Lass gehen, wen du liebst - Lisa Balavoine - E-Book

Lass gehen, wen du liebst E-Book

Lisa Balavoine

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Beschreibung

Von den Menschen, die wir lieben, besitzen wir nichts. Nach dem plötzlichen Tod der Mutter verspürt Lisa Balavoine das Bedürfnis, sich ihr schreibend wieder anzunähern. Sie zeichnet das Porträt einer Frau, erzählt von einer komplexen Mutter-Tochter-Beziehung. So intim diese Erzählung ist, so universell ist sie auch: Lisa Balavoine schreibt unaufdringlich über die Widersprüchlichkeiten von Mutterschaft, über Muster, die wir unbewusst übernehmen und weitergeben, über den Umgang mit Tod und Trauer und wie schwer es ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Ihre poetische wie pfeilgenaue Sprache ist dabei Rettung und Genuss.

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Seitenzahl: 155

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Lisa Balavoine

Lass gehen, wen du liebst

Roman

Aus dem Französischenvon Ela zum Winkel

Die Übersetzerin dankt ATLAS (Association pour la promotion de la traduction littéraire) und der Stadt Wien für die Unterstützung ihrer Arbeit an diesem Buch.

Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der französischen Botschaft in Berlin.

Meiner Mutter, die ich wie verrückt geliebt habe.

Meiner Schwester, unseren Töchtern.

«Alles, was ich ihr nicht gegeben habe, konnte ich nicht behalten, alles, was ich ihr nicht gegeben habe, ist verloren.»

Emmanuelle Pagano, Nouons-nous.

«Und doch hatten wir gute Zeiten

Bestimmt hatten wir gute Zeiten

Irgendwann werde ich mich an sie erinnern.»

Pascal Bouaziz, Passages.

Inhalt

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Playlist zum Buch

Leseprobe

Kapitel 1

Kapitel 2

Sie liegt da, sie wirkt friedlich.

Aber ich muss Sie vorwarnen: Die Wohnung ist ziemlich verwahrlost. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen helfen kann.

Ich erhalte diese Nachricht am späten Nachmittag, an einem Freitag im Juli. Draußen hat der Sommer seinen Höhepunkt erreicht, man kommt um vor Hitze.

Ich erinnere mich vor allem an diese Hitze.

An diesem Tag bin ich in Paris, wo ich nicht lebe. Ich habe die Nacht mit einem Mann verbracht, der mich schon fast nicht mehr liebt und den ich nicht verlassen kann. Nicht nur dazu fehlt mir der Mut.

Nachdem er gegangen ist, bin ich faul im Bett liegen geblieben. Vielleicht habe ich ein paar Seiten in einem Roman gelesen, vielleicht bin ich wieder eingeschlafen. Ich bin kein Morgenmensch, ich bin ein Mädchen der Nacht und der sich hinziehenden Träume, der in Trägheit gehüllten Regungen.

Gegen Mittag zwinge ich mich aufzustehen, um eine Ausstellung zu besuchen. Ed van der Elsken, im Jeu de Paume. Ich verharre lange vor der Fotografie eines Kusses, sie überwältigt mich, ich verlasse das Museum mit dem Bild dieses Paares im Kopf. Die Intensität dieses Kusses. Diese Münder, wie sie einander verschlingen. Ich weiß nicht, ob ich jemals so geliebt wurde.

Ich streune durch die Straßen der Hauptstadt auf der ständigen Suche nach Schatten. Es ist schwül, die Metro ist brechend voll, die Stadt wimmelt von Menschen. Ich taumle, kehre um, alles um mich herum scheint sich zu drehen. Schweißgeplagt beeile ich mich, nach Hause zu kommen. Ich bleibe lange unter der eiskalten Dusche, das Wasser sticht pulsierend wie die Nadeln eines Tätowierers auf mich ein. Meine nassen Haare lasse ich über den Schultern abtropfen, planlos streife ich nackt durch das Wohnzimmer.

