Last Minute ins Glück - Maya L. Heyes - E-Book

Last Minute ins Glück E-Book

Maya L. Heyes

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Beschreibung

Jenna - Liebespechvogel - Sommer ist jung, hübsch und »allways« in »Trouble«. Denn das Leben einer Freelancerin ist alles andere als »easy to use«! Kurz vor einer geplanten Autorenlesung in Österreich springt eine ihrer Kolleginnen ab, während die andere erkrankt. Die Aussicht auf eine einsame und seeehr lange Autofahrt zwingt Jenna quasi dazu, einen Last-Minute-Flug nach Wien zu buchen ... Welch Glück sie dort erwartet und wie schnell die junge Frau ihren Namen zu Jenna - verliebt-bis-in-die-Zehenspitzen - Sommer ändert, erfahrt ihr in »Last Minute ins Glück

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Seitenzahl: 291

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Roman

Impressum

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

1. Auflage November 2014

© 2014 Maya L. Heyes

www.maya-heyes.de

Ein Werk aus der THG-Buchschmiede

www.THG-Verlag.de

Lektorat: Michèle Rösner & Susan Dimter Korrektorat:

Co. Korrektorat: Valentina Kramer Umschlaggestaltung & Satz: © Heyes Design

www.maya-heyes.de

ISBN: 978-3-73866386-0

Alle Rechte vorbehalten

Dies ist eine fast wahre Geschichte, bei der die meisten Namen und Orte zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte verändert wurden.

Inhalt

Prolog

Kapitel 1 - Jenna

Kapitel 2 - Lean

Kapitel 3 - Jenna

Kapitel 4 - Lean

Kapitel 5 - Jenna

Kapitel 6 - Lean

Kapitel 7 - Jenna

Kapitel 8 - Lean

Kapitel 9 - Jenna

Kapitel 10 - Lean

Kapitel 11 - Jenna

Kapitel 12 - Lean

Kapitel 13 - Jenna

Kapitel 14 - Lean

Kapitel 15 - Jenna

Kapitel 16 - Lean

Kapitel 17 - Jenna

Kapitel 18 - Lean

Kapitel 19 - Jenna

Kapitel 20 - Lean

Kapitel 21 - Jenna

Kapitel 22 - Lean

Kapitel 23 - Jenna

Kapitel 24 - Lean

Kapitel 25 - Jenna

Kapitel 26 - Lean

Kapitel 27 - Jenna

Kapitel 28 - Lean

Kapitel 29 - Jenna

Kapitel 30 - Lean

Kapitel 31 - Jenna

Kapitel 32 - Lean

Kapitel 33 - Jenna

Epilog

Danke

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Lesenswerte Autoren

Prolog

Herbstwetter, Kälte und Regen Ade! Sonne, Freude, Meer und Strand, ich komme!

Endlich – nach gefühlten fünfzig Äonen – darf auch ich mich einmal zu den Glücklichen dazuzählen, die kaum im Jahreszeitenwechsel angekommen einen kleinen Abstecher zurück in den Sommer unternehmen. Aber Fortuna hat mich nicht einfach nur angelacht, sie hat mich tatsächlich auf einen Plausch eingeladen und dabei gleich schön dick aufgetragen. Denn ich – Jenna aka Johanna Lana Sommer – durfte mir gestern einen Last-Minute-Flug nach Fuerteventura buchen und werde diesmal nicht alleine reisen ...

Nachdem mein Koffer vertrauensvoll in die Obhut der Fluggesellschaft abgegeben wurde und ich barfuß durch die Sicherheitsschleuse gegangen bin, beeile ich mich sämtliches, vorher herausgelegtes Hab und Gut zurück in die Tasche zu stopfen und in meine pinkfarbenen Pumps zu schlüpfen.

Wie üblich, wenn ich mich beeile, klingelt mein Handy, ich sehe das in meinem Beruf vielsagende »Anonym« und melde mich ebenfalls wie gehabt nach zwei tiefen Atemzügen mit meinem Nachnamen.

»Sommer?«

»Wiesner ...«, höre ich zur Antwort und spüre, wie der ruhige, mir vertraute und schmerzlich vermisste Bariton warm und sanft in mir widerhallt.»Und? Bist du schon aufgeregt?«

Ich kann gar nicht anders, als meine Anspannung auszuatmen und mein Innerstes stattdessen mit Vorfreude zu füllen, die meine Mundwinkel auf der Stelle nach oben schiebt. »Lass mich raten, du vermutest, dass ich kalte Füße habe?«

Ein tiefes, samtraues Lachen ertönt, welches trotz der verzerrenden Eigenschaft des Telefons unter meine Haut krabbelt.»Falsch. Ich sehe es!«

Sehen?

Wie kann er das denn sehen?

Ist er etwa da? Das kann nicht sein. Seine Maschine landet doch erst in zwanzig Minuten!

Leichte Aufregung macht sich in meinem Inneren breit, als ich mich umdrehe und den Blick so lange schweifen lasse, bis dieser an dem richtigen Mann hängen bleibt.

Eigentlich erwarte ich, dass mein Herz einmal aussetzt, zu rasen beginnt oder dass die vielen Flugzeuge hinter der bodentiefen Glasfront auch eine kleine Runde in meinem Bauch einlegen. Doch nichts dergleichen geschieht. Ihn jetzt schon wiederzusehen lässt lediglich pure Freude aufkommen.

Beim Anblick seines Dreitagebarts erinnere ich mich sofort an das angenehme Kribbeln, welchen dieser auf meiner empfindlichen Haut hinterlassen kann, daran, wie weich seine Lippen sind und ... wie toll es ist, in seinen Armen zu liegen. Es gab keinen Mann zuvor, der mir dasselbe Gefühl geben konnte, eine Empfindung wie eine Zuversicht, die mir sagt, dass ich mich für nichts zu schämen bräuchte, weil er mich so annimmt, wie Gott mich schuf.

