Landliebe - Björn Schmalowski - E-Book

Landliebe E-Book

Björn Schmalowski

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Beschreibung

Der Autor schafft ein stimmungsvolles Bild von einer schwulen Liebe auf dem Land. Fernab des sonst so üblichen Großstadtlebens entsteht ein ungewohntes Bild einer Liebe, zwischen Ernte, Kuhstall, Landjugend und Dorfkneipen. Markus, frustriert von seinem Ex-Freund Rainer, entschließt sich ein neues Leben an der Nordsee zu beginnen. Durch seine Arbeitskollegin Ines lernt er ihren Bruder, den Junglandwirten Christian kennen, der Markus Pläne erstmal keine Beziehung einzugehen völlig durcheinander bringt. Schnell baut sich bei den beiden eine Liebe auf, die im ersten Moment recht paradiesisch zu sein scheint. Doch ihre Liebe wird auf eine Zerreißprobe gestellt, als sich bei den beiden der Alltag einstellt. Christian viel beschäftigt mit seinem Beruf und seinen ehrenamtlichen Verpflichtungen in Landjugend und Vereinen gerät das erste mal in Konflikt zwischen seiner Beziehung und seinem schon sehr verplanten Leben. Hinzu kommt, dass Christians Ex-Freund Sebastian auf einmal wieder auftaucht und die Beziehung zwischen Markus und Christian zu kippen drohtInes muss mal wieder Hand anlegen und ihrem Bruder und Markus die Augen öffnen. Doch das nächste Unglück ist nicht weit, Christians bester Freund Daniel kommt bei einem Autounfall ums Leben und der sonst lebensfrohe Christian scheint daran fast zu zerbrechen. Mit Markus Hilfe und seiner Familie im Hintergrund bewältigen die beiden diese Zeit. Ihre Beziehung festigt sich, und hat auch weiterhin Höhen und Tiefen. Beide lernen in dieser Beziehung zum ersten Mal, dass eine Beziehung nicht nur aus gutem Sex und Spaß besteht sondern oftmals auch eine verdammt harte Herausforderung ist.

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Seitenzahl: 227

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Björn Schmalowski:

1978 in Bad Oldesloe (Schleswig Holstein) geboren, lebt in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein. Das ländliche Leben hat ihn nie abgeschreckt, und auch die Tatsache, dass ein schwules Leben in einer Großstadt einfacher ist, brachte ihn nicht dazu das Landleben auf zugeben. Nachdem der Versuch Landwirt zu lernen aus gesundheitlichen Gründen scheiterte und das Dasein als Bürokaufmann noch nicht alles gewesen sein kann, beschloss er zu schreiben

Himmelstürmer Verlag, part of Production House GmbH

Kirchenweg 12, 20099 Hamburg

www.himmelstuermer.de

E-mail: [email protected]

Photo by Thorsten Hodapp

Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer, AGD, Hamburg. www.olafwelling.de

Originalausgabe, März 2006

Digitale Version, Juni 2012

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages

ISBN print:    978-3-934825-55-9

ISBN E-pub:  978-3-86361-237-5

Landliebe

Inhalt

Der Neuanfang

Wo die Liebe hinfällt

Zweifel

Klare Verhältnisse

Good bye Mölln

Schlafmützen und Sklaventreiber

Gelbe Farbe oder war es Senfsoße?

L` amour toujours

Begegnung mit der dritten Art Dafne

Die Erntezeit

PI-AD…

Auszeit

Die Versöhnung

Du bist überall

Adressenwechsel und Kohlmeisen brüten im Sommer

Marzipantorte und andere Überraschungen

1 Der Neuanfang

Ich räumte den letzten Karton aus und schob mir eine Pizza in den Ofen. Das wäre geschafft. Es war schließlich nicht  mein erster Umzug. Allerdings der Erste, den ich so ziemlich alleine bewältigt hatte und nun soweit weg von Zuhause .

 Ach, soweit ist es ja nun auch nicht. Die Nordsee wird mir gut tun, da bin ich mir sicher. Morgen ist mein erster Arbeitstag an meinem neuen Arbeitsplatz. Ich hatte wirklich viel Glück, dass ich so ganz ohne Probleme nach Husum versetzt werden konnte. Ob das alles so gut ist, ich weiß es nicht. Die Zeit wird es zeigen. Nachdem ich meine Pizza, die übrigens nach allem, aber nicht nach Salami schmeckte, aß und meinen Teller in die Spüle stellte, zog ich mir meine Jacke an und ging noch ein wenig spazieren.

