Leben am Abgrund - Stefan Fackel-Kretz - E-Book

Leben am Abgrund E-Book

Stefan Fackel-Kretz

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Beschreibung

Wieviel Leid kann ein Mensch ertragen, bevor er daran zerbricht? Julia Strauß führt ein glückliches und sorgenfreies Leben. Liebevolle Eltern, tolle Freunde und viel Geld. Doch als eines Tages ihre Eltern tot aufgefunden werden, bricht für Julia eine Welt zusammen. Das ganze Vermögen ist verschwunden, ihre Freunde wenden sich ab und ihr Liebhaber macht Schluss. Als sie dann noch für die Polizei als Hauptverdächtige für den Tod ihrer Eltern gilt, ergreift sie die Flucht. Doch schon bald muss sie feststellen, dass nicht nur die Polizei hinter ihr her ist. Von nun an steht sie nah am Abgrund, ein falscher Schritt und sie stürzt hinab. Ein Kampf ums Überleben beginnt und für Julia gibt es nur einen Ausweg: Sie muss selbst zur Mörderin werden.

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Seitenzahl: 707

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Leben am Abgrund

1. Auflage, erschienen 10-2021

Umschlaggestaltung: Romeon Verlag

Text: Stefan Fackel-Kretz

Layout: Romeon Verlag

ISBN (E-Book): 978-3-96229-730-5

www.romeon-verlag.de

Copyright © Romeon Verlag, Jüchen

Das Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung und Vervielfältigung des Werkes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks und der Übersetzung, sind vorbehalten. Ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Verlages darf das Werk, auch nicht Teile daraus, weder reproduziert, übertragen noch kopiert werden. Zuwiderhandlung verpflichtet zu Schadenersatz.

Alle im Buch enthaltenen Angaben, Ergebnisse usw. wurden vom Autor nach bestem Gewissen erstellt. Sie erfolgen ohne jegliche Verpflichtung oder Garantie des Verlages. Er übernimmt deshalb keinerlei Verantwortung und Haftung für etwa vorhandene Unrichtigkeiten.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Stefan Fackel-Kretz

Leben am Abgrund

Prolog

Was geht einem Menschen, kurz vor seinem Ableben, durch den Kopf? Manche sagen, dass einem noch mal sein ganzes Leben vor seinem geistigen Auge aufgezeigt wird. Andere wiederum sind der Meinung, dass man da noch mal an seine Liebsten denkt, sei es der Ehepartner, die Kinder, oder vielleicht sogar die Eltern. Einige behaupten auch, dass man da noch mal die schönen Dinge vor Augen hat, die man in seinem Leben erlebt hat.

Ich frage mich, woher wollen die Menschen das wissen? Nur wenn man es erlebt hat, weiß man, an was ein sterbender Mensch zuletzt denkt. Und die, die es schon erlebt haben, die können es und nicht mehr sagen.

Alles Vermutungen. Alles Aberglaube.

Wahrscheinlich geht jeder mit seinem eigenen Tod auf seine Weise um.

Es zählt wohl auch, wie man sein Leben gelebt hat.

Hatte man ein schönes und erfülltes Leben; viel Geld, Freunde, Party und keine Sorgen. Dann wird man wohl mit einem Lächeln von dieser Welt gehen, ohne Reue.

Hatte man ein eher ruhiges und langweiliges Leben. Keine wirklichen Freunde, Stubenhocker, einen Job, den man hasste und vielleicht gerade so viel Geld, dass man über die Runden kam. Dann wird man sich wohl am Ende fragen, was man hätte besser machen können.

Hatte man eher ein aufregendes Leben, mit viel Action und Spannung, aber auch Freunde, die einem zur Seite standen, dann wird man sich eher ärgern, warum es schon vorbei ist.

Und hatte man ein schreckliches Leben, voller Angst und Leid. Keinem konnte man trauen, keinem den Rücken zuwenden. Von Tag zu Tag um sein Überleben kämpfen. Dann wird man wohl dankbar sein, wenn es endlich vorbei ist.

Ich zähle zu den Menschen, die das alles schon erlebt haben. Ich habe alle Seiten des Lebens durchgestanden.

Situationen verändern dein Leben. Zufälle verändern dein Leben. Andere Menschen verändern dein Leben.

Manchmal lässt einen der beste Freund im Stich, wenn man ihn am nötigsten hat. Ist er dann noch dein bester Freund? Und schon verändert sich das Leben schlagartig.

Manchmal muss man erst am Abgrund stehen, um zu erkennen, wer einen stoßen und wer einen aufhalten würde.

Im Laufe meines Lebens habe ich Siege errungen und Schiffbruch erlitten, hinfallen und aufstehen gelernt, weinen und lachen.

Ich war unterwegs zu den Sternen und so mancher siebte Himmel wurde dann doch nicht meiner.

So träume ich heute nicht mehr ganz so schnell, bin auch ein wenig leiser als zuvor, wacher und vorsichtiger, und doch immer noch neugierig genug.

Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wünsche zu sein!

Die Zeit verändert Menschen, die Zeit verändert Situationen, die Zeit ändert Gefühle, die Zeit ändert Träume und Gedanken.

Es ist wahr, dass wir nicht schätzen, was wir haben, bis wir es verlieren. Aber wahr ist auch, dass wir nicht wissen, was wir vermissen, bis es uns wieder begegnet.

Wer nur mit dem Verstand lebt, hat das Leben nicht begriffen.

Eines der enttäuschendsten Dinge im Leben ist wohl, etwas in einem Menschen gesehen zu haben, das nie existierte.

Kapitel 1

Es ist zwölf Uhr mittags. Wird Zeit, dass ich aufstehe, ich habe heute noch so einiges vor. Normalerweise stehe ich nicht so früh auf, aber heute will ich mich noch mit meinen Freundinnen Angelika und Franziska treffen. Shoppen.

Heute Abend habe ich ein Date mit meinem Freund Pascal und für ihn möchte ich mich richtig in Schale werfen.

Nicht, dass ich jetzt schon eine perfekte Frau bin, aber ich möchte mich natürlich auch richtig wohlfühlen.

In meinem Schrank sind dafür nicht die passenden Kleider, alle schon so alt, ein Kleid davon habe ich sogar schon fünf Wochen lang und habe es sogar schon zwei Mal getragen.

Ein drittes Mal, wäre zu viel des Guten. Ich bin ja kein Hippie und trage meine Klamotten, so oft es geht.

Angelika und Franziska sind dafür die besten Berater, sie teilen mit mir denselben Modegeschmack. Sie können am besten beurteilen, in was ich umwerfend ausschaue.

Nicht dass ich in allem super aussehe. Selbst in Jeans und Shirt würde ich überall im Mittelpunkt stehen. Solche „Lumpen“ sind aber doch nur was für die Unterschicht. Nichts für mich.

Nachdem ich mich geduscht und geschminkt habe, stehe ich in meinem begehbaren Kleiderschrank und überlege, was ich nun anziehen soll. Schließlich entscheide ich mich für eine weiße Bluse und eine schwarze Hose aus Kaschmir.

Auf dem Weg ins Erdgeschoss kommt mir auf der Treppe unser Hausmädchen Eliza entgegen. »Guten Morgen Frau Strauß!«, sagt sie. »Haben Sie gut geschlafen?«

Als ob sie das was angeht. Ich gehe erst gar nicht auf ihre doofe Frage ein. »Mein Zimmer und mein Bad gehören gereinigt. Und diesmal mache es gründlich! Wenn ich noch mal sehe, dass noch ein paar Haare in meinem Bett zu finden sind, dann sorge ich dafür, dass dich meine Eltern entlassen werden, hast du verstanden?«

»Sehr wohl, Frau Strauß«, antwortet Eliza.

Mit diesen Worten lasse ich sie auf dem Absatz stehen und gehe weiter nach unten.

Unten angekommen, höre ich meine Eltern in der Küche. Sie unterhalten sich, aber worüber kann ich von hier aus nicht verstehen.

Meine Eltern sind einfach die besten Eltern der Welt. Sie erlauben mir alles, und können mir keinen Wunsch abschlagen. Da ich jetzt schon das achtzehnte Lebensjahr erreicht habe, kann ich sowieso tun und lassen, was ich möchte, Geld dazu haben wir ja zur Genüge.

Als ich in der Küche ankomme, verstummt die Konversation zwischen meinen Eltern. Sie schauen beide in meine Richtung. Irgendwie ist heute die Stimmung anders als sonst. Haben die beiden etwa miteinander gestritten?

»Guten Morgen, Julia, mein Schatz«, begrüßt mich meine Mutter. »Oder soll ich Guten Tag sagen? Hattest du eine angenehme Nacht?«

Irgendwie klingen ihre Worte eher traurig, obwohl sie normalerweise eine freundliche, gut gelaunte Art an sich hat. Meine Mutter Nina ist eine sehr attraktive Frau. Ihre schwarzen, langen Haare - die ich von ihr glücklicherweise geerbt habe- sind der Traum vieler Frauen, aber auch Männer. Man sieht ihr die einundvierzig Jahre, die sie schon auf dieser Welt verbringt, überhaupt nicht an. Na ja … heute irgendwie schon. »Ist was passiert? Du siehst heute nicht gerade gut aus? Dir fehlt Farbe im Gesicht!?«, frage ich sie deshalb.

