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Der große Harlem-Roman von Krimipreisträger Richard Price East Harlem, 2008. Ohne Vorwarnung stürzt ein fünfstöckiges Mietshaus ein, das ganze Viertel versinkt im Chaos. Die Rauchwolke steht dicht über dem Berg aus Schutt, als Rettungsdienste und Medien eintreffen. Als eigentlich keiner mehr mit Überlebenden rechnet, wird Anthony Carter aus den Trümmern geborgen, unversehrt, aber nicht mehr derselbe. Richard Price folgt vier unvergesslichen Charakteren durch die Nachwehen einer urbanen Katastrophe. Ein fesselndes Gesellschaftspanorama voller Spannung und sozialer Visionen. Anthony Carter Sein wundersames Überleben, nachdem er tagelang unter Tonnen von Ziegeln und Steinen begraben war, macht ihn zu einem Mann mit einer Botschaft und einem leidenschaftlichen Sinn fürs Missionieren. Er tingelt von einer Kundgebung zur nächsten, doch er hat ein beschämendes Geheimnis. Felix Pearl Ein junger Fotograf und Neuankömmling in der Stadt, der bisher etwas ziellos vor sich hin lebte, sieht in seinen Fotografien und Videoaufnahmen von diesem Tag eine plötzliche persönliche Bestimmung. Royal Davis Der Besitzer eines heruntergekommenen Bestattungsunternehmens in Harlem, dessen verzweifeltes Durchstöbern der Einsturzstelle nach potenziellen »Kunden« die Suche nach einem anderen Lebensweg auslöst. Mary Roe Eine altgediente Polizistin, die, auch getrieben durch die brutale Geschichte ihrer eigenen Familie, davon besessen ist, Christopher Diaz zu finden, einen der Vermissten des Hauses. Richard Price, Krimipreisträger und Autor der Erfolgsserien The Wire und The Night Of, hat ein bravouröses Portrait einer Gemeinschaft am Rande des Zerfalls geschaffen. Lazarus Man ist ein fesselnder Roman von unnachahmlicher Menschlichkeit.
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Seitenzahl: 471
Veröffentlichungsjahr: 2026
Richard Price
Roman
East Harlem, 2008. Ohne Vorwarnung stürzt ein fünfstöckiges Mietshaus ein, das ganze Viertel versinkt im Chaos. Die Rauchwolke steht dicht über dem Berg aus Schutt, als Rettungsdienste und Medien eintreffen. Als eigentlich keiner mehr mit Überlebenden rechnet, wird Anthony Carter aus den Trümmern geborgen, unversehrt aber nicht mehr derselbe. Richard Price folgt vier unvergesslichen Charakteren durch die Nachwehen einer urbanen Katastrophe. Ein fesselndes Gesellschaftsportrait voller Spannung und sozialer Visionen.
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Richard Price wurde 1949 in der Bronx geboren. Sein Roman »Cash« war »SPIEGEL«-Bestseller und auf Platz 1 der KrimiWelt-Bestenliste. Für seinen Roman »Die Unantastbaren« wurde er mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. Price verfasste zahlreiche Drehbücher für Filme von und mit Martin Scorsese, Al Pacino und Paul Newman. 2007 gewann er den Edgar Award für seine Arbeit an der hoch gelobten TV-Serie »The Wire«, für die er monatelang bei der Polizei recherchierte. Er lebt in Harlem, New York.
Henning Ahrens lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Frankfurt am Main. Er veröffentlichte diverse Lyrikbände sowie die Romane »Lauf Jäger lauf«, »Langsamer Walzer«, »Tiertage«, »Glantz und Gloria«, für den er den Bremer Literaturpreis erhielt, und »Mitgift«, der für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Er übersetzte Romane von Richard Powers, Jonathan Safran Foer und Khaled Hosseini. Zuletzt erschien sein Roman »Jahre zwischen Hund und Wolf«.
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »Lazarus Man« bei Farrar, Straus and Giroux, New York, USA.
Copyright © 2024 by Richard Price
All rights reserved.
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2026 S. Fischer Verlag GmbH,
Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: Andreas Heilmann und Gundula Hissmann, Hamburg, nach einer Idee von June Park
Coverabbildung: Adnan Islam / Flickr
ISBN 978-3-10-492245-4
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Widmung
Motto
Teil eins Engel
Teil zwei Rumms
Teil drei Auferstanden
Teil vier Das Beste, was einem je widerfahren ist
Für Lorraine Adams, meinen lebhaften, meinen rauherzigen Zwilling
Alles, was ich will, ist das, was ich habe.
Für die Töchter, die mich großgezogen haben – Anne Morgan Hudson-Price und Genevieve Forrist Hudson-Price
Für meine brandneue Enkeltochter Willa Hudson Price-Polk
Für Ben Polk und Stefan Marolachakis
In Erinnerung an Calvin Hart (1948–2020)
Und in Erinnerung an Herbert Zucker (1920–2008)
»God is no thing but not nothing.«
Herbert McCabe
Frühling 2008
Anthony Carter, zweiundvierzig, seit zwei Jahren arbeitslos, seit zwei Jahren von Frau und Stieftochter getrennt, seit sechs Monaten kokainfrei, seit kurzem im Apartment seiner verstorbenen Eltern im Douglass Boulevard lebend, empfand es an diesem Abend wieder einmal als tödlich, mit seinen Gedanken allein zu sein, mit seinem Scheitern allein zu sein, also tat er, was er in diesem Fall immer tat – er trieb sich draußen herum, ließ sich, genauer gesagt, durch die Bars in der Lenox treiben, klapperte sie der Reihe nach ab, empfand diese als zu ghettomäßig, jene als zu skandinavisch, diese als zu laut, jene als zu still und so weiter und so fort, nippte nur am Drink, ließ ein paar Dollar liegen und steuerte die nächste Bar an, als läge diese endlich in der Goldilocks-Zone, als könnten ihm ein neuer Ort oder ein neuerliches Zufallsgespräch eine Erleuchtung bescheren, die erlösende Lebensweise offenbaren, nur war all das längst Routine, würde er am Ende in sein Apartment zurückkehren, was er selbstverständlich wusste, was er oft genug erlebt hatte, aber Dieses-Mal-Vielleicht ist eine Droge, und Man-weiß-ja-Nie ist eine Droge, und so ging er hinaus.
Gelegentlich zog es ihn ins Beso, eine kleine, schmuddelige boîte an der Ecke Lenox Avenue und 123rd Street, mit einem bunt gemischten Publikum aus alternden Mittelschichtlern, jüngeren Neulingen im Viertel, teils Schwarz und teils weiß, sowie einer einsamen heterosexuellen Frau, die sich, da die Atmosphäre irgendwie schwul war, gut aufgehoben zu fühlen schien.
An diesem Abend war wenig los; nur zwei abziehbildhafte männliche Schönheiten, die sich am Ende der Bar unterhielten, und eine pummelige, hellhäutige jüngere Frau, die etwas Pfirsichfarbenes durch einen Strohhalm schlürfte und ihren Blick nicht von den beiden lassen konnte.
Die Männer hatten nur Augen füreinander, und Smalltalk mit dem Barkeeper war erfahrungsgemäß so, als würde man mit einem Verkaufsautomaten plaudern.
Eines der Probleme, die es mit sich brachte, allein zu leben, waren die Selbstgespräche, das stumme Reden, die gelegentliche Illusion, tatsächlich mit einem Gegenüber zu sprechen.
Er bestellte seinen Drink und setzte sich drei Hocker von der Frau entfernt an die Bar.
»Da war ich auch mal«, sagte er und wies mit dem Kinn auf das Logo der Fordham Rams auf ihrem Pullover.
»Bitte?«
»Fordham. Ich war mal …«
»Ist der Pullover meiner Cousine«, entgegnete sie, ohne ihn anzuschauen.
»Wann hat sie ihren Abschluss gemacht?«
»Gar nicht.«
»Ich auch nicht, damals habe ich geglaubt, meine Zeit sinnvoller nutzen zu können.« Anthony sagt das bloß, um etwas zu sagen.
»Und womit?«
»Womit?« Ihm war entfallen, was er gerade gesagt hatte.
Dann: »Wenn ich das noch wüsste.« Dann: »Anthony.«
»Andrea.« Sie schien sich ihres Namens unsicher zu sein.
Sie lächelte den Männern in der Ecke zu, war entweder zu naiv, um zu kapieren, dass sie ein Paar waren, oder scherte sich nicht darum, einer der beiden erwiderte höflich ihr Lächeln, bevor er sich wieder dem Gespräch zuwandte.
Die Unterhaltung lief ins Leere, also dachte sich Anthony, einer alten Gewohnheit folgend, eine interessantere Biographie aus.
»Ich bin von Fordham auf eine Clown-Akademie in Florida gewechselt.«
»Echt?«
»Ja, echt. Allerdings musste ich abbrechen, weil ich nicht mit den anderen ins Minicar steigen konnte, ich leide an Klaustrophobie.«
»Welche anderen?«
»Na, du weißt schon, die Clowns?«
Sie sah ihn zum ersten Mal an: »Du willst mich verarschen.«
»Clowns verarschen niemanden«, erwiderte er, dachte aber: Doch, ich hab’s gerade versucht. Und er gab auf.