Meine Wohnung befand sich im ersten Stock eines Zweifamilienhauses in einem kleinen Ort bei Husum. Aus meinem Wohnzimmer konnte ich genau auf den Deich schauen. Die Nordsee ist jedoch noch mindestens einen Kilometer dahinter. Ich konnte mich nicht beklagen, ich hatte schon ein schönes neues Zuhause gefunden.

 Nur schnell alles Vergangene vergessen! Wenn das man so einfach wäre. Aber ich schaffe das schon, ich habe schon ganz andere Sachen gemeistert.

Mittlerweile war ich den ganzen Wanderweg zur Nordsee herunter gelaufen, als ich rechts auf der eingezäunten Weide, wo wohl normalerweise Schafe laufen, einen jungen Mann auf seinem Trecker sah. Er wendete am Ende der Weide und fuhr genau auf mich zu. Er sah gut aus, mit seinem  glattem markantem Gesicht, mein Alter, vielleicht ein, zwei Jahre älter. Ich musste schon sagen, voll mein Typ, in seinem grünen Overall.

 Er bemerkte mein Interesse an seiner Person und lächelte mir zu. Ich lächelte verlegen zurück, und ich ging einen Schritt schneller, um aus seiner Sichtweite zu kommen. Schließlich fuhr er an mir vorbei, und es dauerte nicht lange, da war er mit seinem Trecker schon hinter dem Deich in Richtung Sophien Koog verschwunden.

Imponiert hatte er mir schon mit seinem Lächeln, das sich über seine ganze Wange ausbreitete und sein gutes Aussehen noch hervorhob. Na ja, er war eben nett an zu sehen. Mehr nicht !

 Ich wollte so schnell keine Beziehung mehr eingehen, für die nächsten fünf Jahre hatte ich genug. Mit Rainer war ich fast vier Jahre zusammen gewesen, eigentlich eine ziemlich lange Zeit. Ob wir uns nun auseinander gelebt hatten, oder ob dieser arrogante Thomas jetzt der ausschlaggebende Punkt war, kann ich nach diesem ganzen hin und her gar nicht mehr richtig beurteilen. Ich mochte nicht mehr über dieses Desaster nachdenken. Es regte mich zu sehr auf.

Aber nun tat ich es doch wieder. Ich ärgerte mich über mich selber. Dieser gut aussehende Fremde kommt doch eh vom „richtigen Ufer“ und hat mir lediglich zugelächelt. Das war alles! Eine anonyme Begegnung.

 Ich glaube ich spinne, wenn ich wegen so etwas schon in der Vergangenheit rumwühle, na dann mal Prost Mahlzeit. Mich darf einfach nicht jede alltägliche Situation in ein Gedankenchaos stürzen lassen.

Mittlerweile war ich so aufgewühlt, dass ich es fast verpasst hätte am Deich links abzubiegen, in die geteerte, lange Auffahrt zu dem kleinen Neubaugebiet, in dem ich mir vor vier Wochen meine Zwei – Zimmer - Wohnung angeschaut habe und vor zwei Tagen eingezogen bin. Jetzt merkte ich erst wie müde ich doch eigentlich war.

 Nach zwei Tagen hin und her Geschleppe, Kisten auspacken, die lange Fahrt hierher und höchstens vier Stunden pro Nacht Schlaf vielleicht doch ein bisschen viel. Gleich werde ich erst mal ein gemütliches Bad nehmen. Zum Glück hatte meine neue Wohnung eine Badewanne.

Als ich vor der Haustür stand und nach meinem Schlüssel wühlte, ging die Haustür auf und Herr Sahlmann, der junge Familienvater, trat ins Treppenhaus. Er wohnte mit seiner Frau und ihren  drei kleinen Kindern unter mir. Er war wohl auf dem Weg zur Nachtschicht, denn er hastete mir entgegen.

Er hatte es eilig, sei schon viel zu spät dran, grüßte freundlich und lud mich zu sich nach Hause ein: „ Nächste Woche, abends, ein Bierchen, gemütlicher Klönschnack, wie wär’s?“

„Klar, danke gerne“ rief ich ihm hinterher. Eigentlich hätte ich diese Situation gerne noch etwas herausgezögert, aber was soll’s, mit seinen Nachbarn sollte man sich gut stellen.

Was ich wohl antworten sollte, wenn er mich fragen würde, warum ich gerade hier in diese Einöde gezogen bin, ganz alleine, in einem Alter, wo man doch eigentlich auf wilde Partys, heiße Schnitten und Nächte, die erst morgens um sieben enden, steht.

