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Manchmal braucht die Liebe ein paar Dekaden für ein Happy End ...
EIN VERSPRECHEN
Im Alter von dreizehn Jahren sind die besten Freunde Eleanor und Fin unzertrennlich. Überzeugt davon, dass das immer so bleiben wird, schließen sie einen Pakt: Sie wollen zusammen zur Uni gehen, immer in der Nähe des anderen wohnen und heiraten, wenn sie mit 35 noch Single sind.
ZWEI JAHRZEHNTE
Eleanor und Fin haben seit fünfzehn Jahren nicht mehr miteinander gesprochen. Das Leben ist ihnen dazwischen gekommen, und sie sind beide weit von dem entfernt, wovon sie vor all den Jahren geträumt haben.
DIE GROSSE LIEBE?
Durch tragische Umstände tritt Fin wieder in Eleanors Leben. Seit ihrer letzten Begegnung hat sich alles verändert. Ist es zu spät, um ihre Verbindung zu kitten? Oder gibt es eine Chance für die beiden, ihr Versprechen doch noch zuhalten?
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Seitenzahl: 491
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das Buch
EINVERSPRECHEN
Im Alter von dreizehn Jahren sind die besten Freunde Eleanor und Fin unzertrennlich. Überzeugt davon, dass das immer so bleiben wird, schließen sie einen Pakt: Sie wollen zusammen zur Uni gehen, immer in der Nähe des anderen wohnen und heiraten, wenn sie mit 35 noch single sind.
ZWEIJAHRZEHNTE
Eleanor und Fin haben seit fünfzehn Jahren nicht mehr miteinander gesprochen. Das Leben ist ihnen dazwischengekommen, und sie sind beide weit von dem entfernt, wovon sie vor all den Jahren geträumt haben.
Die Autorin
Emily Houghton stammt aus Essex und ist ausgebildete Yoga- und Spinning-Trainerin. Sie liebt Hunde über alles und träumt davon, Autorin zu werden, seit sie einen Stift halten kann. Sie lebt in London.
Lieferbare Titel
978 – 3 – 453 – 42543 – 9 – Bevor ich dich sah
Emily Houghton
Last Time We Met
Aus dem Englischenvon Andrea Brandl
Wilhelm Heyne Verlag
München
Die Originalausgabe LASTTIMEWEMET erschien erstmals 2022 bei Bantam Press, Transworld, a division of Penguin Random House UK, London.
Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
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Deutsche Erstausgabe 11/2024
Copyright © 2022 by Emily Houghton
Copyright © 2024 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Lisa Scheiber
Umschlaggestaltung: www.buersued.de unter Verwendung von © Cover design and art direction by Beci Kelly/TW. Cover illustration by Debs Lim.
Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering
ISBN 978-3-641-30290-0V001
www.heyne.de
Für meine Grandma, die dieses Buch unbedingt lesen wollte, uns jedoch verlassen hat, bevor sie Gelegenheit dazu hatte. Du fehlst mir jeden Tag.
Und für alle, die sich selbst einmal in der Liebe verloren haben. Lasst uns nie vergessen, dass wir wertvolle Menschen sind und nur das Allerbeste verdienen. X
Damals: 13 Jahre alt
Eleanor
»Das ist doch lächerlich.« Seufzend drehte Eleanor sich auf den Rücken.
»Findest du, Elles? Wie soll ich sicher sein, ob du nicht in zweiundzwanzig Jahren einen Rückzieher machst und behauptest, dieses Gespräch hätte nie stattgefunden?« Fins sommersprossiges Gesicht schwebte über ihr, als er sich über die Bettkante beugte.
»Sicher kannst du nicht sein, aber das werde ich nicht tun«, erwiderte sie sachlich.
»Das behauptest du jetzt.« Er stupste sie in den Bauch. »Aber was ist, wenn wir uns aus den Augen verlieren? Wenn ich mich nach Indien absetze, Yogalehrer oder spiritueller Anführer werde und meine Sekte verlasse, um mich auf die Suche nach dir zu machen, und an deinem fünfunddreißigsten Geburtstag mit einem Ring in der Hand vor dir auf die Knie sinke und du dann behauptest, du hättest mich noch nie gesehen?«, rief er.
»Red keinen Quatsch.« Sie rollte sich wieder auf den Bauch. Gespräche mit Fin machten sie oft so hibbelig. »Mal ganz ehrlich, was geht bloß in deinem Kopf vor? Allein wenn ich daran denke, bin ich schon total groggy.«
»Unterzeichne den Vertrag, Eleanor«, drängte Fin.
»Nein. Und es ist echt schräg, wenn du mich Eleanor nennst.«
»Eleanor Ruth Levy. Du unterschreibst jetzt sofort diesen Vertrag, sonst riskierst du unsere Freundschaft.« Er sprang vom Bett und hielt ihr ein Blatt Papier vor die Nase.
Resigniert ließ Eleanor ihr Buch sinken. In den letzten zwanzig Minuten hatte sie verzweifelt versucht, sich auf etwas anderes als Fins Gefasel zu konzentrieren, doch es war zwecklos. Wenn Fin etwas wollte, gab er keine Ruhe, bis er es bekam.
»Erstens«, erklärte sie und stützte sich auf die Ellbogen, »kannst du nicht mal deine Zehen berühren oder länger als zehn Sekunden stillsitzen, deshalb ist es höchst unwahrscheinlich, dass du Yoga-Guru oder so was wirst.« Sie setzte sich auf und fuhr fort, ehe er zum nächsten Wortschwall ansetzen konnte. »Zweitens weißt du genau, dass ich dich niemals vergessen könnte, selbst wenn ich es jede Sekunde der nächsten zweiundzwanzig Jahre versuchen würde.« Sie tippte mit dem Finger auf den oberen Teil des Blattes. »Reicht es denn nicht, dass wir gemeinsam unseren Lebensplan gemacht haben?«
Fin blickte auf die Liste der Versprechen, die sie einander gegeben hatten. Was zunächst als alberne Regeln zum Erhalt ihrer Freundschaft begonnen hatte – keine Lügen, nicht wütend aufeinander zu Bett gehen, sich nicht gegenseitig beklauen –, war im Lauf der Zeit zu einer Art To-do-Liste für ihr Leben geworden: gemeinsam die Highschool abschließen, auf dieselbe Uni gehen (zwar an unterschiedlichen Fakultäten, aber idealerweise mit derselben Anzahl an Studiensemestern), nach dem Abschluss nach London ziehen und dort eine gemeinsame Wohnung nehmen. Und wenn – zwangsläufig – das Thema Heirat und Familiengründung aufkäme, nie weiter als zwanzig Minuten voneinander entfernt wohnen.
»Und drittens bete ich mit aller Inbrunst, dass wir diesen Pakt nicht brauchen werden, weil ich keine große Lust habe, mit fünfunddreißig allein zu sein. Aber da du mein bester Freund bist und ich jetzt gern weiterlesen will, unterschreibe ich eben.«
Fins Augen begannen zu leuchten, als er ihr den Stift reichte.
»Miss Levy, wenn Sie die Güte hätten, einmal oben und einmal unten zu unterschreiben, wär’s das.«
Sie schnappte sich Papier und Stift und begann zu lesen.
Wir, Eleanor Ruth Levy und Finley James Taylor, erklären hiermit, in den heiligen Stand der Ehe zu treten, sofern beide Unterzeichnenden im gereiften Alter von fünfunddreißig Jahren single sind. Die Eheschließung erfolgt in Übereinstimmung mit der hier vorliegenden bindenden Vereinbarung in beiderseitigem Einverständnis.
Unterzeichnet:
__________________ _____________________
»Entschuldige, aber wann bist du, bitte schön, zum Rechtsexperten geworden? Ich hätte gedacht, die Hälfte der Wörter kennst du noch nicht mal«, rief sie halb scherzhaft, halb bewundernd.
»Das zeigt dir, dass du mich nicht unterschätzen solltest, oder?« Er grinste stolz. »Außerdem zieht sich meine Mutter eine Gerichtssendung nach der anderen im Fernsehen rein, wenn mein Vater auf Geschäftsreise ist. Da habe ich einiges aufgeschnappt.«
»Wusste ich’s doch, dass es nicht bloß an deiner angeborenen Intelligenz liegen kann«, erwiderte Eleanor, zückte den Stift und setzte ihren Namen unter das Dokument. »Fertig. Also, auf dass wir mit fünfunddreißig nicht beide single und einsam sind.« Sie ließ sich auf den weichen rosa Teppich zurücksinken und schnappte sich ihr Buch.
»Fünfunddreißig, das ist ja steinalt.«
»Aber so was von.«
»Ich bin nicht mal sicher, ob ich so lange leben will. Erwachsen zu sein, ist echt schwierig, glaube ich.«
»Fin!«
»Was denn?«, rief er mit Unschuldsmiene.
»Du weißt, dass ich es hasse, wenn du so was sagst.« Sie versetzte ihm einen leichten Tritt. Fin rutschte vom Bett und streckte sich neben ihr aus.
»Du darfst nicht weggehen. Ich brauche dich viel zu sehr«, sagte sie.
»Na gut. Für dich bleibe ich, Elles.« Er stieß sie grinsend an. »Aber nur, weil du mich brauchst.«
»Du bist so doof.« Sie verdrehte die Augen.
Sanft legte Fin den Kopf auf ihre Schulter. »Aber du liebst mich trotzdem.«
Wärme durchströmte Eleanor. »Der einzige Mensch auf der Welt, den ich liebe, ist Leonardo DiCaprio.«
»Würg! Das ist so typisch.«
»Kein Grund, eifersüchtig zu werden«, neckte sie.
