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Die vorliegende Geschichte ist eine Tagebucherzählung. Die Geburt ihres Sohnes Jens nötigt die Protagonistin Claudia dazu, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen, die sie bislang verdrängt hat. Durch Sohn Jens kommt die Erinnerung an ihren jungen Cousin Jakob zum Vorschein, mit dem sie sich in ihrer Heimatstadt Reichenberg beschäftigt hat und der später im Alter von fünf Jahren bei einem Bombenangriff in Berlin ums Leben kommt.
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Seitenzahl: 34
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Ingo T. Herzig
Jakob
Aus dem Tagebuch von Claudia W., geb. L.
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Berlin, 15.6.1961
16.6.1961
18.6.1961
19.6.1961
20.6.1961, nachts bzw. früh am Morgen
23.6.1961
25.6.1961
28.6.1961
29.6.1961
30.6.1961
1.7.1961
2.7.1961
3.7.1961
4.7.1961
5.7.1961
Reichenberg, 8.7.1961
9.7.1961
10.7.1961
11.7.1961
Berlin, 13.7.1961
14.7.1961
15.7.1961
Boltenhagen, 17.7.1961
18.7.1961
20.7.1961
21.7.1961
Worterklärungen:
Impressum neobooks
Ingo T. Herzig
Jakob
Aus dem Tagebuch von Claudia W., geb. L.
Jens schläft und ich finde endlich wieder Ruhe und Muße für mein Tagebuch, das lange untätig in der Schreibtischschublade ausharren musste.
Seit zwei Tagen bin ich wieder aus dem Krankenhaus draußen. Die Geburt war nicht leicht und dauerte lange; aber schließlich und endlich entschloss sich unser Kleiner nun doch, sich ins Leben zu wagen.
Mutter und Kind sind wohlauf – und der glückliche Vater ebenfalls. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ihm die Geburt mehr Schmerzen bereitet hat als mir. Männer!
Auch die Sonne scheint sich zu freuen. Am Tag vor meiner Entlassung war es noch grau und regnerisch; doch als es nach Hause ging, strahlte die Sonne ebenso wie die ganze junge Familie Wolf.
Der Kleine ist aufgewacht. Ich muss nach ihm sehen.
Jens hat mich gestern ganz schön auf Trab gehalten. Er ist unglaublich lebhaft, braucht eine Menge Aufmerksamkeit. Darin unterscheidet er sich von Jakob.
Jakob! Auf einmal denke ich wieder an ihn. Die ganzen letzten Jahre habe ich so gut wie gar nicht an ihn gedacht.
Ja, genau darin unterscheidet sich Jens von Jakob. Jens braucht eine Menge Aufmerksamkeit und Zuwendung und holt sie sich auch; aber Jakob war die Ruhe in Person. Er meldete sich nicht, selbst wenn man ihn mal vergaß. Selten bei Babys.
Und doch sind sich beide so ähnlich. Wenn ich Jens so im Kinderwagen oder in der Wiege liegen sehe, fühle ich mich geradezu um zweiundzwanzig Jahre zurückversetzt und meine, Jakob vor mir zu haben. Sie haben beide außerdem fast am gleichen Tag Geburtstag. Jakob hatte am 9. Juni Geburtstag. Jens ist gerade mal einen Tag später geboren als Jakob – einen Tag und zweiundzwanzig Jahre später.
Stimmt, je mehr ich mir meinen kleinen Sohn anschaue, desto mehr bestätigt es sich: Er sieht meinem verstorbenen Cousin Jakob unheimlich ähnlich. Das Wort „unheimlich“ passt hier wie angegossen.
Ist „verstorben“ eigentlich das richtige Wort? „Verstorben“ klingt für mich eher nach einem natürlichen Tod. Jakob starb keines natürlichen Todes. Nichts war damals natürlich. Er wurde keine fünf Jahre alt. Heute wäre er 21. Was würde er heute machen? Wie würde er heute aussehen?
Ja, mir wird erst jetzt so richtig bewusst, dass ich die letzten Jahre nicht mehr an Jakob gedacht habe. Nun ist die Erinnerung auf einmal wieder da. So plastisch, als hätte ich ihn erst gestern das letzte Mal gesehen. Auch der Schmerz ist wieder da. Wahrscheinlich habe ich genau deswegen die ganzen Jahre nicht mehr an ihn gedacht – nicht an ihn denken können. Ich habe ihn verdrängt – das heißt, nicht ihn, Jakob, sondern die schmerzliche Erinnerung, die sich mit ihm verbindet. Vielleicht soll Jens mich an ihn erinnern, wer weiß.
Unheimlich – das Wort passt wirklich wie angegossen. Ich bin gerade schweißgebadet aufgewacht und bin jetzt so aufgedreht, dass ich nicht wieder einschlafen kann. Hoffentlich fühlt sich Gerhard durch das Licht nicht gestört. Er muss früh aufstehen.
Im Traum hörte ich einen lauten Knall. Nein, es war eher ein Donnerschlag, der alles erschütterte. Ich zuckte im Bett zusammen. Aber wach wurde ich erst durch das Weinen eines Kindes. Ich dachte zuerst, Jens habe geschrien; doch der lag ruhig in seinem Bettchen. Dann fiel es mir wieder ein: Ich hatte im Traum Jakob in seinem Kinderwagen liegen sehen und schreien hören. Das hat mich geweckt.