Ich würde einfach die Wahrheit erzählen, wenigstens einen Teil davon. Ich stehe doch zu meinem Leben, oder?

Ich ging die Treppe zu meiner Wohnung hinauf, als das Telefon klingelte. Erst ging ich einen Schritt schneller doch als der Anrufbeantworter anging und ich hörte, dass es Rainer war, ich solle doch unbedingt mal zurückrufen, wäre wichtig, verlangsamte ich meinen Schritt wieder.

Der kann sich sein wichtig sonst wo hinschmieren, wenn ich ihm so wichtig gewesen wäre, dann würde ich mich jetzt wohl kaum hinterm Deich in dieser Gott verlassenen Gegend verkriechen, damit ich mir sein Geturtel mit diesem Thomas nicht mit ansehen brauchte.

Scheiße noch mal! Ich hatte mir so fest vorgenommen mich nicht mehr über dieses fiese A... aufzuregen. Woher hatte er eigentlich meine Telefonnummer, ich hatte sie ihm bestimmt nicht gegeben.

Na ja, egal. Nur nicht zuviel darüber grübeln. Das macht nur depressiv. Jetzt erstmal ein schönes, warmes Bad, das wird mir gut tun. Morgen ist mein erster Arbeitstag und da muss ich ja wohl fit sein. Ich schaltete mein Radio im Bad ein, um eine Geräuschkulisse im Hintergrund zu haben, und ließ  das Badewasser ein. Ich muss wohl schon ein wenig eingeschlummert sein, als im Radio „With or Without you“ von U 2 lief.

Unser Lied, dachte ich nur, sprang aus der Badewanne und gab dem Radio einen Schlag auf den OFF- Knopf. Lange hielt ich es nicht mehr in der Badewanne aus. Verärgert über mich selber trocknete ich mich ab, rollte mich in meinen Bademantel und ging ins Bett.

Geschlafen habe ich in dieser Nacht nicht viel. Weit bevor mein Wecker klingelte wachte ich auf und grübelte über alles und nichts.

Gegen halb sieben kam Herr Sahlmann von seiner Nachtschicht. Mindestens zwei der Schreihälse schrien schon wie hungrige Löwen. Ich hörte seine tiefe Stimme, die versuchte für Ruhe zu sorgen. Wenn das jetzt jeden Morgen so abgeht, krieg ich die Motten, dachte ich.

Ich sprang abrupt aus dem Bett und ging schlaftrunken ins Bad.

Waschen, Radio an, nein Radio lieber wieder aus. Ich beeilte mich, da ich am ersten Tag nicht zu spät kommen wollte. In der Hektik übersah ich die Pfütze, die sich auf dem Badezimmerboden gebildet hatte. Das war ein Fehler! Schnellen Schrittes trat ich hinein und – wutsch- küsste ich auch schon die Tür, die mich auffing. Ich federte zurück und landete mit dem Hosenboden auf meinem Läufer, der vor der Badewanne lag. Ein schöner Start in den Tag, Markus. Ich schnappte mir schnell zwei Scheiben Toastbrot und ab ging es Richtung Husum.

Ich war aufgeregt, weil ich nicht wusste was und wer mich erwarteten. In die Hose hätte ich mir machen können. Mein Herz schlug mir bis zum Hals auf der Fahrt zu meinem neuen Arbeitsplatz. Es war eine Geschäftsstelle des Landhandels, wo ich im südlichen Schleswig-Holstein zuvor schon drei Jahre im Verkauf tätig war.

Schließlich stand ich nun nach einer viertel Stunde Fahrt vor dem vierzig Meter hohen Getreidesilo. Ob ich nun wollte oder nicht, ich musste da jetzt herein, in das klein wirkende Haus neben dem Silo.

Meine zukünftigen Kollegen schienen auf den ersten Eindruck okay zu sein. Mein Schreibtisch befand sich im ersten Stock, etwas abseits vom ganzen Verkaufstrubel. Das gefiel mir ganz gut, so konnte ich mich in Ruhe einarbeiten. Für uns Mitarbeiter im Innendienst waren die Arbeitszeiten einfach genial. Wir hatten Gleitzeit von sechs bis achtzehn Uhr.

Ich nahm mir ganz zielstrebig vor, jeden morgen bereits um sechs Uhr anzufangen.

