Lassiter Sammelband 1887 - Jack Slade - E-Book

Lassiter Sammelband 1887 E-Book

Jack Slade

0,0
5,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Seit über 30 Jahren reitet Lassiter schon als Agent der ""Brigade Sieben"" durch den amerikanischen Westen und mit über 2000 Folgen, mehr als 200 Taschenbüchern, zeitweilig drei Auflagen parallel und einer Gesamtauflage von über 200 Millionen Exemplaren gilt Lassiter damit heute nicht nur als DER erotische Western, sondern auch als eine der erfolgreichsten Western-Serien überhaupt.

Sitzen Sie auf und erleben Sie die ebenso spannenden wie erotischen Abenteuer um Lassiter, den härtesten Mann seiner Zeit!

Dieser Sammelband enthält die Folgen:

Lassiter 2542 - In der Schlangengrube

Lassiter 2543 - Auf die Knie, Gringo!

Lassiter 2544 - Hinterhalt in Corpus Christi

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 422

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Jack Slade
Lassiter Sammelband 1887

BASTEI LÜBBE AG

Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben

Für die Originalausgaben:

Copyright © 2021 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2026 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln

Covermotiv: © Boada

ISBN: 978-3-7517-9651-4

https://www.bastei.de

https://www.bastei-luebbe.de

https://www.lesejury.de

Lassiter Sammelband 1887

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Lassiter 2542 - Western

In der Schlangen grube

Lassiter 2543 - Western

Auf die Knie, Gringo!

Lassiter 2544 - Western

Hinterhalt in Corpus Christi

Guide

Start Reading

Contents

In der Schlangen grube

»Ich hab sie!« Triumphierend hob die junge Frau ihre blutüberströmte Hand und präsentierte ein bleiernes Geschoss zwischen Daumen und Zeigefinger, das sie gerade mühsam aus dem Fleisch eines Verletzten gepult hatte, der auf dem Feldbett mit dem Tode rang.

»Großartig«, brachte der Mann neben ihr hervor und wischte sich mit dem Hemdsärmel den Schweiß von der hochroten Stirn, »dem Himmel sei Dank!« Der Hund bellte laut und sprang an seinen Beinen hoch, weil er die Erleichterung seines Herrn spürte.

Die Frau ließ das Projektil in eine Schale mit heißem Wasser fallen, als die Stimme des Mannes sie erstarren ließ: »Miss Shaunessy ... Ich ... ich glaube, Lassiter atmet nicht mehr!«

»Nein«, flüsterte sie, dann lauter: »Jesus, nein!«

Während Attila unter ihr sein Bellen zögernd einstellte und sich stattdessen winselnd zurückzog, legte Lucy Shaunessy ihr Ohr auf die Brust von Lassiter und hielt lauschend den Atem an.

Sekunden verstrichen, bevor sie sich wieder aufrichtete und auf ein Kissen zeigte, das hinter Karl-Friedrich Beyer auf dem Lehnstuhl lag.

»Sein Herz schlägt noch. Geben Sie mir das.«

Als Beyer sie verständnislos aus einem Gesicht anstarrte, dessen Haut fast so weiß war wie der Bart, der es umrahmte, herrschte sie ihn an: »Das Kissen, her damit!«

Er gehorchte und reichte es ihr; eine mit Stroh gefüllte Stoffrolle, die ihren Zweck erfüllen mochte.

»Nehmen Sie ihn bei den Hüften und heben ihn ein wenig an, damit ich das Kissen darunter schieben kann, okay?«

Beyer nickte, ohne Fragen zu stellen. Er war kräftig genug, um ihrer Aufforderung Folge zu leisten, und nachdem sie das Kissen unter Lassiter geschoben und dafür gesorgt hatte, dass er nun mit durchgebogenem Kreuz auf dem Bett lag, schwang sie ihr linkes Bein über seine Hüften und ließ sich vorsichtig auf seinen Lenden nieder.

»Was machen Sie da, Miss Shaunessy?«, fragte Beyer stirnrunzelnd, doch Lucy ignorierte ihn.

Sie schob beide Hände im Winkel von neunzig Grad ineinander und legte sie auf Lassiters Brust. Dann atmete sie tief ein, richtete sich ein wenig auf und legte ihr ganzes Gewicht in die nächste Bewegung. Über Lassiter gebeugt drückte sie dessen Brustkorb tief hinab, hielt zwei Sekunden inne und ließ wieder los.

»Grundgütiger! Wollen Sie den Mann etwa umbringen?«, rief Beyer aus und machte Anstalten, sie am Arm zu packen, doch ihr flammender Blick ließ ihn zurückweichen.

»Ganz im Gegenteil!«, fauchte sie, beugte sich vor und warf sich abermals mit durchgedrückten Armen und beiden Händen auf Lassiters Brustkorb, drückte sekundenlang, um dann wieder loszulassen.

Beyer ballte die Fäuste, unternahm aber keinen Versuch mehr, sie von ihrem Tun abzubringen.

Sie wiederholte die Prozedur, entschlossen und im Geiste die Sekunden zählend, um einen stetigen Rhythmus bemüht.

Dabei dachte sie an ihre Mutter, wo immer sie auch sein mochte.

Als sie sich zum zwölften Mal erhob, spürte sie unter ihren Händen endlich ein Rühren. Ihr Blick weitete sich hoffnungsvoll, und als sie sah, wie sich die Nasenflügel von Lassiter blähten, schwach, aber unverkennbar, fuhr ihr ein Schauer der Erleichterung über den Rücken.

Auch der Mann mit dem Buffalo-Bill-Bart und der dazu passenden Trapper-Kostümierung bemerkte Lassiters Lebenszeichen. Entgeistert strich er sich eine Haartolle aus der Stirn, während Lucy sich behutsam vom Bett erhob und nach dem Verbandszeug griff.

»Potztausend, Miss Shaunessy...«, stieß Beyer hervor, »das... von wem haben Sie das gelernt?«

»Von meiner Mutter«, antwortete Lucy schlicht und warf ihm einen ungeduldigen Blick zu. »Wir müssen die Wunde verbinden, rasch. Er ist noch längst nicht über den Berg, verstehen Sie?«

Auch als sie gemeinsam die Schussverletzung versorgt hatten und Lassiter immer noch regelmäßig atmete und sein Herz nun merklich kräftiger zu schlagen schien, war Lucy sich nicht sicher, ob der große Mann es überstehen würde, aber seine Chancen schienen immerhin deutlich gestiegen zu sein.

Sie breitete die Decke bis zum Hals über ihm aus, strich Lassiter sanft über die schweißnasse Stirn und sprach ein stummes Gebet. Währenddessen schenkte Beyer zwei Gläser Wein ein, und sie traten aus der Blockhütte hinaus ins Freie.

Die Leichen, die noch vor einer Stunde auf dem Vorhof gelegen hatten, waren verschwunden. Lucys Bruder Duane hatte sie auf die Rücken der Pferde gewuchtet, die nach der Schießerei zurückgeblieben waren, ohne dass die Geschwister seitdem ein Wort miteinander gewechselt hatten. Duane hatte Beyer und seiner Schwester schweigend dabei zugesehen, wie sie Lassiter in die Hütte schleppten, bevor er sich mit den Toten auf den Rückweg zu ihrer Farm gemacht hatte. Amos Turbands Leichnam hatte bäuchlings auf dem Sattel seines eigenen Rappen gelegen, ohne sein arrogantes Grinsen, denn das hatte Lucy ihm aus kurzer Distanz weggeschossen.

Die Leichen waren nicht mehr da. Trotzdem glaubte Lucy, neben dem vagen Geruch des Schießpulvers noch immer den Gestank der Hölle wahrzunehmen, die sich am Abend auf dieser nun wieder so friedlich erscheinenden Lichtung aufgetan hatte.

Das fahle Licht des Vollmonds erhellte unbarmherzig die verbliebenen Spuren des Scharmützels. Mehrere Revolver und zwei Flinten waren am Boden verstreut, ihr eigenes Pferd starrte auf der Seite liegend blicklos in den Sternenhimmel. Überall waren die Pfützen des heftigen Regens vom Blut der Männer gefärbt, die hier auf dem Hof gestorben waren. Im Mondlicht hatte es den Anschein, als wären die Kuhlen mit Pech gefüllt.

