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Der etwa 60 jährige Naîm ist Inhaber eines Copy-Shops, in dem Poster von Gefallenen ("Märtyrern") produziert werden. Als er im Jahr 2011 durch einen Blindgänger getötet wird, entsteht zwischen seinem Sohn Salmân, und seinem Neffen Nasr, eine Debatte, ob Naîm Held oder Opfer ist – eine Grundsatzdebatte, die das ganze Buch durchzieht. Später kommt es zu heftigen Zusammenstößen zwischen der Bevölkerung des Lagers und der Gaza-Verwaltung, als es um die Bebauung des Hügels geht, auf dem u.a. Naîms Haus steht. Diese Zusammenstöße zeigen den Versuch der Gesellschaft, sich gegen die wachsende Machtclique zu wehren, die sich nicht scheut, auch die Religion mittels mehr oder weniger Gewalt in ihre Dienste zu nehmen. Der Roman ist ein interessantes und eindrucksvolles "Dokument" des Palästina-"Problems" vom besonderen Blickwinkel des Gazastreifens aus. Dieser Roman ist im Jahre 2014 erschienen. Er steht also in keinerlei unmittelbarem Zusammenhang mit den Ereignissen in Gaza und anderswo in Palästina/Israel seit Anfang Oktober 2023. Dabei werden im Rahmen einer Art Familienroman die entstehenden Strukturen gezeigt, von manchen begrüßt, von anderen ertragen, von wieder anderen bekämpft. Dabei schont der Autor wohl keine Seite: die naiven Mitläufer werden ebenso kritisiert wie die Profitler oder die Widerständler. Es wird die unerbittlich, unaufhaltsam weiterschreitende Etablierung des neuen Machtapparats gezeigt.
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Seitenzahl: 540
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Aus dem Arabischen von
Originalausgabe:
حياة معلّقةc
Ḥayāt muʿallaqa
Alahliya Amman, Jordanien
Der Übersetzer dankt der Schweizer Kulturstiftung
PRO HELVETIA für ihre großzügige Unterstützung.
CIP - Titelaufnahme in die Deutsche Nationalbibliothek
Atef Abu Saif
Leben in der Schwebe
Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich
ISBN 978-3-96202-635-6
© der deutschen Ausgabe 2024 by Sujet Verlag
Umschlaggestaltung: Kai Kullen
Satz und Layout: Jonas Mirtschoff
Lektorat: Monika Dietrich-Lüders
Korrektorat: Jonas Mirtschoff
Druckvorstufe: Sujet Verlag, Bremen
Printed in Europe
1. Auflage 2025
www.sujet-verlag.de
Im Krieg geboren und im Krieg gestorben.
So könnte man, kurz und bündig, Naîm Wardânis Leben zusammenfassen, einschließlich des Todes, der ihn vor dem Tor seiner Druckerei ereilte, in einer Gasse unweit seines Hauses. Dort traf ihn eine Kugel von irgendwoher. Einer dieser Zufälle, wie sie immer wieder vorkommen. Er brach zusammen und starb, noch bevor die Ambulanz mit ihm das Krankenhaus erreicht hatte. In den Nachrichten der lokalen Fernsehsender verlor sich sein Name unter den zwanzig anderen, die während der vorangegangenen zwei Tage bei Zusammenstößen umgekommen waren. Was hätte man groß darüber berichten können?
Das Ganze war ein Zufall, ein zufälliger Tod.
Am Morgen war Naîm aufgewacht, wie jeden Morgen, wie immer. Ein nasskalter bewölkter Märzmorgen. Der Wind drang durch die Ritzen des großen Fensters in sein Schlafzimmer, das nach Osten ging. Außer den plaudernden Nachbarn, die sich zum Markt aufmachten, und dem Radio aus der Wohnung der verwitweten Umm Fausi war nichts zu hören. Naîm drehte sich noch etwas im Bett hin und her und vertrieb die Reste des Schlafs von seinen Lidern. Er zog das rote Laken, das mit seinen weißen Blumen aussah wie eine Wiese im Frühling, über sein Gesicht und atmete tief ein. Im Stoff hing noch immer Âminas Geruch.
Das tat er jeden Morgen. Es gibt Dinge, die uns immer wieder weit in die Vergangenheit zurückziehen und uns forttragen können, ohne dass wir begreifen, dass sie Vergangenheit sind. Und wie üblich stand Naîm schließlich schwerfällig auf, faltete in Gedanken an seine geliebte Tote fast zärtlich das Laken zusammen und legte es auf den Bettrand.
In seinem weißen Zimmer mit der Asbestdecke, dem Fenster mit dem blau gestrichenen Rahmen, dem alten braunen Schrank, dem Kleiderhaken hinter der Tür, dem runden Spiegel an der Wand, dem weinroten Teppich auf der Schwelle, dem Tischchen zwischen Tür und Bett mit der Keramikvase voller verwelkter Blumen darauf – in diesem Zimmer war alles, wie gehabt: Eine kleine Welt, die die Geschichte eines dreiundsechzigjährigen Lebens erzählte. Drei dunkelbraun gerahmte Schwarzweißfotos hängen an der Wand. Eines zeigt Naîm Mitte zwanzig mit langem Bart und dichtem Haar. Das Bild stammt offenbar vom Beginn der siebziger Jahre. Auf dem mittleren ist sein Vater Ibrahîm mit Anfang dreißig zu sehen, ein steifer Tarbusch schmückt seinen Kopf, er trägt eine pechschwarze Jacke mit einem weißen Hemdkragen. Seine scharfen Augen blicken prüfend in die ferne Zukunft. Das dritte Bild zeigt seinen Großvater Hussain als einen Mann um die sechzig. Er trägt eine braunkarierte Kuffija mit einer breiten, schwarzen Kordel um den Kopf. Die Kuffija hängt auf seine Schultern herab und bedeckt den Kragen der schwarzen Jacke. Er sitzt auf einem Rohrstuhl, die Hände auf den übereinander geschlagenen Beinen. Eine schwarze Schnur – vielleicht für eine Taschenuhr, vielleicht für eine Brille – baumelt aus seiner Jackentasche. Das Bild seines Vaters und dasjenige seines Großvaters waren noch vor dem Krieg in Jaffa aufgenommen worden, vor Naîms Geburt. An der gegenüberliegenden Wand hing, gleich neben der Haustür, eine Schwarzweißansicht der Stadt: Häuser auf einem Hügel, friedlich am Meer. Ein Bild, wie man es von Naîms Geburtsstadt in jedem Geschichtsbuch finden konnte.
