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Sam Bennett und Emma Windrick lernen sich bereits in der Schule kennen, verlieren sich in den Wirren des Erwachsenenalltags aber aus den Augen. Nach dem tragischen Unfalltod seines Vaters Richard stürzt sich Mutter Clara Hals über Kopf in ihre Arbeit bei der Regierung, unfähig, das Geschehene endgültig zu verarbeiten. Völlig alleine gelassen hängt der introvertierte Sam tagein, tagaus seinen düsteren Gedanken nach. In einer Phase des tiefen Selbstzweifels und der Depression taucht Emma unerwartet wieder in seinem Leben auf. Sie erkennt seine Sorgen und Nöte, und trotz seiner komplizierten Art und seiner Alkohol- und Drogenabhängigkeit steht sie ihm bei. Überwältigt von ihrer warmen und fürsorglichen Art schlittert er in eine intensive Liebesbeziehung zu ihr. Er spürt, dass sie sein rettender Strohhalm ist, der einzige Ausweg aus seiner prekären Lage. In ihr sieht er sein großes Vorbild, seine Chance auf ein besseres Leben. Aber seine Sucht sorgt dafür, dass ein normaler Alltag, ohne seine Mittel, für ihn schnell wie ein Gefängnis wirkt, aus dem auch Emma ihn nicht befreien kann. Sein unstillbarer Drang nach Freiheit und Abenteuer wirft jedoch einen dunklen Schatten auf ihre Beziehung, als eine weitere Person aus seiner Vergangenheit auf den Plan tritt: Lynn Walthers, die bleiche Außenseiterin aus der Highschool. Was mit ein paar harmlosen Drinks und gemütlich genossenen Joints beginnt, steigert sich schnell zu einer irrsinnigen Alltagsflucht mit all ihren Konsequenzen. Mit einem Komplott aus Lügen und Inszenierungen versucht er, der Situation heil zu entkommen, nicht ahnend, wie tief er die Grundfesten seines neu gewonnenen Lebens bereits erschüttert hat.
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Seitenzahl: 520
Veröffentlichungsjahr: 2018
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1.1 Die Begegnung
In der frostigen Morgenluft stieg der graue Rauch der Schornsteine kerzengerade nach oben, kein Windzug störte seinen Weg gen Himmel. Doch sein Ziel erreichte er nicht, aufgelöst und zerstreut verteilte er sich in der kalten Luft, bis schliesslich nichts mehr von ihm zu sehen war. Ob er auch jemals an sein Ziel gelangen würde? Oder würde er auch inmitten seines Weges straucheln und sich auflösen?
Sam stellte sich an diesem trostlosen Vormittag noch viele solcher Fragen, und er wusste nicht wohin ihn seine Gedanken führen würden. Vereinzelte Schneeflocken segelten langsam gen Erdboden, trudelten hin und her, manche blieben auf kleinen Ästen liegen, andere lösten sich scheinbar auf, noch bevor sie den Boden erreichten. Würde er die Kraft haben irgendwo hängen zu bleiben oder würde er trotz aller Mühen scheitern, vergebens und vergessen? Sam versuchte seine trostlosen Gedanken wegzuwischen, was ihm nicht recht gelingen wollte.
Kopfschüttelnd sah er aus dem großen Fenster im ersten Stock, und sein Blick verlor sich im Schneegestöber. Sein kurzes, braunes Haar war dicht, und er lies die Finger hindurch gleiten, kratzte sich dabei leicht. Der Holzofen im Erdgeschoss knackte, und obwohl es im Haus seiner Eltern behaglich warm war, fröstelte er. Es schien ihm beinahe so als trotze er der Welt da draußen, allem und jedem. Sam fühlte sich einsam und verlassen ohne seine Eltern, und daran konnten auch seine Freunde nichts ändern.
<<Scheiss' drauf…>> fluchte er leise. Sein Atem erreichte das Fenster, es beschlug leicht und die kleinen Tröpfchen schienen am Glas festzufrieren. Die Schneeschicht auf dem Dach wurde immer dicker, und das alte Haus schien sich dagegen zu wehren. Es knackte und knarzte an allen Ecken und Enden, ein Kampf zwischen Wärme und Frost. Sam zuckte leicht zusammen, als einer der alten Holzbalken des Dachstuhls ein lautes Krachen von sich gab. Sam ging hinüber zum alten Sekretär seines Vaters, ein Unikat handgefertigt aus schwerem Eichenholz und mit zahlreichen Verzierungen bestückt.
Er nahm die Kristallflasche mit dem einundzwanzigjährigen Whiskey, wog sie in seiner Hand, und goss sich einen Finger breit ein. Die letzte Erinnerung an seinen Vater, der seine besten Tropfen streng bewachte und nur selten jemandem einen Schluck vergönnte, außer natürlich sich selbst.
<<Alter Griesgram!>> dachte sich Sam und führte das bauchige Glas an seine Lippen. Vielfältige Aromen strömten daraus empor, und er holte tief Luft, roch Zedernholz und Zitronenduft. Ein Gefühl der Schuld und der Scham beschlich Sam, morgens zu trinken, aber er wollte seine sowieso schon trüben Gedanken nicht noch weiter vertiefen, und nahm erleichtert einen großen Schluck zu sich.
Es wird schon alles werden, ich muss nur Geduld haben und sehen, was die Zukunft bringt! schoss es ihm durch den Kopf. An sich war Sam die Ausgeburt der Ungeduld, aber jetzt versuchte er seine Situation hinzunehmen, wie sie war.
Allein im Haus seiner Eltern, seine Mutter wie üblich geschäftlich unterwegs, und sein Vater tot. Die Wolken rissen langsam auf, und einige Minuten später drängte sich die Sonne durch die entstandenen Lücken. Der Schnee glitzerte, tausende Flocken brachen das Licht und die trübe Novemberstimmung war plötzlich wie weggeblasen. Ein Paar verbliebene Vögel stoben aus der alten Kiefer, die im Garten der Bennetts schon seit über fünfundvierzig Jahren stand. Niemand wusste wie es mit Sam weiterging, am wenigsten er selbst.
Seine Ausbildung als Kaufmann hatte er bereits vor mehreren Jahren abgebrochen, er konnte sich einfach nicht damit abfinden. Vielleicht war ihm der Job auch einfach zu langweilig. Danach folgten mehrere Versuche als Kellner in einer miesen Bar, und als Kurierfahrer für die kleine St. Marie’s Apotheke in der Stadt.
Unterm Strich schob er die Schuld für sein Versagen auf sein kaputtes Umfeld. Natürlich war das eine Schutzreaktion, er hatte beileibe andere Gedanken denen er nachhing. Falsche Freunde, das Trinken, und nach wie vor der Status als Außenseiter zu gelten, redete er sich zumindest ein. Warum sollte das weit hergeholt sein?
Er stützte sich rücklings an der Fensterbank ab, den schwachen aber dennoch wärmenden Sonnenschein im Nacken spürend, und er versuchte sich selbst zu überzeugen dass alles nicht so schlimm war. Was sollte ihm auch groß passieren? Er hatte das Vermögen seiner Eltern zur Verfügung, er hatte ein trockenes, warmes Plätzchen zum Schlafen (was ihm in seinen Gedanken wie blanker Hohn vorkam), und er hatte vor allem eines: Zeit.
Er versuchte die quälenden Gedanken loszuwerden und im gleichen Augenblick wusste er dass er diese nicht abzuschütteln vermochte. Sie verfolgten ihn wie ein Poltergeist aus einem schlechten Film, rüttelnd und lärmend, allgegenwärtig und bedrückend. Er musste aus seinem täglichen Trott entkommen. Das wurde ihm plötzlich mehr als klar.
Sam stieß sich mit beiden Armen vom Fensterbrett ab und federte mit zwei, drei, energischen Schritten Richtung Telefon. Ein ziemlich altes Gerät, ruhend auf einem kleinen Eichenschrank. Ein zerfledderter alter Notizblock lag daneben, manche Seiten waren ausgerissen, und einige davon mit für ihn unleserlichen Notizen überzogen. In der Schublade fand sich der Füller seiner Mutter, lieblos zwischen all dem Kram. Ein älteres Modell von Mont Blanc, schwarzer Körper mit weißen Verzierungen, vermutlich aus den Siebzigern. Er erinnerte ihn an bessere Zeiten. Sie hat ihn oft benutzt, um schnell und scheinbar unkoordiniert auf den Block zu kritzeln, aber wohl wissend was sie tat. Sie war brillant.
Diese Zeit war lange vorbei, die Zeit des Behütet-Seins, die Zeit der Kontrolle, des Alltags. Sam fühlte eine tiefe Trauer, und ein gewaltiges Maß an Hilflosigkeit, auch wenn er wusste dass ihm das weder half, noch ihn weiterbrachte. Seine alten Freunde vom College waren mittlerweile weit verstreut, in den verschiedensten Gegenden des Landes. Der Abschluss zieht sie alle weg, Freundschaften verblassen, und mit ihnen viele gute Erinnerungen an die Schulzeit. Nur wenige waren vor Ort geblieben, trotz der schlechten Karrierechancen und der desolaten wirtschaftlichen Lage.