»Mach dir keine Sorgen, mein Schatz. Ich habe heute schlimme Kopfschmerzen.«

Ich setze mich an den Küchentisch. »Eliza!«, rufe ich.

»Wir haben sie nach oben geschickt, damit sie da sauber macht«, erklärt mir meine Mama.

»Und wer macht mir jetzt meinen Kaffee?« Ohne Kaffee kann kein Morgen gut beginnen.

»Da steht der Kaffeeautomat. Du wirst es doch fertigbringen, dir deinen Kaffee selbst zu machen, oder?« Bisher hat mein Vater noch nichts gesagt, seit ich in der Küche angekommen bin. Und nun so was. Er hat mich noch nie so angeschnauzt, wie er es eben getan hat.

Ich schaue ihn entsetzt an. Sage aber kein Wort. Irgendwas ist hier doch passiert. Die beiden sind doch sonst nicht so. Nun sitze ich da und weiß nicht, was ich gerade machen soll.

Mein Papa Volker ist schon ein paar Jahre älter als meine Mama. Er feiert nächstes Jahr seinen fünfzigsten Geburtstag. Er bekommt auch immer mehr graue Haare, die ihn aber noch besser aussehen lassen, als er es sowieso schon ist. Und mit fast fünfzig ist er immer noch total fit. Er geht zwei- bis dreimal die Woche ins Fitness-Studio. Man sieht es ihm auch an, dass er viel Krafttraining macht. Seine Muskeln zeichnen sich unter seinem Hemd schon deutlich ab.

»Volker, nun lass doch Julia. Sie kann doch nichts dafür.«

Irritiert schaue ich meine Mutter an. »Für was kann ich nichts?«

»Schon gut, Kleines«, sagt sie schnell. »Wieso bist du denn eigentlich heute schon so früh wach?«

»Ich gehe heute mit Angel und Franzi shoppen. Wird mal wieder Zeit für neue Klamotten«, sage ich voller Vorfreude.

»Das kannst du vergessen«, ruft mein Vater.

Ich blicke in seine Richtung. Nach seinem Blick zu urteilen, meint er es ernst. »Wieso denn?«, frage ich verwirrt.

»Weil … du hast …«, stottert er herum. »Du hast einen großen Kratzer in mein Auto gemacht und hast es einfach so hingestellt, ohne was zu sagen.«

Ich springe auf. »Was soll ich gemacht haben?«

»Du hast mich schon richtig verstanden. Du kannst nicht einfach tun und lassen, was du möchtest.«

»Ich habe gar nichts gemacht.«

»Du warst die Letzte, die das Auto genutzt hat und nun habe ich eine Delle in meinem Auto.«

»Eben war es noch ein Kratzer. Was denn jetzt«, meine Stimme wird von Wort zu Wort lauter. Ich kann nicht fassen, dass er mich deswegen beschuldigt. Ich habe ihm bestimmt keinen Kratzer – oder eine Delle – in sein Auto gemacht.

Sein Gesicht nimmt eine rote Farbe an, so habe ich ihn noch nie gesehen. »Jetzt vergreife dich nicht mir gegenüber im Ton, Fräulein!«

Fräulein? So hat er mich noch nie genannt. Mein Papa kommt mir gerade wie ein fremder Mann vor. »Ich habe nichts getan«, schreie ich jetzt.

»Du wirst heute nicht shoppen gehen, sondern wirst heute zu Hause bleiben. Dein Handeln muss auch mal Konsequenzen haben.«

Ich setzte mich langsam wieder auf meinen Platz. »Das ist nicht dein Ernst«, flüstere ich.

»Doch! Ist es! Und jetzt gehe hoch in dein Zimmer. Ich möchte dich heute nicht mehr sehen. Und du gehst heute auch nicht mehr weg. Ende der Diskussion!«

Ruckartig stehe ich auf, dabei fällt der Stuhl hinter mir um, aber das interessiert mich gerade herzlich wenig. Ich schaue meinen Vater voller Hass an. Erst wollte ich noch was sagen, überlegte es mir aber anders. Voller Wut stürme ich aus dem Zimmer. So habe ich meine Eltern noch nie erlebt. Was ist da nur los? So schlecht gelaunt habe ich sie noch nie erlebt. Und warum lassen sie es an mir aus? Dann schieben sie auch noch die Schrammen am Auto auf mich, obwohl ich das nicht war. Ich fass es einfach nicht.

»Und denke ja nicht, dass du dich wegschleichen kannst, sonst werden wir deine Karten sperren lassen«, ruft mir mein Vater noch hinterher.

Als ich in meinem Zimmer angekommen bin, steht Eliza vor meinem Bett. »Raus!«, brülle ich sie an.

»Aber ich soll doch hier saubermachen.«

»Du hättest schon lange fertig sein sollen, hast du noch geschlafen? Das wird dir vom Gehalt abgezogen. Und jetzt RAUS!«

Als sie endlich aus dem Zimmer gegangen ist, schlage ich hinter ihr mit aller Kraft die Tür zu.

Einige Zeit später klopft es zaghaft an der Tür. Ich will aber jetzt gerade niemand sehen, weder Mama noch Papa. Dem Klopfen nach zu urteilen ist es wohl meine Mutter, die vor der Tür steht. »Geh weg!«, rufe ich nur.

Trotzdem geht langsam die Tür auf. Hätte ich sie doch nur abgeschlossen. Meine Mutter streckt den Kopf hindurch. Ich liege auf dem Bett und vergrabe nun meinen Kopf in das Kissen. Ich will nur meine Ruhe.

»Liebes?«, sagt sie zaghaft.

»Nenn mich nicht so. Ich bin wohl nicht mehr euer Liebes. Ich bin ab jetzt eure Gefangene.«

»Sag doch so was nicht. Das stimmt doch nicht. Du weißt, dass wir dich sehr liebhaben.«

Ich hebe meinen Kopf und sehe sie mit verweinten Augen an. »Ihr habt eine komische Art, mir das zu zeigen.«

Darauf geht sie erst gar nicht ein. »Ich bin nicht hier, um mit dir zu diskutieren. Deine Freundinnen sind da. Ich dachte, dass du sie vielleicht noch einmal sehen möchtest, bevor …«

Ich sehe sie verwirrt an. »Bevor, was?«

»Ach nichts. Möchtest du sie nun sehen, oder nicht?«

»Ist wohl gerade Besuchszeit in der Gefangenenanstalt Strauß?«, fauche ich meine Mama an. »Dann schick sie halt rein.«

Der Kopf verschwindet wieder und die Tür schließt sich. Kurze Zeit später wird die Tür schwungvoll geöffnet und Franziska und Angelika stehen in meinem Zimmer. Sie haben noch nie an meiner Zimmertür angeklopft, aber bei den zweien ist es mir auch egal, sie dürfen das.

»Hey, Juli. Was ist denn los mit dir? Wir waren doch zum Shoppen verabredet, wieso bist du nicht gekommen? Wir warten und warten. Also dachten wir, dass wir mal schauen, was du so treibst.« Franziska schaut sich theatralisch um. »Aber wie ich sehe, machst du nichts. Also warum hast du uns versetzt?«

Ich gebe keine Antwort und zucke nur mit den Schultern. Ich setze mich im Schneidersitz auf mein Bett und nehme mir mein Kopfkissen, schlinge die Arme darum und drücke es an meine Brust.

»Oje«, meldet sich Angelika. »Den Ausdruck kenne ich von ihr. So schaut sie immer, wenn sie Kummer hat.«

»Kummer?«, platzt es aus mir heraus. »Das ist kein Kummer, das ist purer Hass.«

Franzi und Angel schauen sich gegenseitig an, dann wenden beide ihre Blicke auf mich. »Was ist los?« Angelika schaut mich mit ausdruckslosen Augen an. »Hast du etwa kein Geld mehr zum Shoppen?«

Franziska fängt laut zu lachen an. »Und ich muss Harz vier beantragen, sonst kann ich mir die Villa nicht mehr leisten.«

Franziskas Vater ist der Vizedirektor einer der größten und reichsten Banken im Land. Ihre Mutter ist eine Richterin am Obersten Landesgericht. So verdienen die beiden genug, um ihrer 20-jährigen Tochter eine Villa zu kaufen – in der sie allein wohnt – ein Auto zu finanzieren, natürlich ein Porsche Cayenne Turbo, und ihr monatlich noch eine beachtliche Summe zu überweisen.

So verbringt sie ihre Tage mit schlafen, shoppen, ausspannen und jeden Abend geht sie auf irgendeine Party. Wenn mal keine Party stattfindet, dann veranstaltet Franzi spontan eine. Ich begleite sie oft zu einer Feier und es macht sehr viel Spaß, mit ihr die Zeit zu verbringen. Sie ist immer gut gelaunt, und wechselt auch gerne mal ihre Liebhaber. Das ist das Einzige, was mich an ihr stört. Sie hüpft mit jedem Mann, der einigermaßen hübsch ist, ins Bett, bindet sich aber nie an einen fest. Mit ihrem Aussehen hat sie es auch nicht schwer, einen Mann zu erobern. Mit ihren langen blonden Haaren und ihren blauen Augen verdreht sie jedem Mann den Kopf, dazu ihre schlanke Taille und ihr üppiger Busen, den sie gerne betont, das macht sie zu einer perfekten Frau.