Während er seinen Morgenkaffee zubereitete und den Ziegenkäse in Scheiben schnitt, Rituale, die er mit geschlossenen Augen vollziehen konnte, kochte das Wasser in dem kleinen Topf, in den er vier Eier gelegt hatte. Er machte den Kaffee wie früher Âmina: das Wasser aufkochen lassen, das Pulver hineingeben, die Flamme herunterdrehen, dann die Schaumschicht vom Kaffee heben und das Ganze ein weiteres Mal aufkochen lassen. Alles lief normal an diesem Morgen. Es gab nichts Außergewöhnliches. Die immer gleichen Bewegungen, die immer selben Abläufe, auch die morgendliche Zigarette. Die Uhr zeigte noch nicht sieben. Naîm machte alles fertig und stellte es auf das Tischchen im Hof.
Im anderen Zimmer erwachte Samar, als ihr Handyalarm losging. Sie lag noch im Bett, als er singend hereinkam:
„Wachet auf, wachet auf, es krähte der Hahn, die Sonne betritt ihre güldene Bahn. – Einen schönen guten Morgen!“
Das gleiche Liedchen, die gleiche Bewegung und im gleichen Augenblick das gleiche Lächeln auf ihrem Gesicht. Wie jeden Morgen räkelte sie sich wohlig im Bett. Dann ein Satz zum Tischchen, auf dem das Essen wartete. Die Zeit war knapp bis zum Beginn des Unterrichts um acht. Es war Samars erstes Jahr an der Universität. Von der ganzen Familie war nur noch sie bei ihm. Er dachte nicht gern daran. Der Gedanke schmerzte ihn, aber er kam unweigerlich hin und wieder, und sei es auch nur flüchtig. Alle haben ihn verlassen. Seine Brüder lebten und arbeiteten in fernen Exilen: einer in Chile, ein anderer in China, wo er im Importhandel tätig war, zwei weitere in Jordanien. Eine ganz normale Geschichte. Sein zweiter Sohn saß im Gefängnis, und es bestand kaum Hoffnung, dass sich die zugerostete Zellentür für ihn je wieder öffnete. Seit der Unterzeichnung der Osloer Verträge waren schon ein Dutzend Mal Gefangene freigelassen worden, Sâlim aber blieb hinter Gittern. Salmân, sein Erstgeborener, hatte sich entschlossen, anderswo zu studieren, und schrieb sich nach Abschluss der Oberschule an der Birseit-Universität im Westjordanland ein. Vier Jahre später kam er für zwei Jahre zurück nach Gaza und ging dann zur Fortsetzung seiner akademischen Ausbildung nach Großbritannien. Nach zwei Jahren dort verbrachte er wieder ein Jahr in Gaza und studierte danach in Italien weiter. Naîm sah ihn nur noch sporadisch. Seine ältere Tochter heiratete einen Cousin, den Sohn der Schwester ihrer Mutter, und zog mit ihm auf der Suche nach Verdienst und Sicherheit nach Saudi-Arabien.
Einzig die lebhafte, kleine Samar war noch da, gezügelt und gebändigt durch die Einsamkeit. Allein mit dem alten Mann, ihrem Vater, lauschte das Mädchen jeden Abend seinen Geschichten. Wenn er von der Druckerei zurückkam, merkte man ihm eine tiefe Traurigkeit über die Getöteten an, deren Bilder und Poster er druckte, oder über Âmina, einst „das schönste Mädchen im Lager“. Noch immer unvergessen blieb für ihn der Augenblick ihrer ersten Begegnung, ein aufwühlendes Ereignis, das sein Leben prägte. Sie war auf dem Heimweg von der Oberschule. Die beiden wechselten verstohlene Blicke. Ihre Bücher fest an die Brust gedrückt, ging sie mit ihren Freundinnen ins Lager, wo sie, wie er bald erfuhr, in einer Seitengasse im gleichen Viertel wohnte wie er. Manchmal sind Zufälle etwas Schönes. Doch diese „Zufälle“, gestand er ihr später einmal, waren von ihm geplant. Er informierte sich, wann die Schule zu Ende war und auf welchem Weg sie heimging. Also schlenderte er dort im richtigen Augenblick vorbei.
Naîms Geschichten über Âmina sind schmackhafter als das Frühstück, das Samar verschlingt, bevor sie in ihr Zimmer rennt, sich ihre Mappe schnappt, dem Vater einen Kuss auf die Wange drückt und verschwindet. Seine Bartstoppeln pieksen sie und sie ruft ihm noch zu: „Vergiss nicht, dich zu rasieren, bevor du gehst“. Die Stoppeln, die sein Kinn bedecken, sind braun, auch graue sind schon darunter. Er tastet danach, steht auf und begibt sich ins Bad. Am Schluss trägt er etwas Kölnisch-Wasser auf, dann geht er zur Arbeit. Ein neuer Morgen.
Die Straßen waren leer. Kleine Buben trugen Teller mit Bohnenmus und Tüten mit Falafel nach Hause. Umm Fausis Radio erzählte von einem möglichen Krieg irgendwo auf der Welt. Naîm ging den Abhang hinunter. Schâdis Bild auf der Hauptstraße hatte, obwohl nun schon zwei Jahre alt, seine Wirkung noch nicht eingebüßt. Die Augen des Jungen strahlten traurig, als bedauerten sie, das Leben verlassen zu haben. Als die jungen Männer ihm Schâdis Bild brachten, wusste Naîm noch nicht, dass der Junge umgekommen war, dass ein Heckenschütze ihn beim Fußballspielen auf dem Platz hinter der Schule erschossen hatte. Kurz zuvor hatte er ihn an jenem kühlen Frühlingsmorgen noch gesehen: an eine Mauer gelehnt, an einem Falafel-Sandwich kauend, den Blick zum bewölkten Himmel gerichtet, als wartete er auf die Sonne. Sie hatten ein paar Grußblicke gewechselt, und Naîm war weitergegangen. Keine drei Stunden später musste er aus ihm das Bild eines Helden machen, den die anderen hochleben ließen. Er konnte es nicht glauben. Ein junger Mann gab ihm ein kleines Foto. Eintausend Poster wollten sie davon. Erst glaubte Naîm, es handle sich um einen Irrtum. Schâdi hatte doch am Morgen noch, offenbar guter Dinge, in ein Falafel-Sandwich gebissen. Einen Schusswechsel hatte Naîm nicht gehört, und niemand hatte von irgendwelchen Zusammenstößen berichtet. Ein ruhiger Vormittag, keine bösen Überraschungen waren zu erwarten gewesen.
