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Seit über 30 Jahren reitet Lassiter schon als Agent der ""Brigade Sieben"" durch den amerikanischen Westen und mit über 2000 Folgen, mehr als 200 Taschenbüchern, zeitweilig drei Auflagen parallel und einer Gesamtauflage von über 200 Millionen Exemplaren gilt Lassiter damit heute nicht nur als DER erotische Western, sondern auch als eine der erfolgreichsten Western-Serien überhaupt.
Sitzen Sie auf und erleben Sie die ebenso spannenden wie erotischen Abenteuer um Lassiter, den härtesten Mann seiner Zeit!
Dieser Sammelband enthält die Folgen:
Lassiter 2545 - Lassiter und der Schreiberling
Lassiter 2546 - Tod unter heißer Sonne
Lassiter 2547 - Der Frosch und der Skorpion
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Seitenzahl: 427
Veröffentlichungsjahr: 2026
BASTEI LÜBBE AG
Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben
Für die Originalausgaben:
Copyright © 2021 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Für diese Ausgabe:
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Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Covermotiv: © Boada
ISBN: 978-3-7517-9652-1
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https://www.bastei-luebbe.de
https://www.lesejury.de
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Lassiter 2545 - Western
Lassiter und der Schreiberling
Lassiter 2546 - Western
Tod unter heißer Sonne
Lassiter 2547 - Western
Der Frosch und der Skorpion
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Contents
Lassiter und der Schreiberling
Blaue und rote Wolken aus Tüll türmten sich auf dem Hut der Lady. Sie war eine Schönheit, hatte langes brünettes Haar und konnte nicht aufhören, Lassiters Blick zu erwidern. Sie saßen sich in den komfortablen Polstern des Pullmanwaggons gegenüber. Bislang hatten sie kein Wort miteinander gewechselt. Doch ihr Blickespiel sagte viel mehr aus als beiläufiges Geplauder.
Das Gesicht eines Mannes erschien vielleicht fünfzehn Schritte entfernt in der aufschwingenden Perrontür. Der Hut der Lady störte Lassiters Sicht auf den Mittelgang. Überdies hatte der Kerl die eigene Hutkrempe tief in die Stirn gezogen. Dennoch erkannte Lassiter ihn sofort: Harris, der Hurensohn! Dessen Augen blitzten triumphierend auf, als er den großen Mann erblickte, den er verfolgte ...
Der Triumph pflanzte sich in Harris' Mundwinkel fort, kerbte sich dort in ein breites Grinsen ein. Er betrat den Mittelgang.
Die schöne Mitreisende bemerkte, wie sich Lassiters Blick verhärtete. Zugleich sah er ihr an, dass sie herausfinden wollte, was seinen plötzlichen Ärger verursachte.
»Bitte drehen Sie sich nicht um«, bat er rasch. Noch im selben Atemzug richtete er sich halb auf und setzte sich neben sie. Sie wehrte sich nicht, als er den Arm um ihre Schultern legte und flüsterte: »Ich möchte Sie küssen.«
Sie schloss die Augen, und es war mehr als nur Zustimmung. Lassiter sah es in diesem Moment, da er sich dem sanften Duft ihrer Gesichtshaut näherte. Ihre Lippen öffneten sich nur ein wenig und doch erwartungsvoll. Gleich darauf, als sie seinen Mund auf dem ihren spürte, öffnete sie die Lippen weit.
Bereitwillig ließ sie seine Zungenspitze eindringen und gab einen leisen Laut des Behagens von sich. Wie zu einer freudigen tänzerischen Begrüßung spürte er ihre Zungenspitze, die die seine umkreiste, scheinbar zögernd berührte und schließlich mit herausforderndem Druck lockte.
Er wollte die herannahenden Schritte nicht beachten, doch sie stoppten neben ihm. Er konnte nichts dagegen tun, dass der Mistkerl sich herabbeugte und in sein Ohr flüsterte.
»Diesmal entwischen Sie mir nicht, Lassiter. Da hilft auch die ganze Küsserei nichts.« Es klang gehässig, neidisch und missgünstig zugleich.
Der große Mann wusste nicht, ob seine Kusspartnerin es mitgehört hatte. Jedenfalls ließ sie sich nicht beirren. Er war überzeugt, dass sie diesen leidenschaftlichen Kuss bis in alle Ewigkeit fortsetzen würde, wenn er es auch tat.
Mit den Gefühlswogen, die sie in ihm auslöste, konnte sie es schaffen, dass er Harris einfach vergaß. Aber der Kerl würde nicht locker lassen. Dafür war er einfach zu hartnäckig.
Es tat Lassiter in der Seele weh, sich von ihr lösen zu müssen. Mit großen Augen blickte sie zu ihm empor, als er sich aufzurichten begann. Und sie hatte doch mitgehört.
»Lassiter?«, hauchte sie. » Der Lassiter, von dem man überall in den Staaten spricht?«
Er schüttelte den Kopf, widersprach: »Nein, nein, das muss eine Verwechslung sein.«
»Papperlapapp!«, rief Harris, der dicht neben ihm stand und nur so weit zurückwich, wie es unbedingt sein musste. »Natürlich ist er es, Madam. Der Held Ihrer heimlichen Träume. Das kann ich Ihnen schwör-«
Die letzte Silbe bekam er nicht mehr heraus, als er ihr Gesicht sah. Lassiter hörte, wie Harris vor Überraschung die Luft anhielt. Und dann platzte es mit lautstarker Begeisterung aus ihm heraus: »Trisha Elfridge! Mein Gott, Sie sind es! Sie sind Trisha Elfridge, die hoffnungsvollste junge Schauspielerin auf den Bühnen der Vereinigten Staaten. Ich kann es nicht glauben, aber es ist wahr. Sie sind es wirklich. Und welcher glückliche Zufall führt mich dazu, Sie ausgerechnet zusammen mit Lassiter anzutreffen. Du lieber Himmel, Sie ahnen ja nicht, welche Möglichkeiten das für meinen neuen Roman eröffnet.«
Sein Wortschwall war nicht zu überhören. Nach und nach ruckten alle Köpfe in dem Pullmanwagen herum. Sämtliche Augenpaare richteten sich auf die Sitzbucht, in der sich offenbar eine Sensation abspielte.
Ein Traumheld und eine berühmte Schauspielerin wurden aus ihrer trauten Zweisamkeit gerissen. So hörte es sich an. Und in einem Roman sollten sie auch noch mitwirken. So etwas erlebte man nicht jeden Tag.
Grund genug also, die Ohren zu spitzen und die Augen weit aufzureißen. Angespannte Stille kehrte ein. Nur das monotone Rollen der Eisenbahnräder und das rhythmische Schlagen der Schienenstöße blieben unverändert.
Der spitzbärtige kleine Mann dort im Mittelgang, der Entdecker der Berühmtheiten – ein Schriftsteller? Oder einer jener Großstadtjournalisten, die in großen Scharen in den amerikanischen Westen ausschwärmten. Die Zeitungen im Osten überboten sich darin, sensationelle Tatsachenberichte über die Heldentaten furchtloser Gesetzeshüter zu veröffentlichen. Nicht weniger gefragt waren Artikel über die Bluttaten berüchtigter Banditen.
Ausführlicher wurden solche Gänsehaut erzeugenden Geschichten dann noch in Romanen erzählt. »Dime Novels« wurden sie genannt. Spannungsgeladene Heftromane für zehn Cents waren es, die von vielen Menschen geradezu verschlungen wurden.
Und so ein leibhaftiger Schriftsteller tauchte nun ausgerechnet hier, in diesem Pullmanwagen der Chicago & North-Western Railroad auf – nur wenige Meilen von Sioux Falls, Dakota, entfernt.
»Ein Schreiberling«, raunte der eine oder andere Respektlose unter den Passagieren. »Ein Romanautor«, verbesserten die Ehrfürchtigeren andächtig, und einer kannte ihn. »Ephraim Harris aus Chicago, schreibt für alle großen Verlage.«
Schlagartig war es Harris, auf den sich alle Blicke richteten.
Sein markantes Merkmal war der Hut, ein Pork Pie Stetson. Die topfförmige Kopfbedeckung mit der schmalen, nach oben gebogenen Krempe passte vom dunkelgrauen Farbton her exakt zu dem feinen schwarz-grauen Streifenmuster seines eleganten Straßenanzugs.
In seiner Heimatstadt Chicago, aber auch in Washington oder New York wäre er damit nicht aufgefallen. Doch schon die Staubschicht auf seinen maßgefertigten schwarzen Schuhen zeigte, dass sein Aufzug hier im Westen eher fehl am Platze war.