Ich bin da anders, ich hebe mich für den Richtigen auf, den ich heiraten werde, vorher geht da nichts. Vielleicht habe ich mit Pascal ja den Richtigen gefunden.

»Meine Eltern haben mir verboten, heute das Haus zu verlassen.«

»Ja klar.« Franziska verdreht die Augen. »Als ob die beiden dich einsperren wollten. Sie sind die lockersten Eltern, die ich kenne. Na ja, nach meinen natürlich.«

Ich zucke mit den Schultern. »Ich weiß auch nicht, was mit denen heute los ist. Sie beschuldigen mich, das Auto beschädigt zu haben.«

Franzi legt den Kopf schief und sieht mich mit einem kleinen Lächeln an. »Und? Warst du es?«

»Würde mich nicht wundern, so wie du manchmal fährst. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung ist für dich ein seltener Vorgang«, mischt sich nun Angelika ein. Sie spricht immer das aus, was sie gerade denkt.

»Ich war es aber nicht!«, sage ich betont.

»Dann glaube ich dir das mal«, sagt Angel ganz beiläufig.

Angelika ist die Kleinste von uns, aber die Älteste. Mit ihren vierundzwanzig Jahren ist sie aber schon eine knallharte Geschäftsfrau. Ihre Eltern sind beide Anwälte und haben eine eigene Kanzlei, die richtig gut läuft. Angel hat ein Jura-Studium begonnen und möchte dann bei ihren Eltern in die Kanzlei mit einsteigen. Bei kleineren Fällen darf sie jetzt schon mitarbeiten und ich habe sie schon einige Male in Aktion erlebt. Da habe ich echt Respekt davor. Sie ist wohl der einzige Mensch, vor dem ich mehr als nur Respekt habe. Aber gerade deswegen ist sie meine beste Freundin. Bei ihr weiß man immer, woran man ist.

»Du wolltest doch heute Abend mit Pascal zu diesem Klavierkonzert? Verbieten dir das deine Eltern auch?«, fragt mich Franzi. Erkenne ich da ein wenig Schadenfreude?

»Sie wissen noch gar nicht, dass ich da hingehe. Ich warte noch etwas, bis sie sich wieder beruhigt haben, dann werde ich noch mal mit ihnen reden. Das können sie mir einfach nicht verbieten.«

Wir unterhalten uns dann noch eine Weile über andere Themen. Was es Neues in der Politik gibt, welche Party Franzi als Nächstes plant, Angel bekommt eine Auszeichnung für herausragende Noten an der Uni und welches Kleid wohl zu welchem Anlass passt.

Nach ungefähr einer Stunde verabschieden sich die beiden und ich sitze wieder alleine in meinem Zimmer.

Keine Ahnung, wie lange ich nun auf meinem Bett sitze und mit meinem Lieblingsstofftier kuschle. Ein kleiner, hellbrauner Hund, mit süßen Glubschaugen. Den habe ich schon, seitdem ich denken kann und er durfte schon immer das Bett mit mir teilen. Wenn ich mal traurig bin, war er immer für mich da und hat mich wieder aufgebaut.

Ist nun genug Zeit vergangen, damit meine Eltern, besonders mein Papa, sich wieder beruhigt haben. Ich möchte noch mal mit ihnen reden, fragen, was das soll? Sie wissen doch genau, dass ich immer sage, wenn ich was angestellt habe, weil ich weiß, dass sie mir nie böse sind und mir immer helfen. Warum also sollte ich so was Harmloses wie eine Beschädigung am Auto verheimlichen.

Außerdem möchte ich das klären, weil ich heute Abend mit Pascal verabredet bin. Er möchte mich zum Essen ausführen und anschließend wollen wir auf das Klavierkonzert, auf das ich mich schon so sehr freue.

Als hätten die beiden geahnt, dass ich mit ihnen reden möchte, klopft es an die Tür. Ohne eine Antwort abzuwarten, kommen Mama und Papa herein. Ich sitze auf dem Bett, immer noch meinen Stoffhund im Arm und schaue zu den beiden auf.

Meine Mutter setzt sich auf die Bettkante. Mein Vater bleibt stehen und sein Blick wandert vom Bett zu meinem Hund und dann schaut er mir ins Gesicht. »Kleines? Tut mir leid, dass ich vorhin so streng zu dir war. Ich wollte dich nicht anschreien.«

»Aber du hast es getan«, sage ich leise. »Wieso? Ich habe nichts getan!«

»Ich habe den Stress, den ich in den letzten Tagen hatte, an dir ausgelassen. Du weißt, dass ich dich sehr liebhabe.« Er sieht meine Mama an. »Dass wir beide dich sehr liebhaben.«

Meine Mutter hat ganz nasse Augen, als würde sie gleich wieder anfangen zu weinen.

Ich schaue zu Mama, dann zu Papa und wieder zu Mama. Irgendwas stimmt da ganz und gar nicht. »Wollt ihr euch scheiden lassen?« Ich spreche das aus, was mir gerade als Erstes in den Sinn kommt. Das würde ihr merkwürdiges Verhalten erklären.

Meine Mama schaut mich entsetzt an. »Um Gottes willen, nein! Dein Vater und ich wir lieben uns so sehr, dass wir gemeinsam in …«

»Schon gut, Nina«, unterbricht mein Vater sie.

»Gemeinsam was?«, hake ich nach.

»Ach nichts, war nur so dahergesagt.«

Merkwürdig. Aber ich lass es mal auf sich beruhen. »Wenn ihr euch nicht scheiden lasst, was ist denn dann los?«

»Mach dir darüber keinen Kopf.« Meine Mutter nimmt meine Hand und streichelt sanft darüber. Das macht sie oft und zu jeder Gelegenheit. Ist so eine Angewohnheit, aber ich mag es sehr.

Dann wird das ja heute Abend kein Problem werden, dass ich mich mit Pascal treffe. »Also ist alles wieder gut? Ihr seid mir nicht mehr böse?«

»Ja«, sagen beide wie aus einem Mund. »Du weißt doch, dass wir dir nie lange böse sein können. Du bist doch unser Engel“, fügt mein Papa noch dazu.

Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. »Das weiß ich doch.«

»Wir haben dich lieb.«

»Ich habe euch auch lieb.«

Meine Mutter lässt meine Hand los, steht auf, beugt sich noch mal zu mir herunter und gibt mir ein Kuss auf die Stirn. Auch Papa kommt heran und küsst genau dieselbe Stelle.

Sie wenden sich Richtung Tür. »Dann werde ich mich jetzt langsam fertigmachen«, rufe ich voller Freude den beiden hinterher.

Sie drehen sich nochmals zu mir herum. »Fertigmachen? Wofür?« Meine Mama setzt ihren fragenden Blick auf.

»Ich treffe mich doch heute mit Pascal. Wir wollen essen gehen und anschließend auf das Klavierkonzert. Davon habe ich euch doch erzählt.«

Sie schauen sich beide an. Sehe ich da entsetzte Gesichter? Oder täusche ich mich?

»Nein«, sagt mein Vater. »Heute nicht!«

»Nein? Wieso denn nicht?«

»Du bleibst heute zu Hause« Jetzt sieht er mich wieder mit einem ganz anderen Blick an. Die ganze Liebe ist aus seinen Gesichtszügen verschwunden.

»Wieso denn? Ich denke, es ist alles wieder gut? Also warum darf ich nicht gehen?«

»Weil ich es sage! Du …«

»… bleibst heute zu Hause wegen dem Auto. Strafe muss sein«, fällt meine Mutter ihm ins Wort. Auch ihr Blick hat sich verändert. Es stehen zwar immer noch Tränen in den Augen, aber von Traurigkeit ist da gerade nichts mehr zu erkennen. Als ob plötzlich zwei komplett andere Menschen hier in meinem Zimmer stehen würden.

»Ich gehe auf alle Fälle auf dieses Konzert. Ich bin achtzehn Jahre alt, da brauche ich nicht mehr eure Erlaubnis«, platzt es aus mir heraus.

Mein Vater geht ein Schritt auf mich zu. »Du bist immer noch unsere Tochter und lebst in unserem Haus, also tust du, was wir sagen. Heute Abend gehst du nicht aus!«, brüllt er plötzlich. »Und das ist unser letztes Wort!«, sagt er etwas leiser, aber immer noch in einem lauten Ton.

Mit diesen Worten drehen sich beide herum, gehen die Tür hinaus und knallen sie hinter sich zu. »Ich hasse euch!«, brülle ich ihnen noch hinterher und ich weiß, dass sie das noch gehört haben. Die Wände hier sind nicht gerade dick.

