtel, schiebt sich die grösste Praline in den Mund und beginnt einen Tagebucheintrag:
21. März 2015
Innen- und Aussenwelten wollen nicht zusammenpassen. Die Menschen, die Martin und mich sehen, halten uns für ein lang verheiratetes Ehepaar. Wahlweise nennen sie mich Frau Erlendorf oder, wenn sie eher mich als ihn kennen, Martin Herrn Imrock.
Wir haben alles andere als eine intime Beziehung. Dabei wäre die Nähe so wünschenswert.
In seinen Augen scheint mir oft eine Sehnsucht zu liegen, die ich ihm gern erfüllen würde.
Und mir! Aber was machen wir mit den Etiketten. Alt, nicht verheiratet, höflich, platonisch, vergeistigt.
Dieses ungeschriebene Gesetz!
Hanna und die Kinder steigen die Treppe in den zweiten Stock hinauf. Lukas, an Hannas Hand, versucht die Stufen hoch zu hüpfen, während Hanna überlegt was sie zum Abendessen kochen soll, ob heute mal vegan oder lieber doch mit richtiger Sahne.
Am Boden vor der Wohnungstür liegt ein Brief. Sie dreht und wendet den Umschlag, findet aber weder Absender noch Adressat.
In der Wohnung angekommen, rennen die Kinder ins Wohnzimmer. Sie geht mit dem Brief in die Küche. Noch im Stehen öffnet sie ihn. Ihre Nackenmuskeln spannen sich an. Ihr wird ein wenig flau im Magen. Sie liest:
"Eltern von Annabelle, Herr und Frau Nauer...Abiturientin...Hans-Recker-Gymnasium...Religionslehrer Himmelbach...Verhältnis mit unserer Tochter Annabelle...gegenseitig oder sexuelle Nötigung...beweist das Video."
Hanna wird schwindlig. Sie setzt sich. Wilde Szenen spielen sich in ihrem Kopf ab.
Sie steht auf, geht ins Spielzimmer und greift sich unterwegs Batterien. Sie schiebt die grosse Legokiste vom Spielzimmer in die Stube, legt die Batterien auf die Kiste und sagt zu Markus:
"Ihr könnt mit der grossen Legoplastikbahn spielen.
Da sind Batterien für die Lok."
Sie verschwindet im Schlafzimmer.
Hanna nimmt sich das Laptop, setzt sich auf das Bett und stopft die Bettdecke hinter sich. Das Laptop fährt langsam hoch.
Sie hat den Brief auf dem Küchentisch liegen gelassen. Nun muss sie noch einmal aufstehen.
Als sie zurück kommt, ist der Computer hochgefahren. Sie klickt sich durch.
Auf der Facebookseite der Schülerband findet sie das Video.
Hanna startet es. Zuerst sieht sie die Schwimmhalle.
Das Bild wackelt sehr. Es ist offensichtlich mit einem Handy gefilmt worden. Sie sieht ein junges Mädchen im Badeanzug in Richtung Toilette laufen. Das muss Annabelle sein. Dann plötzlich erscheint Ephraim.
Was macht er angezogen in der Schwimmhalle während die Abiturienten Schwimmen haben?
An der Ecke vor der Toilette laufen sie sich in die Arme. Sie halten sich gegenseitig. Annabelle und Ephraim!
Hanna stockt der Atem. Sie schaut es noch einmal an. Sie wiederholt wieder und wieder die Umarmungsszene.
Hanna klickt in die Kommentare. 81 Personen gefällt das Video. Sie liest:
"Geiler Clip, Alter. Ist das gestellt?" oder:
"Was macht denn der notgeile Alte mit der süssen Annabelle??" sowie:
"Unser Relilehrer auf Abwegen! Wie geil ist das denn!"
"Der Himmelgott begrapscht die schlauste Frau der Schule!"
Sie klappt das Laptop zu und geht in die Küche. Hier funktioniert sie automatisch. Stracciatellayoghurt, Müsli, Schalen, Löffel, Gläser, Apfelsaft.
Sie steckt ihren Kopf ins Wohnzimmer. Die Kinder haben einen Bahnhof gebaut und fast alle Schienen zu einer grossen Runde verbunden. Der Zug quietscht um die Ecken. Sie wirken sehr zufrieden.
Hanna schiessen die Tränen in die Augen.
