Verlag: Bastei Entertainment Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Lassiter Sammelband 1789 - Western E-Book

Jack Slade  

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E-Book-Beschreibung Lassiter Sammelband 1789 - Western - Jack Slade

Seit über 30 Jahren reitet Lassiter schon als Agent der "Brigade Sieben" durch den amerikanischen Westen und mit über 2000 Folgen, mehr als 200 Taschenbüchern, zeitweilig drei Auflagen parallel und einer Gesamtauflage von über 200 Millionen Exemplaren gilt Lassiter damit heute nicht nur als DER erotische Western, sondern auch als eine der erfolgreichsten Western-Serien überhaupt. Dieser Sammelband enthält die Folgen 2248, 2249 und 2250. Sitzen Sie auf und erleben Sie die ebenso spannenden wie erotischen Abenteuer um Lassiter, den härtesten Mann seiner Zeit! 2248: Der Tod ist blond Sie war blond und hatte schrägstehende Augen, die so grün leuchteten wie die Bergseen der Black Hills. Ches schaute hinein und schon war ihm schwindlig. Von da ab wollte er sie, unbedingt. Es war der Sommer, in dem er beschlossen hatte, reich zu werden. Am Abend drauf ließ sie sich küssen, doch nach oben gehen wollte sie nicht mit ihm. Vielleicht, weil sie ihm ansah, dass er ein armer Schlucker war; vielleicht, weil er ein Spiel nach dem anderen verlor. Jedenfalls sagte sie: "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen" und ging mit einem fetten Geldsack aus St. Louis nach oben. Die Eifersucht packte Ches. Er warf die Karten hin. "Ich setze eine Partie aus." Er stieg die Treppe hinauf, lauschte an jeder Tür. Hinter einer erkannte er ihre Stimme. Sie flüsterte und stöhnte. Die Eifersucht machte Ches rasend. Er zog seinen Revolver... 2249: Die List des roten Luders Lassiter blieb auf der Türschwelle stehen und zog den Remington. Zwei Ladys hingen an Kozaks Schultern und sahen auf den ersten Blick aus, als gehörten sie zu der bombastischen Einrichtung des Zimmers. Vier altrömische Säulen machten den Diwan zum antiken Himmelbett. Erotische Wandmalereien regten die Fantasie an. Fließende Seide ergoss sich über das Liebeslager - und mittendrin grinste Chester Kozak wie ein Triumphator auf dem Forum Romanum. Mit beiden Händen rückte er den Lorbeerkranz auf seinem aschblonden Haar zurecht. Dann winkelte er die Arme um den Hals der beiden nackten Schönen und fragte: "Hast du schon mal einen Mann gesehen, der zwei Frauen gleichzeitig das Genick brechen kann?" "Nein", gestand Lassiter. "Aber ich nehme an, du bist dieser tolle Kerl." "Erraten." Kozak grinste geschmeichelt. "Und dir gebührt die ganz besondere Ehre, den doppelten Genickbruch vorgeführt zu bekommen." 2250: Lassiter und das Wüstenwrack Mitten in der rauen Yuma-Wüste soll Lassiter für den Schutz des Abenteurers Charley Clusker und dessen Expedition sorgen, die auf der Suche nach dem geheimnisumwitterten Spanierschiff Antonio Juarez sind. Der Legende nach strandete die mit Golddublonen und anderen Reichtümern beladene Karavelle einst im Lake Cahuilla, an dessen Stelle sich nun die ausgedehnten Salzfelder des Salton Sink erstrecken. Hinter dem verschollenen Wüstenwrack ist jedoch auch der mexikanische Regierungsgesandte José Domingo del Toro her, der in dem Schiff einen rechtmäßigen Besitz des Staates Mexiko sieht. Als die erbarmungslose Jagd ihrem blutigen Höhepunkt entgegensteuert, taucht plötzlich del Toros Geliebte Rafaela Diaz bei Lassiter auf. Die Frau mit dem bronzefarbenen Haar mischt die Karten gehörig durcheinander. Selbst Clusker kann der Mann der Brigade Sieben von nun an nicht mehr trauen...

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E-Book-Leseprobe Lassiter Sammelband 1789 - Western - Jack Slade

Impressum

BASTEI ENTERTAINMENT Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG Für die Originalausgaben: Copyright © 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller Verantwortlich für den Inhalt Für diese Ausgabe: Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln Covermotive: Boada/Norma ISBN 978-3-7325-6225-1

Jack Slade

Lassiter Sammelband 1789 - Western

Inhalt

Jack SladeLassiter - Folge 2248Sie war blond und hatte schrägstehende Augen, die so grün leuchteten wie die Bergseen der Black Hills. Ches schaute hinein und schon war ihm schwindlig. Von da ab wollte er sie, unbedingt. Es war der Sommer, in dem er beschlossen hatte, reich zu werden. Am Abend drauf ließ sie sich küssen, doch nach oben gehen wollte sie nicht mit ihm. Vielleicht, weil sie ihm ansah, dass er ein armer Schlucker war; vielleicht, weil er ein Spiel nach dem anderen verlor. Jedenfalls sagte sie: "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen" und ging mit einem fetten Geldsack aus St. Louis nach oben. Die Eifersucht packte Ches. Er warf die Karten hin. "Ich setze eine Partie aus." Er stieg die Treppe hinauf, lauschte an jeder Tür. Hinter einer erkannte er ihre Stimme. Sie flüsterte und stöhnte. Die Eifersucht machte Ches rasend. Er zog seinen Revolver...Jetzt lesen
Lassiter - Folge 2249Lassiter blieb auf der Türschwelle stehen und zog den Remington. Zwei Ladys hingen an Kozaks Schultern und sahen auf den ersten Blick aus, als gehörten sie zu der bombastischen Einrichtung des Zimmers. Vier altrömische Säulen machten den Diwan zum antiken Himmelbett. Erotische Wandmalereien regten die Fantasie an. Fließende Seide ergoss sich über das Liebeslager - und mittendrin grinste Chester Kozak wie ein Triumphator auf dem Forum Romanum. Mit beiden Händen rückte er den Lorbeerkranz auf seinem aschblonden Haar zurecht. Dann winkelte er die Arme um den Hals der beiden nackten Schönen und fragte: "Hast du schon mal einen Mann gesehen, der zwei Frauen gleichzeitig das Genick brechen kann?" "Nein", gestand Lassiter. "Aber ich nehme an, du bist dieser tolle Kerl." "Erraten." Kozak grinste geschmeichelt. "Und dir gebührt die ganz besondere Ehre, den doppelten Genickbruch vorgeführt zu bekommen."Jetzt lesen
Lassiter - Folge 2250Mitten in der rauen Yuma-Wüste soll Lassiter für den Schutz des Abenteurers Charley Clusker und dessen Expedition sorgen, die auf der Suche nach dem geheimnisumwitterten Spanierschiff Antonio Juarez sind. Der Legende nach strandete die mit Golddublonen und anderen Reichtümern beladene Karavelle einst im Lake Cahuilla, an dessen Stelle sich nun die ausgedehnten Salzfelder des Salton Sink erstrecken. Hinter dem verschollenen Wüstenwrack ist jedoch auch der mexikanische Regierungsgesandte José Domingo del Toro her, der in dem Schiff einen rechtmäßigen Besitz des Staates Mexiko sieht. Als die erbarmungslose Jagd ihrem blutigen Höhepunkt entgegensteuert, taucht plötzlich del Toros Geliebte Rafaela Diaz bei Lassiter auf. Die Frau mit dem bronzefarbenen Haar mischt die Karten gehörig durcheinander. Selbst Clusker kann der Mann der Brigade Sieben von nun an nicht mehr trauen...Jetzt lesen

Inhalt

Cover

Impressum

Der Tod ist blond

Vorschau

Der Tod ist blond

Sie war blond und hatte schrägstehende Augen, die so grün leuchteten wie die Bergseen der Black Hills. Ches schaute hinein und schon war ihm schwindlig. Von da ab wollte er sie, unbedingt. Es war der Sommer, in dem er beschlossen hatte, reich zu werden.

Am Abend darauf ließ sie sich küssen, doch nach oben gehen wollte sie nicht mit ihm. Vielleicht, weil sie ihm ansah, dass er ein armer Schlucker war; vielleicht, weil er ein Spiel nach dem anderen verlor. Jedenfalls sagte sie: »Erst die Arbeit, dann das Vergnügen« und ging mit einem fetten Geldsack aus St. Louis nach oben.