Columbia, nicht Fordham. Für ihn sowohl Höhepunkt als auch Auftakt seines Abstiegs. Komplettes Stipendium, zu Beginn ein engagierter Student, Mitglied des Schachteams, aber im dritten Monat seines zweiten Jahres geschasst, nachdem er im Wohnheim gedealt hatte.
Warum.
Nicht, weil er Geld gebraucht hätte; seine in Mobile, Alabama, lebenden Großeltern hatten ihn unterstützt.
Warum also.
Vielleicht, so eine Therapeutin, hatte er sich als Schwarzer Studierender verpflichtet gefühlt, dem von weißen Studierenden gehegten Klischee zu entsprechen, aber das war Schwachsinn. Erstens hatte es in seinem Jahrgang zwei weitere Typen gegeben, die wegen Dealens im Wohnheim von der Uni geflogen waren, beide weiß.
Zweitens hatte es weit mehr Asiaten als Weiße gegeben.
Drittens waren seine Eltern berufstätig und fest in der Mittelschicht verankert.
Viertens war er in einem Umfeld aufgewachsen, wie es in New York nicht urbaner und integrierter hätte sein können, hatte er an den Privatschulen, auf die er gegangen war, nie Probleme gehabt, waren sowohl sein Freundeskreis als auch die sozialen Kreise, in denen seine Eltern verkehrt hatten, in ethnischer Hinsicht bunt gemischt gewesen. All das hatte sich an der Columbia nahtlos fortgesetzt.
Und da er gerade bei diesem Thema war, fragte er sich zum millionsten Mal: Wieso reduzierte sich am Ende unweigerlich alles auf die Hautfarbe?
Diese Frage beantwortete er wie gewohnt gleich selbst: Weil es nun mal so ist.
»Als Schwarzer Studierender …« Es traf ihn, von der Therapeutin als etwas etikettiert zu werden, was er nicht war, er war teils-teils. Selbstverständlich war ihm bewusst, dass ein Hauch von Schwarz gleichbedeutend mit Schwarz war, aber …
Er war so hellhäutig, seine Züge so europäisch, dass er die Rollen nach Belieben hätte tauschen können. Manchmal bedurfte es dazu nicht einmal einer bewussten Anstrengung.
Seinem Gefühl nach war er während seines bisherigen Lebens täglich von mindestens einer durch sein Äußeres befremdeten Person gefragt worden: »Was bist du eigentlich?«
Die meisten Leute neigten dazu, den Mischmasch seiner Züge als mittelamerikanisch, israelisch oder arabisch einzuordnen, einige wenige tippten expliziter auf armenische, syrische oder türkische Wurzeln, aber kaum jemand lag richtig, denn fast jeder – ob aus Scham oder blanker Abneigung oder aufgrund eines Unbehagens an der eigenen Haut – schien sich zu wünschen, er möge alles sein, außer.
Manche sträubten sich selbst dann gegen die Wahrheit, wenn er sich gezwungen sah, diese zu offenbaren, um Witze über Schwarze oder anderen rassistischen Dreck zu unterbinden und das Thema zu wechseln.
Manchmal zog er es vor, als Weißer zu gelten, manchmal galt er lieber als Schwarzer. Beides traf sowohl zu als auch nicht zu. Beides gab ihm das Gefühl, auf dieser Welt ein Spion zu sein; ein doppelter Doppelagent. Und beides laugte ihn seelisch aus.
Nach seinem Ausschluss von der Columbia University beschloss seine Mutter, deren Familie in Mobile und Pensacola eine Kette von Bestattungsinstituten betrieb, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Sein Vater dagegen, ein kämpferischer und selbstgerechter italienisch-irischer Verfechter des Antirassismus, der an mehreren privaten Hochschulen in Manhattan afroamerikanische Geschichte und Literatur lehrte, wirbelte trotz Anthonys Bitte, dies zu unterlassen, Staub auf, indem er die Columbia University der Diskriminierung von Minderheiten bezichtigte. Nachdem diese pro forma eine Untersuchung eingeleitet hatte, wurde dem alten Herrn durch die Blume mitgeteilt, er solle sich zum Teufel scheren, und damit hatte sich die Sache.
Anschließend durchlief er zunehmend unbedeutende Colleges und jobbte unterdessen, meist als Verkäufer in Herrenmodegeschäften, bis er schließlich den Bachelor in Pädagogik in der Tasche hatte. Danach unterrichtete er Englisch an mehreren Junior High Schools, bis zu jenem drei Jahre zurückliegenden Tag, als ein Neuntklässler, dem es nicht passte, dafür gerügt zu werden, seinen Stuhl alle fünf Minuten quer durch den Klassenraum zu schleifen, an seinen Tisch trat und ihm, er war gerade dabei, Aufsätze zu benoten, mit dem Gipsarm um ein Haar den Schädel eingeschlagen hätte.
Im Prozess, den er gegen das Board of Education angestrengt hatte, war noch kein Urteil ergangen.
Das schlimmste Ereignis jenes Katastrophenjahrs war Folgendes: Seine Stieftochter hatte an der Privathochschule, wo sein Vater lehrte, einen Studienplatz bekommen, aber keine Aussicht auf finanzielle Unterstützung gehabt – er hätte die Studiengebühren nicht zahlen können –, was er idiotischerweise dem Großen Befreier erzählte, der daraufhin einen Krieg mit der Verwaltung seiner eigenen Hochschule vom Zaun brach und als Folge seinen Job verlor.
Nach dem Herztod seiner passiven, distanzierten Mutter trauerte Anthony, war aus irgendwelchen – vielleicht offensichtlichen – Gründen aber nicht bis ins Mark erschüttert. Als sein Vater, der ihn zeitlebens durch seine herrische, verächtliche Art dominiert und ihn wegen seiner weißen Ehefrau zur Sau gemacht hatte, Monate nach dem Verlust seines Hochschuljobs frühmorgens auf freier Straße durch einen Autounfall ums Leben kam, brach Anthony dagegen zusammen; er begann wieder zu koksen, verlor seine Familie, verlor Job um Job um Job – siehe Koksen –, und an diesem Abend, in dieser Bar, drohte er abermals innerlich zu zerbrechen.
»Was willst du«, sagte er, ohne zu merken, dass er die Worte laut ausgesprochen hatte.
Aber gut, das Beso war die Bar Nummer drei.
»Was ich will?«, giftete sie, angegriffen durch seinen Ton.
»Was?«, sagte er, dann: »Nein. Sorry. Ich habe mit mir selbst gesprochen.« Dann, an sie gewandt: »Letzten Sonntag war ich mit meiner Kamera im Garvey Park, weil ich von einem regelmäßig stattfindenden Open-Air-Gottesdienst für Obdachlose gehört hatte, und, tja …«
Anthonys Gedanken schweiften wieder ab, er hatte den verrückten Typ mit der orangenen Wrap-around-Sonnenbrille, dem dreckigen Hoodie und der löchrigen Decke über den Schultern vor Augen, dessen rechte Hand mit Dutzenden, tief ins Fleisch schneidenden Gummibändern umwickelt war.
»Irgendwann kam ich mit einem Typ ins Gespräch, er nannte sich Chronicles Two, er fragte mich ständig: ›Was willst du. Was willst du …‹
Wieso diese Frage, wollte ich wissen, und er meinte: ›Du hast da eine Kamera, ich denke also, du bist hier, um uns zu fotografieren, aber du hast kein einziges Foto gemacht, und ich beobachte dich jetzt seit fünfundvierzig Minuten, also was willst du.‹«
»Okay …« Andrea schien nun doch aufzumerken.
»Dann sagte er: ›Ich will dir mal was sagen, wenn du mich ansiehst, dann siehst du, was du sehen willst, aber du musst wissen … Klar, ich bin obdachlos, klar, ich bin auf Medikamenten, aber ich habe mein Zuhause nicht verloren, ich hab’s verlassen, weil ich für Leute da sein muss, die mich brauchen.
Ist echt hart, sich so durchzuschlagen, in meinem Loch zu pennen und mich vor Feinden zu verbergen, aber Tatsache ist, du siehst viel fertiger aus als ich, also was willst du.‹«
»›Was willst du‹«, murmelte sie.
Die Männer in der Ecke hielten inne und spitzten die Ohren, genauso der Barkeeper, der damit beschäftigt war, saubere Gläser zu putzen. Ohne von dem Drink aufzusehen, an den er sich klammerte, merkte Anthony, dass man ihm Aufmerksamkeit schenkte, was ihm vorübergehend das Gefühl gab, jemand zu sein.
»Er sagt: ›Du und ich, wir tragen Verantwortung, ich die meine, du die deine, wir beide werden nie zur Ruhe kommen. Eine echte Last, und wenn du nicht zerbrechen willst? Dann musst du weniger denken, ohne auf deine gottgegebene Intelligenz zu verzichten, das ist der Trick. Kriegst du das hin? Ist verflucht schwierig, und leider hat die Zeit die Angewohnheit, täglich weiter zu schwinden.‹ Also …« Anthony verstummte, die Story war auserzählt.
Minuten später, Andrea wollte gehen, strich sie mit den Fingern über seinen Handrücken, und er zuckte zusammen.
Diese Berührung kostete er noch Jahre später aus, aber sie war nicht das, worum es ihm ging.
Anne Collins ließ ihren vierzehnjährigen Sohn Brian auf dem Innenhof der Crawford Houses dicht vor sich hergehen, damit sie ihn festhalten konnte, falls er in letzter Sekunde doch noch vor der Begegnung mit dem Mann zurückscheute, der ihn vor zwei Tagen angeschossen hatte. Sie trug ihre USPS-Uniform, blaues Hemd und braun gestreifte Hose, die ihr hoffentlich eine gewisse Autorität verlieh.
Der Junge schaute wütend und beschämt drein, eine Miene, die sie kannte – mit gesenktem Kopf aufschauend, als wollte er angreifen –, aber sie wusste, mehr Aggressivität als diese zornige Grimasse hatte er nicht zu bieten.
Junior White, der vor acht Tagen rausgegangen war, um auf der Straße seine Spots zurückzuerobern, hatte mit seiner Größe von einem Meter neunzig und seinen hundertsechzig Kilo überhaupt nichts von einem Junior.
Er nahm durch seine dicken Brillengläser keine Notiz von ihnen, als sie sich näherten, was ihr verriet, dass er ihren Sohn nicht wiedererkannte, obwohl er ihn mit einem Streifschuss an der Wade ins Krankenhaus geschickt hatte.
An jenem Abend hatte Brian vor Angst gezittert, aber gewusst, er musste den Mund halten, als die Detectives in der Notaufnahme erschienen, und als die weibliche Beamtin bat: Mama, kannst du bitte mütterlich auf ihn einwirken?, stellte sich auch Anne dumm, sie dachte: Ich regele das selbst.
»Hey, hallo, ich bin Anne Collins, und das ist mein Sohn, Brian Passmore«, sagte sie bemüht forsch.
Brian, knallrot vor Scham, starrte den gegenüberliegenden ShopRite an, als wollte er diesen durch schiere Willenskraft in Flammen aufgehen lassen.
»Ich will mit dir reden, weil Brian neulich Abend ganz in der Nähe in die Wade geschossen wurde. Keine Ahnung, wer das getan hat, ich will es auch gar nicht wissen, aber ich habe dich hier manchmal gesehen und glaube, du bekommst manches mit, solltest du also wissen, wer geschossen hat, dann wäre es super, wenn du der Person sagen könntest, dass Brian ein guter Junge ist. Er hängt oft mit den falschen Leuten ab, klar, das kann ich nicht verhindern, wenn ich im Apartment bin, trotzdem ist er eher scheu und spielt nur mit, um keinen Ärger zu kriegen, aber er ist halt jemand, der sich gern mal eine Kugel einfängt, er kriegt auch das ganze Wasser ab, wenn ein Bus durch eine Pfütze fährt, egal wie viele Kids danebenstehen, da hat er schlicht Pech, aber er will keinem was Böses, verstehst du, und vielleicht kannst du das dem Schützen von neulich sagen, natürlich nur, falls du ihm begegnest.«
Schwer zu sagen, ob Junior, der sie hinter der dicken Brille mit ausdruckslosen Augen und halboffenem Mund betrachtete, ihre Worte wahrgenommen hatte.
Und falls er ahnte, dass ihr bewusst war, mit dem Schützen selbst zu sprechen – natürlich ahnte er das –, so gab er das durch nichts zu erkennen.
Was nun.
Schließlich fragte er: »Du wohnst in Haus sechs, richtig?« Seine übergewichtigen Lungen pfiffen zwischen den Wörtern.
»Ja, richtig. Ich heiße Anne Collins, und mein Sohn heißt Brian Passmore.«
»Welche Etage?«
»Vierzehnte. Eigentlich die dreizehnte, aber die Nummer wurde ausgelassen, soll ja abergläubische Leute geben.«
»In der vierzehnten Etage kenne ich keinen.«
»Tja, mich kennst du jetzt«, sagte Anne, die ihn mehr oder weniger nötigte, ihre Hand zu schütteln. »Vielleicht können wir uns ab jetzt grüßen, wenn wir uns sehen. Schönen Abend.«
Ziemlich blau und endlich auf dem Heimweg, fand sich Anthony in der Lenox unter einem Fenster wieder, aus dem eine tiefe, verstärkte Frauenstimme auf die leere Straße hallte.
GOTT, ICH WAR …
GOTT, ICH WAR NIE …
GOTT, ICH BIN …
GOTT, ICH BIN NICHT …
Und nach einer kurzen Pause, in der eine wilde Kakophonie körperlosen Jaulens und Gebrülls zu hören war …
GOTT, WAS ICH WILL …
GOTT, WAS ICH FÜRCHTE …
Anfangs sah er zum Fenster auf, aber dann, er mochte nicht schon heimkehren, trat er durch die arretierte Haustür, stieg eine nach Windelküche stinkende Treppe bis zum ersten Stock hinauf und trat mitten in ein tosendes Chaos: ein zu greller und zu kleiner, stickiger Raum, in dem sich zu viele Menschen drängten, manche bebten im Stehen wie schleudernde Waschmaschinen, andere brüllten, klagten, kreischten oder wälzten sich wie Steppenhexen im Gang, die nach Körperausdünstungen und Bleichmitteln stinkende Luft war zum Schneiden dick.
ERZÄHL DEN MENSCHEN VON DEN KOMETEN, GOTT
ERWECK SIE IN TALLAHASSEE, GOTT
ERWECK SIE IN ATLANTA, GOTT
DIESE MENSCHEN SIND SCHULDLOS, SIE HABEN DIE KOMETEN NICHT VERDIENT, GOTT
Und da stand sie, die Prophetin Irene, breit wie ein Bus, mit blau-weiß gewürfeltem Hosenanzug und passender Schiebermütze, sie stand vorn im Raum, das Mikro vor den Lippen, die Augen hinter aufgequollenen Lidern verborgen …
ALSO SCHENK IHNEN EINEN VORSPRUNG IN FLORIDA, GOTT
SCHENK IHNEN EINSICHT IN GEORGIA, GOTT
HOL SIE ALLE DORT RAUS, GOTT
Weder hatte er den Anblick der schwadronierenden Frau verdaut noch begriffen, warum so viele Menschen im Gang hin und her rannten, die Hände wie zum Trocknen schüttelnd oder auf die Schläfen gepresst, als würden diese brennen, er fragte sich noch, ob er bleiben oder gehen solle, da wurde er von Männerpranken auf einen Klappstuhl gedrückt.
WIR BETEN, DAS VIRUS MÖGE AUSBLEIBEN, GOTT
ES WÜRDE IN UNSERE EINGEWEIDE EINSCHLAGEN, GOTT
ACHTE AUF DIESES VIRUS, GOTT
VEREITELE SEINE ABSICHTEN, GOTT
Obwohl sie ihn noch nicht angeblickt hatte, zunächst, so sein Eindruck, die Augen öffnen musste, ahnte er, dass sie sich seiner Gegenwart bewusst war, dass sie überlegte, ob er als Freund oder Feind einzustufen sei und wie mit ihm umzugehen wäre.
BESUCHE CAMILLE THOMPSON IN PATERSON, NEW JERSEY, GOTT
IHRE SCHWANGERSCHAFT IST SCHWIERIG, GOTT
ENTSPANNE IHRE WEIBLICHEN ORGANE, GOTT
ÖFFNE IHR GESCHLECHTSORGAN, GOTT
BESUCHE GINO LYONS IN YONKERS, GOTT
ER WOLLTE SEINER FRAU NICHT WEH TUN, GOTT
ER WAR FRUSTRIERT, GOTT
ER WAR NICHT ER SELBST, GOTT
UND NUN BEREUT ER, GOTT
RATE IHM ALSO, ZUR POLIZEI ZU GEHEN, GOTT
BEVOR ES EIN ANDERER TUT, GOTT
Sein Sitznachbar begann, die Hände kreisen zu lassen, als würde er Garn aufrollen, er ließ sie immer höher kreisen, als wollte er eine Jakobsleiter bauen, höher und höher, bis er aufstehen musste, um sie noch weiter hinaufzuschrauben.
Angesichts dieses verwirrenden Unfugs senkte Anthony den Kopf und versuchte, sich zu besinnen, wie konnte man sich derart gehenlassen, sein Gehirn gleichsam an der Garderobe abgeben, um dann sofort von einer Wand des Raums zur anderen zu flattern wie ein aufgeknoteter Luftballon.
Er kannte dergleichen aus Kirchen und wusste, geplagte Menschen machten sich an einem Sonntagvormittag in sicherer Umgebung gern Luft, um sich für die Prüfungen der kommenden Woche zu wappnen, aber die Bereitschaft, sich selbst aufzugeben, das eigene Wesen zerfallen zu lassen, und all das für ein flüchtiges Gefühl der Erleichterung …
Er sah sich verstohlen im Raum um und stellte fest, die einzigen Inseln der Gefasstheit waren von den Großmüttern mitgeschleifte Kinder, acht- oder neunjährig, die Jungen mit Hemd und Krawatte, die Mädchen mit Kleid und Schleife im Haar, sie saßen verdrossen auf den Klappstühlen, die Augen stumpf wie Fünf-Cent-Münzen, ein kleiner Junge erwiderte seinen Blick mit zorniger Scham.
ICH BETE FÜR JEDEN ARZT IN JEDEM STAAT, GOTT
ICH BETE FÜR JEDE KRANKENSCHWESTER IN JEDEM STAAT, GOTT
FÜHRE IHRE HÄNDE, GOTT, ERHALTE IHR KÖNNEN, GOTT
WIR BRAUCHEN SIE SO DRINGEND, GOTT
WERDEN SIE IN KOMMENDEN TAGEN NOCH VIEL DRINGENDER BRAUCHEN, GOTT
Während der himmlische Teletext nur so strömte, beruhigte er sich innerlich, irrten seine Gedanken ab, und er spürte ein aufkeimendes Verlangen – nicht danach, ungehemmt loszulassen, sondern sich an einem Ort einzubunkern, der Geborgenheit bot, einem Ort, an dem er nicht mehr grübeln musste.
UND WACHE ÜBER DIE EIGHTH AVENUE LINE, GOTT
LASS DIE TERRORISTEN NICHT UMSETZEN, WAS SIE PLANEN, GOTT
VIELE GUTE MENSCHEN NUTZEN DIESE ZÜGE, GOTT
BEHÜTE SIE VOR UNGLÜCK, GOTT
SIE MÜSSEN ARBEITEN, GOTT
SIE MÜSSEN SICH IHRER AUFGABE WIDMEN, GOTT
ALLE MÜSSEN SICH IHRER AUFGABE WIDMEN, GOTT
DER AUFGABE, DICH ZU LIEBEN, GOTT
Allmählich wurde auch er mitgerissen, hatte das Gefühl, sowohl zu schweben als auch begraben, sowohl in der Höhe als auch in der Tiefe zu sein, er vermochte keinen klaren Gedanken mehr zu fassen.
Dann sprach Prophetin Irene, weiterhin mit geschlossenen Augen, seine Anwesenheit offen an …
DIESER JUNGE MANN HIER, GOTT
ER TRAT EIN, WEIL ER DEN LÄRM HÖRTE, GOTT
ER WAR SCHLICHT NEUGIERIG, GOTT
ABER NUN IST ER HIER, GOTT
WEIL DU IHN HERGEFÜHRT HAST, GOTT
SEIT SIEBEN, ACHT, ZEHN JAHREN QUÄLT IHN EIN SCHMERZ IM HERZEN, GOTT
SEINE FAMILIE HAT IHN VERLASSEN
SEINE FREUNDE HABEN IHN VERLASSEN
ER HAT DIE GANZE ZEIT NACH DIR GESCHRIEN, GOTT, NUR WUSSTE ER DAS NICHT
NUN, DA ER ENDLICH IN DEINER GEGENWART IST, GOTT, WIRD SICH SEIN SCHICKSAL WENDEN
UND SEIN HERZ GEHEILT WERDEN
ER WAR GANZ OBEN UND DANN GANZ UNTEN
UND ER WIRD WIEDER GANZ OBEN SEIN, GOTT
Er wusste, sie war ein Scharlatan, was jedoch nicht verhinderte, dass er neue Hoffnung schöpfte. Zweifellos ein Scharlatan, und doch war er dankbar. Ihr dankbar.
ICH BITTE UM HILFE GEGEN AIDS, GOTT
ICH BITTE UM HILFE GEGEN BLUTHOCHDRUCK, GOTT
ICH BITTE UM HILFE GEGEN BULIMIE, GOTT
ICH DANKE DIR FÜR MEIN HERZ, GOTT
ICH DANKE DIR FÜR MEINE LEBER, GOTT
ICH DANKE DIR FÜR MEINE LUNGEN, GOTT
ICH DANKE DIR FÜR VITAMIN A
ICH DANKE DIR FÜR VITAMIN-B-KOMPLEX
ICH DANKE DIR FÜR LEAFY GREENS, GOTT
ICH DANKE DIR FÜR INSULIN, GOTT
Er schloss die Augen, um noch einmal die Erleichterung zu spüren, die er soeben empfunden hatte, nur glich die damit einhergehende Euphorie dem Rausch nach dem Fortgang seiner Frau und Tochter, ein Rausch, der eine Woche gewährt hatte, danach hatte er den Inhalt einer fast vollen Flasche Aspirin geschluckt.
UND SCHENKE UNS KRAFT IM UMGANG MIT UNSEREN HALBWÜCHSIGEN TÖCHTERN, GOTT
ALLES, WAS WIR IHNEN SAGEN, HAUEN SIE UNS UM DIE OHREN, GOTT
LASS SIE DEMUT FINDEN UND UNS GEHÖR SCHENKEN, GOTT
NIEMAND BRAUCHT WEITERE ENKELKINDER, GOTT
UND SOLLTEN SIE DOCH GEBOREN WERDEN, GOTT
DANN LASS SIE UNS ALS DEN SEGEN EMPFANGEN, ALS DEN DU SIE UNS GESCHICKT HAST, GOTT …
Überwältigt von der Erinnerung an seine Qualen, sah er Hilfe suchend zu ihr auf.
Und wünschte sich gleich darauf, dies unterlassen zu haben.
ICH SEHE DEINE ENGEL ÜBER DEM RÜCKEN DIESES JUNGEN MANNES SCHWEBEN, GOTT
DORT SEHEN SIE ETWAS, GOTT
DORT BEUNRUHIGT SIE ETWAS, GOTT
SIE WISSEN WIE DU, IHN QUÄLT ETWAS, GOTT
SIE WISSEN WIE DU, GOTT
DASS ES IHN TÖTEN WIRD, WENN ER ES NICHT RAUSLÄSST, GOTT.
Er wusste nicht, warum sie sich auf ihn fixierte, empfand ihre sorgenden Engel aber eher als Bedrohung denn als himmlische Hilfe; als eine unheimliche Metapher, die er nicht verstand, aber eines war klar – er musste gehen.
Anthony wollte aufstehen, als die Pranke, die ihn zu seinem Stuhl dirigiert hatte, abermals wie aus dem Nichts erschien und ihm einen Klecks billiger, nach Vanille duftender Creme auf Stirn und Haare klatschte. Er wusste, wozu – er sollte glauben, vom Heiligen Geist berührt worden zu sein – bei manchen Leuten funktionierte das vielleicht, er dagegen hatte nur den Wunsch, das klebrige Zeug unter der Dusche abzuspülen. Dieser Taschenspielertrick war unter der Würde dieser Frau, fand er, und doch schüchterte sie ihn ein.
Zur Tür gehend, spürte er ihren Blick im Rücken.
MANCHE BETRETEN DEIN HAUS, GOTT
WEIL SIE SCHLICHT NEUGIERIG SIND, GOTT
SIE SOLLTEN WISSEN, NEUGIER ZÄHLT NICHT FÜR DICH, GOTT
ZWEIFLER ZÄHLEN NICHT FÜR DICH, GOTT
OFFENBARE IHNEN DIE MACHT DEINER WAHRHEIT, GOTT
LASS SIE KEIN AUGE ZUTUN, DAMIT DU SIE AUFSUCHEN KANNST, GOTT
WEISE IHREN BESCHLUSS AB, DICH ZURÜCKZUWEISEN, GOTT
TRAGE SORGE, DASS SIE DICH NICHT ZURÜCKWEISEN, GOTT
Auf der Straße konnte er sie weiter hören, sie schien ihn bis nach Hause verfolgen zu wollen.
WIR DULDEN HIER KEINE WEITERE EINSAMKEIT, GOTT
WIR DULDEN HIER KEINE WEITERE ZURÜCKWEISUNG, GOTT
WIR DULDEN NICHT, DASS ZURÜCKWEISUNG UND EINSAMKEIT WEITER IN UNS FUSS FASSEN, GOTT
WIR WOLLEN WASSER TRINKEN, KEINE WEITEREN TRÄNEN, GOTT
LEHRE UNS ALSO, DIR NAHE ZU SEIN, GOTT
LEHRE UNS, IN DIR AUFZUGEHEN, GOTT
Anthony war fünf, seine Schwester Bernadette sieben, da erwarben ihre Eltern eine Genossenschaftswohnung in den Renaissance Towers, eine von privater Hand errichtete Wohnsiedlung aus fünf Gebäuden, für Menschen mit unterschiedlich hohen Einkommen gedacht und, gemessen an der Gegend, relativ hochwertig.
Nach dem Tod des Vaters ging sie in den Besitz von Tochter und Sohn über, nur wollten beide dort nicht wohnen, hinter jeder Tür und Ecke lauerten Kindheitserinnerungen.
Bernadette zog es vor, mit ihren Hunden in Riverdale zu leben, er hingegen hatte augenblicklich keine Wahl.
Als Anthony näher kam, sah er, dass der Portier heute vom Hausmeister, Andre, vertreten wurde, ein extrem wortkarger Vierschröter, dessen tief im spatenförmigen Gesicht liegende Augen die Wärme einer Kohleschaufel verströmten.
Als Anthony am Empfangstresen vorbeiging, hob Andre den Blick von seiner veralteten Ausgabe der New York Post, um ihn kurz zu betrachten, rang sich aber wie üblich nicht einmal ein grüßendes Nicken ab.
So war er allen gegenüber, sei es aus privatem Kummer oder einer Verachtung für alles und jeden: Dennoch fiel es Anthony in seiner augenblicklichen Verfassung schwer, dies nicht als Abstrafung zu empfinden.
Er betrachtete das Apartment als Übergangslösung, gestaltete es daher ebenso wenig neu wie ein Motelzimmer, es erweckte den Anschein, von seinen Eltern gerade erst verlassen worden zu sein.
Die Einrichtung spiegelte den Widerspruch zwischen der adretten Ordnung seiner Mutter mit der silbern gerahmten Galerie ihrer Vorfahren, der signierten Lithographie von Jacob Lawrence, ihrer Sammlung handgestickter Quilts von Sea Island und dem robusten Einsatz seines Vaters für soziale Gerechtigkeit: Seine Bücher, die Drucke von Leon Golub, ein Foto, das ihn im Nachklapp einer Demo zeigte, er trug Handschellen und grinste mit blutigen Zähnen in die Kamera, als wäre es ein Triumph, von den Cops verprügelt worden zu sein.
Hubert Carter hatte nie verstehen können, wieso er für seinen selbstgerechten Trotz niemals hatte büßen müssen. Stattdessen hatte er in seiner zornigen weißen Haut unbehelligt kommen und gehen dürfen. Obwohl er eine Schwarze Frau und Kinder gemischter Herkunft hatte, obwohl er unzählige Male solidarisch die Faust gereckt, in Gefängnissen zig Schreibwerkstätten organisiert und sich wiederholt den Cops entgegengestellt hatte, war ihm kein Status als »Bruder ehrenhalber« verliehen worden – schlicht deshalb, weil er nie diskriminiert oder von der Mehrheit seiner Mitmenschen aufgrund seiner Hautfarbe in eine Schublade gesteckt worden war.
Anthony meinte sich zu erinnern, dass sein Vater diesbezüglich nur einmal eine gewisse Einsicht und Reue gezeigt hatte, und zwar an einem Abend, als er, bekifft von einer Party heimgekehrt, erklärte, was den Gesetzesvollzug betreffe, liege Ellison absolut falsch – Schwarze seien viel zu sichtbar, die Unsichtbaren seien Leute wie er selbst.
Seine Haare stanken, Creme war auf sein Hemd gekleckert, und nachdem er einen Schluck eiskalten Wodka getrunken hatte, ging er ins Bad und zog sich aus. Als früherer Highschool-Sprinter war er nach wie vor muskulös, hatte obendrein die feinen Gesichtszüge und die Haut seiner Mutter geerbt; seine Großmutter hatte erzählt, zu den Vorfahren ihrer Familie zählten Choctaw und/oder Cherokee, was in den sozialen Kreisen, in denen sie verkehrt hatte, allerdings fast jeder von sich behauptet hatte.
In der Duschkabine fielen ihm die Engel der Prophetin Irene ein, und er verließ sie, um im Badezimmerspiegel seinen Rücken zu betrachten.
Nichts. Tja, kein Wunder.
Und morgen – unfassbar, aber wahr – hätte er sein erstes Bewerbungsgespräch seit einem Jahr; ein banaler Job als Verkäufer bei einem Herrenausstatter für Übergrößen. Ein solcher Job war ihm vertraut, doch sein vorrangiger Wunsch bestand darin, durch die Arbeit zu einer Routine zurückzufinden, die es ihm erlaubte, ein normales Leben zu führen.
Nach dem Duschen schaute er eine alte Folge von Law & Order, stellte aber fest, dass er sie kannte, sagte laut: »Hallo, alter Freund«, stand dann auf, um die Schlaftabletten mit einem letzten Schluck Wodka hinunterzuspülen, und das war’s.
Der morgige Tag, so seine Hoffnung, wäre ein Wendepunkt.
Vier Uhr früh, doch Felix Pearl, von seinen Adoptiveltern und »echten« jüngeren Brüdern »Kid« genannt, obwohl er schon Mitte zwanzig war, konnte nicht einschlafen. Das stählerne Kreischen, mit dem die Bahnen der Metro North gut fünfundzwanzig Meter von seinem Fenster im vierten Stock entfernt die Kurve nahmen – nachts oft sonderbar tröstlich –, weckte die Erinnerung an die bizarre Begegnung, die er vor einigen Stunden in der U-Bahn gehabt hatte.
Er hatte in einer Shisha-Bar in Gowanus einen Poetry Slam gefilmt. Um dreiundzwanzig Uhr war Schluss, aber der sogenannte Gast-kurator ließ sich Zeit, deshalb durfte er eine weitere Stunde Tabakrauchschwaden in seine geplagte Lunge saugen, bis der Mann endlich halbherzig die vereinbarten hundertfünfzig Dollar rausrückte.
In der Atlantic Avenue in die 5 steigend, um die lange Fahrt nach Harlem anzutreten, nach wie vor mit vernebelter Lunge, glaubte er zunächst, der ihm gegenübersitzende massige Typ mit dunkler Sonnenbrille wäre eingenickt, er saß vollkommen reglos da, den Kopf gesenkt, das rhythmische Ruckeln der Bahn ließ sein Kinn immer tiefer in Richtung der Zeitung sacken, die offen auf seinem Schoß lag.
Nach vierzigminütiger Fahrt, der Mann hatte sich noch immer nicht gerührt, kam Felix der Gedanke, er könnte tot sein, in der Bahn gestorben; wie viele Leute hatten neben der Leiche gesessen, die unentwegt hin und her transportiert worden war? Er erwog, die Kamera aus dem Rucksack zu holen, scheute aber davor zurück, denn würde er die Aufnahmen posten, dann könnte das als herzlos gelten, dann wäre er herzlos. Er filmte den Mann also nicht, stellte sich aber vor, dies mit der Kamera in seinem Kopf und den Objektiven seiner Augen zu tun. Während er ihn auf diese Weise studierte, fiel ihm auf, dass es die New York Times war, die offen auf dem Schoß des Toten lag.
Durchaus denkbar, dass es dessen bevorzugte Zeitung war, andererseits fand Felix, dass er für einen Leser der Times viel zu leger gekleidet war: ein Hoodie der Homestead Grays, eine verwaschene Jeans von Jimmy Jazz mit Rissen und absurd vielen sinnlosen Reißverschlüssen, knallrote Superstars von Puma.
Daily News und Post wurden von Pendlern unter anderem deshalb bevorzugt, weil sie in einer überfüllten Bahn leichter zu handhaben waren. In einer Bahn die Times zu lesen war in etwa so, als wollte man in einer Telefonzelle die Arme ausbreiten.
Und dann bemerkte Felix die Bewegung unter der Zeitung – das träge, regelmäßige Schwanken eines Steifen.
In der halbvollen Bahn schien es nur ihm aufzufallen, die meisten spielten mit gesenktem Kopf auf dem Handy oder waren zu dieser späten Stunde durch das klackernde Schlummerlied der Gleise in den Schlaf gewiegt worden.
Anfangs blieb er sitzen, teils aus Schock, teils aus Furcht davor, mit jemandem aneinanderzugeraten, der kräftiger war als er. Er redete sich ein, der Mann tue ja niemandem weh.
Doch genau das tat er.
Er versetzte Felix in Angst und Schrecken, tat ihm also weh.
Und es hörte nicht auf.
Felix hatte keine Angst, notfalls zuzuschlagen oder einen Schlag einzustecken, nur wäre es eine Auseinandersetzung mit zu vielen Unwägbarkeiten, zu vielen denkbaren Resultaten gewesen, was ihn nicht gerade zuversichtlich stimmte.
Trotzdem …
»Verzeihung, Sir«, sagte er, lauter als nötig, und beugte sich vor. »Sir. Wissen Sie, wie spät es ist?«
Sobald die nicht tote Person registrierte, von Felix angesprochen worden zu sein, wirkte sie noch leichenhafter, fast wie tiefgefroren, man stellte sich besser nicht vor, wozu sie aufgetaut imstande wäre.
»Sir«, drängte Felix, die Hand auf der kleinen Dose Pfefferspray, die in seiner Tasche steckte, »können Sie mir sagen, wie spät es ist?«
Während der nächsten, scheinbar endlosen Minuten stellte sich der Mann weiterhin schlafend, doch beim nächsten Halt türmte er Hals über Kopf, und Felix klemmte seine zitternden Hände zwischen die Beine, um sie zu beruhigen.
Das war es dann wohl …
Und dann war da noch dies …
Er wohnte in einem Brownstone-Haus, für eine Familie erbaut, nun in zehn Einzimmerapartments unterteilt. Die anderen Mieter, alle männlich, waren überwiegend selbständige »Unternehmer«, also Straßenhändler, die unter der Hand selbstgebrannte CDs mit Old-School-Soul, DVDs mit raubkopierten Filmen und frisch bedruckte Gedenk-T-Shirts für just verblichene Kulturikonen verscherbelten.
Als er sich gegen zwei Uhr früh endlich seiner Bude näherte, sah er, dass einer der Männer noch draußen saß, O-Line, ein obszön übergewichtiger Riese, der 1985 als Offensivverteidiger der New Jersey Generals für Herschel Walker die Schneisen geschlagen hatte, bis seine USFL-Karriere im letzten Saisonspiel durch ein gebrochenes Bein beendet worden war. Seither ging er an zwei Stöcken, hatte offenbar zu viel Smirnoff Ice getankt und brauchte Hilfe, um in sein Apartment im zweiten Stock zu gelangen, und Felix half gern. Beim Erreichen der Treppe klemmte er sich unter die Schulter des Riesen, und dann ging es quälend langsam hinauf, weil O-Line alle paar Stufen verschnaufen musste, jedes Mal »Monster, Monster« murmelnd, der Name, auf den Felix eine knappe Woche nach seinem Einzug von den anderen Mietern getauft worden war.