»Ich? Eifersüchtig? Davon träumst du!« Er fuhr sich mit der Hand durch sein wirres rotes Haar. »Leo träumt davon, so gut auszusehen wie ich«, fügte er im Brustton der Überzeugung hinzu.
»Und du bist so was von auf dem falschen Dampfer«, prustete sie.
Seufzend rollte Fin sich wieder auf den Rücken. »Du bist meine Beste, Elles.«
»Du willst sagen, ich bin die Beste«, korrigierte sie.
»Nein. Meine Beste.« Seine Stimme war zu einem Flüstern geworden. Er sah sie an.
Eleanors Kehle wurde eng, während sie sich mit jeder Faser ihres Körpers wünschte, sie könnte die Pausetaste drücken und diesen Moment für immer festhalten.
»Du bist mein Bestester, Fin.« Sie lächelte.
»Klar! Deshalb hast du ja gerade versprochen, mich zu heiraten.« Er zwinkerte und sprang auf. »Ich hab Hunger. Wollen wir uns Pizza bestellen?«
Und einfach so hatte jemand wieder auf »Play« gedrückt.
Heute: 34 Jahre alt
Eleanor
Alles schien in einen wattigen Nebel gehüllt zu sein, als Eleanor langsam erwachte. Sie streckte sich und spürte das vertraute morgendliche Knacken ihrer Glieder. Sie versuchte, sich aufzusetzen, was eine Woge der Übelkeit allerdings sofort unterband.
O Gott.
Heftiger Würgereiz überkam sie, als sie den süßlichen Weingeschmack tief in ihrer Kehle wahrnahm. Nach und nach registrierte sie die bleierne Schwere ihres Körpers, das dumpfe Pochen hinter ihren Augenhöhlen, das Schmirgelpapiergefühl in ihrer Mundhöhle. Stöhnend zwang sie sich, wieder einzuschlafen, als ein penetrantes Geräusch in ihr Bewusstsein drang.
Nein!
Lasst mich in Ruhe!
Doch das laute Piepsen hörte nicht auf. Blindlings tastete Eleanor herum, bis sie ihr Handy zwischen dem Bettzeug fand und ans Ohr hob.
»Frohes neues Jahr, Schatz!«, zwitscherte ihr ihre Mutter ins Ohr. Eleanor unterdrückte einen Fluch. Wäre sie doch bloß nicht rangegangen. »Eleanor? Hörst du mich?«
»Hrgh.« Ihre Mundschleimhaut schien kein Tröpfchen Speichel zu produzieren, ihre Stimme klang rau und brüchig. »Ja, ich kann dich hören.« Sie rollte sich auf die Seite und legte das Handy neben sich aufs Kissen.
»Ah, gut. Ich gehe gerade spazieren, und es ist ein bisschen windig«, rief ihre Mutter. »Was treibst du so? Bestimmt wie ein nasser Waschlappen herumhängen, was? Du klingst grauenhaft. Hast du gestern zu viel getrunken? Wie viele Gläser Wein waren es?«
»Bitte, Mum, nicht so viele Fragen auf einmal«, stöhnte Eleanor.
»Du musst dringend etwas essen, denk daran. Das saugt den Restalkohol auf, den du noch im Magen hast.«
»Jaja.« Eleanors Eingeweide zogen sich zusammen.
»Willst du den ganzen Tag herumsumpfen, oder hast du wenigstens irgendetwas Produktives für den ersten Tag dieses wunderbaren neuen Jahres geplant? Du kennst ja meinen Standardspruch … Gelegenheiten warten immer und überall auf dich!« Die Stimme ihrer Mutter erklomm neue Höhen der Begeisterung.
»Nun ja, es zeigt sich, dass die Möglichkeiten als alte Jungfer nicht mehr ganz so breit gefächert sind.«
»Hör sofort auf damit!«, herrschte ihre Mutter sie an. »Ich weiß, dass das letzte Jahr schwer für dich war, aber single zu sein, ist keine lebensbedrohende Krankheit. Du wirst drüber hinwegkommen, Eleanor. Du musst einfach nach vorn sehen, dein Leben wieder in die Hand nehmen.«
Eleanor knibbelte an ihren Nagelhäutchen. Das einzig Gute an ihrem Kater war, dass sie zu dehydriert war, um weinen zu können, allerdings verhinderte er nicht, dass ihre Kehle eng wurde und ihr ein Stich durchs Herz fuhr.
Plötzlich durchfuhr es sie. »Okay, Mum, ich glaube, ich muss auflegen.«
»Aha. Schon besser. Hast du spontan beschlossen, doch das Beste aus dem Tag zu machen? Schön für dich, Schatz. Auf sie mit Gebrüll, das hat meine Mutter immer gesagt.«
»Klar, Mum.« Eleanor bekam kaum die Worte über die Lippen. Ihr Magen verkrampfte sich, und der Schweiß drang ihr aus sämtlichen Poren. »Ich muss wirklich …«
»Na gut, dann mach nur. Frohes neues Jahr, Schatz«, rief ihre Mutter. Bevor sie noch etwas sagen konnte, legte Eleanor auf und schleuderte das Telefon quer durch den Raum. Keine Zeit für Nettigkeiten.
Nachdem sie erfolgreich die letzten Reste ihres Mageninhalts der Toilette anvertraut hatte, gelang es ihr, sich nach unten aufs Sofa zu schleppen. Es war schon merkwürdig: Jede Erinnerung, jeder Gedanke an Oliver war fast unerträglich, und doch fühlte es sich ganz normal an, weiterhin in der Wohnung zu leben, die sie fast zehn Jahre geteilt hatten. Ihr gesamtes Umfeld hatte sich gewundert, dass er ihr erlaubt hatte zu bleiben. Vielleicht war selbst ihm bewusst, dass es etwas zu grausam gewesen wäre, ihr das Herz zu brechen und sie aus ihrem Zuhause zu werfen. Seinen Anteil an der Hypothek zu übernehmen, mochte ein enormer finanzieller Kraftakt für Eleanor gewesen sein, aber er hatte sich gelohnt: Diese Wohnung war ihr Refugium, eine Oase der Stille und des Friedens im quirligen Gewusel East Londons. Alles hier, von den Sofakissen über die Tapeten bis zum Besteck, spiegelte ihre Persönlichkeit wider. Von Oliver hingegen fand sich kaum eine Spur.
Vielleicht ist es ihm deshalb so leichtgefallen, alles hinter sich zu lassen und sich aus dem Staub zu machen.
Der hässliche Gedanke schoss ihr durch den Kopf, und ihr ohnehin flauer Magen verkrampfte sich ein weiteres Mal. Sie streckte die Beine aus und schloss die Augen. Konnte sie sich für immer hier verkriechen? Reglos daliegen? In einem Zustand, der kaum als lebendig bezeichnet werden konnte? Es wäre jedenfalls leichter, als sich der Realität zu stellen.
Wieder riss sie das Läuten ihres Handys aus ihrer Erstarrung.
Eingehender Anruf: Freya, Sis.
Eleanor ging sofort ran. »Hey, Freya.«
»Du lebst also noch?« Ihre kleine Schwester mit ihrem gewohnt beißenden Sarkasmus.
»Entschuldige, dass ich mich nicht gemeldet habe, aber zuerst war ich im Büro und danach bei Sal. Dann kam der Wein und … na ja, du weißt ja, wie es so ist.«
»Und jetzt hängst du auf dem Sofa herum, suhlst dich im Selbstmitleid und kannst dich kaum bewegen, weil dir der Schädel dröhnt?«
Eleanor lachte. »So in etwa.«
»Schon gut. Ich habe mir nur Sorgen gemacht … Du liebe Güte, ich bin schon schlimmer als Mum, was?« Freya mimte Verzweiflung.
»Niemand ist so schlimm wie Mum. Zufällig habe ich gerade mit ihr telefoniert.«
»Ah.« Freya lachte leise. »Lass mich raten. Es gab einen weiteren Schwall inspirierender Motivationsansprachen über die Fülle an Möglichkeiten, die dir das Leben bietet, wenn du dich nur endlich dafür öffnest. Richtig?«
Eleanor schnaubte. Freyas Einschätzung traf den Nagel auf den Kopf. »Ich habe ihr das Wasser abgegraben, bevor sie sich so richtig in Fahrt reden konnte. Ich war noch nie im Leben so dankbar dafür, kotzen zu dürfen.«
»Das nenne ich mal perfektes Timing! Aber egal. Ich wollte dir nur ein frohes neues Jahr wünschen.« In Freyas Stimme lag wieder die gewohnt spritzige Lebendigkeit, bemerkte Eleanor erleichtert. Sie konnte es nicht ausstehen, wenn ihre Schwester bierernst wurde, weil es nur passierte, wenn sie sich über Eleanors schwankenden Gemütszustand Sorgen machte, und niemand sollte die Einzelteile der älteren Schwester vom Boden aufsammeln und wieder zusammensetzen müssen, dachte sie voller Gewissensbisse.
»Dir auch ein frohes neues Jahr, Freya. Und danke für alles … ehrlich, ich habe keine Ahnung, wie ich das ohne dich geschafft hätte. Aber dieses Jahr wird alles besser, versprochen. Höchste Zeit, dass ich mich wieder um dich kümmere und nicht umgekehrt!«
»Ich bitte dich«, höhnte Freya. »Das tust du nicht mehr, seit ich vierzehn bin, und auch davor warst du als Babysitterin eine Niete.«
»Hey, ich wollte nur die Vernünftige sein. Aber solange Fin noch da war, hatte ich praktisch zwei Kinder, auf die ich aufpassen musste.« Eine Woge der Wehmut überkam Eleanor bei dem Gedanken.
