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Markus und Saskia erträumen sich ihr gemeinsames Leben, so wie viele andere Paare auch. Sie schreiben ihre gemeinsamen Ziele und Wünsche auf und legen diese in ein Kästchen um sich immer wieder daran erinnern zu können. Doch je länger sie zusammen leben, umso mehr verlieren sie sich aus den Augen. Nach vielen Enttäuschungen und schlimmen Verletzungen leben sie in ihrem Haus in Parallelwelten nebeneinander her. Dann passiert etwas, was ihr Leben komplett auf den Kopf stellt. Alles was bisher wichtig war, stellt sich plötzlich in Frage. Es wird absolut deutlich, dass es die Chance sein Leben zu leben für jeden nur einmal, und zwar genau hier und jetzt gibt.
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Seitenzahl: 320
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Andreas Köcke
Lebe jetzt
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Impressum neobooks
Dieses Buch zu schreiben war Teil einer Problembewältigung für mich. Die Geschichte an sich ist zwar stark abgewandelt, aber die Themen, mit denen sich das Buch beschäftigt, sind es, die den Leser dazu anregen sollen sein eigenes Leben zu reflektieren. Ich glaube, unser Leben wird in unserer schnelllebigen, von globalen Netzwerken durchseuchten Zeit, zu einem großen Teil für uns fremdgelebt, ohne dass wir das bemerken oder es uns bewusst wird. Wo die wahren Werte liegen, muss jeder Einzelne für sich selbst herausfinden, aber es gibt sie ganz sicher noch. Das Entscheidende ist, dass spätestens am Ende seines Lebens jeder Mensch eine Bilanz ziehen wird. Wie diese ausfällt, liegt an uns selbst. Ich kann alles was ich gerne tun möchte immer wieder auf morgen verschieben, weil es „gerade nicht passt“ und feststellen, dass dann vieles im Sande verläuft und nie passiert. Ich kann mein Leben aber auch anders gestalten, indem ich mir sage: „Ich lebe jetzt!“
Ich danke ganz herzlich allen, die mich inspiriert haben dieses Buch zu schreiben. Ganz besonders bedanke ich mich bei meiner Lebensgefährtin und Freundin Carolin. Ohne sie wäre das Buch wohl nie vollendet worden. Mit ihrer sanften Art Druck auf mich auszuüben, wenn ich eine Schreibsperre hatte und mich immer wieder zu ermutigen und aufzumuntern, hat sie mir letztendlich geholfen die Zielgerade zu überschreiten. Zusätzlich hat sie viele Stunden geopfert um mein Buch Korrektur zu lesen. Sie hat mir immer das Gefühl gegeben, dass ich auf dem richtigen Weg bin und dass sie ganz fest an mich und mein Projekt glaubt. Für das und vieles mehr liebe und schätze ich Dich. Ganz lieben Dank dafür Caro.
Mein Dank gilt auch meinen beiden „Großen“ Jennifer und Sven, die teils durch Probelesen, teils durch aufmunternde Worte und Interesse, mir immer wieder gezeigt haben, dass sie hinter mir stehen und an das was ich tue glauben. Ich danke und liebe euch.
Meinen drei „Kleinen“ Jannik, Vanessa und Niklas danke ich einfach dass es sie gibt?. Ich hab euch lieb.
Alle Handlungen sind frei erfunden. Übereinstimmungen mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Da es sich hier um mein geistiges Eigentum handelt, ist der Nachdruck, sowie jegliche sonstige Verwendung nicht gestattet.
Sein Handy meldete sich mit dem Alarmton des Terminplaners. Markus angelte es sich aus der Tasche und schaute auf das Display. 10:00 Uhr Dr. Hansen.
Ach ja, heute war ja der Termin beim Internisten wegen der ständigen Bauchschmerzen in letzter Zeit. Sollte ja kein großes Problem werden. Sicher der Magen wegen dem ganzen Stress. Hoffentlich schaffe ich noch den Termin um 12:00 Uhr mit dem Kunden wegen dem Gebrauchtwagen.
Markus ging noch rasch zu seinem Verkaufsleiter und meldete sich ab. „Bin in ca. einer Stunde wieder da“, sagte er, während er die Verkaufsräume verließ. Auf der Fahrt zum Arzt, reflektierte er noch schnell die letzten Tage. Das Geschäft lief zwar schleppend, gab aber noch keinen echten Grund zur Besorgnis. Was ihn persönlich beeinträchtigte, waren diese ständigen Bauchschmerzen. Hoffentlich wusste der Doc einen Rat.
Mit Saskia lief es so, wie schon seit längerem. Sie lebten zwar zusammen, aber jeder machte sein eigenes Ding und es kümmerte ihn auch nicht wirklich, was Saskia so machte und wie es ihr ging. Für dieses komische Verhalten mit den ständigen Stimmungsschwankungen hatte er keine Zeit und auch keine Nerven. Weiberkram halt. Da kümmerte er sich doch lieber um sein Geschäft. Da wusste er wenigstens, woran war.
Saskia kannte er schon aus dem Kindergarten und der Grundschule. Danach hatten sie sich aus den Augen verloren, da er auf eine weiterführende Schule in der nächsten Kreisstadt gewechselt war und Saskia, deren Eltern ein Baugeschäft betrieben und somit gut situiert waren, ein Internat besuchte.
Markus hatte einen großen Teil seiner Jugendzeit mit seinem besten Freund Jochen verbracht. Mit ihm konnte er über alles reden, was ihn bedrückte. Am meisten litt er damals unter seinen Eltern. Diese waren beide Beamte und hatten ihn immer wieder darauf hin gewiesen, dass man es in dieser Berufsparte sehr weit bringen konnte und nebenbei einen unkündbaren, krisensicheren Job hatte. Ihre Schlussfolgerung daraus war gewesen, dass Markus unbedingt auch die Beamtenlaufbahn einzuschlagen hätte. Ihm dagegen war nichts mehr verhasst gewesen als dies. Er wollte lieber KFZ Mechaniker werden, da er sich schon immer für alles interessierte was einen Motor hatte. So hatte er täglich einen Kleinkrieg mit seinen Eltern geführt, die partout nicht einsehen wollten, dass er mit seiner Berufswahl glücklich werden musste und nicht sie.