Wurde Lynn zur Laborantin, wie sie es sich schon immer gewünscht hatte? Oder Ben, den alle nur "Black" nannten (er trug scheinbar die ganze Jahre über nur schwarze Klamotten), zum Forensiker? Sam verspürte nicht die geringste Lust dazu, seine alten Freundschaften wiederaufleben zu lassen. Sicherlich war im Internetzeitalter alles möglich, um verlorene Schäfchen wieder zu finden, aber er hatte die Oberflächlichkeiten einfach satt.
Tausendmal ein falsches Hallo, wie geht's bei euch? Alles gut?, tausendmal geheuchelt Schön dich zu sehen! Was treibst du so?. All die leeren Versprechungen sich wieder zu treffen und von der guten alten Zeit zu reden waren ihm zuwider.
Die guten alten Zeiten waren niemals so gut wie im Nachhinein nüchtern betrachtet. Warum wird zu einem späteren Zeitpunkt alles schöngeredet? Fünf, sechs oder sieben vergangene Jahre verwandelten keine peinlichen Situationen, Augenblicke voller Unsicherheit, Angst und Scham in funkensprühende, tolle Memoiren. Sam fröstelte und er wünschte sich, dass die Erinnerungen mit einem Mal wieder verschwinden würden.
Plötzlich klatschte ein Schneeball an ein Fenster, Sam direkt gegenüber. Ein dumpfer, hallender Ton. Die Reste der Kugel blieben an der Scheibe haften und rutschten langsam nach unten, ohne Eile oder Hast. Sam zuckte zusammen und zog unbewusst seinen Kopf ein. Sein Whiskeyglas schwappte über, und ergoss sich über seine Hand.
<<Verdammte Kacke, was soll das!>> zischte er aufgebracht. Er schüttelte seine Hand, wischte sie an seiner Hose ab und stelle das Glas mit einem dumpfen Schlag auf den Sekretär. Ein zweiter Ball verfehlte sein Ziel nur knapp, und schepperte gegen den Holzrahmen. Nach einem kurzen Spurt war er am Fenster angelangt, und er lugte misstrauisch um die Ecke. Zwischen den beiden schneebedeckten Kiefern machte er eine schmale Gestalt aus, die hinter das Haus flüchtete. Leise fluchend rannte er die Treppe hinab, stolperte und fing sich gerade noch am Geländer.
Im Eilschritt griff er seine Daumenjacke, warf sie sich über und stürmte Richtung Hintertür des Anwesens. In diesem Augenblick realisierte er dass es nun eigentlich sein Haus war, und seine Eltern fast endgültig aus seinem Leben verschwunden waren. Nie war es ihm klarer gewesen als in just diesem Augenblick - er konnte niemanden rufen, niemand war bei ihm. Die Tragweite dieser Erkenntnis traf ihn wie einen Schlag, und er blieb wie angewurzelt stehen.
Er schüttelte kurz seinen Kopf und orientierte sich wieder, Richtung Tür. Er riss den schweren Eichenflügel auf, kalte Luft und ein paar vereinzelte Schneeflocken schlugen ihm ins Gesicht. Sich fokussierend auf die Ecke des Hauses rannte er nach draußen, und blieb dann an ihr stehen. Sam versuchte sich seine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen, und trat herum. In diesem Augenblick traf ihn ein Schlag ins Gesicht, und er verlor die Orientierung. Er taumelte rückwärts und bemerkte erst jetzt dass ihn nur ein Schneeball getroffen hat, das aber mitten auf die Nase. Die Flocken und kleine Batzen Schnee flogen nur so von ihm weg, als er wild mit seinen Händen fuchtelte. Seinen Blick wieder geradeaus richtend, sah er die schmale Silhouette der Person, die gerade eben noch geflüchtet war.
Ihr rotes Haar flatterte im Wind, und hüpfte auf und ab, während sie sprang. <<Nein, das kann doch nicht sein!>> stammelte Sam. Er realisierte wen er da vor sich hatte und rannte der Person entgegen, die er gerade eben erspäht hatte. Mit einem geschickten Hechtsprung bekam er sie zu greifen und riss sie um. Beide fielen weich in den frischen Schnee, Sam war obenauf und hielt ihre beiden Arme spielerisch auf den Boden gedrückt. <<Was machst du denn hier, Em?>> herrschte er sie an, belustigt über die Situation. Wenige Augenblicke später fand sich Sam unten, und das Mädchen hockte auf ihm. <<Soll ich dich lieber fragen was du hier tust, bei deinen Eltern?>> hauchte sie ihm entgegen. <<Weisst du nicht was... was passiert ist?>> quetschte Sam angestrengt hervor, den Druck auf seinem Brustkorb fühlend. Plötzlich sprang sie von ihm herunter und stellte sich auf, den Schnee von ihrer Hose klopfend. <<Natürlich weiß ich was los ist.>> entgegnete sie mit ernster Miene. <<Deshalb bin ich hier! Ich hab von Ben gehört dass es dir dreckig geht. Deine Mum ist weg? Und dein Dad hatte einen Unfall?>>
Sam rappelte sich auf, und streckte sich. <<Du verstehst es jedes Mal aufs Neue jemanden zu überraschen>> stieß er krampfhaft aus. <<Ms. Emma Windrick! Was hast du dir dabei gedacht, mich so zu erschrecken?>> Sie kniff ein Auge zu und blinzelte ihm mit dem Anderen zu: <<Keine Ahnung, klingeln wär ja langweilig gewesen, meinst du nicht?>> Ihm fiel auf, dass die lange Zeit wohl einiges an ihr verändert hatte, vom vollen roten Haar, bis über ihre Figur - sie wirkte wesentlich schlanker und sportlicher als er sie in Erinnerung hatte. Erst hing er den trüben Gedanken ans College noch hinterher, nun erschien wie aus dem Nichts eine Person aus der Vergangenheit. Das kam sehr unerwartet für ihn, denn Emma war seine platonische Freundin in der Schule. Nach dem Abschluss zog sie nach Bear’s Hill, zusammen mit ihrer Familie und ihrem Freund. <<Du trägst ja eine Brille, und deine Haare sehen ... toll aus!>> stotterte Sam. <<Aber was ist passiert? Wohntest du nicht in so einem… kleinen Kaff?>> Ein leichter Anflug von Zorn huschte über Emma’s Gesicht. <<Ja, Bear’s Hill ist und bleibt ein elendes, kleines Kaff. Aber was soll’s? Mehr Natur und frische Luft hatte ich selten gehabt!>> rechtfertigte sie sich schnell. Sam musste sich auf die Zunge beissen damit er ihr nicht spontan an den Kopf warf, dass ihr das wohl sehr gut getan habe, und dass sie absolut fantastisch aussah. Er sah verlegen an ihr herunter, musterte sie und brachte dann ein schelmisches <<Geschadet hat dir das aber nicht … siehst ziemlich drahtig aus. Was treibst du so?>> hervor. In der Tat hatte sich Emma sehr verändert, ihr Körper wirkte irgendwie hagerer, und das obwohl sie dicke Winterklamotten an hatte. Und auch ihre Bewegungen waren geschickter, ihre Haltung erschien selbstbewusst und aufrecht - Sam konnte sich erinnern, dass sie zu Collegezeiten eher unsicher war, teilweise sogar richtig introvertiert und verschlossen. Der eisige Wind fuhr plötzlich noch kraftvoller am Haus vorbei, und einige der hölzernen Fensterladen klapperten unruhig. Der Schneefall ließ etwas nach, aber es wurde spürbar kälter, da die Sonne hinter einigen dichten Wolken verschwand. So stand Emma knöcheltief im Schnee, und sah absolut atemberaubend aus. Sie trug schwarze Hosen, Schneestiefel mit Pelzbesatz und komplettierte ihr Äußeres mit einer leichten, dunkelgrünen Daunenjacke. Sam stockte der Atem als er sie weiter ansah - ihre grünen Augen strahlten etwas Natürliches, Mildes und Tiefgründiges aus. Einige kleine Flöckchen blieben auf Ihrer Brille hängen, und schmolzen sofort zu kleinen Punkten. Man konnte erkennen wie sich Em’s Wangenknochen leicht unter ihrer hellen Haut abzeichneten - Sam war sofort fasziniert von ihr. Ihre kleinen, aber sinnlichen Lippen schürzten sich, und sie rümpfte kaum merklich die Nase, um kurz darauf hervor zu pressen: <<Bist du jetzt fertig mit glotzen? Lass uns reingehen, mir frieren noch die Finger ab!>> Sam zog Emma an der Hand und steuerte auf die Tür zu. Nach ein paar schnellen Schritten waren sie bereits über der Türschwelle und traten ein. Das massive Holztürblatt fiel solide klackend ins Schloss und angenehm warme Luft empfing die Beiden. Der gemauerte Kachelofen der im Wohnzimmer stand, knisterte und knackte behaglich. Er verbreitete einen leichten Geruch nach Holz - dieser schien Em sehr zu gefallen, sie wirkte nun sichtlich entspannt und locker, sog die warme Luft tief in ihre Lungen ein. Sam nahm ihr die Jacke ab, und warf sie über einen der braunen Ledersessel, die zu dritt zusammen mit einer passenden Couch um den schweren Eichentisch standen. Er riskierte einen scheuen Seitenblick, denn er wollte nicht dass Em dachte er würde sie anstarren, zumal er sich Mühe gab seine Aufregung mit einer aufgesetzten Portion Coolness zu überspielen. Em fing an sich in dem großen, überhohen Raum umzusehen, sie schritt Richtung Kamin und beobachtete das lodernde Feuer darin. Sie rieb ihre Hände aneinander und wärmte sich. <<Das ist doch schon viel besser. Wie schön dieses Haus doch eigentlich ist! Es strahlt so eine unglaubliche Ruhe und Würde aus. Konnte mich gar nicht mehr daran erinnern …es ist ja auch schon eine ganze Zeit her seit ich das letzte Mal da war.>>
<<Wohl wahr! Tja, da waren die Dinge noch etwas … geordneter, wenn du verstehst was ich meine!>> presste Sam hervor. <<Im Augenblick ist alles etwas … chaotisch. Muss mich erst noch daran gewöhnen dass ich nun quasi alleine hier wohne. Ziemlich komisches Gefühl nach all den Jahren, das kannst du dir gar nicht vorstellen!>>
Er machte ein paar Schritte und ließ sich in die dreisitzige Couch fallen. Langsam verflog seine Nervosität und wich einem großen Interesse für Em. Diese stand am gegenüberliegenden Ende des Raumes und sah aus dem außen angefrorenen Fenster. Dabei trat sie von einem Fuß auf den Anderen. <<Also jetzt lass mal hören. Was genau ist passiert? Black konnte es mir auch nicht genau sagen, deshalb bin ich ja hier. Wie geht es deiner Mum, und was zur Hölle ist mit deinem Dad geschehen?>> Em zog eine Augenbraue hoch und schaute ihn ungeduldig an.
