Laß jucken Kumpel - Hans Henning Claer - E-Book

Laß jucken Kumpel E-Book

Hans Henning Claer

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Beschreibung

Dieser Bestseller des ehemaligen Polizisten, Preisboxers und Bergarbeiters Hans Henning Claer über das Liebes- und Arbeitsleben der Ruhrkumpels und ihrer Frauen erregte landesweit Aufsehen.

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Seitenzahl: 255

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Hans Henning Claer

Laß jucken Kumpel

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Über dieses Buch

Dieser Bestseller des ehemaligen Polizisten, Preisboxers und Bergarbeiters Hans Henning Claer über das Liebes- und Arbeitsleben der Ruhrkumpels und ihrer Frauen erregte landesweit Aufsehen. Der deftige wie humorvolle «Pütt-Porno» («Stern») stieß auf ebenso engagierte Ablehnung wie Zustimmung. «Der Spiegel» nannte den inzwischen auch verfilmten Roman ein «Genrebild aus Suff und Sex», die Gewerkschaftszeitung «Metall» lobte: «Ja, so ist es auch in Wirklichkeit.»

Über Hans Henning Claer

Hans Henning Claer, geboren am 30. Dezember 1931 in Berlin, war Polizist in seiner Heimatstadt und wurde u.a. dreimal Berliner Landesmeister (Ost und West) im Amateurboxen und zweimal Deutscher Polizeimeister (BRD). Später arbeitete er über 25 Jahre unter Tage im Ruhrgebiet. Nebenher begann er zu schreiben und schloß sich der Arbeiter-Schriftsteller-«Gruppe 61» an. Sein vorliegender Roman sorgte für vielen aufgeregten Gesprächsstoff und wurde auch verfilmt.

Von Hans Henning Claer erschien außerdem: «Bei Oma brennt noch Licht».

Inhaltsübersicht

1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel

1

Grau in Grau, mit vom Novemberregen glitzernden schmutzigroten Dächern, standen die fünf zweistöckigen Häuser in der Lilienstraße, getrennt voneinander durch größere Rasenflächen. In der Mitte des geschorenen Grases befanden sich Sandkästen für die Kleinkinder, die hier in besseren Tagen ihre Burgen und Bunkerhöhlen bauten oder mit Kuchenformen sich als Bäcker versuchten.

Heute, am 22. November des Jahres 1968, der in seiner Trostlosigkeit so recht aufs Gemüt schlagen konnte, war das Spielgelände verwaist, im Sandkasten bildeten sich Pfützen. Das Wasser vom grauschwarzen Himmel plätscherte in ununterbrochener Monotonie gegen die Fensterscheiben.

Der Wind umheulte die obere Eckwohnung des zweiten grüngestrichenen Hauses, und der Bergmann, der hier mit Frau und Kind lebte, wurde durch den wilden Gesang nicht gerade optimistisch gestimmt.

Er hatte den Kohleherd in der Küche in Gang gesetzt und rieb sich, über den Ofen gebeugt, die nervigen Hände.

Sein schwarzes Haar fiel ihm über die Augen, und mit einer Kopfbewegung brachte er es wieder in die ursprüngliche Lage, strich es glatt.

Als das Feuer genügend Wärme verbreitete, zog er sich, lediglich mit blauem Pyjama bekleidet, in das Schlafzimmer zurück.

Er küßte Gisela, seine Frau, auf die Stirnlocken, und trotz dieser überaus zärtlichen Berührung schlug sie ihre braunen Augen auf und war sofort hellwach.

«Morgen», sagten beide wie aus einem Mund, und gleichzeitig bewegte sich Thomas in dem Kinderbett.

Obgleich für den Junior ein eingerichtetes Kinderzimmer zur Verfügung stand, wollte er sich seit seinen Babytagen nicht von der Schlafstelle neben den Eltern trennen.

Als Thomas vier Jahre alt gewesen war und in der Kinderstunde des Fernsehens das Leben auf einem alten Bauernhof kennengelernt hatte, sagte er einmal zu seinem verdutzten Vater: «Papa, du bist der alte Wallach, Mami die Stute und ich das kleine Fohlen in der Box.»

Das stramme Kerlchen sprang über das Holzgitter seines Bettes und war im Nu bei seiner Mutter, kuschelte sich an sie. «Papa, mach doch Frühstück. Ich bleib mit Mami noch im Bett.»

«Nun aber raus, Thomas. Im nächsten Jahr für die Schule mußt du noch früher aufstehen», lächelte der breitschultrige Mann. «Es ist jetzt halb neun.»

«Ach Papa – komm doch auch noch mal rein. Du gehst ja erst am Mittag auf Zeche.»

«Nein, Thomas. Papa ist sauer, wenn Opa Wagner seine Platte unten so laut am Spielen ist. Laß uns aufstehen. In der Küche hört man die ewige Waldeslust nicht.»

«Der Opa Wagner ist ein oller Sack. Der will uns nur schika … schikanivieren – sagt Mami», rief der kleine Mann erzürnt.

«Pst», machte Gisela und hielt sich den Zeigefinger an den Schmollmund.