"Markus, ich hab euch Müsli und Yoghurt hingestellt. Hilfst du dem Lukas? Ich muss mich mal ausruhen."
Sie läuft, angefüllt mit einer Mischung aus Unverständnis, Beschämung und Wut in den Flur, ins Spielzimmer und wieder zurück. Ins Schlafzimmer, in die Stube - wahllos greift sie Sachen und räumt sie auf ihrem Nachdenkweg von A nach B.
Ist sie etwa nicht mehr lecker? Ja gut, die Fältchen und die einzelnen grauen Haare. Und Lukas: Er hatte ihr die letzte Weiblichkeit aus der Brust gesaugt, benutzt hatte er ihre Brust! So gierig war er gewesen.
Und sein Milchtritt - erbarmungslos. Und wenn er fertig war, musste man ihn behandeln wie ein rohes Ei, sonst kam die Hälfte als schleimiger Bröckchenkram süss-säuerlich stinkend wieder heraus und landete meist treffsicher auf Hannas Kleidung.
Ja, und nun hängen sie. Die guten sekundären Geschlechtsorgane. Hängen wie bei einer afrikanischen Steppenmami, nur dass Hanna es nicht schafft, sie mit ebensolchem Stolz zu tragen.
Aber eine Abiturientin und Ephraim? Blutjung und gerade eben entjungfert? Hatte er etwa? Hatten sie?
Was kann er mit diesem Teenie in Tiger-Leggins und rosa Trägershirt anfangen?
Kaugummi kauen? Händchen halten?
Wo ist da das reife Gegenüber, das Paroli bietet? Will er Unterwerfung? Will er angebetet werden?
Das kann sie ihm nicht bieten. Hat sie etwas verpasst? Nicht mitgeschnitten?
Und überhaupt: Was ist mit dem Mädel los, dass sie auf ihren Ephraim steht, mit Hemd und Pullunder, auf ihren Büchermann?
Warum sucht sie sich nicht einen von den verpickelten, gegelten, keinen-Arsch-in-der-Hose-Typen und geht mit dem in die Disco, oder was man heute macht?
Wieso schafft es dieses Mädel, ihren Ephraim herumzukriegen, wenn sie es schon immer nur mit Trickserei und bei allen gezogenen Registern schafft, ihn aus der Reserve zu locken – ihren hochvergeistigten, scheinbar bedürfnislosen Mann?
Die kennt ihn ja gar nicht! Was bildet die sich eigentlich ein, ihre langjährig gehegte und gepflegte, leise schlafende, schlummernde Gemeinschaft zu zerstören.
Aber wie sind die beiden überhaupt dazu gekommen? Annabelle muss ihn bezirzt haben.
Ephraim ist doch nicht initiativ, die Schlaftablette, wie Julia immer sagt. Julia, die auf Muskeln steht, auf Feuer, auf Machos, am besten mit Goldkettchen und Klaps auf den Hintern in aller Öffentlichkeit.
Nicht, dass Hanna auf Pullunder und Hemden steht, nein, aber auf Feinfühligkeit steht sie. Und wenn die nun einmal gepaart ist mit Pullundern; so what?
Und darauf, sein zu dürfen wie sie ist. Darauf steht sie auch.
Aber wer ist sie? Jetzt. Ist sie die ausrangierte Frau, die sie nie sein wollte? Die, die in eine Lebenskrise stürzt, kurze Röcke tragend und überschminkt, gickernd abends in Kneipen herumsitzt und überspielen muss, dass sie sich Fehl am Platze fühlt?
Will sie noch als zweite Wahl die verletzte Ehefrau sein, die brav weiter alle Pflichten erledigt, die Familienmanagerin mit Pfiff? Welcher Pfiff?
Will sie kämpfen? Um ihre Schlaftablette? Oder ist das ein willkommener Befreiungsschlag? Und die Kinder?
Wo sind die eigentlich?
Hanna geht in die Küche. Die Kinder sind mit ihrem Müsli fertig. Lukas kommt durch den Flur gelaufen.
Er hat eine Menge Yoghurt auf seinem Pulli und um den Mund. Er hat sich die Socken ausgezogen und zwei Spielkarten unter die Füsse geklebt. Nun macht er beim Laufen Geräusche. Er bleibt stehen und steckt sich eine weitere Karte von oben unter den Pulli.