Die Eifersucht packte Ches. Er warf die Karten hin. »Ich setze eine Partie aus.« Er stieg die Treppe hinauf, lauschte an jeder Tür. Hinter einer erkannte er ihre Stimme. Sie flüsterte und stöhnte. Die Eifersucht machte Ches rasend. Er zog seinen Revolver …

Ches schluckte und versuchte, sich zusammenzureißen. Reich werden wollte er, nicht im Knast verrecken oder gar am Galgen baumeln. Er bückte sich zum Schlüsselloch, linste hindurch. Eine Öllampe brannte auf dem Tisch neben dem Bett. Jede Einzelheit konnte Ches erkennen.

Sie lag unter dem Geldsack, Ches sah seinen fetten Hintern zucken, sah sein breites Gesicht zwischen ihren Brüsten abtauchen. Das war mehr, als Ches vertragen konnte. Er spannte den Hahn seines Revolvers und stieß die Tür auf.

»Scheißkerl!«, zischte er. »Runter von meinem Mädchen!«

»Bitte nicht, Ches.« Sie riss die Arme hoch. »Bitte …« Der Kerl aus St. Louis rührte sich nicht, sagte nichts. Er schien überhaupt nicht zu begreifen, dass es um sein Leben ging, hob nicht mal seinen Kopf.

Und dann sah Ches ihre blutige Faust und das Messer darin. »Es war Notwehr«, flüsterte sie. »Du hast doch selbst gesehen, dass er mich vergewaltigen wollte.« Sie war kalkbleich, ihre Stimme zitterte. »Oder?«

Ches begriff. »Klar.« Er steckte den Revolver weg, drückte die Tür hinter sich zu und schloss ab. Vorsichtshalber. »Klar doch, hab ich.« Er war völlig fertig. Alles hatte er erwartet, aber doch niemals so was! »Himmel, bist du abgefeimt.« Er setzte sich an den Bettrand, schüttelte den Kopf und feixte. »Ich fass es einfach nicht.«

Er half ihr, unter dem Kerl hervor zu kriechen. Aus dessen klaffender Kehle rann das Blut. Sie zitterte noch immer.

Er führte sie zur Waschschüssel, wusch ihr das Blut ab. »Folgendes«, sagte er. »Ich gehe jetzt hinunter und hole meinen Kumpel Jesse und dessen Vetter hoch. Die schauen sich die Bescherung an. Danach wird Jesse zum Sheriff gehen und ihm erzählen, wie der Scheißkerl versucht hat, dich gegen deinen Willen zu besteigen. Und wie tapfer du deine Ehre verteidigt hast.«

Mit zitternden Händen tastete das Mädchen nach ihrer Wäsche. »Und dann?«

»Dann wird der Sheriff kommen, und ich und Jesses Vetter Will werden die Geschichte bestätigen.«

»Und ich, was sage ich?«, flüsterte sie. Die Angst kroch ihr aus jeder Pore.

Ches grinste und versetzte ihr einen Nasenstüber. »Gar nichts, Baby.« Er durchsuchte die Kleider des Geldsacks, steckte ein paar Banknoten und eine goldene Taschenuhr ein. »Du tust einfach das, was du bisher auch getan hast – du heulst und zitterst. Oder glaubst du, ein junges, unschuldiges Mädchen, das gerade von einem Vergewaltiger überfallen wurde, bringt noch ein einziges Wort heraus?«

»Nein, nein …« Sie suchte ihr Kleid. »Warum tust du das für mich?«

»Weil ich dich will.« Er nahm ihr das Kleid aus der Hand. »Bleib im Mieder, sieht überzeugender aus.« Er holte eine Decke aus dem Schrank und breitete sie der Blonden über die Schultern. »Warte mal.«

Ches ging zum Bett, tauchte die Hand ins Blut des Kerls aus St. Louis und schmierte ein paar blutige Spuren an ihr Mieder. »Das sieht noch überzeugender aus.« Schließlich drückte er sie auf den Stuhl neben dem Tisch. »Bleib ganz still hier sitzen. Bin gleich zurück.«

Sie machten es genau so, wie Ches es dem Mädchen erklärt hatte. Der Sheriff von Haven schluckte jedes Wort. Der alte Sternträger war um jeden Galgenvogel froh, den er nicht jagen musste. Und das schöne blonde Mädchen tat ihm richtig leid. Mit dem Totengräber ließ er sogar den Reverend kommen, damit der dem blonden Kind ein paar tröstliche Worte zusprach.

Den Geldsack aus St. Louis begruben sie am Tag darauf auf dem Friedhof von Haven.

Das war der Anfang.

Im Herbst nahm Ches das Mädchen mit nach Wichita. Am Spieltisch nahm er einen Rancher aus, der erst seit kurzem in der Gegend war. Ches’ neue Flamme lockte den Mann auf ihr Zimmer. Kurz darauf rief sie um Hilfe. Jessie, Will und Ches stürmten das Zimmer und schlugen den Rancher nieder.

Der Mann schwor Stein und Bein, das Mädchen noch nicht einmal angerührt zu haben. Doch die Blonde schwor das Gegenteil; sie hatte sich inzwischen weitgehend ausgezogen. Ches und seine Kumpanen behaupteten, an der Tür gelauscht zu haben.

»Mit Vergewaltigern sind wir ganz schnell fertig hier unten am Arkansas«, sagte Jesse.

Und Ches sagte: »Ich hole jetzt den Townmarshal. Sobald der dich eingelocht hat, reiten wir zu deiner Frau. Die wird sich vielleicht freuen!«

Der Rancher verlor vollkommen die Nerven und schlug um sich. Das hätte er nicht tun sollen, denn die drei nahmen ihn sich ordentlich vor. Jessies Messer an der Kehle, unterschrieb er schließlich einen Schuldschein, den Ches vorbereitet hatte und mit dem er Ches seine Ranch übereignete. Eine Woche später zog ein Fischer die Leiche des Mannes aus dem Arkansas.

So ging es weiter.

***

Der Anwalt hieß Mountbatten und empfing ihn in einem Hinterzimmer des teuersten Schuppens von Dodge City, des White Horse Hotels. Lassiter hatte nichts dagegen.

Dieses Hinterzimmer war mit gepolsterten Möbeln ausgestattet. Stühle, Sessel, Chaiselongue – alles vom Feinsten. Der runde Tisch war aus Nussholz und glänzte wie ein Spiegel. Ölgemälde hingen an den Wänden – Landschaften mit Büffeln und Indianern und solches Zeug. Elektrisches Licht brannte am Deckenleuchter. Alles nicht zu verachten, weiß Gott.

Doch nichts gegen die junge Frau, die neben Mountbatten auf der Chaiselongue saß.

Lassiter saugte ihre Gestalt schon in sich auf, bevor er den Anwalt auch nur bemerkte – ein Hals wie ein Schwan, kastanienrotes Haar zu einem Dutt geflochten, die Haut wie Kirschblüten, so rein, und anmutig wie eine junge Stute – Lassiter sah sie und war hin und weg.

Der Anwalt stand auf. Er trug einen schwarzen Frack und einen Siegelring mit einem schwarzen Stein. »Mountbatten.« Er reichte Lassiter die Hand. »Abraham Mountbatten. Das ist Miss Liberty.«

»Lassiter.« Der Mann von der Brigade Sieben tippte sich an die Hutkrempe. »Einfach nur Lassiter.« Er ließ sich im Sessel nieder, den Mountbatten ihm anbot. In welcher Beziehung er zu jener schönen Miss Liberty stand, verriet der Anwalt leider nicht.

»Ein Agent der Wells Fargo und zwei US-Marshals sind ermordet worden.« Mountbatten kam sofort zur Sache. »Einige andere Morde gingen voraus.« Er schob Lassiter ein großes, graublaues Kuvert über den Nussbaumtisch. »Steht alles hier drin.«

»Wo?« Lassiter wunderte sich, dass sein Mittelsmann in Gegenwart der jungen Lady so offen sprach. Gehörte sie zur Brigade Sieben? Arbeitete sie für Mountbatten als Sekretärin oder so? »Und wie heißen die Opfer?« Nicht dass er etwas gegen die Anwesenheit der Schönen einzuwenden hatte. Er genoss ihren Anblick und ihre Nähe sogar.