Kapitel 2

Mir ist es egal, was meine Eltern sagen, ich werde heute Abend mit Pascal ausgehen. Ich werde mich einfach herausschleichen. So was habe ich zwar noch nie getan – bestand ja auch nie ein Grund dafür, bisher wurde es mir noch nie verboten – aber unser Haus ist groß genug, dass man sich problemlos an anderen vorbeistehlen kann.

Jetzt erst mal unter die Dusche und den Stress des Tages herunterspülen. Zum Glück habe ich hier mein eigenes Badezimmer, das nur von meinem Zimmer aus erreichbar ist. So bekommen meine „Wärter“ nicht mit, dass ich mich für heute Abend zurechtmache.

Während ich unter der Dusche stehe, gehen mir einige Gedanken durch den Kopf. Was ist nur in meine Eltern gefahren? Wieso schieben sie die Schuld auf mich, obwohl sie nicht wissen können, dass ich ihr Auto beschädigt habe? Sie können es nicht wissen, weil ich es nicht gewesen bin. Und ich habe schon viel schlimmere Sachen gemacht, bei denen ich straffrei davongekommen bin.

Einmal war ich so wütend auf unsere Haushälterin – die Vorgängerin von Eliza. Sie hat meinen kleinen Stoffhund achtlos auf den Boden geworfen, als sie mein Bett gemacht hat. Ich habe es gesehen und sie darauf hingewiesen, dass man so nicht mit meinem kleinen „Charly“ umgehen kann. Sie hat mich nur verständnislos angeschaut, da ist es mit mir durchgegangen. Ich habe ihr eine Ohrfeige verpasst. Vor Schreck ist sie dadurch aus dem Gleichgewicht geraten und direkt auf meinen kleinen Hund gefallen. Und weil sie nicht gleich von ihm herunter ist, habe ich ihr einen Tritt verpasst, damit sie von ihm herunterrollt.

Sie kam mit zwei gebrochenen Rippen ins Krankenhaus. Selbst schuld. Meine Eltern fanden es nicht richtig, was ich getan habe, aber betraft wurde ich dafür nicht. Daraufhin hat unsere Haushälterin – ich weiß nicht mal mehr ihren Namen – gekündigt. Und ein Tag später wurde dann Eliza eingestellt.

Nach dem Duschen wickle ich mich in ein Handtuch und stehe in meinem Kleiderschrank. Was soll ich nur anziehen? Irgendein altes Kleid. Leider. Ich entscheide mich nach langem Überlegen für das schwarze Kleid, das mein Dekolleté komplett verdeckt und unten meine Knie nicht mehr sichtbar sind. Das ist genau das Richtige für ein Konzert. Außerdem hat mich Pascal in diesem Kleid noch nie gesehen.

Und nun schminken, Haare frisieren, anziehen, sich im Spiegel bewundern und fertig.

Nun habe ich alles zusammen und es kann losgehen. Im Fernseher habe ich mal einen Film gesehen, da hat sich ein junges Mädchen aus dem Haus geschlichen und damit ihre Eltern es nicht merken, dass sie getürmt ist, hat sie in ihrem Bett Laken und Klamotten unter ihre Decke gestopft, damit es so ausgesehen hat, also würde sie unter der Decke liegen und schlafen.

So was mache ich aber nicht. Wenn meine Eltern nach mir sehen wollen, sollen sie ruhig sehen, dass ich nicht da bin. Und dann machen sie sich hoffentlich Sorgen.

Jetzt kommt der schwere Teil. Ich muss leise die Treppen hinunterkommen und hoffen, dass mich niemand sieht. Ich drücke vorsichtig die Klinke meiner Tür nach unten und … nichts. Die Tür lässt sich nicht öffnen.

Haben sie mich etwa eingeschlossen? Jetzt übertreiben sie es aber. Ich wurde noch nie eingesperrt. Ich erkenne meine Eltern kaum wieder.

Ich könnte gerade vor Zorn alles kaputthauen. Aber das würde zu viel Lärm machen. Ich will ja nicht gleich wieder ihre Aufmerksamkeit auf mich lenken.

Zum Glück wissen meine Eltern nicht, dass ich hier im Zimmer einen Zweitschlüssel habe.

Meine Eltern haben ja in allen Räumen die Schlüssel entfernt. Sie sind der Meinung, dass man sich in den eigenen vier Wänden nicht einschließen muss. Wir haben ja nichts zu verbergen.

Eines Abends, waren Franzi und Angel hier. Wir haben uns einen Gruselfilm angeschaut. Da sind ein paar Männer in ein Haus eingestiegen und haben die ganze Familie umgebracht. Das hat mir solche Angst gemacht, dass ich den Schlüssel – ich weiß ja, wo meine Eltern ihn verstaut haben – nachmachen lassen habe.

Und das weiß nur ich und sonst niemand. Wenn nun Einbrecher ins Haus kommen, kann ich mich immer noch in meinem Zimmer einschließen und werde dann überleben. Na ja, es ist eine kleine Hoffnung, aber eine Hoffnung.

Ich hole meinen Schlüssel, schließe die Tür auf, schleiche die Treppen hinunter und lausche. Leise dringen die Stimmen meiner Eltern zu mir durch. Wo kommen die Stimmen her? Bei näherem Hinhören weiß ich es. Sie befinden sich im Keller. Seltsam. Was machen sie denn um die Uhrzeit im Keller? Aber heute wundert mich nichts mehr.

Es ist aber zu meinem Vorteil. Besser hätte es ja gar nicht kommen können. So kann ich ganz entspannt die Vordertür durchqueren, ohne dass mich jemand bemerkt.

Geschafft. Ich bin aus meinem Gefängnis geflohen. Leichtigkeit. Eine Julia Strauß kann nichts aufhalten.

Mein Blick geht Richtung Garage. Ich möchte jetzt kurz noch nachsehen, wie stark das Auto beschädigt ist. Das lässt mir keine Ruhe. Also schleiche ich zur Garage, schlüpfe hinein und mache Licht – vom Haus aus kann man nicht sehen, dass hier in der Garage die Lampen glühen.

Ich umrunde das Auto und finde … nichts. Keine Delle, nicht einmal ein Kratzer. Ich umrunde es noch einmal und schaue ganz genau, aber ich sehe nichts. Der komplette Lack ist in einem Top-Zustand. So wie immer.

Wieso werde ich für was bestraft, das gar nicht passiert ist? Am liebsten würde ich sofort wieder reingehen und sie zur Rede stellen. Diese Zeit habe ich aber jetzt nicht. Pascal wird jeden Moment da sein und ich will ihn nicht warten lassen, sonst wird er noch bei uns klingeln. Er weiß ja nicht, was hier heute so alles los ist. Und ich werde es ihm auch nicht sagen. Ich möchte einen schönen Abend verbringen, da würde dieses Thema nur alles kaputtmachen. Morgen werde ich meine Eltern vor das Auto zerren und dann sollen sie mir mal zeigen, wo sie irgendwas gesehen haben. Da bin ich mal gespannt, wie sie reagieren werden.

Ich gehe aus der Garage und schließe die Tür, aus den Augenwinkeln sehe ich eine Bewegung. Mist. Haben mich meine Eltern also doch erwischt. Wieso musste ich auch noch in die Garage gehen? Ich hätte gleich das Grundstück verlassen und auf der Straße auf Pascal warten sollen.

Ich sehe genauer hin. Es ist niemand von meinen Eltern. Es ist Eliza, in normaler Kleidung. Sie bezieht ein Zimmer bei uns und liegt normalerweise zu dieser Zeit schon längst im Bett, zumindest ist sie da schon längst in ihrem Zimmer.

Ich trete aus dem Schatten und gehe zu ihr. »Was machst du um diese Zeit hier draußen? Solltest du nicht langsam schlafen, damit du morgen fit bist, um uns zu dienen?«

Sie sieht mich erschrocken an. »Oh, Frau Strauß! Ich habe Sie gar nicht gesehen. Sie haben mich erschreckt.«

Dann fall tot um. Haushälterinnen gibt es wie Sand am Meer. »Antworte auf meine Frage!«

Sie schaut mich mit einem Blick an, den sie öfters mir gegenüber draufhat, voller Verachtung. Wenn sie das nicht bald abstellt, dann kann ich mich nicht mehr lange beherrschen. Dann wird es wohl schlimmer werden als bei ihrer Vorgängerin.

»Erst mal will ich eins klarstellen: Ich diene Ihnen nicht, ich arbeite für Sie!«

Ich ziehe eine Augenbraue hoch. »Wenn du so weitermachst, dann wohl nicht mehr lange. Und nun ab in dein Zimmer, dafür hast du es ja.«

»Nein!«

»Du widersprichst mir? Das würde ich dir wirklich nicht raten.«

Jetzt weicht die Verachtung in ihrem Blick und die Wut steht ihr förmlich ins Gesicht geschrieben. »Das ist meine Freizeit, da haben Sie mir nichts zu befehlen. Und außerdem haben Ihre Eltern mich gebeten, heute Abend nicht zu Hause zu sein. Sie haben mir sogar Geld gegeben, dass ich mir einen netten Abend machen soll und die Nacht nicht mehr zurückkomme.«

Wie bitte? Ich habe mich wohl verhört? »Wieso sollten sie das machen?«

»Keine Ahnung. Ich habe nicht nachgefragt. Ich tue, was Ihre Eltern von mir verlangen. Also tschau.«

Mit diesen Worten dreht sich Eliza herum und marschiert Richtung Straße.