»Er war eine Katastrophe. Weißt du noch, wie er sein gesamtes Taschengeld auf den Kopf gehauen hat, um einmal die Lieferkarte von Domino’s rauf und runter zu bestellen? Das ganze Haus hat wochenlang nach Käse und Fett gestunken. Mum ist ausgeflippt!«
Sofort machte sich trübe Stimmung breit. Ein Kater war ein ganz schlechter Zustand, um in Erinnerungen zu schwelgen.
»Ach ja. Wie war’s denn gestern bei dir?«, wechselte sie eilig das Thema.
»Ganz nett. Sam hat mich zu einer ziemlich braven Hausparty mitgeschleppt, aber erstaunlicherweise fühle ich mich heute gar nicht so übel. Ich nehme mir sogar ein Beispiel an meiner großen Schwester und wollte gerade eine Runde laufen gehen.«
»Du bist ein echtes Vorbild. Lauf ein, zwei Meilen für mich mit, ja?«
»Ich versuch’s, aber wenn ich in dem Tempo weitermache, wäre es schon ein Wunder, wenn ich es bis ans Ende der Straße schaffe.« Freya hielt inne. »Versprich mir, dass du nicht den ganzen Tag in den Seilen hängst, okay?« Da war er wieder, der mütterliche Tonfall. Offenbar konnte neuerdings niemand mehr normal mit ihr reden. »Wieso fängst du nicht mit diesem schönen Tagebuch an, das ich dir zu Weihnachten geschenkt habe? Alle bei der Arbeit schwärmen davon. Das klärt die Gedanken, heißt es.«
Eleanor seufzte. Seit der Trennung gab es statt der üblichen Pärchengeschenke alles, was der Liebeskummerbewältigungs- und Selbstliebemarkt hergab: dutzendweise Schokoriegel. Stapelweise Tagebücher und Ratgeber fürs Seelenheil. Wellnessgutscheine (ausnahmslos für Solo-Behandlungen). Duftkerzen. Gesichtsmasken. Alles, was man brauchte, um sich selbst und seinen Schmerz in etwas zu verwandeln, das zumindest von außen prima aussah und lecker roch.
»Und mach es bloß nicht madig, bevor du es nicht ausprobiert hast«, höhnte Freya. »Ich kann deine Skepsis regelrecht hören.«
Vielleicht hatte Freya recht, und es war tatsächlich an der Zeit, dass Eleanor sich durch ihr »Traurige-Singles-Sortiment«, wie Sal es nannte, arbeitete. Außerdem: Was sollte sie auch sonst mit diesem Tag anfangen?
»Na gut, du hast ja recht. Neues Jahr, neues Ich und so.«
»Genau! Also, wenn ich jetzt nicht laufen gehe, dann wird das heute nichts mehr. Gehen wir nächste Woche mal essen?«
»Klar. Und morgen sehen wir uns bei Mum. Bitte sag, dass du kommst.«
Wieso war sie plötzlich so ein Jammerlappen?
»Wofür hältst du mich? Ich würde dich in so einer Situation doch nie hängen lassen!«, antwortete Freya.
Eleanor atmete auf. »Ich hole dich um zwölf ab, okay?«
»Perfekt. Und jetzt ran an dieses Tagebuch«, befahl Freya liebevoll. »Ich hab dich lieb.«
»Ich dich auch«, erwiderte Eleanor, doch Freya hatte bereits aufgelegt. »So viel zum Thema Respekt vor den Älteren«, brummte sie.
Genug Trübsal geblasen, Eleanor Levy. Krieg dein Leben wieder auf die Reihe.
Genüsslich rekelte sie sich ein letztes Mal, ehe sie sich vom Sofa hievte.
Zumindest teilweise.
Drei Tassen Entspannungs-und-Erholungs-Tee und eine halbe Schachtel extradunkler Lindt-Täfelchen später kam sie nicht weiter. Na ja, ehrlich gesagt saß sie immer noch über der ersten Seite ihres Tagebuchs mit dem wohlklingenden Titel »Mein Start in ein positives Leben!«
Frage 1: Wie fühlst du dich heute?
Grauenhaft traf es nicht mal ansatzweise. Innerlich tot? Auf der ganzen Linie und bis ins Mark verzweifelt?
Eleanor kaute auf ihrem Stift herum und las wieder und wieder die Frage, in der irrationalen Hoffnung, ihr Verstand möge sie endlich mit einer plausibel klingenden Lüge belohnen. Sie fühlte sich schon mies genug, musste sie es unbedingt auch noch schriftlich vor Augen haben?
»Okay, das bringt nichts. Was gibt’s hier noch?« Sie blätterte durch die jungfräulichen Seiten. »Aha! Dein persönlicher Monatskalender«, las sie laut. »›Die Gelegenheit, all die Ereignisse zu planen, auf die du dich freust.‹ Klingt doch schon besser.« Ihre Freude, wenigstens eine halbwegs lösbare Aufgabe gefunden zu haben, war schon fast peinlich.
Jeden zweiten Sonntag Mittagessen bei Mum.
Widerstrebend füllte sie die Kästchen.
15. Januar: Kates Hochzeit!
Panik erfasste sie. Dies wäre der erste Anlass in diesem Jahr, bei dem sie solo auftauchen würde. Ihre Kehle wurde eng. Konnte sie absagen? Unbedingt! Vielleicht könnte sie am Abend zuvor eine Magen-Darm-Grippe vorschützen. Genau! Ausreden gäbe es jede Menge, außerdem würde Kate nicht mal merken, wenn sie fehlte. Es hieß schließlich nicht umsonst, dass Liebe blind machte.
Eleanor schob sich gleich drei Schokotäfelchen auf einmal in den Mund.
»Frustessen, ganz prima, Eleanor. Das hilft garantiert!« Sie seufzte.
O Gott, führst du jetzt auch noch Selbstgespräche?
Los, konzentrier dich!
Aber das ist doch erbärmlich!
Entschieden schüttelte sie den Kopf und hoffte, auf diese Weise wenigstens ein Teil ihrer Gedanken loszuwerden. Ihr dröhnte schon der Schädel von der ganzen Denkerei.
»Versuchen wir es anders.« Noch war sie nicht bereit, die Flinte ins Korn zu werfen. Außer einem Mittagsschläfchen hatte sie nichts vor, gleichzeitig könnte sie selbst bei allem guten Willen nicht mehr als ein paar Stunden damit totschlagen. Eine vage Erinnerung an den Vorabend kam ihr in den Sinn. »Ja!« Begeistert schlug sie mit der Faust auf den Tisch. »Neujahrsvorsätze!«
Sal hatte verlangt, dass jeder mindestens drei Entschlüsse für das bevorstehende Jahr ins Auge fasste. Eleanor war nichts eingefallen. Offen gestanden, war sie im letzten Monat damit beschäftigt gewesen, überhaupt nur am Leben zu bleiben, deshalb hatte sie keinerlei Kapazitäten gehabt, an so etwas wie die Zukunft zu denken … schon gar nicht an eine als Single mit gebrochenem Herzen. Typischerweise hatte Sal ein ganzes Dutzend Vorschläge aus dem Ärmel geschüttelt, was Eleanor zum Nachdenken brachte: Was wollte sie eigentlich mit diesem Jahr anfangen? Mal sehen, ob ihr was Passendes einfiel. Sie sollte es wenigstens mal versuchen.
Sie schlug eine leere Seite auf und notierte sorgfältig ihre erste Überschrift.
Neues Jahr – neues Ich: Meine Vorsätze
1. Auf die Malediven fliegen
»Sehr gut, erst mal mit etwas Kleinem anfangen.« Sie kicherte.
Bereits seit Kindertagen hatte Eleanor davon geträumt, auf eine Insel mit weißem Sandstrand und kristallklarem Wasser zu entfliehen, und mit ihrem ersten Gehalt die Malediven als ihr Traumziel auserkoren. Ein zweiwöchiger All-inclusive-Urlaub stand seit Jahren auf ihrer Löffelliste, doch irgendetwas war immer dazwischengekommen. Und da Oliver dienstlich so viel unterwegs gewesen war, hatten sie grundsätzlich nähere Urlaubsziele gewählt. Normalerweise Frankreich … nein, eigentlich immer. Mochte sie Frankreich überhaupt?
Sie packte ihren Stift fester und schrieb weiter.
2. Weniger trinken
Dieser Punkt erschien ihr besonders wichtig, zumal ihr Kopf immer noch wehtat.
3. Mum häufiger anrufen
Diese Vorsätze sind lächerlich, Eleanor. Du bist doch keine zwölf mehr. Sie hielt kurz inne, ehe sie weiterschrieb.
4. Wieder mit dem Malen anfangen
Sofort kam ihr das kleine Atelier in den Sinn, das sie sich im oberen Stockwerk eingerichtet hatte. Eigentlich hätte es zu gegebener Zeit zum Kinderzimmer umfunktioniert werden sollen, doch bis es so weit war, hatte Eleanor es als Interimsraum für ihre Kunst verteidigt.
Leider standen bisher nur ungeöffnete Farbbehälter und leere Leinwände herum. Oliver hatte für Malerei nie viel übriggehabt.
»Hör auf, an ihn zu denken«, sagte sie laut.
Alle hatten argumentiert, es brauche Zeit, die Trennung zu überwinden und ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen, doch dass er ihre Gedanken auch jetzt so sehr beherrschte, machte ihr schwer zu schaffen.
Du musst damit aufhören.
Was würde Angela Levy an deiner Stelle tun?
»Den Schmerz in etwas Positives ummünzen!«, erklärte sie und bemühte sich, genauso wie ihre Mutter zu klingen.