Sie trug ein schwarzes Kleid, dessen Dekolletee eine Art Netz bedeckte. Durchsichtig genug, um die Ansätze ihrer Brüste zu erspähen. Himmel, was für ein Anblick!

Der Anwalt beugte sich zu ihr herüber und küsste sie auf die Schläfe. »Lass uns einen Augenblick allein, Baby, ja?« Sie lächelte, nickte und stand auf. »Gönn dir einen Drink draußen im Hotelsaloon, ja?«

Mit wiegenden Hüften ging sie an Lassiter vorbei, ließ ihn keinen Moment aus den Augen dabei. Er verkniff es sich, ihr nachzusehen, was Abraham Mountbatten völlig hemmungslos tat. Die Tür fiel zu, und der Anwalt seufzte tief. »Was für ein prachtvolles Geschöpf! Finden Sie nicht auch, Lassiter?«

»Sicher doch, Sir.« Lassiter nahm das volle Glas, das Mountbatten ihm herüberschob und nippte an seinem Whisky. »Wie also lauteten noch einmal die Namen der Ermordeten.«

»Habs grad nicht im Kopf, steht alles hier drin.« Mountbatten deutete auf das Kuvert und kippte seinen Whisky herunter. »Auch sonst alles, was Sie brauchen – Dossiers der wichtigsten Leute, Gerichtsurteile, Berichte des Sheriffs von Haven, Stadtplan von Haven, und so weiter.«

»Haven?« Lassiter zog die Brauen hoch.

»Die Stadt, in deren Umgebung die Morde geschahen. Nie gehört?« Lassiter schüttelte den Kopf. »Hundertzwanzig Meilen östlich von Dodge am Arkansas, knapp dreißig Meilen nordwestlich von Wichita. Etliche Sternträger unter den Toten, wie gesagt. Geht es um Waffenschmuggel? Geht es um Land? Wir wissen nichts Genaues.«

»Waffenschmuggel?«, hakte Lassiter nach. Der Mann redete ihm zu viel und zu schnell.

»Na ja, die Grenze zum Indianer Territorium liegt kaum sechzig Meilen weiter südlich. Rückzugsort von Galgenvögeln aller Art einschließlich rebellischer Rothäute. Und nach dem Indianer Territorium sind wir schon fast in Mexiko, wenn Sie wissen, was ich meine. Aber nur eine Theorie, wie gesagt.«

»Und ich soll jetzt herausfinden, wer da in diesem Kaff, in diesem Haven sein Unwesen treibt, ja?« Lassiter öffnete das Kuvert, zog die Unterlagen heraus. Ein Bündel Banknoten fiel auf den Tisch. »Oder wie genau lautet mein Auftrag?«

»Verlieren Sie bloß Ihre Spesen nicht, Lassiter.« Mountbatten deutete auf das Geldbündel, das Lassiter scheinbar achtlos auf dem Tisch liegen ließ. »Sie werden sie sonst noch vermissen.«

»Sicher doch. Wie lautet also mein Auftrag?«

Der Anwalt ließ sich gegen das hohe Ende der Chaiselongue fallen, blies die Backen auf und schabte sich sein volles, graues Haar. Er hatte ein schmales, kantiges Gesicht und war groß und gut gebaut. Wie Mitte vierzig sah er aus, war aber vermutlich älter.

»Ermordete Sternträger, wie gesagt. Und nach neusten Informationen der Brigade Sieben ist schon wieder ein US-Marshal undercover in der Gegend unterwegs. Er wird nicht lange undercover bleiben, das schwör ich Ihnen, Lassiter. Wer auch immer rund um Haven und Wichita brave Männer des Gesetzes ins Gras beißen lässt – er hat einen guten Riecher für Sternträger.«

Allmählich dämmerte dem Mann von der Brigade Sieben, welche Rolle man ihm zudachte in diesem blutigen Spiel. »Ich soll also Mr. US-Marshal beschützen.«

»Wäre nicht schlecht.« Mountbatten griff nach Lassiters Glas, stellte es neben seines und füllte beide bis fast zum Rand. »Und weil die Killer, die wir suchen, so einen verdammt guten Riecher für Sternträger haben, können Sie damit rechnen, dass sie dem armen Kerl schon auf den Fersen sind, wenn Sie nach Haven kommen.«

Lassiter legte den Kopf in den Nacken und stieß ein bitteres Lachen aus. Der Mann von der Brigade Sieben hatte verstanden. »Der Sternträger ist mein Lockvogel?« Er schüttelte den Kopf. »Ihr scheut auch vor nichts zurück!«

»Nennen Sie es, wie Sie wollen, Lassiter.« Abraham Mountbatten reichte ihm sein Glas. »Jedenfalls wünsche ich Ihnen viel Glück.« Sie stießen an und tranken.

»Verraten Sie mir wenigstens, wie dieser US-Marshal heißt und wie er aussieht.«

Mountbatten deutete auf das Kuvert. »Steht alles da drin.« Er schob ihm einen Schlüssel herüber. »Sie wohnen Nummer Zwölf. Das Zimmer ist bezahlt.«

***

Den Rest des Tages verbrachte Lassiter damit, die nötigen Besorgungen zu machen: das Pferd zum Hufschmied bringen, Sattelzeug ausbessern, neue Stiefel, Munition und Proviant kaufen.

Er schaffte sich die robusten Kleider eines Cowboys an – Lederchaps, Nietenhosen und so weiter. Dazu ein Offiziershemd der US-Army mit doppelter Messingknopfreihe. Der Vorbesitzer hatte es nur einmal getragen, versicherte ihm der Händler im Store.

Lassiter plante, in Haven als Cowboy aufzutreten, vielleicht Arbeit auf einer Ranch anzunehmen. Außerdem hatte die Brigade Sieben ihm einen Lebenslauf als Ex-Captain der US-Kavallerie geschneidert, wie er den Unterlagen schon entnommen hatte.

Am späten Nachmittag hielt er eine halbe Stunde dem Barbier sein stoppelbärtiges Gesicht hin und nahm danach ein warmes Bad. Sein erstes seit Wochen; war längst fällig.

Danach erkundigte er sich an der Railway-Station nach der Abfahrtszeit der Züge. Er wollte gleich am nächsten Tag mit der Eisenbahn nach Wichita fahren. Von dort aus würde er reiten. Drei Tage höchstens, dann wollte er in Haven sein.

Für den Abend hatte er geplant, die Unterlagen der Brigade Sieben noch einmal genau zu studieren. Vorher jedoch gönnte er sich im Saloon des White Horse Hotel ein ordentliches Abendessen. Wann nächtigte man schon mal in einem derart teuren Laden. War es etwa eine Sünde, das auszunutzen? Nein, war es nicht.

Während des Essens sah er die schöne Miss Liberty durch den Schankraum schreiten. Wahrhaftig: Sie schritt. Und sie lächelte ihm zu. Mit wiegenden Hüften stieg sie die Treppe hinauf. Auf halber Höhe hielt sie kurz inne und lächelte immer noch. Nur für Lassiter.

Was hatte das jetzt zu bedeuten? Er atmete tief durch. Wohnten Mountbatten und sie denn hier, in diesem feinen Hotel? Nach Lassiters Informationen besaß der Anwalt ein Haus und eine Ranch am Rande von Dodge City. Doch was hieß das schon.

Lassiter konzentrierte sich auf sein Essen. Gar nicht so einfach – das Bild der Schönen spukte ihm durch den Kopf. Nach einem letzten Whisky ging er auf sein Zimmer hinauf. Nummer 12. Er schloss auf und trat ein – da saß sie vor dem Spiegel des Waschtisches, die schöne Miss Liberty, und bürstete ihr Haar. Sie trug eine Art Morgenmantel, schwarz und aus Seide, wie es schien.