<<Ach weisst du, wenn ich dir das so genau sagen könnte… Mum ist Hals über Kopf ihn ihren Job bei der Regierung geflüchtet, nur noch auswärts. Ich kann die ganzen Länder schon gar nicht mehr alle aufzählen. Schätze jeder hat seinen eigenen Weg vor dem Schmerz weg zu rennen…>>
Em blinzelte ihm betroffen zu, und Sam merkte dass sie es ehrlich meinte. <<Das ist ja furchtbar. Was ist mit deinem Dad passiert? Ben hatte mir davon erzählt … wir hatten uns vor ein paar Wochen zufällig an der Tankstelle zwischen Bear’s Hill und Almonthy getroffen. Er war gerade auf dem Weg in den Urlaub, zusammen mit seinem Dumpfbacken-Bruder.>> Sie zog die Mundwinkel nach unten. <<Wollten fischen gehen, irgendwo weiter nördlich am Meer. Er hat irgendwas von einer Hütte gefaselt, die seinem Onkel gehört … du kennst ihn ja, alles glauben kann man ihm nie!>> Sam nickte zustimmend. Ben Fredericks, sein alter Freund vom College - eigentlich sein einziger damals enger Kontakt, da er sympathisch und loyal war. Sam wurde niemals von ihm in die Pfanne gehauen oder in irgendeiner Form verletzt. Trotz seiner ganzen netten und direkten Art war Ben doch ein Chaot wie er im Buche stand, ständig mit verrückten Ideen und Plänen beschäftigt, einfach sprunghaft. Seine Eltern lebten beide in einem kleinen Vorort, Almonthy. Jan Fredericks, der stämmige Norweger, und seine europäische Frau Elise. Schon immer waren sie gut mit Sam’s Eltern befreundet, vor all den Ereignissen die ihn nun heimgesucht hatten.
Emma drehte sich schwungvoll um und kam auf Sam zu. <<Los, erzähl' mir von dir. Wenn du magst. Ich wollte dich nicht überrumpeln!>> flüsterte sie leise. <<Na gut!>> knurrte Sam sie an. Ein Blick in Em’s wunderschönes Gesicht, welches ein klein wenig blass geworden war, verriet ihm dass sie es nicht so gemeint hatte, und sie ihren Ausrutscher am liebsten rückgängig machen würde. <<Schon gut, schon gut! Ich glaube ich weiss wie du es meinst… ich bin nur nicht … noch nicht daran gewöhnt dass du etwas… forscher bist als ich dich in Erinnerung hatte.>> stammelte Sam, der sich ihrer Wirkung auf ihn langsam bewusst wurde. Er fing leicht an zu schwitzen, und wusste nicht ob es am Kaminfeuer oder an Emma lag.
<<Ich weiss auch nicht, ich bin irgendwie durch den Wind. Mein Dad hat immer zu mir gehalten, er war so solide und beständig. Und dann rafft es ihn dahin. Von einem Tag auf den anderen. Ich weiß einfach nicht warum das gerecht sein soll? Was ist los mit der Welt?>>
Er überlegte krampfhaft wie er sich langsam aus der Situation ziehen konnte. Das letzte was er nun brauchte, waren Sorgen und Schmerz.
<<Los, lass uns etwas trinken gehen. Oder essen - oder beides?>> <<Klingt nach nem Plan Sam, allmählich hab ich Hunger. Hast du einen Vorschlag?>> Sie sah ihn fragend an. Er ging voller vorgetäuschtem Elan, mit scheinbar besonders elastischem Gang auf die kleine Kommode zu, die vor der Tür zum Flur stand. In Wahrheit hatte er nur Lust auf einen frisch gezapften Pint. Und darauf, Emma weiter zu mustern. Zerstreut wühlte er durch die Notizzettel, Blätter und dem ganzen Kleinkram der darauf lag, man konnte erkennen dass er seine ganz eigene Ordnung pflegte. <<Da!>> stieß er hervor und wedelte mit einem kleinen Flyer vor sich herum.
<<Da gibt’s ein neues Pub unten am Fluss. Keine Ahnung ob das was taugt, wollen wir’s probieren?>> Er legte seinen Kopf schief und grübelte. <<Könnte doch was sein? Wie kommen wir hin?>> <<Ich fahr uns schon, komm mit!>> entgegnete Sam und setzte sein markantes Grinsen auf. Er wirkte sichtlich glücklich darüber, dass trotz aller schrecklichen Ereignisse das Schicksal ihm seine lange verschollene Freundin wieder brachte. Er war gespannt wie ein Bogen auf das, was sie zu erzählen hatte. Hatte sie etwa einen Freund? Was hat sie nach dem College getrieben? Das wirst du noch früh genug erfahren! schoss es ihm durch den Kopf, und er setzte sich in Bewegung. Mit einem geschickten Griff bekam er seinen Mantel zu fassen, und schwang ihn sich lässig über die Schultern. Die Beiden verließen das Haus durch den Haupteingang, und standen dann auf den steinernen Stufen vor der schweren Eingangstür. Da hatte sie der Winter wieder, und begrüßte sie erneut mit eisiger Luft. Sam sog sie tief in seine Lunge, und schloss kurz die Augen. Wie er den Winter liebte, alles war hell und freundlich - er stellte sich vor wie an diesem Morgen die Sonne aufging, und die Strahlen den frisch gefallenen Schnee zum glitzern brachten. Der Himmel war tiefblau, ohne Wolken, die Sicht klar und weit. Er mochte diesen Gegensatz zwischen freundlich und unwirtlich, irgendetwas faszinierte ihn daran. Die unerbittliche Kälte zwang die Menschen in ihre Häuser, ans Feuer oder an andere gemütliche Plätzchen. Sam mochte das Knistern eines Kaminfeuers, und zeitgleich den Frost draußen - der ewige Kampf zwischen Wärme und Kälte. Zwischen Mensch und Natur.
Wie im wirklichen Leben, Alles war ein ständiger Kampf. Irgendetwas oder Irgendjemand war immer gegen dich, selbst wenn es nur das Schicksal ist. Und irgendwie kommt man aus allem Schlamassel irgendwann raus… die Frage ist nur wann.
Seine Gedanken wirbelten nur so in seinem Kopf herum, wie in einem riesigen Strudel. Er gab sich einen Ruck und marschierte geradlinig auf die Doppelgarage zu, die links des Anwesens separat stand. <<Auf gehts!>> triumphierte er, und stiess das Tor mit beiden Händen nach oben. Er beobachtete dabei Emma, die plötzlich mit weit aufgerissenem Mund dort stand und freudig Richtung der Öffnung starrte, die sich nun aufgetan hat. Sie erblickte einen schwarzen Land Rover älteren Baujahrs, aber sehr gepflegt und sauber. <<Ich finde doch, mein Dad hatte Geschmack!>> lachte er gequält, beim Gedanken an Vater. Dabei fühlte sich sein Hals an, wie durch eine gigantische unsichtbare Faust zusammengedrückt. Er versuchte seine Trauer zu verscheuchen. Er hustete leicht, und wendete sich von Emma ab. Sie stiegen in den Wagen ein, und er rollte leise auf die Zufahrt nach draußen.
Nach guten 10 Minuten Fahrt, verbunden mit gelegentlichem Fluchen über manch einen Sonntagsfahrer und irgendwelchen Idioten die sich wohl in der Jahreszeit geirrt hatten und anscheinend noch Sommerreifen montiert hatten, kamen die Beiden in der Kensington Road an. Sie gehörte zum alten Stadtkern, eine kleine, verschlungene Pflasterstraße. Links und rechts von ihr türmten sich die in die Jahre gekommenen, aber ehrwürdigen, Gebäude der Stadt auf. Sam mochte diesen Ort, er erinnerte ihn lebhaft an seine Kindheit, war er doch zusammen mit seinem Sandkastenfreund Tobias beinahe jeden Tag hier unterwegs gewesen. Tobias Fouler war ein komischer Zeitgenosse gewesen, ein Kind armer Eltern, sehr unsicher und scheu, er wirkte schon als Kind merkwürdig. Draußen in der Natur und beim erkunden der Stadt wich diese Zögerlichkeit aber rasch purem Elan. Sam erinnerte sich zu gern an ihn, sie waren wie Brüder. Tobias war gezwungen mit seinen Eltern wegzuziehen, und so kam es dass Sam ihn nach ihrer gemeinsamen Schulzeit nie mehr zu Gesicht bekam. Er wollte wissen wohin, aber seine Eltern versuchten ihm den Kontakt zu verbieten. Ein armer Junge, der irgendwie komisch aussah, und wirkte wie gestört, entsprach ihren Vorstellungen von Gesellschaft für ihren Sam nicht wirklich. So verlief auch diese Freundschaft im Sande.