Wenn sie etwas daraus gelernt hatte, dass Oliver einfach abgehauen war, dann war es, dass es keine Garantien im Leben gab. All die Jahre hatte sie auf Sicherheit gesetzt, und was hatte es ihr gebracht? Nichts. Jetzt war es an der Zeit, es krachen zu lassen, das Leben zu genießen! Sie strich die letzte Überschrift durch und schrieb stattdessen in Großbuchstaben:
4. DINGETUN, DIEMIRANGSTMACHEN!
Malen fiel eindeutig in diese Kategorie.
»Voilà!« Hochzufrieden legte Eleanor den Stift weg. »Auf diese Liste wäre selbst Sal stolz!«
Gerade als sie das Tagebuch zuklappen wollte, schnappte sie sich noch einmal den Stift und setzte eine winzige Bemerkung ans Ende der Seite.
5. Die Liebe finden?
Sofort schoben sich die düsteren Wolken des Katzenjammers über ihr zusammen, als sie das Tagebuch endgültig zuschlug und weglegte. Sie steckte sich die restlichen Schokotäfelchen in den Mund und ging ins Wohnzimmer. »Also gut. Mrs. Doubtfire und dann ein Schläfchen.«
Sie rollte sich auf dem Sofa zusammen und spürte, wie die Wogen der Traurigkeit sie zu umspülen begannen.
Gibt es irgendjemanden auf der Welt, der diesen Tag so sehr hasst wie ich?
Fin
Die letzte halbe Stunde war Fin ruhelos in seinem Wohnzimmer herumgetigert. Ihm war klar, dass das kein angenehmes Gespräch werden würde, doch obwohl ihm mindestens eine Million anderer Arten einfiel, wie er seinen Silvesterabend verbringen wollte, führte kein Weg daran vorbei. Wann würde er es endlich lernen? Ließ man die Dinge schleifen, konnten sie im Handumdrehen aus dem Ruder laufen und hässlich werden. Wie hatte er überhaupt in diesen Schlamassel geraten können? Den Kopf in den Sand zu stecken, mochte eine Zeit lang funktionieren, nur brauchte man sich nicht zu wundern, wenn einem das ganze Chaos irgendwann um die Ohren flog.
Fin hörte den Schlüssel im Schloss.
»Cam?«, rief er nervös.
»Hey, Babe!«, antwortete Camilla überschwänglich in ihrem typischen L.A.-Singsang.
Fin setzte sich auf die Sofakante.
»Tut mir leid, dass ich so spät dran bin, aber der Verkehr war die absolute Katastrophe!«, hörte er sie gut gelaunt fortfahren. Dann verstummten ihre Schritte abrupt. Fin spürte, wie ihm das Herz ein Stück weiter in die Hose rutschte.
»Wieso steht dein Koffer im Flur?« Das harte Klackern ihrer Stiefelabsätze wurde lauter. »Fin, hörst du mich?«
Beim Anblick seiner Miene veränderte sich ihr Tonfall schlagartig. Fin spürte förmlich, wie die Temperatur im Raum fiel. Camilla verschränkte die Arme. »Was ist hier los? Wieso ist dein Koffer gepackt?«
»Ich …« Er holte tief Luft und zwang sich, es einfach auszuspucken. »Ich fliege morgen zurück nach London.«
Camilla sah ihn verwirrt an. »Nach London? Sag bloß, das ist wieder einer von Robs superdringenden Aufträgen in letzter Minute«, stieß sie verächtlich hervor.
»Nein, es ist nichts Geschäftliches.«
»Aha, was dann?«, fragte sie barsch. Fin spürte, wie sich ihr ohnehin dünner Geduldsfaden weiter straffte.
»Meiner Mutter geht es nicht gut, deshalb fliege ich zu ihr.«
»Deiner Mum?« Camillas Verwirrung wuchs mit jeder Sekunde. »Ich dachte, du redest nicht mit ihr.«
»Tue ich auch nicht.«
»Wieso willst du dann hinfliegen?«, herrschte sie ihn an.
»Weil es sich sehr schlimm anhört … also, nach Endstadium.«
Camillas Miene wurde eine Spur weicher. »Aha, das ist natürlich nicht optimal.« Verärgert warf sie ihr langes goldblondes Haar über die Schulter. »Wie lange bist du weg?«
»Das ist ja der Punkt.« Fin erhob sich und schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht.«
»Was heißt das, du weißt es nicht?«, brauste sie neuerlich auf. »Du hast doch wohl einen Rückflug gebucht, oder?«
»Nein«, murmelte er, den Blick auf die Tür gerichtet. »Noch nicht.«
»Wieso nicht?« Wieder wurde ihre Stimme laut.
»Weil es blöderweise keinen festgelegten Zeitablauf gibt, wenn jemand stirbt, Cam«, blaffte er.
»Kein Grund, mich so anzuschnauzen«, erwiderte sie schmollend. »Ich sage es ja nur … heute ist Silvester, verdammt.« Frustriert stampfte sie mit dem Fuß auf.
»Ich wünschte, ich hätte dir früher Bescheid geben können, aber ich habe es selbst erst vor zwei Tagen erfahren. Es ist nicht meine Schuld, dass meine Mum an Demenz leidet und bereits in einem Pflegeheim lebt und dann auch noch Krebs im Endstadium bei ihr diagnostiziert wurde.« Es war nicht seine Absicht gewesen, so die Beherrschung zu verlieren, doch ihm schwirrte dermaßen der Kopf, deshalb schien die Wut nicht länger kontrollierbar zu sein. »Für mich ist das alles auch nicht so einfach.«
Camilla wich ein paar Schritte zurück und starrte ihn aus ihren dunkelbraunen Augen bestürzt an. »Wieso hast du mir nicht schon früher davon erzählt?«
Fin zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Wahrscheinlich musste ich erst mal in Ruhe über alles nachdenken.« Natürlich war die Antwort lächerlich, doch Problemgespräche waren noch nie seine Stärke gewesen.
»Aha. Aber jetzt kannst du es mir erzählen, wo du alles stehen und liegen lässt, um auf die andere Seite des Erdballs zu fliegen und dich auf die Bettkante einer Frau zu setzen, die du seit fast fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen hast.« Sie hielt inne. »Du erwartest doch wohl nicht, dass ich mitkomme, oder? Bei der Arbeit geht es gerade drunter und drüber.«
»Nein. Das erwarte ich nicht von dir.«
»Gut.« Ihre Züge entspannten sich sichtlich. »Dann also Fernbeziehung. Aber wenn es so schlecht um sie steht, wird es wohl nicht allzu lange dauern, bis du zurück bist.«
Fin biss angesichts ihrer Taktlosigkeit die Zähne zusammen, bemühte sich jedoch um einen möglichst ruhigen Tonfall. »Das will ich auch nicht.«
»Wie bitte?« Camilla wandte abrupt den Kopf.
»Ich …« Er hielt inne und sammelte sich, um die Worte über die Lippen zu bringen, vor denen ihm graute. »Ich will keine Fernbeziehung.«
»Was soll das heißen?« Sie trat einen Schritt näher und starrte ihn aus ihren perfekt geschminkten Augen an. »Machst du etwa gerade Schluss mit mir?«
Fin zwang sich, den Blick nicht abzuwenden, obwohl sich die Last der Konfrontation wie ein Zentnergewicht auf ihn zu legen schien.
Sag es einfach.
Sei erwachsen und spuck’s aus.
»Ja.« Das kurze Wort kam kaum hörbar über seine Lippen. »Ich denke schon.«
»Willst du mich verdammt noch mal verarschen?«, schrie Camilla, deren gesamter Körper vor Wut zu beben schien. »Ist das irgendein kranker Scherz?«
Fin versuchte zu schlucken, doch seine Kehle war wie ausgedörrt.
»Gib mir wenigstens eine Antwort, Fin!«, kreischte sie.
»Nein.« Er ließ den Kopf hängen. »Es ist kein Scherz.«
Ehe er sich’s versah, bewarf Camilla ihn mit allem, was sie in die Finger bekam.
»Ich bitte dich, Cam«, begann er beschwichtigend. »Du weißt doch selbst, dass es in letzter Zeit nicht gut zwischen uns lief. Wir sehen uns kaum, und wenn, reden wir doch gar nicht miteinander, es sei denn, wir streiten.«
Ein unheilvoller Ausdruck spiegelte sich auf ihrer Miene.
»Dir auch ein gutes neues Jahr, du Riesenarschloch!«, brüllte sie, schnappte ihre Handtasche und stürmte ins Schlafzimmer.
Türenknallen hallte durch die Wohnung, während eine Woge widerstreitender Gefühle in seinem Innern aufwallte: Schuld und Wut, Bedauern und Erleichterung, alles wirbelte in ihm auf und schlug in einer Welle über ihm zusammen.
Es ist das Beste.
Du weißt selbst, dass es letztlich das Beste ist.
***
Innerhalb kürzester Zeit hatte Camilla ihre Sachen zusammengesucht und war gegangen. Ohne sie erschien ihm die Atmosphäre in der Wohnung mit einem Mal viel weniger drückend, als könnte er plötzlich wieder durchatmen. Schon seit Wochen hatte es zwischen ihnen gekriselt, und die ständigen Streitereien waren unerträglich geworden.
Verdammt, dann mal einen fröhlichen Silvesterabend.
Fin ließ sich aufs Sofa fallen und reckte das Gesicht den letzten Sonnenstrahlen entgegen, die durchs Fenster hereinfielen. Trotz seines roten Haars und seiner zahllosen Sommersprossen schien seiner Haut das heiße Klima zu bekommen. Wie um alles in der Welt sollte er mit dem trübselig grauen Wetter Londons leben?