»Nicht, dass mich Ihre Anwesenheit bekümmert«, sagte Lassiter und schloss die Tür. »Ganz im Gegenteil.« Er warf sein Gepäck auf einen Sessel, zog sich einen Stuhl neben sie an den Waschtisch und setzte sich rittlings darauf. »Aber vielleicht brennen Sie ja darauf, mir etwas zu erklären, Miss.«

»Elisabeth Liberty.« Sie lächelte ihn so vertrauensselig an, als würden sie sich schon den dritten Abend hier oben treffen. »Nenn mich Betty. Bitte.«

»Betty. Also gut. Was verschafft mir soviel Ehre und Glück, Betty?«

»Na, Mr. Mountbatten!« Sie sprach es aus, wie man eine Selbstverständlichkeit ausspricht. »›Dieser Lassiter tut mir leid, Betty‹, hat Mr. Mountbatten gesagt. ›Wer weiß, wie lange der Mann noch zu leben hat. Sei so lieb – geh zu ihm und tu ihm etwas Gutes‹.« Sie lächelte wie ein kleines unschuldiges Mädchen. »Und jetzt bin ich bei dir.«

Lassiter fehlten die Worte. Dass der Anwalt den Auftrag für derart gefährlich hielt, hatte er wohlweislich für sich behalten. Mountbatten hatte überhaupt ziemlich wenig verraten. »Und jetzt willst mir also etwas Gutes tun.« Er seufzte.

Sie legte endlich die Bürste weg, beugte sich zu ihm und schlang die Arme um ihn. »So viel du willst, die ganze Nacht. Ist Mr. Mountbatten nicht ein großzügiger Mann?«

»Er hat dich dafür bezahlt?«

Betty lächelte wieder ihr unschuldiges Mädchenlächeln. So lächelten nach Lassiters Erfahrung nur die gefährlichsten Weiber. Betty küsste ihn, und ihre Lippen fühlten sich so weich und warm an, dass es Lassiter durch alle Knochen und bis tief in die Lenden fuhr.

Er streifte ihr den Morgenmantel von den Schultern, küsste ihren Schwanenhals, den Nacken unter ihrem Dutt, ihre Schlüsselbeine, ihre Arme. Sie trug ein schwarzes Mieder, das ihre Schenkel schneeweiß erscheinen ließ.

Betty stand auf, ließ den Morgenmantel zu Boden gleiten und drehte den Docht der Öllampe herunter. »Steh auf.« Sie zog ihn vom Stuhl hoch, schnallte ihm den Waffengurt ab und öffnete seine Hose. Ihr Busen quoll weiß aus ihrem schwarzen Mieder. Lassiter vergrub sein Gesicht dazwischen.

Sie drückte ihn zurück auf den Stuhl, kniete zwischen seinen Schenkel, und ehe der Mann von der Brigade Sieben sich versah, hatte sie ihm sein bestes Teil aus der Hose gefischt. Mit beiden Händen hielt sie den harten, pochenden Liebesstab fest und leckte daran, dass es Lassiter ganz anders wurde.

Er legte den Kopf in den Nacken und stöhnte auf unter so viel unverhoffter Wohltat. Er griff in ihr kastanienrotes Haar und stieß sich ihren leidenschaftlichen Küssen entgegen. Die trieben seine Lust schon fast bis zum Gipfel.

»Hör auf«, flüsterte er, »ich werde ja wahnsinnig.« Er zog sie hoch. »Ins Bett.«

Betty stand auf, zog sich aus bis auf ihr Höschen, schritt zum Bett und streckte sich darauf aus. »Komm.« Sie öffnete die Arme.

Lassiter schälte sich aus seinen Kleidern und stieg zu ihr unter die Decke. Er drehte sie auf die Seite, küsste ihre Schultern und streichelte ihren Bauch.

Betty gurrte und räkelte sich unter seinen Berührungen. Lassiter ließ seine Hand über ihrem Bauch kreisen, schob sie höher, streichelte ihre Brüste. Sie begann zu stöhnen und vollführte jene einladenden Bewegungen mit dem Becken, die Lassiter so gern sah und die ihn sofort die ganze Welt vergessen ließen.

Er packte ihren rechten Busen, knetete ihn vom Ansatz bis hinauf zur Warze. Das hellbraune Stielchen schwoll zwischen seinen Fingern und wurde ganz hart.

Betty seufzte und stöhnte. Sie wollte genommen werden, soviel war klar. Er streckte sich hinter ihr aus, presste seinen harten und pochenden Pint gegen ihren Po, sog den Duft ihres Haares ein und fuhr fort, ihren Busen zu kneten.

Ein Beben nach dem anderen ging durch Bettys Körper. Lassiter spürte, wie sie ihren kreisenden Hintern an seinem besten Teil rieb. Mehr konnte man nicht verlangen. Er fuhr ihr mit der Rechten unter den Bund ihres Höschens und streifte ihr das Stück Stoff über die Hüfte bis zu den Knien hinunter.

Dann schob er seine Hand zwischen die warmen Schenkel und hinauf bis zum Eingang ihrer Liebeshöhle. Dort fühlte es sich ganz so an, als wäre sie längst bereit, ihn einzulassen. Er streifte die Decke von ihrem Körper, betrachtete die weiße Pracht im Schein der Öllampe.

»Worauf wartest du noch?«, fragte sie. »Nimm mich schon, ich halte es nicht mehr aus.«

Er warf sie auf den Rücken, riss ihr das Höschen endgültig von den Beinen, spreizte ihre Schenkel und kniete sich zwischen sie. Alles in ihm verlangte nach Erlösung. Er griff unter ihre Gesäßbacken und hob sie ein wenig an. Dann drang er in sie ein.

Ihre Spalte umfing ihn seidig und mit wohliger Hitze, und ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Kehle, als er sie zärtlich zu stoßen begann. »Wie gut«, seufzte sie und antwortete mit ihrem ganzen Körper auf seine Bewegungen. »Wie wunderbar …« Lassiter Stöße wurden kraftvoller.

Kurz bevor sie kam, riss sie den Mund auf und Lassiter verschloss ihn mit seinen Lippen. Sie zuckte und bebte und stöhnte unter ihm, während er noch immer nicht aufhören wollte, sie zu stoßen.

Endlich war auch er soweit, richtete sich zwischen ihren Schenkeln auf, packte ihre Hüften, riss sie zu sich und verharrte stöhnend, während er sich in sie ergoss.

***

Jeremy McMillan trat an die Brüstung der Veranda seines kleinen Farmhauses. Sein langes, weißes Haar flatterte in der Morgenbrise. Ein warmer Südwind hatte die Regenwolken verjagt. Der Himmel war aufgerissen, und die Sonne leckte das Wasser aus den großen Pfützen zwischen Haus und Stallungen.

Leider kam aus dem Süden nicht nur der Wind. McMillan legte seine knorrige Hand an die Stirn, um seine Augen gegen die Sonne abzuschirmen, und blickte über das Grasland. Sechs dunkle Punkte bewegten sich am Horizont. Reiter, was denn sonst?

McMillan spuckte über das Geländer und fluchte leise in sich hinein, denn die Punkte wurden rasch größer. Die Reiter schienen es eilig zu haben. Und ihr Ziel war klar: Jeremy McMillans Farm.

»O, Bullshit!« McMillans verwittertes Altmännergesicht verzog sich zu einer angewiderten Miene. Er zog den Rotz hoch und spuckte noch einmal über die Brüstung der Veranda. »Djuna! Raven!« Er ging ins Haus. »Wir bekommen verdammten Besuch!«

Jeremy McMillan durchquerte den kleinen, mit Tisch, Stühlen, Herd und Schränken vollgestopften Raum. Zwischen einem grobgezimmerten Regal und der Tür in die Schlafräume hingen fünf Gewehre an der Wand. McMillan nahm seinen Sharp-Karabiner von einem der Nägel.

Eine junge Frau erschien im Türrahmen, fast noch ein Mädchen. Blauschwarzes Haar zu einem Zopf geflochten, schmales bronzefarbenes Gesicht. Ein kariertes Baumwollhemd hing ihr über die weite blaue Hose. Djuna McMillan, die Tochter von Jeremy McMillan, ein Halbblut.

»Deine Stimme klingt nach Ärger, Dad«, sagte sie und runzelte die Stirn.

Hinter ihr tauchte Raven auf. Ein Lederband hielt sein volles graues Haar hinter den Ohren fest. Er trug eine lange, dunkelbraune Fransenjacke über einer ausgebleichten Armeehose. »Was ist los, Jerry?«

Raven hieß eigentlich »White Raven«, war ein Kiowa-Indianer und der Halbbruder von Djuna. Sie hatten dieselbe Mutter. Allerdings war Raven fast zwanzig Jahre älter als Djuna.

