Lassiter - Folge 2266 - Jack Slade - E-Book

Lassiter - Folge 2266 E-Book

Jack Slade

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Beschreibung

Virgil Truman öffnete die Augen. Das Tageslicht in der Zelle war dämmrig geworden. Er lauschte den Hammerschlägen draußen auf der Mainstreet. Sie verstummten nach und nach. In der Nachbarzelle fluchte Joshua Higgins, weil sein Bruder schon wieder das bessere Blatt auf die Pritsche knallte. Sie pokerten um Steinchen, die sie aus dem Mörtel an der Wand gekratzt hatten. Ein Stein galt hundert Dollar. Joshua stand schon mit 24.000 Dollar in der Kreide bei seinem kleinen Bruder. Abrechnen wollten sie nach der Freilassung. Also nie. Es war ihre letzte Pokerpartie, und beide wussten es. Truman stemmte sich von der Pritsche, schlurfte zum Fenster, zog sich an den Gitterstäben hoch und lugte hinaus auf die abendliche Mainstreet. Leute versammelten sich um ein hölzernes Podest mit drei Galgen. Truman fluchte und spuckte hinaus auf den Sidewalk.

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Inhalt

Cover

Impressum

Lassiter – umzingelt

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelfoto: Boada/Norma

E-Book-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-2486-0

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Lassiter – umzingelt

Virgil Truman öffnete die Augen. Das Tageslicht in der Zelle war dämmrig geworden. Er lauschte den Hammerschlägen draußen auf der Mainstreet. Sie verstummten nach und nach. In der Nachbarzelle fluchte Joshua Higgins, weil sein Bruder schon wieder das bessere Blatt auf die Pritsche knallte. Sie pokerten um Steinchen, die sie aus dem Mörtel an der Wand gekratzt hatten. Ein Stein galt hundert Dollar. Joshua stand schon mit 24.000 Dollar in der Kreide bei seinem kleinen Bruder. Abrechnen wollten sie nach der Freilassung. Also nie. Es war ihre letzte Pokerpartie, und beide wussten es.

Truman stemmte sich von der Pritsche, schlurfte zum Fenster, zog sich an den Gitterstäben hoch und lugte hinaus auf die abendliche Mainstreet. Leute versammelten sich um ein hölzernes Podest mit drei Galgen. Truman fluchte und spuckte hinaus auf den Sidewalk.

»Wird ein unterhaltsamer Sonntagvormittag«, sagte eine höhnische Stimme hinter ihm. Truman ließ das Fenstergitter los und fuhr herum. Der Sheriff von Topeka lehnte in der offenen Tür zum Zellentrakt. Truman hatte ihn nicht die Tür öffnen hören.

»Erst wird Reverend Sugarman uns eine schöne Predigt halten.« Der schnurrbärtige, dürre Sternträger feixte. »Dann werden zur Warnung für alle charakterschwachen Bürger von Topeka drei Halunken zur Hölle fahren und dann gibt’s Musik und Tanz im Saloon. Der Bürgermeister hat ein paar irische Musiker engagiert.« Der Sheriff zuckte mit den Schultern. »Werdet ihr drei nicht mehr erleben. Eine letzte gute Nacht wünsche ich.« Er zog die Tür zu und schloss ab.

»Scheißkerl!« Adam Higgins sprang und trat gegen die Zellentür.

»Beruhige dich, Bruderherz.« Joshua Higgins grinste breit. »Nie mehr nach Dollars jagen, nie mehr im Kalten schlafen, nie mehr Ärger mit den Weibern. Sieh’s doch mal von der Seite. Und jetzt will ich eine Revanche.«

Truman presste die Lippen zusammen, verkniff sich einen Fluch. Was hatte es für einen Sinn auf den Sheriff zu schimpfen? Dieser lächerliche Sternträger hatte in seinem lächerlichen Leben nicht halb so viele Weiber gehabt wie er, und nicht einen Bruchteil der Dollarnoten auch nur von weitem gesehen, wie er, Truman, sie in den Händen gehalten hatte.

Er zog sich noch einmal am Fenstergitter hoch und spähte durch die Dämmerung zu den Galgen hinüber. Mindestens zwanzig Männer und Frauen standen inzwischen um das Podest herum und zerrissen sich die Mäuler. Sollten sie doch! Sollten sie doch auch morgen wiederkommen, sich die Mäuler zerreißen und zusehen, wie ein echter Mann starb.