Mir scheint, dass ich seit Monaten, vielleicht schon seit Jahren, zu nichts mehr Lust habe. Nichts tun kann mit diesen verlorenen, vergessenen Sehnsüchten, als hätte die Dünung sie fortgetragen. Mich vom immergleichen Auf und Ab tragen lassen, wählen, aufgeben, von Neuem beginnen. Vielleicht hört man nie auf, es mit dem Leben zu versuchen.

Vor mir erstreckt sich der offene Horizont. Der beginnende Sommer entfaltet sich wie ein weißes Blatt Papier. Meine Kinder sehe ich erst in etwa zehn Tagen wieder. Der Juli gleicht einem Versprechen.

Ich könnte aufhören, auf diesen Mann zu warten, meine Sachen packen, verschwinden und alles zum Teufel jagen. Ich könnte, wenn ich mich denn entscheiden würde.

Und dann erscheint diese Nachricht auf meinem Handy und mein Blick erstarrt. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen helfen kann.

Diese Worte schickt mir mein Arzt, der auch deiner ist.

Ich verstehe nichts, nur, dass du tot bist.

I.

Du bist eine junge, geschiedene Frau Anfang der Achtzigerjahre. Mit fünfundzwanzig hast du von heute auf morgen alles stehen und liegen lassen, deinen Mann, das Haus auf dem Land, das ihr gerade erst gekauft hattet, deine ersten Träume, du bist gegangen und hast ein fast vierjähriges Mädchen in dein neues Leben mitgenommen. Erst bist du mit einem anderen Mann zusammengezogen, einer Affäre wie du sie manchmal hast, aber das hat nicht lange gehalten, du bist nicht für lange Beziehungen gemacht. Du hast eine Wohnung für dich und deine Tochter gefunden. Deine langen Haare hast du auf Schulterhöhe abgeschnitten, es steht dir, ab und zu bindest du dir Tücher um den Kopf, dann siehst du ein bisschen aus wie Romy Schneider in Die Dinge des Lebens. Alle finden, dass du eine schöne Frau bist, du bist groß und schlank, wählst immer Kleidung, die gerade in Mode ist, Jeans, ausgestellte Röcke, Lederjacke. Du magst es, den Abend mit Freunden zu verbringen, unterwegs zu sein, in Clubs zu tanzen, die Möbel neu zu streichen und den ganzen Tag zu rauchen. Du magst auch die französischen Chansons auf Radio FM, impressionistische Malerei, Pflanzen, Filme mit Bernard Giraudeau, Miou-Miou und Patrick Dewaere, bis spät in die Nacht aufzubleiben, Fernsehserien, Véronique Jannot in Pause café, den Lidschatten im gleichen Grün wie deine Augen, ein goldschimmerndes Grün, zu baden, Körpercremes zu kaufen, deine Nägel zu lackieren, deine Arbeit als Sekretärin, zu lesen, Romane und Frauenzeitschriften, schnell und ohne Gurt zu fahren, zu gefallen, zu verführen und mit Männern zu schlafen. Du magst es nicht, wenn man dir widerspricht, länger an einem Ort zu bleiben, deine Rechnungen zu bezahlen, lästige Bürokratie (das ist nicht dein Ding, auch wenn du eigentlich nicht weißt, was genau das ist, dein Ding), du magst es nicht zu kochen, einzukaufen, deine Ex-Freunde wiederzusehen, sie dir mit anderen Frauen vorzustellen, als könnte man über dich hinwegkommen, wie absurd, eine Frau wie dich vergisst man nicht, eine Frau wie dich gibt es kein zweites Mal. Du magst es nicht, als Mutter bezeichnet zu werden, die damit einhergehenden Pflichten, am Elternsprechtag zu erscheinen, Hausaufgaben zu kontrollieren, zu spielen, Geschichten vorzulesen. Du magst es nicht, dich auf jemanden einzulassen, seriös zu sein, an morgen zu denken.

