Beschreibung

In Band 2 machen sich Lea und ihre Mutter auf die Suche nach einem neuen Reitstall, da sie sich aufs Freizeitreiten verlegen wollen. Vielleicht Curley Horses oder Islandpferde? Eigentlich hat Lea in dem sanfmütigen Joker ja schon ihr Traumpferd gefunden, doch leider ist er unerschwinglich ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 165


Inhalt

CoverÜber das BuchÜber die AutorinTitelImpressumSattelt die Pudel!Ganz und gar ein SiegertypRomantischer Ausritt?IslandpferdeDie WetteDas ZauberwortHeisse DatesEifersuchtKrieg der WeltenBegegnung der dritten ArtGo West!

Über das Buch

In Band 2 machen sich Lea und ihre Mutter auf die Suche nach einem neuen Reitstall, da sie sich aufs Freizeitreiten verlegen wollen. Vielleicht Curley Horses oder Islandpferde? Eigentlich hat Lea in dem sanfmütigen Joker ja schon ihr Traumpferd gefunden, doch leider ist er unerschwinglich ...

Über die Autorin

Sarah Lark, geboren 1958, wurde mit ihren fesselnden Neuseeland- und Karibikromanen zur Bestsellerautorin, die auch ein großes internationales Lesepublikum erreicht. Nach ihren fulminanten Auswanderersagas überzeugt sie inzwischen auch mit mitreißenden Romanen über Liebe, Lebensträume und Familiengeheimnisse im Neuseeland der Gegenwart. Sarah Lark ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Schriftstellerin, die in Spanien lebt.

LEA & DIE PFERDE 2

SARAHLARK

Pferdefrühling

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Neuausgabe

der 2008 im Boje Verlag erschienenen Originalausgabe.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München

eBook-Erstellung: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-7325-7413-1

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Sattelt die Pudel!

»Los, Lea, aufstehen!«

Es war Sonntag und sechs Uhr früh. Gewöhnlich eine Zeit, zu der meine Mutter entweder noch schläft oder genauso verwirrt durch die Dämmerung schwankt wie ich. Allerdings nicht, wenn ein Termin ansteht, der in irgendeiner Weise mit Pferden zu tun hat. Dann steht sie senkrecht im Bett, sobald der Wecker klingelt, und verlangt von mir ähnliche Jubelarien. Dabei ging es bislang nie wirklich ums Reiten, wenn wir vor Tau und Tag in »pferdiger Mission« herausmussten. Meist standen so uncoole Aufgaben an wie Waffeln backen auf einem Turnier.

Nun sollte damit aber Schluss sein. Nachdem Mom mich zunächst zu einem »Mutter-Tochter-Reitkurs« mit in die örtliche Reitschule geschleppt hatte, der uns dann aber eher als Training für Bomberpiloten erschien – sämtliche Pferde waren hochexplosiv und verfügten über eingebauten Schleudersitz! –, versuchten wir es jetzt mit »Freizeitreiten«. Sowohl Mom als auch ich hatten nämlich herausgefunden, dass uns Reiten als Turniersport wenig lag. Weder Dressur- noch Springwettbewerbe konnten uns ernstlich begeistern – auch wenn ich für kurze Zeit regelmäßig am Rand eines Springparcours herumgehangen war, um meinem Exfreund Heiko die Daumen zu drücken. Stattdessen träumten wir von Ausritten im Gelände – was mich anging, am liebsten im Mondschein und mit einem süßen Jungen an meiner Seite.

Nun mussten wir nur noch eine Reitschule finden, die uns dafür die nötige Sattelfestigkeit vermittelte. Und das erhoffte sich Mom von dem heute geplanten Abenteuer: »Kennenlerntag auf Curly Horses – Entdecken Sie Leichtes Reiten auf besonderen Pferden«.

Ich quälte mich stöhnend aus dem Bett.

Immerhin würde es meinem Freund Thorsten heute ähnlich ergehen. Und ihm stand keineswegs nur ein harmloser Ausritt auf »Curly Horses« bevor, sondern sein allererstes Springturnier. Eigentlich hätte ich mitfahren und Händchen halten müssen. Wohlgemerkt nicht Daumen drücken, das wäre Energieverschwendung. Thorsten hatte nicht den Hauch einer Siegchance, obwohl er auf einem sehr teuren Pferd ritt. Er wollte diesen Tag nicht feiern, sondern nur überleben. Tatsächlich teilte er nämlich meine Einstellung zur Turnierreiterei. Thorsten hätte lieber bis zehn geschlafen, um den Tag dann mit einem netten Brunch zu beginnen – gern auch einem Picknick auf der Weide mit mir und seinem Pferd Mariano.

