Laura und das Orakel der Silbernen Sphinx - Peter Freund - E-Book
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Laura und das Orakel der Silbernen Sphinx E-Book

Peter Freund

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Beschreibung

Ein neues Abenteuer für Laura Leander und ihre Freunde: Laura muss es unbedingt schaffen, das magische Schwert Hellenglanz vor dem Schwarzen Fürsten Borboron zu finden. Nur so kann sie den Triumph des Bösen aufhalten, und nur so kann sie ihren Vater retten, der noch immer von Borboron gefangen gehalten wird. Auf ihrer Suche macht sich Laura mit ihrem Pferd Sturmwind auf in das geheimnisvolle Fatumgebirge. Doch dort lauert eine riesige Silberne Sphinx, die nur dem Einlass gewährt, der ihre Orakelfrage richtig beantwortet. Eine falsche Antwort bedeutet den sicheren Tod – und bisher konnte niemand das Rätsel lösen. Wird Laura es schaffen?

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Peter Freund

Laura und das Orakel der Silbernen Sphinx

Roman

Für Yannik und Nicole

»Stecke dein Schwert weg; denn alle,

die zum Schwert greifen,

werden durch das Schwert umkommen.«

Matthäus, 26.52

1. Kapitel: Eine schreckliche Botschaft

Die Nacht neigte sich dem Ende zu auf dem ältesten der alten Planeten. Noch immer leuchteten das Gelb des Goldmonds und das helle Blau des Menschensterns über dem Tal der Zeiten, und auch das Siegel der Sieben Monde kündete weithin sichtbar von seiner magischen Kraft. Laura Leander aber hatte keinen Blick für das wundersame Glitzern der Gestirne, die den Himmel von Aventerra zierten wie von großzügiger Hand verstreute Diamanten. Schulterlanges Blondhaar umspielte das hübsche Gesicht des Mädchens, während es dem Hüter des Lichts furchtlos den Kelch der Erleuchtung entgegenhielt.

Elysion saß auf dem Rücken eines prächtigen Schimmels. Der unendliche Lauf der Welten hatte tiefe Spuren in seinem Antlitz hinterlassen. Der sanfte Hauch des Windes, der durch den Talkessel wehte, ließ seine weißen Haupthaare flattern und fing sich in dem ergrauten Bart, der dem Greis bis auf die Brust reichte. Der Hüter des Lichts lächelte, während er das aus purem Gold gefertigte Gefäß aus Lauras Händen nahm. In seinen blauen Augen spiegelte sich alles Wissen der Zeiten.

»Dir gebührt unser aller Dank, Laura«, sprach er mit überraschend sanfter Stimme. »Es war gewiss nicht einfach, den Kelch zu finden und ihn zu uns nach Aventerra zu bringen.«

Das Mädchen lächelte verlegen. Laura wusste nicht so recht, was sie antworten sollte. »Ähm«, räusperte es sich. »Das … Das ist richtig. Aber ich hatte ja Hilfe. Es gab immer jemanden, der mich unterstützt hat. Die anderen Wächter und natürlich auch meine Freunde.«

»Ich weiß.« Das ehrwürdige Gesicht des Alten hatte einen ernsten Ausdruck angenommen. »Auch wenn wir Krieger des Lichts, die wir auf Aventerra zu Hause sind, uns nicht in die Geschehnisse auf dem Menschenstern einmischen, so bleibt uns dennoch nichts von dem verborgen, was dort geschieht. Und so wissen wir, dass es dort noch immer viele Aufrechte gibt, die sich für das Gute einsetzen und nach besten Kräften dafür streiten. Auch wenn es stets weniger werden.«

Laura war, als werde der Mann im schlichten weißen Gewand von Wehmut überwältigt, bevor er fortfuhr: »Und dennoch, trotz all der Hilfe konntest du nur erfolgreich sein, weil du an dich selbst geglaubt hast – und an die Kraft des Lichts. Nur deshalb bist du vor der großen Aufgabe nicht zurückgeschreckt, die das Schicksal dir aufgebürdet hat. Dabei hast du erst den geringsten Teil deiner Aufgabe erfüllt und bist noch lange nicht am Ende deines Weges angelangt.«

Stimmt, dachte Laura bekümmert. Papa wird immer noch in der Dunklen Festung gefangen gehalten. Wenn wir ihn nicht schnellstmöglich aus Borborons Kerker befreien, dann hat der Schwarze Fürst ihn vielleicht längst getötet, wenn wir dort eintreffen.

Und das wäre entsetzlich!

Da erhob Elysion erneut die Stimme. »Sorge dich nicht, Laura«, sagte er beruhigend. »Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um deinen Vater von seinen schrecklichen Qualen zu erlösen.«

Laura war, als mache ihr Herz einen Sprung. »Heißt das, dass wir aufbrechen und zur Dunklen Festung reiten, um ihn zu befreien?«

Elysion schüttelte den Kopf. »Nein, das heißt es nicht.«

Laura ließ voller Enttäuschung den Kopf hängen, was dem Hüter des Lichts nicht entging.

Rasch fügte er hinzu: »Ich weiß, was du fühlst. Aber dennoch dürfen wir nichts überstürzen. Wir müssen mit Umsicht und Bedacht ans Werk gehen. Einen Plan zu seiner Befreiung zu schmieden braucht Zeit. Habe ich recht, Paravain?«

Er wandte sich an den Anführer seiner Leibgarde, der in einer strahlend weißen Rüstung auf dem Schimmel neben ihm saß. »Ihr sagt es, Herr«, antwortete der junge Ritter. »Es wird nicht einfach sein, unsere Feinde zu übertölpeln. Ihre Zahl ist gewaltig und ihre Entschlossenheit ungebrochen, sodass es fast unmöglich sein wird, in Borborons Feste einzudringen.« Damit wandte Paravain sich um und spähte zu der Hügelkette, die das Tal der Zeiten nach Süden hin begrenzte.

Laura folgte seinem Blick. Auf dem Hügelkamm hatte sich das Heer der Dunklen Mächte aufgereiht. Wie drohende Schatten zeichneten sich die Umrisse der Krieger und Streitrosse im diffusen Licht der Dämmerung gegen den Himmel ab. Die Streiter des Bösen starrten hinunter in das Tal, wo der Schwarze Fürst nahe der magischen Pforte auf einem Rappen saß und die kleine Gruppe um Laura aus hasserfüllten Glutaugen beobachtete. Dicht neben ihm zügelte die Schwarzmagierin Syrin ihr Pferd. Ihre bleiche Fratze war von wilder Wut verzerrt.

Laura wusste sehr wohl, dass es sich bei diesen Heerscharen nur um einen Bruchteil der gewaltigen Streitmacht Borborons handelte, der seit Anbeginn der Zeiten mit den Kriegern des Lichts im Kampf lag und Elysion nach dem Leben trachtete, um dem Ewigen Nichts zur Herrschaft zu verhelfen. Und Laura wusste auch, was ein Sieg des Dunklen Herrschers bedeuten würde: Alles Leben würde vernichtet und damit das Ende der Welten besiegelt werden.

Das Mädchen schluckte. Einen Moment zögerte es, dem bangen Gefühl, das sich seiner bemächtigt hatte, Ausdruck zu verleihen. Dann aber wagte Laura es doch. »Verzeiht mir … die Frage, Herr, aber … können wir überhaupt etwas ausrichten gegen einen derart übermächtigen Gegner?«

»Natürlich.« Elysion lächelte, als wolle er Laura Mut machen. »Schließlich stehen uns Streiter zur Seite, die an Tapferkeit nicht zu übertreffen sind.«

Laura blickte zu den Reihen der Weißen Ritter, die auf den nördlichen Hügeln aufgezogen waren. Auch ihre Zahl war gewaltig, gleichwohl sie bei weitem nicht an die von Borborons Heer heranreichte.

»Zu Verzagtheit besteht kein Anlass«, fuhr der Hüter des Lichts fort. »Du weißt doch: Wer auf die Kraft des Lichts vertraut, dem kann alles gelingen. Es gibt mächtige Waffen im Kampf gegen das Böse, die selbst den stärksten Gegner zu besiegen vermögen. Es kostet zwar Mühe, sich in ihren Besitz zu bringen, doch wer schließlich über sie verfügt, dem werden sie eine unschätzbare Hilfe sein – auch dir, Laura. Kehre also getrost zurück auf den Menschenstern, und nutze die Zeit bis zum nächsten Sonnenfest, um deine besonderen Fähigkeiten weiter zu stärken. Denn du wirst noch zahlreiche Prüfungen bestehen müssen, die dein ganzes Können und all deinen Mut erfordern.«

»Aber wie, Herr? Wie …?«, begann das Mädchen, als der Hüter des Lichts ihm das Wort abschnitt.

»Geh, Laura!«, befahl er mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. »Die Sonne wird bald am Firmament erscheinen und damit wird die Pforte sich auflösen, durch die du zurück auf den Menschenstern gelangen kannst. Nichts aber wäre schlimmer für dich, als zwischen den Welten verloren zu sein. Wenn du also zur Mittsommernacht wieder zu uns zurückkehren willst …«

In diesen Moment zerriss ein aufgeregtes Wiehern die gespannte Stille, die sich über das Reich der Mythen gesenkt hatte. Es war Sturmwind, Lauras Schimmel.

Elysion stockte und sein Antlitz wurde fahl.

Besorgt drehte Laura sich nach ihrem Hengst um, der ein paar Schritte von ihr entfernt stand. Sturmwind scharrte unruhig mit den Vorderhufen. Rasch trat sie zu ihm und nahm ihn am Zügel. »Ho, Alter, ho«, flüsterte sie beruhigend. »Was hast du denn plötzlich?«

Im gleichen Augenblick meinte sie von Ferne ein Rauschen zu vernehmen, das sich wie das Schlagen gewaltiger Flügel anhörte. Ein Anflug von Sorge verschattete die Züge des Ritters Paravain. Auch die junge Heilerin Morwena auf dem Schimmel neben ihm, die die beiden so ungleichen Männer ins Tal der Zeiten begleitet hatte, wirkte plötzlich bekümmert. Sie spähte gleich ihrem Begleiter hoch zum Himmel, an dessen östlichem Saum schon das erste Grau des Morgens dämmerte.

»Wonach haltet Ihr Ausschau?«, fragte Laura alarmiert.

Der junge Ritter wollte schon antworten, als sich die Konturen eines gewaltigen Drachen am Himmel abzeichneten. Er hatte zwei Köpfe und kam rasend schnell näher.

»Geh, Laura!«, schrie der Hüter des Lichts ihr zu. »Kehre zurück zum Menschenstern, bevor es zu spät ist!« Und dann …

*

»Was ist denn los, Laura? Träumst du schon wieder – oder warum antwortest du mir nicht?«

Laura zuckte wie elektrisiert zusammen und riss die Augen auf. »Ähm«, stammelte sie verwirrt und musterte das vor ihr stehende fremde Wesen mit abwesendem Blick.

Wer war das?

Und wo war sie überhaupt?

Für einen Moment hatte Laura keinen blassen Schimmer, was um sie herum vor sich ging. Erst als Kaja Löwenstein, ihre Freundin und Banknachbarin, sie unter dem Tisch anstieß, lichtete sich der Schleier vor ihren Augen und ihr wurde klar, dass sie sich nicht mehr auf Aventerra, sondern in ihrem Klassenzimmer auf Burg Ravenstein befand. Durch die großen Fenster war der kopfsteingepflasterte Innenhof des efeubewachsenen Gebäudegevierts zu sehen, aus dem wie von weither Vogelgezwitscher an ihr Ohr drang. Die Stufen der großen Freitreppe, die zum Eingangsportal hinaufführten, schimmerten grau in der Frühlingssonne. Auch die beiden geflügelten Steinlöwen am Fuße der Stufen und die mächtige, in der Gestalt eines Riesen gehaltene Granitsäule, die das Vordach trug, funkelten im Morgenlicht.

Da fiel es Laura wieder ein: Natürlich, es war Dienstag, kurz nach acht, und auf dem Stundenplan stand Geschichte. Und das kahlköpfige ältere Männchen, das sich vor ihr aufgebaut hatte, war niemand anders als Dr. Schneider-Ruff, der Geschichtslehrer der 7b. Besser bekannt als Schnuffelpuff, wie er wegen seines nervösen Ticks, unentwegt geräuschvoll durch die Nase hochzuziehen, von den Schülern nur genannt wurde.

»Ärrggss, vrrrhhhmmm, rrrotz!«, schnuffelte Schnuffelpuff und musterte die immer noch verwirrte Schülerin durchdringend. »Also, Laura – ich hab dich was gefragt, nicht wahr?«

»Ähm – was gefragt?«, entgegnete Laura gedehnt. Sie hatte keine Ahnung, was Schnuffelpuff wollte. Nach wie vor stand sie ganz unter dem Eindruck des Traums, der seit dem Ostarafest immer wiederkehrte. Seit dem Tag, an dem sie auf dem Rücken von Sturmwind durch die magische Pforte nach Aventerra geritten war, um dem Hüter der Lichts den Kelch der Erleuchtung zu überbringen. Dabei lag ihr Ausflug in die Welt der Mythen, um deren Existenz die wenigsten Menschen wussten, schon einige Wochen zurück und war zudem nur kurz gewesen. Nach irdischen Maßstäben hatte er kaum länger als eine halbe Stunde gedauert. Laura jedoch waren die Minuten, die sie auf dem Schwestergestirn der Erde verbracht hatte, wie eine halbe Ewigkeit erschienen. Kein Wunder also, dass ihr die aufregenden Erlebnisse im Tal der Zeiten immer wieder in den Sinn kamen. Wie aus heiterem Himmel und ohne ihr Zutun schweiften ihre Gedanken ab und die damaligen Ereignisse standen wieder so deutlich vor ihrem geistigen Auge, als würden sie sich soeben abspielen.

Das heisere Flüstern ihrer Freundin Kaja verwehte die Erinnerung endgültig. Laura drehte sich zur Seite und blickte ihre Tischnachbarin fragend an.

»Er hat gefragt, ob du die Geschichte diesmal vorlesen möchtest«, zischte das rothaarige Pummelchen. »Du weißt schon – die vom Drachentöter!« Dazu verzog sie das sommersprossige Gesicht, als wolle sie ihr bedeuten, bloß ja zu sagen.

»Ähm.« Laura wandte sich wieder an den Lehrer. »Wa… Warum eigentlich nicht.«

»Na, also – geht doch! Ärrggss, vrrrhhhmmm, rrrotz!« Schnuffelpuff lächelte verklemmt und kniff nervös die Schweinsäuglein hinter seiner altmodischen Brille zusammen. »Dann lass uns bitte nicht länger warten.« Mit wachsender Ungeduld hielt Schnuffelpuff ihr ein dickes Buch mit abgegriffenem Schutzumschlag hin. »Deine Mitschüler sind bestimmt schon mehr als gespannt.«

Laura nahm das Buch und erhob sich. Während der Lehrer sich auf ihren Stuhl setzte – Kaja erwiderte sein Lächeln eher gequält –, ging sie zum Pult und nahm dahinter Platz.

Ihre Mitschüler, sieben Mädchen und sieben Jungen, grinsten sie erwartungsvoll an. Selbst der Klassenstreber und Oberschleimer Pickel-Paule schien sich auf die alte Story zu freuen, die nicht auf dem offiziellen Lehrplan stand. Schnuffelpuff hatte offensichtlich einen Narren daran gefressen und pflegte sie trotzdem in jeder siebten Klasse abzuhandeln, wie Laura wusste. Zusammen mit Kaja wiederholte sie nämlich diese Stufe und kam deshalb nun zum zweiten Mal in den Genuss der aufregenden Geschichte.

Laura legte das Buch gerade auf das Pult, als Ronnie Riedel aus der dritten Bankreihe stänkerte: »Jetzt mach schon, du lahmarschige Tussi!«

Das Mädchen verengte die Augen zu schmalen Schlitzen und blickte den Jungen mit der roten Stoppelfrisur genervt an. Ronnie war Lauras Intimfeind. Er konnte sie nicht leiden, weil die 7b sie zu Beginn des Schuljahres an seiner Stelle zur Klassensprecherin gewählt hatte.

»Und pass bloß auf, dass die Stuchbaben nicht wervechselst«, ließ sich der Fettwanst neben Ronnie vernehmen und prustete los. Sein Lachen erinnerte an das Wiehern eines tollwütigen Esels. Max Stinkefurz war Ronnies bester Kumpel und ihm fast willenlos ergeben. Weshalb er auch versuchte, Ronnie im Stänkern noch zu überbieten. Laura fand das ebenso wenig witzig wie seine jüngste Angewohnheit, die Anfangsbuchstaben von zusammengesetzten Wörtern zu verdrehen. Dieser uralte Gag war doch mehr als out!

»Ruhe jetzt!«, herrschte Schnuffelpuff die beiden an, obwohl er alles andere als ein strenger Pauker war.

*

Ein schillernder Regenbogen spannte sich über den Himmel von Aventerra. Er leuchtete so prächtig, als wolle er Zeugnis geben von der Kraft des Lichts. Alarik bemerkte ihn dennoch nicht. Der blonde Junge im braunen Ledergewand starrte wie gebannt auf die Heilerin, die regungslos in der schummrigen Höhle saß, und wagte kaum zu atmen. Im Hintergrund brannte ein kleines Feuer. Der Schein der Flammen ließ geisterhafte Schatten wie eine Meute irrwitziger Nachtschratzen über die zerklüfteten Felswände tanzen. Rauchwolken drifteten durch die enge Felsenkammer, und obwohl der Junge ganz in der Nähe des Eingangs saß und ihm ständig ein frischer Lufthauch um die Nase wehte, konnte er den Geruch der würzigen Kräuter wahrnehmen, mit dem der Rauch geschwängert war. Er kratzte ihn im Hals und reizte seine Lunge, sodass er gegen einen Würgereiz ankämpfen musste.

Morwena dagegen schien der beißende Qualm nichts auszumachen. Die Augen der Heilerin waren geschlossen. Wie versteinert saß sie in ihrer schlichten weißen Tunika vor einer schmalen Felsspalte im Höhlenboden, aus der gelblicher Dampf aufstieg. Er verströmte einen leichten Schwefelgestank, vermischt mit einem anderen Geruch, der Alarik unbekannt war.

Die Gedanken des Knappen schweiften ab. Wenn nur Alienor hier wäre!, kam es ihm in den Sinn. Meine Schwester wüsste diesen Geruch bestimmt zu deuten! In welche der vielen Regionen Aventerras mag es sie verschlagen haben? Ob ich sie jemals wiedersehen werde? Ob Alienor überhaupt noch am Leben ist?

Ein plötzliches Geräusch riss Alarik aus den quälenden Gedanken: ein Wimmern wie von einem verängstigten Tier. Er straffte sich, reckte den Kopf und spähte mit zusammengekniffenen Augen zu Morwena. Stammte dieses herzzerreißende Geräusch von ihr?

Tatsächlich – erneut stöhnte die Heilerin auf. Kaum wahrnehmbar zunächst, dann immer deutlicher, wiegte sie den Oberkörper hin und her. Schneller und schneller wurde der Rhythmus ihrer Bewegungen. Dabei reckte sie den Kopf, als lausche sie einer unhörbaren, sich steigernden Melodie, während die Töne, die aus ihrem Mund drangen, immer lauter wurden.

Alarik war ratlos. Es drängte ihn, der Heilerin zu Hilfe zu kommen. Aber hatte Morwena ihm nicht ausdrücklich eingeschärft, sie unter keinen Umständen zu stören, solange sie sich in der Orakelhöhle befanden? Und hatte er nicht geschworen, sich streng an ihre Anweisung zu halten?

Allerdings hatte die Heilkundige ihm auch keine andere Wahl gelassen. Hätte er ihr den Eid verweigert, wäre Morwena allein von der Gralsburg Hellunyat zu der Felsenkammer aufgebrochen, die in einem versteckten Seitental der Dusterklamm lag.

Seit Anbeginn der Zeiten suchten die Heilerinnen von Hellunyat Rat bei den Wissenden Dämpfen. Tief aus dem Bauch von Aventerra stiegen die Schwaden durch eine schmale Felsspalte empor, um denjenigen, die ihre Botschaft zu entschlüsseln wussten, ihr geheimes Wissen zu offenbaren. Alarik selbst hatte die junge Frau gebeten, die Orakelhöhle aufzusuchen. Er wollte endlich Gewissheit über das Schicksal seiner Schwester Alienor bekommen.

Alariks Herr, der Weiße Ritter Paravain, und Morwena vermuteten zwar, dass sich das Mädchen in der Dunklen Festung aufhielt, der Trutzburg des Schwarzen Fürsten. Aber Alarik konnte das nicht glauben. Wer begab sich schon freiwillig in die Hand von Borboron und teilte das Los der Kindersklaven, die der Dunkle Herrscher unerbittlich zu qualvoller Arbeit antreiben ließ?

Niemand! Und seine kleine Schwester schon gar nicht! Auch wenn Alienor erst zwölf Jahre zählte und damit zwei Sommer jünger war als er, war sie weder töricht noch lebensmüde.

Gut – Pfeilschwinge, der Bote des Lichts und Wächter der magischen Pforte, der auf seinen mächtigen Adlerschwingen pfeilgeschwind den Äther zu durchmessen pflegte, hatte Alienor zuletzt in der Begleitung eines Levators ausgemacht und beobachtet, wie sie an Bord seines Luftfloßes in Richtung Dunkler Festung durch den Wind dahingetrieben war. Aber diese unsteten Luftnomaden waren schließlich dafür bekannt, dass sie meist ziellos unterwegs waren, sich mal hierhin, mal dorthin bewegten, wo immer der Wind sie auch hinführen mochte. Bestimmt hatte das Luftfloß bald wieder eine andere Richtung eingeschlagen und nicht die Dunkle Festung angesteuert, mochten Morwena und Paravain auch noch so sehr davon überzeugt sein. Dennoch: Ein Rest Ungewissheit hatte mit jedem Tag mehr an Alarik genagt und sich gleich einem ekligen Wurm in sein Bewusstsein gefressen, bis er es schließlich nicht mehr ausgehalten und Morwena zum Besuch der Orakelhöhle überredet hatte.

Das Wimmern der Heilerin war in einen lang anhaltenden Laut übergegangen. Die Züge ihres anmutigen Gesichtes verzerrten sich immer stärker und erstarrten zu einer Fratze der Qual. Ihr schmächtiger Körper bebte so heftig, als werde er von schweren Krämpfen geschüttelt.

Dem Knappen wurde ganz bang ums Herz. Mit lähmendem Entsetzen beobachtete er die junge Frau, die mit einem Mal einen spitzes »Neeiinn!« hervorstieß, sich aufbäumte und dann wie ein von Schnitterhand gekappter Halm zu Boden stürzte, wo sie leblos liegen blieb.

Alarik konnte nicht länger an sich halten. Seinem Versprechen zum Trotz sprang er auf, eilte zu der Heilerin und beugte sich über sie.

Sie atmete, den Mächten des Lichts sei Dank!

Vorsichtig griff der Junge an ihre Schulter und rüttelte daran. »Morwena? Bitte, Morwena – was ist mit Euch geschehen?«

Keine Antwort.

Erneut schüttelte er den steifen Körper. »Morwena?«

Endlich löste sich die Starre, die Heilerin röchelte und schlug unvermittelt die Augen auf. Totenbleich starrte sie Alarik an, als habe sie ihn noch nie zuvor gesehen.

»Morwena?« Der Knappe schluckte. »Was habt Ihr denn?«

Mühsam rappelte die Seherin sich auf, und ihre Pupillen verengten sich. Sie wandte sich zum Eingang und blickte für einen Moment in eine unbestimmte Ferne, als verberge sich dort die Antwort auf Alariks Frage. Schließlich drehte sie sich wieder zu dem Jungen. »Es ist … so entsetzlich«, flüsterte sie, »sie ist in … in allergrößter Gefahr.«

Alarik spürte einen Stich ins Herz. »Aber … Was ist geschehen? Nun sagt schon, was ist mit Alienor?«

Morwenas Gesichtszüge entgleisten. Verwundert musterte sie den Jungen. »Alienor?«

»Natürlich Alienor – von wem war denn sonst die Rede?«

Wie in Trance schüttelte die Heilerin den Kopf. »Ich meine nicht deine Schwester, sondern dieses Erdengeschöpf … dieses Mädchen. Die Kelchträgerin.«

»Ihr meint … Laura? Das Mädchen auf dem Menschenstern?« Alariks Stimme klang heiser.

»Genau!« Die Heilerin nickte heftig. »Genau sie meine ich. Ich glaube, sie …«

»Ja? So sagt doch endlich!«

»Wenn ich die Botschaft der Wissenden Dämpfe richtig deute, dann schwebt Laura in allergrößter Gefahr!«

Alarik schaute die junge Frau verwirrt an. »Und warum?«, fragte er ungläubig.

»Wenn ich das nur wüsste, Alarik! Die Botschaft der Dämpfe ist nicht immer leicht zu entschlüsseln. Ich konnte nur verstehen, dass sie schon bald einer schweren Prüfung ausgesetzt sein wird. Einer Prüfung, die noch niemand überlebt hat!«

Mit einem Ruck griff Morwena nach dem Jungen und krallte ihre Finger so fest in seine Schulter, dass er vor Schmerz aufstöhnte. »Hast du mich verstanden, Alarik?« Morwenas Lider zuckten wie im Fieberwahn. »Noch niemand hat die Prüfung überlebt, die Laura Leander bevorsteht!«

2. Kapitel: Der Drachentöter

Laura lächelte verkniffen und schlug die alte Schwarte an der Stelle auf, die durch ein Lesebändchen markiert war. Sie räusperte sich und begann vorzulesen: »›Die Legende von Sigbert, dem Drachentöter. Aufgezeichnet nach einer wahren Begebenheit.

Als die Zeit noch jung war, wurde Drachenthal, ein unbedeutender Flecken in deutschen Landen, von einem schrecklichen Drachen heimgesucht. Das Untier stand im Dienste einer mächtigen Zauberin und hörte auf den Namen Niflin. Es hauste in einer finsteren Höhle, die am Fuße des Drachenfelsens gelegen war, einer schroffen Gesteinsformation ganz in der Nähe des Ortes. Niflin gehörte zu den wegen des spitzen Horns auf ihrer Nase allseits gefürchteten Horndrachen, den gefährlichsten Vertretern ihrer Art. Sie waren berüchtigt wegen ihrer besonderen Verschlagenheit und galten zudem als schier unbesiegbar.

Der Lindwurm forderte von den Bewohnern von Drachenthal Tribut, wenn er sie verschonen solle. In abgrundtiefer Bosheit verlangte er aber nicht nur eine horrende Zahl von Goldmünzen, sondern auch eine hübsche Jungfrau. Bei einer Weigerung drohte er mit Tod und Verwüstung. Die braven Bürger wollten sich den Forderungen des Ungeheuers nicht beugen, doch all ihre Versuche, ihm den Garaus zu machen, schlugen fehl. Die jungen Recken, die gegen Niflin zu Felde zogen, wurden allesamt von ihm verschlungen. Nur die blanken Knochen blieben von ihnen übrig und bleichten vor dem Eingang seiner Höhle vor sich hin. Und so kam es, dass jedes Jahr aufs Neue eine junge Frau durch das Los dazu bestimmt werden musste, sich dem Drachen darzubieten – womit das Schicksal der Unglücklichen besiegelt war.

So lebte also Drachenthal seit endlosen Zeiten in Angst und Schrecken. Das Leid der Bewohner war groß, und die Väter und Mütter, die eine Tochter zu betrauern hatten, lebten nicht lange genug, um all die Tränen zu weinen, die sie um ihre unglücklichen Kinder vergießen wollten.

Eines Tages jedoch begab es sich, dass ein junger Ritter mit Namen Sigbert vor den Toren der Stadt auftauchte. Der Recke, dessen Rüstung strahlender war als das Licht, zog einsam durch die Lande, um seinen Heldenmut zu beweisen. Sein Weg von Abenteuer zu Abenteuer führte ihn auch vor die Burg des Grafen von Drachenthal, wo er Unterkunft für die Nacht begehrte. Theophil von Drachenthal wurde gerühmt ob seiner Herzensgüte, und so gewährte er dem kühnen Jüngling bereitwillig Gastfreundschaft unter seinem Dach. Theophil bot Sigbert nicht nur ein Nachtlager an, wie es Brauch war unter guten Christenmenschen, sondern lud ihn auch an seine üppig gedeckte Tafel ein, damit der Gast seinen Hunger stillen und seinen Durst löschen konnte.

Beim gemeinsamen Nachtmahl aber gewahrte der junge Ritter des Grafen Tochter Hilda, und schon war es um ihn geschehen: Sigbert entflammte in unsterblicher Liebe zu der hübschen Maid – und auch ihr Herz brannte sofort für den unerschrockenen Recken. Die Liebe der beiden jungen Menschenkinder stand jedoch unter einem denkbar unglücklichen Stern, denn es war keine andere als Hilda, die das Los zum nächsten Opfer für Niflin bestimmt hatte.

Als Sigbert davon erfuhr, legte er einen heiligen Eid ab: Er schwor, nicht eher zu ruhen und zu rasten, bis er das Untier zur Strecke gebracht hatte. Die holde Maid wollte ihn zurückhalten, fürchtete sie doch um sein Leben. ›Ich bewundere Euren Wagemut, hochedler Sigbert, aber ich bitte Euch von Eurem Vorhaben abzulassen!‹, flehte sie händeringend. ›Wenn Ihr bei dem Kampf den Tod findet, wie soll ich dann ohne Euch leben?‹

›Und wie soll ich leben, wenn Ihr in den Tod gehen müsstet?‹, entgegnete Sigbert mit sanftem Lächeln. ›Nichts ist mir kostbarer als Euer Leben – und so will ich es retten, selbst wenn ich mein eigenes verwirken sollte.‹

Hilda wusste nichts mehr zu erwidern, so sehr rührten die Worte des kühnen Recken ihr Herz.

Der junge Ritter aber trat zu ihr, schaute ihr in die Augen und verlor sich in dem tiefen Blau, das klarer war als der klarste Bergsee. ›Seid getrost, holde Hilda‹, sagte er mit Zuversicht in der Stimme, ›mir wird schon nichts geschehen. Vertraut auf die Kraft, die mich leitet‹ – damit deutete er auf das Schwert an seiner Seite, das heller glänzte als die Sonne –, ›so wie ich auf die Kraft meines Schwertes Glanz vertraue, das mich noch nie im Stich gelassen hat. Glaubt, so wie ich glaube – und ich werde den Drachen in den Staub zwingen!‹

Am nächsten Morgen, kaum dass die Sonne sich über den Horizont erhoben hatte, sattelte Sigbert seinen treuen Schimmel Granir, verabschiedete sich von dem Grafen und seiner Tochter und machte sich auf dem Weg zum Drachenfelsen.

Das Untier erwartete ihn bereits vor dem Eingang seiner Höhle. Niflin scharrte in den Knochen, die vor seiner Höhle aufgetürmt waren. Als er erkannte, dass der Ritter in der strahlend weißen Rüstung andere Absichten hegte, als einen Beutel mit Goldmünzen und eine Jungfrau zu überbringen, geriet er in Raserei. Sein Gebrüll war bis in die Gassen von Drachenthal zu vernehmen, und die Lohe, die dabei aus seinem riesigen Maul schoss, war so heiß, dass die umstehenden Felsen beinahe wie Butter in der Sonne zerschmolzen.

Obwohl Sigbert in seinem ganzen Leben noch nie ein derart schreckliches Ungeheuer zu Gesicht bekommen hatte, ließ er sich von Niflin nicht einschüchtern. Unerschrocken stellte er sich dem Lindwurm zum Kampf. Er griff zu seinem Speer, um ihn dem Untier in den Schlund zu schleudern, als er die vielen Lanzen seiner unglücklichen Vorgänger gewahrte, die zerbrochen auf dem Boden verstreut lagen. Augenblicklich griff der in allerlei Kämpfen erprobte Sigbert zu einer anderen Kriegslist: Geschützt von seinem Schild, das Zwergriesen in grauer Vorzeit geschmiedet hatten, wich er den fauchenden Feuerstößen aus, mit denen der Drache ihm nach dem Leben trachtete. Behände sprang er bald zur einen, bald zur anderen Seite, sodass Niflin fast schwindlig wurde bei dem Versuch, den Recken im Auge zu behalten. Die Deckung der zahlreich in der Schlucht verstreuten Felsbrocken nutzend, arbeitete der Ritter sich immer näher an das Untier heran.

Der Drache jedoch schien zu merken, was Sigbert im Schilde führte. Oder war es seine Herrin, die mächtige Zauberin, die ihm den Gedanken eingab? Niflin jedenfalls stellte das Feuerspeien ein und ließ stattdessen schwefeligen Qualm aus seinen Nüstern steigen. Der stank entsetzlich nach Pestilenz und Tod. Kaum waberte die gelbe Wolke um Sigberts Haupt, als er auch schon, wie vom Blitz gefällt, umstürzte und reglos liegen blieb.‹«

»Nä, ne?« Franziska Turinis ungläubige Stimme unterbrach die atemlose Stille, die sich über die 7b gelegt hatte. »Das glaub ich jetzt einfach nicht!«

»Genau!«, pflichtete Magda Schneider ihr bei. Laura vermeinte Empörung im Gesicht der hoch gewachsenen Blonden zu erkennen. »Warum zum Geier heißt der Typ dann Drachentöter?«

Lächelnd blickte Laura in die ungläubigen Mienen ihrer Mitschüler. »Wartet es einfach ab. Die Geschichte ist doch längst noch nicht zu Ende!«, erklärte sie und nahm das Buch wieder auf.

»›Als Niflin den in den Staub gestreckten Helden gewahrte, löste sich ein zufriedenes Grunzen aus seinem Schlund. Er verzog das Maul, sodass es den Anschein hatte, als lächele er. Dieser elende Wicht!, zuckte es durch sein winziges Drachenhirn. Wie töricht von ihm, mich herauszufordern! Glaubte er wirklich, mich besiegen zu können? Dann schüttelte der Lindwurm das furchterregende Haupt. Niemand konnte ihn besiegen, nicht einmal mit einem noch so mächtigen Schwert. Und niemand konnte seiner Herrin etwas anhaben, in deren Schutz er stand.

Schwerfällig tappte der Drache auf den Ritter zu, der wie tot vor ihm lag. Alles Leben schien aus ihm gewichen. Wie alle Vertreter seiner Art, pflegte auch Niflin seine Opfer zu beschnüffeln, bevor er sie verschlang. Das, was er roch, schien dem Untier zu behagen. Es hob den Kopf, reckte ihn weit in die Höhe und ließ ein lautes Triumphgeschrei erschallen, das einem mächtigen Donner gleich weithin über die Lande grollte.

Genau darauf aber hatte Sigbert nur gewartet. Schließlich wusste er nur zu gut um die Gefährlichkeit des Pest-Atems. Aus diesem Grunde hatte er auch sofort die Luft angehalten und sich geschwind zu Boden fallen lassen. Nun aber, da Niflin ihn nicht weiter beachtete, schlug der Recke die Augen auf, rollte sich geschwind wie ein Luchs unter den mächtigen Leib des Ungeheuers und trieb ihm das Schwert bis ans Heft in die Brust. Sogleich schoss ihm das heiße Drachenblut wie eine rote Springflut entgegen, und da wusste Sigbert, dass er das Untier mitten ins Herz getroffen hatte.

Niflin brüllte auf, dass die Felsen ringsum erzitterten. In seinem Schrei schwang die Gewissheit des nahen Endes mit. Doch noch wollte das Untier sich nicht geschlagen geben. Es hatte ganz den Anschein, als wolle es seinen Gegner mit in den unausweichlichen Tod nehmen. Der Lindwurm wälzte sich herum und schnappte mit seinen messerscharfen Zähnen nach dem kühnen Ritter.

Doch auch darauf war der Recke vorbereitet. Schneller als ein Falke den Äther durchmisst, zog er Glanz aus der Brust des Drachen und parierte dessen Angriff mit gewaltigen Hieben. Ein wilder Kampf entspann sich, wie es seinesgleichen noch nicht gegeben hatte. Mal neigte die Gunst des Sieges sich dem einem, mal dem anderen zu, bis Sigbert schließlich das spitze Horn abschlug, das Niflins Nase zierte – womit er ihn mitten in seinen Lebensnerv traf. Den Hörnern verdanken die Horndrachen nämlich nicht nur ihren Namen. Sie sind auch der Sitz der bösen Kräfte, die den Ungeheuern besondere Gefährlichkeit verleihen. Seines lebensnotwendigen Antriebs beraubt, stürzte Niflin vor seiner Höhle in den Staub. Ein letztes Mal noch hob er die Flügel, doch mehr als ein mattes Flattern brachte er nicht mehr zustande, bevor er mit einem letzten Röcheln verendete. Sein mächtiger Leib erstarrte in der folgenden Nacht zu Stein, genau mit dem mitternächtlichen Glockenschlag. Noch heute sind seine Überreste zu sehen, auch wenn die Zeit und die Unbilden der Witterung dafür gesorgt haben, dass seine Konturen nur noch zu erahnen sind. Der Drachentöter Sigbert aber säuberte sich und sein Schwert an einer nahen Quelle, die fortan Blutbronn genannt wurde. Bevor er sich den Goldschatz holte, den Niflin in seiner Höhle gehortet hatte, griff er sich das abgeschlagene Horn des Drachen. Kaum steckte es in seiner Tasche, da stellte Sigbert zu seiner Verwunderung fest, dass ihm ungeahnte Kräfte zugewachsen waren. Als er einen Felsbrocken, der schwerer wog als zwanzig Männer, mit der Stiefelspitze berührte, flog der in hohem Bogen davon. Zur Probe riss der Ritter noch einen Baum aus, und obwohl dessen Stamm so dick war, dass fünf Recken ihn nicht hätten umfassen können, kostete es ihn nicht die geringste Anstrengung. Sigbert schmunzelte, ahnte er doch, dass er dank des Drachenhorns von nun an so gut wie unbezwingbar sein würde.

Bewehrt mit dem Schatz und dem wundersamen Horn, kehrte er glücklich zur Burg des Grafen zurück. Aus lauter Dankbarkeit gab ihm Theophil von Drachenthal seine Tochter Hilda zur Frau. Unter dem Jubel der von Niflin erlösten Bevölkerung feierten die beiden schon am nächsten Tage Vermählung. Ihre Ehe ward glücklich und von Gott gesegnet und begründete ein edles Herrschergeschlecht. Sigbert und Hilda aber lebten zufrieden bis ans Ende ihrer Tage.

Das Schicksal des sagenhaften Schwertes Glanz jedoch verlor sich ebenso im Nebel der Geschichte wie das des zaubermächtigen Drachenhorns.‹«

Laura atmete auf – geschafft!