«Erstens heißt das schikanieren und zweitens: Laß das nie den Wagner hören, sonst wird er noch böser.»

«Schon wenn man vor der Haustür leise am Singen ist, regt sich der Opa Wagner auf», nörgelte der Kleine weiter.

«Ruhig – Junge», sagte der Vater, der neben dem Bett seiner Frau stand. Immer noch im Schlafanzug, den er zu Hause nie ablegte.

«Die Wagners sind alte Leute; die haben so ihre Mucken.»

«Aber Opa Schmielewski ist doch ganz anders», gab der kleine schwarze Lockenkopf zu bedenken.

«Jau», lachte Heiner Lenz. «Der Papa von der Mami hat anerkannten Staub und das steife Bein vom Unfall. Da kriegt er ’ne schöne Rente. Der Wagner hat angeblich nur Bronchitis, leidet aber mit seinem dicken Bauch darunter noch mehr als dein Opi.»

Heiner atmete unwillkürlich tief durch, ehe er fortfuhr: «Außerdem hatten Wagners drei Söhne, die alle im Krieg gefallen sind und ihnen keine Enkel machen konnten – so, wie du für Opa einer bist. Guck mal, du bist Opas Liebling, den er verwöhnen kann. Wagners haben nich so ein Liebling und sind deshalb sauer … vielleicht ’n bißchen mit Recht. Da muß man schon ein Loch zurückstecken. Laß uns also in die Küche gehen, woll?»

Gisela hatte schon ihren Bademantel an und verschwand in der automatischen Kleinküche, setzte den Wasserkessel auf und deckte den Tisch.

Ihre beiden Männer nahmen auf der rotgemusterten Eckbank Platz.

Und bald dampfte die Porzellankanne auf dem Küchentisch, und der Kaffee verbreitete seinen belebenden aromatischen Duft.

Die drei aßen schweigend die von Gisela liebevoll bestrichenen «Butters».

Den Brötchenmann nahm man zu dieser Zeit nicht in Anspruch, weil an allen Ecken und Enden gespart werden mußte. Heiner und Gisela Lenz hatten, als die den Kohlenpott erschütternde Bergbaukrise vor zwei Jahren ihrem Höhepunkt zuging, gottlob ihre komfortable Wohnungseinrichtung bereits angeschafft gehabt.

In den ersten zwei Jahren ihrer Ehe hatten sie das Nötigste «abgestottert», um danach Stück für Stück in Barkäufen zu erwerben. –

Der von Opa Wagner in seiner Wohnung im unteren Stockwerk auf Hauslautstärke eingestellte Grammophonapparat war in der Küche nur undeutlich zu vernehmen.

Sie hörten das Summen der Klingel neben der Haustür.

«Guck mal nach, Thomas», quälte sich Heiner den Befehl mit vollem Mund ab.

Der Junge erhob sich, eilte durch den Korridor, drückte auf den weißen Knopf neben der Wohnungstür, öffnete und wartete.

Der Postbote reichte Thomas einen Brief. Wieder bei den Eltern, übergab der Sohn ihn dem Vater.

«Blauer Brief? Absender unsere Gesellschaft?» Mit nervösen Fingern riß Heiner das Kuvert auf, und beim Lesen des knapp abgefaßten Bescheids räusperte er sich, wurde blaß. Zugleich stieg ihm das in letzter Zeit häufig sich einstellende Sodbrennen in den Hals.

Er schluckte und griff sich an die Brust. Halblaut wiederholte Heiner die letzten Zeilen des Briefs seiner Betriebsleitung: «… bei nochmaligem Krankfeiern Ihrerseits sehen wir uns leider gezwungen, Ihr Arbeitsverhältnis aufzukündigen.»

Gisela starrte entsetzt auf ihren Mann.

«Wie? Hab ich richtig gehört?»

Lenz ignorierte die Frage.

«Gisela, wie oft war ich seit unserer Hochzeit krank geschrieben?»

Sein Gesicht verzerrte sich.

«Aber Heiner, du warst doch erst in diesem Jahr zweimal am Feiern. Ja – jedesmal einen Monat wegen der Bandscheibe. Aber der Arzt sagt doch selbst, daß sich das nur bessert, wenn du gar nicht körperlich arbeiten würdest.

Und jetzt noch an der Baustelle im Querschlag. Da haben wir im Monat – ohne Überschichten – fast dreihundert Mark weniger Geld. Und jetzt das?»

Gisela griff nach dem Schreiben und lachte hysterisch auf.

«Du Ärmster hast wirklich gelitten. Und dann noch pro Schicht zehn Mark weniger. Wenn Papa nicht am Helfen wär?»

Heiner verschluckte sich beim Kaffeetrinken. «Papa – Papa! Als ob wir uns immer auf seine Scheinchen verlassen könnten.»

Er steckte sich eine Zigarette an. Der Appetit an den herzhaften Schnittchen war ihm gründlich verdorben.

Heiner sprach: «Das hab ich alles Steiger Brandt zu verdanken.