Als dann auch noch Jochens Mutter schwer erkrankte und sein Freund mehr und mehr mit ihren Aufgaben belastet wurde, blieb kaum noch Zeit die Freundschaft zu pflegen. Da Jochen und er sich mit der Zeit gänzlich aus den Augen verloren, hatte Markus sich einem neuen Freundeskreis angeschlossen. Dieser bestand aus drei Jungen in seinem Alter, mit denen er den ganzen Tag, teils groben Unfug trieb. Der Gipfel des Ganzen war eine “Reise“ durch Italien. Ihr Geld hatte damals noch gereicht um mit dem Zug nach Mailand zu kommen. Anschließend streunerten sie bis nach Rimini und schafften es, da sie absolut kein Geld mehr hatten, erst nach mehreren Wochen wieder zuhause anzukommen. Seine Eltern, die zuerst noch in großer Sorge gewesen waren, hatten einiges an Strafen bei seiner Rückkehr für ihn parat.
Eines Tages, er war mittlerweile achtzehn Jahre, lag, als er von der Schule nach Hause kam, eine Einladungskarte auf seinem Schreibtisch. Jochen hatte in zu seiner Geburtstagsfeier eingeladen. Voller Freude Jochen wiederzusehen machte er sich an dem Abend, an welchem die Feier stattfinden sollte, auf zu Jochens Elternhaus. Bei der Begrüßung stellte er fest, dass Jochen durch die Verantwortung, welche er zu tragen hatte, unglaublich erwachsen geworden war. Von den anwesenden Partygästen glaubte er niemanden zu kennen und hatte sich daher alleine mit einem Bier auf das Sofa im Wohnzimmer gesetzt und die anderen Besucher beobachtet. Jochen, der sich um die anderen Gäste kümmerte, hatte gerade auch keine Zeit für ihn gehabt. Markus hatte circa zwanzig Minuten dort gesessen, als eine wunderschöne junge Frau auf ihn zugekommen war. Ihre blonden, schulterlangen Haare wippten bei jedem Schritt. Ihr Kleid ließ sie sehr elegant wirken und sie hatte ein bezauberndes Lächeln für ihn übrig gehabt.
„Markus? Du bist es doch, oder? Ich habe dich gleich an deinen dunklen Locken wiedererkannt“, hatte sie gesagt, als sie ihm die schlanke, weiche Hand zur Begrüßung entgegengestreckte.
„Richtig. Aber du musst mir ein wenig helfen. Ich stehe gerade auf dem Schlauch“, war seine Antwort gewesen.
Als sie sich vorgestellt hatte, konnte er es kaum glauben. Das war also die kleine Saskia von damals. Unglaublich wie schön sie geworden war.
Durch Saskias lockere Art waren sie sehr schnell in ein langes Gespräch gekommen. Sie hatte so einiges von Markus und seinen Eskapaden gehört und bettelte ihn davon zu erzählen. Besonders die Reise durch Italien mit ihren außergewöhnlichen Umständen hatte es ihr angetan. Immer wieder fragte sie nach und beide hatten im Verlauf der Schilderungen unendlich viel zu lachen. Jochen, der sich wohl irgendwie in Saskia verliebt hatte, gefiel es gar nicht, dass Saskia und er den ganzen Abend miteinander verbrachten. Er hatte einige spitze Bemerkungen gemacht und sie die ganze Zeit beobachtet.
Als es Zeit zum Gehen war, hatte Saskia Markus gebeten sie nach Hause zu bringen. Bei der Verabschiedung vor dem Haus ihrer Eltern war es zu einem ersten zaghaften Kuss gekommen. In der darauffolgenden Zeit trafen sie sich immer öfter und waren bald unzertrennlich. Die anfänglichen Schwierigkeiten, welche ihnen ihre Eltern bereitet hatten, waren durch die tiefe Liebe, welche sie mittlerweile empfunden hatten, durchgestanden worden.
Sie schafften es gegen alle Widerstände eine Beziehung aufzubauen, die letztendlich doch alle überzeugte. Immer öfter hatten sie zusammen gesessen und ihre gemeinsame Zukunft geplant. Es war überraschend gewesen, wie sehr sich ihre Wünsche an die Zukunft und das Leben doch geglichen hatten. Um diese nicht zu vergessen, hatten sie damals alle Wünsche aufgeschrieben und in eine Schachtel gelegt. Von Zeit zu Zeit wollten sie hineinschauen um zu kontrollieren, ob sie es schaffen würden ihre Träume umzusetzen. Sie hatten damals, nachdem sie geheiratet hatten, mit Hilfe von ihrer Eltern ein hübsches Haus gebaut. Das Leben war unbeschwert und fröhlich, bis Markus anfing unbedingt ein Autohaus mit Werkstatt aufbauen zu wollen. Er hatte, da ihn dies sehr forderte, immer weniger Zeit mit Saskia verbracht. Ihm war es auch kaum noch wichtig gewesen wie es Saskia ging und wie sie ihre Tage verbrachte. Mehr und mehr hatten sie sich auseinandergelebt und im Moment war es so, dass ihr Zusammenleben eher einer Wohngemeinschaft als einer Ehe glich.