Thorstens Vater allerdings ist der Ansicht, ein »richtiger Junge« müsse ganz wild darauf sein, dem Tod über einem Oxer ins Auge zu sehen und Bestzeiten im Springparcours zu unterbieten. Er unterstellt Thorsten ständig bedenkliche Mängel an Mut und Männlichkeit – was der natürlich nicht auf sich sitzen lassen will. Also kämpft er sich mit Todesverachtung über die Sprünge – obwohl es für ihn eigentlich schon eine Heldentat ist, im Schritt vom Hof zu reiten.

»Nun mach schon, Lea!« Meine Mutter griff nach den Autoschlüsseln. Offensichtlich sollte das Frühstück also ausfallen. Wenn Mom Stallluft witterte, vergaß sie auch die elementarsten mütterlichen Pflichten.

Seufzend griff ich nach einer Packung Kekse. Die konnten wir unterwegs essen. Figursorgen hatten wir zum Glück beide nicht, groß und dünn, wie wir waren. Ich persönlich fand mich in Teilen fast zu spargelartig. Ein paar weibliche Rundungen hätten mir durchaus gefallen. Und bei der Gelegenheit dürfte die Fee mein Haar auch gern lang und lockig statt unkämmbar und wuschelig gestalten, und vielleicht goldblond statt rotbraun.

»Vergiss die Reitkappe nicht!«

Der eng sitzende Reithelm pflegte meiner Frisur den Rest zu geben. Immerhin hatte ich mir inzwischen abgewöhnt, Gel zu benutzen und die Neigung meiner Zotteln, in Büscheln hochzustehen, mit bunten Spangen zu unterstreichen. Reitkappen verlangen entweder Knoten oder Haarnetze, in denen sich die Strähnen züchtig im Nacken bändigen lassen. Oder als Alternative militärischen Kurzhaarschnitt. Zu Letzterem hatte ich mich bislang nicht aufraffen können.

Meine Mutter trug bereits Reithosen, Pulli und Jacke. Es war März und noch empfindlich kalt, obwohl in den Gärten die ersten Frühlingsblumen sprossen. Ich suchte mir also ein ähnliches Outfit zusammen und los ging’s. Draußen war es fast noch dunkel. Warum brauchte meine Mutter für ihr Hobby unbedingt mich als Alibi?

Ich nutzte die lange Autofahrt, um noch ein bisschen zu schlafen, und kam erst richtig zu mir, als Mom auf die Zufahrt des Gestüts »Curly Morning« abbog. Auf dem Parkplatz standen bereits drei Autos. Pferde waren nicht zu sehen. Erst als wir über den Hof gingen, steckte eines den Kopf aus einer Außenbox.

Ich wollte meinen Augen kaum trauen. »Ist das jetzt ein Pferd oder ein Pudel?«

Das Tier, das uns ganz freundlich anguckte, war über und über mit Löckchen bedeckt. Selbst in den Ohren lockten sich die Puscheln, Mähne und Schweif sahen aus wie das Haar eines Rauschgoldengels.

Dann öffnete sich die Haustür, und eine junge Frau mit kurzem blondem Haar und grünen Augen winkte uns herein. Sie trug Reitzeug und freute sich offensichtlich, uns zu sehen.

»Sie müssen Lotte und Lea Groß sein, nicht?«, fragte sie fröhlich. »Ich bin Katja Heimann, wir hatten telefoniert. Kommen Sie rein, nehmen Sie sich einen Kaffee, und dann fangen wir an! Die anderen sind nämlich alle schon da.«

Rund um einen großen Tisch saßen eine ältere Dame, ein junges Ehepaar und eine Mutter mit Tochter in meinem Alter. Ich nahm neben dem sommersprossigen rothaarigen Mädchen Platz.

»Ich bin Anschi!«, stellte sie sich gleich vor. Anschi suchte im Curly Horses offensichtlich das Pferd zur Frisur. Ihr üppiges rotes Haar fiel in Kräusellöckchen bis zur Mitte ihres Rückens.

»Du hast die gleichen Locken wie die Pferde!«, sagte ich.