Sein Lächeln und den weichen Ausdruck seiner braunen Augen verinnerlichend frage ich mich, ob auch er an die zwei leidenschaftlichen Augenblicke zurückdenkt, in denen wir ausschließlich unsere Körper miteinander sprechen ließen. Und während meine Sinne sich an dem Andenkenpool bedienen und dadurch scheinbar unter seine Kleidung gleiten, schwelge ich in der Vorfreude auf seine Reaktion, wenn ich ihm gleich gestehe, dass ich ihn wie eigens von ihm prophezeit vermisst habe und diese gemeinsame Reise dazu nutzen will, um ihn besser kennenzulernen.

Jene Empfindungen rauben mir auch den Atem, weshalb mein an ihn durch das Telefon geschicktes »Hey, schöner Mann!« kaum mehr als ein Flüstern ist.

»Hey, schöne Frau!«, antwortet die Verkörperung meiner neuerdings sehr detailreichen Träume und erhebt sich von deren Sitzplatz. Gespannte Erwartung bringt das Adrenalin dazu, sich mit den Glückshormonen zu vermischen und mir einen belebenden Schuss zu geben, doch die Wirkung dieser Dopingspritze soll nur von kurzer Dauer sein und vergeht mit einem Schlag, als jemand seitlich hinter mir »Hallo, Sweetheart!« ruft.

Es müssen erst einige Sekunden verstreichen, bis ich begreife, dass ich mir die Stimme keineswegs eingebildet habe und dass es Susan ist, die gerade auf mich zukommt, und nicht etwa eine Fata Morgana.

Wie, woher und warum?

Hieß es nicht ursprünglich, dass diese Reise für zwei gedacht ist?

Nur für ihn und mich?

»Sie kommt mit?«, hauche ich meine Frage ins Telefon, sehe, wie mein Gegenüber mit den Schultern zuckt und reumütig den Blick senkt.

»Es tut mir leid. Ich habe es auch erst vor einer Stunde erfahren und sie nicht mehr abwimm...«

Weiter kommt er nicht, weil ich vorher auflege, das Handy hastig in meine Tasche stecke und meine Freundin in eine herzliche Umarmung schließe. »Hallo, Susan! Ich wusste ja gar nicht, dass du mitkommen willst!«

»Das soll ja auch so sein, was wäre das ansonsten für eine Überraschung?«

Na, diese ist dir wahrlich »gelungen«!, richte ich in Gedanken an sie und wimmere innerlich. Doch eine gute Erziehung und eine noch bessere Portion Selbstdisziplin sorgen dafür, dass ich nach außen hin völlig gelassen bleibe und anstelle einer Miene das breiteste Lächeln aufsetze, welches derzeit verfügbar ist.

Sue nimmt ihren Ehrenplatz in unserer Mitte ein, hakt sich bei uns beiden unter und zieht uns in Richtung des Gates. Und trotz der überdeutlichen Wahrnehmung des eindringlichen Blickes, welchen ich über ihren Kopf hinweg zugeworfen bekomme, ermahne ich mich, den Blickkontakt tunlichst zu meiden.

»Na los, Leute, lächelt doch mal!«, verlangt sie nach einer eingehenden Musterung zu beiden Seiten. »Wir haben nicht umsonst Last Minute ins Glück gebucht ...«

Last minute ins Desasterwürde es meiner Meinung nach besser treffen, ich würde aber eher meine Zunge verschlucken, als es laut auszusprechen. Im Augenblick gibt es nur noch eine einzige Frage, die es zu klären gibt: Womit habe ich das verdient?

Blöd, dass die Antwort eigentlich auf der Hand liegt: Wer gemein genug ist, um die eigene Freundin zu betrügen, sollte sich nicht wundern, wenn auch sie einen aufs Kreuz legt. Denn es heißt nicht umsonst, dass es nichts Gewöhnlicheres auf Erden gibt, als jemanden zu betrügen und im Anschluss dazu betrogen zu werden.

Aber Sie fragen sich jetzt bestimmt, wie ich – eine im Grunde brave, liebenswürdige, treue Seele – dazu gekommen bin, so etwas Heimtückisches zu machen?

Nun, das war in etwa so ...

Kapitel 1 - Jenna

Kaomas Lambadaträllert aus den kleinen Ohrstöpseln, mit deren Hilfe ich den Flughafenlärm und somit meine eigene Aufregung bezüglich der anstehenden Reise ausblende. Den kurz vor knapp – wenige Stunden vor dem Flug – erstandenen quietscheentengelben Koffer, welchen ich anstelle von Kleidung mit Büchern gefüllt habe, ziehe ich den Rollen sei Dank hinter mir her, während die Trageschlaufe meiner ebenfalls mit geschriebenen Worten prall gefüllten Schultertasche gefühlsmäßig gerade dabei ist, mein Schlüsselbein entzweizubrechen.

Als ich innehalte und das gute, schwarzweise »Converse«-Stück für einen Augenblick anhebe, um meinen Nacken zu entlasten, kommt mir plötzlich die Aussage meiner besten Freundin Nelo in den Sinn:»Du bist wirklich buchverrückt, Jenna!«

»Warum das denn?«, erkundigte ich mich leicht geistesabwesend und fragte mich, ob ich mehr Sachen in den bereits zum Platzen gefüllten Koffer reingestopft bekomme, wenn ich diese entweder auf ein Buchformat zusammenfalte oder aber zu kleinen Rollen zusammendrehe.

