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Inge Muntwylers Buch enthält Geschichten vom Leben und Sterben. Sie schreibt über Themen wie Krankheit, Tod, Abschied, letzte Begegnungen, die in unserer Gesellschaft gerne verdrängt werden. In einer glasklaren, konzisen und eindringlichen Sprache. Ohne zuviel oder gar falsches Pathos. Das lässt die »schweren« Themen leichter werden. In diesem Prosaband sind aber auch Texte anderer Art versammelt. Etwa ein bewegendes Porträt ihres Mannes, eine geradezu humorvolle Schilderung eines Krankenhausaufenthalts oder kurzweilige Geschichten über so vertraute Dinge unseres Alltags wie Schuhe, Autos, Katzen, Bahnfahrten, Hausgemeinschaften und Putzfrauen.
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2014
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In Erinnerung an
Max Muntwyler und Wera Windel
Letzte Begegnungen
Am Mittwoch, um 9 Uhr …
Maria Cesarina
Der Tumor
Schwester Bartola
Die Putzfrau und ihre Heiligen
Wilfried, der Vetter
Abschied
Vergesst das Lachen nicht
Halux, Hammerzehe und andere wüste Sachen
Schuhe, immer wieder Schuhe
Was hat der Kaffee gekostet?
Imfeldstrasse Nr. 3
Meine Verflossenen
Friedlich und heiter ist dann das Alter
Kein Dienstagabendkrimi
Leben mit Katzen
Die Tochter des alten Mannes rief an einem Sonntagmorgen an. Mein Vater ist gestorben, sagte sie, er ist einfach wieder eingeschlafen, als ihn die Schwestern aus dem Bett holen wollten. Sie nehme den nächsten Zug, aber es könne dauern. Ich fuhr gleich ins Pflegeheim. Neben der Zimmertür stand ein kleiner Tisch. Eine Kerze brannte, eine Vase mit Blumen stand da, und ein Bild des Verstorbenen lag daneben. Ich blieb eine Weile davor stehen und atmete tief durch, bevor ich ins Zimmer trat. Eine Freundin der Familie war bereits zu einem Abschiedsbesuch da. Sie verliess leise den Raum.
Der alte Mann war nicht krank gewesen, vielleicht ein wenig müde, als ich zuletzt bei ihm war. Jetzt sah er aus, als würde er nur schlafen. Rosig und rund war sein Gesicht. Sicher war er totenblass. Aber in meiner Erinnerung war sein Gesicht rosig. Ich musste an das Morgenstern-Zitat denken: »Selig lächelnd wie ein satter Säugling.«
So sanft und zärtlich kann der Tod sein. 1919-2005
Der alte Mann hat nie vom Tod gesprochen, obwohl er Mitte achtzig war. Er hat auch nicht wahrhaben wollen, dass seine Frau todkrank ist. Still ist er auf dem Sofa gesessen, hat in Kunstbüchern geblättert oder kleine Aquarelle gemalt. Er hat sich in seine Schwerhörigkeit eingekapselt, während sich seine Frau bis wenige Tage vor ihrem Tod durchs Haus schleppte, ein Sauerstoffgerät nach sich ziehend. Oft haben wir uns zu einander gesetzt, und sie hat mit mir ihre Abschiedsfeier besprochen, Adressen bereinigt, Musik ausgesucht, das Leidzirkular bestimmt … Sie hat sogar für ihren Mann Anzug, Hemd, Krawatte, Socken und Schuhe bereitgelegt, damit er an ihrer Beerdigung korrekt gekleidet sei. Kannst du nicht mit deinem Mann sprechen, er war doch Arzt? habe ich sie einmal gefragt. Nein, sagte sie, er will nicht davon reden. Er wusste wohl, dass er ohne sie nicht mehr in dem grossen Haus bleiben könne.
Als es zu Ende ging, wurde ein Krankenbett in den Wohnraum gestellt. Da lag sie nun, umgeben von stilvollen Möbeln und schönen Bildern, mit Blick in den Garten auf den blau blühenden Hibiskus. Sie war völlig abgezehrt und brauchte immer wieder Morphium. Sie muss nicht mehr essen, wenn sie nicht will, hatte die Onkologieschwester gesagt. Die Tochter war jetzt ständig da. Sie hatte für ein paar Wochen Urlaub von ihrer Arbeit bekommen. Der Mann sass auf dem Sofa, untätig und schwerhörig. Wenn ich mich zu ihm setzte, nahm er meine Hand und sagte danke. Am letzten Tag verlangte die Frau nach ihrem Mann. Da stand er dann wie ein verlorenes Kind an ihrem Bett und hielt lange stumm die Hand der Sterbenden. Ein alter Mann, der plötzlich annehmen kann, was geschieht, und all seine zurückgehaltene Zärtlichkeit in Blick und Händedruck legt. Ich war zu Tränen gerührt.
In der Nacht ist die Frau gestorben. Ihr Anblick erschreckte mich. Augen und Mund waren weit aufgerissen, ein Arm in die Höhe gereckt, die Finger verkrallt. Unbarmherzig war der Tod über sie gekommen.
Freunde sassen ums Totenbett, assen Kuchen, tranken Kaffee, schrien dem Mann Trost zu und sagten, wie schön es sei, noch Abschied nehmen zu können. –
Nichts war schön. 1924-2004
Muma war eine stille Frau, die ein bescheidenes Leben neben einem älteren autoritären Mann führte. Sie litt an Liebesmangel und war ständig in Geldnöten, schluckte Unmengen von Saridon und ruinierte damit ihre Leber. Sie starb ein Jahr vor unserer Heirat.
Es geht dem Ende zu, sagte mein Liebster, als er mich von zu Hause abholte. Wir lösten seinen Vater ab, schickten ihn schlafen und hielten Nachtwache. Wir sassen im Dunkeln, hörten auf das rasselnde Atmen der Sterbenden, waren aber vor allem mit uns beschäftigt. Bis plötzliche Stille uns aufschreckte. Totenstille.
Muma sah friedlich aus. Ich bilde mir ein, dass sie lächelte. Ihr mühseliges Leben war zu Ende, ihre Schmerzen überwunden. Ihr Jüngster und dessen Freundin, an der sie sehr hing, hatten sich nach einer Auszeit wieder gefunden. Ich bilde mir ein, dass ich all das im vermeintlichen Lächeln der Verstorbenen lesen konnte. 1896-1949
Jahre später ist ihre Enkelin, unsere Tochter Fränzi, mit dem gleichaltrigen Freund Michael tödlich verunglückt. Die Nachricht erreichte uns an einem Sonntagmorgen im Tessin. Wir sind mit dem älteren Sohn nach Hause gefahren, den jüngeren haben wir noch für ein paar Tage bei den Freunden gelassen. Das war ein Fehler, die Brüder hätten einander gebraucht.