Er ließ seinen Blick umherschweifen und bestaunte die massiven Bauten, allesamt mit einer dicken Schneeschicht auf den Dächern verhüllt. Kleine, handgefertigte Messingschilder mit Geschäftsnamen baumelten vor vielen von ihnen an dicken Holzpfosten, die oberhalb der Eingangstüren angebracht waren. So auch vor dem neuen Pub, der nun vor ihnen lag. Das Schild schwang im eisigen Wind leicht hin und her, und gab quietschende Geräusche von sich. Die hölzerne Eingangstür war äußerlich mit Eis belegt, feine Frostkristalle glitzerten auf den Fensterflächen.<<Lass uns reingehen Em!>> Sam blickte auf seine Uhr, die er vor einigen Jahren von seinem Vater geschenkt bekommen hatte, und stellte fest dass es schon fast Mittag war. <<Du hast sicher Hunger?>> fragte er beiläufig, als er die schwere Tür aufschob.
Innen empfing die beiden gedämpftes Licht, unverputzte Steinwände und eine große Theke. Es roch nach Leder, Holz und gebratenem Fleisch. Die Einrichtung war sehr detailverliebt und warmherzig gestaltet, was Sam auf Anhieb gefiel. Breit grinsend kam ein dürrer, rothaariger Kellner an: <<Hallo ihr Zwei, willkommen im Governors!>>
Er führte sie zu einem gemütlichen Platz auf der Hinterseite des Pubs, von dem aus man einen guten Überblick über das ganze Lokal hatte. Em rutschte auf der Sitzbank nach hinten, und verrenkte sich beim Ausziehen ihrer Jacke beinahe den Arm. Sie schüttelte den Kopf und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, die vom immer noch fallenden Schnee etwas feucht waren. <<Viel besser, hier kann man’s wohl aushalten!>> stellte sie zufrieden fest. Sie sah sich in Ruhe um und bemerkte die Sammlung an Dutzenden steinernen Bierkrügen, die oberhalb der Bar in einem offenen Regal stand. Sam bestellte sich einen Kartoffeleintopf zusammen mit einem kalten Schwarzbier, Emma schloss sich nickend an, tauschte das Bier allerdings durch einen Topf Kaffee aus. Insgeheim verfluchte er sich dafür, hatte er doch schließlich einen Vertrag mit sich selbst geschlossen, erst Abends zu trinken. Heute hatte er diesen bereits zum zweiten Mal gebrochen, was ihn mit einer Mischung aus Scham und subtiler Angst erfüllte. Er wusste tief im Inneren dass er so nicht weitermachen konnte, schaffte es aber nicht sich konsequent genug zu verhalten.
Dein Körper hält dich Tag für Tag am Leben, und scheisse, hat er viel damit zu tun!Versuch’ ihm doch endlich Mal was Gutes zurück zu geben…
Diese Mahnung erschien vor Sam’s geistigem Auge, wieder und immer wieder. Sein Unterbewusstsein war gut darin, in ihm Schuldgefühle aufwallen zu lassen. Aufgrund der vorangegangen Ereignisse schaffte er es aber nicht, sich selbst gerecht zu werden. Zu befriedigend fühlte es sich an, sich einen Drink zu genehmigen. Es holte ihn runter, machte ihn kreativ. Ein Stück weit vergaß er die Welt um sich, und auch sich selbst. Zumindest bis zu einem gewissen Zeitpunkt, irgendwann tendierte er zu voreiligen Entscheidungen und immer öfter auch zu Dummheiten. Emma blinzelte zu ihm hinüber, nachdem sie ihre Bestellung aufgab.
<<Also, jetzt mal raus mit der Sprache. Erzähl’ mir doch einfach wie es dir geht? Tu nicht so geheimnisvoll!>>
Sam rutschte auf seinem Platz hin und her, sichtlich unwohl.
<<Also gut.>> presste er sich hervor, aber er fühlte sich noch nicht bereit sich komplett zu öffnen. Stattdessen wich er ihren bohrenden Blicken aus, krallte sich an seinem Bierglas fest, und gönnte sich einen herzlichen Schluck. <<Komm schon, was stimmt nicht bei dir?>> stichelte Em nach. <<Wenn du’s mir nicht erzählen kannst, wem dann?>>.
Viel konnte er diesen Argumenten nicht entgegenbringen, so war Emma doch seine beste Vertraute gewesen, er konnte sich stets felsenfest auf sie verlassen. Und Geheimnisse waren bei ihr gut aufgehoben, dessen war er sich sicher.
<<Naja, du kennst die Lage ja bereits… Lord Bennett sitzt alleine im Palast seiner Eltern, seine Mutter kommt alle 3 oder 4 Monate kurz nach Hause. Aber dann nur für ein Wochenende. Sein Dad ist tot. Welch intakte Familie!>> spottete er drauflos.
Em schlug ihn mit ihrer Faust auf die Schulter, das klatschende Geräusch brachte den Kellner dazu, irritiert in ihre Richtung zu blicken.
<<Sei bitte einmal nicht so zynisch, was willst du jetzt tun? In deinem Schloss sitzen und trinken bis die Welt sich dazu entschliesst dich besser zu behandeln?>>
Sam fühlte sich plötzlich wie mit einem Pfosten vor den Kopf geschlagen, mit einem Mal hatte er keinen Appetit mehr. Sie hatte wohl gerochen dass er sich heute bereits am Whiskey seines Vaters bedient hatte, und diese Offensichtlichkeit traf ihn hart, er fühlte sich ertappt. Umso trotziger fiel seine Reaktion aus. Er rümpfte stoisch die Nase.
<<Ganz genau. Ich setze mich in meine Burg und warte. Was willst du dagegen tun? Was will irgendjemand dagegen tun? Wer hat mir Vorschriften zu machen?>> schnaubte er sie an, wohlwissend im Unrecht zu sein.
<<Mach mal halb lang Sam! Das kann nicht dein Erst sein!>> herrschte Em ihn an. <<So viel Selbstmitleid tut einem ja fast schon weh!>>
Sam’s braune Augen erschienen plötzlich dunkler, und funkelten bedrohlich in ihre Richtung.
<<Was würdest du denn an meiner Stelle tun? Ich versuch’ doch nur irgendwie Fuß zu fassen… herauszufinden wo mein Platz in dieser Welt ist!>> zischte er verzweifelt.
Em wirkte plötzlich besorgt, ihre Stirn legte sich in Falten, voller Mitleid sah sie Sam mit ihren grünen Augen an. Sie hatte üblicherweise ein Strahlen und Funkeln in den Augen, atemberaubend schön und doch wild und unkontrollierbar. In diesem Augenblick war es verschwunden, und Sam erkannte darin nur Sorge.
Macht sie sich etwas Sorgen um dich? Sie ist doch gerade erst aufgetaucht. Eigentlich kann es ihr herzlich egal sein, was du treibst.
Der Kellner kam mit einem Tablett um die Ecke gebogen, gekonnt balancierte er die Suppenschüsseln zusammen mit den Getränken. Er wirkte ungeheuer leichtfüßig und dabei so souverän, dass er bestimmt nicht einmal im Falle eines Erdbebens ins Stolpern käme. Er trat an den Tisch der beiden heran, und in einer gekonnten Handbewegung manövrierte er die Speisen vom Tablett herab.
<<Bitte Sir, und hier für die Dame! Ich wünsche einen guten Appetit!>> säuselte er und verschwand mit einem eleganten Hüftschwung wieder Richtung Küche.
<<Wenn der nicht stockschwul ist, fress’ ich nen Besen!>> scherzte Sam. Er wirkte plötzlich seltsam unbekümmert, die Thematik ihres gerade stattgefunden Gespräches, obwohl sie noch omnipräsent im Raum hing, war für ihn bereits Vergangenheit. Er malte sich stattdessen die verschiedensten Situationen in seinem Kopf aus. Manchmal ahnte er dass es Gleichgültigkeit war, die ihn auch in Anbetracht von Problemen so gelassen erscheinen liess. Vielleicht war es auch der Alkohol, den er bereits subtil fühlen konnte, der ihn wie immer locker machte, und sich seiner Sache sicherer als nötig. Er musterte Em genau, als sie sich verzweifelt ihrem Essen zuwandte. Einige wenige Strähnen ihres roten Haares fielen ihr ins Gesicht, und in ihren Augen schimmerte etwas von ihrer ungeheueren Neugier und ihrem unstillbaren Antrieb, Neues zu erleben. Er konnte sich noch gut daran erinnern, dass sie bereits in der Schule so tickte. Ständig unterwegs in der Natur, immer neue Gegenden und Pfade erkundend. Es wunderte ihn wenig, dass sie ihre Zelte nun so weit außerhalb der Stadt aufgeschlagen hatte. Der Gedanke daran, mitten in der Natur zu wohnen, eingehüllt in die Stille und Einsamkeit zwischen den Wäldern und Bergen, reizte Sam schon immer. Für den Augenblick aber musste er mit seiner gegenwärtigen Situation vorlieb nehmen.