Sie schlug das dicke Buch zu und schaute die Klasse abwartend an. Die meisten ihrer Mitschüler schienen ganz gebannt von der Erzählung. Ihre Augen leuchteten, und die Wangen waren gerötet. Schon wollte sie sich erheben, als etwas völlig Unerwartetes geschah.

»Echt cool!«, rief Philipp Boddin und fing an zu klatschen. Ausgerechnet der supercoole Mr Cool! Und die anderen taten es ihm gleich. Selbst Max Stinkefurz patschte einige Male in seine Fettfinger. »Wirklich, Laura – Luperseistung!«, grunzte er, so breit wie verlegen grinsend.

»Sehr schön, Laura!«, lobte auch Schnuffelpuff und erhob sich vom Stuhl.

»Danke«, murmelte das Mädchen, schüttelte verlegen die blonde Haarmähne, um dann hastig zu seinem Platz zurückzugehen. Als Laura an Philipp vorbeikam, erhaschte sie seinen Blick. Darin stand ehrliche Bewunderung, und ein freundliches Lächeln lag auf seinen wohlgeformten Lippen.

Laura merkte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Rasch senkte sie den Kopf. Oh, Mist! Hoffentlich bekam keiner mit, dass sie rot wurde. Zumal es keinerlei Grund dafür gab. Als ob sie sich aus Philipps Bewunderung etwas machen würde! Einfach albern, so was anzunehmen! Ihre Knie zitterten ein wenig, als sie sich setzte.

Kaja beugte sich zu ihr herüber und grinste sie breit an. »Hast du es auch bemerkt?«

»Bemerkt?« Obwohl Laura ahnte, worauf die Freundin anspielte, gab sie sich unwissend. »Was soll ich denn bemerkt haben?«

»Na – wie er dich angeguckt hat!«

»Angeguckt? Wen meinst du denn?«

»Oh, nö, Laura!« Empört blies Kaja die Wangen auf. »Jetzt tu nicht so naiv! Philipp mein ich natürlich. Mr Cool – wen denn sonst?«

Lauras Gesicht brannte plötzlich wie Feuer.

Hilfe!

Ihre Wangen leuchteten mittlerweile bestimmt so rot wie eine Rotlichtbirne!

»Während du vorgelesen hast, hat er dich die ganze Zeit angestarrt, als wärst du nicht von dieser Welt. Und seine Augen, die haben richtig verträumt ausgesehen. Voll süß!«

»Blödsinn!« Laura schoss Kaja finstere Blicke zu.

»Wenn ich’s dir doch sage! Und als du zu deinem Platz zurü–« Das Pummelchen brach plötzlich ab, musterte Laura mit weit geöffnetem Mund – und grinste dann breit. »Oh, nö, Laura – du bist ja ganz rot! Im ganzen Gesicht! Sag bloß, du bist verkn–«

»Quatsch!«, fiel Laura ihr wütend ins Wort. »Mir ist nur furchtbar warm, das ist alles!«

»Warm? Soso.« Kaja legte die Stirn in Falten. »Ist ja interessant.«

»Interessant?« Laura hatte keine Ahnung, was die Freundin meinte. »Wieso das denn?«

»Na, ja«, antwortete Kaja gedehnt. »Vor dem Frühstück hast du dich noch beklagt, dass es für die Jahreszeit heute ausgesprochen kühl ist. Und jetzt plötzlich ist dir furchtbar warm. Das ist doch eigenartig, findest du nicht?«

»Nee.« Laura winkte genervt ab, als sie plötzlich bemerkte, dass Philipp sie versonnen ansah. Sie wandte sich abrupt ab, als habe er sie bei etwas Verbotenem ertappt, und fühlte noch im gleichen Moment, dass ihr neuerlich das Blut in die Wangen schoss. Panik stieg in ihr hoch. Verstohlen blickte sie sich um. Zum Glück schenkte ihr keiner der Mitschüler auch nur die geringste Aufmerksamkeit. Selbst Philipp hatte sich wieder weggedreht. Nur in Kajas sommersprossigem Gesicht glaubte sie ein breites Grinsen zu entdecken. Doch Laura tat so, als bemerke sie das nicht, und schaute zur Tafel, wo der Geschichtslehrer stand.

»Es freut mich, dass euch diese Legende so gut gefallen hat«, sagte Schnuffelpuff und griff sich ein Stück Kreide. »Für die schriftliche Hausarbeit habe ich aber ein anderes Thema gewählt. Damit niemand behaupten kann, er habe die Fragestellung nicht richtig verstanden, schreibe ich sie lieber auf.« Er drehte sich um. Die Kreide quietschte über die Tafel, während er jedes einzelne Wort laut mitsprach: »›Die Bedeutung der Sphinx in der ägyptischen und griechischen Mythologie und ihre Relevanz für unsere heutige Zeit‹. Ihr habt zwei Wochen Zeit, aber dafür erwarte ich auch eine umfassende Darstellung!«

»Oh, nö!«, stöhnte Kaja leise vor sich hin und verdrehte die Augen, während Magda Schneiders aufgebrachtes »Was soll denn der Quatsch, zum Geier?« deutlich aus dem allgemeinen Gemurmel herauszuhören war.

Laura dagegen starrte wie abwesend vor sich hin. Als Schnuffelpuff das Hausarbeitsthema genannt hatte, waren wie aus dem Nichts drei Worte durch ihren Kopf gehallt: ›die Silberne Sphinx‹ – und sie hatte nicht die geringste Ahnung, warum.

Plötzlich fror Laura ganz entsetzlich.

*

Gespannte Stille hatte sich über den Thronsaal der Gralsburg von Aventerra gesenkt. Nur das leise Knistern des Holzfeuers im großen Kamin war zu hören. Auf dem Thronsessel dicht davor saß der Hüter des Lichts. Er schien in trübe Gedanken versunken zu sein, während Morwena, die auf einem Schemel neben dem Thron Platz genommen hatte, ihn bekümmert beobachtete.

Ritter Paravain, der erste der dreizehn Weißen Ritter, schritt unruhig in dem geräumigen Saal auf und ab, durch dessen hohe Fenster die Strahlen der tief stehenden Nachmittagssonne fluteten. Vom Hof der Gralsburg her drangen gedämpfte Laute herein: das Wiehern von Pferden und das Geklirre der Schwerter, mit denen die Ritter die Knappen in der Fechtkunst unterrichteten. Die Rufe der Mägde und Knechte und das Hämmern der Schmiede. All das jedoch hörte der Weiße Ritter nicht, der nun mit ernster Miene vor die junge Frau im weißen Gewand hintrat.

»Nicht dass ich deine Worte in Zweifel ziehen möchte, Morwena, aber hast du die Orakelhöhle nicht deshalb aufgesucht, um mehr über das Schicksal von Alienor herauszufinden?«

»Ja, schon.«

»Und hast du uns nicht immer wieder erklärt, dass die Botschaft der Wissenden Dämpfe vielfach verschlüsselt und deshalb auf unterschiedlichste Weise zu deuten sei?«

»Auch das ist richtig.«

Der junge Ritter nickte bekümmert. »Wieso bist du dir dann so sicher, dass ihre Botschaft nicht Alienor, sondern diesem Mädchen auf dem Menschenstern galt? Woher nimmst du die Gewissheit, dass diese Laura wirklich in großer Gefahr schwebt?«

»Weil –«

»Weil Morwena eine vorzügliche Heilerin ist«, sagte Elysion mit eindringlicher Stimme, »und weil sie sich wie keine Zweite darauf versteht, die Botschaft der Orakelhöhle auszulegen. Was sie oft genug unter Beweis gestellt hat – habe ich nicht recht, Paravain?« Der Hüter des Lichts erhob sich und ging bedächtigen Schrittes auf den Ritter zu.«

Paravain blieb stumm und senkte den Blick.

Elysion legte dem Befehlshaber seiner Leibwache die Hand auf die Schulter. »Wir haben keinen Grund, an ihrer Aussage zu zweifeln. Zumal auch das Zeichen, das wir alle gesehen haben, in die gleiche Richtung deutet.«

»Das Zeichen?« Paravain schaute den greisen Mann verwundert an. »Meint Ihr … den Drachen, Herr?«

»Genau!«

»Dann habe ich mich also doch nicht getäuscht?«, warf Morwena nachdenklich ein.

Ein Ausdruck der Verwunderung legte sich auf Elysions faltiges Gesicht. »Inwiefern?«, fragte er.

»Damals in der Ostaranacht, als dieser zweiköpfige Flugdrache urplötzlich über dem Tal der Zeiten aufgetaucht ist, schien es mir, als wäret Ihr ziemlich erschrocken.«

Elysion nickte versonnen. »Stimmt. Weil ich mich schlagartig daran erinnert habe, welche Bedeutung man dem Auftauchen eines Drachen mit zwei Köpfen seit Anbeginn der Zeiten beimisst.«

»Ach!« Paravain machte eine abwertende Geste. »Das ist nichts weiter als törichter Aberglaube!«

»Du irrst dich, junger Freund.« Bedächtig wiegte der Hüter des Lichts das Haupt. »Zweiköpfige Drachen sind äußerst selten. Deshalb werden sie schon seit alters her als ein sicheres Zeichen dafür angesehen, dass jemand aus unseren Reihen den Tod finden wird. Und viel häufiger, als mir lieb war, habe ich erleben müssen, dass sich diese Prophezeiung bewahrheitet hat.«

Morwena blickte den Ritter an. »Ich glaube, Elysion hat recht«, sagte sie sanft. »Nach der alten Überlieferung taucht ein solcher Drache immer nur dann auf, wenn ein herausragender Vertreter des Lichts mit dem Tode bedroht ist – was im Einklang stünde mit der Botschaft der Wissenden Dämpfe.«

Paravain antwortete nicht. Der Gedanke, dass Laura in tödlicher Gefahr schwebte, ängstigte ihn so, dass sich alles in seinem Inneren dagegen sträubte, ihn zuzulassen. Doch nun kam er wohl nicht länger umhin, ihn endlich zu akzeptieren.

»Laura ist ihrem Alter weit voraus«, erklärte der Hüter des Lichts. »Sie hat den Dunklen nicht nur den Kelch entrissen und ihn zu uns zurückgebracht, sondern ist darüber hinaus auch noch allen teuflischen Fallen entkommen, die unsere Gegenspieler ihr gestellt haben.«

Der Ritter schwieg noch immer und musterte seinen Herrn mit unstetem Blick.

»Allerdings ist sie immer noch eine Elevin«, fuhr Elysion fort. »Die besonderen Kräfte, die in ihr schlummern, sind noch längst nicht zur vollen Entfaltung gebracht worden. Wahrscheinlich ist Laura zu weit Größerem fähig, als wir alle vermuten, und wird dereinst zu einer herausragenden Streiterin des Lichts heranreifen – falls sie nicht vom rechten Weg abweicht.«

»Dann hat Morwena die Botschaft der Wissenden Dämpfe also richtig gedeutet?« In Paravains Frage schwang eine stille Hoffung auf Widerspruch mit.

»Ich habe nicht die geringsten Zweifel daran«, antwortete Elysion ungewöhnlich ernst. »Schon damals, als dieser Drache ausgerechnet während der kurzen Zeit erschienen ist, die Laura bei uns weilte, sind dunkle Ahnungen in mir aufgestiegen. Und durch die Botschaft, die die Wissenden Dämpfe Morwena übermittelt haben, sind sie nur noch bestärkt worden.«

Mit gequälter Miene wandte Paravain sich ab, schritt zum Fenster und blickte hinaus, bevor er sich wieder dem Hüter des Lichts zuwandte. »Und dennoch: Wie sollen die Dämpfe denn um dieses Mädchen wissen? Es wohnt doch auf dem Menschenstern und ist nicht in unserer Welt zu Hause.«

Der Hüter des Lichts war offensichtlich nahe daran, die Geduld zu verlieren. Der Unmut trieb ihm die Röte ins Gesicht. »Jedes Geschöpf auf Aventerra weiß, dass das Schicksal des Menschensterns untrennbar mit unserer Welt verknüpft ist. Und so gelten diese Orakelbotschaften für uns ebenso wie für die Bewohner des Menschensterns. Außerdem weißt du doch, dass Laura in der Mitsommernacht wieder nach Aventerra zurückkommen wird, um ihren Vater aus den Klauen Borborons zu befreien. Wir haben ihr fest versprochen, sie dabei nach besten Kräften zu unterstützen – oder solltest du auch das schon vergessen haben, Paravain?«

»Nein«, antwortete der Ritter kleinlaut. »Natürlich nicht.«

»Dann bin ich ja beruhigt!« Obwohl Sarkasmus Elysion für gewöhnlich völlig fremd war, schwang er nun unverhohlen in seinen Worten mit. Es schien dem Herrscher gar nicht zu behagen, dass ausgerechnet der Anführer der Weißen Garde seine Worte in Zweifel zog.

Morwena trat an den jungen Mann heran, griff nach seiner Hand, drückte sie zärtlich und lächelte ihn besänftigend an. Ohne ihn loszulassen, wandte sie sich an den Hüter des Lichts. »Habt Ihr eine Vermutung, wie diese Prüfung aussehen könnte, der Laura sich stellen muss, Herr?«

»Nein, nicht im Geringsten.« Für eine Weile blickte Elysion schweigend durchs Fenster hinaus auf die Ebene von Calderan, die sich von der südlichen Mauer der Gralsburg bis weit zum Horizont erstreckte, wo sie von den schroff aufragenden Drachenbergen begrenzt wurde. Fast schien es, als wolle er in den sich darüber auftürmenden Wolken nach einer Antwort suchen.

Alle versanken in grüblerisches Schweigen, bis der Hüter des Lichts seine jungen Gefolgsleute mit ernster Miene anblickte. »Wie immer Lauras Prüfung auch ausfallen mag, so will ich wenigstens für sie hoffen, dass sie nicht ausgerechnet das Orakel der Silbernen Sphinx lösen muss. Denn das hat in der Tat noch niemand geschafft.«

Paravain und Morwena sahen sich erschrocken an.

»Ihr wisst beide, wie sehr ich auf die Kraft des Lichts vertraue«, fuhr Elysion feierlich fort. »Aber genauso sehr hoffe ich, dass Laura diese Prüfung erspart bleibt. Denn damit wäre selbst dieses mutige Mädchen dem Untergang geweiht.«

*

»Ja?« Dr. Quintus Schwartz blickte vom Schreibtisch auf und starrte genervt auf die Bürotür, die nach dem zaghaften Klopfen vorsichtig aufschwang.

Eine ältliche Frau mit käsigem Spitzmausgesicht lugte durch den Türspalt. »Frau Taxus ist da, Herr Konrektor«, piepste Frau Prise-Stein zaghaft. »Sie behauptet –«

»Aber ja doch!«, antwortete der schwarzhaarige Mann ungehalten. »Nur herein mit ihr.«

Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, als Rebekka Taxus sich auch schon an der Sekretärin vorbei ins Direktorenbüro drängte. Dabei schaute sie das blasse Mausgesicht von oben herab an. »Ssehen Ssie? Ich hab Ihnen doch gleich gessagt, dasss Quintusss … Äh … Herr Dr. Schwartzs mich ssprechen will!«

Die Angesprochene zog sich sichtlich beleidigt zurück. Dass die Tür lauter als nötig ins Schloss fiel, nötigte dem Mann hinter dem Schreibtisch nur ein amüsiertes Lächeln ab.

»Weiber!«, murmelte er kaum hörbar vor sich hin, um sich dann an die Frau in Pink zu wenden, die unaufgefordert auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz nahm. »Sieht mir nicht danach aus, als würdet ihr beiden noch Busenfreundinnen werden, die Prise-Stein und du?«

»Isst doch auch wahr!« In ihrer Wut verzischte Rebekka Taxus die S-Laute noch stärker als sonst. »Nur weil ssie sseit Jahren die Tippsse von Direktor Morgensstern isst, ssteht es ihr noch lange nicht zu, ssich aufführen, alss ssei ssie der Höllenhund Zerberuss höchsstperssönlich!«

»Vorsicht!« Für einen kurzen Moment glühten die Augen des Mannes rot auf. »Wir können schließlich nicht wissen, wozu wir die noch brauchen.«

»Ja, ja, isst ja gut«, lispelte Pinky unwirsch und schaute ihren Kollegen dann fragend an. »Warum hasst du mich hergebeten?«

»Weil die Große Meisterin neue Aufträge für uns hat, deshalb!« Der stellvertretende Direktor erhob sich und kam hinter dem schweren Eichenschreibtisch hervor. Ein Lächeln huschte über seine wohlgeformten Gesichtszüge, deren Solariumbräune einen Hauch zu tief war.

»Tatssächlich?« Die Taxus runzelte sie die Stirn und musterte ihn durchdringend. »Ich hoffe, ssie lässst ssich endlich etwass gegen diessess Gör einfallen. Wie mir scheint, beherrscht Laura Leander ihre bessonderen Fähigkeiten mit jedem Tag bessser! Wenn dass sso weitergeht, können wir schon bald nichtss mehr gegen ssie aussrichten!«

»Warum so pessimistisch, meine Liebe?« Quintus Schwartz lächelte mit schmalen Lippen, als mache er sich über die Komplizin lustig. »Nur weil sie den Kelch der Erleuchtung nach Aventerra zurückgebracht hat, ist sie noch längst nicht unbesiegbar.«

»Wenn du dich da bloßs nicht täuschsst, Quintuss! Schließslich hat ssie auch all unsseren Verssuchen getrotzt, ssie mit Hilfe unsserer Geschöpfe auss dem Weg zu räumen. Alless, wass wir bisslang gegen ssie eingefädelt haben, war letztendlich erfolgloss.«

»Als ob ich das nicht wüsste!« Ein Seufzer entrang sich der Kehle des Mannes, während er einen Stuhl zu sich heranzog und gegenüber seiner Besucherin Platz nahm. »Wir haben sie einfach unterschätzt!«

»Wass ein unverzeihlicher Fehler war!«, ereiferte sich die Frau. »Schließslich wisssen wir sspätesstenss sseit Laurass Geburt, dasss ssie im Zeichen der Dreizehn geboren isst und desshalb über ganz bessondere Kräfte verfügt. Und dasss ssie diesse viel schneller und bessser beherrscht alss gedacht, hätte unss auch nicht überraschen dürfen.«

»Du hast ja recht.« Dr. Schwartz versuchte die Frau zu beschwichtigen. »Aber diesmal wird Laura Leander uns bestimmt nicht in die Quere kommen!«

»Ah, ja?« Rebekka Taxus klang wenig überzeugt. »Und wass macht dich da sso ssicher?«

»Die Aktion, die wir von langer Hand vorbereitet haben, kommt nun langsam ins Rollen. Ein Rädchen greift ins andere, und alles läuft wie geplant. Keiner unserer Feinde ahnt auch nur im Geringsten, was wir im Schilde führen. Zudem haben wir unschätzbare Unterstützung: Die große Meisterin wird uns helfen, dieses kostbare Schwert zu finden – und Laura endlich auszuschalten.«

»Und? Wass hat ssich dass herrische Weib denn ausgedacht?« Die Mathematiklehrerin atmete schwer. »Jetzt ssag schon, Quintuss! Wass ssollen wir tun?«

Als Quintus Schwartz ihr den Auftrag dargelegt hatte, grinste er Pinky an und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Verstehst du jetzt, warum dieses Gör mir kaum noch Sorgen bereitet?«

»Aber natürlich, Quintuss!« Ein irres Leuchten stand in Rebekkas Augen, und wieder schienen sich Vipern auf ihr Haupt zu winden. »Du hasst recht. Niemand widerssteht der Großsen Meissterin – und desshalb wird Laura Leander ihrem Schicksal diessmal nicht entgehen!«

3. Kapitel: Eine schlimme Vorahnung

Kaja schien kurz vorm Explodieren. »Das ist nicht fair, Laura.« Mit finsterer Miene pustete sie die Wangen auf, während sie versuchte mit der in Richtung Speisesaal hastenden Freundin Schritt zu halten. »Du hast wirklich keinen Grund, sauer auf mich zu sein!«

»Nein?«

Kaja schüttelte den Kopf, worauf Laura ein bitteres Lachen hören ließ. »Und dass du den ganzen Vormittag nur Blödsinn erzählst, ist das vielleicht kein Grund?«

»Aber wieso denn?« Kajas Stimme klang weinerlich. Das Mädchen blieb stehen und schaute Laura beinahe flehentlich an. »Du bist wirklich rot geworden, als ich dir erzählt habe, dass Mr Cool dich ganz verträumt angesehen hat. Und deshalb hab ich gedacht –«

»Das Denken sollest du besser bleiben lassen«, fiel Laura ihr harsch ins Wort. »Kommt eh nur Unsinn dabei raus.« Damit drehte sie sich um, stürmte um die Ecke – und stieß recht unsanft mit einer Lehrerin zusammen.