Als sich Lassiter neben ihm aufrichtete, ging ein Raunen durch die Sitzbuchten. Der Spitzbärtige reichte dem großen Mann gerade einmal bis knapp über die Schulter. Harris war hartnäckig, wollte an ihm vorbeischlüpfen, um weiter auf die Schauspielerin einzureden.
Doch eine jähe Barriere stoppte ihn. Hart wie Eisen. Erstaunt blickte er an seinem linken Arm hinab. Lassiters Rechte war es, die sich um sein linkes Handgelenk geschlossen hatte.
Trisha öffnete die Augen weit. Zu perplex, um ein Wort hervorzubringen, sah sie, wie sich der kleinere Mann willig in den Mittelgang bugsieren ließ, ohne auch nur den geringsten Widerstand zu leisten.
Es lag an Lassiters schraubstockartigem Griff. Schon beim geringsten Widerstand schoss ein spürbarer Schmerz in Harris' Arm hinauf, bis in seinen Oberkörper. Deshalb beeilte er sich, die drei Schritte bis zum Gang so bereitwillig wie möglich zurückzulegen.
Lassiter stoppte ihn mit einem kurzen Druck auf das Handgelenk. Harris ging fast in die Knie, verharrte sofort. Lassiter wartete, bis er sich wieder aufgerichtet hatte. Dann beugte er sich zu ihm hinunter und flüsterte in sein Ohr: »Es reicht jetzt, Harris. Verschwinden Sie, oder ich nehme Sie fest wegen Belästigung und Behinderung eines Regierungsagenten im Dienst. Im Marshals Office von Sioux Falls gibt es genügend freie Zellen. Garantiert.«
»Aber ich will doch nur einen Roman über Sie schreiben«, wisperte Harris zurück.
»Und ich bin dagegen«, knurrte Lassiter. »Das ist mein letztes Wort.«
Er gab dem Journalisten seine Würde zurück, indem er sein Handgelenk losließ. Harris wich von ihm weg, straffte seine Haltung und verbeugte sich in Trishas Richtung. Dann machte er kehrt und trabte eilig davon. Lassiter behielt ihn im Auge, bis er die Tür erreichte, durch die er gekommen war. Durch die obere Milchglashälfte der Tür war seine Silhouette noch einen Moment lang verschwommen zu sehen, wie er den Perron überquerte und im nächsten Wagen verschwand.
Trisha blickte fragend zu Lassiter auf, als er zu ihr zurückkehrte.
»Was hast du ihm ins Ohr geflüstert?«, fragte sie, nachdem er sich neben sie gesetzt hatte.
Der große Mann schmunzelte. »Dass ich ihm etwas Schlimmes antun werde, wenn er nicht verschwindet.«
»Ach, der Ärmste«, entgegnete Trisha mitfühlend. »Und was wäre so schlimm, dass er die Flucht ergreift?«
Lassiter lächelte. »Darüber kann ein Gentleman in Anwesenheit einer Lady nicht sprechen.«
»Auch nicht unter vier Augen – später?«
»Das lässt sich einrichten. Falls wir im selben Hotel wohnen.«
»Ich habe noch nicht gebucht«, antwortete Trisha. Sie erwiderte sein Lächeln, und in der Tiefe des dunklen Brauns ihrer Augen glomm die pure Verheißung.
✰
Der nächste Wagen war ein komfortabler Pullman, wie der vorherige. Schon beim Eintreten sah Ephraim Harris, dass sein reservierter Platz, ganz hinten, freigeblieben war.
Er atmete auf. Bei seiner augenblicklichen Pechsträhne hätte es ihn nicht gewundert, wenn sich dort jemand breitgemacht hätte und ihn unverschämt angrinsen würde. Die Passagiere in den Sitzbuchten waren beschäftigt. Einige lasen Zeitung, andere hatten illustrierte Monatshefte vor sich aufgeschlagen.
Freudig registrierte er, dass drei, nein, vier Reisende in Dime Novels vertieft waren. Bei einem war das kolorierte Titelblatt zu erkennen. Es zeigte Wild Bill Hickok beim Abfeuern seines Sechsschüssers.
Von mir, dachte Harris stolz. Er erinnerte sich gut daran, wie er Wild Bill in Deadwood, Dakota, interviewt hatte. Das war nur zwei Wochen vor dem feigen und hinterhältigen Mord an Hickok gewesen.
Er, Ephraim Harris, hatte unmittelbar darauf begonnen, den Roman über den berühmten Revolvermann zu schreiben. Es war eine spannende Handlung, in der Wild Bill als Banditenjäger die Hauptrolle spielte, eingebettet in die Geschichte seines Lebens.
Plötzlich waren seine Gedanken wie abgeschnitten. Er kam sich vor, als würde er schweben, nur für die Dauer eines Sekundenbruchteils. Erst als der raue Sisalbelag des Mittelgangs auf ihn zukam, begriff er, dass er stürzte.
Mit knapper Not schaffte er es, die Arme vorzustrecken. So milderte er seinen Fall ab, indem er mit den Unterarmen vorwärts rutschte. Nur knapp konnte er verhindern, dass er mit dem Gesicht aufschlug. Womöglich hätte er sich dabei die Nase gebrochen.
Erst jetzt, während erschrockene Rufe der Fahrgäste zu hören waren, wurde ihm klar, dass seine Füße ihm nicht mehr gehorcht hatten. Als ob ihn jemand festgehalten hätte. Während er sich herumwarf und mühsam aufzurappeln begann, sah er noch, wie aus der nächsten Sitzbucht zur Linken ein gestrecktes Bein zurückgezogen wurde.
Wütend kam er hoch, wollte auf den Mistkerl losgehen, der ihm ein Bein gestellt hatte. Doch im selben Moment schraubten sie sich von ihren Sitzplätzen empor. Zwei Männer waren es. Der erste musste der Beinsteller gewesen sein. Beide überragten Harris um Haupteslänge.
Beide trugen Bowlerhats und graue, großstädtische Straßenanzüge. Das Auffälligste an dem, der ihm das Bein gestellt hatte, war ein riesiger dunkler Schnauzbart, der seine gesamte Mundpartie bis über die Unterlippe verdeckte.
Die blonde Haarpracht des zweiten Mannes ging über ausgeprägte Koteletten nicht hinaus. Der Rest seines Gesichts war glattrasiert. Ein hervorstechendes Merkmal an ihm waren lediglich die eisgrauen Augen, die die Kälte eines Gletschers auszustrahlen schienen.
»Ach, Sie Ärmster«, rief der Schnauzbärtige, und seine Besorgnis war so falsch wie sein Grinsen. »Haben Sie sich wehgetan?«
»Nein«, knurrte Harris feindselig.
Aber mehr wagte er nicht, denn die beiden kamen nun auf ihn zu. Langsam, herausfordernd und mit höhnischen Mienen schoben sie sich ihm entgegen. Ihr Grinsen wurde nur noch breiter. Und er war gezwungen, zu ihnen aufzublicken.
Allein die Körpergröße der Fremden verlangte ihm eine Demutshaltung ab, die ihm ganz und gar nicht behagte. Du lieber Himmel, schließlich war er nicht irgendwer. Er hatte einen wohlklingenden Namen in seiner Branche.
»Sie sind Harris, der Schreiberling«, sagte der Blonde. Es klang so geringschätzig, wie es offenbar klingen sollte. Und wie sein Kumpan dachte er nicht daran, sein Grinsen einzustellen.
»Ja, ich bin Ephraim Harris«, entgegnete mit einem Rest an Selbstbewusstsein. »Ich bin Journalist und Schriftsteller.«
»Eben. Ein Schreiberling«, sagte der Schnauzbärtige gedehnt.
Beide Männer lachten höhnisch.
»Was wollen Sie von mir?«, zwang Harris sich, zu fragen. »Und wer sind Sie überhaupt?«
Sie gingen nicht darauf ein.
»Wohin fahren Sie?«, sagte der Blonde stattdessen. »Wo steigen Sie aus?«
»In Sioux Falls«, antwortete Harris wahrheitsgemäß. Letzten Endes hätten sie es sowieso mitbekommen.
»Gut.« Der Blonde nickte. »Dann haben wir das gleiche Ziel.«
»Und wir sehen uns noch«, fügte der Schnauzbärtige hinzu. »Bis dahin wünschen wir noch eine gute Reise, Mister Schreiberling. Dies, eben, war nur ein Vorgeschmack.«
Ohne ein weiteres Wort wandten sich beide um und kehrten in ihre Sitzbucht zurück. Die Passagiere, die bis eben noch herübergespäht hatten, drehten sich ebenfalls um. Da sich die Situation offenkundig beruhigt hatte, gab es auch keinen Grund mehr, neugierig zu sein.