Ich bleibe ungläubig stehen und schaue ihr nach. Morgen werde ich mit meinen Eltern auch noch über Eliza reden müssen. Sie hat keinen Respekt vor mir und ich werde verlangen, dass sie sich eine neue Haushaltshilfe suchen sollen.

Aber warum schicken sie Eliza überhaupt heute weg? Egal, was meine Eltern vorhaben, Eliza hat ihr eigenes Zimmer, da stört sie doch nicht. Der Tag wird immer seltsamer. Meine Eltern werden immer seltsamer.

Egal. Jetzt ist erst mal wichtig, dass ich vor das Grundstück trete, damit Pascal mich sieht und nicht extra die Einfahrt hereinfährt.

Kaum erreiche ich die Straße, da kommt er auch schon mit seinem Mercedes angefahren. Er hält an, ich steige ein. »Wieso wartest du denn auf der Straße?«

Ich versuche, gleichgültig zu klingen. »Ach. Ich war schon fertig und konnte es nicht mehr abwarten, daher bin ich dir entgegengekommen.«

Er fragt nicht weiter nach. Ich schnalle mich an und er fährt los.

Jetzt erst mal die Sorgen und Fragen zu Hause lassen. Heute wird es ein schöner Abend.

Wir sitzen in meinem Lieblingsrestaurant Le Gourmet, das beste Restaurant der ganzen Stadt. Das hat Pascal schön ausgesucht. Er weiß halt, dass das Beste gerade gut genug für mich ist.

Das Restaurant ist in einem Hotel untergebracht. Es ist ein wunderschönes Altbauhaus, mit viel Charme. Nur gehört dem Geschäftsführer des Hotels das Haus nicht, die Besitzer dieses Hauses, sind zufällig meine Eltern. Sie haben unzählige Immobilien in der Stadt und Umgebung. Durch Immobilien haben meine Eltern ihr Vermögen aufgebaut und vermehren es immer mehr. Viele haben sie schon verkauft, aber die meisten vermieten sie, und das sind nicht so billige Einfamilienhäuser, nein, hier sind Grundstücke und Häuser, die einen Wert von über einer Million Euro haben, dadurch sind die Mieten entsprechend hoch. Und irgendwann wird das alles meins sein.

Pascal ist ganz der Gentleman. Am Tisch hat er mir den Stuhl zurechtgerückt, so wie es sich gehört. Er hätte mir bestimmt auch die Tür zum Restaurant offengehalten, aber dafür stand ein Mitarbeiter bereit, jedem Gast die Tür zu öffnen.

Pascal sieht heute wieder umwerfend aus. Sein schwarzer Smoking mit der Fliege lassen ihn wie ein wahrer Millionär wirken. Na ja, er ist jetzt nicht ganz so reich wie ich, aber auch er verfügt über ein Vermögen, das sich sehen lassen kann. Klar, mit einem aus dem Mittelstand, würde ich mich gar nicht abgeben. Ich würde mich schämen, wenn man mich mit so einem sehen würde.

Seine kurzen braunen Haare hat er mir zu verdanken. Als ich ihn kennengelernt habe, da trug er noch etwas längeres Haar, so was geht einfach gar nicht, wenn man mit mir zusammen sein will. Also habe ich ihn dazu gebracht, diese Mähne abschneiden zu lassen. Mit diesen kurzen Haaren kommt auch sein Körperbau besser zur Geltung. Auch den hat er mir zu verdanken. Erst hatte er ein kleines Speckbäuchlein, also musste er einen Vertrag im Fitness-Studio abschließen. Ich schaue auch, dass er drei- bis viermal die Woche dort seine Trainingseinheiten absolviert. Ich bin schließlich eine perfekte Frau, also kann ich das auch von meinem Partner verlangen.

Pascal frisst mir förmlich aus der Hand. Ich habe ihn mir gut erzogen. Nun ist er nahezu perfekt für mich. So stelle ich mir meinen zukünftigen Ehemann vor. Und er weiß, wenn er nicht macht, was ich sage, dann bin ich weg. Jeder Mann wäre froh, mit mir zusammen sein zu können. Das mache ich Pascal auch immer wieder begreiflich, damit er es nicht vergisst.

Ich bestelle mir meine Lieblingsmuscheln: Jakobsmuscheln und Kaisergranat mit Fenchel-Birnensalat. Der Besitzer kennt mich ja, und deswegen werden für mich die Muscheln auch schon in der Küche von der Schale befreit. Eine Julia Strauß möchte ihr Essen nicht erst noch aus der Schale pulen müssen - dafür gibt es Personal.

Pascal hat sich Kohlrabi im Heuteig gebacken, mit Erbsen und Morcheln bestellt. Ich habe ihn dazu gedrängt. Ich mag es nicht, wenn er in meiner Gegenwart Fleisch isst.

Beide bestellen wir einen Weißwein dazu.

Während wir auf das Essen warten, unterhalten wir uns über belanglose Dinge. Ich frage ihn, wie sein Tag war, auch wenn es mich nicht wirklich interessiert, es gibt wichtigere Themen, zum Beispiel mich.

Nachdem er mir kurz von seinem Tag erzählt hat, – keine Ahnung wie sein Tag war, ich habe nicht zugehört – wechseln wir das Thema und kommen nun zu mir und meinen Wünschen. Ich erzähle ihm, dass ich vor Kurzem eine schöne Halskette gesehen habe, die mir so gefallen hat. War auch nicht so teuer, gerade mal achttausend Euro. Ich schwärme so über die Kette, damit ich auch weiß, dass er sie mir morgen gleich kaufen wird.

Er denkt dann immer, dass es eine Überraschung für mich ist, nur weiß ich ja schon im Voraus, dass er sie mir kaufen wird. Aber weil ich ja eine herzensgute Freundin bin, wirke ich immer überrascht, wenn er mir solche Geschenke macht. Dann bekommt er immer ein Strahlen im Gesicht. Wenn ich glücklich bin, dann ist er es auch.

Den heutigen Vorfall bei mir zu Hause erwähne ich mit keinem Wort. Ich will uns den Abend nicht verderben und das regele ich morgen schon allein.

Der Kellner bringt das bestellte Essen. Endlich. Ich schaue voller Vorfreude in meinen Teller und …

»Kellner! Kommen Sie mal her!«, rufe ich ihm hinterher, als er unseren Tisch gerade verlassen wollte.

Er dreht sich zu mir herum, kommt zwei Schritte auf mich zu. »Ja, bitte? Stimmt etwas nicht?«

Ich deute auf meinen Teller. »Was ist das?«

»Jakobsmuscheln und Kaisergranat mit Fenchel-Birnensalat, das hatten Sie doch bestellt, oder liege ich da falsch, dann bitte ich sie vielmals um Verzeihung.«

»Ja, das habe ich bestellt. Aber die Muscheln sind noch in der Schale.«

»Ja. Das ist bei uns so üblich. Wir servieren die Muscheln immer so«, sagt er in einem arroganten Ton zu mir.

Ich schaue den Kellner an, dann Pascal, der einen ratlosen Blick aufgelegt hat, dann wieder zum Kellner. »Ich bin Julia Strauß, und ich bekomme die Muscheln immer ohne Schale, also nehmen Sie den Teller wieder mit und bringen Sie mir mein Essen, so wie ich es haben will.«

»Bedaure«, entgegnet mir dieser unhöfliche Angestellte. »So werden bei uns immer die Muscheln serviert, in der Küche ist unser Personal mit Kochen beschäftigt, dass sie dafür keine Zeit haben.«

Was bildet sich denn dieser arrogante Schnösel ein. »Ich möchte sofort mit dem Geschäftsführer sprechen!«

»Sehr wohl.« Mit diesen Worten dreht er sich herum und läuft davon. Das war hier sein letzter Tag, morgen kann er sich beim Arbeitsamt melden, dafür werde ich sorgen. Ich schaue Pascal an. »Und du sitzt da nur herum und sagst nichts. Was bist du denn für ein Freund? Du sollst mich verteidigen und nicht einfach dumm dasitzen.«

Bevor er etwas dazu sagen kann, tritt der Geschäftsführer an unseren Tisch heran. »Frau Strauß, gibt es ein Problem?«

Ich deute auf meinen Teller. »Ja, allerdings.«

Er steht da, mit auf dem Rücken verschränkten Armen, und schaut zu meinem Teller, dann wieder auf mich. »Ich sehe nicht, wo das Problem liegt. Haben Sie was anderes bestellt?«

»Ich habe Muscheln in der Schale bekommen. Sind Sie blind, oder warum sehen Sie das nicht«, sage ich in einem etwas härteren Ton.

»Ich möchte Sie bitten, etwas leiser zu sprechen. Die anderen Gäste wollen wir ja nicht belästigen«, sagt er nur.