Sein Handy vibrierte. Widerstrebend zog er es aus der Hosentasche – hoffentlich nicht Camilla. Noch mehr von ihrem Gezeter hielte er jetzt nicht aus – und lächelte, als er den Namen seines besten Freunds auf dem Display sah.
»Schönen letzten Abend des alten Jahres, Kumpel«, rief Rob gut gelaunt.
»Wie geht’s dir so?« Fin zwang sich, so etwas wie Begeisterung in seine Stimme zu legen.
»Gut, Mann, gut. Ich zische noch ein paar Bierchen, bevor wir heute Abend zu Nick gehen. Bist du sicher, dass du und Cam nicht mitkommen wollt?«
Fins Magen verkrampfte sich. »Nein, aber danke, dass du fragst. Wir haben schon etwas vor.« Die Lüge schmeckte bitter auf seiner Zunge.
»Das Angebot steht, falls ihr es euch noch anders überlegt.«
»Danke, Rob.«
»Ist alles okay bei dir?«, hakte Rob nach. »Du klingst irgendwie komisch.«
»Ja, ja, alles in Ordnung. Nur das mit meiner Mutter bringt hier gerade alles aus dem Tritt.« Wieder verspürte Fin einen Anflug von Gewissensbissen. Er wollte seinem Freund nichts vorenthalten, doch allein die Vorstellung, ihm die Trennung von Camilla im Detail darzulegen, war viel zu anstrengend. Es blieb ihm noch mehr als genug Zeit, um der Frage auf den Grund zu gehen, weshalb er nicht in der Lage zu sein schien, länger als zwei Jahre mit einer Frau zusammenzubleiben, und weshalb es idiotisch gewesen war, sich trotzdem mit einem weiteren anstrengenden und neurotischen L.A.-Society-Girl eingelassen zu haben.
»Klar. Muss echt hart sein. Kein Wunder, dass du ein bisschen von der Rolle bist. Solltest du reden wollen … ich bin hier.«
»Danke, Kumpel.« Fin war bewusst, dass Problemgespräche ebenso wenig zu Robs Stärken gehörten wie zu seinen, trotzdem war er seinem Freund dankbar für das Angebot. »Und bist du sicher, dass es okay ist, wenn ich in deinem Apartment wohne?«
»Aber klar! Mi casa, su casa und so. Außerdem steht die Wohnung seit Monaten leer, deshalb ist es gut, wenn jemand mal wieder nach dem Rechten sieht«, gestand Rob.
»Klar, so eine Zweitwohnung in London am Hals zu haben, ist ja auch lästig«, neckte Fin. So gern Rob den Eindruck vermitteln wollte, aus bescheidenen Verhältnissen zu stammen, erinnerte Fin ihn regelmäßig daran, dass das nicht stimmte.
»Hör schon auf damit.«
»War nur ein Witz. Ich bin dir wirklich dankbar, das weißt du, oder?«
»Ja.« Rob seufzte. »Mann, ich werde dich vermissen. Mit wem zum Teufel soll ich denn abhängen, solange du weg bist?«
»Du kommst schon klar.«
»Das will ich hoffen.« Rob lachte. »Aber jetzt muss ich Schluss machen, hab noch einiges zu erledigen. Guten Flug, und ruf mich an, wenn du in der Wohnung bist.«
»Alles klar. Mache ich.«
»Und … ach ja!«, rief Rob, gerade als Fin auflegen wollte.
»Ja?«
»Gutes neues Jahr, mein Freund.«
Fin lächelte. »Das wünsche ich dir auch.«
***
03:05 Uhr
Fin verfluchte sich innerlich. Realistisch gesehen konnte höchstens eine Stunde vergangen sein, seit er das letzte Mal auf die Uhr gesehen hatte, aber fünfzehn Minuten? Die Zeit spielte ihm Streiche.
Konnte er jetzt schon aufstehen? Die meisten Leute dürften noch unterwegs sein und feiern. Wäre es komplett verrückt, loszuziehen und bei irgendeiner Party aufzuschlagen? Sein jüngeres Ich hätte sich längst eine halbe Flasche Jack Daniel’s reingezogen und säße im Taxi.
Ein Schlückchen Whiskey wäre jetzt nicht verkehrt.
Er kniff die Augen zusammen und kämpfte gegen das Bedürfnis an. Schon seltsam, wie die Versuchung nach all der Zeit noch so groß sein konnte.
»Los, schlaf endlich. Mach schon, los!« Frustriert knallte er den Kopf im Rhythmus seiner Worte ins Kissen und griff erneut nach seinem Handy.
03:30 Uhr
Bald würde er aufstehen und der Qual ein Ende machen. Wann ging eigentlich sein Flug?
Er scrollte durch seinen Posteingang auf der Suche nach der Bestätigung der Fluggesellschaft, was angesichts der nicht enden wollenden Flut eingehender Nachrichten unnötig schwierig war – allesamt Neujahrswünsche und trunkene Zuneigungsbekundungen. Rob allein hatte ihm bestimmt mehr als zwanzig davon geschickt.
»British Airways … British Airways, wo zum Teufel bist du?«, murmelte er und scrollte weiter. »Aha! Sehr geehrter Mr. Taylor, anbei erhalten Sie die Bestätigung für Ihren Flug …« Er las weiter. »Da haben wir’s ja. Abflug 13:00 Uhr.«
Enttäuschung erfasste ihn. Er konnte unmöglich über fünf Stunden vor Abflug am Flughafen auftauchen – vor allem er, der grundsätzlich mindestens zehn Minuten zu spät dran war, eine Gewohnheit, die er nie hatte ablegen können, sehr zum Verdruss seines gesamten Umfelds.
»Apropos zu spät«, murmelte er, als sein Blick an Kates Namen hängen blieb. »Kann man so was bringen?«, fragte er laut.
Fin öffnete die Save-the-Date-Mail für die Hochzeit, die er vor Monaten bekommen und tags darauf mit einer Absage beantwortet hatte, wohl wissend, dass Kate weder überrascht noch verärgert darüber wäre. Er war schon so lange nicht mehr in England gewesen, dass es ihn wunderte, überhaupt auf der Einladungsliste gelandet zu sein. Andererseits war Kate eine seiner ältesten Freundinnen und meldete sich mindestens einmal im Jahr, auch wenn dazwischen ewig Funkstille herrschte. Nun hielte er sich tatsächlich an ihrem großen Tag in London auf … das war doch die perfekte Gelegenheit, oder?
»Wieso eigentlich nicht?«, sinnierte er. Schlimmstenfalls sagte sie Nein.
E-Mail an Kate Crossley:
Hey, Kate, wie geht’s dir so? Frohes neues Jahr! Ich weiß, es ist superkurzfristig, schließlich findet deine Hochzeit schon in zwei Wochen statt, aber ich bin zufällig eine Weile in London. Solltet ihr also bei eurem Empfang noch ein freies Plätzchen haben, würde ich gern kommen und mit euch feiern! Natürlich verstehe ich vollkommen, wenn es nicht klappt, trotzdem wäre es toll, sich wieder mal zu sehen. X
Er musste über seine eigene Dreistigkeit lachen und stellte sich Kates Gesicht vor, wenn sie die Mail las – für die er garantiert ihre und Eleanors Verachtung kassieren würde.
Eleanor.
Sein Magen zog sich zusammen. Du meine Güte, er hatte eine Ewigkeit nicht mehr an sie gedacht, sondern sie, wie so ziemlich seine gesamte Vergangenheit, in den hintersten Winkel seines Gedächtnisses verbannt. Vielleicht war es unvermeidlich, dass sie ihm ausgerechnet jetzt in den Sinn kam, schließlich kehrte er an jenen Ort zurück, der untrennbar mit ihr verbunden war. Mit einem Mal spürte er Panik in sich aufsteigen. Kriegte er das wirklich hin?
»Dir bleibt nichts anderes übrig«, sagte er, stemmte sich aus dem Bett und schleppte sich unter die Dusche.
Eleanor
Zu Beginn ihrer Beziehung hatte Eleanor die Sonntage am allerliebsten gemocht, weil es die einzigen Tage waren, an denen sich ihre jeweiligen Terminkalender koordinieren ließen. Ausschlafen, herumtrödeln, lange Laufrunden, ausgiebige Abendessen und das innige Bedürfnis, jeden köstlichen Moment aufzusaugen, ehe der obligatorische Montagsblues wieder zuschlug. Vielleicht hätte sie die Anzeichen ernster nehmen sollen, da die Sonntage, an denen sie gemeinsam Zeit verbrachten, im Lauf der Jahre immer seltener geworden waren. Zwar hatte es immer noch lange Läufe nach dem Ausschlafen und ausgiebige Abendessen gegeben, doch immer häufiger war Eleanor dabei alleine gewesen. Inzwischen stand jeden zweiten Sonntag ein Mittagessen bei ihrer Mutter auf der Tagesordnung, was sie früher allenfalls einmal im Monat geschafft hatte.
»Ich habe doch gleich gesagt, wir sollten früher los«, schimpfte Freya.
Eleanor fluchte, als eine weitere Ampel auf Rot sprang, und krallte die Hände fester ums Steuer. »Echt jetzt, Freya?«
»Mum denkt bloß wieder, wir machen das mit Absicht.«
»Weiß ich doch. Deshalb bin ich ja noch gestresster als sonst. Ich hasse es ja schon, mit dem Auto in London herumzufahren, wenn sonst keiner auf der Straße ist.« Sie warf ihrer Schwester einen vernichtenden Blick zu, die jedoch wenig überraschend am Handy hing und ihr keine Beachtung schenkte.
»Wahrscheinlich bist du immer noch verkatert«, maulte Freya.