Rebekka Taxus.

Ausgerechnet Pinky!

»Verdammt!« Wie eine wütende Kobra zischte die ganz in Pink gekleidete Frau ihre Schülerin an. »Kannsst du nicht aufpasssen, oder hasst du deine ssieben Ssinne wieder mal nicht beissammen, Laura Leander?«

Für die Dauer eines Wimperschlags hatte Laura den Eindruck, als kringele sich anstelle der geflochtenen Rastazöpfe ein Dutzend kleiner Schlangen um den Kopf der Mathelehrerin. Unwillkürlich zuckte sie zurück, aber da war die Vision auch schon wieder vorbei. »E… E… Entschuldigung, Frau Taxus«, stammelte sie rasch. »Ich … Ähm … Ich habe Ihnen hoffentlich nicht wehgetan?« Schon rechnete sie mit einer wütenden Schimpftirade, als sich das Gesicht der Taxus zu Lauras Verwunderung plötzlich entspannte.

»Isst doch halb sso wild«, lispelte sie und bemühte sich um ein Lächeln, das einem schleimigen Versicherungsvertreter alle Ehre gemacht hätte. »Sso wass kann schon mal passieren. War doch besstimmt keine Abssicht, oder?«

»N… N… Nein«, stotterte Laura verwirrt. »Natürlich nicht.«

»Na, alsso.« Immer noch dieses falsche Lächeln im Gesicht, musterte Pinky das Mädchen aus schmalen Augen. Ihr Blick hatte die Schärfe eines Skalpells.

Doch Laura war auf der Hut und ließ sich von Rebekkas geheuchelter Freundlichkeit nicht täuschen. So gut es ging, schirmte sie ihr Bewusstsein vor der Dunklen ab, damit diese ihre Gedanken nicht lesen konnte.

Verdammtes Gör, dachte Rebekka Taxus. Lauras Abwehrkünste werden immer perfekter. So schnell gibt die ihre Gedanken nicht mehr preis! Dennoch war der Lehrerin die Enttäuschung über den misslungenen Versuch nicht im Geringsten anmerken. Im Gegenteil: Sie strahlte Laura freundlich an und stolzierte erhobenen Hauptes davon. Ihre Stilettos, deren Farbe perfekt mit der ihres engen Kostüms korrespondierte, klackten geräuschvoll über die steinernen Fliesen.

Verwundert sah Laura der Lehrerin nach. Eigenartig, dachte sie. Warum ist die plötzlich so scheißfreundlich zu mir?

Da stimmt doch was nicht!

*

Der Hospitalgarten von Hellunyat lag im warmen Licht der Mittagssonne. Hohe Feldsteinmauern schirmten ihn gegen den hektischen Betrieb ab, der in den anderen Teilen der mächtigen Gralsburg herrschte. Nur gedämpfte Laute drangen an Morwenas Ohren, während sie durch die Reihen der Beete mit den Pflanzen und Kräuter schritt, aus denen sie Arzneien, Salben und Tinkturen zur Pflege der Kranken gewann. Vor den rot blühenden Blutdisteln blieb sie stehen. Die Heilerin setzte den Blütenextrakt der Disteln, deren angestammte Heimat die Feuchtgebiete rund um den See der Roten Tränen war, vorwiegend zur Reinigung schlechten Blutes ein. Und ein Aufguss der getrockneten Pflanze, vermischt mit Güldenkraut und Wunderwicken, wirkte vorzüglich bei vielerlei Frauenleiden.

Morwena kniete vor dem Beet nieder und holte eine kleine Sichel aus dem Weidenkorb, den sie mit sich führte. Darauf bedacht, sich an den spitzen Stacheln nicht zu verletzen, schnitt sie einige der hochstieligen Blutdisteln ab. Sie war so konzentriert bei der Sache, dass sie gar nicht bemerkte, dass Paravain sich ihr näherte. Erst als er unmittelbar hinter ihr stand und sein Schatten auf das Beet fiel, fuhr sie mit einem erstickten Aufschrei hoch. »Meine Güte, Paravain! Hast du mich erschreckt!« Anklagend hielt sie ihm den Zeigefinger entgegen, über den einige Blutstropfen perlten. »Und gestochen hab ich mich auch!«

»Welch böses Unglück«, entgegnete der Ritter mit gequältem Lächeln. »Hoffentlich wird man ihn dir nicht abnehmen müssen!«

»Du Nichtsnutz!«, schalt ihn die Heilerin, steckte dann den Finger kurz in den Mund, bevor sie den jungen Mann mit einem Kuss auf die Lippen begrüßte. Erst da bemerkte sie den Ernst in seinen Augen. Morwena trat einen Schritt zurück und sah ihn besorgt an. »Was ist los, Paravain? Was bedrückt dich?«

Paravain ließ sich auf die Steinbank nieder, die unweit inmitten eines Rosenspaliers stand. Die prächtigen Blüten, um die Bienen und Hummeln summten, erfüllten die Luft mit süßem Duft. Der Ritter zog die Heilerin am Arm, sodass Morwena nicht umhin konnte, sich zu ihm zu setzen. »Ich habe das dumpfe Gefühl, dass Elysion uns irgendetwas verschweigt«, sagte er.

Die Heilerin, die sich zärtlich an seine Seite geschmiegt hatte, hob die Augenbrauen. »Warum sollte er so etwas tun?«

»Keine Ahnung.« Der Ritter zuckte mit den Schultern. »Vielleicht will er uns nicht damit belasten. Oder das Geheimnis ist so ungeheuerlich, dass er nicht wagt, es vor uns offenzulegen. Er fürchtet vielleicht, dass wir es nicht verkraften!«

Die Stirn unter dem kastanienbraunen Haar legte sich in Falten. »Und was bringt dich auf diesen Gedanken?«

»Sein Verhalten. Elysion ist in der letzten Zeit so verändert.« Mit der Stiefelspitze zeichnete Paravain einen Kreis in den Kieselbelag auf dem Boden. »Seit dieser doppelköpfige Drache am Himmel über dem Tal der Zeiten aufgetaucht ist, ist er nicht mehr der Alte.«

»Was durchaus verständlich ist.« Die junge Frau lächelte sanft. »Er ist der Hüter des Lichts und trägt Verantwortung für unser aller Wohlergehen. Deshalb nimmt er die alte Prophezeiung ernst und sorgt sich, dass einer aus unseren Reihen ums Leben kommen könnte.«

»Ich weiß!« Paravain holte aus und kickte einen dunklen Kiesel davon. »Aber das ist es nicht alleine. Er wirkt seltsam bedrückt seit diesem Tag – oder sollte dir das nicht aufgefallen sein?«

»Schon. Schließlich bringe ich Elysion jeden Morgen und Abend seinen Kräutertee. Und es stimmt: An manchen Tagen wirkt er in der Tat abwesend. Als sinne er über ein Problem nach, für das er keine Lösung kennt.«

»Und daran kann nicht nur dieser Drache Schuld sein. Weißt du, was ich glaube, Morwena?«

Die junge Frau schüttelte verneinend den Kopf.

Der Ritter schluckte. »Ich vermute, es hat mit Hellenglanz zu tun.«

»Mit dem Schwert des Lichts?« Ungläubig schüttelte die junge Frau den Kopf. »Das ist doch Unsinn, Paravain! Hellenglanz ist das Gegenstück zu Pestilenz, dem schwarzmagischen Schwert von Borboron. Deshalb wird es im Labyrinth der Gralsburg verwahrt. Seit Anbeginn der Zeiten schon, ebenso wie der Kelch der Erleuchtung.«

Der Ritter erhob sich ebenfalls und trat dicht an die junge Frau heran. »Hast du das Schwert schon einmal gesehen?«

»Natürlich nicht!« Morwena schaute den Ritter verwundert an. »Nur Elysion hat Zutritt zum Labyrinth! Und Luminian, der Wächter des Labyrinths, trägt dafür Sorge, dass das auch so bleibt.«

»Trotzdem ist es Borboron und seiner Schwarzen Garde damals gelungen, den Kelch daraus zu entwenden. Und wer sagt denn, dass sie –?«

»Niemals!«, fuhr die junge Frau entsetzt dazwischen. »Du willst doch damit nicht andeuten, dass sie das Schwert des Lichts ebenfalls in ihre Gewalt gebracht haben könnten?«

»Warum denn nicht?« Der Ritter lächelte gequält. »Vielleicht haben sie es auch auf dem Menschenstern versteckt, um es unserem Zugriff zu entziehen, und warten nur auf den richtigen Moment, um es zurückzubringen und uns anzugreifen. Und das hätte verheerende Folgen für uns: Der vereinten Macht von Hellenglanz und Pestilenz wären wir niemals gewachsen!«

Morwena begann zu zittern, bemühte sich aber um eine ruhige Stimme. »Das alles, das … das ist noch weiter nichts als reine Spekulation!«

»Ich bin da nicht so sicher.« Paravain legte ihr die Hände auf die Schultern und zog sie zärtlich zu sich heran. »Überleg doch: Es muss einen Grund dafür geben, dass Borboron vor der Wintersonnenwende gewagt hat, uns nur in der Begleitung von ein paar Männern seiner Schwarzen Garde anzugreifen.«

Die junge Frau schien immer noch nicht überzeugt.