Wir müssen jetzt stark sein, sagte die Mutter des Freundes, als sie mich überschwenglich in die Arme schloss. (Sie hätte meine Mutter sein können, den Nachzügler hatte sie Mitte vierzig geboren.) Wir dürfen nicht weinen, sagte sie. Ich weinte ja nicht. Ich habe geweint auf der Heimreise. Blind vor Tränen bin ich am Steuer gesessen und habe traumwandlerisch den Weg gefunden.
Schlimmeres konnte uns jetzt nicht mehr geschehen.
Die beiden Toten lagen nebeneinander aufgebahrt in einem kleinen, unwirtlichen Raum. Fränzis Kopf war vom Kinn über die Ohren bis zum Haaransatz eingebunden. Die Augen waren geschlossen, der Mund leicht geöffnet, die oberen Schneidezähne waren zum Teil abgebrochen. Erschüttert betrachteten wir das tote Kind. Die junge Frau, die wie eine kleine Nonne aussah. Und dann den Freund, der uns nie nah gestanden hatte und der jetzt mit halbgeöffneten, toten Augen durch uns hindurchblickte. Es graute mir vor diesen Augen.
Sie sehen so friedlich aus, wir müssen stark sein, hatte seine Mutter gesagt. Aber ich dachte nur an die beschädigten Zähne, dass zu Hause ein Gipsabdruck des Gebisses lag, dass der Zahnarzttermin für die Reparatur feststand und ich ihn nun annullieren müsste.
Und noch etwas dachte ich: Du bist jetzt frei, die Loslösung ist endgültig. Wir müssen uns nicht mehr Sorgen machen um dich. Wir können dir auch nichts mehr vorschreiben, und du musst nicht mehr trotzig aufbegehren.
Aber es ist auch kein gutes Wort mehr möglich.
Lange Zeit war das Erwachen schwer. Ich bin dann auf die Terrasse gegangen und habe mich von der Morgensonne wärmen lassen, habe gedacht: Sterben ist leicht, es würde mir nichts ausmachen, wenn es plötzlich so weit wäre.
Vor Schulbeginn bin ich oft in der Platanenallee auf und ab gegangen und habe halblaut ein Gedicht von Günter Eich hergesagt:
Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!
Wie gut, dass sie am Sterben teilhaben!
Die Pfirsiche sind geerntet, die Pflaumen färben sich,
während unter dem Brückenbogen die Zeit rauscht.
Dem Vogelzug vertraue ich meine Verzweiflung an.
Er misst seinen Teil an Ewigkeit gelassen ab.
Seine Strecken werden sichtbar im Blattwerk als dunkler
Zwang,
die Bewegung der Flügel färbt die Früchte.
Es heisst Geduld haben. Bald wird die Vogelschrift
entsiegelt.
Unter der Zunge ist der Pfennig zu schmecken.
Das Leben ging weiter. Wir hatten zwei gute Söhne. Wir hielten uns fest, mein Mann und ich. Es blieben uns noch dreissig Jahre Gemeinsamkeit. 1951-1970
Der Freund im Haus hatte Krebs. Er war der erste Mensch, den ich offen von dieser Krankheit reden hörte. Er wusste, dass er in absehbarer Zeit sterben würde, und er liess nicht zu, dass wir ihn mitleidig trösten wollten.
Einen Sommer und Herbst lang konnte er noch an seinem Platz am oberen Tischende sitzen, Freunde empfangen und – wie es seine Art war – heftig debattieren, über Politik und Gott und die Welt. Vor allem über Politik.
Ein paar Wochen war er dann bettlägerig, hatte Schmerzen, wurde unwillig und duldete fast nur noch seine Frau um sich. Wir wurden gerufen, wenn es nötig war, seine Lage zu verändern. So schwer kann ein Mensch sein, auch wenn er nur noch aus Haut und Knochen besteht. Alle Hausbewohner zeigten Hilfsbereitschaft, einzelne leisteten auch gelegentlich Nachtwache.
Im Dezember wurde ein Geburtstag gefeiert, einige Gäste sassen am Tisch, die Tür zum Krankenzimmer stand offen. Abwechslungsweise setzte sich jemand ans Bett des Sterbenden. Er war ruhig, seit Tagen schon. Ich achtete auf seine Atemzüge, die manchmal von kurzen Pausen unterbrochen wurden. Ich wusste nicht, was das bedeutete.
Gegen Mitternacht verabschiedeten wir uns. Kaum lagen wir im Bett, hörte ich durch die Wand Unruhe im Nachbarhaus. Ich zögerte kurz, schlüpfte dann in den Morgenrock und ging wieder hinüber. Auf der Treppe begegnete ich dem Arzt. Werner ist gestorben, hörte ich.
Da lag er nun, hohlwangig und weit weg. Seine grosse Nase stach aus dem eingefallenen Gesicht wie ein Mahnmal an uns Zurückgebliebene. Er hat uns gelehrt, mit Krankheit und Tod auf eine natürliche Art umzugehen. Er lehrte uns Offenheit, Toleranz, aber auch Unnachgiebigkeit. 1921-1986
Die Freundin im Hausteil zur Linken ist vor zwei Jahren gestorben. Sie hat den plötzlichen Herztod ihres Mannes – er liegt gut ein Jahrzehnt zurück – nie ganz verkraftet. Solang die beiden Enkelkinder noch nicht im Schulalter waren und wöchentlich einen Tag zur Grossmutter gebracht wurden, hatte sie eine befriedigende Aufgabe. Und ihr Hund brauchte zweimal täglich richtig Auslauf. Bis sie dann das einzige brauchbare Auge durch eine zu spät behandelte Entzündung verlor. Sie konnte nur noch schwach sehen. Übers verlängerte Wochenende kamen der ältere Sohn oder die langjährige Freundin zur Betreuung, und die anderen Tage verbrachte sie in der Familie des jüngeren Sohnes.
Olgi litt unter ihrer Abhängigkeit, wurde immer dünner und ihr Gesicht unter der breiten, hohen Stirn immer kleiner. Sie wünschte sich, eines Morgens nicht mehr aufzuwachen.
Es braucht Mut, im Alter Hilfe anzunehmen, habe ich neulich gelesen. Werde ich daran denken?