Beyer starrte mit angespannter Miene in sein Weinglas, deren dunkelroter Inhalt nur ein wenig heller war. Er nahm trotzdem einen Schluck, bevor er fragte: »Ihr Bruder. Was, glauben Sie, wird er jetzt tun?«

Lucy schüttelte den Kopf, weil sie darauf keine Antwort wusste. Und erwiderte dann doch etwas.

»Er muss ziemlich viele Gräber ausheben.«

In der Tat.

Als sie im Geiste versuchte, die Toten des vergangenen Tages zu zählen, wurde ihr schwindelig, und sie leerte ihr Glas in einem Zug.

Außer ihrem Vater, der möglicherweise aus seinem Alkoholrausch erwacht war, vielleicht aber auch bereits wieder der nächsten Bewusstlosigkeit entgegen delirierte, würde Duane auf der Farm nur noch Leichen vorfinden.

Eine der Geiseln. Drei der Entführer. Und ein vierter, den sie selbst getötet hatte, als der sie vergewaltigen wollte.

Toby, das Schwein.

Sie verzog die Lippen und wollte die Augen schließen, ließ es dann aber, weil sie wusste, dass die Bilder in ihrem Kopf dadurch nicht verschwinden, sondern eher noch deutlicher und machtvoller in ihr Bewusstsein zurückkehren würden.

Toby. Der seit fast fünf Jahren auf ihrer Farm gearbeitet hatte und eigentlich immer nett zu ihr gewesen war.

Bis Amos Turband auf die Farm gekommen war und sie sich in den hübschen Mann verguckt hatte. Bis diese verfluchte Sache ihren Lauf genommen hatte.

Fünf Tote. Und genau so viele Leichen, die ihr Bruder auf den Pferderücken transportierte, während deren Seelen vielleicht schon vor dem Höllentor um Einlass begehrten.

Duane würde beim Graben ziemlich ins Schwitzen geraten.

»Wollen Sie damit sagen, es hat bei Ihnen zuhause auch Tote gegeben?«, hörte sie Beyer neben sich fragen und drehte den Kopf so langsam in seine Richtung, als würde sie aus einem Traum erwachen.

Lucy hob die Mundwinkel zu einem halbherzigen Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte.

»Darauf«, erwiderte sie, wobei die Worte so stockend über ihre Lippen kamen, als würden sie sich weigern, ihren Mund zu verlassen, »dürfen Sie wetten, Charly.«

Beyer knirschte mit den Zähnen und nahm rasch noch einen Schluck Wein. »Was für eine Tragödie«, murmelte er, und Lucy starrte sein Profil an.

»Warum haben Sie Buchanan und Miss Heart nicht einfach ziehen lassen?«, fragte sie, bevor ihr Blick wieder auf das verlassene Schlachtfeld vor der Blockhütte fiel.

Sie spürte, wie er sie ansah, starrte aber weiter geradeaus, weil sie ahnte, was er sagen würde.

»Bei allem Respekt, Miss Shaunessy – aber wären Sie nicht aufgetaucht und hätten Ihr Gewehr auf Mr. Turband gerichtet, dann...«

»Schon gut!« Sie spuckte die Worte aus und schnitt damit Beyers Satz ab, der ihre Schuld an der Katastrophe nur allzu deutlich machte.

»Ich werde mich Ihnen gegenüber nicht rechtfertigen, kapiert?«, zischte Lucy und stieß Beyer das leere Glas gegen die Brust. »Sie haben selbst Ihren Teil dazu beigetragen, was passiert ist. Das dürfen Sie gern mit Ihrem eigenen Gewissen ausmachen, aber Sie sind der letzte, der mit dem Finger auf mich zeigen sollte.«

Beyer nahm ihr das Glas aus der Hand und hob die Augenbrauen. Er wirkte gekränkt, aber seiner Miene war auch aufkeimende Empörung anzusehen, wohl, weil er sich keiner Schuld bewusst war.

»Ich habe nur getan, was mir mein Gewissen befohlen hat, Miss Shaunessy«, gab er mit leicht bebender Stimme zurück. »Maurice Buchanan will die Leute hier mit fragwürdigen Mitteln um ihren rechtmäßigen Besitz bringen. Davon sind doch auch Sie und Ihre Familie betroffen. Ich frage mich, warum Sie mir daraus jetzt einen Strick drehen, wenn ich doch nur helfen wollte...«

»Bockmist!«, zischte Lucy und stieß ihm den vorgestreckten Handballen gegen die Schulter, um an Beyer vorbei auf die Stufen zu gelangen, die Tür zur Hütte aufzureißen und ins Innere zu verschwinden.

Beyer, die beiden leeren Gläser in den Händen haltend, verdrehte die Augen und legte den Hinterkopf gegen die Bohlen der Hüttenwand.

Vor ihm wuselte Attila über den Hof und schnüffelte an den Blutspuren der Toten.

Ab und an stieß der Hund ein leises Wimmern aus. Der Deutsche schüttelte ergeben den Kopf, bevor er sich zur Tür wandte.

»Komm schon, Attila«, brummte er.

Der Hund hob den Kopf und bellte vorwurfsvoll.

»Jetzt beeil dich doch mal ein bisschen!«

Maurice Buchanan warf seiner Assistentin einen ungeduldigen Blick zu, während er halb umgewandt im Krebsgang über den Bahnsteig hastete und die Billetts in der hoch erhobenen Hand schwenkte, wohl um damit den Schaffner davon abzuhalten, die Tür des letzten Wagens zu schließen.

»Witzbold!«, knurrte Sally Heart mehr zu sich selbst als zu dem Mann, für den ein grausamer Gott Gefühle in ihr Herz gepflanzt hatte, die ihr immer öfter Rätsel aufgaben. Dabei warf sie dem Gepäckträger, der versonnen eine Zigarette rauchend an einer der eisernen Säulen lehnte, die das Dach über dem Bahnsteig trugen, einen Blick zu, der eine Blume zum Verwelken hätte bringen können.

Schuldbewusst riss der hochaufgeschossene Bursche die Augen auf, warf den Glimmstängel fort und sprang ihr bei.

»Warten Sie, Ma'am«, brummte er und zeigte strahlend weiße Zähne, während er ihr den Koffer und die Tasche – beide zusammen eindeutig zu schwer für eine Frau, selbst wenn sie so kräftig war wie Sally – aus den Händen nahm. Dabei kamen sie sich für einen Moment so nah, dass Sally befürchtete, er würde im nächsten Augenblick sein beunruhigend weißes Gebiss öffnen und ihr die Nase abbeißen.

Der kurze, ein wenig surreale Moment des Schreckens endete abrupt, als der Dienstmann sich von ihr zurückzog und mit beiden Gepäckstücken in den Händen so eilig voranschritt, als würde deren Inhalt aus Daunenfedern bestehen.

Sally stieß hörbar den Atem aus, straffte die schmerzenden Schultern und folgte ihm.

Weiter vorn blies die Lokomotive eine dunkle Wolke aus dem Kessel, die träge zwischen Dach und Zug in den bewölkten Himmel stieg. Das scharfe Zischen hörte sich an wie das Ausatmen eines wütenden Drachen, und Sally hob unwillkürlich den Blick, als neben ihr zwei junge Bengel laut jauchzend die Köpfe aus dem Fenster streckten.

»Abfahrt des Zuges nach Omaha, über Pawnee City, Julesburg, Big Spring, North Platte, Willow Island...«

»Na endlich!«

Buchanan warf ihr einen unwilligen Blick zu, und sie öffnete die Lippen zu einer Antwort, die sich gewaschen hätte, doch ihr Geliebter hatte sich schon umgedreht und verschwand im Inneren des Zuges. Der Gepäckträger schob sich an ihr vorbei, um dem livrierten Zugbegleiter ihr Gepäck zu reichen.

»Wünsche eine gute Reise, Ma'am.«

Sie starrte auf die weißen Zähne und war zu erschöpft, um den Kopf zu heben und in seine Augen zu schauen.