Ines, meine neue Kollegin, mit der ich mir das Büro teilen würde, war zwar rotzfrech, nicht nur Kollegen gegenüber, aber das schien niemanden zu stören.

Sie begrüßte mich mit einem freundlichen, aber knappen: „Moin, ich bin Ines, ich denke wir kommen gut miteinander aus. Wenn ich Dir zu dreist werde, schnauz  einfach zurück.“

Wir mussten beide lachen und mochten uns auf Anhieb. Sie erklärte mir den Ablauf im Betrieb, machte mir die Macken einiger Kollegen klar, und stellte mir Madame Telefonica vor, die Telefonanlage des Hauses.

Sie hatte sich Ihren Namen wirklich verdient, sie hieß so, beziehungsweise wurde so genannt, weil sie zickig, kompliziert und eigenwillig war. Sie machte ihrem Namen alle Ehre, wie ich noch feststellen sollte.

Wir verbrachten die Mittagspause zusammen und fuhren ins „Bella Italia“ den besten und günstigsten Italiener  Nordfrieslands.

Günstig war er wirklich, aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten. Ines nahm eine Lasagne, und ich entschied mich für eine Nudelkombination, die aus vier verschiedenen Arten Nudeln bestehen sollte, entdeckt habe ich nur zwei Sorten, Spaghetti und Maccaroni.

Ines, von Anfang sehr gesprächig und offen, plapperte die ganze Mittagspause über, so dass ich den stillen Teil in diesem Gespräch übernahm.

So erfuhr ich, dass sie Tochter eines Landwirts in Sophien Koog ist und drei weitere Geschwister hat. Ihre ältere Schwester Meike war verheiratet mit Michael, der mit seinen Eltern ein Fotostudio in St. Peter Ording betreibt. Zur Tante hatte Meike Ines auch schon gemacht. Klein Lucas wurde im Herbst zwei Jahre alt. Ihr kleiner Bruder Marc studiert Medizin und der Ältere, Christian, der den landwirtschaftlichen Betrieb einmal übernehmen werde, hatte  sich gerade von seinem Freund getrennt. War sowieso ein garstiger Kackvogel!

Mir blieb eine Makkaroni quer in der Speiseröhre stecken, so dass ich nach Luft ringen musste. Das halbe Restaurant drehte sich zu uns um und fixierte mich. Sie hielten uns wohl  für ein streitendes Pärchen. Ich hatte mich gerade einigermaßen unter Kontrolle, als Ines ziemlich lautstark brüllte:

„Ey, so spießig siehst Du gar nicht aus. Ist ja krass“.

Um nicht in eine noch peinlichere Situation zu geraten,  musste ich mich dieser Person, die ich nicht mal einen Tag lang kannte, wohl outen. Zögerlich und verlegen begann ich mich zu rechtfertigen.

„Ach das ist ja ein Zufall ...  ich ..., ich ..., habe mich auch..., ich meine ich lebe auch erst seit zwei Wochen wieder alleine ..., ich bin auch schwul.“

So nun war es raus.

„Ist ja abgefahren meinem Bruder sieht man das auch überhaupt nicht an, das er vom anderen Ufer kommt, bei dir hätte ich das auch nicht gedacht.“

So nun wusste  wohl das ganze Bella Italia, dass ich schwul bin und nicht danach aussah.  Na Prima!

Das war zu viel für mich. Ich fühlte mich als säße ich nackend auf meinem Platz.

„Kannst du vielleicht auch in Zimmerlautstärke sprechen, das muss doch nicht die ganze Stadt wissen.“

Ines war es nun sichtlich unangenehm in welche Situation sie mich da gerade gebracht hatte. Sie merkte es recht spät, entschuldigte sich für Ihre Tölpelhaftigkeit. Kurz später lachten wir so herzhaft über dieses nicht ganz freiwillige Outing, dass wir schon wieder die Aufmerksamkeit aller auf uns zogen.

Wir zahlten und beschlossen auf dem Weg zurück zur Firma uns erst einmal nicht wieder im Bella Italia blicken zu lassen. Ines versprach mir im Betrieb nichts von dem zu erwähnen, was sie kurz zuvor über mich erfahren hatte. Außerdem sollte sie auch ihrem Bruder vorerst nichts erzählen. Ich wollte erstmal auf Tuchfühlung gehen, wie die Leute hier dazu standen. Ich bezweifelte zwar stark, dass das gut ging, aber sie gab ihr Wort drauf.