Komm bald zurück! hatte sie mich gebeten, als ich in die Ferien fuhr, ich brauche deine täglichen Kaffeebesuche. – Ich bin einen Tag zu spät heimgekommen.
Mit einer Hausgenossin fuhr ich zum Aufbahrungsraum. Olgi sah sehr schön aus, die schweren Lider geschlossen, der Mund schmal, aber nicht verkniffen; sanft legte sich ein Haarkranz um die hohe Stirn.
Auch sie hatte vorher alles zurechtgelegt, womit man sie einkleiden sollte. Rock und Bluse waren in heiteren Farbtönen aufeinander abgestimmt.
Die Schwiegertochter hatte ihren Rosengarten geplündert und den Sarg rundum liebevoll geschmückt.
Ich denke gern an dieses schöne Nachsommer-Bild zurück. 1930-2008
Schön war auch meine Marie. Durch ein kleines Fenster am Kopfende des Sarges konnte man ihr Gesicht sehen. Sie, deren Gesicht seit langem von Alter, Krankheit und Sorgen gezeichnet war, hatte im Tod eine glatte Haut und silberweisses Haar. Sie strahlte Zufriedenheit aus.
Marie, so hiess sie wirklich, war fast dreissig Jahre lang jeden Samstagmorgen meine Hilfe im Haushalt gewesen. Wenn sie nicht gerade auf Wallfahrt war, nach Italien zu Padre Pio, nach Altötting oder Einsiedeln. Und immer schickte sie eine Karte und hatte Wunderdinge zu erzählen. Sie war sehr gläubig und hatte gute Beziehungen zu ihren Heiligen. Wenn ich im Haus etwas verlegt hatte, betete sie insgeheim zum Antonius, und siehe da, ich wurde fündig. Und sie hatte viel Humor. Der und ihr Glaube halfen, das Leben neben einem sanften Trinker und mit einem labilen Sohn, für dessen feuchtes Studentenleben sie aufkommen musste, erträglich zu machen.
Aber gegen den Krebs halfen keine Wallfahrten.
Der Tod ist als Freund zu ihr gekommen und hat ihre Kummerfalten geglättet. Ihr Hunger nach Schönheit – im weitesten Sinn – war früher nie richtig gestillt worden. Jetzt war Marie schön. 1912-1984
Ein Gesicht hat sich in meiner Erinnerung aufgelöst. Das Gesicht meines Vaters.
Natürlich weiss ich noch, wie er lebend aussah, aber an den toten Vater erinnere ich mich nicht. Er wirkte sehr klein, sagte einer seiner Enkel.
Er starb an einem Sonntagmorgen. Wir sind gleich hingegangen. Der Arzt war noch da. Die Nachbarin hatte mir Blumen mitgegeben aus ihrem Garten. Die habe ich aufs Bett gelegt, und dann sind wir lange am Fussende gestanden und haben versucht, die Mutter zu trösten.
Ich spürte nur Leere. Mein Verhältnis zum Vater war seit meiner Kindheit zwiespältig gewesen. Er war ein gottesfürchtiger, gestrenger Vater, dessen Zorn sich vor allem über meine Brüder entlud. Ich entkam ihm durch Schläue und mit gespielter Bravheit.
Für unsere Kinder war er jedoch der beste Grossvater. Seit ich alt bin, zolle ich ihm auf eine gewisse Weise Respekt. Er war ein ehrlicher Mensch. 1901-1990
Ihre letzten Jahre verbrachte die Mutter in einem Pflegeheim. Sie war ihrer Lebtag darauf bedacht gewesen, schön auszu sehen. Die Pflegerinnen haben sie immer hübsch hergerichtet. Sie galt als Schmuckstück im Heim. An ihrem neunzigsten Geburtstag fragte mich die Begleiterin des Gemeinderats, der ein prächtiges Blumengebinde gebracht hatte: Sind sie die Schwester der Jubilarin?
Ich musste leer schlucken.
Sie überlebte ihren Mann um zwölf Jahre, fühlte sich ziemlich verloren ohne ihn, weil er ihr alles abgenommen hatte, so zum Beispiel staubsaugen, bügeln, die Küche sauber machen, lauter lästige Dinge des Alltags. Auch für ihn war sie ein Schmuckstück gewesen.
Sie ist an einem frühen Sommermorgen still eingeschlafen. Mein Bruder und ich fuhren ins Heim und betrachteten lange unsere tote Mutter. Hübsch sah sie aus im weissen Hemd mit Spitzenkragen, die blondierten Löckchen um die Stirn drapiert, die Haut leicht getönt von liebevoller Hand. Eine gut aussehende Tote. Unglaublich. Bis zuletzt ist es ihr gelungen. 1908-2002
Ich habe Wera immer wieder angerufen, weil ich sie besuchen wollte. In regelmässigen Abständen habe ich das getan. Sie war ein wichtiger Mensch in meinem Leben. Sie hat mir Gedichte vorgelesen, Bücher empfohlen, über meine Texte gesprochen, mich zum Schreiben ermuntert. Sie kam aus dem Norden Deutschlands, war Schauspielerin und Regisseurin gewesen; ihre Sprache war makellos, ihre dunkle Stimme klangvoll.
Wir haben zusammen Tee getrunken und Tortenstücke gegessen, die ich unterwegs gekauft hatte.
Unsere Beziehung war etwas Besonderes. Es brauchte keine Worte. Wir waren Freundinnen, aber auch Lehrerin und Lernende.
Bei meinem letzten Besuch war sie sehr müde, fror und blieb auf der warmen Ofenbank sitzen, während ich den Tee herrichtete. Sie hat mir noch eine Weihnachtsgeschichte vorgelesen, doch ihre Stimme trug nicht mehr wie früher.
Ich habe sie einige Tage später angerufen, aber niemand meldete sich. Ich war beunruhigt und versuchte reihum, ihre Söhne und Töchter zu erreichen. – Unsere Mutter ist heute in der Nacht gestorben, sagte der Älteste, wir mussten sie notfallmässig ins Spital bringen.
Wir trafen uns alle im Aufbahrungsraum. Das war nicht Wera, die dort lag. Ihr dünnes Haar, das sonst sanft die Stirn bedeckt hatte, war straff nach hinten gekämmt, die Wangenknochen traten hervor, das Kinn war klein und spitz. Sie sah so streng aus, so fremd, und der Raum war so kalt, so unpersönlich. Ich musste zwischendurch ins Freie gehen und eine Zigarette rauchen. Wera hätte das erlaubt, sie war immer grosszügig zu mir gewesen.