Der junge Mann hatte gedrängt. Sie bräuchten die Poster vor Sonnenuntergang. Dann sei die Beerdigung vorbei und das Kondolenzzelt errichtet, wo sie die Bilder verteilen wollten.
Naîm fragte nicht, wie Schâdi umgekommen war. Er nahm das Foto und starrte darauf. Ein feines Lächeln lag in den Augen des Jungen. Das Fenster am Bildrand ging auf eine weite, grenzenlose Welt hinaus, die Welt, von der diese Augen träumten. Naîm spürte Tränen aufsteigen. Er unterdrückte ein Schluchzen und strich sich mit der Zunge über die Lippen.
Im Hof der Druckerei stand ein Schrank aus Buchenholz mit dicken Füßen, die fünf enormen Schubladen mit den Messinghandgriffen waren vollgestopft mit Bildern junger Männer, die während der vergangenen zwei Jahrzehnte getötet worden waren. Wenn Naîm ein Poster gedruckt hatte, verstaute er das Original in einer dieser Schubladen. Auf der Rückseite notierte er das Todesdatum, manchmal auch ein oder zwei Zeilen mit ein paar Angaben, besonders wenn es sich um jemanden aus dem Viertel oder einen Bekannten handelte. Bevor er ein weiteres Bild hineinlegte, wühlte er immer nervös in der Schublade herum, griff sich irgendein Bild und betrachtete es eine Weile; und nur selten musste er es umdrehen, um sich an den Namen zu erinnern. Er schaute das Bild an und ließ sich vom Zug des Lebens zu jenem Augenblick zurücktragen, als er es zum ersten Mal in der Hand hielt. Bei jedem neuen Bild hatte er das Gefühl, erst in diesem Augenblick zu entdecken, wie plötzlich der Tod einen Menschen dahinraffen, wie plötzlich ein Leben enden konnte. Und das so früh. Im Allgemeinen waren die Toten nicht älter als dreißig Jahre, manchmal noch nicht einmal zehn oder fünf. Diese Entsetzlichkeit des Todes, diese Brutalität des Verschwindens und dieses Gefühl des Verlusts konnte er nicht in Worte fassen. Naîm empfand es wie eine gelbe Wolke, die sich auf sein Gesicht legte und jede Sicherheit und jede Zuversicht verschlang, die der Morgen in ihm geweckt hatte. Er legte das Bild zurück und nahm ein anderes, das die gleiche Empfindung wachrief. Er legte auch dieses zurück, und es verlor sich unter den vielen anderen.
Naîm setzte sich vor dem Schrank auf den Boden. Er sinnierte über die Schubladen, in denen die Chronik des Lagers während der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte verwahrt war. Er dachte auch über das Leben derer nach, die dahingegangen waren. Irgendwo lag auch das Foto jenes ersten Burschen, das er gedruckt hatte. Das war im Dezember 1987 gewesen, zu Beginn der ersten Intifada. An Poster dachte damals noch niemand, es ging lediglich darum, von einem Foto zehn Kopien zu machen. Naîm nahm einen dicken Stift und schrieb Name und Todesdatum des Burschen auf das Bild. Dann druckte er zehn Kopien für die engsten Freunde des Toten. Das Original behielt er. Mit Schâdi dagegen, diesem Burschen, dessen Augen er noch am Morgen hatte leuchten sehen und aus dessen Foto er nun ein Poster machen sollte, verlief es anders.
Er lehnte ab. Er sei dazu nicht imstande, erklärte er den jungen Männern, und dabei liefen ihm die Tränen übers Gesicht. Dieser nagende Schmerz, und immer mehr Tote. Der Gedanke war ihm unerträglich. Sein Problem mit dem Blutdruck, das zwei Jahre zuvor begonnen hatte, wurde immer gravierender. Jedes neue Poster, das er drucken musste, verschärfte den Schmerz. Er klagte darüber bei Samar, der einzigen Person, die ihm wirklich zuhörte. Die Leute verstünden ja nicht, dass diese Bilder in seiner Hand wie glühende Kohlen waren. Er sei doch kein Totengräber! Auch er habe Gefühle! Die meisten dieser jungen Männer waren im Alter seiner Söhne, manche gingen mit ihnen zur Schule, andere waren Nachbarn. Von manchen kannte er die Eltern, und manch einer gehörte irgendwie zur Familie. Es gab vielerlei Schnittpunkte. Persönlicher Schmerz wird desto heftiger, je mehr man sich gegen die Brutalität des Lebens auflehnt. Ob man denn nicht verstehen wollte, dass er außerstande war, dieses Lächeln in ein lebloses Bild zu verwandeln, das die Leute herumzeigen! Die eigentliche Todesnachricht war das Poster: Jemand wird zu einer bloßen Erinnerung, anzuschauen auf dem großformatigen Bild, auf dem patriotische Slogans und das Geburts- und das Todesdatum prangten. Naîm verwandelte jeden Burschen und jeden jungen Mann im Lager in ein Poster. So prägte er sie den Leuten ins Gedächtnis. Ihn quälte das, aber wie sollten sie das verstehen?
Die jungen Männer sprachen von Heldentum, von Opfermut, von immerwährender, untilgbarer Erinnerung, von der unsterblichen Seele und von der Pflicht weiterzumachen. Diese Art Debatte führte Naîm paradoxerweise auch mit seinem Neffen Nasr, der die jungen Männer bei all ihren Aktivitäten anführte. Nasr war ein prächtiger Bursche. Er war an jeder Demonstration und an jedem Umzug beteiligt. Früher einmal, vor zwanzig Jahren, hatte Nasr auf Schultern gethront, hatte Parolen durchgegeben und die Umzüge angefeuert. Zweimal war er ins Gefängnis gewandert. Das erste Mal verbrachte er dort ein Jahr, das zweite Mal hätte ihn sein ganzes Leben gekostet, wäre er nicht 1999 nach zehn Jahren freigekommen. Nach seiner Entlassung trat er einer Sicherheitsorganisation bei, doch schon ein Jahr später, kurz nach Ausbruch der Aksa-Intifada, schloss er sich den bewaffneten Gruppierungen an.