»So wie ich dich kenne, denkst du gerade darüber nach, worauf du verzichten kannst, denn wer sonst würde eher auf Schuhe und Ersatzsachen verzichten, als auf Bücher?«

»Schuhe? Pft ... Wer braucht so was?«, habe ich sie daraufhin gefragt und das Telefon mit nunmehr eingeschaltetem Lautsprecher auf den Boden gelegt.

Nelo lachte laut auf.»Jenna und Hosen? Ach Quatsch!«, zischte sie gespielt abfällig und betonte wie immer das »tsch« am Ende.»Schicke Unterhosen tun’s doch auch!«

»Eben!«, stimmte ich auf der Stelle voller Ernst zu, riss meinen Blick von dem schweren Puzzle und fokussierte ihn stattdessen auf die Frau im Spiegel.

Sie – also ich – schaute gestresst aus, trug wie immer eine ihrer Sporthosen, ein viel zu weites TOP und als Krönung dazu eine Frisur à la alter Hausbesen, dafür aber null Make-up.

»Soll ich dir was sagen?«, fragte ich. »Du hast mich jetzt auf eine Idee gebracht! Ich nehme nur eine Unterhose mit, weil man die ja im Fall der Fälle wenden kann. Im Übrigen lasse ich auch alles andere Zuhause. Die Schminke trage ich im Gesicht und meine Dreadlocks sind groß genug, um die Haarbürste in ihnen zu transportieren.«

Exakt eine Sekunde war verstrichen, bis wir beide losprusteten und ich mich samt aufgehobenem Telefon auf den Rücken legte. Meine Bauchmuskeln krampften sich schmerzhaft zusammen, als Nelo immer wieder nachlegte, mich gedanklich in einen Wollstrickpulli, obendrauf in ein Abendkleid und im Anschluss dazu in einen Bademantel steckte.

Unabhängig davon, wie verrückt das Bild in meinem Kopf wurde, stimmte ich allem zu, und dies führte unweigerlich dazu, dass wir den typischen »Hör auf, ich hab Pipi in den Augen und mach mir gleich in die Hosen«-Ausruf austauschen mussten.

»Bitte ... Kriege ich davon ein Foto ...?«, winselte Nelo dann zwischen zwei Lachkrämpfen und ich sah förmlich vor mir, wie sie sich in ebendiesem Augenblick die Lachtränen aus den Augenwinkeln wischt.

Zunächst wortlos nickte ich die weiße Schlafzimmerdecke an. »Sobald ich fertig bin – also mit den Nerven –, schicke ich dir eins.«

Ein Kichern und leises Grunzen später äußerte Nelo noch einen Wunsch.»Okay! Aber mach bitte möglichst ein ›Ganzkörperspiegel-Selfie‹!«

»Jawohl!«, gelobte ich feierlich, wobei nur noch die Fingerspitzen meiner rechten Hand an den Schläfen fehlten, um den militärischen Gruß zu perfektionieren. »Und nun wünsche ich dir was, mein Schatz.«

»Ich dir auch! Und falls wir uns morgen nicht mehr lesen, hab gaaaaaaaaaanz viel Spaß im Ösiland!«

»Wir hören beziehungsweise lesen uns. Gute Nacht, Süße!«

Je humorvoller die Theorie, desto schwerer ist sie in der Umsetzung. Noch bevor ich aufgelegt hatte, stand sowohl für mich wie auch für meine Freundin fest, dass ich diese zum Spaß gemachten Versprechen brechen werde. Zum einen habe ich selbstverständlich saubere Unterwäsche eingepackt, wenngleich in der Tat keine einzige Hose. Zum anderen habe ich meine braunen Haare geglättet und den Kamm zusammen mit der Kulturtasche in den Koffer gepackt. Deswegen gab es auch nicht viel, was ich hätte fotografieren können.

Nur eines traf ein: Ich war noch vor meinem Abflug aus Frankfurt gestresst, übermüdet und dementsprechend wie angekündigt fertig mit den Nerven. Dazu kam zuerst ein Gate-Wechsel fünfzehn Minuten vor Abflug nach München, anschließend eine Verspätung um fünfundvierzig Minuten, derentwegen ich beinahe den Anschlussflug nach Wien verpasst hätte, dem folgte ein in vielerlei Hinsicht turbulenter Flug und im Anschluss dazu die kurze Fahrt in einem schwarzen Bentley zu dem Flugzeug, den ich eine Stunde später verlassen und zeitgleich erstmals österreichischen Boden betreten habe.

Nun, da wären wir also!

Als ob ich ein VIP-Fluggast wäre, begleitet mich die Chefstewardess bis zum Ausgang, wo mich der leicht verdatterte Gesichtsausdruck meiner zweiten Freundin und Kollegin Susan in Empfang nimmt.

»Hallo, Süße!«, begrüßt sie mich, sobald der erste Schock nachlässt, und zieht mich in eine herzliche Umarmung, in die ich entkräftet hineinsinke.

»Hallo, Liebes! Mann, wenn du wüsstest, wie froh ich bin, heil angekommen zu sein!«, gestehe ich und mustere sie erst danach.

Ihr langes, dunkles Haar hat sie zu einem hohen Pferdeschwanz zusammengebunden, die dunklen Augen wie immer schön durch ordentliche Kajalstriche in Szene gesetzt und die schlanke, aber dennoch kurvenreiche Statur in schicke Kleidung gepackt.