Auf dem Sidewalk entdeckte Truman eine braungebrannte Frau mit hüftlangen schwarzen Locken. Eine schöne Lady, weiß Gott. Drei Männer begleiteten sie, zwei davon rothaarig. Einer trug eine Geige unter dem Arm, ein zweiter ein Akkordeon auf dem Rücken. Die irischen Musiker wahrscheinlich.

Truman ließ das Gitter los und warf sich auf seine Pritsche. Die Nacht brach an. In der Nachbarzelle fluchten die Higginsbrüder, weil sie wegen der einsetzenden Dunkelheit die Karten nicht mehr erkennen konnten. Truman fand noch einen Zigarillo in seiner Jackentasche und zündete ihn an.

So lag er und rauchte und versuchte nicht an den kommenden Vormittag zu denken. Nebenan erzählten die Brüder einander von Vater und Mutter und der heimatlichen Farm in Kentucky.

Die längste Nacht seines Lebens brach an; an Schlaf war nicht zu denken. Truman wälzte sich hin und her. Die Stunden krochen zäh dahin. Joshua reichte ihm eine Whiskyflasche durch die Gitterstäbe. »Trink was, Virgil. Wenn wir schon zur Hölle fahren müssen, dann wenigstens mit einem guten Whisky im Blut.«

»Lass mich in Ruhe, Josh.« Higgins taumelte zu seinem jüngeren Bruder, reichte ihm die Flasche. Adam Higgins fluchte, jammerte und trank. Der blondmähnige Bursche fand, dass er zu jung war, um schon zu sterben.

Truman starrte an die Decke und die Bilder seines Lebens zogen an ihm vorbei. Seine Kindheit in der engen Baracke im Hafenviertel von Baltimore, die Gesichter seiner Eltern und seiner Geschwister. Seine Flucht auf den Dampfer nach Texas, seine Arbeit dort als Pferdejunge, als Cowboy, als Begleitschutz der Wells Fargo, als Gunman eines Tycoons, als weiß der Teufel was.

Was hatte er nicht schon alles getrieben in seinem noch nicht ganz vierzigjährigem Leben, in wie viele Gesichter hatte er geblickt, wie viele Männer getötet, wie viele Frauen gevögelt. Und nun war es schon vorbei. Gott im Himmel, was für eine Scheiße!

Ein Kloß schwoll in seinem Hals; er warf sich auf die linke Seite, äugte zum Zellenfenster hinauf. Sterne funkelten zwischen den Gitterstäben. In der Nachbarzelle heulte Adam Higgins dem lieben Heiland etwas vor. Sein älterer Bruder Joshua fluchte mit schwerer Zunge auf den Mann, der sie verfolgt, gestellt und hinter Gitter gebracht hatte.

»Der Teufel soll dich holen, Lassiter!« So ging das eine ganze Stunde und länger. »Der Teufel soll dich holen, Lassiter, du verfluchter Wichser! In der Hölle sollst du braten, jawoll – in der Hölle!« So ging das, bis irgendwann die leere Whiskyflasche an der Zellenwand zerklirrte.

Lassiter.

Truman presste die Lippen zusammen. Er wünschte sich nicht, dass der Kerl allzu schnell zur Hölle fuhr. Dann würde er ihm nämlich begegnen müssen.

Dieser verdammten Pinkerton-Detektiv oder US-Marshal – oder für wen auch immer er arbeitete – dieser Hund hatte ihnen nicht nur den letzten Banküberfall vermasselt, sondern die halbe Bande erschossen und die andere Hälfte gefangen genommen.

Truman hasste diesen Lassiter.

Doch was hatte es für einen Sinn, den Mann zu verfluchen? Es war vorbei. Punkt. Truman hatte längst aufgegeben, hatte sich in sein Schicksal gefügt, wie man so sagt. Es gab keine Rettung mehr. So einfach war das.

Nach einer Ewigkeit graute der Morgen vor dem vergitterten Zellenfenster. Die Higgins-Brüder schnarchten. Truman war noch immer hellwach. Der Klos in seinem Hals fühlte sich trocken und stachlig an. Vergeblich versuchte er ihn herunterzuschlucken.

Irgendwann krähte ein Hahn. Irgendwann läutete die mickrige Kirchenglocke von Topeka. Irgendwann wurde die Tür zum Zellentrakt aufgeschlossen und der Sheriff und ein paar Männer der Bürgerwehr kamen herein.