„Hör auf mit der Gefühlsduselei Markus“, sagte er zu sich selbst. „Jetzt ist es erst einmal wichtig, dass du ein paar Tabletten bekommst, damit du wieder voll einsatzfähig bist.“
In der Praxis angekommen, meldete er sich an und wurde gebeten noch einen Moment im Wartezimmer Platz zu nehmen. Na prima, dachte er, wie immer warten. Wenn ich das mit meinen Kunden so machen würde, käme bald keiner mehr. Da waren sie wieder. Diese verdammten Schmerzen. Nagend und brennend, gerade so, als säße ein Tier im Bauch und würde ihn von innen auffressen.
Ich halt das so nicht mehr aus. Hoffentlich gibt es heute endlich eine Diagnose mit der man eine Therapie einleiten kann. In seine Gedanken krächzte der Lautsprecher seine aufdringliche, gefühllose Anweisung. Hr. Schmidt bitte Kabine 2.
Na endlich. Markus ging in die Kabine und wartete noch einen Moment. Die Tür öffnete sich von innen und eine junge Dame bat ihn herein. Das Sprechzimmer war nüchtern ausgestattet und überwiegend in sterilem Weiß gehalten. Ein Mann, so um die vierzig in einem weißen Kittel, erhob sich hinter seinem Schreibtisch und hielt ihm die Hand zur Begrüßung hin, während er sich vorstellte. Hansen. „Guten Tag, Herr Schmidt. Nehmen sie doch bitte Platz.“ Als sie sich, getrennt durch den Schreibtisch, gegenüber saßen, schaute Dr. Hansen ihn freundlich, aber gleichzeitig musternd an. Ob er wohl sehen konnte, dass er in den letzten Monaten fast zehn Kilo Gewicht verloren hatte? Quatsch. Er kannte ihn ja nicht. Wie sollte er das erkennen?
„Na, wo drückt der Schuh? Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Ach, nichts Besonderes. Ich wollte mich nur mal checken lassen. In letzter Zeit habe ich immer mal wieder Bauchschmerzen, sicher der Magen.“
Dr. Hansen lächelte. „Danke für ihre Diagnose, jetzt werde ich versuchen auch eine zu stellen. Also, dann machen wir erst einmal eine Anamnese. Haben sie außer den Bauchschmerzen weitere gesundheitliche Probleme?“
„Nicht dass ich wüsste.“
„Okay. Nehmen sie regelmäßig Medikamente?“
„Nein, ich nehme, wenn es nicht unbedingt notwendig ist, überhaupt keine.“
„Prima. Gibt es einen bestimmten Zeitpunkt wann die Schmerzen auftreten, zum Beispiel vor oder nach dem Essen?“
„Eigentlich habe ich da nicht so drauf geachtet, aber ich denke nicht. Die Schmerzen kommen und gehen einfach so, ohne irgendeinen Bezug.“
„Hmmm. Wie sieht es mit dem Körpergewicht aus? Haben sie eher zu- oder abgenommen?“
„Ich habe in den letzten Monaten ca. zehn Kilo an Gewicht verloren.“
Er hatte Dr. Hansen genau beobachtet und glaubte bemerkt zu haben, dass dieser nach der letzten Antwort die Stirn in Falten gelegt hatte. Er fand den Gewichtsverlust ja selbst ungewöhnlich, hatte sich aber nicht wirklich Sorgen gemacht.
„Sagen sie mal Hr. Schmidt, wie sieht es mit ihrem Appetit aus? Hat sich da etwas verändert?“
„Eigentlich nicht, ich esse seit Jahren schon sehr unregelmäßig, aber sonst eigentlich wie immer.“
„Okay, vertragen Sie alle Speisen noch so wie immer, oder haben sie eine Abneigung gegen bestimmte Nahrungsmittel?“
„Jetzt wo sie es mich fragen, ja. Mir ist aufgefallen, dass ich in letzter Zeit Fettiges nicht mehr mag. Auch wird mir öfters übel, wenn ich nur an Fleisch oder fettes Essen denke.“
Dr. Hansen der sich die ganze Zeit Notizen machte, schaute auf. „Wie sieht es mit dem Stuhlgang aus? Ich meine dabei besonders Farbe und Konsistenz.“
„Eigentlich ziemlich normal. Manchmal etwas heller und manchmal ist so etwas wie fettiger Schmier drauf. Aber sonst ist da alles okay.“
„Gut. Also ich würde ihnen vorschlagen, dass ich jetzt noch eine Ultraschalluntersuchung von ihrem Bauch mache und wir dann weitersehen. Einverstanden?“
„Wie sie meinen. Sie sind der Arzt. Haben sie schon eine Vermutung?“
„Eine Vermutung schon, aber lassen sie uns erst mal mit dem Ultraschall ihren Bauchraum ansehen.“
Markus wurde gebeten sich auf eine Liege im Sprechzimmer zu legen und den Bauch frei zu machen. Dr. Hansen hatte währenddessen das Ultraschallgerät eingeschaltet und ein Programm ausgesucht. Während Markus den Bauch frei machte, griff Dr. Hansen nach einer Flasche, in welcher sich ein Gel befand. „Das brauche ich, um bessere Bilder zu bekommen“, erklärte er. „Erschrecken sie bitte nicht, das Gel ist immer ein wenig kalt. Ich werde jetzt etwas davon auf ihren Bauch geben und es dann mit dem Schallkopf des Gerätes verteilen. Also, es geht los.“ Dr. Hansen verteilte das Gel mit dem Ultraschallgerät auf Markus Bauch.
Mann ist das kalt, wo ich doch in letzter Zeit sowieso immer so leicht friere. Markus erschrak ein wenig, als ihm bewusst wurde, dass ihm immer mehr Ungewöhnliches auffiel, je mehr er nachdachte. Es würde sich doch um nichts Ernstes handeln? Langsam fing er, der sonst immer stark und durch nichts zu beeindrucken war, an sich echte Sorgen zu machen.