»Der Flug war anstrengend, oder?«, rät sie, deutet dann aber ohne eine Antwort abzuwarten auf den gelben Koffer hinter mir. »Süß! Gab es den auch in einer weniger auffälligen Farbe?«

»Ja, klar, gab es das!«, nicke ich und werfe meinem neuerdings besten und liebsten Stück einen sicherlich nahezu zärtlich besorgten Blick zu. »Aber ich bin im Nachhinein mehr als zufrieden mit meiner Wahl, welche glücklicherweise auf ihn gefallen ist. Dieser Farbe haben wir zu verdanken, dass er uns nicht abhandengekommen ist. Nicht auszumalen, was wir andernfalls gemacht hätten ...«

»Oh, ohne unsere Bücher brauchen wir da morgen überhaupt nicht aufzutauchen. Recht hast du!«, versteht sie auf Anhieb und rümpft genauso die Nase, wie es für sie üblich und kennzeichnend ist, bevor sie mir ein strahlendes Lächeln schenkt. »Na, was ist?«, fragt sie nun. »Sollen wir zwei hübschen heimfahren und dem gekühlten Champagner Gesellschaft leisten?«

»Sofa, Nüsschen und Alk?«, bedenke ich und verfluche den Umstand, dass die Fähigkeit sich zu teleportieren mir vergönnt bleibt. Nur gut, dass es niemanden mehr gibt, der mir den meist überschwänglichen Ausdruck meiner Gefühle verbieten könnte, weshalb ich Susan einen freundschaftlich verliebten Blick zuwerfe und meine Hand auf ihrer Armbeuge ablege.

»Das war eine gute Idee von mir, huh?«, rät sie grinsend.

»Aber so was von!«, erwidere ich. »Wärst du ein Mann, stünden deine Chancen, mich ins Bett zu kriegen, allein deswegen bereits siebzig zu dreißig!«

Sue lacht schallend auf. »Ich werde es mir merken und deine Gebrauchsanleitung den richtigen Leuten anvertrauen«, verspricht sie, bevor wir in die septemberliche Abendkälte Wiens hinaustreten und uns auf den Weg zum Parkplatz machen.

Ein jeder Autor teilt mal bewusst, mal unbewusst alle Leute aus seiner Umgebung in drei Gruppen auf: Kunden, Kollegen und Kontrahenten.

Zu der ersten Gruppe – die aus Kunden besteht – gehören sowohl alle Leser wie auch Lektoren, Korrektoren, Freunde und Verleger.

Zu der zweiten – die alle Kollegen beherbergt – zählen Blogger, andere Autoren, Journalisten und erste Betas.

Die letzte Gruppe setzt sich aus dem Rest zusammen, weil jeder, der nicht dein Leser oder ebenfalls ein Autor ist, wird dich früher oder später für dein Tun verurteilen. Am meisten waren mir die Leute zuwider, die sich irgendwann hinstellen und den berühmten Satz »Ach, so einen Roman wollte ich auch schon mal schreiben!« an den Mann bringen.

Früher habe ich noch den Versuch unternommen, klarzustellen, dass einen Roman zu schreiben harte Arbeit ist, die gerade in der heutigen Zeit neben einer eventuellen Wortgewandtheit auch noch Durchhaltevermögen und eiserne Disziplin voraussetzt. Heutzutage weiß ich es besser, lächle stur und sage: »Lass es mich wissen, wenn er fertig ist!«

Sue gehört eindeutig in die zweite Kategorie, wobei wir auch unsere Bücher gegenlesen und von daher immer genug Gesprächsstoff haben. Und wenn es nicht gerade um ein neues Buch geht, dann um das Ranking auf den Verkaufsplattformen, mögliche und angestrebte Werbemaßnahmen, schlechte und gute Rezensionen und um die Blogkontakte. Deswegen merke ich weder, wie die Zeit verrinnt, noch kriege ich etwas von der Schönheit Wiens mit, als wir auf dem Weg nach Mödling daran vorbeifahren. Erst als wir parken, erlaube ich es unserer Umgebung, in meinen Aufmerksamkeitsradius zu rutschen.

Neidlos, dafür aber mit steigender Neugierde bewundere ich die ordentlich gestutzten Hecken, mit weißen Steinplatten ausgelegten Gehwege und schmiedeeisernen Tore. Auch ohne einen Blick ins Innere der Häuser zu werfen, weiß ich, dass hier nur wohlhabende Leute leben.

»Vorsicht Stufen!«, warnt mich Sue, öffnet eines der Tore und geht mir voraus die Treppe hinauf. Kaum die Glastüren aufgesperrt und mich eingelassen, werde ich grob eingewiesen, wo was ist, bekomme Hausschuhe angeboten, werde zig Mal nach meinem Befinden befragt und muss tatsächlich zuerst anschauen, ob das Bett so in Ordnung geht, bevor sie mich ins große Wohnzimmer führt und auf dem Sofa Platz nehmen lässt.

Zugegeben: Erst hier beginne ich mit der eigentlichen Erforschung meiner Umgebung, stelle fest, dass das Mauerwerk selbst alt, die Einrichtung aber sehr modern gewählt ist und dass die Fenster alle sehr groß und die Holzrahmen dunkel sind.

Die luftigen, hellen Vorhänge bauschen sich auf, sobald Susan eines der Fenster aufmacht und sich eine Zigarette anzündet, und ich beobachte wie gebannt, wie sie diese zwischen ihren manikürten Fingern einklemmt, eine Flasche »Frizzante« öffnet und zwei Sektflöten füllt.

»Auf dein Kommen!«, prostet sie mir anschließend zu.

»Auf unser Gelingen!«, antworte ich möglichst leise und stoße mit ihr an.

»Warum flüsterst du?«, fragt Sue, lehnt sich vor, zieht das Schälchen mit den Nüssen näher heran und nimmt sich eine Handvoll raus.

»Ich will deinen Mann nicht aufwecken.«

Lächelnd winkt sie ab. »Unsinn! Der hört uns nicht.«

»Sicher?«, hake ich nach.

»Absolut! In unserem Schlafzimmer hört man nichts von dem, was hier los ist. Selbst wenn Leander spielt ...« Sie deutet mit dem Kinn auf das Klavier zu meiner Linken.