Ephraim Harris begab sich widerstrebend auf seinen Platz. Viel lieber hätte er die höhnischen Halunken zur Rede gestellt und eine Auskunft über den Grund ihres Verhaltens verlangt.
Doch er wusste nur zu gut, dass sie ihn eher auslachen würden, als sich von ihm beeindrucken zu lassen – selbst dann, wenn er ihnen seinen Fünfschüsser unter die Nase halten würde, den .32er Smith & Wesson.
Ein Spielzeugrevolver in den Augen echter Kerle. Damit brauchte er ihnen gar nicht erst zu kommen. Dass auch kleinere Kugeln zum Töten taugten, wollten solche Hurensöhne einfach nicht wahrhaben.
Bis es sie erwischte.
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Der Rhythmus der Schienenstöße wurde langsamer, als der Zug sich der Stadt näherte. Vorbei an den Steinbrüchen von East Sioux Falls, verlief der Schienenstrang ein Stück am Ufer des Big Sioux River. Dann, in einer Biegung des Flusses, folgte eine Eisenbahnbrücke.
Der metallische Klang der Räder wurde heller, als der Zug die bewegten Fluten überquerte, deren Wellen zum Teil weiße Schaumkronen trugen. Urheber waren die nahen Wasserfälle, die Falls, nach denen die Stadt benannt worden war. Lassiter war schon öfter hiergewesen.
Wo das Wasser weniger stark wogte, erzeugte die Nachmittagssonne glitzernde Reflexe auf der Oberfläche. Auf der anderen Seite des Flusses führte die Bahnlinie ins eigentliche Zentrum von Sioux Falls. Dort, an der Eighth Avenue, hatte die Chicago & North-Western Railroad, kurz CNWRR genannt, erst im vergangenen Jahr, 1887, einen Bahnhof gebaut.
Mit kreischenden Bremsen kam der Zug am Bahnsteig zum Stehen. Während die Passagiere ausstiegen, stieß die Lokomotive schnaufend eine weiße Dampfwolke aus. Mit dem Dampf umhüllte sie sich selbst und auch die auch die ersten Wagen und einen Teil der Menschen auf dem Bahnsteig.
Trisha Elfridge begleitete Lassiter auf dem Weg durch die Bahnhofshalle zum Vorplatz. Wie selbstverständlich hakte sie sich bei ihm ein. Ihnen folgte ein uniformierter Gepäckträger.
Er zog einen Handkarren mit vier gestapelten Koffern auf der Ladefläche. Trishas Koffer. Nur das Notwendigste, wie sie zwinkernd verraten hatte.
Lassiters einziges Gepäck bestand aus seinem 45er Remington, den er an der rechten Hüfte trug.
»Sind wir nicht ein schönes Paar?«, bemerkte Trisha keck, noch vom Stimmengewirr der ins Freie Strebenden umgeben. Und weil der große Mann nicht sofort antwortete, sah sie ihn an und fügte schnell noch ein weiteres Eigenlob hinzu: »Ich bin deine Traumfrau. Habe ich recht?«
Verdutzt erwiderte Lassiter ihren Blick. Er hob die Augenbrauen und antwortete: »Du bist eine Schauspielerin. Du bist berühmt. Also musst du sehr gut sein.«
Sie verzog die Lippen zum Schmollmund. »Du denkst, ich mache dir etwas vor?«
»Ich denke«, entgegnete er ausweichend, »ich muss dich erst einmal näher kennenlernen.«
Am Rand des Bahnhofsplatzes stiegen sie in eine freie Kutsche. Der Träger lud die Koffer ins Gepäckfach der Kutsche um, und Trisha belohnte ihn zusätzlich zur Gebühr mit einer Dollarnote als Trinkgeld.
Lassiter nannte dem Lenker des Einspänners das Hotel »Falls View« als Ziel. Trisha rückte an den großen Mann heran und schob ihren Arm in seine Ellenbogenbeuge – weit genug, um ihre feingliedrige kleine Hand auf seinen Handrücken legen zu können.
An ihn geschmiegt, blickte sie zu ihm auf. »Stell mir jetzt bloß nicht die Standardfrage.«
Er schmunzelte. »Warum nicht?«
»Weil du die Antwort kennen musst. Du bist ein Mann, der jede Frau bis ins Innerste ihrer Seele durchschaut.«
»Du lieber Himmel«, sagte er, während die Kutsche anrollte. »Du traust mir Fähigkeiten zu, die ich gar nicht habe. Für mich hat jede Frau ihr ganz besonderes Geheimnis.«
»Oh, das klingt nach Welterfahrung.« Trisha lachte. »Und welches Geheimnis ist meins?«
»Es steckt hinter der Standardfrage, die du nicht hören willst.«
»Du meinst, ob ich dir etwas vorspiele oder ob ich ganz normal bin?« Der Schalk blitzte in ihren Augen. Sie hob die Hand vor den Mund und kicherte. »Du bist ein ganz Raffinierter, mein Lieber. Du hast mich dazu gebracht, mir die Standardfrage selbst zu stellen.«
Die Kutsche fuhr hinaus auf die Eighth Avenue, in Richtung Stadtzentrum.
»All right.« Lassiter verkniff sich ein Grinsen. »Hast du auch eine Standardantwort parat?«
»Aber natürlich«, erwiderte Trisha kokett. »Als Traumfrau zeige ich nur echte Gefühle. Mit anderen Worten...«, ihr Blick vertiefte sich in den seinen, »wenn ich mich in einen Mann verliebe, bin ich nur ich selbst.«
Es klang wie eine Feststellung. Eine Antwort schien sie nicht zu erwarten. Lassiter war froh darüber. Denn Trishas mädchenhafte Schwärmerei deutete nach seinem Empfinden zu sehr darauf hin, dass sie sich an ihn klammern würde, wenn er es zuließ.
Er würde ihr klarmachen müssen, dass ihre Beziehung nicht mehr als eine Episode sein würde. Sie kannte ihn noch nicht lange genug. Deshalb wusste sie auch nichts von seinem persönlichen Schwur.
Er würde sich niemals an eine Frau binden. Sein Beruf als Regierungsagent machte eine dauerhafte Beziehung unmöglich. Er hatte diese Entscheidung getroffen, um mit aller Kraft für Recht und Gesetz zu kämpfen – und gegen jene, die sich dagegen stellten.
Ihr Blick wanderte von ihm weg, zu den Fußgängern auf dem Bürgersteig. Einige winkten, riefen ihren Namen. Sie strahlte und winkte zurück.
»Ist das nicht schön?«, freute sie sich und wollte sich wieder ihrem Begleiter zuwenden. Doch etwas anderes erweckte ihre Aufmerksamkeit. Sie hatte ihren Satz kaum beendet, als sie auf die linke Straßenseite zeigte und aufgeregt rief: »Oh, sieh mal da, ist das nicht unser Romanschreiber?«
Die Kutsche fuhr bereits an der Stelle vorbei, an der sie Harris im Gedränge auf dem Bürgersteig entdeckt hatte. Deshalb drehte Lassiter sich um und spähte abermals über die roten und blauen Tüllwolken ihres Huts hinweg.
Harris war vor einer Toreinfahrt stehengeblieben – nicht freiwillig, wie es aussah. Sein Gesicht unter dem Pork Pie Stetson spiegelte Angst. Die Passanten waren gezwungen, zur Straßenseite des Sidewalks hin auszuweichen. Denn rechts von Harris war kein Platz.
Die fünf Männer dort beanspruchten die ganze Breite der Toreinfahrt. Drei von ihnen bildeten einen kleinen Halbkreis. Den Rücken zu Lassiter und Trisha gewandt, nahmen sie Harris in die Mitte.
Die Kleidung der Kerle sah aus, als ob sie mindestens drei Monate nicht gewechselt worden war. Das einzig Gepflegte an ihnen waren ihre Revolver. Mattglänzend ragten die Kolben der Sechsschüsser aus den Holstern.
Sie hörten auf das Kommando zweier weiterer Männer, die vorübergehend verdeckt waren. Dann aber, als die drei Ungepflegten den Schriftsteller wegführten, sah der Mann der Brigade Sieben, dass die beiden deutlich besser gekleidet waren.