Du glaubst lieber, dein Leben habe noch nicht begonnen und wartest ungeduldig darauf, dass etwas passiert.

An dein Leben mit meinem Vater habe ich keine Erinnerung. Alles beginnt mit dir, in deinen Fußstapfen und deinem Blick, als hätte es schon immer nur unser Zweiergespann gegeben. Ich bin die an deiner Seite, dieses kleine Mädchen an deiner Hand, ich bin dein braves Kind, dein Augapfel, deine einzige Liebe. Wir beide, immer schon.

Du fährst einen kleinen beigen Mazda, du sagst «gold», das klingt schicker. Obwohl ich noch nicht alt genug bin, sitze ich vorne, es nervt dich, mit jemandem auf dem Rücksitz zu sprechen. «Ich bin kein Taxi», wiederholst du oft.

Wir fahren gerade durch die Innenstadt, als du mir deine rechte Hand vor das Gesicht hältst. «Schau mal.» Ich neige den Kopf, sehe aber nichts, nur deine Hand, die nicht auf dem Lenkrad liegt, deine tanzende, umherwirbelnde Hand, wie ein Schmetterling denke ich, während die Boulevards noch immer in ziemlichem Tempo an uns vorbeiziehen. «Siehst du’s denn nicht?» Ich schüttle den Kopf, du erklärst, du hättest dich beim Kochen verbrannt. Ich erkenne vage eine weiße Spur auf deiner Handfläche, nichts, was deine Aufregung begründet. Ich versuche, dich zu beruhigen, sage, «es ist nicht schlimm, Mama», du drehst dich zu mir, und da du dem Straßenverkehr keine Beachtung schenkst, prallen wir gegen das Fahrzeug vor uns. Der Stoß ist heftig, ich bin nicht angeschnallt, ich fliege gegen die Windschutzscheibe. Es tut weh, ich halte mir die Hand an den Kopf, ich habe mir in die Zunge gebissen, es blutet wie verrückt. Du wirst wütend, «was steht der da auch so rum, dafür werde ich schon wieder blechen müssen, das hat mir gerade noch gefehlt!» Du steigst aus dem Auto und während du den Typen beschimpfst, wische ich mir den Mund mit dem Ärmel meiner Bluse ab. Ihr schreibt einen Unfallbericht und stützt euch dabei auf der Motorhaube des Mazda ab. Hinter uns wird gehupt, ich ziehe den Kopf ein. Der Mann nickt in meine Richtung: «Ist Ihre Tochter nicht zu jung, um vorne zu sitzen? – Wer sagt, dass sie meine Tochter ist?» Deinem Ton nach zu urteilen, könnte man meinen, du liebst mich nicht. Als ihr mit dem Bericht fertig seid, setzt du dich wieder ins Auto, lässt den Motor an und fährst los. Meine Zunge hat aufgehört zu bluten, ich habe Kopfschmerzen, es wird vorbeigehen. Du führst Selbstgespräche, machst eine andere Geschichte daraus, erfindest den Unfall neu. Am Ende klingt es, als wären nicht wir in ihn, sondern er in uns reingefahren.

Als wir zu Hause ankommen, steigst du aus dem Auto und fährst mich an: «Das ist alles deine Schuld! Was soll ich bloß mit dir machen?» Ich laufe dir schweigend hinterher, du gehst vor, du gehst und machst große Schritte, als wolltest du mich auf Distanz halten.

In der Wohnung schaltest du die Stereoanlage an und drehst sie voll auf. Kim Carnes singt sich heiser, um von Bette Davis Augen zu erzählen. Du ziehst mich zu dir, hebst mich hoch und flüsterst mir ins Ohr: «Ich liebe dich, du bist meine Tochter, ich würde mein Leben für dich geben.»