»Ich fürchte, Djuna hat recht – Ärger« McMillan ging zum Fenster. »Ellendale schickt seine Höllenhunde, wenn mich nicht alles täuscht.« Er lud seinen Karabiner. Schweigend angelten Djuna und Raven sich ihre Gewehre von den Wandhaken.

Zurück auf der Veranda sah McMillan die Reiter in der flachen Uferböschung des Flusses verschwinden. Der Arkansas lag keine halbe Meile von seinem Farmhaus entfernt. »Verteilt euch.« Er winkte Djuna und Raven. »Sucht euch Deckung.«

Kurz darauf tauchten die sieben Männer diesseits des Flusses zwischen den niedrigen Büschen auf, die McMillans Maisfeld von der Flussböschung trennten. Die Kerle ritten in gestrecktem Galopp.

Links von sich sah McMillan jetzt den Kiowa über den Hof laufen und durch eine offene Tür in den Pferdestall huschen. Rechts rannte Djuna auf die andere Seite des Hofes und ging zwischen Scheune und Schweinestall hinter einem Holzstoß in Deckung.

Minuten später waren die sieben Reiter nur noch einen Steinwurf vom Torbogen der Farm entfernt. McMillan sah, dass sie Gewehre aus den Sattelhalftern zogen. Er begrüßte sie mit einem Schuss in die Luft. Je schneller sie kapierten, mit wem sie sich anlegten, umso besser.

»Was wollt ihr?«, brüllte er den Männern entgegen. Ihre Antwort ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Sie eröffneten das Feuer.

Kugeln pfiffen über den alten McMillan hinweg. Einige schlugen in das Holz der Hauswand ein. McMillan merkte gleich, dass sie ungezielt schossen, und widerstand der Versuch, sich in eine Deckung zu verkriechen.

Stattdessen legte er seinen Sharp-Karabiner an und jagte eine Patrone vor die Vorderhufe ihrer Pferde. Zwei Pferde stiegen hoch und scheuten. »Was ihr wollt, hab ich gefragt!?«, brüllte McMillan.

»Deine Farm!«, schrie einer der Männer zurück. McMillan erkannte ihn an der großen hageren Gestalt und der krausen, roten Mähne. Es war Roger Foreman, ein hochgefährlicher Bursche. »Sie gehört Chester Ellendale!«, schrie der Mann. »Er hat sie dir beim Pokern abgenommen!« Foreman winkte mit einem Schuldschein.

»Zur Hölle mit Ellendale!«, brüllte McMillan. »Der Scheißkerl hat falsch gespielt! Jeder, der dabei war, hat es gesehen! Schert euch zum Teufel!« Er jagte eine zweite Kugel vor die Hufe der Pferde.

»Mr. Ellendale bietet dir einen günstigen Pachtvertrag für seine Farm!«, rief Foreman, der Sprecher der Reiter. »Du kannst hier bleiben und für ihn arbeiten, wenn du pünktlich zahlst!«

McMillan schoss erneut. Die Erde zwischen den Reitern spritzte auf. »Nehmt ihm das als Anzahlung mit!«

»Wie du willst!« Roger Foreman riss am Zügel seines Pferdes. »Dann holen wir uns Ellendales Eigentum jetzt mit Gewalt!« Er steckte den Schuldschein in seine Westentasche. »Sag mir nur noch dies, Jerry: Wo willst du begraben werden!?«

»Schert euch zum Teufel!« Der alte McMillan zielte und schoss. Einem der Kerle flog der Hut vom Kopf.

»Du hast es nicht anders gewollt, Jerry!« Roger Foreman winkte seinen Leuten. Einen Augenblick später spuckten die Gewehre seiner Männer Feuer und Blei.

***

Der Zug kam pünktlich in Wichita an. Entlang des Arkansas ritt Lassiter drei Tage lang hinauf nach Haven. Als er die ersten Häuser der kleinen Stadt erspähte, begann es zu regnen. Zwei Stunden betrat er den einzigen Saloon, den Haven zu bieten hatte.

Rauchschwaden hingen unter den Lampen. An den Tischen und um die Theke drängten sich Cowboys, ein paar Eisenbahner, der eine oder andere Kartenhai und einige Frauen. Lassiter trat durch die Schwungtür und zog seinen Stetson ab. Wasser tropfte von der Hutkrempe auf die Holzdielen des Saloonbodens. Mit dem Hut klopfte er sich die Nässe von seinem Hirschledermantel, den er sich in Dodge City gekauft hatte.

Die Männer an der Theke und an den Tischen drehten sich nach ihm um, musterten ihn neugierig. Lassiter kannte niemanden hier. Auch den Großen in dem schwarzen Lodenmantel kannte er nicht. Doch das zerfurchte, sonnenverbrannte Gesicht und die blauen Augen des Mannes fielen ihm sofort auf.

Er ging zur Theke, legte seinen Hut auf den einzigen freien Barhocker, lehnte seine Winchester daneben und stellte sich zu dem Mann in dem schwarzen Lodenmantel. »Hallo.« Der Mann nickte. Seine Augen schienen Lassiters Stirn zu durchbohren, und sein dunkles, glattrasiertes Gesicht blieb reglos, als wäre es aus gebranntem Ton.

Eine Narbe zog sich von seiner rechten Schläfe bis zum Unterkiefer herab. Dunkelgraue Locken quollen unter seinem schwarzen Hut heraus. Aus den Augenwinkeln nahm Lassiter die beiden elfenbeinbeschlagenen Revolver an seinen Hüften wahr: zwei Smith & Wesson, Kaliber 44.

»Einen Kaffee«, rief Lassiter dem Salooner zu. »Und wenn Sie mir noch ein Steak in die Pfanne hauen, machen Sie einen hungrigen Mann glücklich. Hab schon ein paar Tage im Sattel hinter mir.«

Der Wirt, ein kleiner dürrer Kahlkopf mit einem gewaltigen Schnurrbart, nickte und griff ins Flaschenregal.

Im Barspiegel zwischen den Flaschen spähte Lassiter an seinem Gesicht und dem des großen Schwarzen vorbei. Zwei Männer waren von einem Fenstertisch aufgestanden und huschten durch die Schwungtür. Sie schienen es eilig zu haben.

»Auf Arbeitssuche?« Die Stimme des Großen klang rau und kehlig.

»Erst einmal schauen, ob ich nicht ein paar Dollar am Spieltisch machen kann«, sagte Lassiter. »Wenn nicht, muss ich morgen wohl auf einer Ranch hier in der Gegend anheuern.«

»Vorsicht, Mann.« Der Schwarze zog die grauen Brauen hoch. »Beim Pokern haben sie hier schon ganz anderen Männern die Hosen ausgezogen.« Er griff in seinen Lodenmantel und zog zwei Zigarillos heraus. Einen bot er Lassiter an.

Lassiter griff zu. »Gibt es hier etwa Berufsspieler?« Er besah sich die Männer, die er für Kartenhaie hielt.

»Auch das.« Der andere kramte Schwefelhölzer aus seiner schwarzen Lederweste und riss eines an. »Das Nest mag einen harmlosen Eindruck machen.« Aus irgendeinem Grund sprach er mit gesenkter Stimme. »Doch es ist gefährlich, das können sie mir glauben, Mister.«

Lassiter beugte sich über die Flamme. »Lassiter, einfach nur Lassiter. Rauchwolken stiegen auf. »Sie hören sich an, als wären Sie nicht von hier.«

»Kann man so sagen.« Der Große verzog keine Miene. »Sag ›Johnny‹ zu mir.« Der Wirt stellte Kaffee und Whisky vor Lassiter auf den Tresen. Der Mann von der Brigade Sieben gab Johnny einen Drink aus. Sie stießen an und tranken.

»Was treibst du so?« Der Große in dem schwarzen Lodenmantel spähte hinunter auf Lassiters Winchester.