»Wir werden sehen«, murmelte sie mürrisch und sog im nächsten Moment überrascht die Luft ein, als der Mann ihr kurzerhand um die Hüften griff und sie über die Stufen hinauf hob wie ein kleines Kind.

Sie drehte sich um und schenkte ihm ein schmales Lächeln.

»Vielen Dank.«

Die strahlend weißen Zahnreihen wirkten immer noch ein wenig bedrohlich, doch seine dunkelbraunen Augen blickten warm und gelassen, während er sich an den Schirm seiner Mütze tippte.

Die Tür schlug zu, und Sally stützte sich an der Wand ab, als der Zug sich ruckartig in Bewegung versetzte. Neben ihr war der Conductor mit Tasche und Koffer bereits Buchanan hinterhergegangen, und sie folgte dem Mann in der dunkelgrünen Uniform mit unsicheren Schritten.

Der Zug nahm Tempo auf, und der Boden unter ihr schwankte wie ein Schiffsdeck bei schwerer See. Sally murmelte einen Fluch, als sie gegen die Seitenwand des Wagens geschleudert wurde.

»Die Bahngleise sind erst vor drei Monaten verlegt worden«, ließ sich der Conductor vor ihr vernehmen, und seine Stimme klang, als müsse er sich persönlich dafür entschuldigen. »Es dauert eine Weile, bis sie sich gesetzt haben. Gary, unser Lokomotivführer, nennt das ›Einfahren‹.«

»Ach, wirklich?« Sally verdrehte die Augen, doch der Conductor konnte die Reaktion nicht bemerken, weil er ihr den Rücken zukehrte.

»So, da wären wir.«

Die Schiebetür des Abteils erster Klasse stand offen, und während der Zugbegleiter ihr Gepäck auf den Regalen über seinem Kopf verstaute, blinzelte Maurice Buchanan Sally ungehalten zu, bevor er in die Tasche des nigelnagelneuen Gehrocks griff, eine Münze hervorholte und sie dem Conductor in die Hand drückte.

»Vielen Dank, Sir.«

»Ebenso.«

Sally schob die Tür zu und ließ sich seufzend auf die gepolsterte Sitzbank fallen, während Buchanan sich einen Zigarillo zwischen die Lippen steckte und ihn mit seinem silbernen Feuerzeug anzündete. Ebenso wie der Anzug war das Utensil brandneu; als sie am gestrigen Abend Laramie erreichten, hatten beide sich komplett neu ausgestattet, denn der Zustand ihrer Kleidung war ebenso desolat gewesen wie ihre Moral. Nur von seinen ramponierten Lederstiefeln – seine Glücksbringer , wie er behauptete – hatte Buchanan sich partout nicht trennen wollen, was einem jugendlichen Schuhputzer den Schweiß auf die Stirn getrieben hatte. Selbst jetzt sahen sie noch ziemlich schäbig aus, wie Sally mit einem kurzen Blick feststellte, und wollten nicht recht zum ansonsten eleganten Äußeren ihres Gefährten passen.

»Das war knapp«, murmelte Buchanan und stieß mit den Worten eine würzige Rauchwolke aus, die sie zum Blinzeln brachte.

Sally musterte ihn einen Moment lang, bevor sie den Kopf schüttelte. »Was sollte das denn überhaupt? Sind wir immer noch auf der Flucht? Warum um Gottes willen wolltest du nicht mit Greeve und Humphrey reden?«

Buchanan hob die Achseln und breitete die Hände aus.

»Hast du Greeves Gesichtsausdruck nicht gesehen?« Er schnaubte, wirkte dabei aber nachsichtig. »Der Mann hätte nicht geredet, sondern mir unverzüglich die Nase gebrochen, Schätzchen! Und mein Bedarf an physischer Gewalt ist für eine Weile gedeckt – ich denke, du weißt, warum.«

»Eigentlich habe ich die beiden Gents für wichtige Verbündete gehalten«, erwiderte Sally und ließ Buchanan dabei nicht aus den Augen. »Haben wir uns nicht fast ein Bein ausgerissen, um sie davon zu überzeugen, dich in Washington zu unterstützen?«

Buchanan nahm einen Zug von seinem Zigarillo, bevor er unwirsch antwortete: »Das dürfen wir wohl abschreiben, seit wir sie in Shaunessys Scheune zurückgelassen haben. Mit Greeve, diesem Fettsack, wäre uns die Flucht durch die Dachluke niemals gelungen, aber ich schätze, er sieht das anders und fühlte sich im Stich gelassen.«

»Das kann man ihm wohl kaum verübeln«, erwiderte Sally seufzend. »Trotzdem hätten wir mit ihnen reden und alles erklären können.«

Sie schaute aus dem Fenster, während die Ereignisse der letzten Tage in ihrer Erinnerung aufstiegen.

Es war ihre Idee gewesen, über das Fenster im Scheunendach ihren Entführern zu entkommen. Und sie hatte auch die Entscheidung getroffen, die anderen drei Männer zurückzulassen.

Obwohl nach außen Buchanan der tatkräftige Politiker und Unternehmer war, stand hinter den meisten Entscheidungen eine Frau, die dem charismatischen Mann einflüsterte, was zu tun war. Sally, die sich bewusst unscheinbar und burschikos gab, war seit einer Weile für die steile Karriere ihres Lebensgefährten verantwortlich, hielt sich dabei aber stets im Hintergrund. Was so weit führte, dass niemand außer ihnen selbst ahnte, dass sie ein Paar waren. Allen gegenüber wurde sie von Buchanan als Assistentin oder Sekretärin vorgestellt.

»Greeve ist nicht so wichtig«, hörte Sally Buchanan sagen. »Und Abe Humphrey wird mir schon verzeihen, dass wir auf französische Art Adieu gesagt haben.«

»Wenn du meinst«, gab Sally wenig überzeugt zurück. »Ich war ohnehin überrascht, als die beiden uns auf der Mainstreet entgegenkamen. Eigentlich hätte ich erwartet, dass sie längst heimgefahren wären.«

Buchanan lachte. »Die trauen sich einfach nicht zurück nach Caulston und Boise! Ist doch klar, oder? Wenn man auf einer derart einsamen Piste entführt wurde und dem Tod vermutlich nur knapp von der Schippe gesprungen ist, überlegt man eine Weile, bevor man sich ein weiteres Mal dahin wagt.«

»Ein Grund mehr dafür, dass wir mit ihnen hätten reden sollen«, sagte Sally. »Wir sitzen schließlich in einem Boot, und du wirst jeden brauchen, der für dich rudert.«

Buchanan faltete die Hände hinter dem Nacken, lehnte sich zurück und lächelte selbstgefällig.

»Mach dir keine Gedanken, Süße. Ich sitze am Heck einer Galeere, und Dutzende kräftige Männer rudern für mich. Die warten nur darauf, dass ich den Schlegel greife und auf die Trommel haue, damit sie sich richtig ins Zeug legen können.«

»Freut mich, dass du schon wieder so großspurig daherreden kannst«, schnaubte Sally und schürzte spöttisch die Lippen. »Schließlich ist es nicht einmal dreißig Stunden her, seit du wimmernd im Dreck gelegen und dem Tod ins Auge gesehen hast!«

»Was ihn nicht umbringt, macht einen Mann nur stärker«, erwiderte Buchanan ungerührt.

Sally nickte leicht. »Aber sicher doch. Jetzt wäre übrigens die Zeit.«

»Wofür?« Fragend hob Buchanan die Augenbrauen.

»Mir zu sagen, was du wirklich in Washington vorhast. Und zu erklären, was es mit diesen ominösen Besitzurkunden auf sich hat, von denen unsere Entführer gesprochen haben.« Ihr Blick hob sich und fiel auf die Tasche über Buchanans Kopf.