Mit ihren schwarzen Bowlerhats wiesen sie sich deutlich als Stadtbewohner aus. Das galt auch für ihre grauen Anzüge. Einer der Befehlsgeber trug einen mächtigen dunklen Schnauzbart, der seine gesamte untere Gesichtshälfte dominierte. Das blonde Haar des anderen bauschte sich zu kinnlangen Koteletten auf.
Sie blickten Harris und den drei Strolchen nach, die offenkundig ihre Handlanger waren. Sie ließen sich Zeit, zündeten sich Zigarillos an und taten, als ob sie nicht das geringste Interesse hätten, Harris und seinen ungebetenen Begleitern zu folgen.
Lassiter fackelte nicht lange. Er ließ den Kutscher anhalten und bat ihn, zu warten. Trisha wies er an, sitzen zu bleiben und sich nicht vom Fleck zu rühren. Ohne erkennbare Eile und dennoch zügig legte er die wenigen Schritte zum Gehsteig zurück.
Aus den Augenwinkeln heraus sah er den Schnauzbärtigen und den Blonden. Beide beachteten ihn ebenso wenig wie die übrigen Leute, die auf der Avenue unterwegs waren.
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»Es tut uns in der Seele weh«, sagte der Anführer der drei. »Wir wollen dir nicht wehtun, Schreiberling. Aber wir kommen nicht drum herum. Befehl ist Befehl.«
Er hatte die Führung übernommen und drehte sich im Gehen zu seinen Kumpanen um, während er sprach. Sein rundes, aufgedunsenes Gesicht glänzte unter der breiten Krempe seines schweißfleckigen Stetson wie eine gewölbte Speckschwarte.
Ephraim Harris schenkte sich eine Erwiderung. Er hatte genug damit zu tun, die Schmerzen zu unterdrücken, die ihm die beiden Kerle an seiner Seite zufügten. Beide Arme hielten sie in eisenhartem Griff.
Es war nur dadurch zu ertragen, dass er ihnen willig folgte und sich nicht etwa gegen die Richtung stemmte, in die sie ihn dirigierten.
Der Mann zu seiner Linken war ausgesprochen dünn, regelrecht hager. Er trug keinen Hut, doch anscheinend machte es ihm nichts aus, dass die Sonne auf seinen ungeschützten kahlen Schädel brannte.
Überhaupt erinnerte er an einen Totenkopf, der nur noch von pergamentener Haut umspannt wurde. Harris stellte sich vor, dass unter der mehrfach geflickten braunen Jacke und der fadenscheinigen Denimhose ein wandelndes Skelett verborgen war.
Umso mehr erstaunte es ihn, dass der Totenkopfmann genauso kräftig zu sein schien wie der Kerl auf seiner rechten Seite. Mittelgroß und bullig von Statur, trug er statt eines Stetsons eine abgeplattete US-Army-Dienstmütze, die noch aus der Zeit der Indianerkriege stammen musste.
Der speckgesichtige Anführer hatte aufgehört, scheinheilige Erklärungen abzugeben. Vielmehr wies er seinen Komplizen den Weg in die Toreinfahrt eines Saloons, der sich »Merrymaker« nannte.
Sie erreichten den menschenleeren Hinterhof des Saloons, bogen um die Gebäudeecke und steuerten auf die Stallungen zu. In dem Gebäudewinkel waren sie von der Straße aus nicht zu sehen.
Harris hatte nicht die leiseste Ahnung, was seine Bezwinger von ihm wollten. Andererseits passierte es ihm öfter, dass er von hergelaufenen Halunken bedroht wurde. Meist steckte ein Auftraggeber dahinter, der sich durch Harris' Texte schlecht behandelt fühlte.
Sie führten ihn bis an die Blockbohlenwand zwischen zwei Stalltoren. Dort drehten sie ihn mit dem Rücken an die zusammengefügten Stämme. Alle drei Männer wichen einen Schritt zurück. Doch der Totenkopf schnellte sofort wieder auf ihn zu und verpasste ihm einen Fausthieb in die Magengrube.
Harris hatte das Gefühl, von einem angespitzten Hartholzpfahl durchbohrt und an der Bohlenwand festgenagelt zu werden. Die Rundungen des Holzes in seinem Rücken waren hart wie Stein. Amerikanische Eiche vermutlich, dachte er und fluchte innerlich auf die Detailverliebtheit, die sein Beruf mit sich brachte.
Schon der erste Hieb sandte Wogen glühenden Schmerzes durch seinen Körper. Er versuchte, nicht zu schreien, wollte ihnen den Triumph nicht gönnen. Doch schon beim zweiten und dritten Hieb wusste er, dass er diesen Vorsatz nicht einhalten konnte.
Der Bullige und der Totenkopf wechselten sich dabei ab, ihn mit Fausthieben zu traktieren. Hinter jedem einzelnen Schlag saß ihre gesamte Energie. Harris begann zu schreien. Er sah das Speckgesicht genüsslich grinsen, und er wusste, dass er nicht darauf zu hoffen brauchte, jemand draußen auf der Avenue würde es hören und ihm zu Hilfe eilen.
»Schöne Grüße von Siobhán Mahoney«, hörte er einen der Kerle sagen, als ihn schon mindestens ein Dutzend Fausthiebe getroffen hatte. Zwischen all den Schlägen und den Schmerzen grübelte er, wer Siobhán Mahoney sein könnte. Eine Irin, all right. Eine, der er begegnet sein musste. Der Vorname »Shevorn« ausgesprochen.
Aber woher, zum Teufel, sollte er diese Frau kennen?
Er kam nicht dazu, weiter nachzudenken, denn seine Lage eskalierte, das spürte er in schrecklicher Deutlichkeit. Sie würden ihn totschlagen. Daran zweifelte er nicht mehr – nun, da ihn die Schmerzen an den Rand der Bewusstlosigkeit trieben.
Ihm blieben nur noch Sekunden, dann würden sie jegliches Leben aus ihm herausgeprügelt haben. Und dann würde er das Geheimnis mit ins Grab nehmen, würde nie erfahren, weshalb die unbekannte Irin an ihm Rache üben wollte.
In seinem Innersten erwachte der Überlebenswille, der ihn handeln ließ. Seine letzte Kraft ließ ihn unter das Jackett greifen, und nachdem er die Knochenfaust des Totenkopfmannes ein weiteres Mal zu spüren bekommen hatte, riss er den 32er aus dem Schulterholster.
Der Bullige war an der Reihe, zuzuschlagen. Er ballte die Rechte zur Faust, hob sie – und stoppte mitten in der Bewegung, als er in die Mündung des kleinen Revolvers starrte. Es war eine Double-Action-Waffe, das wusste er. Harris brauchte keine Zeit mit dem Spannen des Hahns zu verschwenden. Er brauchte nur abzudrücken.
Und er tat es.
Das Mündungsfeuer, das ihm zwischen die Augen stach, war das Letzte, was der Bullige sah. Den Einschlag der Kugel spürte er schon nicht mehr, denn sie tötete ihn auf der Stelle.
Harris fühlte sich wie gelähmt. Sein Smith & Wesson war noch immer auf den Bulligen gerichtet, obwohl dieser in sich zusammensank und zur Seite kippte. Mit einem dumpfen Laut schlug der leblose Körper des schweren Mannes auf den Boden.
Harris konnte den Arm nicht herunternehmen. Die Starre, die ihn befallen hatte, reichte vom Kopf bis zu den Beinen. Und vor ihm standen die beiden anderen.
Auch sie waren fassungslos, wie gelähmt.
Doch nur für einen Moment. Der speckgesichtige Anführer zog seinen Colt, während der Totenkopf zur Seite wich. Harris reagierte nicht. Der Schock, einen Menschen erschossen zu haben, machte ihn unfähig, auch nur den Abzugsfinger zu krümmen.
»Stirb, Schreiberling«, zischte der Speckgesichtige. Dass der Fünfschüsser auf ihn gerichtet war, beeindruckte ihn nicht im Geringsten.
»Stirb zuerst«, erscholl eine harte Stimme in seinem Rücken.
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Harris hatte ihn kommen sehen, doch er hatte nicht reagiert. Nicht einmal zu einem verräterischen Blinzeln war er fähig gewesen. Deshalb hatte Lassiter sich unbemerkt annähern können. Seine Schritte waren ebenso wenig zu hören wie das Gleiten des Remington, als er ihn aus dem Leder zog.
Der Mann mit dem runden, speckig glänzenden Gesicht vergaß Harris und wirbelte herum. Der Lauf seines Colts erzeugte einen matten Reflex, als er in Lassiters Richtung flog.
»Lass fallen«, warnte Lassiter ihn noch.
