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Im Oktober des Jahres 1834 wird im Öresund, der Meerenge zwischen Dänemark und Schweden, auf der dänischen Seite die Leiche eines etwa 25-jährigen Mannes im Wasser gefunden. Vizekommissar Gulbrandsen wird mit der Aufklärung des Falles beauftragt. Es stellt sich heraus, dass seine Familie aus Schweden stammt. Der Vizekommissar macht sich daraufhin auf den Weg nach Schweden, um dort seine Ermittlungen fortzuführen. Im zweiten Teil sorgt der Protagonist selbst für Aufklärung, indem er seine Geschichte erzählt.
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Seitenzahl: 153
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Ingo T Herzig
Lars
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Fund
Anna Nielsen, Lehrerin
Charlottenlund
Dienstreise nach Schweden
Alma Hænning, Haushälterin
Söndergård
Rosalinde Svensson, geborene Kongstad
Gymnasium
Hanna Jansson, geborene Willenborg
Dörthe Grabert
Nachfrage auf dem Schulamt
Kindergenesungsheim „Christina“ in Kristianstad
Vizekommissar Gulbrandsen kehrt nach Dänemark zurück
Charlottenlund, 1. Teil
Stockholm
Söndergård
Äffchen Siw
Kindergenesungsheim „Christina“
Grit
Gymnasium
Dörthe und Hans-Christoff
Drottningskär
Annalena
Lars Nr. 2
Charlottenlund, 2. Teil
Impressum neobooks
Ingo T. Herzig
Teil 1
Vizepolizeikommissar Gulbrandsen knöpfte seinen Mantel bis oben hin zu, klappte den Kragen hoch, um sich gegen den nasskalten Herbstwind zu schützen, der vom Öresund her wehte, und zog an seiner Zigarre, um sich auch innen zu wärmen. Polizeiassistent Hofmann trat neben und vermeldete: „Der Arzt kommt gleich und der Leichenwagen ist auch schon unterwegs.“
Gulbrandsen nickte nur kurz und wandte sich wieder dem Leichnam zu, den ein Fischer vorhin aus dem Wasser gezogen hatte. Es handelte sich um die Leiche eines etwa 20- bis 25-jährigen Mannes, der mit einem Badekostüm bekleidet war und daher keinerlei Ausweispapiere mit sich führte.
„Wer um alles in der Welt geht um diese Jahreszeit baden?“, murmelte der Vizekommissar vor sich hin.
„Und Sie sind sich ganz sicher, dass Sie diesen Mann noch nie zuvor gesehen haben?“, fragte er laut noch einmal den Fischer, dem der Schreck noch immer im Gesicht geschrieben stand. Da es dem Gefragten offenbar noch schwerfiel, nach diesem Schock zu sprechen, schüttelte er hektisch den Kopf.
„Danke, Sie können gehen“, entließ der Vizekommissar ihn und der Fischer entfernte sich mit großer Erleichterung.
Wenig später traf der Dorfarzt Dr. Olson ein, welcher den Leichnam in Augenschein nahm. Er stellte auf den ersten Blick keine äußerlichen Verletzungen fest und meinte, der Tod sei wahrscheinlich durch Ertrinken eingetreten. Ob suizidal oder durch Fremdeinwirkung, vermöge er nicht zu beurteilen. Fremdeinwirkung scheide wohl aus; es gab keine Kampf- oder Abwehrspuren. Genaueres könne nur durch eine Obduktion festgestellt werden.
Der Leichnam wurde nach Kopenhagen ins Spital verbracht, wo er einer gründlichen Leichenschau unterzogen wurde. Aber auch der dortige Chefarzt, Dr. Wallengren, vermochte nichts wesentlich Anderes zu sagen als sein Kollege vom Lande, welcher den Toten zuerst in Augenschein genommen hatte, auch wenn er genauere Angaben machen konnte.