»Cowboy, wie gesagt.« Lassiter zuckte mit den Schultern. »Heute hier, morgen da. Hab vor drei Jahren meinen Abschied bei der Army genommen.«

»Welcher Rang?«

»Captain.« Lassiter musterte den anderen. Der Mann war sicher zehn Jahre älter als er selbst. Er trug eine teure Lederweste und ein Jackett unter dem Lodenmantel. Das weiße Hemd darunter schien gestärkt und gebügelt zu sein. Irgendwie erinnerte ihn der Kerl an eine Personenbeschreibung aus den Unterlagen der Brigade Sieben. »Und was treibst du?«

Der Große kniff seine Augen noch enger zusammen. Er saugte an seinem Zigarillo und zuckte mit den breiten Schultern. »Dies und das.« Schließlich griff er in seine Manteltasche und holte einen Satz Karten heraus. »Wie wäre es mit einem ersten Spielchen?«

»Warum nicht?« Lassiter nickte. »Nach dem Essen komm ich zum Spieltisch hinüber.« Der Mann namens Johnny stapfte schon mal zum Spieltisch. Der Salooner stellte einen Teller vor Lassiter auf die Theke. Das Steak schwamm in einer blutigen Brühe, die gebratenen Zwiebeln rochen verdammt gut, die Bratkartoffeln sowieso.

Lassiter machte sich mit Heißhunger über das Essen her. Er hatte sein Steak noch nicht mal zur Hälfte verdrückt, als er im Barspiegel vier Männer den Saloon betreten sah. Ihre Blicke hefteten sich sofort an Lassiters Rücken. Sie gefielen ihm nicht – weder die Männer noch ihre Blicke.

Er legte die Gabel weg, zog seinen Mantel aus, rollte ihn zusammen und legte ihn unter seinen Hut auf den Barhocker. Dabei wandte er den Männern an der Tür die linke Seite zu. Niemand sah also die flinke Bewegung, mit der er den Hahn seines Remingtons an der rechten Hüfte spannte.

Lassiter beschäftigte sich weiter mit Steak und Bratkartoffeln. Doch keinen Augenblick ließ er jetzt mehr den Barspiegel aus den Augen. Einer der Männer, ein untersetzter Glatzkopf, trug einen Stern an der Weste.

»Mein Name ist Jessie Snyder«, sagte der Sternträger. »Ich bin der Sheriff hier in Haven.« Er blieb mitten im Saloon stehen. Die anderen drei pirschten sich an den Tischen vorbei zur Theke. Lassiter zog die Brauen hoch: Wollten sie ihn in die Zange nehmen?

Die Kerle trugen Baumwollhemden und Lederchaps. Cowboys also. Doch sie machten nicht den Eindruck, als wären sie hier, um Verstärkung zu suchen. Aus harten und misstrauischen Mienen betrachteten sie Lassiter.

»Ist das der Mann, den du bei deiner Koppel gesehen hast, Hank?«, fragte der Sheriff.

Der Angesprochene, ein junger blonder Bursche, nickte. »Ja, das ist er.« Lassiter beobachtete ihn im Barspiegel; der Bursche namens Hank lehnte an der Schmalseite der Theke. Besonders mutig sah er nicht aus.

»Und als er weg war, fehlten zwei Pferde«, sagte der dritte Cowboy. Er hatte dunkles, schütteres Haar und war von bulliger Gestalt. »Er hat sie geklaut, ich schwör’s dir, Jessie!«

»Ich habe es kapiert, Will.« Der Sheriff nahm die Daumen aus dem Gurt und ließ plötzlich die Rechte über dem Kolben seines Revolvers schweben. »Sie haben gehört, was die Männer gesagt haben, Mister – Sie werden des Pferdediebstahls verdächtig. Ich muss Sie bitten, Ihre Sachen zu nehmen und mit mir ins Office zu gehen.«

»Ich habe nur ein einziges Pferd dabei, Sheriff.« Lassiter drehte sich nicht um, aß einfach weiter. »Steht draußen, der Apfelschimmel. Mit dem bin ich eben gekommen.« Seelenruhig säbelte er ein Stück von seinem Steak ab. »Die beiden Männer reden Schwachsinn.«

»Schwachsinn rede ich?« Der namens Will stieß sich von der Theke ab, stellte sich breitbeinig ein paar Schritte hinter Lassiter auf. »Habe ich das richtig verstanden?«

Plötzlich rutschten die Männer rechts und links von Lassiter von ihren Barhockern und räumten das Feld. Im Barspiegel sah Lassiter, wie sich ein Tisch nach dem anderen leerte. Der Sheriff stand mit verschränkten Armen und beobachtete gleichmütig die Leute und diesen Will.

»Völlig richtig verstanden – wenn du behauptest, mich an einer Pferdekoppel gesehen zu haben, redest du Schwachsinn, Mann!«

»Dreh dich gefälligst um, wenn ich mit dir rede!«, schrie dieser Will. Die Zornesröte stieg ihm ins Gesicht.

»Ich esse noch, verflucht.« Lassiter schob sich ein Stück Steak zwischen die Zähne. »Lass uns später reden.«

Der Mann namens Will stürmte los, packte Lassiter an den Schultern und riss ihn von der Bar weg. Der fuhr herum und knallte ihm den Teller mit den restlichen Bratkartoffeln und dem halben Steak ins Gesicht.

Will schrie laut, denn das Zeug war noch heiß. Er taumelte gegen einen Tisch und prallte zwischen Gläsern und Flaschen auf der Tischplatte auf. Fast gleichzeitig zog er seinen Revolver.

Lassiter sah, dass auch seine beiden Begleiter zu den Waffen griffen. Der Mann von der Brigade Sieben hechtete zwischen Barhocker und Tresen, riss seinen Remington aus dem Holster und zog ab. Dreimal.

Will, der blonde Bursche und der dritte Mann schossen fast gleichzeitig. Kugeln heulten durch den Saloon, Glas und Holz splitterte, Frauen kreischten und Männer riefen durcheinander. Dann war wieder alles still.

Der Mann namens Will hockte unter einem Tisch und presste die Linke gegen seine rechte Schulter. Blut sickerte durch seine Finger. Er starrte Lassiter an, als würde er den Leibhaftigen anstarren. Viel fehlte nicht, und er hätte geheult. Die anderen beiden lagen reglos zwischen den Tischen.

Jessie Snyder, der Sheriff, und der Große im Lodenmantel beugten sich über sie. »Tot«, sagt Johnny. Sein ernster Blick richtete sich auf Lassiter.

Nun zog auch der Sheriff seinen Revolver. »Lassen Sie Ihre Waffe fallen, Mann!«, rief er. »Ich verhafte Sie wegen zweifachen Mordes.« Mit einer Kopfbewegung deutete er auf den Kerl namens Will. »Und wegen Mordversuchs an meinem Vetter William Snyder.«

»Die haben zuerst gezogen!« Lassiter schwante Übles. »Ich musste mich meiner Haut wehren!«

»Er hat zuerst gezogen!« Männer traten aus der eng an der Seitenwand zusammengedrängten Menschenmenge und zeigten auf ihn. »Der Fremde da hat zuerst gezogen!«, riefen sie.

Etwas Hartes bohrte sich in Lassiters Rücken. »Weg mit dem Revolver!«, schrie der Salooner. »Sonst löchere ich dich mit deinem eigenen Gewehr!« Die Stimme des Kahlkopfes vibrierte vor Angst.

In Handschellen führten sie Lassiter in den Zellentrakt des Office’. Dort hockte er stundenlang auf seiner Pritsche im Dunkeln. Der einzige weitere Gefangene löcherte ihn mit Fragen. Der Mann hieß Ray Clapton. Lassiter gab sich wortkarg. Er war längst überzeugt davon, dass kein Zufall ihn hinter Gitter gebracht hatte.

Aus dem Office hörte er Männerstimmen palavern. Er verstand kein Wort. Nur seinen Namen hörte er heraus. Und einen zweiten Namen, mit der er nichts anfangen konnte: Lincoln.

Gegen Mitternacht hörte er Schritte vieler Stiefel draußen auf dem Bürgersteig. Durch das Zellenfenster sah er ein halbes Dutzend Männer die Straße überqueren. Die Tür zum Office öffnete sich. Jessie und Will Snyder traten vor seine Zelle. Will mit dickem Verband um Schulter und Brustkorb. Hass funkelte in seinen Augen.

»Gib mir deinen Stern, Lincoln«, sagte der Sheriff und streckte die Rechte aus.

»Wassis?« Sie hielten ihn für einen anderen, so viel begriff Lassiter.