Es bleibt mir die Erinnerung an eine starke Frau, die ich vermisse. Und die Erinnerung an den Klang ihrer schönen Stimme. Ich habe sie noch im Ohr. 1923-2007
Ich habe Mühe mit Menschen, die missionieren. Meine Schwägerin war eine bigotte Frau. Sie war nicht immer so. In jungen Jahren war sie fröhlich, unternehmungsfreudig, liebenswert und klug. Aber dann wurde sie durch Schicksalsschläge von einer religiösen Gemeinschaft in die andere getrieben. Sie war stets auf der Suche nach dem Heil, und wenn sie wieder mal glaubte, auf dem richtigen Weg zu sein, wollte sie uns auch dahin bringen. Oft habe ich sie mit harten Worten abgewiesen. Das bedaure ich heute. Ich war so wenig tolerant wie sie.
Wochen vor ihrem Tod sind wir heftig aneinander geraten. Sie wollte mir verbieten, ihre Kinder, mit denen sie kaum mehr Kontakt hatte, von ihrem Ableben Bescheid zu geben. Gott will es so! Laut schrie sie diese Worte.
Dein Gott ist kein Gott der Liebe, er ist ein alttestamentarischer Gott, ein strafender Gott! schrie ich zurück. Sie lachte hysterisch. Aber du bist ein Gottesgeschenk, rief sie mir nach.
Sie wurde bettlägerig und wehrte sich gegen Hilfeleistungen der Pflegerinnen.
Ich schaute jeden Tag kurz in ihr Zimmer. Wenn sie schlief, zog ich mich wieder zurück. Einmal klagte sie: Ich möchte endlich sterben, ich möchte zum Herrn Jesus. Du kannst erst sterben, wenn deine Zeit um ist, sagte ich. Das hat der Doktor auch gesagt, sagte sie und schloss die Augen.
Sie wurde ruhig. Ihre Kräfte schwanden. Bei meinem letzten Besuch legte ich ihr die Hand auf die Stirn und sagte: Es ist bald vorbei. Danke, sagte sie. In der Nacht darauf starb sie.
Sie sah majestätisch aus, ein wenig hart, aber ehrfurchtgebietend.
Ruhe in Frieden, Ruth, wo immer du jetzt bist. 1918-2008
Zusammen mit seiner Frau und Tochter habe ich Felix im Aufbahrungsraum besucht. Wir standen hinter Glas und blickten auf den Sarg, der in einer Vertiefung und in einigem Abstand von uns war. Ich hätte Felix an jenem Morgen nochmals im Hospiz besuchen wollen, aber am Vorabend ist er bei Sonnenuntergang friedlich eingeschlafen.
Er war ein Schüler meines Mannes gewesen, und nach dessen Tod hat er Kontakt mit mir gesucht. Es entstand eine schöne Freundschaft mit seiner Familie. Zwar spürte ich mit Befremden eine respektvolle Distanz zwischen den Eheleuten, über deren Ursache ich erst nach dem Tod von Felix einiges erfuhr. Was mir aber bald bewusst wurde, war, dass er eine unnatürlich starke Mutterbindung hatte. Noch auf dem Sterbebett sagte er zu mir: Ich habe meinen Geschwistern geschrieben und den Geburtstag meiner Mutter organisiert.
Seine Frau sagte einmal zu mir: Du bist seine mütterliche Freundin, von dir nimmt er alles an. War ich seine Zweitmutter?
Zehn Jahre hat er gegen den Krebs gekämpft, ist immer wieder auf die Beine gekommen, hat mit Freunden Reisen und lange Wanderungen gemacht und nie über sein Leiden gesprochen. Er schien alles im Griff zu haben. Erst im Hospiz brach Panik aus. Zweimal hat er mich heulend angerufen, und einmal hat er sich auch bei eisiger Kälte davon gemacht und musste von Tochter und Pfleger gewaltsam zurückgebracht werden. Es war ein letztes Aufbäumen gegen den Tod gewesen, bevor er ihn annehmen konnte.
Ich starrte durchs Glas auf den toten Freund. Er trug einen feinen Anzug, Hemd und Fliege. So kannte ich ihn nicht. Ich kannte ihn mit Wollmütze und offenem Regenmantel über Pullover und Cordhose. Sein Gesicht war zu weit weg, ich konnte den Ausdruck nicht erkennen. Mein Blick blieb an den Händen hangen, die ich zu Lebzeiten nie beachtet hatte. Gedrungene Hände mit kräftigen Fingern. Oft hatte er damit seine Mutter gestreichelt, wenn er sie im Pflegeheim besuchte. Und mit diesen Händen hat er seine Frau und das Pflegepersonal anfänglich weggestossen, weil er nicht mehr zu Hause gepflegt werden konnte. Erst in den letzten Tagen ist Frieden über ihn gekommen. Das hätte ich gern in seinem Gesicht gesehen. 1944-2010
Man sollte nicht so alt werden, klagte Ge Gi.
Das darfst du nicht sagen. Du bist bis vor zwei Jahren immer gesund gewesen. Du hast gelebt, wie es deinen Vorstellungen entsprach, hier auf dem Kappenhügel, weit ab vom Lärm der Zivilisation, mitten in der Natur, du hast im Garten gearbeitet, Gedichte geschrieben, gelesen, gezeichnet, dich nie um Überflüssiges gekümmert. Du warst ein ausgezeichneter Lehrer. Du hast eine wunderbare, kluge Frau, die dich und deine Lebensweise verstanden und mitgemacht hat. Ich kenne keinen Menschen, der so unabhängig leben konnte.
Ge Gi hatte mir aufmerksam zugehört, dann nickte er: Es ist, wie du sagst, aber jetzt ist es nicht mehr schön, ich möchte endlich sterben. Ich weiss, sagte ich, du wirst vierundneunzig, bist altersschwach und auf Hilfe angewiesen. Aber deine Frau ist immer noch da und hilft bei der Pflege.
Es war nicht immer gut gewesen in Ge Gis Leben. Sehr jung hat er die falsche, viel ältere Frau geheiratet. Sie hätte seine Mutter sein können und hat ihn mit ihrer ständigen Eifersucht kujoniert. Er hat jahrelang unter dieser Fessel gelitten. Als sie dann endlich starb – das sage ich –, durfte er die Frau heiraten, mit der er seine zweite Lebenshälfte in schönster Eintracht verbringen konnte.