»Sind sie da drin?«

Buchanan schüttelte den Kopf. »Du weißt genug, Schätzchen. Es geht mir darum, Idaho als vollwertigen Bundesstaat durchzusetzen. Ich möchte Gouverneur dieses neuen Staates werden. Dafür benötigen wir die Unterstützung einer Mehrheit des Kongresses. Und auch wenn ich die Delegierten-Wahl vor sechs Wochen scheinbar knapp verloren habe, wird mich das nicht davon abhalten, in der Hauptstadt diese Mission erfolgreich umzusetzen.« Er grinste schelmisch. »Das Wahlergebnis wird von meinen Anwälten angefochten, wie du weißt. Und so lange es nicht offiziell ist, bin ich immer noch Kandidat für den Sitz eines Delegierten. Ein Sitz, der direkt zum Gouverneursamt führt, wenn wir erfolgreich sind.«

Sally schürzte die Lippen. »Mag sein. Fragt sich nur, ob deine angeblich so einflussreichen Salonbekanntschaften in Washington das genau so sehen.«

»Das werden sie, keine Sorge«, erwiderte Buchanan im Brustton der Überzeugung. »Die blasierten Krawattenträger lieben hemdsärmelige Burschen aus Idaho.« Er zupfte sich in einer übertrieben affektierten Geste am Revers herum und zwinkerte ihr zu, um Sally klarzumachen, dass er sicher war, der beste aller Puppenspieler zu sein. »Vor allem, wenn Sie sich so gut zu kleiden wissen.«

Lassiter träumte.

Er war völlig nackt und lag auf einem Feldbett, während eine Frau ihn mit einem warmen feuchten Schwamm wusch.

Selbstvergessen fuhr sie mit kreisenden Bewegungen über seine Brust, strich über Schultern und Arme, dann über seine Seiten und Hüften, unter die Achseln, am Hals entlang. Sie schien leise eine traurige Melodie zu summen und hielt dabei den Kopf tief gesenkt, sodass ihre langen Haarsträhnen wie ein glänzender Vorhang verhinderten, dass er ihr Gesicht sehen konnte. Das Wasser aus dem Schwamm blieb nur kurz auf seiner Haut zurück, bevor es warm an seinen Seiten herunter auf den groben, kratzigen Wollstoff lief, auf dem er lag.

Kurz ließ sie von ihm ab, wrang den Schwamm aus und tauchte ihn gluckernd wieder in eine Schale mit warmem Wasser, damit er sich vollsaugen konnte. Dann legte sich die Hand behutsam auf seinen Bauch und kreiste dort eine Weile um seinen Nabel wie ein träger Strudel in einem stillen Ozean, der sich in die Tiefe senken wollte.

Ein leises Geräusch über ihm, das sich anhörte wie das Wimmern eines kleinen Tieres. Als er hinaufschauen wollte, erkannte er eine Öllampe, die an einer rostigen Kette von der Decke hing. Doch sofort musste er wieder die Lider schließen. Es war zu hell.

Viel zu hell.

Die Hand der Frau wanderte tiefer; der Schwamm zwischen ihr und seinem Körper war nur eine dünne warme, feuchte, weiche Membran. All sein Blut schien sich plötzlich in seiner Körpermitte sammeln zu wollen, als ihre Hand sein Geschlecht einer besonders eingehenden Inspektion unterzog.

Er war so schwach, nicht mal in der Lage, einen Arm zu heben. Ausgeliefert. Doch das schien okay zu sein. Die Frau wollte ihm nichts Schlimmes antun. Ganz im Gegenteil.

Sie hatte aufgehört zu summen. Stattdessen hob sie den Kopf, und ihre Lippen schienen sich leicht zu öffnen, während die Finger mit dem Schwamm sich um den Schaft schlossen, der jetzt hart und steil nach oben ragte. Er tat nichts dazu, es passierte einfach. Sie drückte ihn sanft, und ihre Hand bewegte sich langsam auf und ab. Ihre Züge, auf eine ländliche, ein wenig kantige Art durchaus attraktiv, veränderten sich. Zuvor verträumt, wirkten sie jetzt konzentriert, als sie gebannt auf Lassiters Unterleib starrte.

Das Gesicht kam ihm irgendwie bekannt vor, doch er hatte Mühe, die Erinnerung daran in sein Bewusstsein zu holen. So wie es ihm schwerfiel, sich überhaupt an etwas zu erinnern, was in der jüngeren Vergangenheit geschehen war.

Und die Liebkosungen der Frau in diesem eigenartig lebensechten Traum machten es nicht unbedingt leichter, sich auf etwas anderes zu konzentrieren als auf das Gefühl der Lust, dass nun seinen Körper überflutete.

Sein Puls beschleunigte sich, und gleichzeitig spürte er einen vagen Schmerz unter dem Schlüsselbein. Ein Puckern, wie das schwache, brennende Echo seines Herzschlags. Schemenhaft tauchten nun die Bilder auf. Eine Blockhütte im Wald, eine Schießerei, wildes Chaos. Schreie. Schüsse. Das Wiehern von Pferden. Er... er war getroffen, fiel im feuchten Schlamm zu Boden. Dreck im Mund, zwischen den Zähnen, der Geruch von Blut.

Die Frau, sie... sie hieß...

»Lucy«, stöhnte Lassiter, »Lucy Shaunessy...«

Mit einem erstickten Laut wich Lucy vor ihm zurück, ließ den Schwamm zu Boden fallen und schlug sich die Hand vor den Mund. Sie riss die Augen auf und starrte ihn erschrocken an.

»Jesus Christus!«, rief sie aus. »Sie... Sie sind wach!«

»Scheint... so«, krächzte Lassiter, hielt dabei die Augen aber nur halb und mit Mühe offen.

»Bitte... Durst.«

»Oh. Natürlich, einen Moment...« Lucy griff nach einem Kissen – genau jener Rolle, mit deren Hilfe sie dem Brigadeagenten vor noch nicht allzu langer Zeit das Leben gerettet hatte – und schob es ihm vorsichtig unter den Nacken. Dann holte sie ein Wasserglas vom Tisch und führte es an seine Lippen.

Mit ihrer geduldigen Hilfe gelang es Lassiter, das Glas zur Hälfte zu leeren, bevor er erschöpft den Kopf sinken ließ.

»Danke«, brachte er mühsam mit schwacher Stimme hervor, und Lucy nickte. Während sie das Glas zurückstellte, fiel ihr Blick verstohlen auf Lassiters immer noch halb erigierten Pint, der träge hin und her schwankte wie eine Florida-Palme im steifen Wind eines herannahenden Hurrikans.

Sie griff nach der Wolldecke und zog sie rasch über die Blöße des Brigadeagenten, der die Augen bereits wieder geschlossen hatte.

Vernehmliches Kläffen ließ sie den Kopf zum Fenster wenden.

Beyer stapfte vom Stall über den Hof, den munteren Attila an seiner Seite. Der Deutsche hatte den Hut tief in die Stirn gezogen, denn schon wieder schüttete es draußen wie aus Eimern.

Als sich die Tür der Blockhütte öffnete, drängte der Hund sich zuerst herein und schüttelte sich, sodass ein feiner Sprühregen durch die Luft flog und Lucys helles Hemd mit winzigen Punkten verzierte.

»Und?«, fragte sie Beyer, als der die Tür hinter sich schloss.

Er hob die Achseln und deutete wortlos zum Tisch.

Sie nahmen Platz, während sich Attila vor dem Ofen zusammenrollte.

Ungeduldig starrte Lucy den selbsternannten Abenteurer und Reiseschriftsteller an, während der nach der Weinflasche griff, den Korken mit den Zähnen herauszog und eines der Gläser auf dem Tisch bis fast zum Rand füllte. Er warf einen missbilligenden Blick auf die Flecken, die er selbst auf den eng beschriebenen Seiten hinterlassen hatte, schob die Papiere zu einem Stapel zusammen und legte sie kurzerhand neben sich zu Boden.

Dann zeigte er auf die Weinflasche und warf Lucy einen fragenden Blick zu, den sie mit einem Kopfschütteln beantwortete. Er verschloss die Flasche wieder, nahm sein Glas und trank durstig.