Monster …
Bis dahin hatte er ausschließlich in Upstate gelebt, war ein Neuling im Block und empfand es als nervenaufreibend, sich bei jeder Rückkehr ins Brownstone-Haus durch die älteren Männer mit ihren bohrenden Blicken schlängeln zu müssen, also ging er irgendwann zum Eat and Run an der Ecke, auch Clutch and Squat genannt, und kaufte, als Friedensangebot und zur Entschärfung der Spannung, ein halbes Dutzend Dosen Monster, ein Energydrink, der einem die Schuhe auszog; ein umgekehrtes Einzugsgeschenk, der neue Mieter bot den langjährigen Bewohnern deftigen Auflauf an.
»Keine Strohhalme?«
Als er zum Laden zurückgehen wollte, lachten sie – sie hatten ihn verarschen wollen – und prosteten ihm mit den Dosen zu.
»Monster.«
Um sechs Uhr früh, er schlief endlich ein, trat der Trottel des Viertels, Robert Cornish alias Green Mile alias der Hahn, seine Dämmerungspatrouille an, und Felix schleppte sich zum Fenster, um zu beobachten, wie er vor dem Block unaufhörlich auf und ab marschierte, jaulend wie eine gigantische Flöte, bis sich seine achtzigjährige Mutter die Treppen hinabquälte, um ihn nach oben zu lotsen, ein frühmorgendliches Tänzchen von Mutter und Sohn, sie glichen zwei Figuren, die stets zu derselben Uhrzeit aus einer Schweizer Kuckucksuhr auftauchten.
Niemand mochte so geweckt werden, und doch wurde Green Mile von niemandem angeblafft. Nicht, dass seine Nachbarn immer nett und freundlich gewesen wären, aber man verurteilte niemanden, weil er so und so gestrickt war. Und genau das wusste Felix an diesem Viertel zu schätzen.
Seine Eltern stammten vermutlich aus Mittelamerika oder Nordafrika, doch er war von einer jüdischen Familie adoptiert worden und in einer Kleinstadt auf halbem Weg nach Kanada aufgewachsen. Seine Kindheit war schlicht langweilig gewesen, bis er an der Junior High School ins Visier seiner Klassenkameraden geraten war, waschechte, blütenweiße Amerikaner, die ihm wegen seines gedrungenen, stark behaarten Körpers, seiner niedrigen Stirn und des breiten Gesichts mit den tiefliegenden, kleinen Augen den Spitznamen »Cro« verpasst hatten, kurz für Cro-Magnon, ein Grund dafür, dass er, sobald er genug Geld gespart hatte, in der Hoffnung nach East Harlem gezogen war – früher Spanish Harlem –, seinen wahren Stamm zu finden.
Um acht Uhr morgens, er dämmerte endlich ein, hörte er das laute Bersten und Klirren von Glas, das auf die Straße prasselte, war aber zu müde, um nachzuschauen, was los war.
Was ihn eine Minute später senkrecht im Bett sitzen ließ, war ein Gefühl, als wäre in seinem Inneren etwas Atavistisches angerührt worden – es war die tiefe Stille, die auf das Klirren folgte. Sie währte nur Sekunden, gerade lange genug, um als Stille gelten zu können, und wich dann einer Kakophonie von Autoalarmanlagen, die ohne Ursache zu ertönen schienen, als hörten sie alle auf denselben willkürlich gestellten Timer.
Dann sah er aus den Augenwinkeln eine Wand wanken. Er glaubte zu schlafen, er glaubte zu träumen, bis er durch eine mächtige und ebenso laute wie rätselhafte Erschütterung aus dem Bett gegen die Wand geschleudert wurde, wo er mit blutiger Nase liegen blieb.
Als er sich benommen aufrappelte und durch das Fenster in den Himmel sah, war die Welt eine pechschwarze, brodelnde Wolke, die allmählich schmutzig weiß wurde, ohne dabei an Dichte zu verlieren.
Wahrscheinlich war geschehen, was er schon lange befürchtet hatte: Die Metro North hatte die gefährliche Kurve zu rasant genommen, war wie eine Rakete aus den Gleisen geflogen und hatte sich in das Gebäude gebohrt.
Sein Zittern unterdrückend, zog er Jogginghose und Flipflops an und hetzte zur Treppe, um sich den Schaden anzusehen.
Nach zwei Treppenfluchten, er hatte bereits Rußpartikel der apokalyptischen Wolke eingeatmet, stoppte er und sprintete zurück, um die Nikon aus dem Apartment zu holen.
Detective Mary Roe, eine adrette Zweiundvierzigjährige mit kantigen Gesichtszügen und rasant ergrauenden kurzen roten Haaren, die mit Bobby Hazari, ihrem Partner du jour, zur Bank unterwegs war, musste an diesem Morgen ständig an die nachgestellte Schlacht von Oriskany denken, zu der sie ihre Söhne am letzten Wochenende mitgeschleift hatte, ein Ausflug, der sich als komplettes Fiasko erwiesen hatte …
Sie hatte geglaubt, alle wären gleichermaßen fasziniert von den roten Röcken der Soldaten, den Schüssen der Vorderlader, dem Geheul der kriegsbemalten Irokesen und Mohawk, die Streitkeule und Tomahawk schwangen, von den aufeinander losgehenden Loyalisten und Patrioten – ihr hatte es prima gefallen, aber nach anderthalb Stunden Fahrt waren die Kids so erschöpft und genervt, dass sie das Taschengeld erhöhen musste, damit sie überhaupt aus dem Auto stiegen. Sie selbst teilte die alte Überzeugung der Arbeiterschicht, wonach ein halbwüchsiger Junge nur dann ein solides Selbstvertrauen entwickeln konnte, wenn er lernte, Schläge auszuteilen und einzustecken, so wie er umgekehrt begreifen musste, dass es absolut in Ordnung war, mit einem Blumenstrauß vor der Tür eines Mädchens zu stehen.
Wenn man sich allerdings wie Mary davor fürchtete, die Grenze zu einem anderen Bundesstaat zu überqueren, wenn man sich sogar weigerte, das zu tun, dann konnte es passieren, dass man einen halben Tag Richtung Norden fuhr, obwohl New Jersey eigentlich nur zwanzig Minuten entfernt war.
Im Streifendienst hatte ihre Phobie gegen das Überschreiten von Grenzen kein Problem dargestellt, aber nachdem sie Detective geworden war, wäre ihre Karriere beinahe daran gescheitert, dass sie schlechterdings unfähig war, einen Verdächtigen in Connecticut einzusammeln oder in Pennsylvania einen Zeugen zu vernehmen.
Ihr Rabbi in der Behörde, Jerry Reagan, ein Deputy Inspector und Bekannter ihrer Familie, versuchte zu helfen, indem er sie an eine für das NYPD tätige Psychoanalytikerin vermittelte, aber nach sechs Monaten des Redens und Reflektierens, die ihr in aller Deutlichkeit vor Augen geführt hatten, wie sehr sie als kleines Mädchen von ihrer Mutter verabscheut worden war, konnte sie sich noch immer nicht dazu durchringen, durch den Holland Tunnel nach New Jersey oder über die George Washington Bridge nach Fort Lee zu fahren.
Damals hatte sie beschlossen, umzuschulen, doch der Rabbi hatte davon nichts hören wollen.
Er ging mit ihr ein paar Biere trinken, um ihre natürlichen, wenn auch nicht ins Auge stechenden Talente aufzuzählen – sie könne mit Leuten reden, habe sogar Freude daran, sie habe die Geduld eines Gurus, verschärfe nie eine riskante Situation oder verliere die Beherrschung, nehme nichts persönlich, was sie auf der Straße erlebe – all das dank ihres unerschütterlichen oder gar nicht vorhandenen Egos.
»Kurz gesagt«, erklärte er, »du wirst sogar von Leuten gemocht, die dich eigentlich hassen müssten.«
Die Lösung bestand darin, sie den Community Affairs zuzuteilen, wo ihre Aufgabe im Kern darin bestand, Leute bei Laune zu halten.
Sie musste bei öffentlichen Sitzungen von Community Boards sprechen, Straßenfesten den behördlichen Weg ebnen, ebenso Demos gegen Gewalt, sogar solchen gegen die Polizei. Außerdem musste sie im Falle von Paraden oder Beerdigungen im Gang-milieu (hier bestand stets die Gefahr von Racheakten der Gegenseite) die Polizeipräsenz koordinieren, sie musste Begleitteams organisieren, wenn sich auswärtige Politiker, Senatoren oder Berühmtheiten im Viertel umsahen.
Letzteres geschah so selten, wie im Death Valley Regen fiel, ihr Revier war schließlich East Harlem.
Sie näherten sich der Kreuzung von Second und 116th, als Hazari, ein Neuling in der Einheit, in Richtung der Banco Popular nickte, die sich an der nordöstlichen Ecke befand.
»Die ist es?«
»Ja, die ist es«, sagte sie und ergänzte nach einem Blick auf Bobbys Mokka-Teint und sein rabenschwarzes Haar: »Du sprichst Spanisch, richtig?«
»Wer? Ich? Ich bin Syrer.«
Die in das Vestibül mit den Geldautomaten führende Außentür des Gebäudes war offen, die in die Bank führende Tür dagegen nicht.