„Es gibt keine Anzeichen von Fremdeinwirkung. Er ist nicht ertrunken“, lautete Dr. Wallengrens Diagnose. „In der Lunge ist nur ganz wenig Wasser. Die Todesursache war Herzversagen. Er hat dann noch eine kurze Weile gelebt und Wasser aspiriert. Das war aber nicht todesursächlich. – Das ist von meiner Seite alles. Herauszufinden, wie es dazu gekommen, das ist Ihre Aufgabe, meine Herren.“
„Eine nicht gerade leichte“, murmelte Vizekommissar Gulbrandsen. „Wenn wir wenigstens wüssten, wer er ist!“
„Können Sie uns sagen, wie lange er im Wasser gelegen hat, Herr Doktor?“
„Schwer zu sagen. Bei der derzeitigen Wassertemperatur können es Tage oder auch Wochen sein.“
„Fürs Protokoll“, sagte er zu seinem Assistenten Hofmann gewandt, „Leichenfund: 15. Oktober 1834. Ort: Strand bei Charlottenlund … und so weiter und sofort.
Vizekommissar Gulbrandsen ließ Zeichnungen des Toten anfertigen, die er in den lokalen Zeitungen veröffentlichen und zusätzlich aushängen ließ, damit möglichst viele Bürger angesprochen würden.
Auch wenn der Vizekommissar damit nicht gerechnet hatte, so zeigte seine Strategie doch rasch Wirkung. Bereits nach wenigen Tagen langte auf seinem Schreibtisch eine Meldung vom Kommissariat in Kopenhagen ein. Jemand, hieß es in der Meldung, habe sich gemeldet, der den Toten kenne. Vizekommissar Gulbrandsen fuhr in die nahe Hauptstadt, um mit der Frau, welche sich auf der Polizeistation gemeldet hatte, persönlich zu sprechen. Sein hiesiger Kollege, Inspektor Nørgaard, hatte sie bereits vorladen lassen.
„Ich bin Vizekommissar Gulbrandsen von der Polizeistation in Kongens Lyngby“, stellte er sich der älteren Dame vor, die ein wenig scheu vor ihm stand. Sie hatte noch nie etwas mit der Polizei zu tun gehabt, geschweige denn mit einem so hohen Beamten. Sie kam sich beinahe schuldig vor. Der Kommissar bemerkte dies und beruhigte sie:
„Keine Angst, Frau Nielsen, mich interessiert nur, was Sie über diesen Toten wissen. Sie sind die Einzige, die sich auf unsere Anzeige hin gemeldet hat.“
„Ich bin mir nicht ganz sicher“, raffte sie sich schließlich auf, „aber ich glaube, bei dem Toten handelt es sich um Lars Henström. Aber beschwören will ich es nicht; denn als ich ihn zum letzten Mal sah, war er sieben Jahre alt. Ich war ein Jahr lang seine Lehrerin. Das war vor etwa zwanzig Jahren, ich weiß es nicht mehr so genau.“
„Was hat Sie auf den Gedanken gebracht, dass es dieser Lars Henström sein könnte“, wandte Inspektor Nørgaard ein, „wenn es denn schon so lange her ist, seitdem Sie ihn zuletzt gesehen haben?“
„Die Ähnlichkeit“, versetzte Frau Nielsen. „Das schmale Gesicht, vor allem das Kinn, hat er von der Mutter, die Augen vom Vater. Ich würde sogar sagen, dass er seinen Eltern jetzt noch ähnlicher sieht als damals als Kind; aber die Gesichtsform hat mich schon damals an Frau Henström, seine Mutter, erinnert.“
„Das klingt plausibel, und als Lehrerin hatten Sie Tag für Tag die Gelegenheit, Ihre Schüler in Augenschein zu nehmen. – Erzählen Sie, was Sie wissen.“
„Ich war wie gesagt seine Lehrerin. Seine Familie stammt aus Blekinge in Schweden, das heißt, seine Mutter ist aus Blekinge. Sein Vater stammt, wenn ich mich recht erinnere, aus Stockholm. Er war – ich nehme an, er befindet sich inzwischen im Ruhestand – Herr Henström war von Beruf Kaufmann und hier in Kopenhagen für eine Stockholmer Reederei tätig. Vor etwa zwanzig Jahren – Lars war da gerade wie gesagt sieben Jahre alt – sind sie nach Schweden zurückgegangen. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde sein Vater an den Firmensitz in Stockholm zurückbeordert und bekam eine andere Position. Jedenfalls sind sie nach Schweden zurückgekehrt. Seitdem habe ich nichts mehr von ihnen gehört.“