Sie lachte. »Hab ich auch schon gemerkt! Und nehm’s als gutes Omen … Vielleicht sehen mich die Viecher als Artgenossen an und werfen mich nicht ab.«

»Curlys werfen niemanden ab!«, erwiderte Frau Heimann fast beleidigt und hielt anschließend einen Vortrag, nach dem man sich unweigerlich fragte, warum noch niemand auf die Idee gekommen war, ein Lockenpferdchen an die Spitze der Vereinten Nationen zu stellen. Die Tiere waren ganz offensichtlich die besseren Menschen: friedlich, verlässlich, lernwillig, charakterfest …

»Sie sind aber ziemlich klein, nicht?«, erkundigte sich der einzige Mann in unserer Mitte.

»Je kleiner, desto besser«, bemerkte Anschi, allerdings so leise, dass ihre Mutter es nicht hören konnte.

Ich hatte das bis vor Kurzem auch gefunden. Aber dann hatte ich ein besonders nettes, aber auch ausgesprochen riesiges Tier namens Joker kennengelernt. Irgendwie musste es zwischen uns gefunkt haben. Sogar mein früherer Freund war eifersüchtig gewesen. Und bei meinem ersten Ritt auf Joker hatte ich meine Höhenangst verloren.

Zuletzt kam Frau Heimann auf die antiallergischen Eigenschaften des Curly Horse zu sprechen.

»Haben wir unter uns einen Tierhaarallergiker?«, erkundigte sie sich.

Anschi machte sich klein.

»Hier, meine Tochter Angela!« Anschis Mutter meldete sich wie in der Schule. »Allerdings ist es eine ganz seltsame Sache. Wir haben schon seit Jahren Pferde, aber die Allergie ist nie aufgetreten. Nur jetzt bei ihrem eigenen Pony. Sie kann mit allen Pferden umgehen, aber wenn sie sich mit Wizzie beschäftigt, kriegt sie einen Hautausschlag.«

Frau Heimann bestätigte, dass dies selten sei. Aber mit einem Curly Horse befinde man sich da ganz bestimmt auf der sicheren Seite.

»Gehen wir doch einfach mal raus und schauen uns die Pferde an!«, forderte Frau Heimann uns schließlich auf. »Wir reiten ein bisschen in der Halle, und heute Nachmittag machen wir dann einen Ausritt.«

Für meine Mom und mich war das etwas Besonderes. Meine bisherigen Ausritterfahrungen beschränkten sich auf einen Besuch bei Thorstens Tante Wiebke. Sie hatte mich auf eine Haflingerstute gesetzt, die mich brav spazieren getragen hatte. Tja, und dann hatte ich Joker nach einem spektakulären Ausbruch der Pferde bei Nacht nach Hause geritten. Aber auch nur im Schritt.

Die Pferde waren auf der Koppel und mussten erst eingetrieben werden. Das übernahm Frau Heimanns lustiger schwarz-weißer Collie. Wir warteten derweil vor den Offenställen – »Curly Horses sind ideal für naturnahe Haltung!« – und hatten Zeit, ein wenig zu plaudern.

»Ihr wollt also ein Curly Horse kaufen?«, fragte ich Anschi.

Sie zuckte die Schultern. »Klar. Ihr nicht? Deshalb findet das Ganze hier doch statt. Frau Heimann möchte ihre Pferde verkaufen, und wir interessieren uns dafür.«

»Ich dachte, das wäre ein Reitkurs«, meinte ich. Anschi schüttelte den Kopf. »Nö, Reiten solltest du schon können. Obwohl hier sicher nicht viel vorausgesetzt wird. Oder glaubst du, die da hätten schon oft auf einem Pferd gesessen?«

Sie wies auf das junge Ehepaar. Beide steckten in fabrikneuen Reithosen.

»Und bei der da ist es wohl eher länger her …«

Auch bei der älteren Dame zog Anschi ihre Schlüsse aus dem Reitzeug. In ihrem Fall wirkte es verwaschen und altmodisch.

»Ich bin so eine Art Wiedereinsteiger«, erklärte die Dame meiner Mutter. »Früher hatte ich jahrelang Pferde. Isländer. Aber dann bin ich heruntergefallen und hab mir einen Wirbel angebrochen. Danach wollte ich erst mal nicht wieder reiten. Aber jetzt habe ich hier die Anzeige gelesen … und Curly Horses sollen so lieb sein!«

Anschi verdrehte die Augen.