»Aufstehen, Higgins, Truman, zackzack!« Der Sternträger klatschte in die Hände. Er war sichtlich gut gelaunt, der Mistkerl. »Euer letzter Weg, genießt jeden Schritt.« Er schloss die Zellentür auf. »Draußen warten sie schon auf euch.«

Der Sheriff und Männer von der Bürgerwehr legten ihnen Handschellen an und führten sie aus Zellentrakt und Office. An die Zweihundert Leute hatten sich um das Podest mit dem Galgen versammelt. Stimmung wie bei einem Volksfest. Truman zog den Rotz hoch und spuckte aus.

Eine Gasse bildete sich in der Menschenmenge. Der Sheriff und die Männer von der Bürgerwehr führten ihn und die Higgins zum Podest. Hinter sich hörte Truman den jüngeren Higginsbruder flüsternd beten.

Joshua dagegen warf spöttische Bemerkungen nach links und rechts, lachte laut und krähend. Einer Blondine in der Menge rief er einen zotigen Spruch zu, einer sonnengebräunten Frau mit hüftlangen schwarzen Locken machte er ein Kompliment wegen der großen Brüste, die sich unter ihrem Kleid wölbten. Es klang alles übertrieben und sehr bemüht.

»Hoch mit dir, Truman.« Der Sheriff schob ihn die Stufen zum Podest hinauf. Oben wartete ein fetter, breitschultriger Kerl mit grauem Haar. Reverend Sugarman.

»Gibt es jemandem, dem du noch etwas zu sagen hättest, mein Sohn?«, fragte der Gottesmann mit salbungsvoller Stimme. Der Sheriff schob Truman auf das breite Brett, das unter der Schlinge auf dem Podest lag und ein rechteckiges Loch abdeckte. Truman schwieg. »Nicht?« Sugarman runzelte voller Bedauern die Brauen. »Dann werde ich jetzt mit dir beten.«

»Verpiss dich, Pfaffe!«, zischte Truman. Jemand legte ihm von hinten die Schlinge um den Hals.

***

Wie ein angriffslustiges Tier fauchte die Lokomotive. Die letzten Reisenden stiegen zu. Lassiter nahm den farblosen Waggon vor den beiden eichenbraunen Pullman-Salonwagen am Zugende. Er quetschte sich zwischen drei grimmig lauernde Graubärte in die Holzbank und grüßte nach allen Seiten.

Vom Zuganfang her zischten die Dampfventile nun lauter, das Signalhorn der Lokomotive röhrte zum dritten Mal, ein rußgeschwärzter Bremser huschte durch den Wagen, ein kleiner drahtiger Mann mit buschigem Schnurrbart. Er verschwand auf der Außenplattform zum ersten Pullman.

Das Schlagen der Waggontüren krachte von nah und fern, und schließlich begann die Dampfmaschine zu stampfen. Es zischte, quietschte, prustete und knarrte; der Zug rollte an. Rauchwolken hüllten die Gebäude der Bahnstation von Kansas City ein, ließen die winkenden Männer und Frauen auf dem Bahnsteig hinter dichten Schwaden verschwinden.

In etwas weniger als vier Tagen und nach dreizehn Bahnstationen würde der Zug in Denver halten. Soweit wollte der Mann von der Brigade Sieben nicht fahren. Er solle sich ein Ticket von Kansas City nach Abilene beschaffen, hatte in dem Telegramm aus Washington gestanden. Dort würde ihn ein neuer Auftrag erwarten.

Was für einer? Lassiter hatte keine Ahnung. Welcher Mittelsmann würde ihm wo erklären, worum es ging und ihm die nötigen Unterlagen überreichen? Lassiter hatte keine Ahnung. Nur das Codewort des Mittelsmannes kannte er: Mister Hannibal.

Der Zug nahm Fahrt auf, die letzten Dächer von Kansas City blieben zurück. Grasland weitete sich zu beiden Seiten der Eisenbahntrasse. Das taufrische Licht der Vormittagssonne lag auf dem wogenden Meer des Präriegrases wie ein goldgelb glitzernder Schleier. Der Zug stampfte nach Westen; Topeka hieß die nächste Bahnstation.

Hinter dem Mann von der Brigade Sieben öffnete sich die Tür zum Pullman-Salonwagen. Köpfe hoben sich links und rechts, ein Leuchten huschte über die Mienen der eben noch so grimmigen Graubärte. Lassiter wandte den Kopf: Eine junge, rothaarige Frau stand hinter ihm im Mittelgang und ließ ihren Blick über die Fahrgäste des Waggons schweifen.

Einer der Graubärte zog seine Melone und murmelte einen Gruß. In der Bank hinter ihm stand ein junger Frackträger auf und wies auf seinen Platz. »Darf ich Ihnen einen vorgewärmten Sitz anbieten, Ma’am?« Auch andere Männer lüfteten die Hüte oder überboten einander im Lächeln und Zwinkern.