»Oh, dann ist ja gut!«, atme ich erleichtert aus.

Kurzerhand stehe ich auf und fahre mit den Fingern über die glatte, schwarze Oberfläche des in meinen Augen schönsten Musikinstruments, seit es elektronische Pianos gibt. »Ich finde es zum Dahinschmelzen, wenn Männer spielen!«, eröffne ich und weihe Sue somit unbewusst in meine verborgenen Gedanken ein.

»Geht mir genauso ...«, gesteht sie.

Mein Blick fällt auf eine Gitarre, die neben einem Stapel vergilbter Notenblätter und ledergebundener Bücher an das Instrument gelehnt steht. »Auch seine?«

»Mhm. Aber Klavier spielt er viel besser.« Mein Zeigefinger gleitet zusammen mit dem Blick bis hin zu einer Spielekonsole, die unter dem riesigen Flachbildfernseher im Lowboard steht. »Und die beherrscht er noch besser!«

»Männer«, bedenke ich mit einem Schulterzucken und stimme in Sues darauffolgendes Lachen mit ein.

Bevor ich dem Spieleck von Sues Mann den Rücken zukehre, fallen mir ein paar Bilder auf, besser gesagt die schokoladenbraunen Augen eines kleinen Jungen, der auf seinen kleinen Ärmchen aufgestützt in die Kamera blickt, und ich verstehe anhand der Haltung seiner Finger, dass das nur Leander sein kann.

Man mag mich für verrückt erklären, aber bereits in diesem zuckersüßen Alter hat man ihm ansehen können, dass der Junge eines Tages musikbegabt sein wird. Und ja, es gibt da einige Fragen, die ich gerne stellen würde, mein Taktgefühl greift aber noch rechtzeitig ein.

»Soll ich dir die Manuskripte geben?«, frage ich stattdessen. »Becky hat deine Bücher fertig lektoriert und dafür gesorgt, dass sie unmittelbar vor meiner Abreise im Briefkasten landen.«

»Oh ja! Lass uns reinschauen!«, stimmt Sue mit wachsender Begeisterung zu.

Ich hole mein gelbes Wunder aus dem Flur und aus ihm gleich ein Geschenk an Sue – ein Armband mit Silberelementen zu ihrem Buch, welches ich ihr auf ihrem Manuskript gebettet zusammen mit der verrückten Geschichte serviere, wie ich mich aus der Economy in die First Class »geschummelt« habe ...

Kapitel 2 - Lean

Ein glockenähnlicher Klang weckt mich auf, und ich brauche eine gefühlte Ewigkeit, bis ich begreife, wo es herkommt und noch eine weitere, bis es außer Frage steht, dass ich unmöglich weiterschlafen kann.

Normalerweise macht es mir nichts aus, wenn Sue Besuch bekommt und ich durch schallendes Gelächter geweckt werde, weil ich mich sonst immer einfach nur auf die andere Seite drehen und die Augen zumachen muss, um in den Schlaf zurückzufinden. Diesmal ist alles anders ...

Ich kann nicht genau sagen, was das für eine neuartige Stimme ist, die gerade in meiner Mitte spricht und mich dazu auffordert aufzustehen, und wenigstens mit einem Auge ins Wohnzimmer zu spitzeln. Jedenfalls fordert sie mich unentwegt dazu auf, dass ich mir ein Glas Wasser, ein Stück Schokolade oder eine Scheibe Wurst aus der Küche hole, oder aber alternativ dazu die bereits ausgelesene Zeitung vom Tisch ... egal was, Hauptsache, ich bewege meinen von jetzt auf gleich putzmunteren Hintern in die Richtung, aus der das schöne Lachen herkommt.

Selbstverständlich versuche ich mich dagegen zu wehren, ja, sogar gegen den Drag anzukämpfen, indem ich mir das Kissen über den Kopf ziehe, aber es ist bereits zu spät. Es greift dasselbe Phänomen wie dann, wenn ich eine interessante Melodie höre: Einmal aufgeschnappt, kriege ich sie so lange nicht aus dem Kopf, bis ich herausgefunden habe, von wem sie stammt. Nur mit einem Unterschied: Diesmal kenne ich den möglichen Namen des Urhebers, habe – genau genommen – sofort zwei Bilder im Kopf, bin aber dennoch verwundert darüber, weil Stimme und Bilder nicht zusammenpassen.

Bevor ich gänzlich durchdrehe, werfe ich die Decke zur Seite und hüpfe vom Bett. Der Boden fühlt sich unangenehm kalt unter meinen nackten Fußsohlen an, und mir wird erst jetzt bewusst, warum ich das Lachen überhaupt gehört habe: Das Fenster ist gekippt.

Die neue Begleitung meiner früher angenehm einsamen Gedanken hat dafür nur einen Kommentar übrig: Was spielt das jetzt noch für eine Rolle?

Gar keine, recht hast du!

Weiches Licht dringt durch den Glaseinsatz der Tür und erhellt meinen Weg zum Esszimmer, wo ich angekommen erst einmal stehen bleibe und lausche.