Doch der andere hörte nicht auf ihn. Sein Zeigefinger krümmte sich, noch bevor die Schwenkbewegung seines Arms endete. Lassiter feuerte gnadenlos. Die Wucht des 45er Remington-Geschosses schleuderte den Speckgesichtigen zurück.
Der Schuss aus seinem Colt löste sich, doch die Kugel raste wirkungslos in den Nachmittagshimmel. Harris stieß einen erschrockenen Schrei aus, als der Mann ihm vor die Füße fiel. Zugleich kehrte das Leben in den Journalisten zurück, und sein Arm mit dem 32er sackte herab.
Der hagere Mann mit dem Totenkopf versuchte, sich davonzuschleichen. Bis zu einem der Stalltore schaffte er es. Es war spaltbreit geöffnet. Mit der Linken packte er zu, um es weiter aufzuziehen.
Lassiter stoppte ihn mit schneidender Stimme. »Halt, stehenbleiben! Streck sie hoch!«
Der Totenkopfmann zuckte zusammen wie vom Blitz getroffen. In seiner Verzweiflung reagierte er hoffnungslos falsch. Seine Rechte fiel abwärts, erreichte den Revolverkolben. Im selben Sekundenbruchteil fuhr er ruckartig herum.
Lassiter zog durch, als der Verzweifelte den Sechsschüsser schon halb aus dem Leder hatte. Die Kugel traf ihn, noch während er die Waffe freibekam. Die Macht des Bleigeschosses rammte ihn gegen die Torkante. Langsam rutschte er daran herunter.
Der Revolver löste sich aus seinen kraftlosen Fingern, noch bevor der Mann selbst zu Boden sackte. Als das geschah, war bereits kein Leben mehr in ihm.
Lassiter holsterte den Remington und forderte Harris mit einer Handbewegung auf, seinen Smith & Wesson ebenfalls zu verstauen. Die Hand des Journalisten zitterte, als er die Anweisung seines Gegenübers befolgte.
Harris starrte Lassiter mit großen Augen an. Der Spitzbärtige wirkte abwesend, schien noch immer nicht begriffen zu haben, was sich abgespielt hatte. Lassiter deutete mit Handbewegung auf die Toten und fragte: »Wer sind diese Leute, und was wollten sie von Ihnen?«
»Ich habe keine Ahnung, Sir«, antwortete Harris mit vibrierender Stimme. »Ich weiß es wirklich nicht.«
»Und die anderen? Da waren noch zwei, die anscheinend die Befehle gegeben haben. Einer mit Schnauzbart und...«
»Ich weiß, ich weiß«, fiel ihm Harris ins Wort. »Die beiden haben mich schon im Zug bedroht. Sie sagten, es wäre nur ein Vorgeschmack. Und es stimmte. Diese drei...«, er wies auf die Leichen, »haben mich fast totgeschlagen. Ich habe in Notwehr gehandelt und...« Er unterbrach sich selbst, seine Augen öffneten sich weit in plötzlicher Erinnerung, und er hob den Zeigefinger. »Moment mal, da fällt mit ein, dass einer von denen einen Namen genannt hat. Siobhán Mahoney. Ein irischer Name, das ist mir schon klar. Ein Frauenname, auch das ist klar. Aber wer ist das? Und was will sie von mir?«
Lassiter grinste. »Sieht so aus, als ob sie nicht gut auf Sie zu sprechen ist, Ephraim. Und ich denke, die gute Miss Mahoney hat bestimmt allen Grund dafür. Irgendetwas müssen Sie ihr angetan haben.«
Harris kämpfte noch immer gegen die Schmerzen, das war seiner gequälten Miene anzusehen. Trotzdem war er geistig bereits wieder hellwach. Das zeigten seine gefurchte Stirn und der erstaunte Blick, mit dem er den Mann der Brigade Sieben ansah.
»Kennen Sie die Frau etwa?«, fragte Harris misstrauisch.
»Klar«, antwortete Lassiter. »Sie war Kunstschützin in Buffalo Bills Wild West Show. Ich habe die Truppe mal eine Zeitlang begleitet. Aber das ist Jahre her.«
»Dann stecken Sie dahinter!«, rief Harris vorwurfsvoll. Er zeigte auf die Toten. » Sie haben mir diese Halunken auf den Hals gehetzt, stimmt's?«
Lassiter schüttelte den Kopf. »Nein, stimmt nicht. Ich kenne Siobhán Mahoney gar nicht persönlich. Habe sie nur damals in der Show gesehen. Ich habe aber gehört, dass Buffalo Bill sie vor ungefähr zwei Jahren gefeuert hat. Wegen eines Zeitungsartikels.«
Harris sperrte empört den Mund auf. »Das klingt, als hätte ich den Artikel geschrieben. Um was soll es denn da gegangen sein?«
»Langsam dämmert es Ihnen, nicht wahr? In dem Zeitungsbericht wurde Siobhán als Falschspielerin und Betrügerin entlarvt. Lange bevor sie zu der Wildwesttruppe stieß, wurde sie deswegen in Nevada von einem Gericht verurteilt und hat wohl sogar im Gefängnis gesessen.«
»Und das hat sie vor der Einstellung bei Buffalo Bill verschwiegen!«, rief Harris. »Jetzt erinnere ich mich.« Er presste entnervt die Lippen zusammen und brauchte einen Moment, um sich zu beruhigen.
»Sie war rechtskräftig verurteilt, hat ihre Strafe abgesessen und wollte die Vergangenheit auf sich beruhen lassen. Sie haben ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht.«
Harris zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen. »Woher wollen Sie das wissen?«
Lassiter stieß einen amüsierten Laut aus. »Genau wie Sie fange auch ich an, mich zu erinnern. Soweit ich weiß, haben damals mehrere Zeitungen über Siobhán Mahoney dunkle Vergangenheit berichtet.«
»Ich bin freiberuflicher Journalist und Schriftsteller. Ich kann meine Berichte verkaufen, an wen ich will.«
Lassiter nickte. »Wir leben in einem freien Land. Aber die Geschichte über Siobhán ist Ihnen nicht aus heiterem Himmel zugeflogen, oder? Ohne, dass sie es wollten oder etwas dafür getan haben, meine ich.«
Harris sandte einen Blick zum Himmel und atmete hörbar aus. »Ich habe damals über die Mitwirkenden in der Show recherchiert. Im Archiv der ›Chicago Tribune‹ bin ich auf einen Gerichtsbericht über das Verfahren gegen Siobhán Mahoney gestoßen.«
»Das kann nicht alles gewesen sein«, wandte der große Mann ein. »Der Fall hat schließlich in Nevada stattgefunden.«
»Natürlich nicht«, gab der Journalist zu. »Ich habe dann noch nach Nevada telegrafiert und Briefkontakt mit den Kollegen vom Nevada State Journal in Reno aufgenommen. Die haben mich mit den Fakten versorgt, und so ist der Artikel zustande gekommen.«
»Ein Rufmord, dem die Kunstschützin zum Opfer gefallen ist.«
»Schon nach dem Prozess in Nevada wurde ausführlich darüber berichtet.«
»Richtig. Aber da war Siobhán noch nicht bei Buffalo Bill unter Vertrag.«
Harris seufzte. »Das ist mir bewusst. Andererseits – ich meine, ich habe doch nur über Tatsachen berichtet.«
»Schuld ist immer der Überbringer einer schlechten Nachricht.« Es klang beinahe mitfühlend – so, wie Lassiter es sagte.
Harris sah ihn erstaunt an. »Wieso sind Sie auf einmal so... so... gesprächsbereit? Vorhin im Zug wollten Sie nichts mit mir zu tun haben. Und jetzt...« Er sprach den Satz nicht zu Ende und senkte den Kopf. »Außerdem haben Sie mir das Leben gerettet. Dafür stehe ich tief in Ihrer Schuld.«
Der Mann der Brigade Sieben lächelte und antwortete. »Dann können Sie sich revanchieren, indem Sie mich in Ruhe lassen. Ich will kein Romanheld werden.«
»Aber warum denn nicht?« Harris hörte sich an wie ein trotziger kleiner Junge.