Der Ultraschallkopf zog, geführt von Dr. Hansen, seine einsamen Bahnen über Markus Bauch. Nachdem er ein paar Runden gedreht hatte, fiel Markus auf, dass er immer wieder an der gleichen Stelle verweilte und nur ganz kleine Bewegungen hin und her machte.
Aha, da hatte ich doch recht. Da wo er ständig schaut, befindet sich ja mein Magen. Gott sei Dank, alles wie erwartet, aber scheinbar nichts Ernstes. Warum gerade jetzt „Gott sei Dank“. Normalerweise benutzte er derartige Redewendungen bewusst nicht, da er mit der Kirche und Gott schon vor längerer Zeit abgeschlossen hatte. Gott sei Dank. Na, dann zeig mal was du drauf hast. Wenn es dich wirklich geben sollte, wird es für dich ja kein Problem sein, mir hier zu helfen. Mensch hör auf mit dem Quatsch Markus, sagte er zu sich selbst, als er sich dabei erwischte, an was er gerade gedacht hatte.
Mitten in seine Gedanken drang ruhig und verbindlich die Stimme von Dr. Hansen. „So, das war es Hr. Schmidt. Ich gebe Ihnen ein Tuch, mit welchem sie sich den Bauch ein wenig vom Gel reinigen können. Wenn sie soweit sind, bitte ich sie, sich wieder anzuziehen. Wir treffen uns dann an meinem Schreibtisch wieder. Dann werde ich ihnen sagen, was ich sehen konnte.“
„Okay, danke“, sagte Markus, der froh war, dass die Untersuchung abgeschlossen war und er gleich endlich eine Diagnose haben würde. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er den Termin um 12:00 Uhr bestimmt noch wahrnehmen konnte. Prima, da sind sicher über dreitausend Euro drin, wenn es zum Abschluss kommen sollte. Während er mit seinen Gedanken schon wieder im Autohaus war, reinigte er seinen Bauch, steckte sein Hemd in die Hose und stand von der Liege auf. Er ging erwartungsvoll mit einem Lächeln im Gesicht auf den Schreibtisch zu, hinter welchem Dr. Hansen schon Platz genommen hatte und damit beschäftigt war, irgendwelche Formulare auszufüllen.
„Na, wie sieht es aus“, fragte er, nachdem er auch Platz genommen hatte.
Dr. Hansen schaute von seiner Arbeit auf und hatte dabei einen sehr ernsten Gesichtsausdruck. „Also Hr. Schmidt, ich kann ihnen zum jetzigen Zeitpunkt nichts Endgültiges sagen. Die Ultraschalluntersuchung ihres Bauchraumes hat ergeben, dass es im Bereich der Bauchspeicheldrüse, und zwar im Kopfbereich, Veränderungen gibt, die ich noch nicht zu einhundert Prozent zuordnen kann. Es scheint jedenfalls nichts Entzündliches zu sein. Dagegen sprechen auch die Laborwerte, welche ihr Hausarzt mitgeschickt hat.“
„Was heißt das genau?“, unterbrach ihn Markus.
„Das heißt, dass das Gewebe der Bauchspeicheldrüse im Rahmen eines Tumors verändert ist. Das würde auch die Symptome erklären.“
Tumor?, hörte Markus sich selbst sagen, so als sei er nur Zuhörer. Er merkte wie ihm plötzlich ganz kalt wurde. Was hatte der Arzt da eben gesagt. Er und einen Tumor. Unmöglich, das konnte nicht sein.
„Ja“, sagte Dr. Hansen. „Wie gesagt, gibt es im Bereich des Kopfes der Bauchspeicheldrüse eine Struktur, die da nicht hingehört. Ich würde sie zur endgültigen Abklärungen noch in die radiologische Abteilung des Krankenhauses überweisen. Dort wird man eine weitere Untersuchung machen, die ich hier in der Praxis nicht durchführen kann. Je nach Entscheidung des Radiologen ein CT oder ein MRT. Das sind Verfahren, mit welchen man die inneren Organe am besten beurteilen kann. Den Überweisungsschein bekommen sie an der Rezeption. Ich wünsche ihnen alles Gute Hr. Schmidt. Mehr kann ich heute leider nicht für sie tun. Ich habe schon einen Termin für sie vereinbart. Übermorgen um 11:00 Uhr in der radiologischen Abteilung des Städtischen Krankenhauses.“ Er erhob sich und reichte Markus die Hand zum Abschied.
Tumor, Bauchspeicheldrüse, Krankenhaus hämmerte es in seinem Kopf, als er wie automatisch die Hand des Arztes ergriff. Dann verließ er, wie benommen, das Untersuchungszimmer und wollte auf dem schnellsten Weg die Praxis verlassen. Nichts wie weg von hier. Dann wird alles wieder gut, dachte er.
„Hr. Schmidt, Hr. Schmidt.“ Die Dame an der Rezeption, rief ihm nach. „Sie sollten noch ihren Überweisungsschein mitnehmen.“ Er hatte das völlig vergessen, so sehr war er mit sich beschäftigt gewesen. Er machte kehrt und ging zum Tresen der Rezeption zurück. Die Dame reichte ihm einen Briefumschlag während sie ihn freundlich anlächelte. „Alles Gute, Hr. Schmidt.“
„Danke.“ Warum wünschen mir hier alle nur alles Gute. Was ist denn hier eigentlich los? Ich wollte doch nur meinen Magen behandeln lassen. Tumor, was ein hässliches Wort. Und das in mir, so ganz heimlich, ohne dass ich es bemerkt habe? Er war zwischenzeitlich an der Tür angekommen und trat hinaus. Tief sog er die frische Luft ein und versuchte einigermaßen zu sich zu kommen. Alles drehte sich in seinem Kopf.
„Pass doch auf du Penner“, raunzte ihn eine unfreundliche Männerstimme an. „Am frühen Morgen schon besoffen. Unglaublich.“ Markus hatte gar nicht bemerkt, dass er beim Hinausgehen einen Passanten angerempelt hatte.
„Entschuldigung“, murmelte er und überlegte, wo er seinen Wagen geparkt hatte. Ach, da stand er ja. Wie immer mitten im Halteverbot, aber er war es ja gewohnt, sich über alle Regeln hinwegzusetzen. Ein Druck auf den Schlüssel und der Wagen löste mit einem lauten Hupen die Verriegelung. Markus öffnete die Tür und ließ sich in die Lederpolster hinter das Lenkrad sinken. Ein Blick in den Innenspiegel zeigte ihm ein beinahe unwirkliches Bild von ihm. Sein Gesicht war aschfahl, die Lippen fast ohne Farbe und auf seiner Stirn perlte Schweiß. Als er darüber fuhr, um ihn wegzuwischen, fiel ihm auf, dass der Schweiß eiskalt war. Jetzt merkte er auch, dass im speiübel war. Jetzt nur nicht durchdrehen Markus. Das ist sicher alles nur ein Irrtum. Das Gerät von Dr. Hansen ist ja nicht einhundert prozentig. Hatte er ja selbst gesagt. Also Ruhe bewahren und die Untersuchung übermorgen abwarten. Übermorgen erst? Da lagen ja noch ein Tag und zwei Nächte voller Ungewissheit dazwischen. Wie sollte er das aushalten. Was mache ich denn jetzt bloß? Ich muss unbedingt mit Saskia reden. Saskia, was würde sie sagen? Würde es sie überhaupt interessieren? Er hatte sich ja die letzten Jahre auch nicht wirklich für sie und ihre Bedürfnisse interessiert. Ihm waren nur er und sein Autohaus wichtig gewesen. Bei dem Gedanken an das Autohaus griff er zum Telefon und rief seinen Verkaufsleiter an.
„Bitte übernehmen sie den Termin mit Hr. Heil heute um zwölf. Er interessiert sich für einen Gebrauchtwagen. Sie machen das schon. Ich bin verhindert und werde auch die nächsten Tage nicht im Geschäft sein können. Also übertrage ich Ihnen für die Zeit die Leitung des Geschäfts. Wenn etwas Wichtiges zu entscheiden ist dürfen Sie mich jederzeit anrufen. Okay?“
„Klar Chef. Ich hoffe es ist nichts Ernstes?“
„Nein, nein. Ich habe nur ein paar wichtige private Dinge zu erledigen.“
„Gut, dann machen wir es so. Alles Gute. Bis dann.“
Schon wieder alles Gute. Verdammt, wussten denn alle was hier los war? Quatsch Markus, er ist einfach nur nett wie immer. Jetzt fiel ihm auf, wie ungerecht und arrogant er oft mit Hr. Vogel umgegangen war. Wie oft hatte er ihn angefahren, nur weil er selbst schlecht gelaunt war. Das werde ich ändern, versprach er sich selbst. Er griff nochmals zum Hörer und wählte die Nummer des Verkaufsleiters. „Vogel“, meldete sich die wohlbekannte Stimme am anderen Ende. „Haben Sie noch etwas vergessen Hr. Schmidt?“
„Nichts Besonderes Hr. Vogel. Ich wollte ihnen nur noch sagen, dass ich froh bin sie als Mitarbeiter zu haben und mit ihrer Arbeit sehr zufrieden bin. Wir sollten uns, wenn ich zurück bin, zusammensetzen und bei einem Glas Wein über ihr Gehalt reden. Ich hoffe das ist in ihrem Sinne?“
Am anderen Ende der Leitung herrschte einen Moment Stille. „Ja klar, Chef. Ich freue mich sehr. Es geht Ihnen aber gut, oder?“
„Ja, Hr. Vogel. Ich finde nur das war längst überfällig.“ Mann, muss ich ein Ekel gewesen sein, dass ihn das so überrascht, dachte er bei sich.
„Gut Chef. Ich freue mich. Bis dann. Den Wagen verkaufe ich Hr. Heil ganz sicher“, sagte er und lachte dabei laut und angenehm wie es seine Art war.
„Bis dann. Viel Erfolg.“
„Danke. Tschüss Hr. Schmidt.“
In der Leitung knackte es leicht. Er hatte aufgelegt. Eigentlich hätte Markus gerne mit jemandem geredet, aber bevor er nicht sicher war, wollte er seine Mitarbeiter nicht einweihen. Er wollte nur noch nach Hause und mit Saskia reden. Er brauchte dringend das Gespräch mit ihr, hatte aber auch irgendwie große Angst davor. Auch sie hatte er wirklich schlecht behandelt. Hoffentlich trug sie ihm das in dieser Situation nicht nach. Sicher war er sich nicht. Irgendwie war sie ihm fremd geworden und auch er war bestimmt nicht mehr ihr Vertrauter. Warum sollte sie sich für seine Probleme interessieren. Er hatte ja sonst auch nie mit ihr darüber geredet, obwohl sie ihn anfangs noch inständig darum gebeten hatte. Irgendwann hatte sie das aufgegeben und sich zurückgezogen.
Markus startete den Motor und versuchte sich auf das Fahren zu konzentrieren. Gut, dass er die Strecke aus der Stadt nach Hause auswendig kannte. So verlief die Fahrt reibungslos und er kam ohne irgendwelche Zwischenfälle vor dem schmiedeeisernen Tor an, welches die Einfahrt zum Grundstück versperrte. Ein Druck auf die Fernbedienung und geräuschlos schwangen die schweren Flügel des Tores auf. Er fuhr den Wagen in den Carport und betrat das Haus. Saskia konnte er weder im Erdgeschoss noch im Obergeschoss finden. Wo ist sie nur, wenn man sie mal braucht, dachte er und wurde dabei sogar ein wenig wütend. Ihr Wagen steht doch draußen, also muss sie auch da sein. Ruhig Markus. Werde nicht schon wieder ungerecht.