Vor zwei Monaten, kurz bevor ich an die Baustelle kam, hat er seine Aufsichtspflicht grob vernachlässigt. Kommt vor Ort, quakt wie immer: Mehr Meter, Kerls, mißt aber die Wetterverhältnisse mit seinem Methanometer nicht. Kaum war er weg, kreuzt der Sicherheitssteiger auf und – jagt uns aus der Kuhle. Die Bude stand mit fünf Prozent Methangas voll. Wir mußten erst ’ne neue Lutte zur Sonderbewetterung vorbauen und warten, bis die Luft wieder sauber war. Na, da war ich am Brüllen und hab den Brandt verflucht.

Du weißt ja, Gisela: Zwischen fünf und vierzehneinhalb Prozent CH4-Gehalt knallt’s, wenn sich da unten eine Flamme bildet oder ein elektrischer Funken entsteht.

Ein Arschlecker von Kumpel muß dem Brandt meine Wut gesteckt haben, und ab 1. Oktober war ich an die Baustelle abgeschossen. »

«Nicht solche Ausdrücke vor dem Jungen, Heiner», sagte Gisela.

Thomas warf ein: «Denkste, ich sag nicht Scheiße und Arschlecken, Mami? Ein richtiger Kumpel spricht so, woll – Papa?»

«Du wirst kein Kumpel mehr, Thomas. Auch wenn unser Pütt zu deiner Zeit noch laufen sollte. Du sollst was anderes … Besseres als dein oller Papa lernen», entgegnete Heiner. Die Augen des Mannes sprühten Feuer.

Ungeachtet des Jungen schlug er die Faust auf den Tisch, daß die Tassen, tanzten, und schrie: «Da malocht man jetzt dreizehn Jahre auf’m Pütt, nutzt sich die Bandscheibe ab und darf mit fünfunddreißig Jahren an ’ner Baustelle mit ’nem Halbinvaliden – und noch dazu ’nem Zeugen Jehovas – arbeiten, hat nicht wie im Abhauen ’nen Ladewagen zum Verräumen, schippt wie ’n Bekloppter, quält sich mit dem schweren Hammer am festen Stein ab, hebt schwere Rundbögen, hat Schmerzen im Kreuz und kriegt dafür lumpige sechsunddreißig Möpse. Und … im Bett ist es auch nicht mehr so am Klappen wie früher.»

«Was ist im Bett nich mehr am Klappen?» fragte Thomas.

«Na, was soll schon nich klappen? Schlafen ’türlich.»

«Mit Mami schlafen?» bohrte der kleine Mann weiter.

«Der Papa drückt die Mami jetzt weniger, nimmt sie nicht mehr so oft in die Arme, weil er sich Sorgen macht, Thomas», erklärte Gisela, hob die Brust unter dem Bademantel, warf Heiner einen verlangenden Blick zu.

Aber er wich dem Blick seiner zierlichen, doch wohlgerundeten Frau aus und lenkte ab:

«Mindestens zwei Stunden quakt mir mein Kumpel davon, wie er endlich Prediger, vertrauter Diener Gottes, werden konnte; nach Jahren, in denen er immer wieder der Versuchung erlag und sich mit Schnaps am Volltrichtern war. Haha!» lachte Lenz plötzlich. «Der olle Kolle mit dem Zickenbart! Mit fünfzig bekam er die Erleuchtung.

Die Kumpels verscheißern ihn, aber alles ist bei ihm am Abgleiten. Er sagt immer, wenn er so richtig durch den Kakao gezogen wird: ‹Was sind das doch für arme Nummern. Bei und mit mir ist Jehova, und deshalb bin ich ein glücklicherer Mensch als diese da.›»

Eben noch in erzwungener Fröhlichkeit, murmelte Heiner jetzt unverständliche Worte, ließ den Kopf hängen.

Laut sagte er: «Damals bin ich wegen meiner Blauen nicht auf Steigerschule gekommen. Ab 1. Januar haben wir die Einheitsgesellschaft. Da ist der Kumpel wieder gefragt. Nein – dem Alois Brandt bin ich ein Dorn im Auge. Das Feiern ist nur ein Vorwand. Ich soll einfach abgeschossen werden, weil ich ihm das Genick brechen könnte.»

Gisela sagte: «Und wir wollten uns im nächsten Jahr mit Papas Hilfe ein Auto kaufen. Bei dem Geld, das du jetzt verdienst, können wir es nicht mal unterhalten.»

«Ach Scheiß, Auto», brummte Heiner mit grimmiger Miene. «Jeden Tag ist man sich am Freuen, wieder heil ausgefahren zu sein, hat auf Zeche genug Gefährlichkeit um den Balg. Und dann noch beim heutigen Verkehr sich mit ’nem Wagen kaputtfahren? Nee – vielleicht ganz gut, daß der ganze Mist sich so entwickelt hat.»

Und nuschelnd, in der «Geheimsprache» des Ehepaares, fügte er hinzu: «Liebling, beschaff dir nur Antibabypillen, damit wir nicht noch mehr Sorgen bekommen.»

Der aufmerksame Thomas hatte die Worte des Vaters freilich nicht mitgekriegt. Bestimmt hätte er dann neugierige Fragen gestellt.

«Im Augenblick ist es ungefährlich», erinnerte Gisela mit heißem Blick aus großen Pupillen, die ihre braunen Augen fast schwarz erscheinen ließen.