»... rannte fast zu einem anderen Terminal. Und ich habe Gott förmlich darum gebeten, dass er für eine kleine Verspätung sorgt«, erzählt Sues Freundin jedes Wort davon betonend und wild gestikulierend. »Als ich dann dank dem Torpedo am Hintern, welcher offenbar aus Zeitnot gewachsen ist, dennoch rechtzeitig ankam, sah ich, dass alle Passagiere sitzen, bedankte mich ganz brav beim Herrgott, legte die Tasche ab und wollte mich gerade setzen ... Also du weißt schon, ich war gerade dabei, mit dem Allerwertesten die Sitzfläche abzuknutschen, als die nächste SMS kam.«

»Nein!«, lacht Sue. »Lufthansa?«

Neben der Tür zum Wohnzimmer angekommen, spähe ich in den winzigen Spalt, muss aber zu meinem Verdruss feststellen, dass unser Gast dieser den Rücken gekehrt hat. Ich bekomme den Wunsch, mich selbst dafür zu ohrfeigen, dass ich nicht besser aufgepasst habe, als Sue mir heute Nachmittag erzählt hat, dass eine ihrer Kolleginnen abgesprungen und eine andere im Krankenhaus gelandet ist. Hätte ich ihr wenigstens mit einem Ohr zugehört, wüsste ich zumindest, ob das hier Johanna oder Zsofia ist.

»Genau die!«, nickt Fräulein X derweil. »Und weißt du, was in der tollen SMS stand?«, fragt sie in einem verschwörerisch flüsternden Ton. »Dass mein Flug sich um fünfundvierzig Minuten verspätet! FÜNFUNDVIERZIG Minuten!!!«

»Oh, Süße! Wann lernst du endlich, deine Wünsche ein wenig konkreter auszudrücken?«, fragt Sue und schüttelt der Dramatik wegen den Kopf.

Wann lernst du, liebste Sue, deine Freundinnen beim Namen anzusprechen?, grummele ich in Gedanken.

»Da bittest du also um ein paar Minuten und der liebe Herrgott hat daraus fast eine ganze Stunde gemacht? Sorry, aber das ist einfach zu geil!«, bemerkt sie und wischt sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel.

Eher zum Haare raufen!, kommentiere ich munter weiter, weil es in der Tat zum Verzweifeln ist. Ich jongliere nun mit den zwei möglichen Namen und gleichzeitig auch mit zwei unterschiedlichen Gefühlen.

Zsofia ist an ein harmloses »Beruhige dich und geh ins Bett zurück!«-Gefühl geknüpft, während Johanna – und das gebe ich nur zu ungern zu – soviel bedeutet wie: »Bleib stehen und genieße jede Sekunde!«

»Wenn du das schon witzig findest, weiß ich nicht, was du zu dem Rest sagen wirst ...«, grübelt Fräulein X und schmiegt ihre Finger an den Stiel des Champagnerglases. Der Anblick und die Ahnung, wie zärtlich ihre Fingerkuppen gerade über die glatte Oberfläche gleiten, lassen mich schwer schlucken. Unddasist wahrlich eine Premiere!

Ich frage mich sogar, ob dies alles nicht einfach nur ein Traum ist, weil ich in der Realität unmöglich auf so eine Nichtigkeit reagieren kann!

Aber es ist keiner.

Dies geschieht wirklich!

Ich – Leander Immanuel Wiesner – stehe halbnackt im Esszimmer, belausche Sue und ihre Freundin und tüftele bereits den perfekten Plan aus, wie ich die eigens auferlegte Grenze überschreiten kann, ohne es – wie erst kürzlich gehabt – in einem Drama enden zu lassen ...

Kapitel 3 - Jenna

Eigentlich sollte ich müde sein und Sue eine »Gute Nacht« wünschen, aber es ist gerade so angenehm mit ihr zusammenzusitzen, über mein kleines Abenteuer zu lachen und den Perlwein zu schlürfen. Das Leben bietet mir nur selten die Gelegenheit, dass ich mit jemandem abgesehen von meiner Freundin Nelo ausgehen, mich gut unterhalten und hemmungslos zu tief ins Glas schauen kann. Und wenn ich bedenke, wie wenig Nahrung ich heute zu mir genommen habe, ist da auch dieses Gläschen »Frizzante« bereits zu viel!

Meine liebreizende Gastgeberin amüsiert sich aber köstlich darüber, als ich ihre Vorstellungskraft versorge, indem ich ihr erzähle, wie und was alles bei meiner Abreise schiefgelaufen ist. Am auffälligsten wird aber ihr plötzlicher Stimmungsumschwung, sobald ich meinen Leidensgenossen wider Willen erwähne ...

»Nach einem stummen ›Danke, dass du mal wieder maßlos übertreiben musstest!‹, welches ich an Gott richtete, schnappte ich mir meine anstelle von Backsteinen mit deinen frisch ausgedruckten und lektorierten Manuskripten befüllte Tasche und rannte zum Flugsteigschalter«, erzähle ich.

»Wolltest du deinen Flug umbuchen?«

»Fast! Ich wollte erstmal nachfragen, ob meine Information überhaupt stimmt, weil sie doch andauernd diese Durchsagen machen ...«

»Ach so. Ja, die halten selten die Klappe, wenn es was zu melden gibt.«

»So ist es, und ich wunderte mich darüber, dass die Verspätung noch nicht verkündet wurde. Jedenfalls stand ich da vor dem Schalter und spürte, kaum dass ich die SMS erwähnt hatte, wie sich die Blicke der anderen Reisegäste in meinen Rücken bohrten.« Sue lacht zwar, aber ich lese auch Mitleid von ihrem Gesicht ab. »Anstelle einer Antwort auf meine Frage nach dem Anschlussflug bekam ich also einen vorwurfsvollen Blick zugeworfen und musste warten, bis die Frau die Durchsage macht.«

»Und was war dann?«, hakt sie ihrer Ungeduld zuliebe nach.