»Du bist doch ein getarnter US-Marshal, oder?«

»Wenn ich ein US-Marshal bin, bist du ein Arschloch, Sheriff«, sagte Lassiter. »Ich bin ein Cowboy und deine sogenannten Zeugen, Sheriff, sind gottverdammte Drecksäcke.«

»Also kein US-Marshal, also nur ganz normaler Halunke.« Jessie Snyders Stimme klirrte vor Kälte, und Lassiter hätte ihm gern ins Gesicht gespuckt. »Eine Menge Revolverhelden deines Kalibers kommen in letzter Zeit hier vorbei, weißt du, Lassiter? Deswegen haben unsere braven Bürger auch eine Bürgerwehr gegründet.«

Das Gesicht seines Vetters verzog sich zu einem bösen Feixen. »Mit anderen Worten: Wir haben Erfahrung mit Schnellgerichten.« Lassiters Lunge füllte sich mit Eis. Das Atmen fiel ihm plötzlich schwer.

»Du kriegst gleich morgen früh deinen Prozess«, sagte der Sheriff. »Er wird nicht lange dauern – außer Will haben ja noch zwei weitere Männer gesehen haben, wer zuerst gezogen hat.« Er wandte sich an den zweiten Gefangenen. »Und deinen Prozess bringen wir morgen auch gleich hinter uns, Ray.«

Will Snyder trat einen Schritt an Lassiters Zelle heran. »Mit ein bisschen Glück musst du morgen Mittag nicht allein unter den Galgen treten.«

***

Die Gewehrkugeln heulten nur so über den Hof. Irgendwo splitterte Holz, irgendwo ging eine Scheibe zu Bruch. Im Stall wieherten die Pferde, das Vieh auf der Koppel schrie, die Hühner brachten sich gackernd und flügelschlagend in Sicherheit und der Hund stemmte sich gegen die Kette und bellte wie verrückt.

McMillan hatte sich flach auf die Veranda geworfen. Jetzt robbte er ins Haus zurück. Er trat die Tür hinter sich zu, sprang auf und warf sich gegen die Wand neben das erste Fenster rechts der Tür. Er riss es hoch, steckte den Lauf hinaus und schoss auf die beiden Reiter, die er von hier aus noch erkennen konnte.

Die anderen waren inzwischen ausgeschwärmt. Zwei jagten rechts und links des Grundstücks am Zaun entlang, um die Farm in die Zange zu nehmen. »Sehr gut«, feixte McMillan, denn sie ritten geradenwegs in die Schusslinien von Raven und Djuna.

Zwei andere sah er über das Gatter der Viehweide setzen und in den Hof hinein preschen. Einem wehte der krause Rotschopf um die Ohren – Roger Foreman.

McMillan fluchte, zielte sorgfältig und nahm einen unter Feuer. Der Mann stürzte vom Pferd und blieb reglos in einer Pfütze liegen. Foreman suchte hinter einem Bretterstapel Deckung. Von dem sechsten fehlte im Moment jede Spur.

Ein paar Sekunden lang herrschte Ruhe. Doch dann brach der Kugelhagel mit umso größerem Lärm wieder los. Dunja und Raven hatte das Feuer eröffnet.

Auch McMillan drückte ab und jagte Kugel um Kugel gegen den Bretterstapel. Je später die Kerle auf die Deckung seiner Tochter und ihres Bruders aufmerksam wurden, umso besser.

Nach und nach dämmerte es dem Alten, dass Ellendales Leute ihn sträflich unterschätzt hatten. Wahrscheinlich wussten sie gar nicht, dass Raven seit sechs Wochen auf der Farm lebte. Er unterstützte seine Halbschwester und ihren Vater bei der schweren Erntearbeit. Und dass Djuna noch besser mit einer Waffe umgehen konnte als ihr Vater, schienen sie auch nicht zu wissen.

Wie auch immer: Der Kiowa schaffte es vom Pferdestall aus, die beiden Reiter aus den Sätteln zu schießen, die um das Grundstück herumreiten wollten. Danach wartete er nicht lange ab, sondern griff sofort die Männer im Hof von hinten an. McMillan hielt mit. Ehe die Kerle sich versahen, wurden sie von zwei Seiten beschossen.

Die Schießerei war schnell vorbei: Einer starb, einer gab auf. Mit über den Kopf erhobenen Händen kam Foreman aus seiner Deckung. Djuna hatte ebenfalls einen Reiter vom Pferd geschossen. Er war verwundet und schrie wie ein Schwein vor der Schlachtung.

McMillan und Raven entwaffneten Roger Foreman. Sie banden die drei Toten auf die Rücken ihrer Pferde. »Lasst euch nie wieder hier blicken!«, brüllte der alte Farmer die Überlebenden an. »Nie wieder! Habe ich mich deutlich ausgedrückt?«

Foreman, der einzige unverletzte Angreifer, half seinen verwundeten Kumpanen in die Sättel. Seine Kaumuskulatur arbeitete mächtig. »Dafür bezahlt ihr«, krächzte er. »Ihr alle drei.« Er kletterte auf sein Pferd und führte den geschlagenen Tross dem Fluss entgegen.

Mit seiner Tochter und ihrem Halbbruder stand McMillan unter dem Torbogen seines Hofes und feuerte in die Luft. »Beste Grüße an euren Boss! Ellendale möge bald zur Hölle fahren!« Die verdammten Reiter trabten quer über sein Maisfeld zur Flussböschung.

McMillan lachte grimmig. »Der Tag hat gut angefangen, meint ihr nicht?« Er drehte sich zu seiner Tochter und dem Kiowa um.

Sie werden wiederkommen, Dad«, sagte Djuna. »Ellendale wird keine Ruhe geben, bis er sich auch unsere Farm unter den Nagel gerissen hat.«

»Wir haben ihm die Zähne gezeigt, Darling.« McMillan schnaubte verächtlich. »Er weiß jetzt, dass man einen Jeremy McMillan nicht wie einen verkommenen Hund verscheuchen kann.«

Sie gingen zurück zum Farmhaus. »Er wird andere schicken, Dad.« Djuna konnte den Optimismus ihres Vaters überhaupt nicht teilen. »Und die werden nicht mehr so blind vor unsere Flinten laufen.«

»Bullshit!« McMillan spuckte in eine Pfütze. »Ellendale, dieser Geier – der Teufel soll ihn holen!«

»Es ist vier Jahre her, seit er der größte Rancher hier am Arkansas geworden ist«, sagte Djuna. »Seitdem haben sieben Farmer aufgegeben. Vier haben freiwillig an ihn verkauft, zwei sind tot, einer verschwunden. Glaub mir, Dad – Chester Ellendale wird keine Ruhe geben, bis auch dein Land ihm gehört.«

McMillan stieß die Tür des Farmhauses auf. Auf dem Tisch in der Mitte des Raumes stand noch das Frühstücksgeschirr. Und eine halbvolle Flasche Whisky. Er griff danach, entkorkte sie und nahm einen großen Schluck. »Und was schlägst du vor, Täubchen?« Er reichte die Flasche an Raven weiter. »Klein beigeben etwa? Eure Mutter würde sich im Grab umdrehen.«

Djuna wich seinem Blick aus. »Wir allein können ihnen nicht lange widerstehen.« Erschöpft ließ sie sich auf einen Stuhl sinken. Sie wusste genau, dass ›aufgeben‹ ein Wort war, das im Sprachschatz ihres Vaters nicht vorkam. Jeder, der McMillan kannte, wusste das. Und Djuna liebte ihn ja für seinen Eigensinn und seine Hartnäckigkeit.

Doch sie machte sich nichts vor: Mächtigere Männer, als ihr Vater es war, hatten schon vor der unersättlichen Habgier Chester Ellendales kapituliert – Farmer mit einem Haus voller erwachsener Söhne, die alle mit Schießeisen umgehen konnten; Rancher mit einem Dutzend schwerbewaffneter Cowboys an ihrer Seite; Geschäftsleute in Wichita, Haven und Umgebung, die sich sicher gewähnten hatten, weil sie glaubten, sogenannte Freunde würden im Bürgerrat für sie eintreten.

»Am Rattlesnake Creek haben Jäger meines Stammes ein Sommerlager aufgeschlagen«, sagte Raven. »Sie treffen sich dort zum Großen Sonnentanz. Vielleicht helfen sie uns. Du hast einen guten Ruf bei den Kiowas, Sam.«

»Wie weit ist das?«, wollte Djuna wissen.