Die ersten Wochen vergingen wie im Fluge. Bereits nach kurzer Zeit hatte ich mich im Betrieb bestens eingelebt. Das Arbeitsklima war prima und mein neues Arbeitsgebiet gefiel mir auch gut. Privat verlief auch alles ruhig, Rainer hatte es nach fünf weiteren Versuchen über mein Anrufbeantworter Kontakt zu mir aufzunehmen mittlerweile aufgegeben. MeineEltern bzw. meine Mutter hatte es auch schon zweimal geschafft sich daran zu erinnern, dass sie einen Sohn haben den man ab und zu mal anrufen könne. In der letzten Aprilwoche fragte mich Ines, ob ich nicht Lust hätte am letzten Apriltag mit zum Maifeuer nach Fehmarn zu kommen.

Es wäre noch kurzfristig ein Platz frei geworden und das wäre eine Sache, die dürfte man nicht verpassen. Sie könnte ja gleich den Andreas in der Firma anrufen, der organisiere nämlich das Ganze und die Gefahr, das der frei gewordene Platz wieder vergeben sei, wäre ziemlich groß. Alle meine Einwände halfen nichts, auch das Argument, ich kenne doch eh keinen, zog nicht.

Ines rief also diesen Andreas an, den zweiten Vorsitzenden von der Landjugendgruppe, und ergatterte für mich tatsächlich den letzten Platz.

„Am besten gibst Du mir gleich die zwölf Euro fünfzig mit“. Damit war das Thema für Ines abgehakt. Mir war überhaupt nicht wohl bei dem Gedanken mit fünfzig fremden „Landjugendlichen“ durch ganz Schleswig-Holstein zu gondeln. Am Tag vorm großen Spektakel, verbrachten wir unsere Mittagspause wie so oft im Husumer Park, als Ines meinte:

„Schade, dass Christian nicht mitkommt, ihr würdet bestimmt gut zusammen passen, das wäre der ideale Abend dafür gewesen.“

Jetzt platzte mir endgültig der Kragen, was bildete sich diese eingebildete Hupfnudel eigentlich ein.

„Ich lasse mich von niemand verkuppeln, schon gar nicht von Dir und nicht mit deinem Bruder, ist das klar?! Ich hab gerade die Hölle auf Erden hinter mir und die nächsten fünf Jahre gehe ich garantiert keine Beziehung mehr ein und diese komische Maifahrt ist auch nur eine Ausnahme. Ich will einfach nur meine Ruhe, ist das denn so schwer zu verstehen?“

In dem Moment verlor ich fast die Gewalt über mich und die Tränen standen mir schon in den Augen. Mitten im Schlosspark wo um die Mittagszeit etliche ihre Mittagspause verbrachten, machte ich einen auf Weichei.

Ines war wie vor den Kopf gestoßen und nahm mich in den Arm. Sie entschuldigte sich immer wieder.

„Ich habe es nicht bemerkt, dass es dir so dreckig geht, ich weiß ja noch so wenig von dir. Du bist so verschlossen und wirkst oftmals so traurig, dass du mir leid tatest und dir einfach nur ein bisschen helfen wollte auch privat hier Fuß zu fassen.“

Ich weiß auch nicht, weshalb ich in diesem Moment so empfindlich reagierte, das passte nicht zu mir.

Wann kam es schon mal vor, dass ich so ausgerastet bin; und schon gar nicht in der Öffentlichkeit.

Ich bin eine richtige Memme geworden, seitdem ich mich von Rainer getrennte habe.

Ich erzählte Ines ausführlich von Rainer, Thomas und unserer zum Scheitern verurteilten Beziehung. Ines war die Erste, der ich mich anvertraute und sie hörte gut zu, wir bemerkten fast nicht dass unsere Mittagspause schon längst wieder in Arbeitszeit überging. Nur die Kirchenglocken erinnerten uns unsanft daran. Wir erschraken beide gleichzeitig, sprangen auf und liefen zum Auto. Als wir im Auto saßen meinte Ines gleichgültig:

„Ach was soll’s, wir haben doch Gleitzeit, Überstunden haben wir doch beide genug.“

Das stimmte, dafür dass ich erst knapp vier Wochen in Husum arbeitete hatte ich schon eine beträchtliche Summe an Überstunden gesammelt. Ines schlug vor, sich heute Abend noch mal zusammen zu setzen und über alles zu reden.