Ida ist jetzt zweiundneunzig und müde nach der langen Krankheitszeit ihres Mannes. Aber sie ist nicht verzweifelt. Gute Erinnerungen, Bücher und Freunde helfen ihr in den Stunden der Einsamkeit. Als ihr Mann starb, lag sie neben ihm und streichelte ihn sanft, bis sein Atem still stand.
Wir sassen anderntags bei ihr im hellen Raum, wo Ge Gi aufgebahrt war. Sein Gesicht war eingefallen, die geschlossenen Augen tief eingesunken, die krankhaften Hautflecken waren der Totenblässe gewichen. Ein guter Freund hat ihm drei weisse Rosen in die Hände gelegt. Der Anblick des Toten erschreckte mich nicht, es waren immer noch die markanten Züge des Lebenden erkennbar.
Wir sassen lange um die Bahre, besprachen Notwendiges und erzählten uns Geschichten. Nur er konnte nicht mehr erzählen. Seine Geschichten hatten immer so angefangen: I maches churz … 1916-2010
Max sieht schön aus, sagte meine Schwägerin. Schön? So sah er immer aus, wenn er schlief. Nur dass er jetzt nicht schlief. Er war tot. Ich kann an dieses stille Gesicht denken, es in mir bewahren.
Dies ist ein Tod, wie wir ihn uns alle wünschen würden, hatte der Arzt gesagt. Ein kurzes Zittern der Lider, ein lautloses, kaum sichtbares Bewegen der Lippen. Dann Stille. Diese Leichtigkeit des Sterbens erfüllt mich immer noch mit Staunen.
Gäll, Nana, de Tata schtirbt, aber er sött no chli läbe, hatte die vierjährige Enkelin zu mir gesagt. Sie wusste es, alle in der Familie wussten es, die Freunde wussten es. Er wusste es, bevor wir es wussten.
Der Arzt hatte mir geraten, es meinem Mann selbst zu sagen, dass er wohl innerhalb eines Jahres sterben würde. Das schafft viel Vertrauen, hat er beigefügt.
Ich weiss es schon lang, hat Max ruhig gesagt, du hast doch gesehen, wie mager und wie gelb ich geworden bin.
Mit diesem stoischen Gleichmut hat er weiter gelebt, länger als ein Jahr, hat stundenlang gelesen, Musik gehört, und wir haben lange, im Laufe der Zeit immer kürzere Spaziergänge gemacht.
He is so dignified, sagte meine englische Freundin. Ja, das war er. Er hat seine Würde bewahrt bis zum letzten Tag. Ich bewundere ihn für diese Grösse.
Und ich liebe ihn. 1925-2001
Zum Abschluss ein Lied der walisischen Sängerin Katherine Jenkins:
Do not stand at my grave and weep,
I am not there, I do not sleep.
I am a thousend winds that blow,
I am the diamond glints on snow,
I am the sunlight on ripened grain,
I am the gentle autumn rain.
When you awake in the morning’s bush
I am the swift uplifting rush
of quiet birds in circled flight.
I am the soft stars that shine at night.
Do not stand at my grave and cry;
I am not there, I did not die.
Ich starre auf die Zeiger der Uhr. Es ist halb neun Uhr. Mein Kaffee ist kalt geworden, das Butterbrot liegt angebissen auf dem Teller. Mir ist nicht nach Frühstück.
Beth hat die Zeitung aufgeschlagen, liest aber nicht. Sie greift nach der Flöte, spielt aber nicht. Immer wieder schaut sie auf die Uhr. Unbarmherzig rückt der grosse Zeiger vorwärts, Minute für Minute.
Julia packt ihre Geige aus. Sie kann nicht nur dasitzen und warten. Sie muss etwas tun. Aber sie spielt schlecht, weil sie immer auf die Standuhr schauen muss.
Es ist fünf vor neun.
Ich stürze den kalten Kaffee hinunter und ein Glas Wasser hinterher.
Beth spielt verzweifelt auf der Flöte.
Julia zieht sich eine Jacke über und stürmt ins Freie.
Um neun Uhr wird Alma sterben. Sie wird das Gift trinken. Ein Arzt wird dabei sein und ein Schwarzgekleideter von der Exit und die Tochter und ihre Nichte. 1919-2007
Wir sind vier Freundinnen gewesen, die einander alle paar Wochen zum Nachtessen eingeladen haben.
Beth, die Intellektuelle, die man an jeder Ausstellung, bei Literaturlesungen, an Volkshochschulkursen und im Theater hätte antreffen können, wenn man hingegangen wäre, behauptete immer, sie könne nicht kochen. Oder nur wenige Gerichte. Ihr Lachsauflauf mit Reis aber war besonders köstlich und nachahmenswert.
Bei Alma war es sehr gediegen. Sie hatte ein grosses Speisezimmer, edles Porzellan, Silber und Kristallgläser. Ein Ambiente, das zum Verweilen verlockte. Sie war jedoch kein Snob, diese humorvolle, scharfzüngige, kluge Frau, die uns mit ihren trockenen Beiträgen oft zum Lachen gebracht hat. Sie war das Salz in unserer Runde. Sie wird uns fehlen. Ihr Spargelrisotto mit Fleischtopf war sensationell.
Julia, die Jüngste von uns – sie wird erst achtzig – steht mir am nächsten. Sie ist noch beneidenswert in Form, wandert oft in den Tessinerbergen, reist nach Paris, Venedig, Berlin – meine Beine werden bereits müde, wenn ich nur daran denke – , macht Yoga, spielt hervorragend Geige. Und kocht ausgezeichnet. Ihre Eltern waren wohlhabend, führten aber einen spartanischen Lebensstil. Dieser Gegensatz schlägt auch bei Julia gelegentlich durch: exotische Gerichte werden auf schmucklosem Holztisch, Polenta in kostbarem Geschirr serviert.
Und was mich als Gastgeberin betrifft: Spaghetti mit verschiedenen Sossen gelingen allemal.
Das Zusammensein war uns immer wichtig. Wir waren so fröhliche, unbeschwerte alte Frauen.
Dann kam der Einbruch. Bei Alma wurde Krebs festgestellt. Wir hörten es von Beth, die ihre beste Freundin war. Ich lasse mich nicht operieren, soll Alma trotzig gesagt haben, ich bin alt genug geworden, es lohnt sich nicht mehr. Aber als dann die Schmerzen begannen, entschloss sie sich doch zu einem Spitalaufenthalt. Nur Beth und die Familie durften sie besuchen. Sie wollte nicht, dass wir sie hinfällig sähen. Wir respektierten das.