Während er das dachte, hörte er jemanden ein Kinderlied singen. Was ist denn das? Das muss vom Dachboden kommen. Er ging ganz leise die Treppe nach oben, die zum Dachboden führte. Die Tür zum Boden stand einen Spalt weit offen, sodass er hineinsehen konnte. Da war Saskia also. Doch was war denn hier los? Markus traute seinen Augen nicht. Saskia saß, mit dem Rücken zu ihm, auf einem Schaukelstuhl und hielt eine lebensgroße Babypuppe auf dem Arm. Die Puppe trug Babybekleidung und Saskia sang ihr ein Kinderlied vor und es schien ihm, dass sie dabei vor sich hin weinte. Der Boden war wie ein Kinderzimmer eingerichtet. Es gab eine Wickelkommode, auf der sogar Windeln lagen, eine Plastikbadewanne, ein Kinderbett, über dem ein Mobile hing und einen Kinderwagen. Das Zimmer war genau so eingerichtet, wie sie es sich früher gemeinsam erträumt hatten. Das Lied war zu Ende und Saskia sprach jetzt mit der Puppe. Immer wieder fiel der Name Marie. Marie? Das war doch der Name für eine mögliche Tochter, auf den sie sich geeinigt hatten, als sie sich noch ihre gemeinsamen Träume mittteilten. Das war zu viel. Markus machte auf dem Absatz kehrt und ging vorsichtig die Treppe nach unten um von Saskia nicht bemerkt zu werden. War seine Frau jetzt ganz durchgedreht? Warum spielte sie mit Puppen? Eine Frau von zweiunddreißig Jahren? Ich glaub es nicht. Ich habe einen Tumor und meine Frau spielt mit Puppen. Marie, so sollte einmal ihre Tochter heißen. Doch es war nie dazu gekommen, weil es nie den richtigen Zeitpunkt dafür gab. Aber Moment mal. Saskia war doch vor acht Jahren Mal schwanger gewesen. Sie hatten damals beschlossen das Kind abzutreiben, weil er gerade dabei war das Autohaus aufzubauen und ein Kind zu der Zeit keinen Platz in ihrem Leben hatte.
Was heißt hier wir haben beschlossen, sagte auf einmal eine Stimme in ihm? Du warst es doch, der beschlossen hat und Saskia hatte keine Chance und auch nicht die Kraft sich zu wehren. Ihm wurde auf einmal wieder richtig übel. Auf dem schnellsten Weg rannte er ins Bad um zu erbrechen. Als er dann am Waschtisch stand, um sich das Gesicht abzuwaschen und die Zähne zu putzen, sah er sein Gesicht im Spiegel. Wer bist du überhaupt? Was ist aus dir nur geworden? Du hast alle um dich herum nur gedemütigt und verletzt und geglaubt die Welt dreht sich nur um dich. Verdammt, was bin ich nur für ein Arschloch geworden. Schau dich an. Eine leere gefühllose Hülle bist du. Weiter nichts. Kein Wunder, dass dich niemand mag. Du hast dir die letzten Jahre alles nur erkauft und alles aufgegeben, was dir im Leben einmal wichtig war. Und jetzt das. Wenn es wirklich Krebs ist, kannst du es nicht mal mehr gut machen. Markus konnte sein eigenes Spiegelbild nicht mehr ertragen und eilte aus dem Bad. Von Saskia war weiterhin nichts zu sehen. Die beschäftigte sich weiterhin auf dem Dachboden mit ihrer Marie. Fürchterlich. Die arme Saskia. Was habe ich nur getan? Was ist nur aus uns geworden? Wo sind all unsere Träume geblieben? Ich muss erst mal hier raus.
Markus verließ das Haus, setzte sich in seinen Wagen und fuhr planlos durch die Stadt. In seinem Kopf herrschte das völlige Chaos. Entgegen seinen Gewohnheiten beschloss er, einen trinken zu gehen, um zur Ruhe zu kommen. An einer Kneipe hielt er an und parkte das Auto. Es war mittlerweile gegen 16:00 Uhr. In der Kneipe saßen schon ein paar Männer am Tresen, um ihr Feierabend Bier zu trinken. Von den Tischen war nur einer mit einem jungen Pärchen besetzt. Zuerst überlegte er sich, ob er einen freien Platz am Tresen nehmen sollte, um sich mit einem Gespräch abzulenken, verwarf den Gedanken aber schnell, da er eigentlich allein sein wollte. Er steuerte auf einen freien Tisch in der Nähe des jungen Pärchens zu und ließ sich nieder. Im Raum zogen Schwaden von Zigarettenrauch umher und er genoss, obwohl er vor Jahren mit dem Rauchen aufgehört hatte, den Geruch. Markus schaute sich um und dachte bei sich, wie lange war er schon nicht mehr in einer Kneipe gewesen? Das Klientel war ihm in den letzten Jahren einfach zu billig geworden. Früher war er oft mit Saskia in Kneipen gegangen, um Spaß zu haben, Darts oder Pool Billard zu spielen und Freunde zu treffen. Freunde, wen hatte er denn noch? Ihm fiel beim besten Willen niemand mehr ein. Da er sich in den letzten Jahren ausschließlich um sein Geschäft gekümmert hatte, sagte er ausgesprochene Einladungen immer ab. Mit der Zeit wurden die Einladungen immer seltener, bis sie ganz ausblieben. Auch sonst hatte er jeglichen Kontakt zu seinen früheren Freunden abgebrochen, da er der Meinung war, dass sie nicht mehr zu seinem Lebensstil passen würden. Die Leute, welche durch Geschäftskontakte hinzugekommen waren, konnte man weder in der Kategorie Freunde noch Bekannte einordnen. Es waren halt einfach Geschäftspartner, mit denen man mal essen ging, um über’s Business zu reden und sich dann völlig unverbindlich wieder trennte. Soweit er wusste, war auch Saskia völlig isoliert. Auch ihr war vom früher gemeinsamen Freundeskreis niemand mehr geblieben.