„Nicht nur dass ich neugierig bin, du brauchst unbedingt mal einen seelischen Mülleimer.“

Da hatte Ines wahrhaftig Recht, es war mir bisher nicht so bewusst gewesen, aber es schien wohl wirklich nötig zu sein, wenn ich schon bei jeder Kleinigkeit ausrastete. Wir machten beide pünktlich um fünfzehn Uhr dreißig Feierabend, schließlich hatten wir bereits um sechs Uhr angefangen. Ines fuhr erst zu ihrem Freund, dann noch nach Hause und wollte um neunzehn Uhr bei mir sein. Ich fuhr also in meine Wohnung, zauberte uns eine Nudelpizza, einen bunten Salat und wartete auf Ines. Pünktlich, erschien sie und bewunderte meine Wohnung, die sie zum ersten Mal sah. Wir aßen die Nudelpizza, alberten rum und ich merkte, wie ich es genoss, nicht wie sonst immer alleine zu essen, dann die Glotze anzustarren  und irgendwie unzufrieden ins Bett zu gehen. Nach dem Essen gingen wir runter zur See, wir hatten gerade Ebbe, sodass wir ziemlich weit laufen konnten.

Irgendwie schwiegen wir die ersten zehn Minuten mehr, als dass wir redeten. Als wir an der Weide vorbeikamen, an der ich an meinem ersten Spaziergang den gut aussehenden jungen Mann auf seinem Trecker gesehen hatte, machte  Ines beiläufig eine Bewegung nach rechts:

„Die Weide dort rechts, dass ist unsere.“

Nun wurde ich hellhörig: „Wie, das ist eure? Da habe ich letztens jemanden mit einem Trecker fahren sehen. War das vielleicht dein Bruder?“

Es machte mir Mühe, desinteressiert zu wirken und nur so mal nebenbei gefragt zu haben.

„Wie sah er denn aus?“

„Grüner Overall, dunkelblonde Haare, ungefähr so alt wie ich,“ stammelte ich halb aufgeregt, halb verlegen heraus.

„Kann schon sein, oder unser Azubi, der hat auch dunkelblonde Haare und nen grünen Overall trägt er meistens auch. Außerdem gurkt er ständig mit dem Trecker durch die Gegend. Na ja, ist ja auch egal, oder? Wo waren wir stehen geblieben? Ach, ja, warum bist du gerade hierher gezogen?“

„Ich liebe die Weite der Nordsee, die Landschaft und hoffe, dass ich hier zur Ruhe komme. Außerdem bin ich hier weit weg von Rainer. Auf den will ich so schnell nicht wieder treffen, meinetwegen überhaupt nicht mehr.“

„Was hat er dir denn bloß getan, Beziehungen gehen doch immer mal auseinander?“

„ Er hat mich betrogen, mit einem, der bis dato immer Hetero war. Fast vier Jahre waren wir zusammen, eigentlich immer glücklich, ganz selten haben wir uns gestritten. Es gab überhaupt keine Anzeichen dafür, dass es aus war. Es war nie langweilig, wir haben viel unternommen. Coole Partys, zweimal im Jahr Urlaub und überhaupt hätte ich nicht gedacht, dass er so schwanzgesteuert ist. Im letzten Jahr haben wir einen Tanzkurs zusammen gemacht und sind sogar als erstes schwules Pärchen der Tanzschule in die Tageszeitung gekommen.

Wir hatten immer beide viel mit unseren Jobs zu tun. Rainer arbeitete in der Gas- und Wasserinstallateur- Firma seines Onkels, die er später einmal übernehmen sollte. Also kniete er sich auch mächtig in die Firma rein und machte regelmäßig Überstunden. Doch das störte mich gar nicht so besonders, ich arbeitete auch viel und machte unseren Haushalt mit allem drum und dran. Die Zeit, die wir miteinander hatten, verbrachten wir sehr intensiv zusammen und meistens auch nur zu zweit.

Ich kann dieses Gefühl kaum beschreiben, wenn Rainer abends auf dem Flur vor mir stand. Er kam selten vor zwanzig Uhr nach Hause und in seinem Blaumann, (der allerdings meist vor Dreck stand und auch so roch,) sah er einfach zum Anbeißen aus.

Meistens weichte ich erst mal den Blaumann ein, um wenigsten den Gestank heraus zu bekommen, für die Flecken war es meistens eh zu spät. Und nachdem er aus der Dusche kam, bekam ich auch meinen Kuss. Es war jedes Mal wieder so wie beim ersten Mal.