»Also, jetzt reden Sie schon«, forderte Lucy ihn stirnrunzelnd auf. »Was ist mit Duane und meinem Vater? Haben Sie mit ihnen geredet?«

Beyer schüttelte den Kopf. Das hellgraue Haar hing ihm ins Gesicht, und von den Strähnenspitzen tropfte der Regen auf die Tischplatte. »Sie waren nicht da.« Er zögerte für einen Moment, bevor er hinzufügte: » Niemand war mehr auf der Farm. Jedenfalls keiner, der noch atmen konnte.«

»Und die Toten?«

»Begraben. Aber...« Beyer beugte sich vor und sah sie eindringlich an. Seine hellblauen Augen schienen von innen zu leuchten. »Sprachen Sie nicht von zehn Opfern? Die mitgezählt, die Duane von hier abtransportiert hat?«

Lucys Augen verengten sich, während sie seinen Blick erwiderte. »Zehn, ja...« Eine dunkle Ahnung kroch mit kalten Fingern an ihrem Rücken hinauf.

»Da waren aber nur neun Kreuze, Miss Shaunessy.« Beyers Miene verriet Besorgnis. »Auf dem Acker zwischen dem Gesindehaus und der Scheune. Frisch ausgehoben, der Spaten lehnte noch an der Wand, und über den Gräbern steckten schlichte Kreuze aus zusammengebundenen Ästen. Keine Namen, aber immerhin. Ihr Bruder hat den Toten seinen Respekt erwiesen.«

Lucy atmete tief ein, richtete sich auf und straffte die Schultern, ein Zittern unterdrückend.

»Irgendeine Nachricht für mich? Waren Sie bei uns im Haus?«

»Das war ich, Miss. Aber es gab keinen Brief oder sonst eine Mitteilung, jedenfalls konnte ich nichts dergleichen finden.«

Sie nickte grimmig. Das Fehlen einer Nachricht konnte genau so als Botschaft verstanden werden. Vater und Bruder hatten ihr nichts mehr zu sagen.

»Duane hat Amos Turband nicht begraben, weil sie die Leiche zur Farm seiner Familie bringen, nehme ich an«, murmelte sie, schaute auf und erkannte in Beyers Augen, dass der zum selben Schluss gekommen war.

»Ich weiß nicht, was zwischen Ihnen und Mr. Turband genau vorgefallen ist, Ma'am«, brummte er, »aber was ich weiß, ist,...«

»... dass ich den Bastard erschossen habe«, ergänzte Lucy mit grimmiger Miene und hob dabei herausfordernd die Augenbrauen. »War eigentlich nicht meine Absicht, aber verdient hatte er es allemal, darauf dürfen Sie Gift nehmen!«

Das entsprach nicht ganz den Tatsachen, obwohl Lucy im Nachhinein selbst gern daran glauben wollte, dass sie nicht bis zum Äußersten gegangen wäre, wenn Turband den Revolver im Holster belassen hätte. Doch Beyer schien das nicht weiter hinterfragen zu wollen; ihn trieben andere Dinge um.

»Wenn Ihr Dad und Ihr Bruder zu den Turbands reiten, werden sie dann Amos' Vater und seinen Brüdern auch verraten, dass Sie es waren, der ihn umgebracht hat?«, fragte Beyer und blinzelte dabei nervös.

Lucy stieß scharf die Luft aus; ein Laut, in dem Verachtung und Verzweiflung eine irritierende Verbindung eingingen.

»Was glauben Sie? Die beiden sind nicht hierhergekommen, um nach mir zu sehen, sie haben nicht einmal ein paar Worte für mich hinterlassen. Stattdessen reiten sie zur Farm der Turbands. Da liegt wohl auf der Hand, wem ihre Loyalität gilt, oder?«

Resignierend hob Beyer die Achseln und senkte den Blick.

»Tut mir leid, Miss Shaunessy.«

Lucy winkte ab. Sie war nicht besonders überrascht darüber, von Vater und Bruder auf derart kaltschnäuzige Art verstoßen zu werden. Im Grunde war das nur der Schlusspunkt in einer langen Reihe von Demütigungen und Nackenschlägen.

Seit Mom von der Ranch geflohen war, hatten Dad und Duane sie immer wieder für den Verrat der Mutter büßen lassen. Sie war damals noch ein Kind gewesen, doch offenbar hatte es den Männern gereicht, dass Lucy weiblich war, um ihr die Schuld dafür zu geben, dass Frances Shaunessy die Familie verlassen hatte.

Was Dad anging, spielte sicherlich auch die Ähnlichkeit eine Rolle. Weil Lucy mit jedem Jahr, in dem sie zur Frau heranwuchs, ihrer Mutter immer mehr aus dem Gesicht geschnitten schien, machte sie ihm dadurch ungewollt an jedem Tag deutlich, was er verloren hatte.

Doch das stimmte nicht. Er hatte Mom nicht verloren. Er hatte sie mit seiner Eifersucht, seiner Sauferei und den ständigen Gewaltausbrüchen in die Flucht getrieben.

Lucy machte ihrer Mutter keine Vorwürfe, weil sie abgehauen war. Aber sie hasste sie dafür, dass sie allein gegangen war.

Warum hast du mich verlassen, Mom? Mich wie ein Bündel hässlicher Klamotten mit diesen beiden Männern hinter dir gelassen? Damit ich den Fluch banne, der dir sonst gefolgt wäre, wohin auch immer du gegangen bist?

»Schätze, Sie haben die Hosen gestrichen voll«, brummte sie und fixierte Beyer über den Tisch hinweg.

Der griff müde nach dem Weinglas, trank einen kräftigen Schluck und erwiderte dann erst ihren Blick.

»Sie halten mich für einen Hasenfuß, richtig?«

Als sie verständnislos die Stirn runzelte, hob Beyer die Achseln und erklärte: »Ein Wort, mit dem man bei uns in Deutschland einen Feigling bezeichnet.«

»Jetzt tun Sie nicht so scheinheilig«, stieß Lucy unwillig hervor, griff nach der Flasche und schenkte sich selbst einen Schluck ein. Ihre Stirn legte sich in Falten. »Sie haben Schiss, dass die Turbands hier auftauchen und Sie gleich neben der Mörderin des hübschen Amos aufknüpfen, nur weil Sie mir Obdach gewährt haben.«

Beyer leerte sein Glas, griff nach der Flasche und schenkte nach. »Sollten Sie das wirklich glauben, unterschätzen Sie mich, Miss Shaunessy«, brummte er. »So nebulös mir Ihre Beweggründe auch erscheinen – und obwohl ich bei der wilden Ballerei vor meiner Burg kaum mitbekommen habe, wer da auf wen geschossen hat –, verbietet es mir der moralische Anstand, einer Lynchjustiz tatenlos zuzusehen. Ich halte mich persönlich nicht für gefährdet, werde mich aber auch keineswegs heraushalten, wenn man Ihnen zu Leibe rücken will. Ihr Vater hat mir diese Hütte als Unterkunft zur Verfügung gestellt, und den Turbands verdanke ich Attila.«

Sein Blick wanderte kurz zu dem Pelzbündel vor dem Ofen. Der Hund schien die Aufmerksamkeit zu bemerken und stieß ein pflichtschuldiges Winseln aus. »Daher habe ich mich diesen freundlichen Menschen verpflichtet gefühlt und deren Beteuerungen geglaubt, dass Mr. Buchanan und seine Begleiter lediglich daran gehindert werden sollten, eine wichtige politische Entscheidung zu ihren Gunsten zu beeinflussen.«

Beyer rang mit den Händen, als er offensichtlich daran zurückdachte, was am gestrigen Abend vor seiner Hütte passiert war. Doch im nächsten Moment veränderten sich seine Züge wieder, und seine Miene wirkte entschlossener denn je.