»Was ich tue, ist meine Pflicht als Regierungsagent und Gesetzeshüter«, entgegnete Lassiter ernst. »Damit will ich nicht prahlen. So etwas ist mir einfach zuwider. Die Helden in ihren Romanen werden in den Himmel gehoben, als wären sie Übermenschen. Das bin ich nicht. Also ein für alle Mal: Ich will kein Romanheld werden, Harris.«
Der Journalist schüttelte verständnislos den Kopf. »Sie werden es nicht verhindern können, Lassiter. Wenn ich es nicht bin, der über Sie schreibt, dann wird es ein anderer tun. Und wenn es gar nicht anders geht, geschieht es eben erst dann, wenn Sie das Zeitliche gesegnet haben.«
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Als es an der Tür seines Zimmers klopfte, wusste Lassiter sofort, wer es war. Erstens war es das Klopfen einer zarten Frauenhand, und zweitens gab es in Sioux Falls derzeit nur eine Frau, mit der er nähere Bekanntschaft gemacht hatte.
Trisha Elfridge.
»Die Tür ist offen! Komm herein«, rief er. In ein großes weißes Handtuch gehüllt, verharrte er auf der Türschwelle vom Bad zum Zimmer. Es war ein ausgesprochen wohnlich eingerichtetes Hotelzimmer, dem hohen Standard des Hauses entsprechend mit holzgetäfelten Wänden und voluminösen Orientteppichen.
Trisha öffnete die Tür langsam und vorsichtig, nur einen Spaltbreit. Ihre dunklen Augen lugten herein und weiteten sich im nächsten Moment, als sie den großen Mann erblickte.
»Ach, du meine Güte!«, entfuhr es ihr. »Das muss Gedankenübertragung gewesen sein.«
Lassiter sah, was sie meinte, als sie rasch hereinschlüpfte, die Tür hinter sich schloss und die Riegelkette vorlegte.
Trisha war mit einem flauschigen weißen Bademantel bekleidet. Sie hatte ihn lediglich mit dem dazugehörigen Stoffgürtel zugebunden. Oberhalb des Gürtels klaffte das Weiß nur um Fingerbreite auseinander, ließ aber erkennen, dass sie nichts darunter trug.
»Wir hatten beide den gleichen Gedanken«, stellte Lassiter fest. »Ein Bad.«
»Nach so einer Bahnfahrt«, erwiderte Trisha gedehnt, während sie mit raubtierhaft gleitenden Schritten näherkam, »habe ich immer das Gefühl, dass sich der Ruß der Lokomotive in all meinen Poren festgesetzt hat.«
Lassiter hob die Nase, schnüffelte und sagte zwinkernd: »Da ist nichts Rußiges mehr. Du darfst bleiben.«
»Das hatte ich gar nicht vor«, behauptete die Schauspielerin verschmitzt. »Dies sollte eigentlich nur eine Stippvisite sein. Ich wollte mich mit dir zum Abendessen verabreden.«
»Die Lügnerin spielst du schlecht«, rügte Lassiter sie mit erhobenem Zeigefinger. »Gar nicht überzeugend.« Er legte seine Hände auf ihre Schultern und erfasste behutsam den Kragen ihres Bademantels. »Weshalb hast du mich nicht in dein Zimmer eingeladen?«
Sie setzte eine halb schuldbewusste, halb verlegene Miene auf. »Ich habe gar kein normales Zimmer. Ich habe die Präsidenten-Suite. Und die bezahlt Randolph Anderson. Deshalb konnte ich dich nicht einladen, weil er jederzeit auftauchen kann, um mich zu besuchen.«
»Wer ist Anderson? Dein heimlicher Liebhaber?«
»Himmel, nein! Er ist der Zeitungsverleger hier am Ort. Deshalb ist er wohl auch ziemlich wichtig, nehme ich an.«
»Müsste ich auf den Mann eifersüchtig sein?«
»Himmel, nein!« Trisha lachte. »Randolph ist zwar ein Verehrer von mir, aber er verehrt mich ausschließlich als Schauspielerin.«
»Sieht so aus«, seufzte Lassiter gespielt entsagungsvoll, »als ob ich dich mit vielen Verehrern teilen muss.« Noch während er sprach, schob er den Kragen ihres Bademantels auseinander, und das watteweiche Kleidungsstück fiel von ihr ab wie eine weiße Wolke.
Splitternackt stand sie vor ihm, und sie gewährte ihm einen genussvollen Moment, in dem er sie in ihrer ganzen Schönheit betrachten konnte. Zugleich betörte ihn der Duft von Sandelholz, den ihre pfirsichzarte Haut ausströmte.
»Hier und heute«, wisperte sie, »hast du mich ganz allein. Und merk dir eins: Verehrer sind keine Liebhaber.« Mit einem Ruck zog sie ihm das Handtuch weg und schleuderte es in die nächste Ecke.
Lachend wich sie seinen Händen aus, als er sie an sich ziehen wollten. Sie schlug einen Bogen um ihn herum und lief auf das Bett zu, dessen Kopf- und Fußenden aus wuchtig geformtem Mahagoni bestanden. Zwischen dem edlen dunklen Holz spannte sich eine Tagesdecke aus leuchtend roter Seide.
Wie in größter Hast schlug Trisha die Seide beiseite, schlüpfte unter die champagnerfarbene Bettdecke und kroch darunter auf die andere Seite des Betts wie ein Maulwurf unter dem Rasen.
Lassiter überlegte nicht lange. Er flankte um das Fußende herum und empfing Trisha exakt am Zielort ihrer Scheinflucht. Er hob die Decke ein Stück an, und sie spielte jähes Erschrecken. Doch ihr Schrei klang mehr wie ein Jauchzen. Schon jetzt wussten sie beide, dass sie sich augenblicklich die höchsten Gefühle bereiten würden.
Ohne auch nur den Hauch eines Moments zu verschwenden, kroch Lassiter zu ihr unter die Decke. Ihr Jauchzen ging in stumme Vorfreude über, als er den Weg zwischen ihre Beine fand und dabei die Decke hochstemmte und zurückwarf. Ungestüm und behutsam zugleich drang er in sie ein.
Ihr Körper fühlte sich schlank und beinahe zierlich an, doch es gelang dem großen Mann, erstaunliche Kräfte in ihr zu wecken. Rasch nahm sie seinen Rhythmus an, stemmte sich ihm entgegen und bäumte sich unter ihm auf – stets mit dem alleinigen Ziel, ihn immer tiefer in sich aufzunehmen.
Ihre Laute der Lust begannen mit leisem Ächzen und steigerten sich rasch zum Keuchen. Bald geriet es zu einem regelrechten Stakkato, angefeuert von Lassiters dauerhafter und zuverlässiger Manneskraft, bis sich Trisha ein letztes Mal unter ihm aufbäumte.
Im selben Moment versteifte sich ihr Körper, und sie stieß einen langgezogenen Schrei aus, der nicht enden wollte. Lassiter stützte sich auf Knie und Unterarme, um sie von seinem Gewicht zu befreien. Er spürte, wie ihre Muskeln unter ihm in totaler Entspannung erschlafften.
Sie streckte buchstäblich alle Viere von sich, und ihr Schrei endete in einem glückseligen Seufzer. Sie schloss die Augen. Es sah aus, als würde sie vor Erschöpfung einschlafen. Doch unvermittelt kicherte sie und begann, mit klarer und hellwacher Stimme zu sprechen.
»Jetzt kannst du es mir sagen. Was hast du Ephraim Harris im Zug angedroht?«
Lassiter ließ sich zur Seite sinken, umschloss Trishas Schultern mit beiden Armen, zog sie an sich und erwiderte: »Das willst du gar nicht wissen.«
»O doch«, trumpfte sie auf. »Es interessiert mich sehr, womit Männer sich gegenseitig einschüchtern.«
Lassiter lachte leise in sich hinein. »Ich habe ihm gesagt, ich würde ihn seiner Männlichkeit berauben, wenn er mich nicht in Ruhe lässt.«
»Meinst du das ganz brutal?«, entgegnete Trisha mit gespieltem Erschrecken.
»Brutaler geht's nicht«, behauptete der große Mann, obwohl er weder Harris noch irgendjemand anderem jemals solche Gewalt antun würde.