»Nicht einmal zwei Tagesritte.«

»Bullshit!«, fluchte McMillan. »Dann reit los und erkläre ihnen, was hier los ist. Vielleicht haben einige deiner Stammesbrüder ja Lust zwischen zwei Tänzchen ein paar Höllenhunde zu skalpieren.«

***

Lassiter machte die ganze Nacht kein Auge zu. Wut und Sorge raubten ihm den Schlaf. Bis zum Morgengrauen tigerte er in seiner kleinen Zelle hin und her.

Dem anderen, dem jungen Ray Clapton, ging’s nicht viel besser. »Sie wollen mir einen Postkutschenüberfall und einen Mord anhängen, weißt du, Lassiter?«

»Du bist unschuldig?« Lassiter blieb am Gitter stehen, betrachtete den jungen Burschen im Schein der Öllampen, die an der Wand der Zellenflucht brannten. Der Jungspund sah nicht aus wie ein Mörder. Doch was hieß das schon?

»Genau wie du, schätze ich, oder? Ich habe ein Alibi, weißt du?«

»Dann brauchst du dir doch nicht in die Hosen machen.«

»Wenn Ellendale mir mein Alibi nicht bestätigt, bin ich erledigt.« Ray Clapton seufzte tief und schüttelte ratlos den Kopf. »Von seiner Aussage hängt es ab, ob ich morgen um die Zeit noch lebe oder nicht.«

»Wer zum Teufel ist Ellendale?«

»Chester Ellendale. Viehzüchter, Pferdezüchter, Großgrundbesitzer. Der reichste Mann zwischen Wichita und Dodge City. Wenn mein Dad an ihn verkaufen würde, wäre ich gerettet, schätze ich. Doch bevor der Kerl mein Erbe kaufen kann, schieße ich ihn lieber über den Haufen.«

»Das dürfte im Moment nicht ganz einfach sein, was?« Lassiter war plötzlich hellwach. »Erzähl weiter, ich will das wissen.« Der andere aber winkte ab, kniete vor seiner Pritsche auf den Boden und begann halblaut zu beten. Lassiter mochte bohren, soviel er wollte – der junge Clapton ließ nichts mehr heraus. Am Morgen holten sie ihn als Ersten.

Was »Schnellgericht« bedeutete, kapierte Lassiter zehn Minuten später – nach nur zehn Minuten nämlich holten sie auch ihn ab. Als sie ihn über die Mainstreet zerrten, sah er ein Holzpodest vor dem Office. Vier Männer standen darauf. Sie hantierte an einem aufgebauten Galgen herum, überprüften Schlinge und Falltür. Lassiter hatte das Gefühl, ein Kaktus würde ihm in der Kehle hängen.

Sie brachten ihn in die Schule von Haven. Am Eingang kam ihm Ray Clapton entgegen. Leichenblass, doch als freier Mann, wie es schien. Der junge Bursche erkannte Lassiter, zwang sich zu einem Lächeln und reckte den Daumen nach oben, als sie aneinander vorbeigingen. »Wird schon«, flüsterte er.

Stuhlreihen für gut sechzig Leute standen im Klassenraum. Nach und nach füllten sich die Sitze. Ausschließlich mit Männern. An der Stirnseite des Raumes stand ein langer Tisch. Davor drei Stühle. Ein dicker Kerl in schwarzem Frack und mit Zylinder nahm auf dem mittleren der Stühle Platz. Der Bürgermeister. Neben ihm Jessie Snyder und einer seiner Hilfssheriffs.

Zwei Männer der Bürgerwehr führten Lassiter nach vorn an die rechte Längsseite des Raumes. Er trug Handschellen und musste sich zwischen sie setzen. Ihm gegenüber, an der linken Längsseite des Klassenraumes hockten vier Männer auf Stühlen. Einer war Will Snyder. Zwei gehörten zu denen, die ihn gestern Abend beschuldigt hatten, zuerst gezogen zu haben. Der vierte, wie der Bürgermeister ganz in Schwarz und mit Zylinder, war der Arzt von Haven.

Der Bürgermeister eröffnete die Verhandlung. »Jeder hier leidet wie ich unter der Plage dieser schießwütigen Gunmen, die in den letzten Jahren auch Haven heimgesucht hat. Zum Glück haben wir eine Bürgerwehr gegründet und uns erfolgreich gewehrt. Noch nie hat der Staatsrichter von Kansas City einem Urteil unseres Schnellgerichts widersprochen. Also waltet eures Amtes, Männer. Der Prozess gegen diesen Mann dort ist eröffnet.« Der fette Bürgermeister zeigte auf Lassiter. »Ihm wird zweifacher Mord und Mordversuch in einem Fall vorgeworfen.«

Er verlas die Namen der erschossenen Männer, die Namen der Zeugen und den Bericht des Sheriffs. Lassiter musste beinahe kotzen. Im Publikum entdeckte er den Großen in dem schwarzen Lodenmantel. Dessen Blicke fixierten ihn unablässig.

Die Zeugen wurden aufgerufen. Erst der verletzte Will Snyder, danach die beiden anderen Männer, danach der Doc von Haven. Alle vier schworen, dass Lassiter zuerst gezogen hatte. Will Snyder erzählte empört, wie er nichts Böses ahnend den Saloon betreten hatte und völlig grundlos von Lassiter angepöbelt worden sei.

»Erst schmeißt er mir sein Essen ins Gesicht, dann richtete er seinen verdammten Revolver auf mich und meine Freunde«, empörte er sich. »Leben wir hier in den Vereinigten Staaten oder in einem gottverlassenen irischen Nest, wo kein Gesetz gilt?«

»Er lügt!«, sagte Lassiter. »Sie lügen alle vier.« Seine Bewacher rammten ihm ihre Ellenbogen und Revolver in die Rippen. Er stöhnte auf vor Schmerz.

Der Bürgermeister dankte den Zeugen für ihre Aussage. »Die Meinung des Angeklagten haben wir ja gerade gehört«, sagte er. »Die Aussagen von ehrbaren Bürgern stehen gegen die Aussage des Revolvermanns Lassiter. Ich denke die Sache ist klar – Lassiter wird zum Tode durch den Strang verurteilt. Das Urteil wird gleich nach der Verhandlung vollstreckt. Der Prozess ist beendet.«

Unter Lassiter Schädeldecke und in seiner Brust war es plötzlich eiskalt. Er begriff, dass sein Leben zu Ende ging. Jetzt gleich. Konnte das wahr sein? Niemals!

Er schielt nach den Revolvern, die sie ihm in die Rippen bohrten. Er musste kämpfen, ganz klar, er musste sich seiner Haut wehren, so gut er konnte. Er wäre nicht Lassiter gewesen, wenn er sich jetzt nicht mit aller Kraft gegen den Tod aufbäumte. Noch atmete er schließlich.

In der vorletzten Reihe stand ein Mann in einem schwarzen Lodenmantel auf. Der Große mit der Narbe, Johnny. »Widerspruch, Sir!«, rief er. Sämtliche Köpfe fuhren herum. »Ich war gestern Abend auch im Saloon. Will Snyder hat den Angeklagten von hinten angegriffen. Das kann ich unter Eid bezeugen.«

Die Männer im Raum verrenkten sich die Köpfe, starrten den großen Burschen mit dem grauen Lockenkopf an, begannen aufgeregt zu tuscheln. »Will Snyder und seine beiden Kumpanen haben zuerst gezogen.« Johnny hob seine Stimme. »Der Angeklagte hat in Notwehr geschossen.«

Stimmengewirr erhob sich, Männer fluchten, Männer zischten. »Ein gottverdammter Lügner!«, rief Will Snyder.

»Eine Aussage gegen drei.« Der Bürgermeister hob gleichmütig die Achseln.

»Gegen zwei!«, rief Lassiter.

»Von mir aus auch gegen zwei«, sagte der Bürgermeister. »Jedenfalls bleibt’s bei dem Urteil. Führt ihn zum Galgen!«

»Wenn Sie das tun, werde ich Sie und den Sheriff wegen Mordes verklagen!« Johnnys Stimme donnerte so laut durch den Raum, dass die Männer die Köpfe einzogen und das Stimmengewirr augenblicklich verstummte. »Und zwar beim Staatsrichter in Kansas City und beim Bundesrichter in Fort Smith!«