Ephraim Himmelbach ist mit seinem Fahrrad unterwegs nach Hause.
Der grosse schlanke Mann trägt seine leicht grau melierten Haare ein bisschen zu lang.
Am liebsten ist er ockerfarben gekleidet, aber auch andere Erdfarben sind ihm willkommen. Er kombiniert manchmal mit flaschengrün, aber nur selten.
Es gibt auch eine Art dunkellila, das er mag. Dieses passt aber nur selten genau zu seinen Brauntönen.
Ausserdem ist er sich nicht sicher, ob Männer dunkellila tragen sollten. Er ist sich aber sicher, dass Männer Sakkos tragen. Am liebsten hat er sein braunes Cordsakko. Das hat er fast täglich an, wenn es nicht zu kalt ist. Dann hat er noch seine helle Ledertasche gern. Sie riecht sehr gut und sie bewahrt sorgsam seine Unterlagen und Bücher während des Transports. Ephraim ist ein Hemdenträger. In T-Shirts fühlt er sich nicht angezogen. T-Shirts sind etwas zum Sport treiben oder zum darin Schlafen. Er bügelt seine Hemden oft selbst, besonders wenn er Klassenarbeiten korrigieren muss. Am schwierigsten ist es, die Ärmel so zu bügeln, dass sie nicht diese komische Bügelfalte auf der Oberseite des Ärmels bekommen. Auf der Unterseite sieht sie ja niemand.
Aber auf der Oberseite!
Sehr gern trägt er auch Pullunder. Dazu darf es nicht zu warm und nicht zu kalt sein. Gute Temperaturen hierfür gibt es im Frühling und Herbst. Dann ist die Kombination Hemd, Pullunder, Cordsacko perfekt zum Fahrradfahren.
Der Besuch bei seinem Vater im Altersheim war unangenehm gewesen.
Der Vater funktionierte nur noch. Er wartete, dass sein Stündchen schlägt.
Ephraim hatte den Vater in seinem Zimmer besuchen wollen, doch die Pflegerin hatte ihn darauf hingewiesen, dass er in der Nacht auf die Krankenstation verlegt worden sei und ihn dorthin geführt. Die Gänge hatten muffig und neu zugleich gerochen.
So nach Malzkaffee und alten Hauslatschen gemischt mit Desinfektionsmittel und Heizungsluft.
Die Wände waren oben zitronengelb gestrichen und bis auf Spritzhöhe lindgrün lackiert. Manche Wände waren lila gestrichen.
Die Schuhe hatten auf dem Linoleum gequietscht, seine anders als die der Pflegerin, etwas höher, und die Quietschabstände seiner Schuhe waren grösser gewesen, denn er machte längere Schritte.
Sie waren durch Gänge und Gänge gegangen. Die Pastelltöne hatten kein Ende genommen.
Ihn hatte die Ahnung beschlichen, dass an Orten, an denen Menschen auf etwas warteten, die Zeit langsamer ging. So als ob das Warten die gefühlte Zeit energetisch krümmte. So wie bei Einsteins Relativitätstheorie, wenn der Raum scheinbar durch Masse gekrümmt wurde. Oder wie das akustische Phänomen der Verzerrung von Tönen, wenn man mit dem Auto an Glockengeläut vorbeifuhr, und sich währenddessen die Tonhöhe veränderte.
Auf der Krankenstation hatte die Pflegerin ihn gebeten Platz zu nehmen und zu warten, bis sie wieder käme. Sie war ins Schwesternzimmer gegangen.
Ephraim hatte nach einer Beschäftigung gesucht, etwas zu lesen, einen Kaffeeautomaten, ein Fenster zum Hinausschauen.
Ein paar nett gemeinte Bilder hatten an den Wänden gehangen. Kaufhausbilder, gekauft, weil man Bilder brauchte gegen die Leere. Eines mit Gras, von dem ein Wassertropfen fiel in Grossaufnahme, ein ziemlich grünes Foto.
Die Schwester war gekommen und hatte ihn in das Zimmer begleitet.
Sein Vater hatte mürrisch in seinem Bett gelegen. Ein schwer hustender alter Mann hatte mit ihm das Zimmer geteilt. Ephraim hatte gerade zur Begrüssung ansetzen wollen, als sein Vater ihn angegrollt hatte, er solle ihm die Windeln ausziehen, er sei doch kein Baby.
Eine Pflegerin war mit einem Wägelchen ins Zimmer gekommen. Sie hatte laut gerufen, dass es Suppe für den Herrn gebe. Sie fütterte den schwer hustenden Mann mit gelblicher dickflüssiger Suppe.Sie schrie ihn an, er solle schlucken, löffelte dabei weiter diese Suppe in ihn hinein.
Ephraim hatte Angst vor dem tief grollenden Husten des Mannes gehabt, hatte den Mund geöffnet, um zu protestieren und ihn wieder geschlossen.
Die Frau hatte den hustenden Mann angeschrien, er solle schlucken. Der Alte hatte geröchelt, keine Luft bekommen. Er hatte versucht, sich aufzurichten, seine Augen waren hervorgetreten.
Die Pflegerin hatte geschrieen.
Macht es eigentlich aggressiv, wenn man immer schreien muss, damit man verstanden wird? Wenn man tagtäglich schreien muss, um verstanden zu werden, hat man dann nicht schon die blanke Wut quasi am Abzug?
Sie hatte ihn angeschrieen, er solle abhusten, und hatte es mehrmals geschrieen, bis sie keine Sätze mehr geschrieen hatte, sondern nur noch schrill:
"Abhusten!"
Er war zu schwach gewesen zu husten.
Was für ein schrecklicher Tod. So angeschrien zu werden, während man erstickt.
Die Pflegerin hatte keine Schockstarre gehabt, sie war hinaus gerannt, aufgeregt hatte sie die Hände in die Luft geworfen.
Es macht schon einen Unterschied, ob einer ins Geschehen verwickelt ist oder ob einer nur beobachtet.
Der, der innehält und spürt, weiss eher, was passiert als der Agierende, Zappelnde.
Der alte Mann war still gewesen, als sie mit einer grossen Flasche mit daran angebrachten Schläuchen auf einem Wagen und mit einer zweiten Pflegerin wiedergekommen war.
Diese hatte Ephraim aus dem Raum gedrängt, während sein Vater gezischt hatte, er solle sofort, aber sofort seine Kleidung holen und ihn mitnehmen.
Ephraim hatte benommen auf dem Gang gewartet.
Der alte Mann war mit den Füssen voran aus dem Zimmer den Gang hinuntergefahren worden und verschwunden.
Ephraim war noch einmal zu seinem Vater gegangen. Er hatte ihm geholfen die Windeln auszuziehen.
Hatte seine Kleidung im Spind gefunden und ihm geholfen, sie anzuziehen. Die Socken hatten am längsten gedauert. Sie hatten sich immer an den Zehen verwurstelt. Die trockene Haut hatte Sandpapiergeräusche gemacht. Das hatte sich ähnlich angehört wie wenn man mit einem etwas zu kleinen Stück Kreide an der Tafel schrieb. Oder wenn man mit frisch geschnittenen Fingernägeln in ein trockenes Tuch griff. Eine Nackenhaarsituation.
Ephraim hatte seine Siebensachen genommen und seinen Vater von der Krankenstation zurück in sein Zimmer gebracht.
Dann war er den Flur entlang und hinaus gegangen.
Er hatte sich gefragt, warum er nicht mehr rauchte und sich auf sein Fahrrad geschwungen.
Hatte der Mann Angehörige? Was wird ihnen gesagt werden?
Vielleicht war er kinderlos und seine Frau schon längst gestorben? Was fühlte die Täterin? Was fühlte die unabsichtliche Mörderin? Wird sie weiter, einfach weiter Pflegerin sein? Wird sie als nächstes seinen Vater zu Tode füttern?
Zunächst hatte er ihn in Sicherheit gebracht. Doch er musste sich etwas Neues für ihn überlegen. Er musste ein anderes Altersheim für ihn suchen und ihn dort unterbringen. Das will er noch am Abend mit Hanna besprechen. Vielleicht hat sie gleich eine Idee. In solchen Sachen ist sie gut. Praktisch und schnell, schön vernetzwerkt, weiss sofort gleich diese oder jene Möglichkeit.
Ein Bus, eine Frau mit Kinderwagen auf dem Fussgängerstreifen. Die Kette des Fahrrads knattert. Er will daran denken sie zu ölen.