Und was ist mit meinen Muscheln, die erwähnt er gar nicht. »Die anderen Gäste sind mir egal. Wichtig bin ich und nicht die anderen. Und nun machen Sie schon, dass sie mir Muscheln ohne Schale bringen. Und wenn wir schon dabei sind, entlassen sie umgehend diesen unterbelichteten Kellner. Und nun nehmen Sie den Teller mit und beeilen Sie sich.« Dass man sich immer mit diesem niedrigen Volk so herumschlagen muss.

Sein Blick verändert sich schlagartig. Aber normalerweise hat er dann eher einen schüchternen oder gar ängstlichen Blick mir gegenüber drauf, aber heute ist es irgendwie anders. »Die Muscheln werden so serviert, für jeden hier. Und ob ich mein Personal entlasse, oder nicht, bleibt mir überlassen. Also bitte benehmen Sie sich jetzt, oder verlassen Sie umgehend das Restaurant!«

Wie kann er es wagen, ich schaue zu Pascal. Er sieht mich unsicher an, und in mir steigt die Wut immer mehr. Wenn er mich jetzt nicht gleich unterstützt, dann wird er es bitter bereuen. Als ob er meine Gedanken gelesen hat, wendet er sich nun an den Geschäftsführer. »Sie wissen schon, mit wem Sie da gerade reden. Meine Freundin ist Julia Strauß, ihren Eltern gehört hier das ganze Gebäude. Also wenn Sie nicht machen, was die junge Dame hier von Ihnen verlangt, wird sie dafür sorgen, dass sie den Pachtvertrag gekündigt bekommen und auch, dass sie hier in der Stadt keinen Fuß mehr fassen können. Also hören sie auf die Lady und das jetzt gleich.«

Das ist mein Pascal, das hat gesessen. Nun wird er doch endlich machen, was ich sage, oder?

»Da muss ich Sie enttäuschen, Herr Hardung«, sagt dieser eingebildete Möchtegern-Chef. »Dieses Gebäude gehört nicht mehr der Familie Strauß. Ich habe es gekauft und bin stolzer Besitzer dieses fantastischen Bauwerks.«

Ich sehe ihn entgeistert an. Ich kann gerade nicht glauben, was ich da höre. Wieso sollten meine Eltern dieses Gebäude verkauft haben, und wenn es so wäre, warum haben sie nichts gesagt. »Nein. Das glaube ich Ihnen nicht. Das kann nicht sein.«

Nun lächelt er mich an. »Das können Sie mir glauben. Und das auch noch zu einem Spottpreis. Und deswegen haben Sie hier nichts zu verlangen. Entweder Sie akzeptieren nun unseren Service oder ich muss Sie leider bitten, unser Lokal zu verlassen.«

Ich stehe ruckartig auf. »Komm Pascal, wir gehen!«

»Vergessen Sie aber nicht, vorher zu bezahlen.«

Hat er sie noch alle? »Hier lassen wir bestimmt keinen einzigen Euro«, entgegne ich.

Der Geschäftsführer bleibt unbeeindruckt. »Dann sehe ich mich gezwungen, die Polizei zu rufen.«

»Dann mach doch. Die werden sich nicht trauen, mich zu verhaften.« Jede Höflichkeit ist nun von mir gewichen. »Wir gehen jetzt, Pascal und ich haben keine Angst vor der Polizei.«

Pascal schaut mich ängstlich an. »Schatz …«

Einige Minuten später stehen wir vor dem La Gourmet. »Ich kann es nicht fassen, dass du die Rechnung bezahlt hast«, schimpfe ich mit Pascal. Ich bin so wütend auf ihn.

»Aber ich wollte keinen Ärger mit der Polizei«, versucht er sich zu verteidigen.

»Was bist du nur für ein Weichei«, fahre ich ihn wutentbrannt an. »Wenn du weiterhin mein Freund sein möchtest, dann musst du dringend deine Einstellung ändern. Du sollst mich unterstützen und nicht gegen mich sein.«

»Aber … aber ich unterstütze dich doch«, stottert Pascal.

»Dass ich nicht lache. Wenn für dich das Unterstützung sein sollte, dann können wir es auch gleich sein lassen.« Ich drehe ihm nun den Rücken zu.

»Schatz. Nun beruhige dich doch«, sagt er leise.

Ich fass es nicht, jetzt will er mir auch noch sagen, wie ich mich zu verhalten habe. Ich erkenne ihn gar nicht mehr wieder. Erst meine Eltern, nun auch mein Freund. Sind denn hier alle verrückt geworden?

»Du weißt doch, dass ich immer hinter dir stehe, egal, was passiert, ich bin immer für dich da. Wenn die nun die Polizei gerufen hätten«, versucht er sich zu retten, »dann hätten die uns da aufgehalten und wir hätten das Konzert verpasst. Und das wollte ich nicht, weil ich genau weiß, wie sehr du dich darauf freust. Deswegen habe ich die Rechnung bezahlt. Ich habe da ganz allein nur an dich und das Konzert gedacht.«

So weit habe ich nicht gedacht. Er hat recht, das Konzert möchte ich auf keinen Fall verpassen. Natürlich muss er nicht wissen, dass er diesmal recht hat. »Na gut, ich verzeihe dir noch mal. Aber beim nächsten Mal bin ich ein für alle Mal weg, hast du verstanden?«

Pascal nickt nur.

Dann können wir ja endlich zu dem Konzert fahren.

Vor dem Konzertsaal gibt es leider keine Parkplätze, aber einige Meter entfernt ist ein riesiges Parkhaus. Da hat Pascal sein Auto abgestellt und die paar Meter müssen wir zu Fuß zurücklegen. Es ist eine schöne, sternenklare Nacht, da macht mir der kleine Spaziergang nichts aus.

Das Konzert vergeht wie im Flug, ohne besondere Vorkommnisse. Klar, die Besucher sind alle Menschen gehobener Klasse, da fühle ich mich wohl.

Mein Lieblingspianist Franz Liszt verzaubert uns alle mit seinen Klängen, als er dann sein weltberühmtes Stück La Campanella spielt, schließe ich die Augen und lasse mich von der Musik treiben. Ich entspanne mich vollkommen ruhig auf meinem Sitz, mit dieser Melodie kann ich in eine andere Welt abtauchen. Eine Welt, in der ich die Königin bin und alle Menschen mir zu Füßen liegen.

Nach drei Stunden ist es leider zu Ende, aber ich bin jetzt so entspannt, dass ich erst gar nicht aufstehen will. Und so sehe ich zu, wie sich langsam der Saal leert. Neben mir sitzt Pascal und wartet geduldig. Mit einer Handbewegung habe ich ihm zu verstehen gegeben, dass er schweigen soll. Ich genieße die Ruhe und in meinem Kopf höre ich immer noch jeden Ton, den Franz Liszt auf seinen Tasten gewählt hat.

Leider müssen wir nach einiger Zeit auch den Saal verlassen und so stehen wir draußen vor dem Konzertsaal. »War das nicht das Beste, was du jemals gehört hast?«, sage ich zu Pascal, ich bin immer noch verzaubert von Liszt.

»Ja, es war schön.« Pascal klingt aber gar nicht begeistert.

»Nur schön?«, frage ich ihn sichtlich entsetzt. »Du willst also damit sagen, dass mein Lieblingspianist nur schön ist? Schön bedeutet durchschnittlich. Das heißt also, dass ich mir durchschnittliche Musik anhöre?«

»Nein, mein Schatz! So war das doch nicht gemeint.«

Ich schaue ihn mit einem durchbohrenden Blick an. »Wie hast du es denn dann gemeint?«

»Es ist nur …«, sagt er leise. »Ich bin immer noch von der Musik so fasziniert, dass mir die Worte fehlen.«

Na ja, lahme Ausrede, aber ich lasse es ihm mal durchgehen.

Wir schlendern gemütlich Richtung Parkhaus, als ich neben mir in einer dunklen Einmündung eine Bewegung ausmache. Gleich darauf erscheint ein Umriss eines Menschen. Dann steht er neben mir. Ein Mann, mit einem dreckig braunen Mantel, noch dreckigeren Jeans. Sein Gesicht ist durch seinen ungepflegten grauen Bart kaum noch zu erkennen. Seine Schuhe haben den Namen Schuhe nicht mehr verdient. Am linken Schuh ist ein großes Loch, an dem sein großer Zeh herausschaut. Socken hat der Typ wohl nicht an.

Ich weiche erschrocken zurück. Er geht einen Schritt auf mich zu und streckt den Arm nach mir aus. »Hey! Hast du vielleicht ein paar Münzen für mich?« Er berührt mich an der Schulter.

Angewidert gehe ich weiter zurück. Pascal steht neben mir und schlägt ihm die Hand weg. »Mach dass du hier verschwindest.«

Doch der Penner denkt gar nicht daran. Wieder streckt er die Hand nach mir aus und berührt mich. Ich lasse einen Schrei verlauten. Pascal nimmt nun beide Hände und stößt den dreckigen Mann nach hinten. Dieser verliert das Gleichgewicht und fällt nach hinten um.

»Mist«, höre ich Pascal sagen. »Das wollte ich nicht, tut mir leid.«

Ich schaue ihn fassungslos an. »Warum entschuldigst du dich bei dem Penner?«

»Ich wollte ihm nicht wehtun.«

»Nicht wehtun?« Ich fasse gerade nicht, was Pascal da sagt. »Der hat mich angegriffen. Du hast mich nur in Schutz genommen, so wie es sich gehört.«

»Ich habe dich nicht angegriffen. Ich wollte doch nur ein bisschen Geld, um mir was zu essen zu kaufen«, verteidigt sich der alte Mann. »Und ihr habt mich dann angegriffen und ich habe mir bestimmt alle Knochen gebrochen. Da kann ich euch jetzt anzeigen.«

Ich schaue zu ihm hinab. »Du willst uns anzeigen? Du kannst froh sein, dass du dieselbe Luft atmen darfst wie ich. Abschaum wie du gehört eingefangen und bei lebendigem Leib verbrannt, damit die Stadt wieder sauberer ist.«

»Ich bin kein Abschaum. Ich bin nur ein Opfer der Gesellschaft.«

Dass ich nicht lache. »Du? Ein Opfer? Jeder der auf der Straße lebt, ist selbst daran schuld. Ihr verdient kein Mitleid.« Ich trete näher an den immer noch am Boden liegenden Mann heran. »Ihr verdient nur den Tod.« Mit diesen Worten hole ich mit dem Fuß aus und trete ihm ins Gesicht. Er schreit auf. Blut kommt aus seiner Nase.

»Schatz!«, ruft Pascal. »Was hast du getan? Du hast ihm die Nase gebrochen?«

Ich schaue Pascal tief in die Augen. »Na und? Sag bloß, dass du Mitleid mit dem Haufen Scheiße hast? Komm, wir gehen nach Hause.«

Verwirrt schaut Pascal mich an, dann auf den blutenden Mann, dann wieder mich.

»Komm endlich!«, schreie ich Pascal an.

Endlich löst er sich von dem Dreck, der am Boden liegt und kommt auf mich zu. Er will seine Hand um meine Schulter legen.

»Fass mich nicht an«, fahre ich Pascal an. »Du hast mit diesen Händen diesen Kerl angefasst. Die sind bestimmt voller Viren. Erst wenn du die Hände gewaschen und desinfiziert hast, kannst du mich wieder anfassen.« Ich schaue auf meine Schuhe. »Und die Schuhe werde ich wegschmeißen, da ist Blut von Typ drauf.«

Als wir bei mir zu Hause angekommen sind, gebe ich Pascal heute keinen Abschiedskuss. Er soll sich erst mal gründlich waschen. Ich steige aus dem Auto, laufe zu unserer Mülltonne, ziehe die Schuhe aus und werfe sie in die Tonne.

Ich drehe mich herum und sehe Pascal gerade wegfahren. So ein rücksichtsloser Mann. Er hätte wenigstens warten können, bis ich ins Haus gegangen bin, bevor er wegfährt. Das werde ich ihm aber beim nächsten Mal sagen.

Es ist mittlerweile nach drei Uhr in der Nacht. Es wird Zeit, dass ich ins Bett komme. Und morgen werde ich mir meine Eltern vorknöpfen.

Kapitel 3

Wie lange habe ich geschlafen? Ich blicke auf die Uhr, kurz vor drei Uhr Nachmittag. Ich fühle mich wie gerädert, als hätte ich mich gestern Abend betrunken. Werde ich etwa krank?

Vielleicht steckt mir der gestrige Tag noch in den Knochen. Erst der Ärger mit meinen Eltern und am Parkhaus der Angriff der umherwandernden Fäkalie. Er hat mich berührt, vielleicht bin ich dadurch krank geworden.

Ich bin der Meinung, dass man auf diese Penner ein Kopfgeld auferlegen soll. Jeder, der einen dieser krankheitserregenden Gestalten umlegt, sollte eine Belohnung bekommen. Die sind alle selbst schuld, dass sie ohne Wohnsitz, ohne Dach über dem Kopf und ohne Perspektive sind. Alles nur faule Schweine, die sich vor der Arbeit drücken. Ich habe kein Mitleid mit dem Abschaum.

Ich muss aber endlich aufstehen. Heute stelle ich meine Eltern zur Rede. Aber erst möchte ich duschen und mich anziehen, denn je nachdem, wie der Streit verlaufen sollte, werde ich einfach aus dem Haus stürmen.

Ich stehe vor dem Bett, mein Kopf fühlt sich schwer an. Mir ist auch etwas schwindelig.

Ich hoffe, dass es mir nach einer heißen Dusche wieder besser geht.

Nach einem intensiven Waschvorgang unter der Dusche, fühle ich mich schon wieder besser, habe noch leichte Kopfschmerzen, aber mit denen werde ich auch noch fertig.

Jetzt erst mal schminken, denn ohne Schminke werde ich das Haus bestimmt nicht verlassen.

Was ziehe ich den heute an? Es ist warm draußen, also entscheide ich mich für ein weißes Sommerkleid.

Ich betrachte mich zufrieden im Spiegel, ich sehe wie immer umwerfend aus.

Jetzt ab nach unten, ich brauche einen Kaffee. Ob meine Eltern bemerkt haben, dass ich den Abend und die halbe Nacht nicht zu Hause war? Vielleicht hat mich auch Eliza verpetzt, schließlich sind wir uns ja gestern Abend draußen begegnet. Ich frage mich immer noch, weswegen Eliza am Abend des Hauses verwiesen worden ist. Auch das werde ich später hinterfragen.

Unten in der Küche finde ich nur unsere Haushälterin vor. »Einen Kaffee, sofort!«, fordere ich sie auf.

»Guten Morgen, Frau Strauß«, entgegnet Eliza. »Der Kaffee kommt sofort.«

Während ich auf meinen Kaffee warte, setze ich mich an den Küchentisch. »Wo befinden sich gerade meine Eltern?«, rufe ich Eliza zu.

»Frau und Herr Strauß sind bisher noch nicht aus dem Schlafzimmer gekommen«, berichtet sie mir. »Ich vermute mal, dass sie noch schlafen werden.«

Seltsam. Die beiden sind eigentlich Frühaufsteher. Wer weiß, was sie gestern Abend hier gemacht haben.

Eliza stellt den Kaffee vor mich auf den Tisch. Wenigstens weiß sie, wie ich meinen Kaffee am liebsten habe. Schwarz ohne Zucker.

»Bring mir noch die Packung, mit den Kopfschmerztabletten.«

Sie bringt mir die Packung, bleibt neben mir stehen und blickt mich an. »Frau Strauß?«

Genervt schaue ich Eliza an. Was fällt ihr ein, mich einfach so anzuquatschen? »Was?«, sage ich gereizt.

»Es ist nicht meine Art, so was zu fragen, aber ich habe heute auch starke Kopfschmerzen bekommen. Ich wollte sie fragen, ob ich vielleicht auch eine Tablette bekommen könnte.«

Ich schaue in die Verpackung. Es sind noch zwei Tabletten da. Eine werde ich brauchen. Aber die andere hebe ich mir lieber auf, im Fall, wenn später die Schmerzen noch da sind. »Du sollst hier arbeiten und keine Tabletten schlucken. Also gehe nach oben und mach mein Zimmer sauber!«

Sie schaut mich mit einer Mischung aus Unglauben und Wut an, dann dreht sie sich wortlos um und verlässt die Küche.

Unsere Haushälterin benimmt sich unmöglich und dann möchte sie noch was von mir haben? Die wird hier bald Geschichte sein. Soll sie doch auf dem Arbeitsamt nach einem Schmerzmittel fragen.

Ich stecke mir eine Tablette in den Mund und spüle sie mit einem Schluck Kaffee hinunter, bin gerade zu faul, eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank zu holen.

Wenn ich meinen Kaffee ausgetrunken habe, werde ich nach oben gehen und meine Eltern aus dem Bett schmeißen. Wenn ich etwas mit ihnen bereden möchte, dann sollen sie gefälligst aufstehen.

Während ich an dem Kaffee schlürfe, spuckt mein Gehirn eine andere Idee heraus. Eine viel bessere Idee. Wenn meine Eltern schon wollen, dass in einem Auto eine Delle ist, dann sollen sie auch eine Delle bekommen.

Ich zücke mein Handy und wähle Franzis Nummer. Nach einiger Zeit geht leider nur die Mailbox dran. »Hey Franzi, wenn du das hörst, dann ruf mich mal zurück. Ich habe heute Lust auf eine Spritztour. Wäre schön, wenn du dabei wärst. Küsschen.«

Wer weiß, wo die sich wieder herumtreibt. Ich wähle Angels Nummer. Nach dem zweiten Klingeln geht sie ran. »Hi, Juli«, begrüßt sie mich.

»Hey, Angel. Hast du Lust auf eine Spritztour?«

»Wo soll es denn hingehen?«, fragt Angelika mich.