Trisha durchschaute ihn, lachte und tupfte ihm mit der Kuppe ihres Zeigefingers auf die Nasenspitze. »Du machst dich über mich lustig, mein Lieber. Würdest du mir wenigstens ernsthaft verraten, weshalb du nicht willst, dass Harris über dich schreibt?«
»All right. Aber vorher möchte ich wissen, weshalb dein Gönner dir die Präsidenten-Suite bezahlt.«
»Das geht dir nicht aus dem Sinn, was?« Trisha lachte wieder. »Dabei ist es eine ganz einfache Geschichte. Und völlig harmlos.«
»Bist du sicher?« Lassiter lockerte seine Umarmung. »Ich meine, so ein Kerl, der eine Menge Geld in dein Wohlergehen investiert, erwartet doch etwas dafür.«
Trisha ließ sich auf den Rücken sinken und legte den Kopf auf die Seite, um den großen Mann ansehen zu können. »Da kennst du mich aber schlecht. Ich bin nicht käuflich, falls du das meinst. Wenn ich als Schauspielerin auftrete, erbringe ich eine Leistung, für die ich bezahlt werde.«
»Ja, aber hier in Sioux Falls...«
»Ist es auch nichts Verwerfliches«, unterbrach Trisha ihn energisch. »Ich habe eine ziemlich große Fangemeinde. Dazu gehört auch Randolph Anderson. Er ist ein wohlhabender Mann, ein Zeitungsverleger. Allein deshalb hat er mehr Möglichkeiten als die meisten anderen meiner Bewunderer.«
Aber hier in Sioux Falls hast du keine Auftritte, hatte Lassiter eigentlich sagen wollen. Doch er ließ es bleiben, denn er musste Trisha ohnehin verschweigen, dass Randolph Anderson auch der Grund seiner Anwesenheit in der Stadt war. Sein Einsatz in Sioux Falls war geheim – ebenso wie der gesamte Geheimdienst Brigade Sieben in Washington DC, deren Agent er war.
Randolph Anderson hatte seine Kontakte zum Kriegsministerium in Washington genutzt, ohne zu wissen, dass die Brigade Sieben überhaupt existierte. Doch es gab Gerüchte darüber, dass das Kriegsministerium Agenten beschäftigte, die mit Sondervollmachten im gesamten Gebiet der Vereinigten Staaten tätig werden konnten.
Lassiter wusste, dass Anderson um den besten Mann gebeten hatte, den Washington für den Einsatz in Sioux Falls aufbieten konnte. Es war Lassiter peinlich gewesen, dass seine Vorgesetzten ihn unter diesem Vorzeichen ausgewählt hatten. Vorschusslorbeeren waren nicht sein Fall.
Aus genau diesem Grund wollte er sich letzten Endes auch Ephraim Harris vom Hals schaffen. All right, zumindest dieses Problem hatte sich vorerst wohl von selbst erledigt. Lassiter konnte allerdings nicht ahnen, dass er mit dieser Einschätzung ziemlich daneben lag.
Er rechnete allerdings damit, dass Harris über kurz oder lang auf den Fall stoßen würde, um den es hier in Sioux Falls ging. Denn die Angelegenheit selbst war kein Geheimnis. Eine Bande von Viehdieben fügte den Ranchern im Minnehaha County, zu dem Sioux Falls gehörte, großen Schaden zu.
Es sollte einer der Rancher selbst sein, der mit den Banditen gemeinsame Sache machte. Überdies hielt Anderson die örtlichen Gesetzeshüter für korrupt. Das waren Town Marshal Gus Timmons und County Sheriff Albert Preacher. Bei der Brigade Sieben gab es allerdings keine Akten über die beiden Sternträger.
Beide waren erst vor einem Dreivierteljahr in ihr Amt gewählt worden. Lassiters letzter Aufenthalt in Sioux Falls lag länger zurück. Deshalb kannte er weder Timmons noch Preacher.
Er strich mit den Fingerkuppen über Trishas straffe Brüste und beobachtete, wie sich ihre ohnehin schon erigierten Nippel noch ein wenig weiter aufrichteten. Sie schloss die Augen und stöhnte leise in schläfrigem Wohlbehagen.
Ihre linke Hand ging auf Wanderschaft, überquerte seine harte Bauchmuskulatur und erreichte den empfindsamsten Bereich seines Körpers. Im nächsten Moment schlug sie überrascht die Augen auf, als sie spürte, wie sein Glied sich unter ihrer sanften Berührung schon jetzt wieder zu versteifen begann.
»Andersons Möglichkeiten«, rief er ihre Worte in Erinnerung, um sie auf andere Gedanken zu bringen. »Erzähl mir davon.«
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»Ich habe Randolph Anderson in New York kennengelernt«, sagte Trisha. »Es war in einem Musiktheater in Manhattan. Das Stück hieß ›Far West‹, ›Ferner Westen‹, und ich spielte die Hauptrolle, eine Siedlerfrau aus Irland.«
Im Liegen drehte sie den Kopf zur Seite, um Lassiter ansehen zu können. Ihr Blick aus den dunkelbraunen Augen war verträumt, beinahe mädchenhaft schwärmerisch. Beide lagen nach wie vor nackt auf dem Bett und erforschten gegenseitig ihre Körper mit zärtlich tastenden Händen.
»Lass mich raten. Dein Name in dem Stück war Molly Malone.« Lassiter lächelte und erwiderte Trishas Blick.
Sie lachte. »Du machst dich über mich lustig, stimmt's?«
»So etwas würde ich niemals tun«, behauptete er mit ernster Miene.
»Aber du weißt schon, dass Molly Malone eine Fischverkäuferin in Dublin gewesen sein soll. Das Lied über sie ist einer der berühmtesten irischen Folksongs. In dem Stück habe ich es gesungen – unter anderem.«
»Und Randolph Anderson saß in seiner Loge und hat dich angehimmelt«, brachte Lassiter sie auf das Thema zurück. »Bestimmt hat er dir Blumen in die Garderobe geschickt. Oder er hat dich um ein Autogramm gebeten. Oder beides.«
»Mehr als das.« Trisha hörte sich stolz an. »Seine Einladung nach Sioux Falls war mehr als nur eine Einladung. Er wird hier in der Stadt ein eigenes Theater für mich bauen.«
»Als Geschenk?«
»In der Tat. Aber es gibt Bedingungen. Ich muss in allen Stücken, die aufgeführt werden, als Hauptdarstellerin auftreten. Das bedeutet, ich muss immer hierbleiben. Ich kann mich nie von einer anderen Bühne engagieren lassen.«
»Und die hast zugestimmt?«
»Ja. Es sind unsichere Zeiten, Lassiter. Da ist es besser, man hat eine feste Basis.«
»Als was?«
»Als auf den großen Ruhm zu warten. Was das betrifft, habe ich ja noch ein anderes Eisen im Feuer. Deinen Freund Ephraim Harris.« Trisha zwinkerte verschmitzt und ergänzte: »Womit wir bei deinem Thema wären.«
»Weshalb ich nicht will, dass Harris über mich schreibt«, brummte Lassiter. »Ganz einfach. Für mich wäre das so etwas wie Selbstlob – öffentliches Selbstlob, sozusagen.«
Trisha schloss die Augen und öffnete sie wieder. »Aber du schreibst die Romane doch nicht selbst. Es ist doch Harris, der über dich schreibt.«
»Weißt du das? Du kennst diese Dime Novels, die Heftromane. Die haben doch solche Titel wie ›Lassiters Abenteuer in der Todesfalle der Sioux, von ihm selbst erzählt‹. Harris verzichtet in so einem Fall gern darauf, seinen Namen gedruckt zu sehen, solange die Verkaufszahlen stimmen.«
»Ich glaube, das siehst du zu schwarz. Du müsstest sowieso mit Harris und seinem Verlag einen Vertrag abschließen, und darin könntest du festlegen, dass du nicht als Autor genannt wirst.«
»Sondern Harris?« Lassiter atmete hörbar durch die Nase aus. »Dann wüsste trotzdem jeder, dass ich ihm die betreffende Geschichte erzählt haben muss.«
»Das muss nicht sein«, widersprach Trisha. »Es könnte einen Vermerk im Heft geben, dass die Story frei erfunden ist.«
Lassiter schnaufte. »Ich merke, du bist ein Bühnenprofi. Gegen dich komme ich einfach nicht an.«
»O doch. Lass mich dir zeigen, wie.« Ohne Umschweife ergriff sie sein mittlerweile wieder eisenhartes Glied, zog ihn mit sanftem Nachdruck zu sich herüber und geleitete ihn zwischen ihre weit gespreizten Beine. Diesmal blieben sie lange Zeit miteinander vereint und bescherten sich gegenseitig eine ganze Reihe aufeinander folgender Höhepunkte.
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Die Frau war hart wie Eisenholz und kalt wie Gletschereis in den Rocky Mountains. Das hatten Marvin Knowles und Carl Innings bereits gehört, bevor sie Siobhán Mahoney das erste Mal begegnet waren. Nichtsdestoweniger war sie eine Schönheit. Ihr mädchenhaft ebenmäßiges Gesicht hatte die Makellosigkeit und die unschuldige Zartheit einer Fünfzehnjährigen.