„Was darf es denn sein“, fragte eine angenehme weibliche Stimme. Markus löste sich aus seinen Gedanken und sah auf. Vor ihm stand eine junge Frau mit einem kleinen Block in der Hand. Sie hatte eine ausgesprochen nette Ausstrahlung und wartete auf seine Bestellung. Über ihrer Jeans trug sie eine rote Schürze mit dem Werbeaufdruck einer Brauerei. Ihr Oberteil lag eng an und zeigte deutlich, dass sich darunter eine perfekte Figur verbarg. Um den Hals trug sie ein dezentes silbernes Kettchen mit einem Herzanhänger, auf den ein großes F graviert war. Die Haare hatte sie hochgesteckt, sodass man ihren schlanken Hals und ihr hübsches Gesicht deutlich sehen konnte.
„Alles in Ordnung?“
„Ja“, antwortete Markus schnell. Bitte bringen sie mir ein großes Bier und einen Magenbitter. Ach ja, und ein Päckchen Zigaretten bitte, egal welche Marke.“
„Geht in Ordnung“, sagte sie mit einem netten Lächeln und verließ seinen Tisch mit geschmeidigen Bewegungen.
Während Markus auf seine Bestellung wartete, wurde er unfreiwilliger Zuhörer des Gespräches, welches das Pärchen an dem anderen Tisch führte. Sie schienen frisch verliebt zu sein, hielten permanent Körperkontakt, indem sie sich an den Händen hielten, sich sanft streichelten oder hin und wieder küssten. Auch waren sie sehr darauf bedacht, während des Gesprächs ständig Augenkontakt zu halten. Immer wieder mussten sie während des Gesprächs lachen. Es sah alles so unendlich glücklich und ungezwungen aus. Die beiden waren dabei sich gegenseitig ihre Wünsche an das kommende gemeinsame Leben zu offenbaren.
Wie Saskia und ich, kam es ihm äußerst schmerzvoll in den Sinn.
„Bitte sehr. Ihre Getränke und die Zigaretten. Zum Wohl.“ Die nette Bedienung hatte seine Bestellung gebracht. Sogar an eine Schachtel Streichhölzer hatte sie gedacht.
„Danke sehr.“ Markus nahm einen großen Schluck von dem Bier und kippte den Schnaps gleich hinterher. Ohne nachzudenken, griff er sich eine Zigarette und zündete sie an. Tief sog er den Rauch in seine Lungen und musste sich beherrschen nicht zu husten. Junge, Junge, sagte er zu sich selbst. Das bist du nicht mehr gewohnt.
„Was meinst du eigentlich, wie viele Kinder wollen wir einmal haben?“, sagte gerade die Frau am Nebentisch und strahlte ihren Freund an.
„Ich weiß nicht so recht. Bevor wir uns mit dem Thema beschäftigen sollten wir erst einmal an die Karriere denken.“
Das hat gesessen, dachte Markus, als er sah, wie das Lächeln aus dem Gesicht der Frau verschwand.
„Ja klar“, kam es sehr gezwungen von ihr. „Da hast du sicher recht.“ Sie zog, sicher unwillkürlich, ihre Hand zurück.
„Alles in Ordnung?“, fragte ihr Gegenüber.
„Natürlich, ich habe wohl ein wenig zu weit gedacht“, kam es als Antwort von ihr. Sie versuchte dabei zu lächeln, was ihr aber ganz schlecht gelang.
„Na dann ist es ja gut“, gab ihr Freund zur Antwort und lehnte sich zufrieden zurück.
Merkst du nicht, wie es ihr gerade geht, hätte Markus am liebsten gerufen. Mach nicht den gleichen Fehler wie ich. Opfer dein Leben und die Liebe nicht der Karriere. Dafür hast du noch ausreichend Zeit. Aber das Leben geht schneller vorbei als du denkst.
Ja, schneller als man denkt. Hoffentlich geht alles gut. Hoffentlich bringt die nächste Untersuchung ein positives Ergebnis. Ich brauche doch noch jede Menge Zeit um alles in Ordnung zu bringen. Bitte lieber Gott. Schenk mir die Zeit. Schon wieder fängst du mit Gott an, dachte er, als er sich dabei ertappte. Du warst dir doch immer sicher, dass es den nicht gibt. Also hör auf damit.
Er griff sein Glas und trank es mit dem zweiten Schluck aus. Suchend blickte er sich nach der Bedienung um. Diese war gerade dabei, die Gäste am Tresen zu bedienen. Markus wartete geduldig bis sie in seine Richtung blickte und hob dann die Hand, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie nickte kurz und lächelte dabei, um zu signalisieren, dass sie ihn wahrgenommen hatte.
Kurz darauf kam sie an seinem Tisch vorbei. „Darf es noch etwas sein?“, fragte sie mit einem bezaubernden Lächeln im Gesicht.
„Ja, sehr gerne. Bitte bringen sie mir noch ein großes Bier.“ Unglaublich, wie freundlich diese Frau doch ist, dachte er, während sie davonging. Ganz bestimmt ist sie unglaublich glücklich, obwohl der Job hier sicher nicht leicht war. Wie alt mochte sie wohl sein? Ich denke mal so Ende zwanzig, Anfang dreißig? Anfang dreißig. Sofort kam ihm bei diesem Gedanken wieder Saskia in den Sinn. Er hatte die letzten Jahre an keinem einzigen Tag so oft an Saskia gedacht wie heute. Wie erbärmlich du bist, dachte er bei sich. Solange es dir gut ging und du keine Probleme hattest, war es dir egal, was aus ihr wird und kaum hast du ein Problem, benutzt du sie, um jemanden zu haben, bei dem du deine Sorgen loswerden kannst. Ganz schön mies Markus. Du wirst sie keinesfalls mit deinem Problem belasten, bevor du eine sichere Diagnose hast. Das hat sie nicht verdient. Du hast ihr schon genug angetan. Markus griff nach seinem Glas und trank, um sich anschließend eine weitere Zigarette anzuzünden. Besser als die erste schmeckte diese aber auch nicht. Trotzdem rauchte und trank er weiter, da er sich ja vorgenommen hatte, heute mal wieder richtig einen draufzumachen, um dabei wenigsten für kurze Zeit sein Problem verdrängen zu können.