»Nein«, behauptete Eleanor, obwohl sie selbst jetzt noch die letzten Dunstfetzen des Weins spürte, der ihre Sinne umnebelte. »Na gut, vielleicht ein bisschen. Wieso müssen wir eigentlich ständig zum Mittagessen zu ihr fahren? Alle zwei Wochen ist doch ziemlich übertrieben, findest du nicht?« Eleanor registrierte den weinerlichen Unterton, der sich wieder in ihre Stimme geschlichen hatte. Konnte Liebeskummer einem die Seele rauben und einen gleichzeitig in einen patzigen Teenager zurückverwandeln?
»Weil Mum uns liebt. Und …« Freya warf Eleanor einen unbehaglichen Blick zu.
»Und weil alle Angst hatten, dass ich irre werde, als Oliver mich verlassen hat?«
Freya schnaubte. »Genau.«
»Aber das ist Monate her. Sieh mich an, mir geht’s gut. Was soll das Theater?« Eleanor trat das Gaspedal durch, woraufhin ihr kleiner Yaris vorwärtsschnellte.
»Herrgott noch mal, Eleanor, ich komme lieber zu spät als in einem Krankenwagen. Fahr gefälligst langsamer!«
»Tut mir leid, tut mir leid.« Eleanor sog tief den Atem ein und hielt ihn einen Moment lang an. Als sie ihn ausstieß, spürte sie, wie ein Teil ihres Frusts von ihr abfiel.
»Wir wollen doch nur, dass es dir gut geht.« Freya legte ihre Hand behutsam auf Eleanors.
»Weiß ich.« Sofort machte sich dieses unangenehm schuldbewusste Gefühl in ihrer Magengegend bemerkbar.
»Ich habe Mum eine Nachricht geschrieben, dass wir uns etwas verspäten. Sie meint, es sei gar kein Problem.«
»Danke.« Eleanor lächelte und zuckte mit keiner Wimper, als auch die nächste Ampel auf Rot sprang. »Freya?« Sie schluckte gegen den Kloß der Angst in ihrer Kehle an.
»Hm?« Freya hörte zwar zu, war jedoch längst wieder in die Tiefen ihres Instagram-Feeds abgetaucht.
»Als Oliver mich verlassen hat …« Eleanor schloss die Augen und ließ die Worte über ihre Lippen kommen. »Wie schlimm war ich da?«
Freya ließ ihr Handy sinken und lehnte den Kopf gegen die Nackenstütze. »Ziemlich schlimm.« So gern Eleanor ihre Hand gedrückt hätte, musste sie sich mehr denn je aufs Fahren konzentrieren. »Eine Weile bist du komplett abgetaucht. Als wärst du da, aber irgendwie auch nicht. An manchen Tagen hast du praktisch nur geschlafen und wolltest nichts essen. Ehrlich gesagt war es mir am liebsten, wenn du geweint hast, weil ich sicher sein konnte, dass du wenigstens bei Bewusstsein bist.«
Großer Gott!
Eleanors Herz begann zu rasen. Wie hatte sie es geschafft, diese Zeit komplett aus ihrer Erinnerung zu verbannen? Wann immer sie versuchte, sich einen der Momente aus dieser Phase ins Gedächtnis zu rufen, war da nichts als gähnende Leere.
»Es tut mir leid.« Mehr brachte sie erbärmlicherweise nicht zustande.
»Muss es nicht.« Freya beugte sich herüber und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »So, und jetzt geben wir uns eine Dröhnung Tina Turner. Damit fühle ich mich gleich viel besser auf alles vorbereitet, was auf uns zukommt.« Mit einem breiten Grinsen drehte sie die Lautstärke auf.
***
»Ihr Süßen! Da seid ihr ja endlich, meine beiden kleinen Mädchen.« Die leuchtend rosa gestrichene Eingangstür ging auf und gab den Blick auf die Respekt einflößende Gestalt von Angela Levy frei. »Sieh sich euch einer bloß an! Wie sollte man euch auch nur ansatzweise böse sein, wenn ihr so wunderbar ausseht!« Sie zog sie in eine feste Umarmung.
Der Geruch nach dem süßlichen Parfum ihrer Mutter stieg Eleanor in die Nase. Jasmin. Der Duft ihrer Kindheit. Gedämpft drang Freyas Stöhnen an ihre Ohren, als ihre Mutter auch sie an ihre Brust riss.
»Mum, wir kriegen ja keine Luft mehr!« Freya kämpfte sich aus den türkisen Chiffonschichten, die sich immer fester um sie und Eleanor zu schlingen drohten.
»Tut mir leid, Schatz, aber ich vermisse euch so sehr, dass ich am liebsten jedes Quäntchen aus euch herausdrücken will.« Sie hielt Eleanor ein Stück von sich weg und seufzte. »So, wie geht es meinem größeren Schatz?«
»Mir geht’s gut, danke.« Eleanor zwang ihre Lippen zu einer verzerrten Version eines Lächelns. »Ehrlich.«
»Hmmm.« Die stark geschminkten Augen ihrer Mutter verengten sich zu Schlitzen. »Du siehst immer noch ziemlich mitgenommen aus. Deine Haut ist trockener als das Brathühnchen deiner Großmutter, Gott sei ihrer Seele gnädig. Und für meinen Geschmack bist du immer noch ein bisschen zu dünn. Etwas mehr auf den Rippen steht uns Levy-Mädels einfach besser zu Gesicht. Man kann nicht wie ein Spatz aussehen, wenn man die Gene zum Schwan hat.« Für all das hatte sie nicht einmal Atem holen müssen. »Also, lasst uns essen.«
Eleanor wurde in die Küche gezerrt, dicht gefolgt von einer kichernden Freya. Wie erwartet hatte ihre Mutter genug für zehn Personen gekocht. In diesem Haushalt wurde der Liebe bevorzugt mit einem Zwölf-Gänge-Menü Ausdruck verliehen.
»Setzt euch, setzt euch.« Ihre Mutter gestikulierte wild. »Haut rein. Es ist alles vegan und glutenfrei. Wer gut isst, der lebt auch gut, so heißt es doch immer, richtig?«, zwitscherte sie.
»Klar«, murmelte Eleanor, setzte sich brav und füllte ihren Teller mit kleinen Portionen von allem. Dieses Mittagessen würde sich als Marathon gestalten, und wer ein Rennen gewinnen will, muss taktisch vorgehen.
»Also, Freya, Schatz. Erzähl mir von Samuel. Wie geht es ihm? Wann lerne ich ihn endlich kennen? Ich habe schon meinen Mädels im Laden von ihm erzählt. Rita hatte regelrecht Schaum vor dem Mund, weil sie so neidisch ist. Nach ihren Mädchen dreht sich keiner um, ganz zu schweigen davon, dass eine sich einen ehemaligen Rugby-Star geangelt hätte.« Angelas Augen leuchteten vor Euphorie.
Freya verdrehte die Augen. »Bitte, Mum. Ich habe dir doch erzählt, dass er bloß auf der Uni gespielt hat. Er ist kein Profi oder so was.« Stöhnend schob sie ein Blatt Spinat auf ihrem Teller hin und her. »Und es geht ihm gut. Allmählich langweile ich mich ein wenig mit ihm, wenn ich ehrlich sein soll.«
»Oh.« Angelas Strahlen erlosch. »Sei so gut und schieß ihn nicht gleich ab. Ich muss noch ein bisschen angeben, bevor ich wieder in Ritas Liga zurückfalle.«
»Welche Liga soll das denn sein?« Leise Wut stieg in Eleanor auf. »Die Liga der Frauen mit zwei Töchtern, die peinlicherweise single sind?«
»Eleanor, bitte!«, erwiderte ihre Mutter barsch. »Sei nicht albern. Das habe ich nicht gemeint.« Sie strich ihren Seidenschal glatt und nahm einen großen Schluck aus ihrem Weinglas, wobei sie gekonnt jeden Blickkontakt mit Eleanor vermied. »Wut steht dir nicht. Das war schon immer so.«
Die Stille lag wie Blei über dem Raum.
»Wie läuft es im Laden, Mum?«, fragte Freya zögerlich und drückte verstohlen unter dem Tisch Eleanors Hand.
»Fantastisch, danke. Wie ihr wisst, soll ich zur Regionalleiterin befördert werden. Ich kann es immer noch kaum glauben, aber es ist tatsächlich wahr. Laut der aktuellen Zahlen boomt der Laden. Es läuft super!«
Eleanor konnte einen Anflug von Stolz auf ihre Mum nicht leugnen. Trotz all ihrer unangebrachten Ratschläge und ihrer Exzentrik war sie eine beeindruckende Persönlichkeit.
»Ich frage ja nur ungern, aber habt ihr in letzter Zeit mal euren Vater besucht?« Trotz ihres durchdringenden Blicks bemühte Angela sich um einen lockeren, freundlichen Tonfall.
Eleanor warf Freya einen schuldbewussten Blick zu und hoffte inbrünstig, dass sie es ebenso versäumt hatte wie sie selbst.
»Ihr könntet euch wenigstens ein bisschen Mühe geben, oder? Ihr wisst doch, dass er sich freuen würde.«
»Aber …«, begann Freya.
»Aber gar nichts, Freya Isabelle. Ihr seid seine Töchter. Ein Besuch ist das Mindeste.«
Die steinerne Miene ihrer Mutter ließ keinen Zweifel daran, dass sie es lieber nicht auf eine Auseinandersetzung ankommen lassen sollten.
»Entschuldigung«, murmelten beide kleinlaut.
Aus heiterem Himmel breitete sich ein strahlendes Lächeln auf Angelas Zügen aus.