Betretenes Schweigen machte sich breit, während beide über ihre Teller gebeugt anfingen, ihre Mahlzeit zu geniessen. Emma wirkte nachdenklich, und er fühlte dass sie sich schämte, ihn so barsch angegangen zu haben. Zwar hatte sie nicht das Recht dazu, aber auf Sam wirkte es in diesem Augenblick nicht wie eine Schelte. Sie sorgte sich anscheinend um ihn und es kam ihm so vor als tat sie das mit der größtmöglichen Aufrichtigkeit. Eine angenehme Abwechslung zu seinem sonst so einsamen und chaotischen Dasein. Mit einem Mal spürte er die Wärme, die von Emma ausging. Das wohlige Gefühl des Behütet-Seins, welches er so lange nicht mehr erfahren durfte, machte ihn sprachlos. Er rang sich dazu durch, die Situation herumzureissen. Zögerlich suchte er Em’s Hand, und legte seine vorsichtig darauf. Überrascht sah sie plötzlich auf, zog sich aber nicht zurück. Ihr fragender Gesichtsausdruck verwandelte sich in ein angedeutetes Lächeln, und ihre Augen funkelten Sam freundlich an. Er räusperte sich, und versuchte die richtigen Worte zu finden.
<<Em, ich weiss es sehr zu schätzen dass du dich anscheinend so um mich sorgst… und… ich finde es toll dass du hier aufgekreuzt bist!>>
Mühsam murmelte er die Worte in seinen Kinnbart, und kam dabei leicht ins Stottern. Er war durch den Wind und sichtlich nervös, so blieb ihm nichts anderes übrig als zu hoffen, dass Emma über seinen trotzigen Ausrutscher hinwegsah. Gebeutelt von Trauer, Perspektivlosigkeit und seiner Sucht fühlte sich ihre Anwesenheit für Sam wie ein Lichtblick an. Goldenes, weiches Licht am Ende eines fantastischen Sommertages.
Emma’s Haltung lockerte sich schlagartig, und sie grinste ihn erleichtert an. Sam konnte nicht anders als sie zu bewundern, ihre sanften Gesichtszüge zu mustern, und wie sie sich über die Jahre verändert hatten. Natürlich sah sie älter aus, das war unweigerlich der Lauf der Zeit, aber sie strahlte eine bewundernswerte Frische und Energie aus. Ihren Körper hatte sie dabei unter keinen Umständen vernachlässigt. Sam fühlte die Schamesröte langsam in seine Backen steigen, als er versuchte sie möglichst unauffällig zu begutachten.
Es war nun schon einige Monate her als Sam seinen Vater bei einem schrecklichen Unfall verlor. Durch und durch sportlich und fasziniert von alpinen Bergtouren, war Richard eines Tages von einem Trip mit seinem besten Freund Alfie nicht mehr zurückgekehrt. Alfie selbst konnte schwer verletzt geborgen werden, nachdem beide an einer gefährlichen Stelle ins Straucheln gekommen waren, aneinander gesichert, und über achtzig Meter an der kargen Felswand abgestürzt sind. Die Traurigkeit steckte Sam jeden Tag noch in den Knochen, manchmal stärker, manchmal weniger. Er lebte nun mit seiner Mutter Clara in seinem Elternhaus. Selbst dort fühlte er sich stellenweise mehr als einsam, da sie aufgrund ihrer Tätigkeit für die Regierung ständig unterwegs war und Sam fast das ganze Jahr über alleine bleiben musste. Man musste sie nicht einmal persönlich gut kennen, um zu sehen dass die Arbeit ihre Art von Realitätsflucht darstellte.
Jeder hat eben eine andere Art der Trauerbewältigung. Wenn es doch nicht so verdammt schmerzen würde… dachte er sich.
Ab und an konnte er die Einsamkeit in dem großen Gebäude geniessen, die Ruhe und den Frieden. Alleine auf dem Sofa lümmelnd, ein Bier in der Hand, die durch die schlecht geputzten Fenster einfallende Sonne geniessend. Es gab aber auch jene Tage, an denen ihn eine grausam zehrende Leere ausfüllte. Das mochte auch daran liegen dass er eigentlich seit dem College keine wirklich engen Freunde mehr hatte. Zu kompliziert und wählerisch war er als introvertierter Typ, als dass er sich mit jedem anfreunden konnte oder gar wollte. Seinen ehemalig besten Freund Ben, den alle nur Black nannten, war der Einzige den er seit der Schulzeit vermisste. Er war in irgendein kleines Nest kurz vor den Bergen gezogen, vermutlich um in die Fußstapfen seines Vaters Jan zu treten, der Fallensteller und Jäger mit Leib und Seele war. Und Lynn? Sam schmunzelte beim Gedanken an sie, und glaubte dass er auch heute noch nicht aus ihr schlau werden würde. Zu geheimnisvoll und unberechenbar war sie, es fiel ihm schon damals schwer durch ihre harte Hülle zu blicken, wenngleich er eine Zeit lang recht gut mit ihr befreundet war. Irgendwie waren sie auf der selben Wellenlänge. Es erschien ihm wie eine glückliche Fügung im Nachhinein, konnte er bei ihr doch schonungslos ehrlich sein und musste sein Wesen nicht verstecken. Sie mochte Sams chaotische Art, und seinen Hang zur Unvernunft, er ihre trotzige Nonkonformität.
Seine alten Freunde vom College waren mittlerweile weit verstreut, in den verschiedensten Gegenden des Landes. Der Abschluss zieht sie alle weg, Freundschaften verblassen, und mit ihnen viele gute, und auch schlechte, Erinnerungen an die Schulzeit. Nur wenige waren im Ort geblieben, trotz der schlechten Karrierechancen und der desolaten wirtschaftlichen Lage. Unsicher und in sich gekehrt war er in seiner Collegezeit, zu kompliziert war sein Verhältnis mit den Anderen. Die wenigen Ausnahmen stellten dabei Ben, Emma und Lynn dar. Auf den Rest konnte er auch aktuell noch dankend verzichten.
Die leeren Teller wurden abgeräumt und Sam trank sein Bier aus. Er fühlte sich ziemlich voll gefressen und zufrieden.
<<Bleibst du noch für ein paar Tage in der Stadt?>> wollte er wissen. <<Wenn du magst kannst du gerne so lange bei mir bleiben, falls du keine Unterkunft hast! Denk dir bitte nichts dabei, ich will’s dir nur anbieten!>>
Emma rutschte auf ihrem Stuhl hin und her und zwinkerte ihm verlegen zu. <<Wenn dir das keine Umstände macht? Eigentlich wollte ich bei Lisa schlafen, kennst du sie noch? Die dicke Blonde aus unserer damaligen Parallelklasse? Mit der komischen Nase?>>
Sam musste ein Lachen unterdrücken und sah Em belustigt an.
<<Wie kommst du denn auf die?>>
<<Früher waren wir doch befreundet, nie wirklich eng, aber irgendwie lässt sie mich nicht in Ruhe. Sie schreibt mir immer mal eine Mail und so, deshalb hatten wir Kontakt über die letzten Jahre. Ich glaub wir passen aber nicht mehr wirklich zusammen, hat sich ja Einiges getan seitdem!>>
Em wirkte mittlerweile lockerer und entspannter, Sam spürte dass sie sich in seiner Nähe wohl fühlte.
<<Wir haben doch nichts weiter vor heute, oder? Du hast doch noch ein paar Tage frei? Lass uns ein paar Häuser weiter gehen, ich kenn da ne gute Bar!>>
Sam kramte seinen Geldbeutel hervor, wühlte darin herum und nahm ein paar Scheine heraus, die er unter den Tellerrand klemmte. Er bedachte seinen schwulen Kellner mit einem großzügigen Trinkgeld, zu gut war seine Laune wegen Emma. Er griff nach seiner Jacke und zog Em durchs Lokal Richtung Ausgang. Der eiskalte Wind schlug beiden ins Gesicht und ließ sie erschaudern.
<<Da vorne rechts, in der Seitenstrasse ist das Bell’s Inn! Die haben echt gute Cocktails, falls du magst?>> Sam wirkte euphorisch. Er fühlte dass ihm ihre Gesellschaft gut tat. Er war recht lange sehr isoliert, was ihn nicht im Geringsten störte, aber er hatte dennoch eine Abwechslung bitter nötig. Die beiden stapften durch den Neuschnee, Sam hielt sie an der Hand und zerrte mehr an ihr, als es nötig war. Nach ein paar Minuten hatte die Kälte ihr Übriges getan, und sie waren ziemlich durchgefroren, während Emma die Temperaturen anscheinend besser vertrug als er.
<<Hier gehts rein!>> sagte Sam und zeigte auf eine Art Durchgang. Ein gemauerter Rundbogen in der wunderschönen alten Fassade des Hauses führte zum Bell’s Inn, einer seit einiger Zeit sehr angesagten Bar.