Etwas später wandte sie ihr kurzgeschnittenes Köpfchen vom Spülbecken: «Heiner, denk dran: Heute gibt’s auf Zeche Weihnachtsgeld. Also kommt es nicht aufs Konto. Der Junge brauchteinen dicken Mantel, und für mich wollten wir von Beate Uhse R … wäsche schicken lassen, woll?»

«R … wäsche?» warf Thomas ein.

«Los, zieh dich jetzt richtig an, Jaust», befahl die Mutter.

«Du hast ja auch nur den Bademantel an», sagte der Kleine.

«Ich spül nur eben fertig», erwiderte Gisela. Und zu Heiner sagte sie: «Laß dich nicht erschüttern, Süßer. Im Krieg ging es den Menschen noch viel schlechter.

Und was machen die armen Übertagearbeiter auf Reichskanzler?» –

Heiner Lenz verabschiedete sich von Gisela und Thomas.

Der Sohn bekam ein Küßchen auf die Wange, und die Frau, jetzt mit durchsichtiger Spitzenbluse und Minirock bekleidet, hob den Kopf, reckte ihre schlanke Gestalt und küßte den Mann auf den Mund. Flüchtig nur, doch mit heißen Lippen. «Paß schön auf», sagte sie wie immer, wenn ihr Mann zu Arbeit ging.

Heiner setzte die Sportsmütze auf, griff nach der Tasche mit den Butters und der Kaffeeflasche und verließ die Wohnung. Unten vor dem Haus winkte er seinen beiden, die am Küchenfenster standen, noch einmal zum Abschied zu.

Er war mieser Stimmung.

Und der Rücken in der Lendenwirbelgegend schmerzte wieder.

Man müßte – man sollte, quatsch, die eine Schicht macht auch nicht reicher, begannen seine Gedanken zu spurten. Man könnte doch … ja, zwanzig Mark sitzen dran. Warum nicht? Man muß den Ärger runterspülen. Außerdem habe ich Georg lange nicht gesehen …

Der Hauer Heiner Lenz ging schneller, obwohl ihm bei seinem Gedankengang, der langsam zu einem festen Entschluß reifen wollte, das Sodbrennen wie eine glühende Kugel vom Magen her über die breite Brust erneut in den Hals stieg.

Er verzog sein Gesicht und meinte bei sich: «Nein – ich geh vernünftig zur Maloche. Wie immer in den letzten sechs Jahren. Wieder Sodbrennen. – Scheiße, ich hab vielleicht schon Magengeschwüre. Muß mal ’ne Radikalkur machen, alles richtig auskotzen. »

Beinahe hätte Lenz beim Einbiegen in die Glückaufstraße einen Knaben, der den Nieselregen beim Spiel mit seinen Freunden ignorierte, über den Haufen gerannt.

Heiner stoppte und machte einen Bogen um den Jungen, ging eilenden Schrittes weiter. Wenn ich jetzt noch auf den Magen feiern müßte, hätte ich gleich die Papiere, überlegte er. Vielleicht hilft Alkohol wirklich? Mal richtig saufen! Früher hatte ich nie Last mit dem Magen.

Das ist doch nur der verdammte Ärger, und der muß runtergespült werden … ja!

Außerdem bin ich dann am nächsten Tag immer geil. Giselspatz hat so lange nichts mehr von mir gehabt.

Lenz ging langsamer.

’ne Blaue? Ich entschuldige mich einfach: Junge krank … nein, Frau mit Fieber im Bett … muß auf den Jungen aufpassen. Was weiß der Brandt schon, wie selbständig Thomas ist, setzte der Hauer den Gedankengang fort.

Und plötzlich hob er die Brust.

Sein Entschluß stand fest! –

Nachdem er das Zechentor passiert hatte, im großen Verwaltungsgebäude verschwunden war, schlich Heiner, zum Lohnschalter schielend, weiter durch die Drehtür zur Mannschaftskaue, vermied hier, wo sich die Mittagsschichtler umzogen, seinem Kumpel «Kolle» Leibnitz zu begegnen, und ging dann aufgerichtet weiter durch die Verbindungstür zur Steigerkaue.

Die Reviersteiger von der Morgenschicht waren schon ausgefahren.

Gesteinsreviersteiger Alois Brandt, schwarzgesichtig, mit nacktem Oberkörper auf der langen Bank vor den Metallschränken für die Zivilkleider sitzend, hatte zwischen seinen Beinen eine halb ausgetrunkene Bierflasche stehen, nahm einen tiefen Zug aus der Zigarette.

Er blickte Heiner entgegen. «Was gibt’s?»

«Frau krank, liegt im Bett … mit Fieber, weiß nicht, was sie hat … Das blöde Wetter. Ich muß den Arzt holen … und dann auf den Kleinen aufpassen … damit er keine Zicken macht. Scheiße … setze nich gern eine dran …»

«Haste denn keine Nachbarn? Denk dran, das rappelt ganz schön ins Moos», unterbrach der Steiger Heiners Gestammel.

«Päh – Nachbarn. ’nen alten, griesgrämigen Opa, der bei jedem Kindergeschrei gleich zum Wohnungsverwalter läuft und … Frau Steiger Radke ist doch was Besseres», erklärte Heiner. «Die paar Piepen, die Sie uns schreiben, machen mich auch nich reich. Ob nu eine Schicht mehr oder weniger: Das macht den Kohl nicht fett!» nörgelte der Hauer. «Wir armen Hunde an der Baustelle malochen wie die Bekloppten, setzen mit Ach und Krach im Oktober ein Bau mehr und kriegen noch zwanzig Pfennig weniger, als Kolle im September gehabt hat. Ein Hohn, das sagte ich Ihnen ja schon untertage.»

«Kerl, ich hab euch noch was dabeigegeben», sagte Brandt. «Kolle hatte mit seinem alten Kumpel viel Nebenarbeiten gemacht. Da gab’s im September nicht soviel Baue.»

«Erzähl’n Se doch nich: Der Lohn wird doch über den Daumen gepeilt. Gedinge unterschreibt man nur so zum Schein.»

«Quatsch jetzt nich, hau ab. Aber am Montag biste wieder da. Eure Arbeit ist wichtig. Ihr müßt an das Brückenfeld der Füllstelle ran. Die Träger fallen dem Füller bald auf den Kopf.»

Brandt holte tief Luft. «Also, Heiner, hau dran! Wir sind ein M-M-Betrieb: Meter-Moos-Betrieb. Laß jucken … Kumpel!»

«Mehr Meter würden Sie haben, wenn Sie uns nich immer wegholen würden: Bessert mal da den Verzug aus, nehmt hier mal ’nen Bau weg, rückt da mal das Gleis und alles», zählte Heiner die Außergedingeschichten auf.

«Trotzdem bist du öfter an der Baustelle gewesen als Kolle vorher. Da mußte mehr fallen als nur ein Bau mehr. Glaub’s mir, ich hab schon richtig gerechnet.»

Heiner – zufrieden, da er für die Mittagsschicht entschuldigt war – hätte den blauen Brief beinah vergessen.

Jetzt fragte er den Steiger: «Hören Sie mal, wie kam es eigentlich zu dem lieben Brief, der heute bei mir eingetrudelt ist?»

«’n Brief? Liebesbrief?»

«Von Zeche … so ’nen schönen Blauen. Davon müssen Sie als mein Reviersteiger doch wissen?»

«Mir nichts bekannt. Da sprech ich nachher gleich mit dem Ober», tat Brandt überrascht. «Kerl, behellige mich jetzt nich noch mit so ’nem Scheiß …»

«Glück auf», murmelte Heiner Lenz in die Rede der Aufsichtsperson, machte eine wegwerfende Handbewegung, Kehrtwendung und ging.

In der Lohnhalle ließ er sich das Weihnachtsgeld – 220 Mark – auszahlen.

Dann schritt er über den Vorplatz und aus dem Zechentor.

Vierzehn Uhr.

Die Personenseilfahrt für die Mittagsschichtler hatte begonnen.

Die Förderkörbe senkten sich unter die Erdoberfläche.

Heiner Lenz aber hatte schon die Eingangstür seiner Stammkneipe – schräg gegenüber dem Bergwerkskomplex – erreicht.

– Ich werde so tun, als ob mir nicht gut ist. Dann hab ich in Rosi gleich ’nen Zeugen, falls Gisela … dachte der Hauer und schritt mit trauriger Miene der Theke zu.

Er wußte: Gisela besuchte manchmal die Wirtin des Schwarzen Diamanten. Hat sich doch die Freundschaft der beiden Frauen über die Schulzeit hinaus bewahrt. –

Morgen war Samstag. Da hatte Heiner genügend Zeit, bei viel Schlaf sich zu erholen.

«Tag, Rosi. Georg nich da?»

«Doch. Er ist hinten. Kommt gleich», antwortete Rosemarie. Die Wirtin war eine füllige Rubens-Schönheit, ihre fleischige Figur mit den Maßen 102–70–102 sehr reizvoll. Sie trug einen roten Pulli und Minirock mit Schottenmuster.

Die Achtundzwanzigjährige mit frisch getöntem kastanienbraunem Haar, das in ungeflochtenen Zöpfen über die Brüste hing, war zweifellos der Mittelpunkt ihrer Gaststätte.

Heiner Lenz bestellte ein Pilsner und einen Steinhäger, kippte den Schnaps in sich hinein und schlürfte genüßlich das Bier. – Wie, wenn ich in die DDR abhaue?

Krisenfeste Arbeit – freien Umzug … sofort gute und billige Wohnung … Gisela macht es nichts aus, obgleich die Alten noch hier sind. Wie sagte sie mal? Sie würde überall mitkommen, wenn ich nur so bliebe, wie ich bin … Bin? War … war … fleißig in Sex … Heute? Ich bin lange nicht mehr dran gewesen … Na, morgen aber … überlegte Heiner während des Trinkens, nahm einen Zug aus der Zigarette, grübelte weiter: Aber die auf der anderen Seite der Grenze durchleuchten einen ganz genau, erfahren von meinem Blauen … früher, mit Bandscheibenschaden bin ich nicht produktiv. Die schicken mich vielleicht zurück in den goldnen Westen …

Georgs Erscheinen hinter der Theke lenkte Heiner von seinem Problem ab.

Er begrüßte den blonden Exkumpel – nun innerlich angeheizt – voller Herzlichkeit. Georg Gernot strotzte vor Selbstvertrauen, seit er Chef im Schwarzen Diamant war.

«Heine, altes Kumpelschwein, lange nicht gesehen. Wie geht’s?»

«Alles Scheiße. Vor zwei Monaten, damals, als ich mich hier so richtig vollaufen ließ und am Kotzen war … Seitdem nur Ärger … An die Baustelle abgeschossen», jammerte Lenz, hielt sich den Bauch und erklärte:

«Hätte eigentlich Mittagsschicht. Hab mich entschuldigt. Mir war schlecht geworden.»

Er schielte zu Rose hin. Sie sollte seine Worte mitbekommen.

«Na – dann sauf mal anständig. Das hilft immer», meinte der Wirt. «Hauptsache: Die Feierschichten sind vorbei. Ich sagte ja immer, daß die euch nicht hängen lassen können.»

Georg grinste.

«Wie sagte ich? Schillers Glocke läutet auch für euch.»

Heiner sagte: «Ich hab damals bei den Feierschichten mehr Moos gehabt als bei meiner Maloche heute …»

Plötzlich zischte er wütend: «Man müßte dem Brandt, dem Mistkopp, eins auswischen. Egal, was es dann für ’n Ärger gibt. Die Steigerschweine halten doch bei so was zusammen und drehen einem die Luft ab. Einer ist dem anderen sein Deiwel, wenn es um ’nen Posten geht. Aber gegen den Kumpel, da sind se ’n Team.»

«Ich werd mir mal den ollen Alois vorknöpfen. Päh … meinen Kumpel hängen zu lassen … Gibt es doch gar nicht», sprach Georg.

«Noch ’n Pils?»

«Jau, mal langsam angehen lassen», lächelte Heiner Lenz.

«Saure Schnauze – dumpfer Schädel, die größte Kraft im Säbel.»

Die ehemaligen Arbeitskameraden lachten. Und bald übte der Alkohol eine wohltuende Wirkung auf Heiner aus. Daß eventuell mit dem Eintreffen seines Reviersteigers zu rechnen war, kalkulierte der Hauer gar nicht mehr ein.

– Na, und wenn schon, dachte Heiner. – War der Gastraum bis 16 Uhr brechend voll – die Morgenschichtler hatten sich etwas vom Weihnachtsgeld abgezweigt und Bier durch die durstigen Kehlen gejagt –, so konnte sich Georg erst jetzt wieder dem alten Kumpel widmen.

Lenz verspürte kein Sodbrennen mehr, fühlte sich leicht und war nur noch Optimist.

Nun saßen die Freunde an dem Ecktisch in der Nähe des Eingangs.

Flüsternd beugte sich Georg zu Heiner:

«Kerl, weißt du noch, wie du mich vor zehn Jahren, als ich hier ankam, in den Puff mitgenommen hast? Wenn ich den Höcker auf deiner Nase seh, denke ich immer dran.»

Georg grinste schief.

«Du warst so besoffen und hast gar nicht gemerkt, wie der Zuhälter von so ’ner Bordsteinschwalbe dir eins auf den Zinken gab. Du mußtest der Kleinen auf offener Straße ja auch nich gleich unter den Rock fassen, hihihi.»

Heiner lachte mit.

«Da fehlt mir der Film.»

Georg räusperte sich.

«Paß auf», hauchte er, «heute lad ich dich ein, ’ne Schau, sag ich dir. Aber Schnauze …»

«Nee, Georg», unterbrach Lenz. «Ich bin ’n richtiges Haustier geworden. Keine Zicken mehr. Mit dem Saufen … heute, na gut. Aber sonst ist nichts.»

«Sei kein Trottel. Den Tag mußt du richtig nutzen.»

Georg nahm einen tiefen Zug aus der Zigarette, blies Heiner den Rauch ins gerötete Gesicht, sagte mit glänzenden blauen Augen: «Stell dich nich an, Heiner. Sag Rosi, daß du gern mit mir in die Stadt fahren willst. Für Gisela und den Kleinen was zu Weihnachten kaufen. Dann läßt sie mich fahren.»

Er musterte Heiners altes, doch sauberes Jackett.

«Siehst doch ganz passabel aus. Nur die Schiebermütze mußt du im Auto lassen, woll?»

Heiner kämpfte noch mit sich:

Soll ich? Soll ich nicht? Wer weiß, was Georg vorhat? Scheiß … Reizt mich … Warum nicht? Mal raus aus dem ganzen Mist. Ablenken … kein Förderturm sehen …

Und in seine Gedanken hinein sagte der Wirt: «Tu mir den Gefallen. Anders komm ich heute hier nicht weg.»

Heiner fühlte die Bitte, die aus den Worten und – den Augen des Freundes sprach und antwortete leise: «Aber zum Ende von meiner Schicht müssen wir wieder hier sein.»

«Geht in Ordnung.»

2

Seitdem Georg Gernot vor vier Jahren dank seines Aussehens und einigen Charmes das Herz der Gastwirtin Rosemarie gewonnen hatte, fuhr er einen Mercedes 220SL.

Nach kurzer, zügiger Fahrt landeten die beiden Freunde vor einem alten Haus in der Stadt.

Hier stiegen die gleichgroßen Männer in das erste Stockwerk hinauf, Heiner – nun voller Neugier – hinter Georg.

Der Gastwirt drückte auf den Klingelknopf zur rechten Wohnungstür.

Witwe Ingrid Gerlach öffnete.

Fünfundvierzigjährig, hatte sie ihren Mann schon vor zehn Jahren durch Lungenkrebs verloren. Herr Gerlach hatte zu Lebzeiten ein hohes Amt bei der Polizei bekleidet.

Trotz ihrer 45 Jahre bot Ingrid ein ansprechendes Äußeres, hatte ihr Haar superblond gefärbt und trug bei schlankem Wuchs berechtigterweise einen Minirock.

Sie lächelte Georg an, lehnte sich gegen die weit geöffnete Tür.

Ein langer Korridor lag in schummrigem Licht.

«Tag, Gernot. Ich hab Sie gar nicht erwartet.»

«Hat sich heute überraschend machen lassen.» Georg wandte sich zu Heiner um.

«Ein alter Freund – schweigsam wie ein Grab: Herr Lenz – Frau Gerlach», stellte er vor. «Geht’s?»

«Ja, hab beide da. Sind am Schularbeiten machen», kicherte die Witwe.

«Die Oberschülerinnen?»

«Ja. Die Ruth kennen Sie doch schon.»

«Prima.»

Ingrid Gerlach zog Georg an der Hand im langen Flur weiter.

Lenz blieb etwas abseits stehen.

Undeutlich vernahm er die geflüsterten Worte der Frau.

«Eine Stunde … Den Cocktail hab ich da … Mit Papierkleidern zerreißen hundertfünfzig für beide …»

Georg zog gönnerhaft seine Brieftasche. Heiner stand mit vor Staunen offenem Mund da.

– So geht es also auch? Ähnliches hatte man schon den Klatschzeitungen entnommen. Mädchen, die sich auf diese Art von Schularbeiten das Taschengeld aufbesserten. Aber auch hier? In unserer ländlichen Kreisstadt? wirbelten die Gedanken des Bergmanns. –

Im üppig mit echten Perserteppichen ausgelegten Salon saßen – lediglich in Papierminikleider gehüllt, mit Stöckelschuhen an den Füßchen – die sechzehnjährigen Arbeitertöchter Ruth und Susanne.

Aus der Zentralheizung strahlte angenehme Wärme in den großen Raum. Die schweren purpurroten Vorhänge an den Fenstern waren zugezogen. Intime Wandbeleuchtung über beiden Couches spendeten Licht.

Georg stellte die Cocktailflasche auf den Tisch, begrüßte die ihm schon bekannte Ruth mit Küßchen und holte vier Cocktailgläser aus dem Barschrank.

Mit einem Wink gab er Heiner zu verstehen, sich der brünetten Susanne zu nähern.

«Kinder – los … trinkt Brüderschaft. Ruth … Mäuschen, süße kleine schwarze Hexe, sag deiner Freundin, mein Kumpel hat was Anständiges in der Hose.»

Nach zwei Cocktails – die Witwe nannte ihn «Liebestrank» – kniete Georg vor dem Sessel, in dem die liebreizende Ruth saß, und riß mit zitternden Fingern das billige Papierkleidchen zwischen den zarten Oberschenkeln des schwarzäugigen Mädchens langsam – ganz langsam – auf.

Immer höher und höher griffen und rissen seine Finger, bis die kleine Ruth splitternackt ihn an den Haaren zu sich in den Sessel zog.

Heiner, der mit heißem Blick dem geilen Zeremoniell des Freundes gefolgt war, schob jetzt die kurvenreiche Susanne zur Einbettliege. Er hatte sich akklimatisiert. Seine Kleidung lag auf dem Teppich. Beide Couches sangen von Liebe. –

Ingrid Gerlach berauschte und ergötzte sich an den Geräuschen und Aussprüchen, die ihr die an beiden Couches unsichtbar angebrachten Mikrofone über den Verstärker auf das Tonband im Nebenzimmer sendeten: «Komm auf mich rauf, Susi. Reite mich … schön langsam.»

«Ah – au – oh, nich so doll … Du tust mir weh, Georgi, jetzt … jetzt is schön … soo … ja … schön. Hast du ein Großen.»

«Is dir wirklich schön, oder spielst du nur?»

«’s schöön.»

«Wie a-alt, Susi?»

«Sechzehn.»

«Nich möglich. Kräftiger als Gisela. Solche Titten.»

«Nich, nich beißen. Lecken … Warzen lecken … Herrlich – che – che, ha … hau … ha … haa.» –

Ingrid schoß eine Glutwelle ins Gesicht. Sie erhob sich aus dem Sessel vor dem Tisch, auf dem das Tonbandgerät stand. Der Rock schien ihr zu eng. Mit fahrigen Bewegungen entledigte sie sich des Kleidungsstücks, warf sich in den Sessel, spreizte die Beine, griff sich in den Schoß und murmelte: «Den Blonden schnapp ich mir auch noch mal.»

 

«Komm, laß uns noch einen heben, schwatter Deuwel. Hast gerammelt wie in alten Zeiten», sagte Georg, als die Männer wieder auf der Straße standen.

«Lieber in deiner Kneipe. Du mußt noch fahren.»

«Was meinste, wie oft ich schon besoffen am Fahren war», lachte der Gastwirt.

Und sie becherten noch einen im Ratskeller.

Auf Heiners Bitte, Georg die Kosten des amourösen Abenteuers nach Weihnachten in zwei Raten zurückzuzahlen, hatte der Wirt nur ein – etwas überhebliches – Achselzucken bereit.

«Laß man, Heiner, ich hab’s jetzt ’n bißchen dicker als du», sprach er, als sie an einem Eichentisch Platz genommen hatten.

Sie tranken Bier.

Ex.

Eine neue Lage.

«Sag mal, Georg, wie bist du denn an die Gerlach rangekommen?» fragte Heiner und setzte das Glas an die Lippen.

«Leiser sprechen», befahl Georg und setzte seine Rede fort: «Der Olle von ihr war ’n hohes Tier bei der Polente. ’n Freund vom Schwiegerollen. War zwanzig Jahre älter als die Gerlach. Lungenkrebs. Unser Alter hat das Vernünftigste getan, was drin war. Im Schwarzwald lebte er mit seiner Staublunge noch lange. Hier im verqualmten Kohlenpott wär er auch schon von de Fahne.»

«Eigentlich ’n Ding. Das mit den kleinen Weibern. Mensch, wenn das rauskommt», flüsterte Heiner.

«Ach was, da gehen honorige Herren ein und aus», meinte Georg.

«Wenn aber einer mal ’n Balg ansetzt? Kerl … ich hab Gott sei Dank rausgezogen.»

«Blödsinn. Die Gerlach hat die kleinen Biester doch längst auf Antibabypillen dressiert.»

«Ob an dem Cocktail was dran war? Ich war plötzlich geil wie Schifferscheiße.»

«Nach Beate Uhse: Ja», grinste Gernot. «Aber sicher reizte dich das Junge. Nächstes Mal verwechseln wir das Bäumchen. Mann … hat deine Titten. Kerl, ich könnte schon wieder …»

Heiner unterbrach: «Sind die Mädchen von hier?»

«Quatsch. Die Gerlach holt sie mit dem Auto irgendwo aus dem Sauerland und bringt sie abends wieder zurück zum stolzen Papa, der in der Fabrik hart malocht hat und sich freut, daß die liebe Tante Gerlach so ganz kostenlos Nachhilfeunterricht in Französisch gibt.»

«Vielleicht unterrichtete sie auch zuerst in Sprache. Später jedenfalls auch in der Machart. Das sagte sie mal, als sie Rosi besucht und bei uns ganz schön getankt hatte. Für mich waren die Worte ganz interessant. Nächsten Tag kreuzte ich bei ihr auf. Sie konnte sich an nichts erinnern. Peinliche Sache. Jedenfalls war ich eingeführt.»

Georg tat einen Zug aus der Zigarette.

«Aber Schnauze, Heiner. Untertage wird ja gelogen, daß sich die Balken biegen. Seemannsgarn ist da gar nichts gegen. Wenn einer dir die Story doch glauben würde, kriselt es.»

«Denkste, ich hau mich selbst in die Pfanne?» entsetzte sich Lenz. «Wenn einer nun zu Gisela laufen würde und ihr meine Geschichte steckt?»

«Ordnung, Ordnung, Kerl, beruhige dich», beschwichtigte der blonde Wirt.

 

Erst gegen neun Uhr fuhren sie auf regennasser Straße nach Hause.

Der Hauer Heiner Lenz, der sich für heute freigenommen hatte, saß auf dem Beifahrersitz und sah die Bäume am Straßenrand dahinflitzen.

«Langsamer, Georg.»

Der Wirt, stolz gegen das Rückenpolster gelehnt, das Steuerrad fest im Griff, grinste.

«Ruhig, Heiner. Manchmal muß ich – auch bei gefährlicher Straße – auf die Tube drücken.»

Bald fuhr Gernot, jetzt auf sorgsam gewähltem Umweg über einsame Straßen durchs Ruhrgebiet, ruhiger.

Plötzlich lachte er laut auf.

«Was grölst du?»

«Ach, ich dachte gerade an die Nutte, die ich bei der Polente in Berlin vernascht hab», antwortete der blonde Hüne. «Steck uns mal eine an, Heiner.»

Der trunkene Bergmann entzündete mühsam zwei Zigaretten und schob eine dem Fahrer in den Mund, steckte die HB-Schachtel in die Hosentasche zurück, paffte und nuschelte: «Erzähl, erzähl noch mal das mit deiner Nutte, Georgi … alter Kumpel.»