»Ich habe mir überlegt …« Sie zog ihre kräftig nachgezogenen Brauen hoch. »Wie wär’s, wenn wir zu meinem Geburtstag ein Mädelswochenende veranstalten? Das wäre ein Riesenspaß.«
Eleanor musste sich eine Gabel voll veganer Lasagne in den Mund schieben, um nicht entsetzt aufzuschreien.
»Freya, du siehst in deinen Kalender und suchst ein Wochenende heraus, an dem Sam nicht vorhat, dich zum Essen einzuladen.« Sie zwinkerte übertrieben. »Bei dir, Eleanor, weiß ich ja, dass du zusagst.«
»Und was ist mit meinem Terminkalender? Vielleicht habe ich ja etwas vor?«, protestierte Eleanor empört.
Ihre Mutter tätschelte ihr die Hand. »Schatz, du bist vierunddreißig und frisch getrennt. Machen wir uns mal nichts vor, okay? Außerdem verdienst du es, ein bisschen auf Vordermann gebracht zu werden, bevor du wieder aufs Pferd steigst. Dass du dabei bist, ist ein Muss.«
Am liebsten hätte Eleanor vor Frust laut geschrien, doch sie war zu schockiert, um einen Ton herauszubringen.
»Sind wir fertig?«, fragte Angela und zog ihnen die Teller förmlich unter der Nase weg. »Ich hole das Dessert. Ich muss doch dafür sorgen, dass du ein bisschen was auf die Rippen bekommst, mein Vögelchen.« Sie kniff Eleanor in die Wange und sprang auf, um die Teller in die Spüle zu stellen. »Männer wollen keine Knochengestelle im Bett, hat euer Vater immer gesagt.«
Freya beugte sich näher zu Eleanor. »Soll ich Mum fragen, ob wir diese Besuche vielleicht ein wenig seltener ansetzen können?«, raunte sie und drückte ihren Arm.
»Nicht fragen, sondern es ihr einfach mitteilen!«, erwiderte Eleanor.
»Apropos Kalender«, rief ihre Mutter. »Dich sehe ich ja erst mal eine ganze Weile nicht mehr, stimmt’s, Eleanor-Schatz?« Sie erschien mit einem riesigen Apfelkuchen.
»Was meinst du damit?«, fragte Eleanor, deren Magen allein bei der Vorstellung protestierte, noch mehr zu tun zu bekommen.
»Am Wochenende unseres nächsten Sonntagsessens findet doch Kates Hochzeit statt, oder nicht?«
Eleanor erstarrte. Woher wusste ihre Mutter davon?
»Am 15. Januar, richtig?«, fuhr Angela fort und gab ein riesiges Stück des noch warmen Kuchens auf Eleanors Teller.
»Stimmt …« Eleanors Blick schweifte zu Freya, die sich bereits eine Gabel voll in den Mund schob.
»Richte ihr schöne Grüße aus, ja? Oh, was ziehst du denn an? Von deinen alten Sachen passt dir ja wohl nichts mehr.« Wenig überraschend schien Eleanors Teller am üppigsten beladen zu sein.
»Ich … eigentlich bin ich noch nicht mal sicher, ob ich überhaupt hingehe.«
Ihre Mutter riss ihr den Teller wieder aus der Hand und machte ein finsteres Gesicht. »Was um alles in der Welt willst du damit sagen?«
Eleanor spürte, wie sie rot wurde. Noch hatte sie niemandem von ihrem Vorhaben erzählt, die Hochzeit zu schwänzen, und sich innerlich nicht für die Inquisition ihrer Mutter gewappnet.
»Es könnte unangenehm sein, ganz allein hinzugehen. Ich bin nicht sicher, ob ich mich bereit dafür fühle.«
Ihre Mutter knallte den Kuchenheber auf den Tisch, sodass warme Apfelstücke durch die Gegend flogen. »Nicht bereit? Du bist nicht bereit, dabei zu sein, wenn deine Freundin, die du seit über zwanzig Jahren kennst, die Liebe ihres Lebens heiratet? Schäm dich, Eleanor Ruth.«
»Aber es wird peinlich werden. Allein aufzutauchen, wo alle anderen mit Partner dort sind. Es ist zu brutal.« Eleanor war bewusst, wie erbärmlich das klang, doch das war ihr egal. Sie hatte es satt, dass jeder davon ausging, ihr Liebeskummer hätte sich in Wohlgefallen aufgelöst, nur weil sie nicht mehr den ganzen Tag weinend auf dem Sofa lag.
»Glaubst du ernsthaft, mir fällt so etwas leicht? Glaubst du, es macht mir Spaß, bei Festen oder Dinnerpartys grundsätzlich die Einzige ohne Partner zu sein? Glaubst du, Freya fand es schön, allein zu jedem Familienessen aufzutauchen, bevor Sam in ihr Leben trat?« Die Stimme ihrer Mutter schwoll immer weiter an.
Bei jedem Wort aus Angelas Mund wuchsen ihr schlechtes Gewissen und ihre Scham, gleichzeitig konnte sie die unterschwellige Wut nicht leugnen, die in ihr schlummerte. »Du kannst mich aber nicht mit Freya vergleichen, schließlich hatte sie sich bewusst entschieden, single zu sein.«
»Und was ist mit mir? Habe ich auch entschieden, single sein zu wollen?« Abrupt stand Angela auf und warf sich den Seidenschal über die Schulter. »Ich bedaure sehr, dass Oliver dir wehgetan hat. Vor allem bedaure ich, dass er es geschafft hat, uns jahrelang glauben zu lassen, er sei ein netter, anständiger Kerl. Aber manchmal passieren nun mal beschissene Dinge im Leben, Eleanor. Ehrlich gesagt, sogar eine ganze Menge beschissener Dinge, aber wir müssen uns damit arrangieren, sonst laufen wir Gefahr, überhaupt kein Leben zu haben. Und jetzt iss deinen Nachtisch, bevor er kalt wird.«
Fin
»Verdammt, ist das kalt!« Fin zog seine Jacke enger um sich, als er um die Mittagszeit im belebten Nord-London aus dem Taxi stieg. Ein trüb-grauer Himmel spannte sich über der Stadt. Seine Haut schien die fehlende Sonne schon jetzt zu vermissen, und allein der Anblick der dicken Wolkendecke dämpfte seine Stimmung beträchtlich. Der Flug war lange und nicht gerade angenehm gewesen. Er sehnte sich nach einer heißen Dusche und einer anständigen Mütze voll Schlaf, gleichzeitig war ihm klar, dass er so lange wie möglich gegen den Jetlag ankämpfen musste.
»Willkommen zu Hause«, brummte er, schob den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Haustür.
Robs Warnung, dass die Wohnung unbewohnt wirken würde, war durchaus berechtigt gewesen. In der Diele hingen Spinnweben wie graue Zuckerwatte in den Ecken, und sämtliche Oberflächen waren von einer dünnen Staubschicht bedeckt. Trotzdem war es besser, hierzubleiben, als seine Ersparnisse für eine Unterbringung in einem überteuerten Hotel oder einem seelenlosen Premier Inn zu verschwenden. Zwar hatte er dank seiner Arbeit als freier Fotograf ein hübsches Polster für Notfälle wie diesen auf der Seite, aber noch wusste er nicht, wie lange er bleiben würde, deshalb konnte er nicht leichtfertig damit umgehen.
»Heizung … Heizung … wo zum Teufel ist hier die Heizung?« Er stellte seinen Koffer im Flur ab und machte einen Rundgang durch die Wohnung. »Los, wo bist du, verdammt!«, rief er und rieb die Hände aneinander. Nach zwanzig Minuten ergebnisloser Suche vibrierte sein Handy in der Tasche.
»Hast du die Bude schon zerlegt, oder was?«, begrüßte ihn Robs gedehnte Stimme.
»Das nicht, aber wenn ich nicht bald den Schalter für die blöde Heizung finde, tue ich es vielleicht. Es ist eiskalt hier.«
»Im Schrank in der Diele, hinter der Waschmaschine.« Rob unterdrückte ein Gähnen. »Aber gut zu wissen, dass du heil angekommen bist. Wie war der Flug?«
»Ja, ja. Okay«, antwortete Fin abwesend, spähte in den winzigen Schrank und tastete nach dem Schalter. »Aha, hab ich dich!«, rief er triumphierend. »Moment mal! Ist es nicht zwei Uhr früh bei dir? Wieso bist du um die Zeit noch wach?«
»Ich arbeite«, brummte Rob. »Hauptsächlich arbeite ich nach, weil ich gestern Abend hackedicht war und den ganzen Tag so gut wie nichts auf die Reihe bekommen habe. Aber die Party war super. Du hast uns gefehlt.«
Mit einem Seufzer ließ Fin sich auf das Sofa sinken. Er wusste, worauf das Gespräch hinauslief, und war nicht sicher, ob er gerade die Energie hatte, es in eine andere Richtung zu lenken.
»Du hättest doch nicht mal gemerkt, dass ich da bin. Bestimmt warst du voll wie eine Haubitze und erinnerst dich an nichts, was vor Mitternacht passiert ist.«
»Das stimmt nicht!«, protestierte Rob. »Ich erinnere mich an alles. Zumindest bis kurz nach Mitternacht. Was danach kam, ist ein bisschen verschwommen. Allerdings erinnere ich mich glasklar daran, dass ich Camilla gesehen habe … alleine.«
»Tatsächlich.« Das war keine Frage.