<<Mal sehen ob die noch einen Platz für uns haben!>> fragte er sich und stemmte die schwere Tür auf. Im Inneren überraschte Emma die moderne, aber gemütliche Einrichtung. Sie sah eine lange Bar, aus Glas und beleuchtet und viele Sitzmöglichkeiten aus dickem, schwarzen Leder. Es roch irgendwie gut, die Mischung aus Lederduft und frischer Minze verband sich mit den vielen verschiedenen Gerüchen der Gäste. Hier und da lagen komplexe Spuren von wahrscheinlich sündhaft teuren Parfums in der Luft. So nobel das Ambiente auch wirkte, durch die vielen gepolsterten Möbel und das gedämpfte Licht wirkte auch dieser Ort sehr gemütlich und einladend. Die Besucher des Bell’s waren doch sehr verschieden. Zum einen erblickte Sam jungreiche, laute Snobs mit einer Flasche Champagner auf dem Tisch, aber auch ältere Herrschaften die gemütlich in ihrem Ledersessel fläzten und am Whiskey nippten. Er fragte sich wie dies harmonieren konnte, aber seltsamerweise tat es das ganz ausgezeichnet.
Kümmer’ dich um deinen eigenen Mist! schoss es ihm durch den Kopf.
Leben und Leben lassen, das ist es. Das ist der Deal. Würden sich das Alle zu Herzen nehmen, sähe es in der Welt weit rosiger aus…
Im hinteren Teil des Ladens prangte ein großer offener Kamin an der Wand.
Genau das Richtige! dachte sich Sam und steuerte auf einen Tisch zu. Das Feuer prasselte und knackte, eine wohlige und warme Stimmung war das, was Sam gerade brauchte.
<<Du musst mir noch soviel von dir erzählen! Was hast du gemacht all die Jahre?>> fragte er sie als er seine Jacke auf die Bank warf. Er setzte sich und fuhr sich mit der Hand durch die Haare, die von den vielen kleinen Schneeflocken ganz feucht waren.
<<Na auf jeden Fall nicht das übliche Programm. Kennst du noch Elise? Vom College? Sie hat neulich geheiratet, und ist schwanger. Jetzt sucht sie mit ihrem Mann ein Haus. Langweilig, oder? So direkt vom College weg. Wie schaut deine Liste aus? Was willst du machen bevor es über den Jordan geht?>> plapperte Em enthemmt drauflos.
Sie schaute Sam neugierig an. Er zog eine Augenbraue hoch: <<Hey, ich hab damit angefangen Fragen zu stellen!>> Er betrachtetet Em amüsiert. <<Was hält dich in Bears Hill? Findest du es nicht öde?>>
<<Klar, viele Bekannte hab ich da oben nicht, aber es passt schon so. Die Landschaft ist so wunderschön, und die Natur fast unberührt… Man hat seine Ruhe, für mich ist das gut. Ich brauch keinen Lärm…>> Em schaute sich nach der Getränkekarte um und schlug sie mit Schwung auf.
<<Was haben wir denn da…>> Sie überflog die Zeilen und blätterte eifrig. <<Kannst du mir irgendwas empfehlen? Du warst hier doch schon mal!>> fragte sie ihn.
<<Hmm, ich bleib hier bei meinem Gin Tonic, der ist herrlich aromatisch und erfrischend. Sie haben diesen besonderen Gin, mit wilden Kräutern, das ist der Knaller!>> Emma entschied sich für einen klassischen Kir Royal, und Sam musste wegen ihrer Entscheidung leise lachen. <<Schampus geht für euch Mädels immer, oder?>> stichelte er. Em kicherte und spielte die Beleidigte.
<<Warum denn auch nicht?>>
Sie zwinkerte ihm zu, und war in einer guten Stimmung. Sam genoss ihre Lockerheit und Offenheit, er vermisste das Gefühl schon seit sie sich das letzte mal getroffen hatten.
<<Also los, raus mit der Sprache! Was treibst du den ganzen lieben langen Tag so? Arbeitest du gar nichts?>> bohrte Em nach.
<<Im Augenblick nichts, ich hab bei Sulla’s Bar gekündigt. Elendiger Ausbeuter, der kleine Fettsack! Überstunden schieben, und dann nicht bezahlt werden… ich bin echt sauer!>> schnaubte Sam. <<Aber hey, ich weine dem nicht hinterher. Vorwärts soll es gehen… sagen wir mal so, ich komme eine Zeit lang recht gut alleine klar.>>
Ein entspannter Ausdruck machte sich in Sam’s Gesicht breit, und er holte eine kleine Schachtel mit Zigarillos hervor. Geschickt entzündete er ein Streichholz welches er aus seiner Jackentasche kramte, und feuerte sich damit die winzige Zigarre an.
<<Na hey, du arroganter Kerl!>> witzelte Em leise. <<Scheinst ja ganz gut da zu stehen!>> Er erfasste Em mit einem koketten Blick.
<<Naja so ganz einfach ist es nicht. Aber mein Dad hat, sagen wir mal, ein respektables Vermögen hinterlassen. Und ich kann im Augenblick davon zehren, zumindest noch. Meine Mum findet das natürlich, wie du dir denken kannst, nicht sonderlich toll, aber eine Wahl hat sie auch nicht. Dad hatte in seinem Testament hinterlegt dass ich nicht zu kurz kommen solle, sollte er eines Tages nicht mehr unter uns weilen.>> rechtfertige sich Sam. Plötzlich wurde es um die Gruppe Neureicher laut. Wildes Gegröle und Geklatsche hallte von ihrem Tisch herüber. Als Sam den Kopf drehte konnte er sehen dass ein kleiner rothaariger, dicklicher Snob es fertiggebracht hat, sich den Champagner überseine sandfarbene Chino zu kippen. Begleitet wurde das natürlich mit Spott von seinen Begleitern. Emma verdrehte die Augen, und Sam musste unweigerlich grinsen.
<<Es schickt sich für Dame aus gutem Elternhaus wohl nicht, sich über kindisches Gehabe und Sauferei zu amüsieren!>> Sam wählte bewusst einen sehr hohen Tonfall, und flötete die Worte in ihre Richtung. Er wusste das sie das auf die Palme bringen würde, gaben ihre Eltern doch viel auf gute Erziehung. Selbst Sam war davon früher nicht verschont worden da die Erziehungsmethoden ihrer Eltern auf seine abfärbten. Die Windricks waren gerne und oft mit Clara und Richard unterwegs. Quittiert wurde seine Aussage mit einem Bierdeckel, der prompt gegen seine Stirn klatschte. <<Pah!>> Em winkte dem Barkeeper zu. <<2 mal Whiskey für uns. Am Besten den Conaill Carnagh!>>
Sam sah sie an als wäre sie ein Wesen aus dem Weltall.
<<DU trinkst Whiskey?>> stotterte er ungläubig, die fragile Person ihm gegenüber anstarrend. Em nickte souverän.
<<Mein Vater hat mir nicht nur Manieren beigebracht, sondern auch das Whiskey trinken! Meinst du nicht dass sich das für einen waschechten Iren so gehört?>> prahlte sie, nahm ihren rechten Arm hoch und spannte demonstrativ die Muskeln an.
Der Whiskey wurde gebracht, Em nahm das kleine bauchige Glas zwischen ihre grazilen Finger und schwenkte es, sog den torfigen Geruch tief ein, und trank einen Schluck. Die vielschichtigen Aromen umschmeichelten ihre Nase.
<<Fantastisches Zeug!>> schwärmte sie. Auch Sam musste zugeben dass das bernsteinfarbene Elixier ausgezeichnet war. Sie tranken aus, und saßen danach noch lockerer in ihren Sesseln als zuvor. Die Anspannung war abgefallen und Sam fühlte sich im Beisein von Emma sehr wohl.
<<Erzähl mal, was hast du in den letzten Jahren so gemacht?>> wollte er von ihr wissen. Em zog die Schultern hoch und zog ihre Mundwinkel nach unten.
<<Was man eben so macht, arbeiten und schauen dass man über die Runden kommt. Zu viel Stress, zum wenig Urlaub, das übliche Programm. Aber ich will nicht jammern, eigentlich lief es ziemlich gut für mich in letzter Zeit. Ich wurde sogar befördert, das hätte ich dem alten schmierigen Sack gar nicht zugetraut … ich schreibe jetzt die Editorials und kurze Berichte für den Herald!>>
Sam war sichtlich begeistert und klatsche für Em in die Hände. Er legte dabei einen anerkennenden Gesichtsausdruck auf, die Mundwinkel nach unten gezogen, als ob er sagen wollte nicht schlecht!
<<Das klingt doch nicht mal ganz so übel. Du konntest schon immer gut schreiben. Hab ich im College schon gemerkt, du warst den anderen immer ein wenig voraus.>>
Das Lob kam an, und Em lächelte zufrieden.
<<Meinst du Meyers, diesen unsympathischen fetten Choleriker? Ist das dein Chef? Man sieht ihn ja immer mal in der Zeitung.>>
Ein angewiderter Ausdruck überflog Emmas Gesicht, und Sam fühlte die Diskrepanz zwischen ihr und ihrem Boss.
<<Ja, wenn ich keine Chancen hätte wäre ich schon woanders, aber es sieht wirklich gut aus aktuell, und das Schmerzensgeld stimmt auch!>> presste sie hervor.