Das Erdgeschoss schien verwaist zu sein, weder an den Service-tresen noch hinter den Scheiben der Kassen war jemand zu sehen.
»Sind sie da drin?«
»Polizei«, dröhnte Bobby und hämmerte mit den Knöcheln gegen das Glas, »NYPD.«
Er musste drei Minuten brüllen, bis die Managerin der Zweigstelle, eine große Latina mittleren Alters in bronzefarbenem Hosenanzug, um eine Ecke bog. Sie wirkte weniger traumatisiert als angepisst.
Mary drückte Polizeiausweis und Marke gegen das Glas, doch die Managerin – Doris Acevedo, so ihr Namensschild aus Messing – öffnete erst, nachdem sich auch Bobby ausgewiesen hatte.
»Das fünfte Mal in diesem Jahr«, sagte sie auf dem Weg zu ihrem Büro. »Unfassbar, oder?«
»Wie viel hat er erbeutet?«, fragte Bobby.
»Keinen einzigen Dollar.«
»Gibt es Verletzte?«
»Niemand hat es mitbekommen«, sagte sie, »außer Charisma.«
Die Kassiererinnen, drei junge Frauen, saßen in dem geräumigen, aber fensterlosen Raum nebeneinander auf einer Couch. Unnötig zu fragen, wer die Betroffene war, Charisma war der Schock noch anzusehen, sie umklammerte ihre Wasserflasche. Sie war die Jüngste und Zierlichste und hätte, dachte Mary, glatt als Neuntklässlerin durchgehen können.
Ihre Kolleginnen, die sie einrahmten, wirkten aufgeregt, rissen sich aus Respekt vor dem Opfer aber zusammen.
»Erst mal«, sagte Mary, als Bobby sich entfernte, um den Anruf eines ihrer unzähligen Chefs entgegenzunehmen, »geht es Ihnen gut? Brauchen Sie etwas, vielleicht medizinische Betreuung oder noch etwas Wasser?«
Die zwei murmelten verneinend, Charisma dagegen schien in einer anderen Welt zu weilen.
»Und du, Schätzchen?«, fragte Mary und sank auf den Tisch mit den Zeitschriften, um ihren Blick aufzufangen. »Alles okay?«
Die junge Frau blieb stumm, und Mary wandte sich zur Managerin um.
»Sie sehen es ja«, sagte Miss Acevedo.
»War er bewaffnet?«
»Laut ihren Worten nicht.« Eine andere Kassiererin übernahm es zu antworten.
»Okay. Gut. Hat er Ihnen einen Zettel zugeschoben?«
Charisma nickte bejahend.
»Haben Sie den Zettel noch?«
»Sie hat gesagt, er habe ihn zurückgefordert und sei dann einfach gegangen«, antwortete wieder ihre Kollegin.
»So lief es ab?« Mary berührte Charismas Handrücken.
»Ja«, sagte sie schließlich.
»Okay. Gut. Können Sie ihn beschreiben?«
Sie erhob sich wortlos von der Couch und winkte Mary, ihr zu folgen, verließ das Büro und ging quer durch den zentralen Raum zu einem Panoramafenster mit Blick auf die Second Avenue.
Dort zeigte sie auf eine kleine Schar verlotterter, älterer Typen, die auf der anderen Straßenseite vor einer Bodega abhingen.
»Un flaco.«
»Bitte?«
»Der Hagere.«
»Welcher Hagere?«
»Der mit der Yankees-Kappe.«
Ein Blick auf den Mann, ein hochaufgeschossenes Wrack mit Goatee, dessen schlotternder Körper den Eindruck erweckte, aus in sich zusammenfallenden Dachschindeln zu bestehen, und Mary wusste, was los war. Trotzdem hatte der Typ sie bei den Eiern, und Bobby und sie hatten keine andere Wahl, als weiter nach Vorschrift vorzugehen.
»Ich richte meine Knarre auf Sie«, murmelte sie.
»Maricón«, fauchte Charisma und kehrte ins Büro der Managerin zurück.
Mary und Bobby verließen gerade die Bank, da traf der erste Streifenwagen ein.
»Wo zum Teufel wart ihr?«
»Banco de Ponce.«
»Banco Popular«, sagte Bobby und zeigte auf den Namen über der Tür.
»Bleibt dicht bei mir«, sagte Mary.
Während sie über die Straße auf den Typ mit Yankees-Kappe zugingen, begannen sich seine Kumpel zu verdrücken, huschten um die Ecke oder ins nächste Gebäude. Der Mann der Stunde dagegen blieb, wo er war, und tat so, als würde er die zwei Detectives, die auf ihn zustrebten, um ihn einzubuchten, nicht bemerken.
Als sie nahe genug waren, hob er die Arme, als wollte er ihnen das bevorstehende Filzen erleichtern.
»Hey, wie geht’s?«, fragte Bobby, während er ihn abtastete. Mary behielt unterdessen seine Hände im Blick.
»Mir geht’s gut, Bruder, und dir?«
Trotz seiner abgerissenen Erscheinung hatte er eine überraschend glatte Radiostimme.
»Ihr Name?«, fragte Mary.
»Tony G.«
»Tony G, Sie wollten die Bank ausrauben?«
»Ja, aber dann habe ich’s mir anders überlegt.«
»Sie haben der Kassiererin einen Zettel zugeschoben?«
»Ja, richtig, aber ich habe einen Rückzieher gemacht.«
»Das hilft Ihnen auch nicht mehr«, sagte Bobby und griff zu den Handschellen.
»Das dürfte ihm klar sein«, brummte Mary, mehr als angepisst.
»Außerdem war ich nicht unhöflich zu der jungen Dame«, meinte Tony G. »Schon gehört?«
»Aber klar.«
»Und was jetzt?«, fragte er, als die Handschellen zuschnappten.
»Was glauben Sie?«, entgegnete Mary.
»Bundesgefängnis oder lokal?«
»Bei dieser Straftat lokal.«
»Wie lange?«
»Mindestens zwei, drei Jahre.«
»Okay.«
»Okay?« Bobby klang pikiert, andererseits hatte er die letzten vier Jahre in einem wohlhabenderen Viertel gearbeitet, daher …
Bei der Mehrzahl der sogenannten Banküberfälle in diesem Bezirk handelte es sich schlicht um einen Trick, um von der Straße zu kommen. Manchmal fühlte sich Mary nicht wie ein Cop, sondern wie eine DHS-Betreuerin von Wohnungslosen. Jedenfalls zogen manche Typen eine Show ab, um eine Weile ein Dach über dem Kopf zu haben.
Sie wusste von jemandem, der ein leerstehendes Gebäude in Brand gesteckt und anschließend darauf gewartet hatte, dass man ihm Handschellen anlegte, ein anderer Desperado hatte aus heiterem Himmel einen Cop niedergeschlagen.
»Ja, Mann«, sagte Bobby, als er endlich begriff, »wenn es nur um ein Bett und drei Mahlzeiten geht, hättest du doch auch in eine …«
Mary wandte den Blick ab, betend, er möge nicht klingen wie ein Tourist aus Kokomo, musste ihm aber zugutehalten, dass er den Begriff »Obdachlosenunterkunft« am Ende nicht über die Lippen brachte.
»Siehst du?«, krähte Tony G. »Du wagst es nicht mal zu sagen.«
Kurz darauf, sie eskortierten ihn zum Streifenwagen, wurde die Luft von einem urtümlichen, vulkanischen Donnern zerrissen, das zu weit entfernt ertönte, um die Ursache erkennen zu können, und dennoch spürte Mary ihren Unterkiefer vibrieren.
Im Westen sah sie eine riesige, schwarze Wolke über den Dächern wogen, die wuchs und wuchs und dabei immer weißer wurde.
»Vielleicht sollte einer von Ihnen mal nachschauen«, schlug Tony G gütig vor. »Ich warte hier, bis Sie zurück sind.«
»Hier sind wir in Sicherheit«, sagte die junge Frau, angeblich eine Schauspielerin.
»In Sicherheit? Sicherheit? Es gibt null Sicherheit! Kapierst du das endlich?«, japste die andere, deren Panik so wenig überzeugend klang wie eine aufgezeichnete Nachricht.
Royal Davis, in einem seiner eigenen, geschlossenen Särge liegend und dem albernen Gerede lauschend, machte die interessante Entdeckung, dass er alles, was im Warteraum gesagt wurde, klar und deutlich hören konnte.
Andererseits waren die Familien, die ihn aufsuchten, falls sie ihn überhaupt aufsuchten, meist pleite, er stellte also nur die günstigsten Modelle aus.
Falls überhaupt Kunden kamen …
Die letzte Person, die er bestattet hatte, war seine Buchhalterin gewesen, und das lag zwei Wochen zurück und war nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass ihr ein Angestelltenrabatt zustand, obendrein hatte sie vor zig Jahren alles bezahlt, damals war sein Vater noch Zeremonienmeister gewesen. Es brauchte sechs Bestattungen pro Monat, um den Betrieb über Wasser zu halten; Royal konnte im Schnitt mit vier, teils sogar nur mit drei oder zwei rechnen und sah sich deshalb gezwungen, seine monatlichen Kosten zu bestreiten, indem er nebenher Verstorbene aus deren Zuhause oder aus Krankenhäusern in andere Bestattungsinstitute überführte, die zu seiner Verärgerung so viele Aufträge hatten, dass die festen Mitarbeiter für derlei Aufgaben nicht zur Verfügung standen.