Während der Reha-Zeit waren wir wieder zugelassen. Da konnte sie sich über unsere Besuche freuen. Der bejahrte Barpianist im Kaffeehaus der Klinik spielte alte Ohrwürmer. Sein Repertoire war beschränkt. Wir sassen in weichen Polstern, tranken Kaffee, knabberten Süssigkeiten, scherzten und liessen uns von den dekadenten Klängen einlullen. Ein Freundespaar von Alma und Beth, das als Alternative zu einem Pflegeheim im Hotel wohnte, gesellte sich oft zu uns. Sie, eine Dame, teuer und elegant gekleidet, er, ein Tyrann im Rollstuhl.
Dem würde ich gelegentlich ein Kopfkissen aufs Gesicht drücken, wenn ich sie wäre, sagte ich einmal zu Beth auf der Heimfahrt. Ihr Auto machte einen Schwenker, weil sie so lachen musste.
Nach drei Wochen konnte Alma in ihr schönes Heim zurück. Sie war glücklich und fühlte sich gut. Unsere gegenseitigen Einladungen wurden wieder aufgenommen, aber wenn es an Alma war, brachten wir die Speisen mit, ich den Salat, Julia den Hauptgang und Beth den Nachtisch. Die Tafel war wie ehedem gediegen gedeckt, ob von Alma oder unter ihrer Anleitung von der Haushaltshilfe.
Alma lebte langsamer. Das Treppensteigen gelang nur noch in Begleitung. Der rechte Arm drohte seinen Dienst zu versagen. Sie brauchte den Rollator, um den langen Flur ohne Sturz zu bewältigen. Du musst den Tee selber angiessen, sagte sie, wenn ich sie besuchte, der Krug ist mir zu schwer. Immer gab es Tee, Schwarztee. Eigentlich bin ich leidenschaftliche Kaffeetrinkerin, Tee mag ich nicht besonders, aber in ihren hauchdünnen Porzellantassen mundete er. Dazu gab es Gebäck, das Alma aus der ersten Konditorei der Stadt hatte besorgen lassen. Alma war eine Geniesserin.
Wenn ich sie nach ihrem Befinden fragte, machte sie eine wegwerfende Bewegung mit ihrer gesunden Hand, die rechte lag schwer auf ihrem Schoss. Sie wollte nicht darüber sprechen. Sie lenkte ab und erzählte Geschichten aus ihrer Jugend, vom Leben in der Kleinstadt – sie kannte so viele wichtige Leute und war selbst eine stadtbekannte Persönlichkeit – und von ihrer Familie, die da war, wenn sie Hilfe brauchte. Alma hatte eine besondere Begabung, ihre Geschichten mit Witz und Ironie zu würzen. Ihre Kolumnen in verschiedenen Zeitungen haben wir immer mit Vergnügen gelesen.
Es waren über Wochen heitere Besuchsnachmittage. Wir lachten viel und rauchten viel. Es spielt keine Rolle mehr, sagte sie, wenn sie nach der nächsten Zigarette griff. Am Arm trug sie einen Notrufknopf. Sie bat mich, diesen an ein Band zu befestigen, das sie um den Hals hängen wollte. Vor ein paar Tagen habe ich aus Versehen den Knopf auf die Lehne meines Sessels gedrückt, ich sass vor der Glotze, und plötzlich standen meine Hausleute entsetzt im Zimmer. – Sie lachte: Ich habe sie aus dem Bett gesprengt.
Eine amüsante Geschichte war auch die vom »Literarischen Salon«, den Beth ehrgeizig hatte einführen wollen. Es war ein Versuch im engsten Freundeskreis, zu dem wir damals noch nicht gehörten. Ehrengast war ein bekannter Autor philosophischer Schriften, mit dem Beth über längere Zeit hinweg in regem Briefkontakt über das Thema Evolution stand. Beth hatte sich eine interessante Gesprächsrunde versprochen. Aber gleich zu Beginn gerieten Beths Mann, ein rechtsdenkender Industrieller, und Julias Mann, Journalist und linker Politiker, in eine heftige Diskussion, die sich abendfüllend ausdehnte. Versteinert sassen die Ehefrauen da, nachdem ihr Bemühen, schlichtend einzugreifen, gescheitert war. Alma verfolgte gespannt, insgeheim wohl belustigt, das Streitgespräch. Der Ehrengast, ohnehin grau und unscheinbar, verkrümelte sich schweigend in seinen Sessel.
Der Literarische Salon war dem Untergang geweiht.
Leider habe ich nicht nachgefragt, ob auch für das leibliche Wohl gesorgt worden war, aber ich bin überzeugt, dass die Streithähne dem Wein reichlich zugesprochen hatten.
Kaum waren die Gäste weg, machte Beth ihrem Mann schwere Vorwürfe: Wie kannst du es wagen, einen Gast so zu beleidigen; gleich morgen rufst du an und entschuldigst dich! – Und Julia, noch vor dem Haus im Auto, fiel über ihren Mann her: Was erlaubst du dir eigentlich, den Gastgeber so zu beleidigen; gleich morgen rufst du an und entschuldigst dich! – Beide haben gehorsam miteinander telefoniert: Was ist denn in unsere Frauen gefahren? Das war doch ein höchst anregender Abend, der unsere gegenseitige Wertschätzung nur gestärkt hat.
Auch der Ehrengast schrieb an Beth, er danke herzlich für die Einladung, der Abend sei sehr interessant gewesen.
Solche Geschichten machten die Besuche bei Alma zu heiteren Begegnungen.
Wir gingen untertags allein zu ihr, damit sie nicht überanstrengt wurde und ihr doch immer jemand Gesellschaft leistete.
Die Krankheit schritt fort, die Schmerzen nahmen offensichtlich wieder zu. Zwar klagte sie nie, aber sie kam nicht mehr in die Küche, wenn ich den Tee herrichtete. Die Tassen standen nicht mehr auf dem Servierwagen bereit, ich musste alles selbst zusammensuchen. Und Gebäck, das ich ihr gebracht hatte, liess sie stehen. Bohnen mit Speck wären ihr lieber gewesen.
Einmal traf ich sie schlafend auf dem Kanapee an. Sie rappelte sich mühsam auf. Die Erschöpfung stand ihr ins Gesicht geschrieben.
Endlich wurde die Spitex angefordert, obwohl die Hausbewohner gut gesorgt hatten für Alma. Die Frau im unteren Stockwerk brachte nach wie vor Mahlzeiten – Bohnen mit Speck und alles, wonach es die Kranke gelüstete.