<<Und du kannst es Em! Und du magst es auch noch, also mach weiter. Bis zu dem Zeitpunkt an dem du dein eigenes Ding machen kannst. Sobald sich das auszahlt schau dass du da rauskommst!>> Sie nickte langsam und bedächtig, wirkte dabei abwesend. Das erschein ihr logisch und sie hatte ein großes Bestreben dieses Zeil zu erreichen. Schreiben über das was sie mochte, und gut zu schreiben. Ohne Vorgesetzte, mit ihrer eigenen Zeiteinteilung. Der Gedanke beflügelte sie nahezu, gab ihr Kraft und Antrieb.
Draussen lies der Schneefall etwas nach, der Himmel riss stellenweise auf und gab ab und an einen kurzen Blick auf den Wintermond frei. Es würde kalt werden in dieser Nacht, das fühlten beide sofort als sie die schützende Wärme des Pubs verliessen.
Innerlich vom Whiskey wohlig auf Temperatur gebracht machte es ihnen allerdings nichts aus. Es herrschte nicht mehr viel Trubel in der Stadt, nur vereinzelt erblickten sie eine Person auf ihrem nächtlichen Spaziergang. Sam beschloss trotzdem mit dem Auto nach Hause zu fahren, da er sich fit genug fühlte. Emma schien damit nicht ganz einverstanden, verkniff sich aber einen Protest, sie wollte ihm nichts vorschreiben. Vor Allem nicht weil sie erst vor kurzem wieder in sein Leben getreten war, und ihn nicht gleich bevormunden wollte. Widerspenstig, aber still, stieg sie in das Auto.
Nach einer kurzen Fahrt zurück zu Sams Haus parkte er den Wagen wieder in der Garage ein und schloss das hölzerne Tor. Knarzend rastete es ein. Der Himmel war klar geworden, und der Mond leuchtete hell. Der Schatten beider war auf dem schneebedeckten Boden zu erkennen, der Wind pfiff immer noch unbarmherzig kalt und stark daher.
Sam blickte zu Emma hinüber, die rechts von ihm stand, auf der Stelle tretend. Anscheinend war ihr kalt. Er beobachtete ihr vom Wind zerzaustes rotes Haar, eigentlich war es orange-rot, und ihre winzige Nase. Er fand dass sie eine wunderschöne, kleine Nase hatte. Diese war zwar von der Kälte rot, zusammen mit ihren Backen, aber sie sah immer noch umwerfend aus. Er wusste nicht ob sie seinen längeren Blick bemerkt hatte, und es war ihm auch egal. Er musste sie einfach ständig betrachten.
<<Komm, lass uns reingehen!>> Er zog an ihrer Hand und nickte mit seinem Kopf Richtung Eingang. Im Haus war es noch wohlig warm, das Feuer im Kamin war erloschen, aber die Hitze hielt noch prächtig nach. Nachdem er das Licht eingeschaltet hatte, warf er seine Jacke über die Garderobe, die links neben der Hintertür stand. Er griff sich kurz in sein braunes Haar, und wuschelte es durch. Plötzlich überkam ihn eine Art innere Zufriedenheit, die er nicht deuten konnte. Viel zu spontan konnte er sie fühlen, und zu unerwartet war sie für ihn. Er fragte sich was das wohl bedeuten mochte. War er insgeheim erleichtert dass Emma bei ihm war? Dass sich irgendwer für ihn interessierte? Fühlte sich das nach Hause kommen mit ihr besonders an? Sie kam bereitwillig und gerne mit ihm mit, war entzückend und liebreizend, und dieses Gefühl beflügelte Sam. Einen kurzen Moment lang war seine Einsamkeit wie weg geblasen, und er holte tief Luft.
Am nächsten Morgen war Sam als erstes wach. Mit behutsamen Schritten versuchte er die alte Holztreppe nach unten zu überwinden, ohne dass sie ihr bekanntes Knarren und Quietschen von sich gab. Ganz gelang es ihm anscheinend nicht, aber er stelle mit Erleichterung fest, dass die Geräusche sie wohl nicht geweckt hatten. Sie lag auf dem großen Sofa im Erdgeschoss, in zwei dicke Wolldecken eingerollt. Er konnte es sich nicht nehmen lassen sie genauer zu betrachten. Er fühlte sich zwar schuldig dabei, sie so genau zu inspizieren, doch konnte er seine Gefühle nicht unterdrücken. Die Decke bis unter die Nase gezogen, schlummerte Em noch immer friedlich. Ihre ebenmäßige Haut übte eine große Faszination auf Sam aus, so hell und zart. Ihre Sommersprossen, die kleine filigrane Nase, und ihre vollen Lippen sorgten dafür, dass er ein angenehm warmes Kitzeln im Bauch verspürte.
Jetzt nur nichts falsch machen!
Sam überlegte fieberhaft wie er sich weiter verhalten sollte. Er schlich in die Küche, die offen an das Wohnzimmer angegliedert war und kramte aus einem Schrank Kaffeepulver, eine Filtertüte und einen Löffel hervor. Nachdem er die Kaffeemaschine gefüllt und vorbereitet hatte, schaltete er sie an. Das befriedigende Blubbern und Zischen des Geräts erfüllte den Raum. Er öffnete die Kühlschranktür und ließ sie absichtlich etwas unsanft zufallen. Die Milchflaschen klapperten im Inneren und die Tür schloss sich mit einem dumpfen Schlag. Emma begann ihre Arme auszustrecken und sich auf dem Sofa zu räkeln. Ein herzhaftes Gähnen später richtete sie sich langsam auf. Auf ihren Ellbogen abgestützt blickte sie um sich. Sie sah wie Sam freudestrahlend hinter der Küchentheke stand und ihr zuwinkte.
<<Oh, hey. Guten Morgen! Wie spät ist es?>> wollte sie wissen. Sie sah Sam mit ihren schläfrigen Augen an und wirkte dabei ziemlich entspannt.
Draußen war die Sonne bereits aufgegangen, es hielt sich nur noch ein wenig dichter Hochnebel. Sie versuchte mit aller Kraft gegen ihn anzukommen, und siegte bereits hier und da. Immer mehr Löcher bildeten sich in ihm, und wurden vom Licht durchbrochen.
<<Du hast nichts verpasst, es ist erst gegen acht! Willst du nen Kaffee?>> Er fühlte sich seltsam losgelöst und sorgenfrei, und er glaubte dass Em ihm das ansah.
Ein paar Sonnenstrahlen drangen durch das Fenster und tauchten den Raum in ein warmes, gemütliches Licht.
<<Nichts lieber als das, gerne!>> gähnte ihm Emma entgegen. <<Ich hätte nicht gedacht dass ich so gut schlafe. Der Kamin, herrlich! Und das Sofa ist so bequem, viel bequemer als es aussieht zumindest.>>
<<Freut mich dass du dich hier wohl fühlst! Du hast doch sicher n bisschen Hunger? Sag irgendwas, ich versuch es zusammen zu basteln!>>
Sam reichte ihr eine große gelbe Porzellantasse mit dem dampfenden Getränk. Sie gab noch einen kleinen Schluss Milch dazu und sog das Aroma des Kaffees tief ein.
<<Wunderbar. Wenn du schon so fragst, ich hätte nichts gegen ein Spiegelei mit Toast. Vorausgesetzt du hast alles da?>>
Sie schaute sich in dem ausladenden Raum um. Der Kamin war heruntergebrannt, die Sonne schien durch die Fenster und zauberte ein herrliches Licht.
Etwas staubig kam es ihr vor, sie ignorierte es aber da sie wusste dass Sam hier quasi allein lebte, und nicht jeden Tag Lust hatte zu putzen. Zu sehen dass ein Haus bewohnt wurde, machte gerade den Flair und die gewisse Atmosphäre aus. Klinisch rein und steril war schließlich langweilig, ein Haus verliert an Reiz wenn es aussieht wie im Immobilienkatalog als zum Verkauf angeboten.
Sam nickte und öffnete den Kühlschrank erneut. Gekonnt schlug er vier Eier in eine Pfanne, die er auf den Gasherd stellte. Parallel dazu holte er ein paar Scheiben Toast und schnitt eine Tomate in Scheiben. Emma fiel auf, dass er ziemlich routiniert wirkte und wusste was er tat. Die Eier schlug er sogar mit einer Hand auf.
<<Scheinbar hat das Alleinsein auch Vorteile!>> kicherte Em. <<Du kannst ziemlich gut mit den Eiern umgehen!>>
Plötzlich merkte sie dass ihre Aussage etwas anders als gewollt rüberkam, und lief knallrot an. Sam fing an lauthals zu prusten, und krümmte sich vor Lachen, was ihre Gesichtsfarbe nur noch mehr in Richtung Tomate verschob.
Das besserte sich auch nicht, als Sam zwei Eier aus der Packung in die Hand nahm und sie triumphierend mit ausgestreckten Armen nach oben hielt, immer noch mit sich kämpfend.
<<Entschuldige, das war blöd von mir!>> Er versucht die Fassung wiederzuerlangen, aber so recht gelang ihm das nicht.
Nach einigen Minuten hatte auch Em ihre ursprüngliche Gesichtsfarbe wieder zurück erhalten, und Sam sich beruhigt. Ein schiefes Grinsen lag jedoch noch immer auf seinen Lippen. Sie rutschte auf ihrem Barhocker hin und her, und sah so aus als würde sie versuchen die eben geschehene Angelegenheit schnell abzuhaken.