„Diskutieren können wir später, Onkel, jetzt brauchen wir erst mal das Poster.“
Nasr drückte seinem Onkel einen Kuss auf die Stirn und ging. Er wusste, dass Naîm seine Bitte erfüllen würde. Er war ja nicht gegen die Idee des Posters, ihn schmerzte nur, dass der Junge umgekommen war, einfach so. Er starb, während er auf einen neuen Tag wartete. Die Kugel kam aus dem Nichts und nahm ihm das Licht des Tages, noch bevor die Sonne voll am Himmel stand. Naîm hatte ihn gesehen, wie er auf seine Freunde wartete, um mit ihnen Fußball zu spielen. Alles andere war zweitrangig, sogar die Schule. Schließlich war Feiertag, das islamische Neujahrsfest. Sie hatten über eine Stunde gekickt, als plötzlich mitten auf dem Spielfeld eine israelische Granate einschlug. Schâdi war auf der Stelle tot. Er hatte gerade zum Schuss auf das gegnerische Tor angesetzt. Er fiel auf den Ball, der nicht mehr ins Tor gelangen sollte. Ein Krankenwagen brachte ihn nach Hause.
All das geschah innerhalb von weniger als einem halben Tag. Und am nächsten Morgen sah Naîm ihn nicht mehr da stehen und sein Falafel-Sandwich verzehren. Nie wieder sollten seine Augen ihm am Morgen grüßend entgegenstrahlen, nie wieder durfte Naîm dieses belebende Glücksgefühl empfinden, wenn er sich an das Lächeln des Jungen erinnerte. Wenn Dinge verschwinden, wird die Erinnerung daran zum Schorf über einer tiefen Wunde. Das Bild, das sich ihm an jenem Morgen geboten hatte, kann niemand je wiederherstellen. Es gibt kein Negativ, von dem man Abzüge machen kann. Und im Archiv der eigenen Erinnerung nach einem Bild zu suchen, ist schmerzlicher als den Augenblick erleben zu müssen. Und nun geschah wieder das Gleiche, als er Schâdis Bild an der Wand betrachtete, das von seinem Tod mit noch nicht sechzehn Jahren erzählte.
Schâdis Mutter ging seither jeden Morgen zur Schule und stellte die Schultasche ihres Sohnes auf den Platz, auf dem er immer gesessen hatte, daneben sein Bild. Sie weinte, als ob sie ihn gerade erst verloren hätte. Nach einer Weile ging sie wieder und schlich bedrückt durch die Straßen. Der Schulinspektor riet ihr, nicht mehr „den mühsamen Weg auf sich zu nehmen“. Die Schule werde sich darum kümmern, Schâdis Tasche an seinen Platz zu stellen. Doch sie ließ sich nicht überzeugen. „Ich will es selbst sehen“, brachte sie schluchzend hervor. Das könne ihr niemand abnehmen. Im Lager blieb sie vor jedem Poster ihres Sohnes stehen und weinte auch hier wie am Tag seines Todes.
Sie erzählte Naîm schreckliche, tieftraurige Geschichten, bis es eines Tages zu viel für sie wurde. Der Verlust ging über ihre Kräfte. Sie kam in die Druckerei und starrte auf die zahlreichen Poster an den Wänden. Naîm bereitete gerade eine Annonce für ein Kleidergeschäft vor, das vor kurzem im Lager aufgemacht hatte. Er bemerkte ihren Schatten und schaute auf. Als er sie erkannte, ließ er alles stehen und liegen. „Was gibt’s, Umm Schâdi? Was verschafft uns die Ehre?“ Sie wies mit dem Kopf zum Poster von Schâdi. „Das ist nun schon so lange her, Onkel Naîm.“ Tränen liefen ihr über die Wangen, und gemeinsam erinnerten sie sich an die traurigen Vorgänge jenes Tages, Schâdis Todestag.
Der Junge hatte nicht zuhause gefrühstückt. Er wollte sich draußen am Falafel-Stand ein Sandwich kaufen. Nur ein Glas Tee hatte er getrunken. Sie würden auf dem Platz hinter der Schule kicken gehen. Die Wand seines Zimmers war vollgeklebt mit Bildern von Popsängern und Fußballspielern, vorzugsweise vom FC Barcelona, dessen erklärter Fan der Junge war. Bilder von Messi, von Xavi und anderen. Auch Bilder von politischen Opfern gab es, Bilder wie diejenigen, die in Naîms Druckerei hingen. Er träume davon, ein großer Fußballstar zu werden, erklärte er. Wie Messi wolle er in Barcelona spielen und dann mit der palästinensischen Auswahl zur Weltmeisterschaft antreten. „Irgendwann einmal, ganz sicher“, erwiderte seine Mutter heiter. „Morgen ist es so weit, du wirst schon sehen“, versicherte er ihr mit Blick auf die Bilder der Spieler und schlürfte den letzten Rest Tee. Aber es gab kein Morgen. Tatsächlich hatte Schâdi nicht schlecht gespielt. Er fiel seinem Sportlehrer auf, der ihm vorschlug, dem UNRWA-Sportclub beizutreten. Dort zu spielen, war schon etwas, ein erster Schritt auf lokalem Niveau. Doch auch das erfüllte sich nicht. An jenem Abend hatte der Lehrer ihn Herrn Rijâd vorstellen wollen, der in der Leitung des Clubs saß. Aus dem Jungen hätte etwas werden können, es war den Versuch wert. Doch alles kam anders. Das Geschoss schlug ein, bevor der Ball das gegnerische Tor traf. Naîms Hand zitterte, als er Umm Schâdi den Tee reichte. Auch ihm werde das alles zu viel. Sein Sohn Sâlim sei nicht mit all den anderen Gefangenen freigekommen. Âmina sei gestorben, ohne ihn wiedersehen zu können. Er selbst wolle ihn vor seinem Tod nochmals in die Arme schließen. Sâlims Bild hing, im hölzernen Rahmen, hinter dem Schreibtisch, kaum größer als eine Hand, aber in Naîms Herz flammte Hoffnung auf, wenn er es betrachtete. Ins Gefängnis ist niemand eingemauert. Nur das Grab besteht aus undurchdringlichen Wänden. Wenn jemand einmal im Grab liegt, ist es nutzlos, auf seine Rückkehr zu warten. Jeden Morgen übte sich Naîm in dieser Hoffnung auf die Erfüllung seiner Träume.
Vor dem Poster stehend, dachte er an Umm Schâdi. Dem Bild hatten Regen und Wind schon arg zugesetzt. Doch es hielt sich und erinnerte noch immer an den hübschen Jungen, dessen Leben allzu früh endete. Die meisten Poster, die im Lager an den Mauern hingen, entstammten Naîms Werkstatt, der „Druckerei Heimkehr“, einem der Fixpunkte im Lager. Naîms Einstieg in dieses Metier ist eine lange Geschichte. Fast zwanzig Jahre hatte er in irgendwelchen obskuren Druckereien gearbeitet, bis er sich mit seinen Ersparnissen ein paar Maschinen kaufen konnte, um einfache Aufträge zu erledigen: Einladungen zu Hochzeiten, Fastenkalender, bescheidene Werbezettel. Später ergänzte er seinen Maschinenpark und erweiterte seine Tätigkeit: Er druckte auch Werbungen auf Leder, Broschüren, kleine Büchlein und Prospekte.
1983 hatte er zum ersten Mal etwas für die jungen Männer erledigt – den Druck einer Erklärung, die bei einer riesigen Demonstration im Lager verteilt wurde. Sie waren zu ihm gekommen. Auch Nasr, sein Neffe, damals noch ein Junge, war dabei. Sie drückten ihm ihren Text in die Hand, schlossen die Tür der Druckerei und warteten nervös, bis die tausend Flugblätter fertig waren. Ein vom Scheitel bis zur Sohle schwarz verhülltes Mädchen kam, versteckte die Flugblätter unter ihrem Umhang und verschwand wieder, ohne ein einziges Wort zu sagen. Es war die spätere Umm Schâdi, damals noch auf der Oberschule und noch nicht verheiratet.
So ging die Arbeit weiter und das Leben ebenfalls. Jeden Monat kam der Militärkommandant in Begleitung seiner Soldaten und drohte, die Werkstatt zu schließen, wenn Naîm mit den Saboteuren gemeinsame Sache mache. „Du ja aufbasen!“, sagte der Offizier in seiner Art, Arabisch zu reden, und ging. Jedes Mal der gleiche Satz, dieselbe Drohung. Eines Tages erschienen die Soldaten allein. Sie kämen im Auftrag des Militärkommandanten. Die Druckerei werde für drei Monate versiegelt. Sie zerrten ihn hinaus, wo ihr Chef in seinem Jeep wartete. Er streckte den Kopf aus dem Fenster und sagte: „Ich hab dir doch sagen, du ja aufbasen.“ Drei Monate später öffnete er die Druckerei wieder. Und natürlich hatte ihn das Siegel nicht gehindert, im Bedarfsfall auch schon vorher seine Arbeit fortzusetzen. Es gab ja immer noch das kleine Türchen, das er durch den Hintergarten der Nachbarn erreichte.
Die Druckerei war in einem alten Haus untergebracht, dessen Eigentümer in der Stadt wohnten. Naîm riss ein paar Wände ein, um einen großen Raum für seine Werkstatt zu erhalten. Er hängte auch ein großes Firmenschild auf. Und nach und nach wurde die Druckerei zu einem Fixpunkt im Lager. Man konnte einem Taxifahrer sagen: „Zur Druckerei!“, oder man verabredete sich mit jemandem „bei der Druckerei“. Unzählige Poster voller Slogans hingen an den Wänden, und der Lärm der Maschinen erinnerte jeden Tag daran, dass wieder ein Leben dahingegangen war und dass ein anderes seinen Platz einnehmen würde.
An jenem Morgen sah Naîm nur Schâdis Bild. Auf seinem Kopf ließen sich die Vögel der Erinnerung nieder und zerstöberten seine Gedanken. Auch Umm Schâdi konnte ihre Tragödie nicht vergessen, an jede Minute erinnerte sie sich. Jeden Morgen war der Schmerz aufs Neue da, als ob Schâdi gerade erst umgekommen wäre. Den gleichen Schmerz spürte Naîm, wenn er über seine Lebensreise nachdachte, von dem Tag an, als ihn seine Mutter gebar – dem Tag, an dem Jaffa fiel und alle Bewohner die Flucht ergriffen. Das war im Jahr 1948 gewesen. Wirklich kein günstiger Zeitpunkt. Das Kind begann genau in dem Augenblick den Bauch seiner Mutter zu malträtieren, als Schießereien und Granaten die Stadt erzittern ließen. Ein vollgepacktes Leben. Ja, er hatte alle Kriege des Mittleren Ostens gesehen und miterlebt. Sie schienen alle über seine Haut gezogen zu sein und hatten Spuren darauf hinterlassen.
Lange Zeit verharrte Naîm vor dem Bild. Plötzlich hinter ihm ein „Guten Morgen“. Er schrak zusammen, drehte sich um, doch der Grüßende war schon weitergegangen.
Salmân habe sie aufgefordert, doch zu ihm nach Italien zu kommen und dort weiterzustudieren, hatte Samar ihrem Vater beim Frühstück heiter erzählt. Dazu müsste sie aber die Ashar-Universität hier verlassen und nach Florenz ziehen. Er könne für alles aufkommen, habe er versprochen, für ihren Lebensunterhalt, die Studiengebühren und die Reisekosten. Er betrachtete ihr weiches, lachendes Gesicht und begriff, wie gern sie ginge, es aber nie zugeben würde. Sie schämte sich, ihn allein zurückzulassen. Samar war im Gaza-Ableger der ägyptischen Ashar-Universität eingeschrieben, ihr Notendurchschnitt betrug über neunzig von hundert Punkten. Als Kind hatte sie davon geträumt, Zahnärztin zu werden. Aber wie hätte sie den Vater allein zurücklassen können? Sie war doch sein letzter Halt. Jetzt half sie ihm im Haushalt, nachdem er lange Zeit sein eigenes Leben hintangestellt hatte, um seine Kinder großzuziehen, und sich nach dem Tod der Mutter geweigert hatte, wieder zu heiraten. Er hatte sein Leben den Kindern geopfert. Er war immer für sie da. War es da zu viel verlangt, ihm etwas zurückzugeben und in seiner Nähe zu bleiben? Er klagte nie, aber sein unsteter Blick verriet seine trübseligen Gedanken. Ein einziges, wirklich nur ein einziges Mal hatte er vor Samar erwähnt, wie schön es doch wäre, wenn sie alle noch einmal um denselben Esstisch zusammensäßen: der Vater, die Mutter, die beiden Brüder und die beiden Schwestern. Das hatte es zum letzten Mal vor über fünfzehn Jahren gegeben. Danach löste sich die Familie auf wie eine gerissene Gebetskette, aus der sich Perle um Perle löst, bis es sie schließlich nicht mehr gibt. Zunächst schnappte das Gefängnis nach Sâlim. Dann verließ die wichtigste Perle die Gebetskette, Âmina, die einfach wegstarb. Danach heiratete Soha und pendelte zwischen Saudi-Arabien und Rafach hin und her, wo die Familie ihres Mannes wohnte. Salmân folgte seinem ganz eigenen Weg in die Fremde, und ihm, Naîm, blieb nur noch die kleine Samar, die nicht wusste, dass jeden Morgen und jeden Abend, jedes Mal, wenn er etwas auf den Familientisch stellte, dieses Bild vor seinen Augen auftauchte: Alle sechs zum Essen versammelt, streitend und debattierend und sich hungrig über die Speisen hermachend. Seine Lieblingsszene.