Ich träume von einem Haustier, du schenkst mir Wasserschildkröten. Es sind mehrere in einem Aquarium. Oft hebe ich sie aus ihrem Becken und lasse sie auf dem Teppichboden gegeneinander um die Wette laufen. Manche überleben es nicht. Ungerührt trägst du mir auf, sie in den Müllschlucker zu werfen. Manchmal stelle ich mir vor, dass eine von ihnen nicht tot ist, den Schacht hinaufklettert und nachts in mein Bett kriecht, um mich zu beißen.

Das Leben mit dir ist ein Leben auf der Überholspur, ein Wirbelwind. Morgens herrscht immer Hektik. Der Wecker hat nicht geklingelt, du kommst nicht aus dem Bett, schneist in mein Zimmer rein, «na los, schnell, wir kommen zu spät», also stehe ich, noch halb schlafend, auf. Ich ziehe an, was ich will, es ist dir egal, ich höre, wie du das Radio im Badezimmer aufdrehst, es sind Nachrichten, die ich nicht verstehe, diese Stimmen, die etwas erzählen, und du, die sich schminkt, Kajal, Puder und Lippenstift aufträgt. Manchmal beobachte ich dich durch den Türspalt, dann rufst du «geh da weg, iss was», also schlurfe ich in die Küche und esse, was gerade da ist, Kekse, einen Joghurt, etwas Brot. Manchmal ist auch nichts da. Da ich morgens keinen großen Hunger habe, stört mich das nicht. Du kommst dazu, siehst auf die Uhr, maulst, dass du keine Zeit hast, trinkst trotzdem einen Kaffee, einen großen Kaffee in einer großen Schale, rauchst eine Zigarette. Du rauchst ununterbrochen. Du isst nichts, du hast keinen Hunger, du hast nie Hunger. Du bist eine Liane, dünn wie ein Faden. Im Flur siehst du dich mehrmals im Spiegel an, zupfst dir die Haare mit den Fingern zurecht. Auch ich sehe mich an, uns beide im selben Spiegel, meine Haare sind verknotet, du bindest sie mir zusammen, man sieht es nicht mehr.

Keine Zeit zu verlieren, du treibst mich an, ich werfe mir eine Jacke über, dann meinen Schulranzen, besonders schwer ist er nicht, viel ist nicht drin, eine Tafel, Kreide und ein Schwamm in einer Plastikbox, ein Mäppchen, darin Stifte mit Erdbeerduft, und mein Schulheft. Ich bin gut in der Schule und wenn ich abends nach Hause komme, zeige ich dir stolz die mit Rotstift am Heftrand vermerkten «Sehr gut». Ich mag es, wenn du das Heft unterschreibst. Ich mag deine Schrift, sie ist groß, rund, Platz einnehmend. Sie hat deine Eleganz, sie ähnelt dir.

Wir verlassen die Wohnung, laufen die Treppen hinunter, einen Aufzug gibt es nicht, du läufst vor und ich dir nach, «na los, beeil dich!», wir kommen aus dem Gebäude, du siehst dich suchend nach dem Auto um, manchmal dauert es eine Weile, aber schließlich findest du es, öffnest die Türen, lässt mich vorne einsteigen. Die Fahrt dauert nur fünf Minuten, aber oft läutet die Schulglocke schon, wenn du mich an der Straßenecke absetzt. Ich habe Angst, zu spät zu sein, nach allen anderen anzukommen, mit etwas Glück sind sie noch dabei, Reihen im Schulhof zu bilden. Du drückst mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Ich renne zur Schule und drehe mich um, um dir zu winken. Meistens siehst du mich nicht.