Wie waren so ineinander verschossen, uns hätte nichts und niemand trennen können. Da hätte ich meine Hand für ins Feuer gelegt. ( Gut dass ich das nicht tat ). Einen Abend, es war wie immer, nur dass Rainer an diesem Abend bereits um achtzehn Uhr dreißig nach Hause kam. Das Essen hatte ich noch gar nicht ganz fertig.

Rainer duschte, ich machte in der Küche alles fürs Essen fertig und wartete auf Rainer. Er kam in die Küche, hatte sein rotes Sweatshirt an, trug die neue Jeans, roch nach Tommy Hilfiger, hatte gegelte Haare und sah einfach geil aus.

„Wollen wir noch weg?“, fragte ich ihn überrascht.

„Ja, das heißt nee. Ich will noch mit dem Neuen ein, zwei Bier trinken gehen. Bei uns hat heute doch ein Neuer angefangen. Er heißt Thomas ist sechsundzwanzig und sieht echt knackig aus. Will nur schnell was essen und zisch dann ab. Das ist ja wirklich nichts für dich, wenn wir den Betriebsablauf beschnacken und fachsimplen.“ Rainer war gut gelaunt, kein Anzeichen von Müdigkeit oder einem anstrengendem Tag.

 Ich bemerkte wie ich aus der Vergangenheit wieder erwachte und hatte wieder mit den Tränen zu kämpfen.

„ Ja, und was war da jetzt so schlimm dran?“, wollte Ines wissen.

Ich versetzte mich mit ein wenig Überwindung wieder in die Vergangenheit und erzählte weiter.

 „Ja, wie gesagt, Rainer war gut gelaunt, aß schnell sein Essen, gab mir einen schnellen Kuss und verschwand auch schon. Ich machte die Küche wieder klar, versuchte mich dann noch aufs Fernsehen zu konzentrieren. Ich weiß noch, dass es ein Freitag war und  Aktenzeichen X Y ungelöst lief, eine meiner Lieblingssendungen. Nur an diesem Abend war es mir wahrhaftig scheißegal, ob ein Goldschmied überfallen wurde, oder eine rumänische Bande zig Autos in den Osten schmuggelte. Ich grübelte und grübelte darüber, warum Rainer so verändert war.

Das hatte er noch nie gemacht, dass er einfach so mir nichts dir nichts mit einem neuem Kollegen was trinken gegangen ist. Neue Kollegen kamen immer mal, aber ich kann mich wirklich nicht erinnern, dass er sich je mit einem näher beschäftigt hatte. War ich jetzt einfach nur eifersüchtig, oder musste ich mir tatsächlich Sorgen machen.

Mir gingen noch tausend Gedanken durch den Kopf. Warum hatte er sich so ungewöhnlich schick angezogen, wenn er nur mit einem banalen Kollegen was trinken wollte? Warum war er auf einmal so spontan. Was hatte das Ganze zu bedeuten? Tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf und bündelten sich schließlich zu einem: Betrog Rainer mich?

Ich ging  nach XY ins Bett, mitbekommen hatte ich rein gar nichts davon und versuchte krampfhaft einzuschlafen. Ich hatte mich dann schließlich selber damit beruhigt, dass ich das wohl zu eng sehe und mich zu zimperlich anstellte, nur weil mein Freund mal los zog. Vom Dösen muss ich dann doch irgendwann in den Schlaf gerutscht sein. Als Rainer schließlich nach Hause kam, wurde ich wach und schaute auf den Radiowecker.

Demnach musste es schon eine sehr ausführliche Besprechung des Betriebsablaufes gewesen sein. Wo Thomas jetzt mindestens dreiviertel der Kunden auswendig kennen müsste.

Denn es war halb drei in der Nacht. Ich stellte mich schlafen und Rainer muss dann auch recht schnell eingeschlafen sein

Ich lag noch mindestens eine geschlagene Stunde wach und ärgerte mich maßlos. Am nächsten Morgen stand ich schon um halb acht auf, weil ich hellwach war und mich das still liegen wahnsinnig machte. Ich ging in die Küche, deckte den Kaffeetisch machte die Kaffeemaschine fertig und fuhr einkaufen. Ich kaufte das alltägliche für die Woche ein und entschied mich für den Abend Gulasch mitzunehmen, das mochte Rainer so gerne.