„Vielen Dank, Frau Nielsen. Sie haben uns sehr geholfen. Wir werden dem nachgehen.“
Frau Nielsen erhob sich und wandte sich zur Tür. Bevor sie jedoch hindurchschritt, blieb sie stehen, drehte sie sich noch einmal um und erzählte, einem inneren Bedürfnis folgend, weiter: „Ich hatte den Eindruck, dass Lars nicht gerne von hier weggegangen ist. Als bekannt geworden war, dass die Familie nach Schweden zurückkehren würde, wirkte er noch stiller als üblich, richtig deprimiert. – Darf ich fragen, was … was ihm zugestoßen ist?“
„Wir haben ihn bei Charlottenlund aus dem Öresund gefischt“, antwortete Vizekommissar Gulbrandsen. „Bisher wissen wir nur, dass er im kalten Wasser an einem Herzschlag gestorben ist. Es sieht so aus, als sei er baden gegangen – mitten im Oktober.“
Die Lehrerin fand mehrere Minuten lang keine Worte. Als sie sich wieder einigermaßen gefasst hatte, sagte sie:„Charlottenlund sagen Sie … Die Familie hatte oder hat immer noch in Charlottenlund eine Sommerfrische.“
Die Augen der beiden Polizeibeamten weiteten sich.
„Aha, interessant“, sagte Inspektor Nørgaard. „Was wissen Sie noch alles über Lars’ Kindheit?“
„Er war Einzelkind und ziemlich zurückgezogen“ fuhr Frau Nielsen fort, nachdem sie wieder Platz genommen hatte. „Es mag auch daran gelegen haben, dass er nicht ganz gesund war.“
„Was hatte er denn?“
„Er war schwindsüchtig. Sie sind manchmal hinüber nach Schweden gefahren, um dort einen Arzt aufzusuchen, der sich damit auskannte. Die Mutter kam dann persönlich zu mir, um den Jungen zu entschuldigen. Ich war einmal in den Sommerferien mit in Charlottenlund, um mit Lars den versäumten Lehrstoff nachzuarbeiten. Dies war ein ganz angenehmes Zubrot. Die Henströms waren sehr großzügig. Dort war der Junge häufiger draußen und hatte sogar auch Kontakt.“
„Kontakt? Mit wem?“
„Mit einem Mädchen aus dem Ort. Mit ihr lag er oft stundenlang auf einer Wiese. Am Strand habe ich sie auch gesehen. Es kann sein, dass seine Eltern gar nichts davon wussten. Sie hätten es wohl nicht geduldet, da sie Angst hatten, er könne sich von anderen etwas zuziehen. Vor allem seine Mutter war da übervorsichtig.“
„Sie wissen nicht zufällig, wer dieses Mädchen war?“
„Tut mir leid. Der Kleidung nach kam sie aus einer – wie soll ich sagen? – weniger wohlhabenden Familie. Sie hatte lange dunkle Haare, wirkte fast wie eine Ausländerin; aber aus der Nähe habe ich sie nie gesehen. Ich wollte nicht stören. Zu ihr hatte er allem Anschein nach eine gewisse Nähe aufgebaut.“
„Wie war Lars als Schüler? Wie war sein Verhältnis zu seinen Mitschülern?“
„Zurückhaltend. Er hat sich nicht viel mit seinen Mitschülern beschäftigt und sie sich nicht mit ihm. Wenn die anderen draußen gespielt haben, hat er sich allein mit anderem beschäftigt.“
„Womit?“
„Gelesen, gemalt – ich weiß es gar nicht mehr so genau. Ich hatte ja keinen privaten Kontakt mit ihm, und auch die anderen Kinder erforderten meine Aufmerksamkeit, fast noch mehr als Lars. Wenn alle so pflegeleicht gewesen wären wie er …“
„Vielen Dank, Frau Nielsen. Das hilft uns ein ganzes Stück weiter“, bedankte sich Vizekommissar Gulbrandsen. Die beiden Polizeibeamten begleiteten sie zur Tür.