Es gab wirklich nur ein einziges Bild, auf dem die ganze Familie zu sehen war. Es klebte in einem kleinen Album, das Naîm im Schlafzimmerschrank aufbewahrte: Es zeigt Âmina mit gleichmäßig auf den Schultern verteiltem Haar; Naîm mit braunen Cordjeans und einer ebenfalls braunen Jacke über dem weißen Hemd; Soha als ein junges Mädchen mit erst leichter Wölbung der Brust; Sâlim und Salmân als zwei junge Burschen, noch nicht ganz Mann; und Samar, das Nesthäkchen, das noch kaum auf den eigenen Füßen stehen kann. Diesem Bild war es beschieden, den gemeinsamen Augenblick auf ewig festzuhalten als ein Ideal, etwas, das über Erinnerung und Wunsch hinausgeht. Aber die Kette löste sich auf und die Perlen rollten in alle Richtungen. Naîm suchte sie zusammen, wenn ihn die Sehnsucht nach der Vergangenheit überkam. Er betrachtete das Foto und versank in seinem Schmerz. Er legte seine Hand darauf, berührte die Gesichter derer, die gegangen waren und ihn zurückgelassen hatten.
Dieser Schmerz durchfuhr ihn auch jetzt angesichts von Schâdis Bild. Es war unerträglich. Er begann ein Zwiegespräch mit Âmina. Warum bist du nicht geblieben? Warum bist du gegangen und hast mich den Weg alleine gehen lassen? Sein Herz schlug heftig, wie damals, als er sie aus der Oberschule heimgehen sah. Ein Pfeil hatte sein Herz getroffen. Es bebte wie der Kopf eines Vögelchens, das ins kalte Wasser geraten war. Es war der Augenblick, in dem Âmina in sein Herz einzog, um es nie mehr zu verlassen.
Âmina starb ganz plötzlich, völlig unerwartet und ohne lange Leidenszeit. Eines Morgens hatte sie Bauchschmerzen. Sie machte sich nichts weiter daraus, sondern tat wie üblich ihre Hausarbeit, ging einkaufen, kam zurück und begann, das Mittagessen zu richten. Der Schmerz war nicht heftig, aber hartnäckig. Doch Âmina war hartnäckiger. Es sei wirklich nichts, worüber man sich Gedanken machen müsste.
Beim Frühstück schaute Naîm sie an. „Du siehst müde aus, Âmina“, sagte er.
„Irgendetwas drückt mir im Magen“, erklärte sie und begann sauberzumachen.
Als er sich zur Druckerei aufmachte, bat er sie nochmals, sich zu schonen. Er hatte ein ungutes Gefühl. Es gibt Dinge, bei denen wir den Eindruck haben, etwas sei nicht in Ordnung. Die große Druckerpresse arbeitete monoton wie eine Pumpe. Seine Finger zitterten, als er die Farbpatronen überprüfte. Er fühlte sich kraftlos und kochte sich, in Gedanken immer bei Âmina, eine Tasse Kaffee. Doch er war nicht stark genug, seine Arbeit wieder aufzunehmen. Die morgendliche Energie hatte ihn verlassen. Âmina hatte Schmerzen. Sicher, sie ging darüber hinweg und machte keine große Sache daraus. Sie wollte ihn nicht ängstigen und tat, als wäre alles in Ordnung. Aber das war es nicht. Etwas drängte ihn nach Hause, zu Âmina, die mit der kleinen Samar allein war. Immer schneller breitete sich die Angst in ihm aus, diese Angst, die ihn in dem Augenblick erfasst hatte, als er sah, dass Âmina Schmerzen hatte. Nun wuchs sie mit jedem weiteren Gedanken an sie.
Naîm schloss die Druckerei und verriegelte das große Eisentor. Er vergaß sogar, das Licht abzuschalten, und eilte nach Hause, ohne nach rechts oder links zu schauen. Als habe er gespürt, dass er sich nicht anzukündigen brauche, stieß er die Tür auf. Sonst klopfte er bei seiner Rückkehr immer erst dreimal und rief „Hallo, Âmina!“ Kleine private Rituale. Doch an diesem Tag schienen Rituale fehl am Platz. Âmina lag im Hof auf einer Decke. Die kleine Samar hockte neben ihr und hielt ihre kalte Hand. Âminas Blick war matt. Sie könne sich nicht mehr auf den Beinen halten, erklärte sie, und habe sich deshalb hingelegt. Es war keine Zeit zu verlieren. Er half ihr beim Aufstehen und führte sie zum Krankenhaus. Was er dort vom diensthabenden Arzt hörte, war schlimm. Er selbst, sagte der Arzt, könne aber keine abschließende Diagnose stellen, dafür müssten sie auf den Spezialisten warten. Doch dessen Auskunft war noch beunruhigender. Man hatte in Âminas Leber einen Tumor, einen offensichtlich bösartigen Tumor entdeckt, und die Ärzte waren sich rasch einig, dass nichts mehr zu machen war. Nur drei Tage lag Âmina im Krankenhaus. Am Morgen des vierten Tags kündigte sich der Tod an. Sie schloss die Augen, noch immer jenes feine Lächeln auf den Lippen, das sie nie verlassen hatte.