Tja, was sollte man angesichts der Tatsache, dass die landesweit agierenden Bestattungsunternehmen den Markt immer stärker dominierten, auch erwarten. Ja, verdammt, heutzutage konnte man sogar den eigenen Sarg bei Sam’s Club oder Target erwerben. Und die restlichen unabhängigen Betriebe in diesem Winkel der Welt wurden von Männern geleitet, die mit knallharten Bandagen um die Toten kämpften, es war ein zähes Geschäft.
Würde er nicht mit seinen Brüdern um das Gebäude streiten, beide Bestattungsunternehmer in Cali, dann könnte er problemlos eine Hypothek aufnehmen, um den Laden am Laufen zu halten, nur würden sie dem nie zustimmen, sie wussten, die Immobilienpreise waren in dieser Gegend in astronomische Höhen geschnellt, und schienen abwarten zu wollen, bis er finanziell auf dem Zahnfleisch ginge, komplett pleite wäre, um ihm dann seinen Anteil auszuzahlen und das Gebäude zum Verkauf stellen zu können.
Er wusste, was sie für ihn und seine Familie vorgesehen hatten, und allein das war Motivation genug, um mit allen Mitteln solvent zu bleiben, bis seine Brüder, so seine Hoffnung, tot umfielen.
»Mein Gott, so ein ekelhafter Laden«, sagte eine der Mimen.
Er hoffte, diese Worte wären die letzte Zeile ihres Texts und nicht improvisiert, aber sei’s drum …
Etliche Paneele der abgehängten Decke im Trauersaal hatten Wasserschäden und sahen aus wie in der Luft hängende Kotze. Die Plastik-Trauerkerzen mit ihren Glühlampen in Flammengestalt und den Pseudo-Wachsnasen waren nicht unbedingt elegant, und der Blumenschmuck des Raums musste dringend entstaubt und durch eine frische Dosis Mop & Glo auf Hochglanz gebracht werden.
So war es nicht immer gewesen.
In den späten Neunzehnhundertachtzigern, während der gesamten Neunziger und bis in die Zweitausender hatten die durch Crack verursachte Gewalt, die Kriege um Kokainreviere sowie Aids für drei bis vier Leichen täglich gesorgt, manche hatte er aufgrund von Überlastung sogar an Subunternehmer abgeben müssen, es waren Zeiten gewesen, als es ihm, verglichen mit der jetzigen Situation, relativ gut gegangen war.
Auf Empfehlung eines Cousins, Bestattungsunternehmer in Mississippi, hatte er einen hibbeligen jungen Weißen aus Tavares, Florida, eigentlich Schildermaler für Walmart und nie über Georgia hinausgekommen, nach Harlem eingeladen und ihm fünftausend Dollar plus Kost und Logis geboten, wenn er für den Trauersaal ein Gemälde des Letzten Abendmahls anfertigte, all das unter einer einzigen Bedingung, die da lautete, das Gemälde müsse mindestens doppelt so groß sein wie die Pendants in der benachbarten Carolina Chapel und im House of Solace.
Der junge Mann, Ellis Trimble mit Namen, hatte zwei Monate für das Gemälde gebraucht. Das Resultat konnte sich sehen lassen, nur hatte sich Royal einen Schwarzen Jesus und Schwarze Jünger gewünscht. Dummerweise hatte er es versäumt, den Künstler darüber zu informieren.
Als Royal um diese Nachbesserung bat, flippte der junge Mann aus, floh aus dem Bestattungsinstitut und ward nie wieder gesehen, kehrte nicht einmal zurück, um sein restliches Honorar zu verlangen (das Royal ohnehin widerwillig ausgezahlt hätte, beim Letzten Abendmahl fehlten ein paar Gänge, wie er fand).
Er verwendete das Resthonorar, um den verstoßenen Sohn eines seiner Brüder zu engagieren, ein Graffitikünstler von Rang, damit er die Gesichter umgestaltete, was erstaunlich gut gelang, nur hatte der Superstar von Straßenkünstler die Hände der Jünger vergessen, diese waren weiß geblieben. Schlussendlich verkaufte Royal die verdammte Kleckserei online für die Hälfte dessen, was sie ihn gekostet hatte.
Ein dummer Zombiestreifen. Da studierten diese Kids an einer namhaften Filmhochschule, da schoben ihnen die Eltern jährlich an die sechzigtausend rüber, und mehr fiel ihnen nicht ein?
Anfangs hatten sie fünfhundert Dollar pro Drehtag geboten, aber da es ihn ärgerte, wie leicht es diese Kids im Leben hatten, dass sie (vermutete er) das Glück hatten, in relativ wohlhabende und gebildete Familien hineingeboren worden zu sein, und sich (vermutete er) nicht davor fürchteten, auf die Schnauze zu fallen, verlangte er sechshundert.
Sie willigten ein, wenn auch unter der Bedingung, dass er einen Zombie spielte, also lag er im Dunkeln auf dem Rücken, trug eine Maske, die verrottete Haut auf blanken Schädelknochen darstellte, und während hirnlose Dialoge durch die Luft waberten, juckte seine rechte Gesichtshälfte wie verrückt.
Einer der beiden Söhne Royals, ein Siebtklässler, der sich besser davor fürchtete, auf die Schnauze zu fallen, durfte an diesem Tag zu Hause bleiben, um seinen alten Herrn in Aktion zu erleben und – das war natürlich auf dem Mist seiner Mutter, Amina, gewachsen – dazu inspiriert zu werden, später selbst Filme zu drehen. Patrice dagegen, der kleine Bruder von Marquise, durfte nicht dabei sein, er wurde von chronischen Albträumen geplagt, seit er alt genug war, um davon zu erzählen, vermutlich schon zuvor.
Auf Aminas Vorschlag, Patrice solle eine Therapie machen, hatte Royal entgegnet, sie sei sich dessen aus irgendwelchen Gründen offenbar nicht bewusst, aber es mangele schlicht an Geld.
»Außerdem«, hatte er ergänzt, »wächst der Junge in einem Bestattungsinstitut auf, was erwartest du?«
Seine Frau war eigen. Geboren in Gambia und chronisch glücklich, hier zu sein, war sie unaufhörlich in der Community aktiv, meldete sich freiwillig für dieses Komitee, leitete jenes Event, engagierte sich beim Hosting, machte Werbung, sammelte Spenden, für wen oder was auch immer, und kam mindestens zweimal im Monat mit einer Plakette oder billigen Statue nach Hause, die ihr in Anerkennung ihrer unermüdlichen Dienste verliehen worden war. Irgendjemand hatte sie als Sonnenstrahl in menschlicher Gestalt charakterisiert, Royal hingegen argwöhnte, sie könnte an Depressionen leiden, daher ihr Bedürfnis nach Emotionsregulation, nur sprach er das nie aus, weil ihm bewusst war, dass dieser Argwohn seiner Bitterkeit entsprang: Ihr Stern ging auf, der seine sank.
Und nun dies …
Er sollte in Aktion treten, wenn er die Hauptdarstellerin, eine gut aussehende, großäugige junge Nigerianerin mit irritierend britischem Akzent, sagen hörte: »Es muss doch eine Hintertür geben!«
An dieser Stelle hatte er den Sargdeckel abzuwerfen, sich aufrecht hinzusetzen, sie beim Bein oder Arm zu packen, in die Kiste zu ziehen und so zu tun, als wollte er an ihr herumnagen, während die anderen Schauspieler versuchten, sie von ihm wegzuzerren und ihn endgültig abzumurksen.
Crew und Schauspieler warteten, während draußen abermals eine Sirene heulte, und der im eigenen Schweiß schwimmende Royal begann, in seiner Kiste einzudämmern …
Das gewaltige Krachen, das irgendwo draußen ertönte, ließ die Fenster klirren und das Holz des Sargs vibrieren. Royal hatte den instinktiven Impuls, den Deckel aufzustoßen und in die Senkrechte zu schnellen, und genau das tat er, sein unerwartetes Erscheinen erschreckte die ganze Crew zu Tode, einige kreischten, der Kameramann floh sogar aus dem Raum, und Royal verkniff sich ein Lachen, er dachte: Tja, ihr wolltet es doch »unheimlich«.
Der Hauptdarsteller, dem es peinlich war, gekreischt zu haben wie ein ängstliches Mäuschen, zeigte mit zitterndem Finger auf Royal und brüllte: »Fick dich, Mann! Fick dich!«, was Royals Sohn, wie befohlen seit Stunden still, schallend lachen ließ.
Der weiterhin aufrecht im Sarg sitzende Royal beobachtete durch das Fenster die zunächst schwarze, danach schmutzig weiße Wolke, die sich wie ein mörderischer Ballon über der Skyline aufblähte.
Royal stieg aus dem Sarg, erlöst vom Unsinn des Nebenjobs, und begann, die bescheuerte Maske rücksichtslos von seinem Gesicht zu reißen.
»Marquise«, er wandte sich an seinen Sohn, »schau in deinen Schrank, sollte dein schwarzer Anzug darin sein, zieh ihn an.« Royal dachte: Es gibt zu tun.