»Du glaubst nicht, dass sie lieb sind?«, fragte ich besorgt.

Sie zuckte wieder die Schultern. »Es sind Pferde, Lea. Equiden. Fluchttiere. Zum Wegrennen neigen die alle, ohne Rücksicht auf die Rasse. Beeinflussen kann man das höchstens durch Ausbildung. In diese oder jene Richtung. Manche Trainer machen die Pferde ruhig, andere erst recht verrückt. Mein Pony war zum Beispiel bei so einem Pferdeflüsterer. Die Vorbesitzer hatten es extra für viel Geld von ihm ausbilden lassen, aber er hat nur Mist gebaut. Wizzie ist total durch den Wind. Sie buckelt, wenn sie von anderen Pferden weg soll, sie beißt, und sie scheut vor jeder Kleinigkeit …«

So langsam begriff ich, warum sie von diesem Pferd Pickel kriegte.

Mittlerweile hatte sich der Auslauf vor uns mit Lockenpferdchen in allen Farben gefüllt. Sie sahen witzig aus, und eigentlich gefielen sie mir nicht schlecht. Ihre Größe fand ich handlich, und an die seltsame Haarstruktur konnte man sich bestimmt gewöhnen. Allerdings kostete die garantiert extra.

»Hier, du kannst Princess nehmen, Lea, und du Curly Sue, Anschi. Sie gehört zu unseren allernettesten Pferden.«

Das Tier war nicht nur lockig, sondern obendrein gefleckt wie Pippi Langstrumpfs Kleiner Onkel. Meine Princess war einfach nur rotbraun.

»Sie beißen bestimmt nicht?«, fragte die junge Frau in der neuen Reithose. Auch ihr Mann näherte sich seinem Lockenpferd wie ein Torero, dem sein rotes Tuch abhandengekommen ist.

»Nein, sie sind freundlich!«, erläuterte Frau Heimann zum fünfundzwanzigsten Mal.

»Weil unser Pferd zu Hause nämlich …«

»Das ist aber auch ein Hengst …«

Das Pärchen, Herr und Frau Lindau, begann zu erzählen. Tatsächlich hatten auch sie bislang erst einen Anfänger-Reitkurs absolviert und sich dann Hals über Kopf in einen Araberhengst verliebt.

»Shakan war so schön!«, begeisterte sich Frau Lindau. »Und so brav, der Verkäufer meinte, die wären alle so. Er war so leicht zu reiten, ein Traum …«

»Aber zu Hause änderte sich das!«, erklärte Herr Lindau, dessen Begeisterung sich schon deutlich gelegt hatte. »Dauernd nur am Wiehern, wenn er eine Stute sah. Und gehorcht hat er gar nicht mehr. Aber der Vorbesitzer wollte sich davon nichts annehmen. Er meinte, wir sollten ihn jeden Tag reiten. Möglichst ein paar Stunden. Und uns durchsetzen … Aber wer hat denn dafür die Zeit?«

Frau Heimann sah aus, als könne sie sich nur mühsam zurückhalten. Anschi verdrehte schon wieder die Augen. Blutige Anfänger mit einem Araberhengst, den sie anscheinend höchstens einmal in der Woche aus der Box holten. Man brauchte keine jahrelange Pferdeerfahrung, um sich vorstellen zu können, dass das nicht gut endete.

»Curly Horses müssen Sie aber artgerecht halten!«, machte jetzt selbst Frau Heimann Einschränkungen. »Sie bleiben nur so umgänglich, wenn sie genug Bewegung und Sozialkontakte haben.«

Frau Lindau schüttelte den Kopf. »Aber Shakan ist ein Hengst!«, bemerkte sie in einem Tonfall, als sei das ein Charakterfehler, und verurteile ihn von vorneherein zu Dunkelhaft bei Wasser und Brot.

»Können wir ihn hier nicht vielleicht eintauschen?«, fragte Herr Lindau.

Frau Heimann wirkte genervt, und irgendwie konnte ich es ihr nachfühlen.

Inzwischen waren wir zum Satteln übergegangen und standen zunächst ziemlich ratlos vor den Westernsätteln, mit denen Frau Heimann ihre Pferde ausstattete. Schließlich führten wir die Pferde aber alle zur Reithalle, wobei Anschi sich sehr geschickt anstellte, während die Lindaus den Eindruck erweckten, als führten sie Gefahrentransporte durch. Frau Wiener, die ältere Dame, stieg sofort auf. Dann musste Frau Heimann sie jedoch mit vielen Worten überreden, die Schenkel anzulegen, um ihr Pferd in Bewegung zu setzen.

»Wenn man Isländer mit den Schenkeln berührt, rennen sie los!«, behauptete Frau Wiener.

Anschi kam aus dem Augenverdrehen gar nicht mehr heraus. Sie musste aufpassen, dass sie keinen Muskelkrampf kriegte und dauerhaft schielte.

Anschi selbst stieg geschickt in den Sattel, aber als ihr Pferd vor dem Spiegel nur etwas schräg guckte, verkrampfte sie sich sofort und nahm hektisch die Zügel an. Nervös krallte sie die Finger in die Mähne, als Curly Sue daraufhin irritiert rückwärtsging. Frau Heimann beruhigte und ermutigte Anschi, während Frau Lindau in Panik geriet, als ihr Pferd einen Ansatz zum Steigen machte. Sie riss aber auch so anhaltend am Zügel, dass es keinen anderen Ausweg wusste.

Frau Heimann wirkte verzweifelt. »Das sind sensible Pferde!«, versuchte sie zu erklären. »Wir betreiben Leichte Reitweise. Andeutungen genügen … Lassen Sie die Zügel einfach locker!«

Meiner Mom gelang das erstaunlicherweise mühelos. In der letzten Zeit hatte sie sich oft vor den Reitstallpferden gefürchtet, aber Frau Heimanns Vortrag hatte sie von der Ungefährlichkeit des Curly Horse überzeugt. Sie saß ruhig und gab vorsichtige, leichte Hilfen. Und sie grinste beglückt wie ein Honigkuchenpferd, als Gentle Curls sich daraufhin brav und gelassen im Schritt und Trab um die Runde bewegte. Ich selbst hatte ebenfalls keine Probleme. Princess ritt sich so ähnlich wie Emma, die Haflingerstute bei Tante Wiebke. Die war allerdings sensibler gewesen. Princess musste ich die Hilfen deutlicher geben und einmal sogar die Gerte zu Hilfe nehmen. Dennoch machte sie keine Anstalten, mich abzuwerfen oder sich sonst wie schlecht zu benehmen. Frau Heimann war voll des Lobes.

Die Reitstunde war für uns beide daher äußerst aufbauend, besonders meine Mom wuchs vor Stolz um zwanzig Zentimeter. Unterricht erhielten wir allerdings nicht. Frau Heimann hatte einfach zu viel damit zu tun, Anschi mit lobenden Worten aufzubauen, Frau Wiener zu ermutigen, wenigstens gelegentlich eine Hilfe zu geben und Herrn und Frau Lindau ihre Panik zu nehmen. Letzteres allerdings vergeblich, das Paar reiste gleich nach der Hallenstunde ab.

»Was die brauchen, sind Schaukelpferde«, meinte Anschi verächtlich, als wir nachmittags zum Ausritt starteten.

Meine Mom genoss den Geländeritt und blieb dabei völlig gelassen, obwohl sie zum ersten Mal hoch zu Ross die Reithalle verließ. Frau Heimanns lockerer Reitstil gefiel ihr genauso gut wir mir, wir fühlten uns beide sicher auf den Lockenpferdchen. Mom fragte dann auch noch einmal nach Reitstunden, erhielt aber eine ablehnende Antwort.

»Ich unterrichte nur Reiter auf eigenen Pferden«, erklärte Frau Heimann. »Wenn Sie sich ein Curly Horse kaufen, können sie damit zum Unterricht kommen. Aber sonst leider nicht.«

»Ich fand es schön, auch wenn wir hier keine Reitstunden bekommen können. Aber wirklich einfach ist es nicht«, bemerkte Mom später auf der Rückfahrt. Wir waren beide müde und etwas ernüchtert. Mir tat ein bisschen der Hintern weh vom langen Sitzen in dem ungewohnten Sattel, und Mom klagte über Rückenschmerzen.

»Das ›Leichte Reiten‹ meine ich«, führte sie weiter aus. »Das stellen sie als so easy dar, und die Pferde waren ja auch nett. Aber richtig kontrolliert haben wir sie nicht. Wer weiß, was sie gemacht hätten, wenn wir woanders hingewollt hätten als Frau Heimann.«

Das ist vielleicht der Trick, dachte ich. Wahrscheinlich war auch der Hengst der Lindaus beim Probereiten brav gewesen, weil sein Vorbesitzer mit seiner Lieblingsstute vorausritt.