Das Publikum im Lokal wechselte gelegentlich, aber Markus war weiterhin nicht daran interessiert sich auf eine Unterhaltung einzulassen. Das junge Pärchen vom Nachbartisch hatte mittlerweile auch seinen Platz geräumt. Ihm war aufgefallen, dass beim Hinausgehen ein deutlicher Abstand zwischen den Beiden lag. Seit seiner Reaktion auf ihre Frage nach der Anzahl der möglichen gemeinsamen Kinder war die Frau deutlich auf Distanz gegangen. Ich denke, das war’s für dich junger Mann, dachte Markus. Du wirst deine Karriere ohne sie machen müssen. Wie kann man nur so dumm sein. Wirst schon noch sehen, wo dich das hinbringt.
Du musst ja wohl ganz ruhig sein! Da war sie wieder, diese Stimme in ihm die sich einfach ständig ungefragt in seine Gedanken einmischte. Du hast es doch selbst nicht besser gemacht. Also versuch nicht Anderen gute Ratschläge geben zu wollen. Bekomme erst mal dein eigenes Leben auf die Reihe!
Was geht dich das eigentlich an? Was glaubst du wer du bist, dass du es dir herausnimmst mir ständig Ratschläge geben zu wollen und dich in meine Gedanken einmischst?
Ruhig, jetzt ganz ruhig Markus. Du scheinst das Trinken und Rauchen nicht zu vertragen. Wie kannst du dich mit dir selbst streiten? So was Verrücktes. Bei dem Gedanken musste er sogar ein wenig lächeln. Streitest dich mit dir selbst. Oh Mann, so weit ist es schon gekommen.
„Darf es noch Etwas sein? Er hatte gar nicht gemerkt, dass die nette Bedienung an seinen Tisch gekommen war. Oh, Entschuldigung, ich war gerade mit meinen Gedanken ganz woanders und habe sie leider nicht bemerkt. Ja, gerne noch ein Bier.“
„Das macht doch nichts“, kam es gewohnt freundlich zurück. „Das geht doch jedem mal so. Besonders wenn man ausgeht, um sich abzulenken oder weil man Sorgen hat.“ Obwohl sie lächelte, hatte er den Eindruck, dass sie ihn währenddessen forschend anblickte, so als wüsste sie genau, warum er hier war.
„Ja, da haben sie wohl recht“, gab er freundlich zurück. Wenigstens machen sie den Eindruck, dass sie täglich vom Glück geküsst werden. Sie wirken sehr ausgeglichen, glücklich und zufrieden.“ Diesmal war er es, der beobachtete. Sie machte es ihm aber leicht, indem sie mit einem tiefen Seufzen sagte: „Wenn sie wüssten.“
Mit dieser Antwort ließ sie ihn wieder alleine und setzte sich in Bewegung in Richtung Tresen. Ihre Bewegungen schienen nicht mehr so leicht wie vorher zu sein, so als hätte Markus ihr mit seiner Aussage eine riesengroße Last auf die Schultern gelegt.
Kann ja gar nicht sein, dachte Markus, dem das natürlich nicht entgangen war. Dafür war er als Autoverkäufer zu gut geschult, Stimmungswechsel über das Verhalten seiner Mitmenschen sofort zu erkennen. Du hast dich sicher getäuscht. Warum sollte sie plötzlich anders sein, obwohl du ihr ja ein Kompliment gemacht hast. Sicher ist sie nur müde. Wie spät war es eigentlich? Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es mittlerweile schon fast ein Uhr nachts geworden war. Jetzt aber los. Als die Bedienung an seinen Tisch kam, um ihm das bestellte Bier zu bringen, bat er sie um die Rechnung und fragte, ob sie so nett wäre ihm ein Taxi zu rufen.
„Sehr gerne. Ich bin gleich wieder bei ihnen.“ Kurz darauf kam sie mit der Rechnung zurück. „Dann hätte ich gerne 35,60 Euro - inklusive der Zigaretten“, grinste sie.
Markus gab ihr einen fünfzig Euro Schein. „Geben sie mir bitte zehn Euro wieder.“
„Oh, danke sehr. Ihr Taxi kommt übrigens gleich. Ich wünsche ihnen noch einen guten nach Hause Weg und alles Gute. Kommen sie doch einfach mal wieder vorbei.“ Damit drehte sie sich um, nahm von einem anderen Tisch noch ein Tablett Gläser mit und verschwand damit hinter einer Tür mit der Aufschrift “Küche“.
„Wer hatte Taxi bestellt?“, kam es von der Eingangstür. „Ich bitte“, rief Markus dem Mann zu, welcher dort stand. Er hatte eine Jeans, eine Lederjacke und so eine komische Lederkappe auf wie Taxifahrer sie häufig trugen. Vom Äußeren her schien es sich um einen Südländer zu handeln. Deshalb also “Wer hatte Taxi bestellt“, amüsierte er sich und zog sich seine Jacke über. Während er dem Taxifahrer folgend das Lokal verließ, wanderte sein Blick immer wieder zu der Tür mit der Aufschrift Küche, hinter welcher die Bedienung verschwunden war. Doch so sehr er es auch hoffte, er bekam sie leider nicht mehr zu Gesicht, um sich zu verabschieden.