Sam merkte dass er hungrig war, und schob ihr ihren Teller zu. Er fing an zu essen, und stopfte sich ein großes Stück Toast in den Mund. Auch Em machte sich sofort über die Spiegeleier her, und trank dazu ihren Kaffee.
<<Das ist genau das was ich jetzt gebraucht habe. Wunderbar!>> frohlockte sie. Sie atmete tief aus, und wirkte sichtlich zufrieden. In Sams Kopf mischten sich die Gefühle, Zufriedenheit, Glück und ein wenig Unglauben. Er war froh Emma bei sich zu haben, und Leben im Haus.
<<Dann schieß mal los, du! Was war nach dem Abschluss eigentlich passiert, plötzlich war jeder weg, ging seiner eigenen Sache nach und alles verlief sich so schnell… Irgendwie traurig, meinst du nicht auch?>> fragte Sam, noch immer damit beschäftigt seinen Toast zu verdrücken.
<<Das fällt wohl unters Kapitel Erwachsenwerden… ganz so romantisch wie man sich das vorstellt kommts dann doch eh nicht… man studiert, oder sucht sich einen Ausbildungsplatz, oder arbeitet. Dann sind auf einmal die eigenen Probleme am wichtigsten, und man lässt so vieles andere schleifen.>> gab Emma zu. <<Für meine Mum war das auch nicht einfach. Nach Dads Tod war sie so einsam, es war grausam. Kannst du dich erinnern?>> Sie wirkte abwesend und stocherte in ihrem Rührei herum.
Sam konnte sich sehr wohl erinnern, sogar so lebhaft als wäre es gestern gewesen. Er wusste wie sie sich gefühlt haben musste, teilten sie beide doch das selbe Schicksal. Es war ein Donnerstag Abend im August vor vier Jahren gewesen, Sam saß zusammen mit seinen Eltern beim Abendessen am Tisch, als es an der Tür klingelte. Als er sie öffnete, sah er Emma, und wusste im ersten Bruchteil einer Sekunde dass etwas Gravierendes geschehen ist. Mit tränenverschmiertem Gesicht und knallroten glasigen Augen, in denen die pure Verzweiflung zu lesen war, fiel sie ihm um den Hals und schluchzte völlig unkontrolliert. Es dauerte lange, bis sie es endlich schaffte ein paar einzelne Worte herauszubekommen, so sehr zitterte ihr Körper.
<<Mein Dad…>> stammelte sie nur. Sam wusste sofort was geschehen war, und der Schock übermannte ihn ebenfalls. Er hatte Daniel gemocht. Wie das eigene Kind wurde er von ihm behandelt. Er war irischer Abstammung, ein stämmiger kleiner Mann mit roten Haaren. Die Stimme so rau wie das Meer, aber gleichzeitig so warm wie die Sonne an einem schönen Herbsttag. Er war eine große Stütze für Em, sie hatten eine innige Bindung, die ganze Familie. So standen sie auf der Türschwelle und hielten sich in den Armen, Sam machte sich keine Mühe zu versuchen Em zu beruhigen, es machte ja doch keinen Sinn. Zu extrem war die Situation, und zu akut die Fassungslosigkeit. Wie ein tiefes schwarzes Loch, als dem es kein Entkommen gibt, fühlte es sich wohl für sie an. Und Sam litt mit ihr, war er doch ihr bester Freund. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, wie sie so da standen. Irgendwann kam Sams Vater Richard hinzu und wollte sich vergewissern dass alles in Ordnung war.Als er das Gesicht von Emma sah wurde er sofort kreidebleich, sein Teint war komplett verschwunden. An diesem Abend saßen sie gemeinsam am Esstisch bei den Bennetts und es wurde nicht viel gesprochen. Eine rabenschwarze Wolke schien über ihnen zu hängen, und es gab keinen Weg ihr zu entkommen.
<<Oh ja, ich erinnere mich. Das war schrecklich… und so unfair. Warum musste er denn so jung aus dem Leben gerissen werden? Ich verstehs bis heute noch nicht. Das kann doch nicht der Sinn der Welt sein. Oder des Universums. Weisst du was ich meine? Es gibt so viel Ungerechtigkeit.>>
Ein Anflug von Traurigkeit übermannte ihn, und als er zu ihr hinübersah erkannte er in ihren Augen einen undefinierbaren, dunklen Schimmer. Er fuhr fort:
<<Es gibt so viele Arschlöcher da draussen, so viele Idioten. Verbrecher, kalte, herzlose Menschen… und dann triffts den Falschen. Du hast mir damals so leid getan. Du warst so gebrochen und am Ende mit Allem. Ich wünschte ich hätte dir mehr helfen können!>> Sein Stuhl wackelte als er nervös auf ihm hin und her rutschte. Er krallte sich an der Sitzfläche fest, so rabiat dass sich seine Knöchel weiß verfärbten. Die quälenden Erinnerungen kamen stoßweise zurück. Auch die Gedanken an Sams Dad pochten nun wieder schmerzhaft in seinem Kopf, drängten sich ihm geradezu gierig auf.
Dann geschah etwas mit dem Sam beim besten Willen nicht rechnete. Emma rutschte nervös von ihrem Hocker und kam auf ihn zu. Er fühlte wie nah sie ihm war, und wie sie ihn in ihre Arme schloss. Ihr warmer Atem kitzelte in seinem Nacken, und die Härchen auf seiner Haut stellten sich auf. Sie drückte ihn fest an sich und verharrte in dieser Position. Völlig überrumpelt von der Situation vergaß er auszuatmen, was er rasch nachholte. Es klang wie ein Seufzer der Erleichterung in seinen eigenen Ohren.
Sie ließ ihn wieder frei, lockerte ihren Griff und lehnte sich ein Stück zurück. Ohne seine Hände loszulassen. <<Du hast damals alles getan um mir zu helfen. Wenn du nicht gewesen wärst, hätte ich nicht gewusst was ich getan hätte. Red dir nicht so einen Blödsinn ein, das ist doch schlichtweg Quatsch! Du warst meine größte Stütze als das passiert ist!>>
Ihre Stimme begann zu zittern und Sam sah, wie sich Tränen in ihren traurigen grünen Augen bildeten, sich vereinten und einen kleinen See bildeten. Noch bevor sich eine daraus lösen und zu Boden fallen konnte, beugte sie sich wieder nach vorne und küsste Sam mitten auf den Mund. Ihre Lippen berührten sich sanft, und für Sam fühlte es sich an als würde die Welt plötzlich explodieren. Er genoss die Wärme, ihre Lippen waren so weich, wie er es noch nie vorher gespürt hatte. Plötzlich war alles um ihn wie ausgeschalten, einfach nicht mehr da. Weg. Es existierten für ihn in diesem kurzen Augenblick nur noch zwei Personen auf der Welt - er und Emma. Sein Körper reagierte heftig, sein Puls schnellte nach oben und klopfte dröhnend in seinen Ohren. Noch extremer aber ging es in seinem Kopf zu. Er war unfähig, seine Gefühle und Empfindungen einzuordnen, so rasant prügelten sie auf seinen unvorbereiteten Verstand ein.
Sie lösten sich voneinander, aber Sam wünschte sich dass dieser Augenblick für immer bestehen würde. So überwältigt von seinen Gefühlen, hätte es ihn nicht gestört wenn die Welt aufgehört hätte, sich weiterzudrehen. Er hätte es in Kauf genommen - nur um dieses eine Gefühl für immer genießen zu dürfen.
Emma blickte ihn aus ihren faszinierenden, smaragdgrünen Augen an, die sich leicht rot gefärbt hatten. Sie zog die Augenbrauen hoch und sah ihn einfach nur an, sprach dabei aber kein einziges Wort. Sam erwiderte ihren Blick und versuchte in ihren Augen zu deuten, was sie wohl sagen wollte oder dachte. Zu tiefgründig waren sie, zu viele verschiedene Emotionen erkannte er in ihnen, als dass es in Worte zu fassen war. Er streckte seinen Arm aus und nahm ihre Hände zwischen seine. Er blieb dabei stumm. Sie hatten beide keine Ahnung wie sie reagieren sollten, aber sie fühlten, dass es richtig war. Genau so, genau jetzt. Für eine unendlich lange Zeit, zumindest nach ihren durcheinander gewirbelten Gefühlen zu urteilen, saßen sie in dieser Position. Sam auf seine Stuhl, Emma auf ihrem Hocker. Die Hände ineinander gelegt und sich ansehend. Die Sonnenstrahlen wärmten ihre Gesichter, und einzelne Staubpartikel flogen durch die Luft. Die Stimmung war angespannt, undefinierbar. Hämmernde, kitzelnde Gefühle durchzogen seine Nervenbahnen. Irgendetwas, wusste Sam, war geschehen. Etwas Großes.
Irgendwann löste er sich und stand auf. Er sah Emma an, die verwirrt, aber sehr glücklich schien. Sie grinste einfach in sich hinein und fuhr sich mit ein paar Fingern durch ihre rote Haarpracht. Er konnte seinen Blick nicht von ihr lösen, sie hatte eine unglaublich faszinierende Art. <<Ich… bin gleich wieder da. Warte hier, ok?>> stammelte er vor sich hin. <<Jaja, schon ok!>> kam es genau so verlegen zurück.
Sam hastete aus dem Wohnzimmer, bog rechts in den Flur ab und sperrte die noch verschlossene Haustüre auf. Er trat ins Freie und sog die eiskalte, klare Luft so tief er konnte ein. Was war da eben geschehen?