»Reiten ist schwer«, wiederholte ich die Erkenntnis, die ich schon bei meinem ersten Ausritt mit Thorstens Tante Wiebke gewonnen hatte. Dabei dachte ich an Thorsten. Wie mochte es ihm auf dem Turnier ergangen sein?

Ganz und gar ein Siegertyp

Thorsten war zumindest noch am Leben, als ich am Montagnachmittag in den Reitstall kam. Am Sonntagabend hatte ich ihn nicht mehr erreicht, was mich etwas nervös gemacht hatte. Aber nun stand er in der Stallgasse und striegelte seinen Schimmel Mariano. Das Pferd wirkte riesig neben ihm – Thorsten war körperlich nicht der Größte und erst recht kein Sportass. Er ist nicht direkt dick, aber kompakt – bei einem Pferd würde man sagen: »eher kalibrig«. Sein Gesicht wirkte an schlechten Tagen etwas vollmondartig, aber an guten Tagen gaben ihm seine sanften graublauen Augen und seine üppigen blonden Locken den Charme eines Barockengels. Er trug sein Haar etwas länger als die meisten Jungs, was ihm sehr gut stand. Im Mittelalter müssen Knappen so ausgesehen haben – und vielleicht klatschten die damals üblichen Topfhelme die Haarpracht auch nicht so gnadenlos an den Kopf wie die moderne Reitkappe.

Heute hing Thorstens Helm noch in der Sattelkammer. Am Tag nach dem Turnier musste er wohl keine Reitstunde bei Frau Witt durchstehen und lachte mich entsprechend vergnügt an.

»Wie war das Springen?«, fragte ich. »Hast du’s unbeschadet überstanden?«

Thorstens Gesicht zeigte einen Ausdruck zwischen Stolz und Beschämung.

»Ich habe gewonnen«, antwortete er.

»Du hast was?« Ich lachte. »Komm, mach keine Witze! Oder gab es ein Lotteriespiel und du hast den Riesenteddy abgeräumt?«

Thorsten schüttelte den Kopf. Dabei zeigte er auf seine Putzkiste. Und tatsächlich: Achtlos zwischen die Bürsten geworfen, prangte eine goldene Turnierschleife.

»Kein Witz. Erster Platz im E-Springen. Aber es war eher Zufall. Ich bin erst nach der Ziellinie runtergefallen. Ganz knapp, die Parcourshelfer mussten sogar nachmessen. Aber es war ein Viertelmeter, da gab’s nichts zu deuteln. Mir persönlich wäre es allerdings lieber gewesen, wenn Mariano vorher angehalten hätte.«

Ich konnte die Sache immer noch kaum glauben. »Komm, Thorsten, du bist da nicht wirklich mit einem Was-kostet-die-Welt-Grinsen reingeritten wie früher Heiko und hast dann abgeräumt? Ich meine, mit Mariano ohne Fehler über einen E-Parcours zu kommen, ist ja nicht so schwierig. Aber dieses Tempo!«

Die sogenannten »Kleinen Springen« der Klassen E – für Einsteiger – und A – für Anfänger – wurden in der Regel über die Zeit entschieden. Die Teilnehmer schossen wie die Irren über die Sprünge, und wer als Schnellster ohne Fehler durchkam, hatte gewonnen.

»Sagen wir, mein Anteil an der Sache beschränkte sich auf ungefähre Richtungsangaben«, erklärte Thorsten jetzt und ließ sich auf einem Strohballen nieder. Ich kuschelte mich neben ihn. »Ich bin auch nicht mit diesem Ziel reingeritten. Mariano hatte nämlich überhaupt keine Lust. Im Grunde geht es uns gleich, wenn wir Sprünge sehen, wird uns schlecht. Aber mein Daddy hat uns angebrüllt und Mariano hineingeführt. Und dann war der Eingang zu, und Mariano wusste natürlich genau, dass wir ohne Springen nicht wieder rauskommen. Also hat er sich beeilt …«

Ich kicherte. »Du willst sagen, er ist durchgegangen?«

Thorsten zuckte die Schultern. »Nicht direkt, wie gesagt, ich konnte so was wie lenken. Es war in gewisser Weise wie Go-Kart fahren. Bloß ohne Bremse.«