„Dann werden wir jetzt die Firma aufsuchen, wo Henströms Vater gearbeitet hat“, beschloss Inspektor Nørgaard. „Wissen Sie, wo das ist?“
In der Reederei, welche gleich am Hafen lag, erfuhren die Polizeibeamten, nachdem einige Personalakten aus dem Archiv herangeholt worden waren, dass Herr Walter Henström an den Firmensitz in Stockholm versetzt worden sei, um dort eine leitende Funktion zu übernehmen. Die ganze Familie sei ihm nach Schweden gefolgt.
„Das heißt“, meinte Inspektor Nørgaard, „dass wir weitere Antworten in Stockholm finden.“
„Und dieses Mädchen, mit dem Lars Henström seine Zeit in Charlottenlund verbracht hat? Hätten Sie eine Idee, wie wir es finden könnten?“
„Wie denn? Nach über zwanzig Jahren? Schwerlich, zumal wir nicht einmal ihren Namen kennen. Und selbst wenn – wer weiß, ob sie sich überhaupt noch an ihn erinnert.“
Gulbrandsen seufzte tief. Der Fall schien sich als komplizierter zu erweisen als er vermutet hatte.
Die Nachforschungen in den Taufbüchern der Kirchen ergaben schließlich Aufschluss über die Identität des jungen Mannes: Es handelte sich um Lars Henström, geboren am 15. Februar 1810 in Kopenhagen.
„Das genaue Sterbedatum wissen wir leider nicht“, brummte Vizekommissar Gulbrandsen in sich hinein, als es darum ging, den vorläufigen Bericht abzufassen.
„Zumindest wissen wir, dass er verstorben ist“, meinte Inspektor Nørgaard. „Er war noch keine dreißig! – Was für ein Sterbedatum werden Sie in den Bericht schreiben?“
„Ich nehme den Tag vorher, den 14. Oktober. Damit ist der Bürokratie vorerst Genüge getan. Vorerst.“
Das einstöckige Haus mit dem Reetdach stand außerhalb des Dorfes nicht weit vom Strand. In der Nähe lag das gleichnamige Schloss. Das kleine Grundstück war von einer kniehohen Mauer eingefasst. Vor dem Haus standen ein Tisch und mehrere Stühle. Man hörte hier die Wellen rauschen. Vizekommissar Gulbrandsen konnte sich eines tiefen Seufzers nicht erwehren. Er hätte nicht übel Lust gehabt, sich sogleich auf einem der Stühle niederzulassen, um die Ruhe zu genießen, die Wellen rauschen zu hören und nicht weiter an seine Arbeit denken zu müssen. Das triste Oktoberwetter spielte kaum eine Rolle. Die Wirklichkeit sah indes anders aus.
Der Vizekommissar öffnete die Gartentür und betrat zusammen mit Polizeiassistent Hofmann das Grundstück. Gulbrandsen wies den Assistenten an, sich umzuschauen, ob irgendwo, sei es unter einem Stein oder auf einem Fensterrahmen, ein Schlüssel verborgen sei. Er selbst schaute sich auch um. Er ging in den Schuppen nebenan, wo einige Gartenwerkzeuge und Angelruten aufbewahrt waren. Dort griff er in Schachteln und auf Regalbretter; aber seine Bemühungen erwiesen sich als ebenso erfolglos wie die des Assistenten, der ebenfalls Schulter zuckend von seiner Suchmission zurückkehrte. Darauf griff er in seine Tasche, holte einen Dietrich hervor und begann damit das Schloss zu öffnen.