Dabei war sie bereits sechsundzwanzig Jahre alt. Sie war eines jener seltenen Beispiele von Frauen, die nach dem Übergang vom Kindes- zum Erwachsenenalter einfach nicht mehr älter zu werden schienen. Ihre blauen Augen waren von geradezu himmlischer Strahlkraft, und ihr unschuldiger Blick verstärkte den schönen Schein ihres jugendlichen Aussehens.
Dennoch wirkte sie zugleich wie eine weibliche Kopie von Buffalo Bill. Ihr naturlederner Reiteranzug war mit zotteligen Fransen besetzt, die braunen Westernstiefel mit stilisierten weißen Blumenmustern verziert. Das weizenblonde Haar lag seidig glänzend über ihren Schultern und reichte bis weit hinab auf den Rücken.
Sie thronte auf einem alten, aber intakten Lehnstuhl. Das eichene Möbelstück mochte einmal einem Steinbruch-Boss gehört haben. Die Wand unmittelbar hinter Siobhán bestand aus massiven Pinienstämmen, wie auch die gesamte Hütte. Es gab zwei Türen zu Nebenräumen.
Das Blockhaus würde wahrscheinlich in hundert Jahren noch stehen, so solide war es gebaut. Der Steinbruch, zu dem es einmal gehört hatte, befand sich am Rand von East Sioux Falls und war schon vor Jahren stillgelegt worden. Aus Ton gebrannte Ziegelsteine waren mittlerweile günstiger zu produzieren und hatten die teureren Granitblöcke zu Luxusartikeln gemacht.
Knowles und Innings hatten Siobhán Mahoney damals in Chicago getroffen. In den Spelunken der South Side hatte die außergewöhnliche Frau nach Männern herumgefragt, die gewillt waren, gegen gute Bezahlung einen heiklen Auftrag zu übernehmen. So hatte sie es genannt.
Die Zahl der Bewerber war groß gewesen. Siobhán hatte sich für die beiden entschieden, die am wenigsten Worte gemacht hatten. Knowles, der Mann mit dem großen dunklen Schnauzbart, redete nur, wenn es einen triftigen Grund dafür gab.
Der blonde Innings gefiel Siobhán vor allem wegen seiner eisgrauen Augen. Sie strahlten eine kühle Sachlichkeit aus, die ihrem eigenen Wesen ausgesprochen nahezukommen schien.
Sie waren sich rasch einig geworden, obwohl die beiden Männer bis heute nicht genau wussten, was die einstige Kunstschützin eigentlich von ihnen wollte. All right, sie hatten den ersten Teil des Auftrags zur Zufriedenheit erledigt, indem sie Ephraim Harris aufgespürt hatten.
Die Erfolgsmeldung hatten sie per Telegramm an Siobháns Hoteladresse in Deadwood geschickt, wo sie sich zu dem Zeitpunkt aufgehalten hatte. Dass Harris nach Sioux Falls unterwegs war, hatten die beiden Kundschafter ihr bereits einen Tag später gemeldet.
Die Kunstschützin war bereits vor ihnen in Sioux Falls eingetroffen. Den Treffpunkt am alten Steinbruch hatte sie ihnen in einem verschlossenen Umschlag genannt und durch einen Botenjungen zum Bahnhof bringen lassen.
Es gab keine weiteren Sitzgelegenheiten in der Blockhütte. Deshalb standen Knowles und Innings vor ihrer Auftraggeberin wie begossene Pudel. Sie hatten ihre Hüte abgenommen und drehten sie zwischen den Fingern.
»Drei Tote«, resümierte Siobhán, nachdem sie den Bericht ihrer Handlanger gehört hatte. In frostigem Ton sprach sie weiter. »Lässt sich von den dreien eine Verbindung zu euch oder gar zu mir herstellen?«
»Nein, Madam«, antwortete Knowles. »Es gibt nichts Schriftliches.«
»Und reden können sie nicht mehr«, ergänzte Innings. »Keiner von ihnen. Auch kein letztes Wort. Alle drei waren sofort tot.«
Siobhán quittierte seine Bemerkung mit einem Nicken und dem Anflug eines Lächelns und entgegnete: »Dieser große Fremde, hat er euch zusammen mit den drei Männern gesehen?«
»Nein«, sagte Knowles überzeugt. »Nachdem er den Town Marshal informiert hatte, fuhr er mit einer Kutsche weiter. Zusammen mit dieser Schauspielerin. Trisha Elfridge. Die beiden wohnen jetzt im Hotel ›Falls View‹.«
»Mhm.« Siobhán sah die beiden Männer nachdenklich an. »Und wer ist der Kerl? Immerhin hat er euren kompletten Schlägertrupp ausgelöscht.«
»Sein Name ist Lassiter«, antwortete Knowles. »Das haben wir von dem Kutscher, der ihn mit Miss Elfridge zum Hotel gefahren hat.«
Siobháns Augen waren groß geworden. »Lassiter?«, hauchte sie und bekam den Mund erst nach einer Weile wieder zu. »Der Regierungsagent?«
»Scheint so«, sagte Knowles und zuckte mit den Schultern. »Nach der Art, wie er mit dem Sechsschüsser umgeht, ist er was Besonderes. Übrigens hat er nur zwei von unseren Leuten getötet. Den dritten – oder besser, den ersten – hat Harris mit seiner Zitronenpresse abgeknallt.«
»Mit seiner – was?«, fragte Siobhán irritiert.
Die beiden Männer grinsten und wechselten einen Blick.
»Das ist so ein kleiner Fünfschüsser«, erläuterte Knowles. »Zum Nachladen kippt man den Lauf ab. Deshalb der Ausdruck.«
»Kennen Sie diesen Lassiter?«, wollte Innings wissen.
»Allerdings«, sagte die Kunstschützin bereitwillig. Sie hatte sich von der Überraschung erholt. »Er hat Buffalo Bills Truppe mal auf einer oder zwei Tourneen begleitet – als Bodyguard für Sitting Bull, glaube ich. Der gehörte damals dazu.« Einen Moment lang verlor sich ihr Blick, dann fragte sie: »Und wo ist Harris?«
»In der Krankenstation bei einem Doc«, erwiderte Innings. »Seinen Namen und seine Adresse müssen wir noch herausfinden.«
Siobhán zog unwillig die Augenbrauen zusammen. »Wieso habt ihr das noch nicht getan? Ich bezahle euch nicht fürs Trödeln.« Ihre Stimme klang wie ein Peitschenhieb.
Beide Männer pressten die Lippen zusammen. Wegen Lassiter wollten sie nicht weiter nachfragen, obwohl sie ahnten, dass die Kunstschützin den großen Mann mehr als nur flüchtig kannte.
Auch diesmal übernahm Innings es wieder, Siobháns Frage zu beantworten. Sie hatten längst festgestellt, dass er bei der Frau noch am ehesten einen Stein im Brett hatte.
»Wir durften kein Aufsehen erregen«, sagte er verzeihungsheischend. »Wenn wir herumgefragt hätten, wäre vielleicht jemand auf die Idee gekommen, sich zu wundern und den Marshal zu verständigen.«
»Es war besser, erstmal den Mund zu halten«, ließ sich auch Knowles vernehmen. »Wo Harris behandelt wird, kriegen wir schnell heraus.«
»Ach, wirklich?«, entgegnete Siobhán spöttisch. »Wie soll das funktionieren, wenn ihr doch den Mund halten wollt? Durch Gedankenübertragung?«
Marvin Knowles wusste keine Antwort. Betreten senkte er den Kopf. Seine Wangenmuskeln arbeiteten, und in seinen Mundwinkeln zuckte es. Zu allem Überfluss lachte die Kunstschützin nun auch noch, und es klang höchst amüsiert. Knowles sah aus, als wollte er sich jeden Moment vor Wut auf die Frau stürzen.
Carl Innings begriff, dass er eingreifen musste – zumindest ablenken. »Treffen wir uns wieder hier?«, fragte er rasch. »Zum Bericht erstatten, meine ich.«
Siobhán sah ihn an, und ihre Gesichtszüge glätteten sich. »In Ordnung«, erwiderte sie. »Es gibt da ein paar Punkte, auf die ihr achten müsst. Am besten zeige ich euch dazu mein Handwerkszeug.« Sie erhob sich von dem Lehnstuhl.
»Vielleicht noch eine Frage?«, sagte Innings vorsichtig.
»Meinetwegen«, murmelte sie, während sie auf die gegenüberliegende Seite der Hütte zuging. Im Winkel neben der Tür standen zwei längliche Transportkisten, außerdem lagen Satteltaschen und Lederfutterale neben den Kisten.