»Aber ich werde immer für das Gesetz kämpfen. Und mehr noch für Gerechtigkeit. Außerdem...« Er klopfte gegen den Lauf des Gewehrs, das neben ihm an der Wand lehnte, »... weiß ich mit diesem guten Stück hier durchaus umzugehen, selbst wenn Sie daran Ihre Zweifel haben sollten.«

Lucy musterte ihr Gegenüber eine Weile schweigend, bis sie schließlich nickte. »Okay, Mr. Beyer. Tut mir leid, wenn ich Ihnen etwas zu Unrecht unterstellt habe. Aber diese Hütte ist alles andere als eine Burg, auch wenn Sie als Poet natürlich das Recht haben, sie so zu nennen. Und die Flinte da dürfte reichen, um ein Wolfsrudel zu vertreiben oder einen Strauchdieb.«

Sie leerte ihr Weinglas und blickte an ihm vorbei zum Fenster hinaus. »Aber wenn die Turbands hier auftauchen, werden Sie besser die Hände heben und sich aus allem heraushalten, anstatt den Helden spielen zu wollen.«

Beyer seufzte und strich sich das Haar aus der Stirn. »Warum setzen Sie sich nicht einfach auf Ihr Pferd und reiten davon? Durch den Wald sind es nur fünf oder sechs Meilen bis zur Poststraße nach Laramie. In gut vier Stunden könnten Sie die Stadt erreichen.«

Sie schürzte die Lippen, während ihr Blick auf den Hinterkopf des Mannes fiel, der drei Schritte entfernt auf dem Feldbett lag.

»Ja, warum eigentlich?«, fragte sie sich selbst mit nachdenklicher Miene und zögerte eine Weile mit der Antwort.

»Ich möchte einfach nicht fortgehen, bevor ich mir nicht sicher sein kann, dass Lassiter...«

»Höre ich da meinen Namen?«, knurrte der Patient leise, aber vernehmlich, bevor er sich auf dem Bett aufrichtete und herumdrehte.

Beyer fuhr überrascht und so hastig auf seinem Stuhl herum, dass er ein Drittel vom Inhalt seines Weinglases verschüttete, das er gerade an seine Lippen hatte führen wollen.

»Lassiter!«, kam es unisono aus seinem und Lucys Mund.

Der Brigadeagent stützte sich auf den Ellenbogen ab und nickte leicht. Sein Gesicht war bleich, die Lippen rissig und grau, aber ihm gelang ein schmales Grinsen.

»Nicht so laut«, knurrte er, »mir brummt der Schädel. Kann mir mal jemand erklären, wo wir sind und was genau passiert ist?«

»Du hast genau zwei Möglichkeiten, Rice: Entweder sagst du mir alles darüber, was du vorhast. Und das schließt diese Geschichten über die ominösen Besitzurkunden ausdrücklich mit ein!«

Sally Heart saß dem Mann gegenüber, von dem sie glaubte, ihn zu lieben, und fand in dessen Augen nichts, was ihren Gefühlen entsprach oder sie rechtfertigte.

»Oder?«, fragte Buchanan augenzwinkernd, mit dem üblichen frechen Gesichtsausdruck, den sie einmal attraktiv gefunden hatte. Sein eindringlicher Blick schien bis in ihr Herz zu schauen und nahm sie gefangen.

Sie tat dennoch ihr Bestes, Distanz zu wahren. »Oder wir sind geschiedene Leute!«

Er setzte eine treuherzige Dackelmiene auf, doch Sally schüttelte nur den Kopf, fest entschlossen, sich nicht wieder beschwichtigen zu lassen.

»Baby, ich werde dir alles erklären, sobald wir in Washington sind – in Ordnung?«

»Nein.«

»Glaub mir, ich tu das alles nur für uns!«

»Lass mich in Ruhe, ich glaube dir gar nichts mehr!«

Ein kurzer Blick in seine scheinbar beschämten Augen ließ Sally die Schultern sinken.

»Ich will einfach nicht mehr, Rice. Verstehst du«, versuchte sie sich zu erklären, »diese Menschen, denen wir um Haaresbreite entkommen sind, hassen dich offenbar so abgrundtief, dass sie sogar bereit sind, dich zu töten. So viel habe ich inzwischen verstanden, auch ohne deine Mithilfe. Und da du nicht bereit bist, mir mehr zu verraten, möchte nicht mehr Teil eines Plans sein, den ich weder entworfen habe noch durchschaue. Das sollte sogar so jemand wie du nachvollziehen können.«

»Aber klar doch«, brummte er, bevor er kurzerhand zwischen den Bänken niedersank, unter ihr auf die Knie fiel und ihre Hose öffnete. Dabei schaute er mit großen Augen wie ein Hund zu ihr auf, grinste darunter aber siegessicher.

Sie war kurz davor, den Fuß zu heben und ihm den Stiefel in sein Gesicht zu rammen, doch er kam ihr zuvor.

»Gemeinsam gegen die anderen«, hörte Sally ihn brummen, und es klang dumpf, weil er ihr Hemd hochgeschoben hatte und sich seine Lippen im nächsten Moment leidenschaftlich auf ihren Bauch drückten.

»Rice...«, brachte sie hervor, »das...«

Sie schloss die Augen, nachdem sie vage registriert hatte, wie seine ausgestreckte Hand zielsicher den Riegel der Schiebetür vorschob. Entschlossen zog er ihre Hosen bis zu den Waden herunter und atmete dabei in ihren nackten Schoß, bevor sie abermals seine Stimme vernahm.

»Was wolltest du noch sagen?«, flüsterte er, und diesmal klang die Stimme rau vor Erregung, aber auch ein wenig spöttisch.

Sally legte ergeben den Kopf in den Nacken, bevor sie antwortete: »Fahr zur Hölle, du Mistkerl.«

Er lachte leise und tat dann alles, um ihr eine Fahrt in den Himmel zu bescheren. Und was seine Zunge nicht erreichte, gelang Buchanan wenig später, als er sich seiner Hose entledigte und ihr auf so klassische wie leidenschaftliche Art nahekam.

Das Rattern des Zuges auf den Schienen schien mit den Bewegungen der Körper im selben Rhythmus zu stehen, die sich im Abteil auf und nieder, in- und miteinander bewegten. Buchanan war wie ein geschickter Tänzer auf glattem Eis in der Lage, das Wackeln des Zugs auszugleichen oder sogar auszunutzen, um Sally höchste Wonnen zu bereiten.

Es machte ihr nichts aus, ihrer Leidenschaft mit spitzen Schreien Ausdruck zu verleihen; schließlich waren sie in einem privaten Abteil und würden den Zug schon bald wieder verlassen. Keiner der Mitreisenden würde ihr später noch einmal begegnen. Sie kannte keine Scham, wenn die Leidenschaft sie einmal gepackt hatte, und ihr Körper bestimmte in diesen Momenten willen und Bewusstsein.

Er war schön, seine Nähe gefiel ihr. Sein Geruch, sein Hintern, seine Lippen...

Was sie störte, zum ersten Mal, war seine Ruppigkeit.

»Du machst mir das Kleid kaputt«, bemerkte sie keuchend, als der Seidenstoff unter seinen fordernden Händen mit einem hässlichen Laut zerriss und seine tastenden Finger darunter ihre Brust fanden und umkrallten.

»Ich kauf dir ein neues«, stieß er hervor, ton- und gedankenlos, während sich seine Bewegungen beschleunigten.

Plötzlich dachte sie, ihn von sich stoßen zu müssen, während er ihre Brustwarzen mit seinen Fingern drückte und liebkoste, als wären sie etwas, was er zum ersten Mal erforschen durfte, doch der schnelle Atem an ihrem Hals und das Pulsieren in ihrem Schoß brachten sie davon ab.

Ergeben empfing sie seine letzten Stöße, bevor er grunzend zum Höhepunkt kam, während sie selbst noch weit davon entfernt war.

Sie wartete geduldig, bis er sich aus ihr zurückzog und sein Gewicht über ihrem Herzen verschwand.

»Hat es dir gefallen?«, fragte Buchanan nach einer Weile, als er ihr quer über den Sitzen gegenüberlag, immer noch schwer atmend und die Hosen nur notdürftig über die Lenden gezogen.

Sally antwortete wie immer. »Was glaubst du denn?«

Ein Blick zur Seite zeigte ihr, wie Buchanans Lippen sich zu einem Lächeln teilten. Es war ein Ritual, daher wusste sie, was er gleich sagen würde.

»Unwichtig, was ich glaube , mein Engel«, antwortete er erwartungsgemäß. »Ich möchte es wissen. «

Sie sah ihn nicht an, während sie starr zur Decke hinaufblickte und log: »Ich habe es wahrlich genossen , mein Gebieter.«

Sein leises Lachen hörte sich erleichtert an, und Sally streckte sich auf den Sitzen aus, drehte ihm den Rücken zu und schloss die Augen.

