Leahs Geschichte - Michelle Janßen - E-Book

Leahs Geschichte E-Book

Michelle Janßen

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Beschreibung

"Ich bin ein offenes Buch, dachte Leah und ignorierte die Stimme in ihrem Kopf, die ihr sagte, dass sie eher ein zerbrochener Spiegel war." Leah mag keine Menschen. Am liebsten würde sie immer alleine sein. Zwischen dem Wald und ihrer Karriere als Schriftstellerin gelingt ihr das auch weitestgehend. Doch dann zieht jemand in die Wohnung neben ihr ein und Leah weiß einfach, dass er so wie sie ist. Ausgelöst von dieser Erkenntnis, begibt sie sich auf eine gefährliche Reise an den Rand der Realität, um sich selbst zu beweisen, dass sie nicht alleine sein muss.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 44

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Leahs Geschichte

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Michelle Janßen

Leahs Geschichte

NOVELLE

Leahs Geschichte

Sie saß am Ufer des Flusses und sah dem Wasser dabei zu, wie es die Realität verzog. Illusion spielte mit der Wirklichkeit. Hinter ihr grollte der Donner.

Immer weniger Menschen liefen die Uferpromenade entlang. Sie blickte zum grauen Himmel empor und wartete. Als der erste Regentropfen auf ihrem Gesicht aufkam, dachte sie, dass dies einen tollen Anfang für ihren Roman abgeben würde.

Leah stand vor ihrer Tür und wartete, bis die Nachbarn endlich wieder in ihren Wohnungen verschwanden. Frau Strehle und ihre Katze führten immer genau dann einen Plausch mit Herrn Hofer von oben, wenn Leah kurz in den Hof musste.

Die Mülltüte in ihrer Hand raschelte verräterisch. Sie wusste, dass die beiden draußen sie nicht hören konnten, doch hielt sie den Atem an. Ihr Herzschlag war lauter als die Stimmen der Nachbarn. Sie sah sie vor sich. Herr Hofer mit seiner runden Brille, die schütteren, ergrauten Haare auf der Kopfhaut. Leberflecken, deutlich sichtbar, Ansammlungen von Pigmenten und toter Haut. Alles an ihm schrie nach Tod. Frau Strehle mit dem Kopftuch und ihrer alten, roten Katze auf dem Arm. Leah erinnerte sich nicht daran, jemals ihren Namen erfahren zu haben. Vielleicht hatte sie auch keinen. Es gefiel ihr, sich vorzustellen, das Tier sei namenlos. Namen zeigten immer Besitz an. Und Bindung. Leah kannte sich mit keinem von beidem sonderlich gut aus. 

Endlich hörte sie das Seufzen, welches Herr Hofer ausstieß, wenn er nicht mehr reden konnte. Der alte Mann hatte sein Limit erkannt und wälzte sich mühsam die Treppe hinauf. Leah konnte die schleifenden Schritte hören und stellte sich vor, dass wohl auch sein Herz schleifend und schnaufend in seiner Brust pochte.

Ihre Nachbarin verharrte noch einige Zeit auf der Fußmatte, dann ertönte das erlösende Klicken der Haustür und Leah erlaubte sich, wieder zu atmen. Ihr Herzschlag beruhigte sich und sie drängte die Wut zurück. Wut darüber, dass sie es nicht schaffte, vor die Tür zu gehen, wenn andere sie sehen konnten. Jeden Morgen machte sie sich zurecht, schminkte sich, trug roten Lippenstift auf, als würde sie weggehen. Und dann behielt sie das Ergebnis für sich und wartete, bis ihre Nachbarn fort waren, um hinaus zu gehen.

Der Griff des Müllbeutels schnitt in die Handflächen und sie war froh um den Schmerz. Er riss sie aus Gedanken, die sie eigentlich nicht haben wollte. Das war der Nachteil daran, allein zu sein. Niemand konnte einen davon abhalten, zu denken.

Sie schaffte es in den Innenhof, ohne gesehen zu werden. Der bekannte Gestank zog ihr in die Nase und benebelte ihr Gehirn. Altes Katzenfutter vermischte sich mit dem Geruch von Urin und Essensresten. Es wohnten viele alte Menschen im Haus. Davon ließen sich einige Essen von Hilfsorganisationen liefern. Die fertigen Portionen waren meist zu groß für die Alten und der Geruch von Verwesung mischte sich mit dem der Reste.

Leah fragte sich, wie man ohne Weiteres in die düsteren, stinkenden Wohnungen ihrer Nachbarn gehen konnte, das Lächeln tief auf dem Gesicht eingebrannt. Das Essen abstellen, einen kurzen Plausch halten. Sie würgte.

Schnell lud sie den Müllsack ein. Er war schwer. Sie hatte diese Woche viel gekocht. Schalen und Innereien von Gemüse und Obst mischten sich zu einem bunten, verrottenden Haufen. Leah aß kaum Fleisch. Früher mochte sie es, Fleisch zu kochen. Jetzt hatte sie das Gefühl, der Geruch von Tod klebe an ihren Händen, wann immer sie auch nur darüber nachdachte. Das Gebäude stank nach Tod, sie konnte nicht ertragen, den Geruch auch noch in ihre Wohnung, an ihren Körper zu lassen.

Auf dem Weg zurück begegnete sie Eliah. Der Student wohnte mit seiner Freundin neben Herrn Hofer.

»Du siehst gut aus!«, grüßte er. Leah biss sich auf die Wange. »Gehst du heute Nachmittag weg?«

Ein Gespräch. Sie erinnerte sich daran, doch es fühlte sich komisch an. Als müsste sie ein Programm starten, um etwas zu antworten. Wäre sie doch ein Computer. Das würde einiges leichter machten.

»Danke und nein.« Die Worte fühlen sich an, als lägen sie quer auf ihrer Zunge. Leah fragte sich, ob er wusste, wie unangenehm ihr dieser Austausch war. Wenn ja, überspielte er es gut.

»Hab trotzdem einen schönen Tag!« Eliah grinste breit. Fröhlichkeit sprudelte aus seinen Augen.

»Danke.« Ihr Körper beschloss zu lächeln. Er sah gut aus. Dunkle Haare, helle Augen. Eine schöne Kombination, dachte sie. Dann ging sie geradeaus in ihre Wohnung. Als die Türe hinter ihr zufiel, zitterten ihre Hände.

Ihr Vater hatte eine Nachricht gesendet. Sie sah das Handy auf dem Küchentisch leuchten. Die Sonne schien, doch alles in ihr wehrte sich, es wahrzunehmen. Denn dann würde sie keinen Grund mehr haben, nicht nach draußen zu gehen. Schon komisch, dass sie sich als erwachsene Person so vorkam, als bräuchte sie die Erlaubnis von jemandem, ihren Tag so zu verbringen, wie sie es wollte. Du darfst drinnen bleiben, sagte sie sich. So einfach war es mit dem Sagen. Daran zu glauben, stellte das Problem dar. Mit dem Handy verhielt es sich ähnlich. Wenn sie es nicht ansah, wusste sie nichts von den verpassten Nachrichten. Doch nun hatte sie es leuchten sehen.

Sie hasste es, nicht zu wissen, was sie schreiben sollte. Aber mehr noch hasste sie telefonieren. Beim Schreiben hatte sie mehr Kontrolle. Emotionen waren leichter vorzutäuschen. Trotzdem brauchte sie einige Minuten dafür, eine Antwort zu formulieren. Noch etwas, dass am Telefon nicht ging. Sich Zeit lassen, bevor man etwas erwiderte. Das machte das Schweigen schwerer.