»Gleich nachdem das Wort ›Wien‹ gefallen war, tauchte hinter mir ein Kerl auf, der mir völlig ungeniert auf die Pelle rückte und nach einem Blick auf mein Ticket verkündete, dass auch er nach Österreich muss! Mit dem wurde ich dann zu einem anderen Schalter geschickt, wo uns die Mitarbeiterin bekannt gegeben hat, dass alle Direktflüge ausgebucht sind und wir entweder das Flugzeug erwischen oder aber in München übernachten würden.«

»Lass mich raten ...«, verlangt Sue und schürzt die Lippen. »... der Typ hat sofort seine Chance gewittert und sich bei dir mit einem Kaffee eingeschleimt?«

Mein Kopf verfällt bereits nach den ersten Tönen in ein heftiges Nicken. »Er hat sich als Georg vorgestellt, auf mein Raten hin, ob er ein Versicherungsmakler sei, angenommen, dass ich für die CIA arbeite und ganz brav den Korb kassiert, als ich klarstellte, dass zwischen uns nichts laufen wird.«

»War er nicht dein Typ?«, fragt Sue und nimmt sich noch eine Handvoll Nüsse aus der Schale heraus. Dies wird zu dem Moment, in dem ich mich frage, ob ich sie daran erinnern sollte, dass es auch noch einen gewissen Loki gibt ...

Loki!

Allein der Name ist doch schon Programm, oder?

Meiner Meinung nach und allein wegen des Bildes, welches dieser Name in meinen Kopf malt, muss er ein sehr interessanter Mann sein. Das wusste ich aber bereits seit dem Augenblick, als ich zum ersten Mal seine Stimme hörte.

»Komm schon, Jenna! Mach doch bitte die Kamera an!«, verlangte er abermalig während einer geselligen Skypesitzung mit Sue und ihrem Mann. »Ich will dich sehen.«

»Glaub mir, das willst du nicht!«, sagte ich und schüttelte unnötigerweise den Kopf. »Ich schaue furchtbar aus. Beziehungsweise so, wie Autoren in ihren kreativsten Phasen ausschauen.«

Sues Lachen ertönte und Loki stimmte mit ein. Und ja, was für einen Grund hätte ich, um mich selbst zu belügen? Mir gefiel auf Anhieb, was ich hörte. Ebenso, wie es mir schon immer imponiert hat, wenn Männer direkt sind und ihre Wünsche ausdrücken können.

»Besser wäre doch, wenn ich mich an deinen Anblick jetzt schon gewöhne und nicht erst, wenn wir verheiratet sind«, bedachte er. »Meinst du nicht?«

»Äh ...«, zog ich heraus und spielte derweil mit einem losen Faden an meiner hellblauen Sporthose. »Würdest du wirklich jemanden heiraten, den du nicht kennst?«, fragte ich dann und hätte mir am liebsten auf der Stelle mit der flachen Hand an die Stirn geklatscht.

Wer wäre schon so blöd, um ausgerechnet so etwas zu fragen?

Na, niemand außer mir natürlich!

»Hey, Dear, ich habe alle deine Bücher gelesen! Selbst die schnulzigsten ... Wer, wenn nicht ich, hat also das Recht zu behaupten, dass er dich kennt?«

Mir blieb kurz die Spucke weg. Noch nie hatte sich jemand durch alle meine Bücher gekämpft, was unter anderem daran lag, dass ich mich auf kein Genre festlegen konnte.

Pardon, ehrlicher wäre die Aussage, dass ich das überhaupt nicht wollte!

»Du musst dich wirklich vorsehen, Süße!«, warnte mich Sue. »Der werte Herr heult mir schon seit Wochen die Ohren voll!«

»Spätestens, wenn der Schicksalswind dich herweht, lerne ich dich kennen und bringe dir gleich bei, mich zu lieben«, mischte sich der Besagte ein. »Dann werde ich dir auch zeigen, was ich Schönes aus deinen Büchern gelernt habe ...«, prophezeite Loki und sorgte dadurch nicht nur für den Ausbruch einer heftigen Gänsehaut, sondern auch noch dafür, dass längst vergessene Gelüste in mir zum Leben erwachten.

Seitdem sind bereits zwei Monate vergangen, dennoch hatte ich sofort Lokis raue, dunkle Stimme im Kopf, als Susan mich zu der Lesung eingeladen hatte. Um ganz ehrlich zu sein, habe ich mich sogar mehrmals gefragt, ob diese Veranstaltung nicht extra dazu organisiert wurde, damit mein (un)heimlicher Verehrer endlich das bekam, was er vermeintlich so sehr wollte.

Diese Idee würde jedenfalls seine romantische Ader bezeugen, von der er behauptet hatte, dass es sie gibt.

»Nein, Georg war vielleicht einstmals mein Typ – vorseinenzehn Jahren oder so. Aber heute ist er eindeutig zuverheiratet, um mir zu gefallen!«, erkläre ich und trinke den letzten Schluck aus.

»Na, macht nichts, Süße!«, tröstet mich Sue und tätschelt meine Hand. »Österreich hat viel zu bieten und vielleicht findest du gerade hier einenwenigerverheirateten und viel mehr zu deinem Geschmack passenden jungen Mann!?« Dies lässt sie wie eine Frage klingen, wodurch der Satz immer wieder von meinen leicht benebelten Gedanken aufgegriffen und wiederholt wird.

Die witzigsten Details an meiner Geschichte behalte ich vorerst für mich, weil wir ohne es auszumachen beide aufstehen, die paar wenigen Sachen vom Couchtisch abräumen und sie in die Küche bringen. Sue – die komischerweise seit dem Augenblick zufrieden dreinlächelt, in dem ich den »Korb« erwähnt habe – drückt mir nur noch ein »Gute Nacht«-Bussi auf, schlägt vor, die LED-Leuchten in der Küche anzulassen, damit ich mich orientieren kann, und geht ins Bett.

Ich verzichte darauf, meine Hand zum Lichtschalter zu führen, tausche nur schnell die Kleidung gegen mein T-Shirt aus – das einzige Kleidungsstück, abgesehen von dem pinken Top und der Unterwäsche, welches ich mitgenommen habe – und öffne kurz mein Laptop.