Ein blassrosa Klappsofa mit Blumenmuster. Eine fliederfarbene Tapete. Ein Couchtisch, auf dem sich Zeitschriften und Romane mit Eselsohren türmen. Ein Päckchen Dunhill auf dem Tisch. Kunstdrucke von Sarah Moon an der Wand. Alle Platten von France Gall, Véronique Sanson und Michel Berger. Eine Pioneer Stereoanlage. Ein Fernseher. Ein Telefon mit Wählscheibe. Eine Mappe voller Kohlezeichnungen, nackte Körper, Frauengesichter, Landschaften. Schwere purpurfarbene Samtvorhänge. Eine noch glühende Zigarette, die in einem Aschenbecher verglimmt. Ein großer Spiegel im Badezimmer, rund um den Rahmen sind Glühbirnen montiert, wie bei einem Filmstar. Femme von Rochas auf dem Waschbeckenschrank. Mehrere Jeans, Seidenblusen, eine Bikerjacke, ein langer, schwarzer Mantel, Cowboystiefel, High Heels. Ein Fuchs, den du von deiner Großmutter geerbt hast. Eine ausgestopfte Eule, deren rotbraune Federn ich streichle. Eine präparierte Schildkröte, die größer ist als meine beiden Hände zusammen. Ein Käfig mit einem – noch – lebenden Kanarienvogel. Eine Terraillon Waage in der Küche. Ein Eiswürfelbehälter in der Form eines Apfels. Fertiggerichte, die sich im Gefrierfach stapeln. Teller mit kleinen, verspielten Mustern. Himmelblaue Laken auf meinem schmiedeeisernen Bett, das vorher deines gewesen ist. Handtaschen, die an einer Garderobenleiste im Flur hängen. Die Tür, die du in Pastellfarben angemalt hast, weil du alles bemalst. Die Möbel in ständiger Bewegung. Die Kulisse unserer Existenz.

Ich schlafe bei dir, weil du es mir anbietest, weil wir zu zweit leben, weil es sonst niemanden gibt. Ich schlafe bei dir, deine Schultern sind mein Horizont, mein Herz ist auf deine Atmung getaktet. Abends schlüpfe ich in dein riesiges Bett und warte auf dich. Oft wiegt mich, noch bevor du kommst, das entfernte Rauschen des Fernsehers, ein Telefongespräch oder eine Schallplatte in den Schlaf.

Es stört dich nicht, dass ich in deinem Bett liege, im Gegenteil, du willst es so und welches Kind würde es ausschlagen, bei seiner Mutter zu schlafen, ihren Atem, ihre Haut, ihre Wärme zu spüren? An dich geschmiegt, geht es mir gut. In der Nacht sind wir uns am nächsten. In der Nacht liebe ich dich am meisten.

Manchmal ist auch ein Mann zu Besuch und dann schickst du mich in mein Zimmer, auf der anderen Seite des Wohnzimmers. Es sind Nächte, die sich wie Strafen, wie Abgründe anfühlen, schlaflose Nächte. Ich bin wütend, ich schmolle, ertrage es nicht, dass du ihm meinen Platz überlässt, mich beiseiteschiebst, mich vergisst. Ich habe Angst, dass du mich für einen anderen für immer verlassen könntest. Ich will nicht, dass außer mir jemand an dir riecht, dich ansieht, dich anfasst. Wie jedes Kind erwarte auch ich mir, dass du einzig und allein meine Mutter bist. Der Mann kommt nicht wieder. Also nehme ich meinen Platz wieder ein. Ein paar Abende die Woche, nicht jeden Abend, nicht jede Nacht. Aber genug, damit ich mich an sie erinnern kann und sich diese Ausnahmenächte in meinem Gedächtnis einprägen, diese ruhigen Nächte, diese angstfreien Nächte.

Ich kippe eine Schildkröte wie ein Stehaufmännchen auf den Rücken um. Ich sehe zu, wie sie mit den Beinchen in der Luft strampelt, ihren Hals nach links und rechts streckt, ihr hässliches Maul vergeblich öffnet. Ich frage mich, wie lange es dauern würde, bis sie stirbt, wenn ich nichts tue. Großherzig richte ich sie mit Daumen und Zeigefinger an ihrem Panzer wieder auf. Ich setze sie zurück ins Aquarium. Ich rette ihr das Leben.

An einem Morgen, an dem mal wieder alles zack, zack gehen muss, setzt du mich in letzter Minute bei der Schule ab und ich renne zum Tor. Als ich durch den Eingang laufe, merke ich, dass ich noch meinen Pyjama trage.

Ich bin ein schweigsames Kind. Auf dem Schulhof nennen sie mich die Stumme. Wenn sie mich fragen, ob alles in Ordnung ist, weiß ich nicht, was ich darauf antworten soll.

Weil ich nur dich sehe, wenn ich die Augen schließe. Weil ich von deiner Stimme und deinem hellen Lachen nicht genug bekomme. Weil ich den Samstagmorgen kaum erwarten kann, wenn ich Émilie Jolie im Wohnzimmer höre, während du auf dem Balkon rauchst. Weil ich nicht weiß, wohin sich dein Blick verliert, wenn du in den Himmel schaust. Weil sich der Duft deiner Haut in mein Herz eingebrannt hat. Weil ich Angst habe, dir könnte etwas zustoßen. Weil ich allen Grund habe, Angst zu haben.

Die Wohnung ist in Dunkelheit getaucht. Ich habe mit meinem eigenen Schlüssel aufgesperrt. Seit ein paar Tagen komme ich alleine von der Schule nach Hause. Die Fensterläden im Wohnzimmer sind geschlossen. Mitten am Nachmittag herrscht tiefste Nacht. Ich taste die Wand ab, um den Schalter zu finden, es macht klick, nichts passiert. Wahrscheinlich ein Stromausfall, das ist nicht ungewöhnlich in diesem Haus, auch das gehört zu den HLM-Wohnungen, regelmäßig fliegt eine Sicherung raus. Ich lege meinen Schulranzen im Flur ab, drehe eine Runde durch die Wohnung, niemand ist da, also gehe ich in mein Zimmer, setze mich aufs Bett und warte. Es dauert eine Weile bis ich dich lachen höre, als würdest du auf der anderen Seite der Wand eine Explosion nachahmen. ÜBERRASCHUNG! Plötzlich gehen die Lichter an, du stehst mitten im Raum und streckst die Arme wie zum Sonnengruß nach oben. Auf dem Boden liegen überall bunte Luftballons. ALLES GUTE ZUM GEBURTSTAG MEIN SCHATZ! Du siehst glücklich aus wie jemand, dem gerade ein besonders guter Streich gelungen ist. «Ich dachte, wir beide könnten eine kleine Party feiern.» Du hast an alles gedacht, «na los, wir zünden die Kerzen an», und während du mit dem Feuerzeug hantierst, klettere ich auf einen Stuhl, bestaune den Kuchen, er ist riesig und nur für uns zwei. Du ermunterst mich und ich puste so fest ich kann, ich puste um sie alle auf einmal auszublasen, sonst bringt es Unglück, das hast du selbst gesagt. Du klatschst in die Hände, umarmst, drückst und küsst mich bis es weh tut. Der Rauch der Kerzen verfliegt, du ziehst sie eine nach der anderen raus, schneidest mit dem Messer ein großes Stück Erdbeertorte ab, legst es auf einen Teller und reichst ihn mir. Du hast Saft und Süßigkeiten gekauft, mein Mund ist voller Zucker, meine Finger sind klebrig.

Du legst eine Platte auf, Sweet Dreams Are Made of This, du drehst, drehst und drehst dich, und ich sehe dir zu, deine helle Haut glüht. Du reißt mich mit, lässt mich unter deinem Arm drehen, drehen und drehen. Die Torte und die Süßigkeiten drehen sich im Magen mit, ein bisschen ist mir danach, mich zu übergeben, aber vor allem will ich mit dir tanzen, immer weiter, und während wir tanzen, treten wir in die Luftballons, sie fliegen gegen die Möbel, einen von ihnen zerreißt es wie mein Herz. Everybody’s looking for something. Der elektronische Beat dröhnt durch die Wohnung, meinen Kopf, meinen Bauch, mein Trommelfell. Du siehst mich mit glasigen Augen an.