»Keine Ahnung«, entgegne ich, »einfach nur weg. Einfach nur Spaß haben.«

»Klingt super. Wann?«

»Sobald du Zeit hast.«

Angel lacht auf. »Ich bin allzeit bereit, kannst mich abholen, wann immer du möchtest.«

Ich lächle in mich hinein. »Gut. Ich mache mich dann gleich auf den Weg.«

Ich lege auf, verstaue mein Handy in der Tasche, stehe auf und hole mir den Autoschlüssel. Aber, damit meine Eltern merken, wie sehr sie mich verletzt haben, nehme ich heute das Auto meines Vaters, einen Maybach Landaulet, 12 Zylinder, 612 PS.

Er hat mir verboten, mit dem Auto zu fahren, weil ich seiner Meinung nach noch zu unerfahren bin, um so ein – wie sagt er immer - Monstrum zu fahren.

Ein Grinsen huscht über meine Lippen. Das werden wir ja mal sehen.

Zwanzig Minuten später stehe ich vor Angels Haus und warte. Ich habe ihr eine WhatsApp-Nachricht geschrieben, damit sie weiß, dass ich hier bin.

Schade, dass sich bisher Franzi noch nicht gemeldet hat. Ich habe auch überlegt, ob ich Pascal fragen soll, ob er mitkommen möchte, aber wenn er erfährt, dass mein Papa nichts davon weiß, dass ich sein Auto genommen habe, macht er sich nur vor Angst in die Hosen. In der Beziehung ist er ein kleiner Angsthase. Er würde dann die ganze Zeit herumjammern und mir sagen, ich soll das Auto wieder zurückbringen. Klar wird es dann wieder zum Streit kommen, ich würde ihn dann mal wieder aus dem Auto werfen.

Ich habe ihn schon mal aussteigen lassen. Er hat mich doch tatsächlich während der Fahrt gefragt, weswegen ich heute meine Haare zu einem Dutt zusammengebunden habe und nicht, wie sonst immer, offen trage. Offen gefalle es ihm viel besser. Mitten auf der Autobahn habe ich das Auto auf den Standstreifen gefahren, habe angehalten und habe ihm gesagt, dass er aussteigen soll. Wenn er mich mit dem Dutt so hässlich findet, dann muss er mich auch nicht mehr ansehen. Nach kurzer Diskussion ist er dann ausgestiegen und ich bin weitergefahren.

Einen Tag später kam er mit Blumen bei mir zu Hause vorbei und hat sich vielmals bei mir entschuldigt.

Tagelang habe ich ihn dafür büßen lassen, dass er mich so kritisiert hat.

Angel steigt zu mir in das Auto und nimmt auf dem Beifahrersitz Platz. »Oh. Heute hast du mal Daddys Auto. Wie kommst du denn zu dieser Ehre?«

Ich schaue sie mit einem bösen Grinsen an. »Er weiß nichts davon, dass ich mir sein Auto genommen habe. Meine Eltern beschuldigen mich, ich hätte eine Delle in das andere Auto gemacht, obwohl da überhaupt keine Schramme ist. Also, wenn sie eine Delle haben wollen, dann bekommen sie eine. Aber dann bei einem Auto, bei dem es so richtig wehtut.«

Angel schaut mich ungläubig an. »Julia Strauß, du böses Mädchen.« Nun huscht auch ein Grinsen auf ihr Gesicht. »So gefällst du mir, dann lass uns mal böse sein.«

Ich wusste doch, dass Angel so was gefällt. Für solche Schandtaten ist sie immer bereit.

»Was schwebt dir vor?«, fragt sie mich.

»Ich dachte«, antworte ich ihr. »Wir fahren erst einmal herum und geben mit dem Auto an. Danach fahren wir auf irgendeinen Feldweg, wo es so richtig staubig ist, bis das Auto so richtig verstaubt ist. Dann werde ich mal so richtig gegen irgendwas fahren. Vielleicht ein Baum oder ähnliches, aber mit Speed, damit so eine richtig schöne Delle entsteht.«

»Was ist mit Franzi? Kommt sie auch mit?«

»Ich habe sie leider nicht erreichen können. Ich habe ihr auf die Mailbox gesprochen. Wer weiß, wo sie sich wieder herumtreibt.«

Angel lacht auf. »Oder mit wem sie es gerade treibt.«

Ich schaue Angelika an. »Ach, Angel, du wieder mit deinen Gedanken.«

»Was denn?«, fragt sie mit gespieltem Entsetzen. »Ist doch bei Franzi nicht so abwegig. Du weißt doch, dass sie ein kleines Flittchen und leicht zu haben ist.«

Da hat Angel recht. Franzi hatte in ihrem Leben schon mehr Männer im Bett gehabt, wie ich überhaupt kenne. »Ja, sie übertreibt es manchmal etwas.«

Angel legt mir eine Hand auf die Schulter und sieht mir in die Augen. »Aber immer noch besser, als gar niemanden ranzulassen.«

»Hey!«, verteidige ich mich. »Ich spare mich halt für den Richtigen auf.«

»Du hast doch mit Pascal den Richtigen. Wenn ich den schon sehe, wird bei mir das Höschen feucht. Ich verstehe nicht, wie du ihn bisher noch nicht ranlassen konntest.«

»Wer mit einer Julia Strauß schlafen möchte, der muss es sich auch verdienen.« Ich lege den Kopf schief. »Erst wenn er es geschafft hat, dass ich ihn heirate, dann darf er auch die Braut auspacken.«

»Habt ihr euch überhaupt mal nackt gesehen?« Neugierde hört man aus Angels Stimme heraus.

»Auch das sparen wir uns auf. So ist die Vorfreude umso größer.«

Angel fängt an zu lachen. »Oh Mann, ich habe da vielleicht zwei Freundinnen. Die eine poppt sich durch Leben und die andere wird als Jungfrau sterben.«

Ich stupse sie an der Schulter. »Und was ist mit dir?«

Jetzt schaut sie mich mit ihrem arroganten Blick an. »Ich, meine Liebe, bin der Mittelwert von euch beiden. Ich lasse nicht jeden ran, aber wenn, dann geht es ab. Da wackeln die Wände. Das kannst du mir glauben, Baby!«

Wir schauen uns beide in die Augen und fangen an zu lachen. Als wir uns wieder beruhigt haben, starte ich den Wagen und fahre los.

Wir fahren ohne Ziel durch die Straßen der Stadt. Manchmal, wenn wir an einer Ampel halten müssen und Angel heiße Jungs sieht, flirtet sie ein wenig mit ihnen. Sie hat es echt drauf, nur mit ihren Blicken einen Mann zu erobern. Aber sie hat es auch sehr gut drauf, mit den Kerlen zu spielen, sich alles von denen bezahlen zu lassen, um sie anschließend wieder abzuservieren.

Ich fahre aus der Stadt heraus. Auf die Autobahn. Mal sehen, wie schnell der Maybach fahren kann. Auf freier Strecke schaffe ich es bis auf zweihundertvierzig Stundenkilometer, Angel schreit vor Freude und wird immer lauter, je schneller ich werde. Leider muss ich dann verkehrsbedingt abbremsen, da wäre bestimmt noch viel mehr gegangen.

Angel lotst mich in ein nahegelegenes Waldstück, sie war hier schon mal und weiß, dass sich nach dem Wald eine kleine Rallye-Strecke befindet. Ein perfekter Ort, um das Auto mal so richtig schmutzig zu machen. Das kann dann mein Papa selbst wieder sauber machen. Damit will ich nur mal mein Statement setzen.

Die Strecke wird regelmäßig bewässert, berichtet mir Angel, deswegen gibt es hier überall Pfützen und Matsch.

Angel verbindet ihr Handy mit dem Bordcomputer und wählt ein altes Lied aus.

Ich rase durch die Strecke und Angel dreht das Radio richtig laut auf. Born to be wild von Steppenwolf dröhnt aus den Lautsprechern und wir singen lautstark mit, während ich durch die Strecke rausche. Wir haben den Spaß unseres Lebens, schade dass Franzi alles verpasst. Mit ihr wäre es noch lustiger.

Ich absolviere die Strecke zweimal. Wir stehen vor dem Auto und blicken darauf. Was für eine Sauerei, selbst durch die Fenster sieht man kaum noch was. Die Frontscheibe hat nur noch das Sichtfenster, welches der Scheibenwischer erreichen konnte. Das wird genügen. Da werden meine Eltern ihr Auto auf den ersten Blick nicht wiedererkennen.

Beide stehen wir da, mit einer kleinen Wasserflasche in der Hand, die wir aus dem kleinen Kühlschrank hervorgeholt haben, der hinten eingebaut ist.

Wir lachen und feiern unseren Triumph. »Das war doch mal ein echt geiler Tag«, freut sich Angel.

Ich schaue auf die Uhr. 20:49 Uhr. »Wird langsam Zeit, dass wir uns auf den Heimweg machen. Meine Eltern werden bestimmt schon bemerkt haben, mit welchem Auto ich heute unterwegs bin«, sage ich und kann mir ein Lachen nicht verkneifen. »Aber eins fehlt noch.«

Angel schaut mich mit einem fragenden Blick an. »Was denn?«