Als ich meine Einkäufe erledigt hatte fuhr ich nach Hause. Rainer schlief noch, ich packte alles aus machte schnell die Kaffeemaschine an und weckte Rainer.“–

 Mittlerweile kamen Ines und ich wieder bei mir zu Hause an, und wir machten es uns in meinem Wohnzimmer bequem, auf der Terrasse war es doch noch etwas kalt.-

 „Beim Frühstück plapperte Rainer wie selten. In jedem Satz ging es um den Thomas, er ist ein dufter Typ, mit dem könne man Pferde stehlen usw. Mir platzte die Hutschnur, mir reichst, immer dieser Thomas, kannst Du eigentlich auch noch von etwas anderem erzählen, als von diesem Thomas. Wir stritten noch den halben Samstag.

Das Gulasch aß ich dann schließlich alleine. Rainer war abgehauen, wohin, konnte ich nur vermuten. Tagelang schwiegen wir uns an. Am Wochenende darauf, versöhnten wir uns, aber es war nicht mehr so wie vorher, keiner erzählte dem anderem mehr, was am Tag so geschah, es belief sich mehr und mehr auf die nötigsten Gespräche. Ich fragte nicht mehr nach Thomas. Rainer war immer öfter abends alleine unterwegs, wohin sagte er mir nicht, ich fragte auch nicht.

Im März musste ich für drei Tage auf ein Seminar nach Köln. Freitagmorgen fuhr ich in Hamburg los und sollte am Sonntagabend  wieder zurück sein. Wir fuhren aber schon  am Samstagnachmittag wieder zurück, weil unser Dozent für Verkaufspsychologie sich  den Arm gebrochen hatte. Ich war nicht besonders böse drum, denn ich hatte eine Idee, wie ich Rainer zurückgewinnen könne. So gegen zwanzig Uhr dreißig kam ich zu Hause an.

Im Hausflur hörte ich aus unserer Wohnung laute Musik. Ich freute mich, Rainer schien ganz offensichtlich zu Hause zu sein, ich wollte ihm eine Reise schenken, für uns beide, damit wir wieder zueinander finden. Ich schloss die Tür auf, und suchte Rainer. Als ich ihn sowohl im Wohnzimmer, Küche, als auch im Bad nicht fand, beschlich mich ein Verdacht.

Ich ging langsam in Richtung Schlafzimmer. Bitte nicht, dachte ich. Langsam öffnete ich die Tür und sah meinen Liebsten und diesen Adonis in Aktion. Wie erstarrt stand ich auf der Schwelle. Nur Sekunden, die mir aber wie Stunden erschienen. Sie bemerkten mich nicht einmal.

Erst als ich fragte, ob es ihnen Spaß machte, zuckten sie zusammen.

Schweigend zog sich Thomas an und stürmte an mir vorbei. Entschuldigt hatte sich Rainer nicht, wofür auch? Nach einer schlaflosen Nacht auf der Couch, offenbarte ich Rainer am nächsten morgen, dass ich ihm eigentlich eine Reise schenken wollte, er sagte nichts. Mir schossen die Tränen in die Augen und ich rastete aus. Nun endlich sprach auch Rainer:

„Hör auf, Markus, dich so hysterisch aufzuführen! Du änderst nichts mehr daran, es ist aus!  Es hat keinen Sinn mehr mit uns. Du ödest mich an! Thomas ist cool, ich habe mich in ihn verliebt. Du musst damit leben. Ich werde mich trennen und mit Thomas neu anfangen. Er passt eh besser zu mir!“

Seine Worte trafen mich hart und unvorbereitet. Ich wollte schreien, weinen, ihm eine Ohrfeige verpassen, stattdessen wurde ich ruhig.

Ich ging ins Schlafzimmer packte ein paar Klamotten zusammen und ging. Ich fuhr zu meiner Cousine Dafne und blieb dort erst einmal.

Dann ging alles recht schnell, ich bat darum nach Husum versetzt zu werden, was auch ohne Probleme über die Bühne ging, nahm mir eine Woche Urlaub, fuhr hierher und suchte mir diese Wohnung.

Meine Sachen und Möbel holte ich immer am Tage aus unserer Wohnung, um Rainer nicht zu begegnen. Bis auf einmal funktionierte es auch immer. Rainer blieb absichtlich zu Hause, er hatte sich einen Tag Urlaub genommen, und wollte sich mit mir aussprechen.

Ich muss schon zugeben, ich gab ihm nicht den Hauch einer Chance auf ein Gespräch. Er versuchte immer wieder, während ich meine Tassen und Teller in Zeitungspapier einwickelte, mir seine Sicht der Lage zu erklären, doch ich ging nicht darauf ein. Als ich ging, kam mir dieser Thomas in seiner Arbeitskluft entgegen, ich ignorierte ihn.