»Früher hat der Schwarze Fürst uns stets nur mit geballter Streitmacht attackiert. Weil er wusste, dass wir mit Hellenglanz die einzige Waffe besitzen, die ihn persönlich vernichten kann.«

Die Augen der Heilerin wurden groß. »Und deshalb –«

»– vermutete ich«, fiel der Ritter ihr ins Wort, »dass sich das Schwert des Lichts längst in den Händen unserer Feinde befindet, wenn auch nicht hier auf Aventerra. Elysion scheint das zu wissen und zu ahnen, dass sie es bald wieder zurückbringen wollen. Was das Schlimmste wäre, was uns widerfahren könnte – und gleichzeitig sein seltsames Verhalten erklären würde.«

Morwena wirkte völlig verängstigt. »Was sollen wir nur tun, Paravain?«

»Wir müssen uns endlich Gewissheit verschaffen.« Die Gesichtszüge des Ritters strafften sich. »Und deshalb …«

»Ja?«, fragte die Heilerin bang. Ihre beklommene Miene allerdings verriet, dass sie die Antwort bereits ahnte.

»Deshalb werde ich heute Nacht versuchen, in das Labyrinth der Gralburg zu gelangen, um mich dort umzusehen.«

»Oh, nein!« Morwena schlug die Hände vor die Augen. »Das kannst du nicht machen. Das ist viel zu gefährlich!«

»Keine Angst! Mir wird nichts passieren. Und schon gar nicht, wenn du mithilfst!«

Erstaunt blickte die junge Frau den Ritter an. Doch ehe sie ihn fragen konnte, wie, zog er sie zu sich heran und küsste sie, als sei es der letzte Kuss seines Lebens.

*

»Sphinxe?« Lukas blickte von seinem Computer auf und sah Kaja mit einem derart angewiderten Gesichtsausdruck an, als habe sie ihn aufgefordert, ein Kakerlakenbad zu nehmen. »Du machst deinem spärlichen IQ mal wieder alle Ehre, du Spar-Kiu. Das heißt Sphingen, nicht Sphinxe!«

»Oh, nö!«, schnaufte das Pummelchen nur perplex. Kaja reagierte schon gar nicht mehr auf das böse Schimpfwort von Lukas, da er es ständig im Munde führte. Sie schüttelte die roten Korkenzieherlocken. »Wie soll ein normaler Mensch denn so was wissen?«

Worauf Lukas nur ein vieldeutiges Grinsen zeigte.

Laura warf dem Bruder einen grimmigen Blick zu. »Jetzt spiel dich bloß nicht so auf, Mister Superhirn«, fuhr sie ihn an. »Wenn wir den ganzen Tag nur dicke Bücher wälzen oder vor dem Computer hocken würden wie du, müssten wir dich bestimmt nicht bitten, uns bei Schnuffelpuffs Hausarbeit zu helfen.«

»Warum tut ihr es dann nicht?« Lukas klang eingeschnappt. »Es hält euch doch keiner davon ab, oder?«

»Spar dir deine Sprüche!« Eine unausgesprochene Drohung lag in Lauras Blick. »Sag uns lieber, ob du uns helfen kannst oder nicht?«

Für einen kurzen Moment hatte es den Anschein, als sei Lukas eingeschnappt. Dann aber schob er die große Professorenbrille von der Nasenspitze zurück und blinzelte Laura und Kaja mit verschmitztem Grinsen an. »Natürlich weiß ich über Sphingen bestens Bescheid. Sie sind praktisch mein Spezialgebiet – oder was habt ihr denn gedacht, ihr Spar-Kius?«

Laura überhörte den unverhohlenen Spott. »Das trifft sich ja gut«, sagte sie trocken und ließ sich auf das Bett des Bruders nieder. Lukas angeranzter Talisman lag darauf, der Tennisball, mit dem Boris Becker bei seinem ersten Wimbledon-Sieg angeblich den Matchball verwandelt hatte. Vor vielen Jahren hatte Marius Leander, der Vater von Laura und Lukas, ihn seinem Sohn geschenkt. Dieser hütete ihn wie eine kostbare Reliquie und spielte außerdem fast ununterbrochen damit herum. Während Laura den Filzball ergriff und ihn in typischer Lukas-Manier in die Luft warf, sah sie den Bruder gespannt an. »Dann schieß mal los!«

Kaja ließ sich neben Laura aufs Bett plumpsen und stieß die Freundin dabei so ungeschickt an, dass dieser der Boris-Becker-Wimbledon-Matchball-Ball aus der Hand fiel und auf den Boden ploppte. »Oops«, entschuldigte sich das Pummelchen und wollte schon aufspringen, um den Ball aufzuheben. Aber da hielt Laura sie zurück.

»Warte!«, sagte sie. Dann atmete sie tief durch, verengte die Augen und nahm die Filzkugel ins Visier. Alle Gedanken und ihre gesamte Energie konzentrierte sie auf den Ball, den sie einzig und allein durch die Kraft ihres Geistes aufheben wollte. Ihr Blick wurde ganz entrückt, während sie ihm ihren Willen aufzuzwingen versuchte. Füge dich mir, befahl sie ihm im Stillen. Unterwerfe dich der Kraft des Lichts!

Und tatsächlich: Der Tennisball begann zu ruckeln, unmerklich erst, dann immer heftiger, und löste sich dann vom Boden, um wie ein Mini-Ufo in Lauras ausgestreckte Hand zu schweben.

»Bravo!« Kaja klatschte in die Hände. »Du wirst ja immer besser.«

Lukas dagegen schaute die Schwester grimmig an. »Nachdem du uns so eindrucksvoll deine telekinetische Fähigkeiten demonstriert hast«, sagte er genervt, »kann ich nun hoffentlich anfangen. Oder wolltest du zuvor noch deine Talente im Gedankenlesen und Traumreisen unter Beweis stellen?«

Grinsend schüttelte Laura den Kopf – sie freute sich diebisch, wenn sie den Bruder auf die Palme brachte! –, und so richtete sich der Junge auf seinem Schreibtischstuhl auf und hob zu einem seiner gefürchteten Vorträge an.

Laura konnte es für gewöhnlich nicht ausstehen, wenn Lukas den neunmalklugen Professor herauskehrte. Deshalb hatte sie auch gezögert, ihn um Hilfe bei der Hausarbeit anzugehen. Die Aussicht, in der Bibliothek stundenlang dicke Lexika und Nachschlagewerke wälzen zu müssen, um sich die benötigten Informationen selbst zu besorgen, hatte sie dann aber doch abgeschreckt und veranlasst, den Bruder mit Kaja aufzusuchen und ihn um Rat zu fragen. Dass sie nun eine gelehrte Vorlesung über sich ergehen lassen musste, war nur eine gerechte Strafe für die eigene Bequemlichkeit.

»Wie allgemein bekannt sein dürfte«, begann Lukas, »handelt es sich bei der oder dem Sphinx um ein Fabelwe–«

»Wie jetzt?«, unterbrach da Kaja schon und rümpfte die Nase. »Heißt das nun die oder der Sphinx?«

Lukas zog die Augenbrauen hoch. »Wenn du dich bitte gedulden würdest, bis ich dir das in angemessener Weise erläutere!«, sagte er leicht gereizt, um dann in überheblichem Ton fortzufahren: »… um ein Fabeltier, das in der Regel als ein Mischwesen mit Menschenkopf und Löwenkörper dargestellt wird. Die ursprüngliche Heimat des Sphinx ist das Alte Ägypten, wo das Löwe-Mensch-Wesen als Abbild des Königs oder Pharaos galt, weshalb der ägyptische Sphinx auch stets männlich ist.« Er sah Kaja eindringlich an. »Kapiert?«

»Ja, klar«, nuschelte die Rothaarige. »Ist doch nicht so schwer zu verstehen, oder?« Damit griff sie in die Hosentasche und holte einen Schokoriegel hervor. Mit Überschallgeschwindigkeit fetzte sie die Verpackung auf und stopfte sich die Schokolade in den Mund.

»Den wohl beeindruckendsten und bekanntesten Sphinx findet man bei den Pyramiden von Gizeh«, fuhr Lukas fort, »und so ist es wohl kaum verwunderlich, dass sich darum viele Legenden ranken. So war zum Beispiel bereits in der Antike der Historiker Diodor von Sizilien –«

»Hey!«, unterbrach Laura verstimmt. »Sooo genau wollten wir das auch wieder nicht wissen!«

»… Diodor von Sizilien davon überzeugt«, fuhr der blonde Junge ungerührt fort, »dass dort der Ursprung der Götter und die Quelle allen Wissens verborgen sein müsse. Aus unserer Zeit wiederum stammen Vermutungen, wonach unter dem Sphinx geheime Schriften versteckt seien, in denen man Antworten auf sämtliche Fragen zur Entstehung der Welt und die wahre Geschichte der Menschheit finden könne.«

Gespannt beugte Kaja sich vor. »Aber entdeckt hat man diese Schriften nicht?«

»Nein.« Lukas schüttelte den Kopf. »Bis jetzt leider nicht.«

»Was wohl kaum verwunderlich sein dürfte«, kommentierte Laura spitz.

Der Bruder warf ihr einen erstaunten Blick zu. »Wie meinst du das?«

»Ganz einfach – sonst wären sie ja keine geheimen Schriften mehr«, antwortete Laura spöttisch.

Kaja kicherte vergnügt vor sich hin.