Beth rief an: Alma ist jetzt im Pflegeheim, sie muss rundum betreut werden. – Was kann man ihr bringen? – Schokolade, sie isst Unmengen Schokolade.
Ich kaufte fünf Tafeln und fuhr hin. Alma freute sich, aber ihr Anblick erschreckte mich. Fahl und aufgedunsen lag sie da, vollgepumpt mit Schokolade. Alle Tafeln, die Beth gebracht hatte, waren weg. Nachschub war gefragt.
Dreimal besuchte ich Alma. Sie klagte nie über ihren Zustand, sie wollte nur endlich sterben können, damit es fertig sei. So drückte sie sich in ihrer trockenen Art aus. Wir konnten aber immer noch lachen über gemeinsame Erlebnisse. – Ich weiss noch, sagte sie, wie dein Mann mit Messer und Gabel einen gekochten Maiskolben traktierte; ich sagte zu ihm: Nimm de Cholbe zwüsche d Händ und friss wiene Sou! – Es schüttelte sie vor Lachen über ihre deftigen Worte, dann musste sie aber lange husten. Ich brauche unbedingt die Exit, keuchte sie, so geht das nicht mehr weiter.
Exit? Augenblicklich verdrängte ich diesen Gedanken, ich wollte nicht, dass es »fertig« sein würde.
Am Wochenende rief Beth an: Am Mittwoch, um neun Uhr, stirbt Alma, am Dienstag wird sie nach Hause geholt.
Es war ein Schock.
Nach dem Schock kam die Wut. Es ist grausam, die genaue Todeszeit zu wissen. Ich war finster entschlossen, nicht Abschied zu nehmen von Alma. Ich spürte keine Trauer, nur ohnmächtigen Zorn.
Aber am Montagnachmittag bin ich doch noch einmal ins Pflegeheim gefahren, ohne genau zu wissen, wie ich mich verhalten und was ich sagen sollte.
Schön, dass du noch kommst, sagte sie und lächelte entspannt. Der Bann war gebrochen. – Gestern war mein Sohn da, sagte sie, und hat mir die Rede vorgelesen, die er an der Abdankung halten wird; und heute nacht habe ich geträumt, dass ich ganz hinten in der Kirche sitze und vorn verliest einer meinen Lebenslauf. Ich bin aufgestanden und habe laut protestiert, es entspreche nicht alles der Wirklichkeit. – Wir konnten wieder zusammen lachen. Es ist schade, dass wir euch nicht länger gekannt haben, sagte sie, dich und deinen Mann, der leider nicht mehr lebt. Es sind immerhin zwanzig Jahre, zwanzig gute Jahre, sagte ich, erst nach dem Tod von Julias Mann sind wir uns näher gekommen. Ja, sagte sie, keiner von den Männern ist noch da – und ich auch bald nicht mehr. Hast du Angst vor dem Sterben? fragte ich. Nein, sagte sie und schaute mich ruhig an. Ich setzte mich auf Almas Bettkante und beugte mich über sie.
Ich will dir noch ein paar Worte von Thornton Wilder sagen, die für mich sehr wichtig sind; es ist der Schlusssatz aus »Die Brücke von San Luis Rey«:
Da ist ein Land der Lebenden und ein Land der Toten, und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe – das einzige Bleibende, der einzige Sinn.
Alma hatte mich unverwandt angesehen. Das ist schön, sagte sie dann. Ich küsste sie zum Abschied auf die Stirn und sagte: Du wirst uns fehlen, Alma, du wirst uns so sehr fehlen. Sie hob die linke Hand zum Gruss, als ich das Zimmer verliess. Getröstet, beinahe heiter, bin ich nach Hause gefahren.
Es ist Viertel nach neun Uhr. Alma lebt nicht mehr.
Ich habe Hunger. Immer habe ich Hunger nach einem endgültigen Abschied. Ich koche frischen Kaffee, schneide eine dicke Scheibe knuspriges Brot ab, stelle Butter und Honig aufs Tablett.
Ich will leben.
Die Gitter am Spitalbett sind hochgezogen. Maria schläft. Sie hängt wieder am Tropf. Die Kanüle steckt in der rechten Hand. Seit einiger Zeit hat Maria rechts kein Gefühl mehr. Die linke Hand, schmal und weiss, ruht auf ihrer Brust. Ihr Atem geht ruhig. Ich setze mich auf den Stuhl zwischen Bett und Lavabo und halte mich still. Ich will sie nicht aus ihrem Schlaf holen und wünsche ihr, dass sie leise hinüberdämmern kann. Heute oder morgen, aber bald.
Die gesunde Hand streicht kurz über ihre Nase.
Ich habe Angst, dass sie auch noch gefühllos wird, sagte sie vor zwei Tagen, dann habe ich gar nichts mehr. Sie sass im Rollstuhl unter den Rosenarkaden. Christa, ihre Freundin, hatte sie ins Freie gebracht. Ich musste nicht lang nach ihr ausschauen, ich erkannte sie an der schwarzen Toque, die ihren kahlen Kopf schützen sollte.
Seit drei Tagen bekomme ich Morphium, sagte sie und steckte sich eine Zigarette an – die kann mir niemand mehr verbieten. Ich griff nach meiner Packung und rauchte mit. Ich brauche einen Kumpel, der mitraucht, scherzte sie, ich hätte nie gedacht, dass ich nochmals hinaus könnte, aber Christa hat mich aus dem Bett geholt.
Christa, ein Goldstück von einer Hausgenossin, die monatelang täglich nach Maria geschaut, Einkäufe gemacht, Mahlzeiten gebracht und Maria jeden Tag mehrmals besucht hat.
Erzähl doch nochmals von deiner Tante, bat Maria. Und Christa erzählte, dass die Familie dieser Tante wiederholt Sekt und Zigaretten bringen musste – nicht etwa über den Gartenhag, sondern bis zum Bodensee. Und als die Tante weit über neunzig starb, fanden die lachenden Erben mehrere Stangen Zigaretten und einen Kühlschrank gefüllt mit zahllosen Sektfläschchen. – Dann noch die peinliche Begebenheit, als Christa im Auftrag einer Gärtnerei einen Kranz ins Spital bringen sollte, beim Empfang aber hörte, dass die Patientin noch lebe. –
Mir fällt die Geschichte ein, die man sich von meinem schwäbischen Opa erzählte. Er fuhr mit einem prächtigen Kranz und schwarz gekleidet in der Eisenbahn zur Beerdigung eines Vetters. Kurz vor dem Bestimmungsort stieg der vermeintlich Verstorbene zu und setzte sich meinem Opa gegenüber. No, sog mol, Alfreed, wo willschte denn no mit dem scheene Kranz? – Ha, zu deiner Beerdigung, du Rindviech! – Wenigschtens woiss i jetzt, was i vo dir erworte konn, lachte der Vetter.