Ausserdem will er heute Abend, wenn er die Kinder ins Bett gebracht hat, in der Synchronoptischen Weltgeschichte blättern und herausfinden, in welchem Zeitraum die Zarathustrier in Persien von Bedeutung waren und was sich parallel dazu in der Welt getan hat.
In diesen Gedanken erreicht er das Wohnhaus am Landenpark.
Hanna hört den Haustürschlüssel von Ephraim im Treppenhaus klimpern und rückt sich innerlich zurecht.
Sie geht in die Küche, öffnet das Fenster und fragt sich, ob Raucher entspanntere Menschen sind, weil sie sich zwischendurch kleine Pausen gönnen und zumindest mechanisch durchatmen. Sie schaut in den Flur. Die Kinder sitzen sich breitbeinig darin gegenüber und lassen Autos mit Schwung gegeneinander fahren. Lukas ruft überschwänglich:
"Bumm!!", wenn die Autos kollidieren.
"Papapapapapa", überschütten die Kinder Ephraim im Flur. Er drückt beide an sich.
Ephraim geht in die Küche, stellt seine Tasche auf den Tisch, bückt sich, um die Hosenklemme zu entfernen und sagt:
"Hallo Hanna, ich muss dir dann was erzählen, wenn die Kinder im Bett sind. Mir ist etwas Furchtbares passiert..."
Er legt die Brotbüchse auf den Tisch und stellt die leere Thermoskanne daneben.
"Hanna? Was hast du?"
Hanna knetet den Wischlappen in den Händen.
Ihre Handgelenke sind weiss vor Anspannung.
"Ich...Du hast..."
Sie beginnt zu schluchzen und entgegen ihrer Gewohnheit in solchen Momenten, drängt sie sich an Ephraim vorbei und läuft ins Bad.
Ephraim hört sie weinen, ein tiefes kehliges Weinen.
Auf seinem Weg zum Bad steigt er im Flur über die Kinder und Spielzeugautos.
Er steht an der Badezimmertür, die Hand an die Reliefscheibe gelegt, durch die er nur ihre Silhouette sehen kann, die sich, synchron zu den Geräuschen abwechselnd nach vorn und hinten bewegt.
Ephraim klopft mit der flachen Hand an die Scheibe und ruft:
"Hanna, bitte Hanna, komm heraus oder lass mich hinein!"
Hinter sich hört Ephraim immer wieder aufeinander krachende Spielzeugautos und Lukas, der laut "Bumm!!", ruft.
Schliesslich gibt Ephraim auf und setzt sich in Jacke an den Küchentisch.
Später hört er Hanna durch den Flur gehen. Sie schnieft. Sie ist auf Strümpfen.
Er lässt sie bis ins Schlafzimmer gehen und folgt ihr dann. Als sie ihn hört, rennt sie zur Tür und versucht, sie zuzudrücken. Er hat noch Schuhe an und stellt seinen Fuss in den Türspalt.
"Kindergarten grosse Gruppe!", presst Hanna zwischen den Zähnen hervor.
Ephraim drückt schliesslich die Tür auf, und Hanna steht mit hängenden Armen und aufgelöstem Zopf vor ihm.
"Ich weiss, dass du fremd gehst.", sagt sie leise.
Ephraim macht den Mund auf und wieder zu. Er hebt die Hände und sagt:
"Ich gehe nicht fremd, Hanna."
Sie sagt, weiterhin leise:
"Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Ich werde jetzt gehen. Die Kinder hole ich nach."
Sie verlässt das Zimmer, holt ein paar Sachen in diesem und in jenem Zimmer während Ephraim ihr nachläuft und versucht, sich mit Gesten zu erklären, da ihm die Worte nicht gehorchen wollen. Im Flur wischt sie an den Kindern vorbei in Richtung Wohnungstür.
"Bumm!!", ruft Lukas noch einmal. Hanna will etwas sagen, gibt sich einen Ruck und verlässt die Wohnung.
Hanna fingert nach ihrem Handy. Noch im Treppenhaus wählt sie Julias Nummer. Das Freizeichen ist zu hören.
"Ja, da ist Julia."
"Hanna hier. Kann ich zu dir kommen? Es ist etwas Furchtbares passiert. Hast du Zeit?", fragt Hanna mit einem Klemmen in der Kehle.
"Hanna, was ist denn los? Du hast Glück, dass wir noch da sind. Wir wollten gerade losgehen."