Die Rothaarige blieb kühl, verzog keine Miene, betrachtete einen nach dem anderen und rief schließlich: »Mister Hannibal?« Lassiter zog die Brauen hoch, weiter nichts.

»Wenn das Ihr Gatte ist, würde ich verdammt gern so heißen«, sagte ein beleibter Mann mit blonden Locken und Backenbart. Er sah aus wie ein Rinderbaron.

Gelächter erhob sich, die Frau drehte sich um und verschwand wieder Richtung Salonwagen. Zurück blieben Getuschel, Gekicher und fröhliche Männergesichter.

Wie der Anblick einer schönen Frau doch gleich die Stimmung in einem ganzen Waggon verändern kann, dachte der Mann von der Brigade Sieben. Er wartete noch eine halbe Stunde ab, dann stand er auf und öffnete die Tür zur Außenplattform. Dort hockte der schnurrbärtige Bremser und rauchte eine Zigarre; rasch ließ er eine kleine Whiskyflasche in seinem schmutzigen Overall verschwinden, als er Lassiter bemerkte.

An dem Mann vorbei bückte Lassiter sich in den ersten Pullmanwaggon. Dichte Rauchschwaden von Zigarren und Pfeifen hingen über einem Spieltisch und quollen zu einem Fensterspalt hinaus. Gentlemen in eleganten Anzügen und meist reiferen Alters pokerten und tranken Whisky.

Lassiter grüßte nach allen Seiten. Vorbei an verschlossenen Schlafabteilen und luxuriösen Polsterbänken ging er zur nächsten Tür, trat auf die nächste Außenplattform bückte sich in den zweiten Pullman-Salonwagen.

Da saß sie, die Rothaarige – in einem offenen Schlafabteil auf einer gepolsterten Bank neben einem Zeitungsleser. Aus hellwachen und strahlend blauen Augen sah sie zu Lassiter auf. »Ich bin Mr. Hannibal«, erklärte der.

Sie lächelte, und der Mann neben ihr spähte über den Rand seiner Kansas City Times hinweg zu ihm. »Mr. Hannibal heißt meines Wissens nicht Mr. Hannibal«, sagte er lauernd.

»Stimmt genau.« Der Mann von der Brigade Sieben tippte sich an die Hutkrempe. »Lassiter. Einfach nur Lassiter.«

»Das kommt uns schon eher bekannt vor, nicht wahr Melinda?« Der kleine, drahtige Mann senkte endlich die Zeitung. Er hatte ein knochiges Altmännergesicht und einen gepflegten, weißen Bart. Ein Armeehut und ein Offiziersmantel hingen neben der Abteiltür.

»Sehr bekannt sogar.« Die Rothaarige erhob sich. »Mit einem gewissen Lassiter sind wir sogar verabredet.« Sie reichte Lassiter die Hand. »Melinda Scott.« Ihr Blick ging dem Mann von der Brigade Sieben durch und durch. »Nennen Sie mich Melinda.«

»Sie sind beide mit ihm verabredet?« Lassiter musterte erst die Frau, dann den Veteran.

»Setzen Sie sich schon, Lassiter.« Der Weißbart klatschte auf den freigewordenen Platz neben sich. »Melinda ist eingeweiht. Sie arbeitete für mich – als Privatsekretärin und Haushälterin.«

»Unter anderem auch als das.« Melinda schob die Abteiltür zu öffnete eine kleine Schrankbar. Sie trug ein eng geschnittenes schwarzes Kleid. »Einen Drink?«

»Warum nicht?« Lassiter Blick flog von ihrem kastanienroten Zopf über ihren Rücken bis zu den Wölbungen ihrer Pobacken hinunter. Er hielt den Atem an – köstlich!

Sie drehte sich um, bemerkte seinen Blick und runzelte die Brauen. Er lächelte ihr ins Gesicht und wandte sich an den Weißbart. »Ich erinnere mich dunkel, Ihnen schon mal als Mittelsmann der Brigade Sieben begegnet zu sein. Colonel Sutter – richtig?«

»Colonel Joseph Sutter, richtig. Lange her.«

»Seltener Name in den Staaten.«

»Ich bin in Basel großgeworden, am Ufer des Rheins. Sagt Ihnen wahrscheinlich nichts.«

»Leider nein, Sir. Ich nehme an, das liegt irgendwo in Europa.