Naîm saß im Wartezimmer. Sein Herz bäumte sich auf, er stürzte in einen tiefen Abgrund. Er bat die Krankenschwester, seine Frau noch einmal sehen zu dürfen, und sie führte ihn in das Zimmer, in dem Âmina mit dem Tod rang. Âmina sah ihn an mit dem Blick jener Siebzehnjährigen, die mit ihren an die Brust gedrückten Büchern von der Schule nach Hause ging. Sie war nicht mehr imstande, etwas zu sagen. Die beiden sahen sich an, ein langes Zwiegespräch, das in einem matten Lächeln endete. Dann schloss sie die Augen.
Der Militärkommandant packte ihn am Hemdkragen und schüttelte ihn grob. Er wisse genau Bescheid, behauptete er. Er kenne nämlich alle, die in seiner Werkstatt ein und ausgingen. Jedes Wort, das hier gedruckt werde, sei ihm bekannt. „Die Druckmaschinen mir alles ersählen“, erklärte er und lachte höhnisch. Er schlug ihn mehrfach ins Gesicht, bis ihm das Blut aus den Mundwinkeln lief. „Ich dir gesagt: du ja aufbasen!“, rief er und fischte aus einem silbernen Etui eine Zigarette. Er sei es gewesen, prahlte er, der seinen Sohn Sâlim ins Gefängnis gebracht habe. Und das werde der nie mehr verlassen, da brauche er sich nichts vorzumachen. Damals war Sâlim erst ein paar Monate im Gefängnis. „Glaub ja keinem, wo anders erzählen. Sâlim nie mehr raus. Ich das beschließen!“ Er lachte.
Naîm hatte ihm fest in die Augen geblickt, diesem Mann, der in Polen geboren war und sich in Jaffa, im Nusha-Viertel, in einem der von Arabern verlassenen Häuser eingerichtet hatte. Er war drauf und dran zu explodieren. Als ihn der Kommandant ein weiteres Mal schlug, sagte Naîm nur: „Sâlim kommt wieder frei! Wenn nicht heute, dann morgen!“ „Ich nicht wissen, wann morgen. Morgen noch weit“, erwiderte der Mann und lachte nochmals.
Es war in einer Februarnacht, und der Winter machte seinem Namen alle Ehre. Es schüttete wie aus Kübeln, als hätte es jahrelang nicht geregnet und der Himmel wollte jetzt alles nachholen. Die Familie hatte sich nach dem Abendessen um den Ofen geschart, und nachdem die Flammen sich gelegt hatten, platzierte Naîm ein paar Süßkartoffeln auf der Glut und holte sie nach einer Weile heiß wieder heraus. Sie wärmten. Sâlim war damals noch keine zwanzig Jahre alt. Seit einiger Zeit kam er immer spät nach Hause, obwohl die Armee eine Ausgangssperre verhängt hatte. Er verließ das Haus heimlich und kehrte ebenso heimlich wieder zurück. Naîm erzählte den Kindern das Neueste von ihren Onkeln im fernen Exil. Manchmal las er auch ein paar Zeilen aus einem Brief vor, den er angeblich erst vor kurzem von einem dieser Onkel erhalten hatte.
Plötzlich wollte Soha wissen, warum er sie eigentlich nicht nach Jordanien gebracht habe. Eine durchaus berechtigte Frage angesichts der unendlichen Saga, die Naîm über seine Brüder ausbreitete, die während des Krieges von 1967 das Land verlassen hatten und nach Amman gegangen waren, wo sie sich später trennten.
Naîm hatte auf diese Frage keine befriedigende Antwort. Man wünscht sich oft eine großartige Geschichte hinter den Ungereimtheiten des Lebens. Alle ihre Onkel hatten dem Land den Rücken gekehrt, nur ihr Vater war geblieben. Die Geschichte der Familie, die Jaffa verließ, kaum dass Naîm den ersten Schrei getan hatte. Aischa, seine Mutter, bestieg mit ihm im Arm das kleine Fischerboot ihres Onkels und floh vor dem schrecklichen Beschuss hinaus aufs offene Meer. Die Fahrt endete am Sandstrand von Gaza. Dann gab es die Geschichten der Onkel und der vielen Reisen, besonders diejenige des mittleren Onkels, der an der Revolution in Jordanien teilgenommen hatte und mit den Revolutionären nach dem Schwarzen September 1970 in den Libanon gezogen und von dort nach der Belagerung von Beirut 1982 nach Chile umgesiedelt war. Für all das hatte Naîm keine einleuchtenden Erklärungen. Er wusste nur, dass sein Vater bei Ausbruch des Krieges seine älteren Söhne genommen hatte und mit ihnen nach Jordanien gegangen war. Als die Kampfhandlungen begannen, war Naîm nicht zuhause. Während des ganzen Krieges und noch zwei Wochen nach seinem Ende blieb er weg, sodass Vater Ibrahîm annahm, der Junge sei beim Bombardement ums Leben gekommen. Als er dann beschloss, mit den Kindern das Land zu verlassen, weigerte Aischa sich mitzukommen. Naîm sei noch am Leben, erklärte sie, und sie werde auf ihn warten. So wurde die Familie zwischen Gaza und Jordanien auseinandergerissen. Ibrahîm zog mit den Kindern in der Flüchtlingswelle nach Osten und ließ sich im Wahadât-Lager nieder, während Naîm mit Aischa in Gaza blieb. Eine Familienzusammenführung war danach nicht möglich. Ibrahîm starb im einen Land, Aischa im anderen. Wo Naîm sich während des Krieges aufhielt, war eine andere, lange Geschichte, die er seinen Kindern erzählte, während sie um den Ofen herumsaßen.