»Das weißt du ganz genau.« Rob hielt inne. »Willst du darüber reden?«
Fin lachte. »Wollte ich das jemals?«
»Stimmt. Und normalerweise wäre ich heilfroh, jegliches Problemgespräch vermeiden zu können, aber nach allem, was mit deiner Mum gerade passiert, dachte ich …« Rob unterbrach sich. Einen Moment lang herrschte verlegene Stille in der Leitung. »Ist alles okay? Bist du okay?«
»Abgesehen davon, dass ich in deiner eiskalten Drecksbude festsitze, vor Müdigkeit kaum die Augen offen halten kann und mir massenhaft Geld verloren geht, weil ich nicht arbeiten kann, geht es mir gut.« Fin stand wieder auf und zwang sich, in der Wohnung herumzugehen. Je länger er herumlag, umso größer die Gefahr, dass er nicht mehr hochkäme.
»Sei nicht so undankbar!«, maulte Rob. »Ich habe dir doch gesagt, dass sie eine ganze Weile leer gestanden hat und du mein Angebot, so lange kostenlos dort zu wohnen, wie du willst, auch ablehnen und dafür in ein hübsches kleines Hotelzimmer gehen kannst, aber … wie man sich bettet, so liegt man.«
Fin atmete auf. Damit waren sie aus der Gefahrenzone eines Gesprächs über Gefühlsangelegenheiten heraus. »Apropos Bett. Wann hast du eigentlich das letzte Mal die Bettwäsche gewechselt?«
»Vor zehn Jahren. Wenn du Glück hast.«
»Du Mistkerl!« Fin schnaubte. »In dem Fall sollte ich wohl mal versuchen, die Bude hier auf Vordermann zu bringen, was? Los, geh ins Bett und schlaf ein bisschen.«
»Ich werd’s versuchen. Sag Bescheid, wie es läuft, ja? Ich hoffe, deiner Mum geht’s … na ja … du weißt schon. Ich hoffe, es läuft alles glatt.«
»Danke, Rob.«
Fin spürte, wie der Kloß in seinem Hals größer wurde, der seit dem schicksalhaften Anruf zu einem festen Bestandteil seines Körpers geworden zu sein schien, der abwechselnd anschwoll und wieder schrumpfte, seinen Würgegriff verstärkte oder lockerte, aber niemals gänzlich verschwand. Er versuchte, das Telefonat aus seinen Gedanken zu verbannen, doch es gelang ihm nicht. Er hatte an dem Morgen zu Hause gearbeitet, als das Telefon klingelte. Die Nummer selbst erkannte er nicht, wohl aber die Ländervorwahl.
»Hallo, spreche ich mit Mr. Finley Taylor?«
Beim Klang des englischen Akzents hatte sich sein Magen verkrampft.
»Am Apparat.«
»Ich bin Schwester Clara vom St. Catherines Pflegeheim hier in Watford. Ihre Mutter ist Eileen Taylor, ist das richtig?«
Fins Herz begann zu hämmern. Selbst zwanzig Jahre nach ihrer Scheidung weigerte seine Mutter sich, den Namen ihres Ex-Mannes abzulegen. Wut flammte in ihm auf.
»Ja, das ist richtig.«
Stille. Dann ein scharfer Atemzug. Die Vorbereitung auf schlechte Nachrichten.
»Ich fürchte, Ihre Mutter ist krank. Schwer krank sogar.« Die Stimme der Schwester war klar und sachlich, trotzdem schwang eine Wärme darin mit, die Fin sagte, dass er ihr vertrauen konnte. »Sie befindet sich schon seit geraumer Zeit in unserer Obhut, doch leider verschlechtert sich ihr Zustand zunehmend, deshalb wollte ich Ihnen rechtzeitig Bescheid geben.«
Fins Gedanken überschlugen sich. Tausende Fragen strömten gleichzeitig auf ihn ein, verschmolzen zu einem chaotischen Getöse in seinem Kopf.
»Rechtzeitig?«, wiederholte er tumb.
»Ja. Wie gesagt, ihr Zustand verschlechtert sich rapide, und ich wollte lieber früher als später anrufen.« Bedeutungsschwere Stille machte sich breit, als sie innehielt. »Tut mir leid, dass ich schlechte Nachrichten für Sie habe.«
Fins Finger krallten sich um sein Handy. Das konnte unmöglich real sein. Oder? Plötzlich kam ihm ein Gedanke. »Weiß sie, dass Sie mich anrufen?«, fragte er.
»Hier in St. Catherines sind wir ermächtigt, die Entscheidung selbst zu treffen, wann wir die Familienmitglieder informieren wollen«, antwortete sie fest. »Und Sie sind Mrs. Taylors nächster Angehöriger.«
»Aber wissen tut sie es nicht, richtig?« Eine Flut an Gefühlen durchströmte ihn. »Sie hat Ihnen nicht gesagt, dass Sie mich kontaktieren sollen.«
»Nein«, bestätigte die Schwester. »Nein, das hat sie nicht.«
»Sollten Sie es ihr nicht sagen?« Angespannt fuhr er sich mit der Hand durchs Haar. Wie war das hier möglich?
»Wie ich schon sagte, sind wir ermächtigt, die Entscheidung zu treffen, wenn ein Patient oder eine Patientin nicht mehr selbst dazu in der Lage ist.«
»Was genau meinen Sie damit?«
»Leider leidet Ihre Mutter unter Demenz.«
»Ah …« Nur unter Aufbietung all seiner Willenskraft gelang es Fin, sich auf die fremde Frau am Telefon zu konzentrieren. Der Raum begann, sich zu drehen. »Und daran stirbt sie auch?«
»Nein. Vor einigen Monaten wurde bei ihr eine Krebserkrankung im Endstadium diagnostiziert.«
»Scheiße«, stieß er erschüttert hervor.
»Kann man wohl sagen.« Wieder hielt die Schwester inne. »Es tut mir sehr leid, dass Sie es auf diese Art erfahren müssen, Mr. Taylor. Natürlich weiß ich nicht, was zwischen Ihnen beiden vorgefallen ist, und ehrlich gesagt geht mich das auch gar nichts an, aber fest steht, dass sie immerzu von Ihnen spricht, ganz egal, ob sie einen guten oder einen schlechten Tag hat.«
Fin stockte der Atem. »Wirklich?«
»Wirklich.«
Einen Moment lang sagte keiner etwas, während Fin verzweifelt versuchte, dem Chaos in seinem Kopf irgendwie Herr zu werden.
»Wie viel Zeit bleibt ihr noch?«, fragte er und krallte die Finger um das Handy.
»Schwer zu sagen. Aber in Situationen wie dieser raten wir den Angehörigen, möglichst schnell zu kommen.«
***
Er schaffte es, bis acht Uhr abends durchzuhalten, ehe die Erschöpfung siegte. Trotz Robs muffiger Laken, die er am Ende aus Faulheit doch nicht gewechselt hatte, schlief er erstaunlich gut und wäre vermutlich nicht vor dem Nachmittag wach geworden, hätte ihn nicht das erbarmungslose Summen seines Handys geweckt.
Schlaftrunken tastete er nach dem Telefon.
»Hallo?«, krächzte er.
»Fin?«, flüsterte eine Frauenstimme. »Bist du das?«
»Hmhm.« Mit einem unterdrückten Gähnen streckte er möglichst geräuschlos die Glieder aus.
»O mein Gott, Fin, ich bin’s, Kate!«, trompetete seine Freundin in den Hörer.
Fin setzte sich auf und rieb sich die Augen. »Oh, hey, Kate. Geht’s dir gut?« Er registrierte den amerikanischen Akzent, der sich mittlerweile in seinen Tonfall geschlichen hatte. Kein Wunder, dass sie ihn nicht auf Anhieb erkannt hatte.
»Mir geht’s prima. Entschuldige, habe ich dich geweckt?«
»Nein, nein, mir steckt nur der Jetlag noch ein bisschen in den Knochen. Ich bin erst gestern angekommen.«
»Ich freue mich ja so, dass du hier bist. Ich konnte es kaum fassen, als ich deine Mail gelesen habe. Ist ja klar, dass du dich erst zwei Wochen vor der Hochzeit meldest!«
»Ja, das … also …«, stammelte er. Inzwischen kam er sich reichlich blöd vor, überhaupt auf die Idee gekommen zu sein. »Das war natürlich schwachsinnig von mir. Ignorier die Mail einfach.«
»Auf keinen Fall! Zufällig steht eine von Georges Cousinen unmittelbar vor der Geburt ihres Kindes, deshalb wollen sie und ihre Frau lieber die Fahrt nicht riskieren und bleiben zu Hause.« Ein Anflug von Bitterkeit schwang in ihrer Stimme mit. »Was heißt … ein Platz ist für dich frei geworden. Für den ganzen Tag, wenn du möchtest. Du musst zwar bei ihrer Menüauswahl bleiben, aber nach allem, was ich weiß, isst du ja so ziemlich alles, oder?«
Fin zögerte kurz, als ihn erste Zweifel beschlichen. Wollte er das allen Ernstes tun?
Du hast doch die E-Mail geschickt.
»Nur wenn du ganz sicher bist?«, erwiderte er vorsichtig.
»Natürlich bin ich sicher! Das ist toll! Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen? Es müssen bestimmt zwanzig Jahre oder so was völlig Verrücktes sein.«
»Nicht ganz, aber, ja, es ist definitiv lange her.« Er lächelte. Selbst heute war sie noch dieselbe 10 000-Volt-Kate, die er aus seiner Kindheit kannte. »Wie geht’s dir, so kurz vor deinem großen Tag? Bist du nervös?«
»Ein paar Kleinigkeiten gibt es noch zu erledigen, aber ansonsten sind wir so gut wie fertig.«
»Ich fasse es nicht, dass die kleine Kate Crossley heiraten wird.« Gähnend rekelte er sich noch einmal ausgiebig. »Wann sind wir eigentlich so alt geworden, hm?« Er stemmte sich aus dem Bett hoch.