Es ist bestimmt eine Autorenkrankheit oder einfach nur meine verrückte Art, aber auch an einem Tag, an dem ich gar nichts zu »Papier« habe, muss ich vor dem Schlafengehen die letzten geschriebenen Absätze lesen. Heute sind es nur ein paar Zeilen, weil es von meinem nächsten Roman nur die ersten Worte gibt. Dafür lese ich die gleich zweimal, lenke anschließend meinen müden Blick auf die Uhrzeit – 04:03 – und klappe mein MacBook zu, ohne dem was hinzuzufügen.

Mit dem festen Vorhaben, jede Sekunde zu genießen, schmiege ich meine Wange an das frisch duftende Kissen mit einem Bezug, auf dem alle wichtigen Darsteller aus dem Zeichentrickfilm »Findet Nemo« abgebildet sind, und schließe die Augen.

Kaum geschehen höre ich aber urplötzlich ein Gurren, daraufhin ein Rattern und zu guter Letzt ein Zischen, durch welches ich das Geräusch endlich als eine Kaffeemaschine enttarne.

Hat Susan etwa beschlossen, sich einen Schlummerkaffee zu machen?

Ich meine, verrückt sind wir Kreativlinge alle, dennoch kommt mir dieses Vorhaben nahezu irrwitzig vor.

Obwohl ich die neue Geräuschkulisse für meine Träume am liebsten ignorieren würde, ist die Neugierde stärker, weshalb ich zur Sofakante robbe und mein MacBook aufklappe.

Das helle Licht des Displays blendet mich augenblicklich, und ich staune nicht schlecht, als ich statt der erwarteten »4« eine »6« bei der Stundenanzeige ausmachen kann. Da hilft es auch nicht, dass ich mir die Augen reibe. Ich habe tatsächlich, ohne es bemerkt zu haben, zwei Stunden lang geschlafen ...

Schwerfälliger als üblich, stemme ich mich auf, tapse auf die Tür zu und habe bereits die kalte Messingklinke in der Hand, als mir in den Sinn kommt, dass es genauso gut Susans Mann sein kann, den ich gleich antreffe. Aus diesem Grund mache ich vorerst eine Kehrtwendung, ziehe mich an und nehme meinen Kulturbeutel aus dem Koffer, den ich unter den Arm klemme und nach mehreren tiefen Atemzügen nicht nur ins Esszimmer, sondern in den Aufmerksamkeitsradius eines jungen Mannes platze.

Augenblicklich von einem eindringlichen Blick in Beschlag genommen, höre ich nur ein erstauntes»Holla die Waldfee!«durch meine Gedanken sausen, bevor ein wenig geistreiches »Eh ... Hallo!« meinen Mund verlässt.

»Guten Morgen!«, antwortet er und beschwört durch seine tiefe und warme Stimme Gänsehaut pur.

Das Erste, was mir in seinem Gesicht auffällt, sind die Lippen, welche zwar einen leicht harten, aber dennoch unglaublich sinnlichen Zug haben. Dicht gefolgt, versinke ich in seinen schokoladebraunen Augen, die jeweils von einem beneidenswerten Wimpernfächer umrahmt sind und ebenso wie das Paar dunkler Augenbrauen das bemerkenswert schöne Antlitz zu einem optischen Leckerbissen machen.

Ein kleines Grübchen am Kinn lässt mich ahnen, dass es immer dann Gesellschaft von zwei weiteren bekommt, sobald er lächelt, während der ernste Ausdruck, seine Brille mir einem breiten, schwarzen Rahmen und die dunklen Haare dafür sprechen, dass er es viel zu selten macht.

Wie viele Sekunden verstreichen, bevor ich mir einen geistigen Arschtritt verpasse, stolpernd auf ihn zugehe und ihm die Hand reiche, kann ich nicht genau sagen. Ebenso, wie ich nicht wirklich einordnen kann, wie viel Zeit vergeht, sobald er sich von seinem Stuhl erhebt, mich mindestens um einen Kopf überragt und diese ergreift.

Erst, als er sich als »Leander« vorstellt und mir dadurch in Erinnerung ruft, dass ich gerade dabei bin, den Mann meiner Freundin anzusabbern, gelingt es mir, den Bann zu brechen, ein verbindliches Lächeln aufzusetzen und »Johanna« zu sagen.

»Johanna?«, wiederholt er ungläubig und mustert mich mit schiefgelegtem Kopf, nachdem ich nicke. Und ja – verdammt –, auch dieser Blick geht mir durch Mark und Bein und lässt meine Knie weich werden.

Was soll ich schon sagen, außer: »WOW! Da hat sich Sue aber ein Prachtexemplar geangelt!«

Kapitel 4 - Lean

Johanna ... Es ist tatsächlich sie und – da schlag doch Gott den Teufel tot – kein Wunder, dass ihr Lachen mich aufgeweckt hat, wenn doch ihre Schönheit vermag, mich mitten ins Herz zu treffen und in die Knie zu zwingen!

Ihre grünen Augen ähneln denen einer Katze, das Lächeln könnte dem von Julia Roberts ernsthafte Konkurrenz machen – zumal es wirklich um einiges niedlicher ist – und überhaupt hat sie so ein sympathisches Wesen, dass man sie am liebsten knuddeln oder abknutschen würde. Oder eben beides gleichzeitig, wenn man(n) es denn hinkriegt.

Ich weiß jetzt schon, dass mir absolut egal ist, was Sue dazu sagt, aber alles an dieser Freundin von ihr ist es wert, sämtliches Hab und Gut zu riskieren. Eher würde ich daran zugrunde gehen, als es nicht zu versuchen!