Melinda drehte sich um, reichte jedem einen Whisky. Teurer schwarzer Kleiderstoff spannte sich über ihre Hüften und ihren üppigen Busen. Sie hatte einen großen Mund und edle, ein wenig herbe Gesichtszüge.

»Im wichtigsten Land Europas, Lassiter!« Der alte Colonel hob mahnend den Zeigefinger. »Das müssen Sie sich unbedingt merken: Die Schweiz ist das wichtigste europäische Land mit der ältesten Demokratie der Welt.«

»Ach so?« Lassiter stieß mit ihm und der Rothaarigen an. »Ich dachte, das seien die alten Griechen gewesen.«

»Die haben nur das Wort erfunden. Auf Ihren neuen Auftrag, Lassiter.« Sie tranken. »Nennen Sie mich Joe, in Ordnung?« Der Veteran reichte Melinda sein leeres Glas und bat mit einem Blick um den nächsten Drink. »Machen wir es kurz: Es geht um William Abraham Summer. Sagt Ihnen der Name etwas, Lassiter?«

»Nie gehört, Sir.« Der Mann von der Brigade Sieben reichte der kastanienroten Melinda ebenfalls sein leeres Glas. Nicht, weil er unbedingt einen zweiten Whisky wollte, sondern weil er gern einen zweiten Blick auf ihren schönen Rücken und ihren köstlichen Hintern werfen wollte.

»Der Kerl betreibt zwei Bordelle in Abilene«, sagte Joe Sutter. Unsauberes Geschäft. Man munkelt, er würde Indianerinnen und Mexikanerinnen zwingen, sich zu prostituieren. Zigarillo?«

Lassiter nickte. Er war sicher, dass Sutter noch nicht einmal die Schnauze der Katze aus dem Sack gelassen hatte. Die Brigade Sieben würde einen wichtigen Agenten wie ihn kaum auf einen Zuhälter ansetzen.

Der Colonel steckte sich selbst einen Zigarillo zwischen die Zähne und gab Lassiter und sich Feuer. »Vor allem aber ist Summer ein gottverdammter Waffenschmuggler. Er verkauft hochwertige Gewehre und Revolver aus amerikanischen Manufakturen an die Comanchen und nach Mexiko.«

Das klang schon eher nach einem Fall für Lassiter. »Streng verboten«, sagte er und nahm den Drink entgegen, den die Kastanienrote ihm reichte. Himmel, dieses Lächeln! Sie setzte sich in einen kleinen Sessel ihm gegenüber und schlug die Beine übereinander. Das Abteil war so klein, dass ihre Knie seinen Schenkel berührten. Er wich nicht aus.

»Es kommt noch schlimmer.« Der Colonel stützte sich auf seinen Knien auf, musterte Lassiter von der Seite und aus schmalen Augen. »Summer scheut nicht vor Mord zurück, um an die neusten Waffen zu kommen. Mindestens drei Überfälle auf Konvois der US-Army gehen auf sein Konto. Sieben Tote bisher. Sie sollen ihm das Handwerk legen, Lassiter.«

Er leerte sein Glas, stellte es neben sich aufs Polster und zog ein dickes Kuvert aus seinem Uniformjackett. »Hier die Spesen und die nötigen Unterlagen.«

Lassiter schaute ihn fragend an. »Nichts weiter«, sagte der Colonel. »Das war’s schon.«

***

Der fette Reverend dachte nicht daran, Truman in Ruhe sterben zu lassen. Als hätte er seine schroffen Worte gar nicht gehört, faltete Sugarman die Hände, schloss die Augen und begann inbrünstig zu beten: »Herr, du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit …«

Truman hörte nicht zu. Er blickte an sich hinunter, sah seine Knie zittern, sah seine schmutzigen Stiefelspitzen, sah die breite Diele über der ausgesägten rechteckigen Öffnung, die sie bedeckte. Die Diele war um eine Bretthöhe tiefer gelegt als der Boden des Podestes. Ihr linkes Ende und der Metallgriff daran ragten seitlich ein Stück aus dem Podest heraus.

Truman wusste, dass dieses breite Brett beweglich war. In wenigen Minuten – ach was, in wenigen Sekunden würden zwei Bürgerwehrmänner es ihm buchstäblich unter den Füßen wegziehen. Er würde in die Schlinge stürzen und sich das Genick brechen. Wenn er Glück hatte.

»… der du die Menschen lassest sterben und sprichst: ›Kommt wieder, Menschenkinder‹ …« Während der Reverend noch betete, führten sie die Higgins auf das Podest und jeden rechts und links von Truman unter den für ihn bestimmten Galgen. »… denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist …«