Beschreibung

Die 13-jährige Lea kann Pferden eigentlich gar nichts abgewinnen. Doch dann will ihre Mutter sie plötzlich zu Mutter-Tochter-Reitstunden überreden! Das ist wirklich oberpeinlich. Aber nachdem Lea etwas Stallluft geschnuppert hat, stellt sie fest, dass Reiten wirklich Spaß macht. Von nun an hat sie nur noch eines im Kopf: ihr Traumpferd Joker ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 170


Inhalt

CoverÜber das BuchÜber die AutorinTitelImpressumDie Chance meines LebensHoch zu PresslufthammerTraumboysWaffeln für den PrinzenMiss Rosa GummistiefelHackordnungMissglücktes OutfitVoll versägtPaarlauf mit AlienVerliebt oder nicht?Es wird brenzligMom sattelt um

Über das Buch

Die 13-jährige Lea kann Pferden eigentlich gar nichts abgewinnen. Doch dann will ihre Mutter sie plötzlich zu Mutter-Tochter-Reitstunden überreden! Das ist wirklich oberpeinlich. Aber nachdem Lea etwas Stallluft geschnuppert hat, stellt sie fest, dass Reiten wirklich Spaß macht. Von nun an hat sie nur noch eines im Kopf: ihr Traumpferd Joker ...

Über die Autorin

Sarah Lark, geboren 1958, wurde mit ihren fesselnden Neuseeland- und Karibikromanen zur Bestsellerautorin, die auch ein großes internationales Lesepublikum erreicht. Nach ihren fulminanten Auswanderersagas überzeugt sie inzwischen auch mit mitreißenden Romanen über Liebe, Lebensträume und Familiengeheimnisse im Neuseeland der Gegenwart. Sarah Lark ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Schriftstellerin, die in Spanien lebt.

LEA & DIE PFERDE 1

SARAHLARK

Das Glück der Erde

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Neuausgabe

der 2008 im Boje Verlag erschienenen Originalausgabe.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München

eBook-Erstellung: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-7325-7412-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Die Chance meines Lebens

Es geschah aus heiterem Himmel. Oder eigentlich doch nicht. Wenn ich richtig darüber nachdenke, gab es von Anfang an Warnsignale. Ich hatte sie nur ignoriert. Als Dreijährige zum Beispiel wünschte ich mir ein Bobbycar. Was aber kaufte meine Mutter? Ein Schaukelpferd. Und während die anderen Kinder in schnittigen roten oder blauen Kleinwagen herumflitzten, musste ich sehen, wie ich dieses sperrige Teil irgendwie vorwärtskriegte. Die Schleifspuren auf dem Parkett in unserem Wohnzimmer sind bis heute zu besichtigen.

Später bekam ich dann ein Barbiepferd und eine ganze Anzahl seltsamer Gummimonster mit pinken und hellblauen Locken, die unter der Bezeichnung »Mein süßes Pony« zum Kämmen, Föhnen und Einlegen der »Mähne« einladen sollten. Leider zeigte ich keine Friseurambitionen, und als ich dem ersten die Haare einfach abschnitt, endete diese Episode. Nicht aber die unauffällige Manipulation Richtung Pferd. Als ich mich für Dinosaurier interessierte, erhielt ich ein Buch über frühe Säugetiere: »Guck mal, und das war das Urpferdchen! War das nicht süß?«

Wie gesagt, ich hätte gewarnt sein sollen. Aber im entscheidenden Augenblick gelang es meiner Mom dann doch, mich vollständig zu überraschen. Es war an einem Montagabend, und ich schaute harmlos ein bisschen fern, als sie hereinkam und beiläufig eine Zeitung auf den Tisch legte.

»Interessiert dich das?«, fragte sie und wies auf die Quizsendung im Fernsehen.