Es gab zwar schlimmere Männer als Maurice Buchanan. Aber sie nahm sich vor, dahingehend ihren Horizont zu erweitern, sobald sie Washington erreichten.

Zur Mittagszeit ließ der Regen endlich ein wenig nach, und Lassiter rüstete sich zum Aufbruch. Lucys Bedenken wegen seiner Verletzung wischte er mit einer Handbewegung beiseite; sie hatte die Wunde vortrefflich versorgt und ihm einen Verband angelegt, den kein Arzt oder eine Krankenschwester besser hätte machen können.

Zwar fühlte er sich noch ein wenig wacklig auf den Beinen, glaubte aber, den Ritt nach Laramie ohne Schwierigkeiten bewältigen zu können, wenn er es langsam angehen ließ.

Ein Grund für seine Eile war die Erkenntnis, dass er über dreißig Stunden bewusstlos gewesen war und Buchanan und seine Begleiterin Sally Heart nun einen gehörigen Vorsprung hatten. Vermutlich saßen die beiden bereits in einem Zug nach Westen, und sein ursprünglicher Auftrag, Buchanan sicheres Geleit bis nach Washington zu bieten, war damit wohl perdu.

Doch was er über Buchanan erfahren hatte, machte ihn neugierig. Er wollte erfahren, wie eine derart zwielichtige Person in den Genuss eines Leibwächters der Brigade Sieben hatte kommen können.

Außerdem hatte er mit Sally Heart noch ein Hühnchen zu rupfen. Schließlich war sie es gewesen, die ihn angeschossen und damit fast ins Jenseits befördert hatte.

Als Lucy darum bat, ihn begleiten zu dürfen, hatte Lassiter keine Widerworte erhoben. Es gab keinen Grund dazu, im Gegenteil. Lucy hatte ihm das Leben gerettet, und nach Lage der Dinge befand sie sich nun selbst in höchster Gefahr. Sie und Beyer hatten ihm ausführlich Bericht erstattet und dabei nicht vergessen, zu erwähnen, dass Lucys Bruder und ihr Vater wohl zur Farm der Turbands geritten waren, um die Leiche von Amos, dem Anführer der Kidnapper, zu übergeben und Lucy als dessen Mörderin zu brandmarken.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Turbands rachelüstern vor Beyers Blockhütte auftauchen würden. Lassiter schlug auch dem Deutschen vor, ihn nach Laramie zu begleiten, doch der Sonderling, der Englisch sprach, als sei ihm der Unterkiefer gebrochen worden, hatte abgelehnt. Er schien nicht zu glauben, in Gefahr zu sein, und der Brigadeagent hoffte, dass sich diese Einschätzung als zutreffend erweisen würde.

Als er sich auf den Rücken seines Wallachs schwang, den Lucy schon am Abend zuvor vom Waldrand eine Meile entfernt geholt hatte, wo Lassiter ihn zurückgelassen hatte, verzog er ein wenig die Lippen, denn ein scharfer Schmerz zog ihm vom Schlüsselbein durch die Schulter bis in die Fingerspitzen.

Schön vorsichtig, ermahnte er sich in Gedanken. Die Wunde wird dir noch eine Weile zu schaffen machen.

Er registrierte Lucys besorgte Miene und zwang sich zu einem Grinsen, als sie ihr Pferd neben seines lenkte.

»Alles okay?«, fragte sie, und er nickte.

Sie verabschiedeten sich von Karl-Friedrich Beyer, der ihnen nachwinkte, bis sie das Ende des Weges erreichten und nach rechts in den Wald abbogen – auf einen Pfad, der sie direkt zur Poststraße führen würde, wie Lucy versprach. Der vom Regen aufgeweichte Boden war tief und ließ die Pferde nur mühsam und langsam vorankommen, doch das war dem Brigadeagenten ganz recht.

Eine Weile ließen sie die Pferde in gemächlicher Gangart allein ihren Weg machen und verloren kein Wort, bis Lucy das Schweigen brach.

»Es gibt etwas, das mir seit Tagen keine Ruhe lässt«, sagte sie. Lassiter drehte den Kopf und sah sie fragend an.

»Wie haben Sie bloß unsere Farm gefunden?« Ihre Augenbrauen hoben sich. »Niemandem, der den Weg nicht kennt, ist das bisher gelungen. Das war ja auch der Grund, warum die Entführer unser Anwesen als Versteck ausgewählt haben.«

Lassiter registrierte, dass Lucy immer von »den Entführern« sprach, als gehöre sie nicht dazu. Anfangs hatte er daran seine Zweifel gehabt, doch mittlerweile glaubte er ihr. Nur weil sie die Tochter von Shaunessy war, machte sie das nicht automatisch zur Komplizin. Und inzwischen war ohnehin klar, auf welcher Seite der Front sie stand.

Er nickte.

»Das stimmt. Und ohne Hilfe hätte ich euch niemals entdeckt. Tatsächlich war ich schon ein gutes Stück an dem Weg vorbei, bevor ich jemandem begegnet bin, der mich auf die Spur der Postkutsche gebracht und mir dann den Weg zur Farm gewiesen hat.«

»Ach... und wer war das?«

»Ein sonderbarer kleiner Kerl, der daherkam wie ein Waldschrat. Vor lauter Haaren sah man nicht viel vom Gesicht außer Augen und einer Kartoffelnase. Er nannte sich...«

»Bubba«, fiel Lucy ihm ins Wort und lächelte traurig.

»Sie kennen ihn also«, stellte Lassiter fest. »Nun, er schien eine Heidenangst vor Ihrem Vater zu haben, die wohl nicht unbegründet war. Ich habe ihm ein Dutzend Schrotkugeln aus dem Arm gepult, und es hörte sich so an, als hätte ihr Dad ihm die Ladung verpasst.«

»Im Ernst?« Lucy schien ehrlich überrascht zu sein; sie überlegte einen Moment, bevor sie schließlich nickte. »Klar, möglich wär's, sogar wahrscheinlich. Ich habe davon nichts mitbekommen, trotzdem traue ich es dem Alten zu – er hasst Bubba.«

»Gibt's dafür einen Grund? Vielleicht, weil er möglicherweise manchmal zum Stehlen auf die Farm kam?«

Lucy schnaubte; ein untauglicher Versuch, Lassiters Worte als witzig zu empfinden. »Das ist nun wirklich nicht der Grund, Lassiter! Schätze, Dad kann seinen Anblick einfach nicht ertragen, weil er sich für Bubba schämt. Obwohl Dad tausend andere Gründe hätte.«

Sie warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. »Er ist nämlich mein Halbbruder, verstehen Sie?«

Lassiter sog scharf die Luft ein, dann schüttelte er den Kopf.

»Um ehrlich zu sein – nein«, brummte er.

Sie lachte leise, bevor sie sich erklärte.

»Bubbas Mutter war Rosalie, sie hat damals auf unserer Farm als Köchin gearbeitet. Ich war zu der Zeit noch ein kleines Kind und hab nicht viel von dem mitbekommen, was passiert ist. Aber meine Mutter hat es mir später erzählt.« Lucy seufzte. »Keine schöne Geschichte, aber bei uns gab es eigentlich überhaupt keine schönen Geschichten.«

»Erzählen Sie sie mir trotzdem,« ermunterte Lassiter die junge Frau, »aber nur, wenn Sie möchten.«

»Rosalie war eine Mestizin und eine wirklich schöne Frau. Üppig, man könnte auch sagen, dick. Aber als Kind fand ich sie wirklich wunderschön mit ihren großen Augen und den vollen Lippen. Sie lachte ständig und scherzte mit uns Kindern, außerdem war sie eine begnadete Geschichtenerzählerin. Mutter war deshalb dankbar, wenn Rosalie sich nicht nur um die Verpflegung der Familie und der Arbeiter kümmerte, sondern ab und zu auch mich und Duane beaufsichtigte. Was sie wirklich gern tat.