Maria war müder als sonst, wohl bedingt durch das Morphium, aber die Geschichten erheiterten sie. Ich habe heute zum Frühstück zwei Landjäger gegessen, sagte sie. Ohne Brot? rief ich aus. Natürlich, die Schwester war auch entsetzt, und Joachim hätte gesagt, das sei nicht gesund, aber was ist schon gesund in meinem Stadium. – Christa fand es prima, das mit den Landjägern, ich hingegen machte mir über Marias Verdauung Gedanken.
Aber auf dem Heimweg habe ich mir Landjäger gekauft.
Nach der zweiten Zigarette wollte Maria wieder ins Zimmer. Bisher war sie immer aufrecht im Stuhl gesessen, niemand hätte eine Todkranke vermutet, aber diesmal neigte sich ihr Kopf auf die Seite, und die Hände lagen kraftlos im Schoss. Sie hat nicht mehr nach meiner Hand gegriffen, wie Tage zuvor, wenn ich neben dem Rollstuhl her ging.
Eine Viertelstunde sitze ich reglos neben Maria. Ist sie noch da oder bereits am Ufer des Jordans? Kein Zucken ihrer Lider verrät, dass sie meine Anwesenheit spürt. Auf leisen Sohlen schleiche ich mich aus dem Zimmer.
Vor der Cafeteria stosse ich auf Frau Agusi. Sie hat am Morgen bei mir geputzt, und in einer guten halben Stunde muss sie mit den Reinigungsarbeiten im Operationsbereich beginnen. Wollen wir zusammen etwas essen? frage ich. Ich stelle mir einen Teller Salat aufs Tablett, sie nimmt ein Stück Gemüsekuchen, und während ich Salatsosse suche, hat sie alles bezahlt. Das war nicht meine Absicht, aber sie freut sich diebisch. Auch darüber, dass wir gemeinsam im Freien, geschützt von Sonnenschirmen, Mittagspause machen können. Sie sieht heute besonders hübsch aus, gut geschminkt, die Haare straff zurückgebunden, und der hellblaue Spitalkittel, Markenzeichen der Putzequipe, steht ihr gut zu Gesicht. All das sage ich ihr auch. Am Nebentisch sitzen zwei Ärzte. Als Frau Agusi unsere Tabletts hineinträgt, ich will noch eine Zigarette rauchen, wechseln sie ein paar Worte mit ihr. Ich sehe, dass sie an diesem Arbeitsplatz estimiert wird, hier ist sie jemand, im Gegensatz zu ihrer familiären Situation.
Ich bin wieder bei Maria, spreche sie nicht an, berühre sie auch nicht. Niemals möchte ich sie zurückholen. Wenn sie doch nur endlich sterben könnte.
Vor wenigen Tagen hat sie mich gebeten: Erzählen Sie mir nochmals von der »Brücke« und wie Ihr Mann gestorben ist. Und dann sagte sie: Das ist so schön, so möchte ich auch sterben.
Nach einem Unterbruch von drei, vier Jahren sind wir uns plötzlich wieder begegnet. Im Eingang des Spitals. Johanna Fr. und ich kamen vom Aufbahrungsraum, wir hatten Abschied genommen von einer gemeinsamen Freundin. Vierzig Jahre haben wir zusammen im selben Haus gewohnt. Wir waren noch ganz erfüllt vom Anblick der Verstorbenen. So schön sah sie aus; so friedlich und gelöst war ihr Gesichtsausdruck – die violette Seidenbluse (grün, sagte die Nachbarin im Nachhinein, ich weiss es nicht mehr), der passende Rock und die vielen Rosen ringsum. Olgi war eine Rosenfrau, und so sah sie jetzt auch aus. Bleib nicht zu lange weg, hatte sie vor meiner Abreise in den Süden gesagt, ich brauche deine täglichen Kaffeebesuche. Ihre zunehmende Erblindung hatte ihr schwer zu schaffen gemacht, und oft wünschte sie sich, am Morgen nicht mehr aufzuwachen.
Ich bin einen Tag zu spät nach Hause gekommen.
Machen Sie einen Krankenbesuch? fragte ich Maria damals nach der Begrüssung. Nein, ich bin wegen mir da, sagte sie, ich habe Krebs.
Die ersten Worte nach vier Jahren, glasklar, emotionslos: Ich habe Krebs.
In meinem Kopf drehte sich alles. SMS auf der Heimreise: Olgi ist gestorben.
Am Abend Anruf von Ruth M.: Felix hat einen Hirntumor, er muss operiert werden. Anderntags Maria: Ich habe Krebs.
Was kommt als nächstes?
In meiner Verwirrung sagte ich nur: Es tut mir leid, ich werde Sie anrufen.
Was ich dann nicht gleich getan habe.
Sie hat mich angerufen und sich entschuldigt, dass sie mich so überfallen habe.
Vor drei Jahren hatte sie die Wohngemeinschaft mit ihrem Lebenspartner aufgegeben, sich frühzeitig pensionieren lassen und eine Wohnung in Dättwil nahe beim Spital gekauft. Nach einem Burnout und schweren Depressionen wollte sie ihr Leben neu gestalten. Von Joachim war sie nur räumlich getrennt. Er war immer da, wenn sie ihn brauchte. In Dättwil lebte sie zurückgezogen, schrieb Texte und Gedichte, schuf phantastische Objekte und machte aus ihrer weitläufigen Wohnung ein Gesamtkunstwerk.
Kurz nach ihrem Anruf besuchte ich sie. Sie stand mit strahlendem Lächeln unter der Tür und umarmte mich herzlich. Sie sah unglaublich jung aus, obwohl die Blässe ihres Gesichts nicht zu übersehen war, aber der rote Poncho und der schwarze Turban und die weiten Pluderhosen gaben ihr etwas Schalkhaftes. Leichtfüssig führte sie mich durch ihr Heim, ich fühlte mich in einer verzauberten Welt. Dann braute sie mir einen Kaffee und fragte, ob ich noch rauche, sie selber lasse sich dies letzte Vergnügen nicht nehmen. Mit Mass, versteht sich. Wir sassen auf dem Balkon, der wie die Wohnung auf besondere Art eingerichtet und zur Strasse hin mit farbigen Glasbildern abgeschirmt war. Dann er