Ich zuckte die Achseln. Natürlich konnte ich mir Prickelnderes vorstellen. Zum Beispiel eine ausführliche Reportage über meine Lieblingsband: »Tierpension«. Nicht dass ich deren Entwicklung von der musikalischen Früherziehung bis zur Bambi-Verleihung nicht schon in jeder Einzelheit kannte. Aber ich konnte ihnen nicht nur stundenlang zuhören, sondern sie auch endlos ansehen. Vor allem Nico Chico, den Leadsänger … und Bombo, den Drummer … Aber ich schweife ab. Wenn ich jetzt anfange, von »Tierpension« zu schwärmen, bin ich morgen früh noch nicht beim Thema Pferd. Doch an diesem Montag hoffte ich auf Nico Chicos Auftritt in der Show – und tat mir deshalb auch die schwachsinnigen Quizteile an.

Jedenfalls protestierte ich nicht, als Mom jetzt entschlossen den Ton abdrehte. »Ich mache mir manchmal ein bisschen Sorgen um dich …«, verfiel sie plötzlich in einen ernsthaften Tonfall.

Das war mir bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht aufgefallen. Eigentlich bin ich kein Problemkind. Ich habe halbwegs gute Noten und spiele brav ein bisschen Klavier oder lieber Keyboard – schließlich will ich mich ja über irgendwas mit Nico unterhalten können, falls ich ihn mal treffe. Ich habe Freunde, Hobbys, eigentlich bin ich völlig normal.

»Dieses dauernde Herumhängen vor der Glotze zum Beispiel«, führte meine Mutter aus. »Das ist nicht gesund.«

Ich sah verwirrt auf die Uhr. »Was soll ich denn sonst machen?«, erkundigte ich mich. »Es ist halb zehn. In einer halben Stunde schickst du mich ins Bett.«

»Ich meine ja nicht jetzt«, schränkte Mom ein. »Sondern ganz allgemein. Außerdem: Findest du nicht, dass wir beide in der letzten Zeit ein bisschen wenig zusammen unternehmen?«

Ich runzelte die Stirn. Am Samstag waren wir mit der ganzen Familie im Kino gewesen. So ein witziger Film mit Computeranimation. Hatte sogar meinem kleinen Bruder gefallen. Und gestern hatten Mom und ich gemeinsam gekocht. Noch mehr Familie an einem Wochenende hätte ich echt ungesund gefunden!

»Weißt du, was ich denke?«, fragte Mom betont fröhlich. »Wir beide brauchen ein Hobby!«

»Haben wir doch«, bemerkte ich und drehte den Ton lauter. Vielleicht kam jetzt ja »Tierpension«. »Kochen zum Beispiel.«

Meine Mutter und ich kochen regelmäßig gemeinsam. Nicht einfach so »Spiegelei vorwärts und rückwärts«, sondern richtig anspruchsvoll.

»Gerade die Kocherei …«, meine Mutter spielte mit der Zeitung, »… beunruhigt mich. Findest du nicht, dass wir in der letzten Zeit ein bisschen … äh … dick werden?«

Jetzt drehte sie völlig durch. Meine Mutter ist dünn wie eine Bohnenstange, sie hat früher sogar mal als Model gearbeitet. Und was mich angeht: Ich würde mir fast ein paar Rundungen mehr wünschen. Im Brustbereich zum Beispiel. Da ist bei mir Flachland.

»Jedenfalls dachte ich an einen Sport!«, preschte Mom jetzt vor. »Hier, was hältst du davon?«

Begeisterung heischend hielt sie mir die Zeitung hin.

»Sie träumen von Pferden? Sie wollten immer schon Reiten lernen, aber es bot sich einfach keine Möglichkeit? Und jetzt fragt Ihre Tochter nach Reitstunden? Ergreifen Sie Ihre Chance! Unser ›Mutter-Tochter-Arrangement‹ bietet den idealen Einstieg in den Reitsport. Reiterverein Wienberg, Hohenrehburg, Am Wäldchen.«

Den Reitstall kannte ich. Ein paar Mädchen aus meiner Klasse verbrachten da ihre ganze Freizeit, um sich von Pferden im Kreis herumtragen zu lassen und im Mist zu wühlen. Aber mich zog es ehrlich gesagt nie in die Nähe von Tieren, die größer waren als ein Dackel.

»Hab ich nach Reitstunden gefragt?«, erkundigte ich mich misstrauisch.

Man liest ja schon mal von »multiplen Persönlichkeiten«. Vielleicht bin auch ich ein wenig gespalten? Oder sollte ich schlafwandeln?

»Ach komm, Lea, alle Mädchen lieben Pferde!«

»Ich liebe Nico Chico«, erklärte ich mit verklärtem Lächeln.

»Tierpension« erschien eben auf der Mattscheibe, und Nico begann mit seinem Song »Engelshaar«. Darin schwärmte er von einem Mädchen mit langem, weichem, lockigem Blondhaar. Meins war leider kurz, dunkelrotbraun und struppig. Aber es war ja nur ein Lied. Sicher hatte ihm irgendjemand anders den Text aufgedrückt, und in Wirklichkeit träumte er von einem Mädchen mit rundem Gesicht und Pickeln, ohne Busen, dafür mit Spargelbeinen. Gut, das war unwahrscheinlich. Aber er war ein ernsthafter Junge. Und ich hatte innere Werte.

»Das ist keine Liebe, das ist Schwärmerei!«, entschied meine Mutter, während Nico Chico über die Bühne tobte.

Zwischendurch zeigten sie Bombo in Großaufnahme – was hatte er da für ein süßes Tattoo über der rechten Augenbraue! War das ein Einhorn? Und bei Nico Chico galoppierte es über die Nasenwurzel. Cool! Aber bestimmt nicht eintätowiert, sondern aufgeklebt. Ob es die Dinger wohl irgendwo zu kaufen gab?

»Ein Pferdetattoo!«, bemerkte meine Mutter. »Niedlich!«

Ich warf ihr einen skeptischen Blick zu. Bisher gehörte der Gedanke, ich könnte mich tätowieren lassen, eher zu ihren Albträumen.

»Du, wenn es die Dinger irgendwo zu kaufen gibt, kleben wir uns vor der ersten Reitstunde beide eins an!«

So langsam fand ich die Sache bedenklich.

»Du meinst das ernst?«, erkundigte ich mich, als sich »Tierpension« unter dem Gekreische der beneidenswerten Mädchen im Fernsehstudio zurückzog und der Quizmaster wieder den Bildschirm übernahm. »Du willst wirklich reiten?«

Mami nickte.

»Warum machst du’s dann nicht einfach?«, fragte ich. »Ich meine … wozu brauchst du mich dafür?«

Meine Mutter kaute auf ihrer Unterlippe herum. So verlegen hatte ich sie selten erlebt. Dies war wirklich ein Abend der Überraschungen.

»Na ja, weil … es sieht doch ein bisschen komisch aus … in meinem Alter in der Reitschule … die anderen Anfänger sind schließlich alle höchstens dreizehn …«

Die meisten waren noch jünger. Die Pferdeverrückten in meiner Klasse waren durchweg bereits seit zwei oder drei Jahren dabei und gänzlich abgedreht. Die wachten mit dem Gedanken an Pferde auf und gingen damit schlafen – und statt einem Poster von Nico Chico hingen irgendwelche Bilder von wilden Hengsten über ihren Betten.

»Gibt’s nicht so was wie Seniorenreitstunden?«, überlegte ich – und trat damit voll ins Fettnäpfchen. Meine Mutter blitzte mich empört an.

»Soooo alt bin ich nun auch wieder nicht. Im Grunde ist es genau wie in der Anzeige beschrieben … ich habe immer von Pferden geträumt, und nun …«

»Nun hast du eine Tochter, der die Viecher herzlich egal sind. Mein Beileid. Vielleicht kannst du mich ja noch umtauschen.«

Ich war jetzt auch etwas knatschig. »Jedenfalls setze ich mich garantiert nicht deinetwegen auf so ein lebensgefährliches Tier. Ich habe Höhenangst, ich brauche Bodenhaftung.«

Von meiner Seite aus war die Sache damit erledigt. Aber meine Mutter lächelte sadistisch. »Wetten, dass du gleich anders darüber denkst«, bemerkte sie mit einem Gesicht wie unsere Katze, wenn sich der Dosenöffner in die Whiskasdose gräbt. »Schließlich bist du doch … äh … ›tierlieb‹. Und die hier kann ich durchaus noch umtauschen.«

Theatralisch zog sie zwei Konzertkarten aus der Hosentasche. Mir fielen beinahe die Augen aus dem Kopf. »Tierpension«! Nächste Woche in Düsseldorf.

»Und das ist nicht alles«, fügte Mom hinzu. »Ich hab mit der Konzertveranstalterin gesprochen. Dein Nico Chico empfängt ein paar Mädchen backstage. Die Siegerinnen von so einem Preisausschreiben. Zwei mehr würden da gar nicht auffallen …«

Meine Mutter arbeitet in einem Reisebüro, das auch Konzertkarten vertreibt. Wahrscheinlich hatte sie die kostbaren Tickets umsonst oder doch stark verbilligt bekommen. Und jetzt nutzte sie das, um mich zu erpressen. Sie hat einen schlechten Charakter.

Ich besann mich ebenfalls auf fragwürdige Erbanlagen und begann zu handeln. »Also gut. Wie viele Reitstunden?«

»Zehn für die Karten«, erklärte meine Mutter. »Und zwanzig für Nico Chico von Angesicht zu Angesicht.«

»Dreißig Stunden? Bist du verrückt? Bei einer Stunde pro Woche sind das siebeneinhalb Monate!« Ich war entsetzt.

»Stimmt, das ergibt eine ungerade Zahl«, meinte Mom ungerührt. »Sagen wir 32 Stunden. Dann sind es insgesamt acht Monate. Bis dahin liebst du Pferde!«

Mir fehlten die Worte, was selten vorkommt. Aber mit diesem Deal musste ich erst mal fertigwerden. Das Treffen mit Nico konnte höchstens eine Viertelstunde dauern. Und dafür sollte ich mich acht Monate schinden? War es das wert?

Natürlich war es das wert! Es war schließlich die Chance meines Lebens. Wenn sich Nico in mich verliebte … Wenn »der Himmel Feuer spie« wie in seinem Lied, als er das Mädchen zum ersten Mal sah … Dann würde sich sowieso alles ändern. Vielleicht würde ich ihn demnächst auf Tournee begleiten – irgendwas machen … wobei mir auf Anhieb nicht allzu viel einfiel. Als Kostümbildnerin falle ich aus. Sobald ich eine Nadel anfasse, fließt Blut. Gitarren stimmen kann ich auch nicht – mein Musiklehrer bestätigt mir immer wieder das Gegenteil des absoluten Gehörs, aber das diagnostiziert er bei allen Fans von »Tierpension«. Und eine Köchin wäre an die Jungs verschwendet. Nico Chico ernährt sich von Hamburgern und Schokoriegeln … Aber letztlich waren das müßige Überlegungen. Wenn er sich in mich verliebte, würde sich schon ein Platz für mich finden. Ich musste nur an ihn rankommen!

»Achtzehn Stunden für den Backstage-Besuch. Also insgesamt sieben Monate«, machte ich meinen Gegenvorschlag. »Komm, Mommi, ich backe dem Gaul auch ’ne Möhrentorte!«

Letzteres schien sie zu überzeugen. Tortenbacken ist schließlich ein Liebesbeweis.

Mom nickte. »In Ordnung. Nächsten Dienstag geht’s los … Drei Uhr, um halb fahren wir los. Wird dir bestimmt Spaß machen!«

Ich fuhr auf. »Aber das Konzert ist erst am Freitag!«, protestierte ich. »Können wir nicht nächste Woche …?«

Meine Mutter schüttelte energisch den Kopf. »So was nennt man Vorkasse!«, erklärte sie. »Außerdem habe ich uns schon angemeldet. Gib dir keine Mühe, Lea, da kommst du nicht mehr raus!«

Hoch zu Presslufthammer

»Den Teufel werde ich tun und das hier anziehen! Warum kann ich nicht einfach in Jeans reiten? Und Turnschuhen? Ich hab seit dieser Wattwanderung keine Gummistiefel mehr getragen. Gummistiefel sind uncool!«

Es war Dienstag, und ich starrte voller Entsetzen auf die Klamotten, die meine Mutter mir für die erste Reitstunde herausgesucht hatte.

Keine Ahnung, wo sie diese himmelblauen Leggins aufgetrieben hatte. Ob so was in ihrer Jugend vielleicht mal in war und sie die aus sentimentalen Gründen nicht weggeschmissen hatte? Hatte sie vielleicht ihren ersten Kuss in diesem Teil bekommen? Nein. Unmöglich. Niemand küsste ein Wesen in babyblauen Leggins mit zartgelben Tupfen.

Und dann diese Gummistiefel. Letztes Jahr waren wir auf Klassenfahrt in Norddeich, und unsere Lehrer bestanden auf eine Wattwanderung. Insofern hatten sich sogar die coolsten Mädchen in solche Teile gequält – selbst Jenny Rohde, die schon zweimal einen Freund hatte. Wobei Jenny allerdings hochhackige Gummistiefel aufgetrieben hatte, weiß der Himmel, wo. Sie waren ein voller Erfolg, bis sie sich damit im Schlick auf die Klappe legte … Aber an spektakuläre Stürze wollte ich heute besser gar nicht denken.

»Also schön, Jeans. Aber Gummistiefel! Reiten in Turnschuhen ist gefährlich!« Meine Mutter war gut gelaunt und insofern kompromissbereit. Außerdem trug sie selbst enge Jeans, anscheinend hatten sich keine Liebestöter in ihrer Größe gefunden. Dazu führte sie echte Reitstiefel spazieren. Auch aus Gummi, aber längst nicht so uncool wie meine Treter.

»Sie waren ganz billig …«, meinte Mom verlegen. Mir schwante Schreckliches. Sie musste es ernst meinen. Gewöhnlich investiert sie kein Geld in unsichere Sachen, und Reitstiefel kann man nun wirklich zu nichts anderem als zum Reiten gebrauchen.

»Hier, die hab ich auch nicht vergessen!« Fast verlegen zog sie ein Heftchen mit Klebe-Tattoos aus der Tasche – und rettete mir damit den Tag! Auf der Packung prangte ein Bild von Nico Chico mit Einhorn.

»Die sind ja süß!«, begeisterte ich mich. »Lizenziert von ›Tierpension‹! Aber sie sind noch gar nicht auf der Fan-Seite, und …«

»Ich hab halt Beziehungen«, meinte Mom geheimnisvoll. »Und nun mach, kleb dir eins auf und dann geht’s los!«

Sie selbst schien nun doch auf das Tattoo verzichten zu wollen. Mir sollte das recht sein. An Müttern wirkt so was ja eher peinlich. Außerdem hatte ich so mehr für Glory und mich. Glory ist meine beste Freundin. Ich würde sie mit zum Konzert nehmen, und als kleines Dankeschön hatte sie mir gestern zwei Pferdebücher mitgebracht. Ihre Schwester reitet und besitzt eine halbe Bibliothek zum Thema Pferd. Zuerst hielt ich das ja für einen ziemlich schlechten Scherz, aber Glory meinte, ich solle nicht komplett unvorbereitet an die Sache herangehen. Pferde seien schließlich gefährlich, sie könnten vorn beißen und hinten ausschlagen. Darüber war ich dann fast ein bisschen gerührt. Wenigstens eine sorgte sich um mich, wenn meine eigene Mutter mich schon fahrlässig der Tiergefahr aussetzte. Aber wahrscheinlich hatte Glory auch nur eigensüchtige Gründe. Wenn die Gäule mich am Dienstag umbrachten, musste sie am Freitag zu meiner Beerdigung, und das Konzert fiele ins Wasser.

Letztendlich hatte ich ein niedliches Einhorn über meiner Augenbraue platziert und war mit meiner Erscheinung einigermaßen zufrieden. Die zartgrüne Glitzerwolke, auf der das Einhorn dahingaloppierte, passte zu meinen grünbraunen Augen und dem grünen Lidschatten, den ich sicherheitshalber aufgetragen hatte. Schließlich weiß man nie, wo einem der Traumboy begegnet. Meine rotbraunen Haare hatte ich mit etwas Gel bearbeitet und in zwei neckischen Büscheln hochgebunden. Die standen nun vergnügt vom Kopf ab, und ich sah den braven Dressurreiterinnen auf den Fotos in dem Buch von Glorys Schwester nicht ein winziges bisschen ähnlich. Das baute mich auf. Niemals wollte ich in einem derart traurigen, schwarz-weißen Outfit mit Oma-Haarknoten durch die Gegend reiten – wobei die Mädels auch nicht aussahen, als machte das Spaß. Stattdessen guckten sie ernst bis hochnäsig. Garantiert würde ich in den folgenden Monaten nicht zu einem solchen Wesen mutieren, das stand fest!

In Jeans, Sweatshirt und Schlick-Tretern folgte ich meiner Mutter schließlich unwillig zum Auto. Es war nicht weit bis zur Reitschule. Glorys Schwester pflegte den Weg mit dem Fahrrad zurückzulegen. Täglich. Und oft sogar zweimal. Wenn sie ausmisten durfte, war sie im siebten Himmel. Ich war fest entschlossen, dass mir so etwas nicht passieren würde. Ich war normal. Ich mochte keine Pferde. Ich mochte Jungs.

Allerdings gibt es auch unter männlichen Wesen echte Flops. Einer davon stieg gerade mit seinem Papi aus dem Auto, als meine Mutter auf den Hof des Reitstalls fuhr. Und wenn alle Typen hier so aussahen, verstand ich plötzlich, warum die Mädels Pferde vorzogen! Der Junge war rundlich – na ja, nicht fett, eher so kompakt –, ein bisschen wie Bombo von »Tierpension«. Aber nichts von dessen Bärchen-Charme oder gar von coolem Outfit! Der Typ trug eine Trainingshose, die an den Knien verbeult war und auch im hinteren Bereich erfolgreich den Eindruck erweckte, als verstecke er darunter eine volle Windel. Dazu führte er ähnlich grässliche Gummistiefel spazieren wie ich, aber seine waren obendrein schwarz-gelb kariert. Meine waren nur rosa. Der Junge warf einen Blick darauf und schaute mich anschließend fast mitleidig an. Meine Mutter grüßte seinen Vater. Ganz eifrig, anscheinend fand sie ihn attraktiv. Tatsächlich war er ein gänzlich anderer Typ als sein Sprössling. Groß, sportlich und muskulös. Nur das blonde Wuschelhaar und die graublauen Augen verrieten die Verwandtschaft. Ich bemühte mich, Vater und Sohn zu ignorieren.

Der Reitstall lag hübsch im Grünen, und das Wetter meinte es auch gut. Man brauchte keine Jacke. Ein Sweatshirt reichte, um nicht zu frieren. Vor meinem geistigen Auge erschien ein Prinz auf einem Schimmel. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, über Sommerwiesen zu galoppieren – und Pferde auf grünen Weiden fand ich durchaus dekorativ. Was das anging, sah es hier aber mau aus. Viel Grün, doch keine Hottehüs.

»Wo sind denn wohl die Pferde?«, fragte meine Mutter ziemlich enttäuscht, worauf ich auch keine Antwort geben konnte.