„Ha, was machen Sie da?“, ertönte plötzlich eine laute männliche Stimme. „Was haben Sie dort zu suchen?“
Ein hagerer älterer Mann in einem langen Mantel und mit Zylinder und Stockbewaffnet kam herbeigerannt. Er stürmte auf das Grundstück der Henström’schen Sommerfrische und kam nur mit Mühe zum Stehen, wobei er Vizekommissar Gulbrandsen, der sich ihm in den Weg gestellt hatte, beinahe umrannte.
„Was suchen Sie hier auf diesem Grundstück?“, fragte der Mann.
„Das könnten wir Sie auch fragen“, versetzte der Vizekommissar und hielt ihm seine Polizeimarke vors Gesicht. „Vizekommissar Gulbrandsen, Polizeidienststelle Kongens Lyngby. Und wer sind Sie?“
„Mein Name ist Bergmann, ich bin Bürgermeister von Charlottenlund. Mir wurde berichtet, dass zwei unbekannte Männer dieses Grundstück betreten hätten und sich am Haus zu schaffen machten. Darf ich fragen, was Sie hier suchen?“
„Wir ermitteln“, antwortete Polizeiassistent Hofmann. „Kennen Sie die Besitzer dieses Sommerhauses?“
„Nur flüchtig. Eine Familie Henström aus Schweden. Der Vater suchte mich im Amt auf. Hier war schon seit Jahren niemand mehr. Darf ich fragen, was Sie hierherführt?“
„Kannten Sie auch den Sohn der Familie, Lars Henström?“, fragte Vizekommissar Gulbrandsen.
„Nur vom Sehen. Aber warum sagen Sie kannten?“
„Weil wir ihn gestern hier in der Nähe aus dem Öresund geholt haben. Tot.“
„Tot?“
„Herzstillstand, wohl durch das kalte Wasser. Er war im Badekostüm, das heißt, er wollte baden gehen. Wir stehen vor allerhand Fragen“, erklärt Gulbrandsen.
„Daher wollen wir uns in dem Haus umsehen“, sagte der Polizeiassistent. „Vielleicht finden wir irgendwelche brauchbaren Hinweise.“
„Ich denke eher nicht“, wandte Bergmann ein. „Hier war meines Wissens lange keiner mehr. Aber gut.“
„Sie wissen auch nicht zufällig, ob es hier einen versteckten Schlüssel gibt?“
„Keine Ahnung. Vielleicht kann Ihnen Alma Hænning, die ehemalige Haushälterin der Henströms, weiterhelfen. Die wohnt in Kopenhagen, stammt aber von hier.“
„So lange können wir nicht warten“, wandte Gulbrandsen ein. „Außerdem ist es ja gar nicht sicher, dass sie einen Schlüssel besitzt oder ob sie sonst weiß, wie man hineinkommt. Aber danke für den Hinweis, Herr Bergmann! – Herr Hofmann, bitte!“
Der junge Polizeiassistent setzte gekonnt den Dietrich an, und in wenigen Augenblicken war die Tür geöffnet, ohne dass das Schloss einen Schaden davontrug.
„Sie gäben einen tüchtigen Eibrecher ab“, meinte Bürgermeister Bergmann.
„In unserem Beruf muss man wissen, wie die andere Seite arbeitet“, erwiderte Vizekommissar Gulbrandsen.
Die drei Männer betraten gespannt das Haus.
Das recht geschmackvoll eingerichtete Innere entlockte dem Vizekommissar einen abermaligen Seufzer. Hier mal ein paar Tage ausspannen zu können, das wäre etwas! Durch die Tür betrat man gleich das Wohnzimmer. Die Tür zur Rechten führte in die Küche. Direkt der Eingangstür gegenüber führte eine Treppe ins Dachgeschoss, wo sich zwei Schlafräume befanden. Einer davon war unzweifelhaft das Schlafzimmer der Eltern gewesen. Im anderen hatte Lars seinen Unterschlupf gehabt. Davon zeugten die Bücher, Bilder und Spielzeuge an den Wänden und auf Wandregalen.
Alle drei stutzten. Das Bett erweckte den Eindruck, als habe erst kürzlich jemand darin genächtigt. Bei, genaueren Hinschauen fiel auf, dass die Staubschicht hier in diesem Zimmer bei weitem nicht so ausgeprägt war wie zum Beispiel im Raum, den man unschwer als Schlafzimmer der Eltern identifizieren konnte. Gulbrandsen öffnete den Kleiderschrank. Darin hing ein Anzug, und im Fach darunter stand ein Paar Schuhe. In einer der Schubladen lag Unterwäsche, die ebenfalls nicht so wirkte, als liege sie seit langer Zeit dort. Polizeiassistent Hofmann rannte hinunter in die Küche und meldete: „Hier sind Reste von Nahrungsmitteln. Das Geschirr wurde erst kürzlich benutzt – und es muss sich unlängst jemand hier rasiert haben.“
Kein Zweifel: Lars Henström hatte sich vor seinem Tod hier aufgehalten.
Eine Umfrage bei den Dorfbewohnern ergab, dass sie tatsächlich jemanden im und um das Sommerhaus gesehen hatten. Es sei wohl ein junger Mann gewesen; aber auf die Entfernung habe man dies nicht genau erkennen können. Im Dorf hatte er sich offenbar eher selten gezeigt. Als der Kaufmann ihn fragte, ob er ein Angehöriger der Familie Henström sei, bejahte der Fremde kurz und knapp und gab an, ein Neffe von Herrn Henström zu sein, der sich hier von einer Krankheit erholen wolle.
Mehr war hier beim besten Willen nicht herauszubekommen. Weitere Antworten würden sich nur noch in Schweden finden lassen, wohin die Familie zurückgekehrt war. Vizekommissar Gulbrandsen wandte sich am nächsten Tage an die vorgesetzte Behörde in Kopenhagen, um den Fall zu schildern und sie zu bitten, um Amtshilfe vor Ort anzusuchen. Der Polizeipräsident beauftragte Gulbrandsen selbst mit den Ermittlungen im Nachbarland und ließ ihm einen Geleitbrief ausfertigen, welcher ihn dazu befugte, selbst um Amtshilfe bei der schwedischen Polizei zu anzusuchen. Es sei sicherer und vor allem schneller, als die Akten mit der Post zu schicken. Vizekommissar Gulbrandsen fuhr hernach gleich nach Hause, um zu packen.
Nach einer beschwerlichen Schiffsreise durch den vom Herbstwind aufgewühlten Öresund, um die Länder Schonen und Blekinge herum und schließlich an Schwedens Ostküste entlang gen Norden erreichte Vizekommissar Gulbrandsen an einem ungemütlichen Nachmittag gegen Ende Oktober die schwedische Hauptstadt und wandte sich gleich nach seiner Ankunft umgehend an das dortige Polizeipräsidium mit dem Ziel, dort um Amtshilfe anzusuchen. Am liebsten hätte er seine Ermittlungen unverzüglich fortgesetzt; aber sein schwedischer Kollege, Kommissar Lundahl, konnte ihn überzeugen, dass um diese Uhrzeit nichts mehr auszurichten sei, und empfahl ihm eine preiswerte Herberge.
Am folgenden Tag begleitete der Stockholmer Kommissar Lundahl seinen dänischen Kollegen zum Hauptsitz der Reederei, für welche der Vater des Toten einst tätig gewesen war. Es dauerte einige Zeit, bis sie sich in dem großen Kontorgebäude, das im Baustil und auch durch seine Lage unmittelbar am Hafen an die Zeit der Hanse erinnerte, zurechtgefunden hatten. Die Auskünfte, welche sie von dem Pförtner und auch den Angestellten, denen sie begegneten, erhielten, empfand Gulbrandsen eher als noch mehr verwirrend als aufschlussreich. Seinem schwedischen Kollegen schien es ebenso zu gehen, was ihm eine gewisse Beruhigung verschaffte. Also lag es nicht an der schwedischen Sprache, welcher Gulbrandsen als Däne bislang problemlos hatte folgen können.