Nun, mein Dad hatte eigentlich von Anfang an ein Auge auf Rosalie geworfen. Er hat sie nicht wegen ihrer Kochkünste eingestellt, so viel ist klar. Sie war noch nicht lange bei uns, bis er anfing, sie zu bedrängen. Rosalie war strenggläubige Baptistin, und selbstverständlich war es unvorstellbar für sie, unehelichen Sex zu haben, zumal noch mit einem verheirateten Mann und Vater zweier Kinder, die sie liebte, als wären es ihre eigenen.

Natürlich hat sie sich gewehrt, ist zu meiner Mutter gegangen und hat sich ihr anvertraut. Doch das hat alles nicht geholfen. Mutter, die sich dazwischenstellte, wurde verprügelt, und Rosalie ebenfalls – so lange, bis sie ihren Widerstand aufgab.«

Lucy atmete hörbar ein und aus, als sie für ein paar Augenblicke innehielt. Lassiter verlor kein Wort, er wollte die junge Frau nicht bedrängen. Schließlich fuhr sie fort.

»Es kam, wie es kommen musste. Rosalie wurde schwanger, und Vater war deswegen außer sich. Er hatte sie unbedingt vögeln wollen, aber ein Kind von einem Halbblut – auf keinen Fall. Es war Mutter, die sich wieder vor Rosalie stellte und sie beschützte, obwohl Vater immer wieder Versuche unternahm, das Baby in ihrem Leib zu töten oder eine Fehlgeburt herbeizuführen. Er versuchte, sie zu treten und zu schlagen, verhinderte, dass sie etwas zu essen bekam, all solche Dinge.

Erst als Mutter ihm damit drohte, Rosalie zu nehmen und mit ihr nach Laramie zu fliehen, um den Sheriff über alles zu informieren, hörten Dads Gewalttätigkeiten auf. Wenigstens für eine Weile. Doch als der Tag der Niederkunft näher rückte, stellte sich heraus, dass er wohl doch genug getan hatte.«

Wieder unterbrach Lucy für einen Moment ihre Erzählung und schien sich sammeln zu müssen.

»Meine Mutter war ausgebildete Hebamme und Krankenschwester. Und sie war wirklich gut darin. Vielleicht hätte sie sogar Ärztin werden können, wenn sie nicht den Fehler ihres Lebens begangen hätte, indem sie sich in meinen Vater verliebte.«

Lassiter nickte wortlos. Nun war ihm klar, von wem Lucy ihre Fertigkeiten bei der Versorgung seiner Schusswunde gelernt hatte.

»Mom erkannte, dass die Geburt von Rosalies Kind kompliziert werden würde. Sie flehte meinen Vater an, mit ihr in die Stadt fahren zu dürfen, um einen Arzt dabeizuhaben, wenn es so weit war. Natürlich lehnte er das ab.

Rosalie hatte Blutungen, und sie bekam hohes Fieber. Mutter tat ihr bestes, da bin ich mir sicher, doch hier auf der Farm hatten wir nichts, was Rosalie helfen konnte. Es gab keine Medikamente, Dad gestand Rosalie nicht mal ein sauberes Bett zu. Die Geburt fand in der Küche statt, im Gesindehaus.«

Lucy schluchzte kurz auf und schluckte ein paar Mal, bevor es ihr gelang, die Schilderung der tragischen Ereignisse zum Ende zu bringen.

»Rosalie hat es nicht überlebt, und auch der kleine Bubba rang mit dem Tod. Die Nabelschnur hatte sich wohl um seinen Hals gewickelt, und das Baby... als Mutter es aus dem Bauch von Rosalie holte, atmete es nicht mehr. Mom kämpfte um sein Leben, und schließlich gelang es ihr irgendwie, Bubba zum Atmen und sein Herz zum Schlagen zu bringen.

Sie nahm das Kind an wie ihr eigenes und verteidigte Bubba gegen Dad, der den kleinen Wurm am liebsten noch am selben Tag ertränkt hätte wie ein Katzenjunges. Immer wieder drohte sie damit, ihn zu verlassen, wenn er dem Baby etwas antun würde. Damals hat das noch gefruchtet, irgendwann fand Vater sich damit ab, einen zweiten Sohn zu haben. Scheinbar.«

Lassiter warf Lucy einen kurzen Blick zu, und seine Lippen verzogen sich mitfühlend. Er ahnte, was ihr letzter Satz ankündigte.

»Irgendwann hat ihr Vater den kleinen Bubba verschwinden lassen, habe ich recht?«

Lucy nickte, und er sah, wie sich ihre Hände ineinander verkrampften.

»Am Morgen nach seinem fünften Geburtstag ist Mom in sein Zimmer gegangen und fand nur ein leeres Bett vor. Sie hat Dad zur Rede gestellt, und der hat ihr kaltlächelnd ins Gesicht gesagt, dass Bubba von nun an für sich selbst sorgen könne. Er ist doch eine halbe Rothaut, die kommen schon allein zurecht, hat er behauptet! Mom hat geheult und getobt, dann ist sie losgerannt und hat die Wälder durchstreift, um Bubba wiederzufinden. Doch er blieb verschwunden.

Nach vier Tagen hat meine Mutter aufgegeben. Sie glaubte wohl, Bubba sei tot. Doch damit ist etwas in ihr zersprungen, vielleicht das letzte, was sie noch hier bei uns, bei Dad gehalten haben mag. Danach... sie war nicht mehr dieselbe, selbst mich und Duane hat sie nur noch wie Fremde behandelt.«

Aus tränenfeuchten Augen sah Lucy zu Lassiter hinüber, und der Brigadeagent zügelte den Wallach, um sich zu ihr herüberzubeugen und ihr tröstend die Hand auf die Schulter zu legen.

»Sie haben recht«, brummte er. »Das ist eine wirklich traurige Geschichte. Aber mit einer Sache lag Ihr Vater richtig.«

Lucy wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, bevor sie fragte: »Ach ja, und das wäre?«

»Bubba kann verdammt gut für sich selbst sorgen. Das hat er immerhin unter Beweis gestellt.«

Sie lachte zaghaft. »Okay, stimmt wohl. Ich habe immer mal wieder was zu Essen für ihn am Waldrand deponiert, verstehen Sie? Dad hat davon nichts mitbekommen...« Sie runzelte die Stirn, »wie er in den letzten Jahren ohnehin immer weniger mitbekommen hat. Aber nach Bubbas Verschwinden dauerte es nur noch ein paar Monate, bevor auch meine Mom abgehauen ist.«

Lassiter presste die Lippen zusammen. Er wollte die naheliegende Frage stellen, warum Lucys Mutter ihre Tochter nicht mitgenommen hatte, entschied sich aber im letzten Moment dagegen.

Es waren genug düstere Erinnerungen aufgewühlt worden.

Lucy schien seiner Meinung zu sein, denn sie schüttelte ihr Haar, als würde sie den Ballast der Gedanken von sich werfen wollen und zeigte nach vorn.

Er folgte ihrem Fingerzeig und erkannte, wie ein paar hundert Yards vor ihnen die Bäume zurückwichen und das Ende des dichten Waldes ankündigten.

»Da vorn ist die Poststraße«, bestätigte Lucy seine Einschätzung. »Wir sollten ein bisschen an Tempo zulegen, wenn wir vor Einbruch der Dunkelheit in Laramie ankommen wollen.«

Als der Zug der Union Pacific Railroad in die beeindruckende Halle des Hauptbahnhofs von Washington einfuhr, lag eine knapp dreitägige Zugreise hinter Maurice Buchanan und Sally Heart.

Und fast vierundzwanzig Stunden waren vergangen, seitdem Buchanan ihren bohrenden Fragen ein weiteres Mal ausgewichen war und sie mit spontanem Sex zum Schweigen gebracht hatte.

Er war ein wenig verwundert darüber, dass Sally seitdem kein Wort mehr darüber verloren hatte, was sie doch wohl immer noch umtreiben musste: seine Grundstücksspekulationen und die Besitzurkunden, in deren Besitz er vor ein paar Wochen gelangt war, ohne ihr darüber etwas zu erzählen.

Verwundert war er schon, aber auch erleichtert. Und keinesfalls hegte er die Absicht, schlafende Hündinnen zu wecken, indem er das Thema von sich aus wieder zur Sprache brachte.