»Im Stall wahrscheinlich«, meinte der Vater des peinlichen Jungen eher desinteressiert.

Hoffentlich freundeten die zwei sich nicht an! Wenn wir da jetzt hineingingen, stießen wir garantiert auf mindestens hundert Mädchen aus meiner Schule. Wenn die glaubten, der Typ gehöre zu mir, nur weil Mom mit seinem Dad flirtete …

»Ich hab gelesen, dass man sie in Reitschulen selten rauslässt. Dabei wäre das viel besser. ›Artgerechter‹, sagt man, glaub ich«, sinnierte meine Mutter.

Der Vater des Horrortypen blickte sie ungnädig an. »Aber dies sind Turnierpferde«, bemerkte er.

Ich ging entschlossen auf die Stalltür zu. Ein riesiges Scheunentor – und daneben eine normale Tür für Menschen ohne Pferd. Drinnen war es verhältnismäßig dunkel, nach dem Frühlingssonnenlicht draußen musste ich erst mal blinzeln, bevor ich etwas erkannte. Dann sah ich auf eine breite Stallgasse, mit Pferdewohnabteilen rechts und links. Sah ein bisschen aus wie Hühner-Massenhaltung, und die Geräuschkulisse passte auch. Mindestens zehn Mädchen gurrten und säuselten auf ein paar riesige Pferde ein, die sie vor ihren Ställen angebunden hatten. Zwischendurch tauschten sie sich in einer Art Fremdsprache mit ihren Freundinnen aus.

»Ich hasse ja das Martingal. Aber er pullt dann weniger.«

»Ja, gerade beim Springen. Man muss ihn sonst derart runterriegeln …«

Von meiner Mutter und mir nahmen die Mädchen keine Notiz, wahrscheinlich hatten sie alle mal mit rosa Gummistiefeln angefangen. Jetzt steckten sie allerdings durchweg in knallengen Reithosen und hohen schwarzen Stiefeln. Als der Knabe in den Schlabberhosen durch den Stall stolperte, folgten ihm dafür umso mehr Blicke. Klar, ein Junge war hier ein Exot, egal, wie er aussah. Einige Mädchen kicherten, andere verdrehten die Augen, aber dann gingen sie wieder zur Tagesordnung über.

Leider machte der Daddy des Typen die Sache schlimmer.

»Wo geht’s denn hier zum Mutter-Kind-Kurs?«, erkundigte er sich bei einem der Mädchen.

Es klang, als handle es sich um eine Art Schwangerschaftsberatung. Das blonde, sehr schlanke Mädchen grinste entsprechend breit. Der Junge schien im Boden versinken zu wollen.

»Ich glaube, das macht Frau Witt im alten Stall. Da müssen sie noch mal über den Hof, das gleiche Gebäude wie die Reithalle. Jedenfalls haben wir da schon zwei Mädchen hingeschickt.«

Immerhin gab die Blonde höflich Auskunft. Sie sah auch sonst ziemlich brav aus, ihr Haar hatte sie zu einem artigen Zopf im Nacken geflochten.

Ich überlegte, ob die beiden Mädchen wohl ohne Mütter gekommen waren oder ob Erwachsene hier einfach übersehen wurden.

Letzteres schien der Fall zu sein, denn »im alten Stall« warteten bereits zwei Frauen und ihre etwa zwölf- bis dreizehnjährigen Töchter. Die Mädchen schienen sich zu kennen. Sie strichen begehrlich um ein gesatteltes Holzpferd herum, das hier in einem Vorraum der Halle auf Reiter zu warten schien. Vorher hatten wir einen weiteren Hühnerstall mit Pferden durchquert, noch dunkler als der vorige. Ob das einschläfernd auf die Vierbeiner wirkte? So wie das Tuch über dem Papageienkäfig? Irgendeinen Grund musste es jedenfalls haben, dass die Fenster hier winzig und in luftiger Höhe von mindestens 2 Meter 50 angebracht waren.