"Dann will ich euch nicht stören. Ich kann ja später anrufen."
"Nein Hanna, jetzt sag schon. Du hast doch was!"
"Ephraim. Es ist wegen Ephraim. Er hat...er ist...Auf Facebook ist ein Video, in dem er ein Mädel aus der Abiklasse umarmt.", stammelt Hanna.
"Ach nee. Der Ephraim doch nicht."
"Wenn ich's dir doch sage. Es ist schrecklich!"
Hanna bricht in Tränen aus.
"Was soll ich denn jetzt machen? Wo soll ich denn mit den Kindern hin? Ich meine, wir leben schon aneinander vorbei, aber so was hätte ich nie von ihm gedacht!"
"Hanna, mein Mäuschen: Du nimmst jetzt das Wichtigste mit und kommst erst einmal zu uns. Auf die Kinder kann er ja aufpassen. Du musst jetzt von einer Freundin getröstet werden und von viel, viel Rotwein!"
"Julia, warte mal, ich muss, glaub ich erstmal in Ruhe mit Ephraim reden.", windet sich Hanna.
"Ich will zuerst wissen, was er dazu zu sagen hat.
Und die Kinder kann ich auch nicht so einfach allein lassen."
"Hanna, Du musst überhaupt nicht wissen, was er dazu zu sagen hat. Dazu gibt es nichts zu sagen. Du kannst ihn anschreien und dann die Tür von aussen zumachen, weiter nichts."
Hanna:
"So ähnlich hab' ich das grad gemacht."
Darauf Julia:
"Na dann ist ja gut. Dann mach jetzt keinen Rückzieher! Sei eine stolze Frau und komm her und trink mit mir 'ne Flasche Rotwein. Dann sehen wir weiter."
Martin Erlenbach spült gerade seinen Teller, sein Messer, seine Kaffeetasse.
Der Plattenspieler, einer der letzten seiner Art, spielt ihm Mozarts Zauberflöte. Ein herrliches Gerät so ein Plattenspieler.
Er muss sich noch fein machen, noch die Pralinen ein packen, nichts vergessen in der inneren Aufregung, den Schlüssel nicht und nicht die Brille, nicht in Hausschuhen hinausgehen, die Pralinenschachtel nicht liegenlassen, zur rechten Zeit losgehen. Das muss er alles bedenken und eintakten. Denn heute Abend möchte er seine Gefährtin Selma ins Theater ausführen.
Sie macht ihn nervös. Er kann es gut verbergen, er hat ja Lebenserfahrung, kennt sich selbst, kennt die Frauen. Aber sie. Sie macht ihn nervös. Bei ihr weiss man nie, was sie im Schilde führt. Mit welchen Argumenten die Dame auffährt, einen überfährt, zurücksetzt, lacht und noch einmal darüber fährt – siegesgewiss.
Der Abwasch wäre erledigt, rasiert hat er sich am Morgen. Er packt die Pralinenschachtel ein.
Selma weist Geschenke immer brüsk von sich. Aber nicht in falscher Bescheidenheit, im Sinne von:
"Ach, das wär' doch nicht nötig gewesen.", sondern ganz abfällig, als wäre es vollkommen unsinnig, einer heiss geliebten Freundin ein Geschenk zu machen. Als würde das Geschenk an sich die Liebe, die über allem steht, in Frage stellen. Es beschämt ihn jedes Mal. Aber der Gentleman in ihm verbietet ihm, ohne Geschenk seine Aufwartung zu machen.
Martin Erlenbach wohnt, wie Selma es nennt, in einer hübschen kleinen Teppichzelle, im altersgerechten Wohnheim. Kleines Zimmer mit Küchenzeile, Hilfe an allen Ecken und Enden, aber dennoch nicht im Altersheim. Das übrige Fitzelchen Freiheit, vereint mit Sicherheit für die letzten Jahre.
Er hatte an der Universität Kunstgeschichte und später Musikwissenschaften studiert und gelehrt. Geblieben sind ihm die Liebe zu Musik und Kunst sowie das Lesen, was er gern und ausgiebig betreibt, das ihm als Nahrung dient. Sorgen bereitet ihm in letzter Zeit, dass er wenig von dem Gelesenen behalten kann, dass er zurückblättern und Notizen machen muss, um sich in ein begonnenes Werk wieder hineinzufinden.