Plötzlich wurde laut und heftig an die Blechtür des Hauses gepocht. Soldaten sprangen vom Dach in den Hof. Die Kinder erschraken. Samar begann zu weinen, während Âmina den Soldaten anfuhr, der ihre Jüngste so heftig beiseitestieß, dass sie umfiel. Er trat zu Sâlim, packte ihn am Arm und zog ihn weg, während die anderen Soldaten auf ihn eindroschen. Sie schleiften ihn zum Haus hinaus, durch die Schlammpfützen, verfrachteten ihn in einen Militärjeep und fuhren im strömenden Regen davon. Danach war alles gespenstisch ruhig, wie in einem Western, wo der Schurke die Bar betritt, unvermittelt auf alle im Raum das Feuer eröffnet und wieder geht, als wäre nichts geschehen. Erst als sie den Jeep in den Regenschleiern verschwinden sah, erwachte Âmina aus ihrem Schock und rannte auf die Straße hinaus. Schlagartig wurde ihr klar, dass man ihr den Sohn gestohlen hatte. Die anderen Frauen des Viertels kamen, trösteten sie und führten sie ins Haus zurück. Dort brach sie zusammen. Die Kartoffeln waren verkohlt, allmählich verlosch die Glut und wurde zu Asche.
Über einen Monat hörten sie nichts von Sâlim. Naîm rannte zwischen der Rot-Kreuz-Station in Gaza, dem Gefängnis Ansâr-2 am Strand und der Zivilverwaltung Lager-Ost hin und her, um etwas über den Verbleib seines Sohnes zu erfahren. Schließlich teilte ihm der Angestellte des Roten Kreuzes mit, Sâlim sei ins Sarâja, das Zentralgefängnis von Gaza, verbracht worden. Sie hätten aber keinerlei Informationen über die Gründe seiner Festnahme.
Für Âmina war es schon beruhigend, dass sie ihren Sohn endlich wiedergefunden hatten und dass er noch am Leben war. Sâlim wurde von Gefängnis zu Gefängnis verlegt, von Zelle zu Zelle. Dann kamen die Friedensabkommen, Âmina starb, und Salmân ging weg, nur das Gefängnis blieb.
Kinder scheinen dem Muster der Väter zu folgen, etwas in der Geschichte scheint unausrottbar. Vorgänge, die sich irgendwann abgespielt haben, wiederholen sich irgendwann. Oder gibt es Geschehnisse am Baum der Geschichte, Lebensformen, die nie enden wollen, ja, die sich sogar von Zeit zu Zeit erneuern und in einer anderen Epoche wieder erscheinen? Naîms Kinder wiederholten ohne große Variationen die Lebensreise ihres Vaters und erlebten dieselbe Zerstreuung, wie die Familie, die auseinandergerissen wurde, als sie Jaffa verließ. Die Zersplitterung setzte sich fort und fort, wie eine Streubombe, bei der jede Detonation weitere nach sich zieht. Nach dem Krieg von 1967 gingen Teile der Familie nach Jordanien und von dort in noch fernere Exile. Sâlim blieb im Gefängnis, und es sah nicht so aus, als werde er in absehbarer Zeit herauskommen. Nicht weil der Militärkommandant es so angedroht hatte, sondern weil die Friedensregelungen keine Freilassungen vorsahen. Man unterschied zwischen gefährlichen und harmlosen Gefangenen, und Sâlim zählte zur ersten Kategorie. Soha verbrachte den größten Teil des Jahres in Saudi-Arabien, und wenn sie im Sommer mit ihrem Mann zurückkam, so nur, um seine Familie in Rafach zu besuchen. Bei ihrer Familie verbrachten sie immer nur einen einzigen Abend. Salmân hat das Leben in Europa liebgewonnen, mit alldem, was es in Gaza nicht gibt. All das ist nichts Außergewöhnliches, aber man kann nicht alles dem Zufall anlasten. War es denn Zufall, dass Aischa genau in dem Augenblick in die Wehen kam, als sie Jaffa verlassen musste? War es Zufall, dass das Boot ihres Onkels nach Süden trieb, Richtung Gaza, während das größere Schiff mit Ibrahîms, ihres Mannes, Brüdern (Naîms Onkeln) an Bord nach Norden, Richtung Libanon steuerte, und Aischas Mutter und Geschwister auf einem riesigen Lastwagen nach Nablus fuhren? War es Zufall, dass Naîm im Augenblick des israelischen Angriffs im Juni 1967 nicht nach Hause zurückkehren konnte, weswegen sein Vater und seine Geschwister, die nach Amman flohen, ihn mit Aischa in Gaza zurückließen? War es Zufall, dass Sâlim hinter Gitter kam und dass Hunderte freigelassen wurden, während er selbst weiterhin eingekerkert blieb? War es schließlich Zufall, dass Salmâns Ehrgeiz stärker war als der Schmerz der Familie und er deshalb nicht aus dem Ausland zurückkam? War es nicht eher ein uraltes Lebensmuster dieser Familie, das sich ständig wiederholte, ein Muster, in dem Reise und Bewegung eine wesentliche Rolle spielten?
Naîm beschloss, weiter zur Druckerei zu gehen, um einige Arbeiten schon früh, vor elf Uhr, zu erledigen. Danach würde er sich an der wöchentlichen Solidaritätswache vor der Rot-Kreuz-Station in der Dschalâ-Straße, der Straße des Abzugs fremder Truppen, beteiligen. Das tat er jeden Montag. Mit Sâlims Bild in der Hand, setzte er sich eine halbe Stunde lang mit Hunderten von Angehörigen der Gefangenen vor das einstöckige Gebäude und kehrte danach in seine Werkstatt zurück. Diese Mahnwache war Routine, aber eine notwendige. Früher hatte ihn Âmina immer begleitet. Es gab ihr neue Kraft, als ob sie Sâlim selbst begegnet wäre. Vor der Rot-Kreuz-Station traf Naîm Angehörige von Sâlims Freunden. Sie plauderten miteinander, tauschten Erinnerungen über ihre Söhne aus und sprachen von den Träumen, die sie für sie bereithielten, sollten sie einmal freikommen. Diese Montage bedeuteten Naîm viel. Er ließ keinen aus. Sogar in der Woche, als Âmina starb, ging er dorthin, Sâlims Bild an sich gedrückt, während ihm die Tränen aus den Augen liefen und Âminas Gesicht zwischen den Tränenwolken auf seinen Wimpern leuchtete. Er setzte sich auf einen alten Backstein, das Bild fest im Arm, das Kinn auf den Rahmen gestützt, und hing seinen Gedanken nach, während andere, die gern und viel sprachen, von honigsüßen Erwartungen auf ein schöneres Morgen schwadronierten. Davon hörte er nichts. Seine Gedanken lenkten ihn von allem anderen ab.
Als er nach Âminas Tod zum ersten Mal Besuchserlaubnis im Gefängnis erhielt, wusste er nicht, was er Sâlim sagen sollte. Das Mal zuvor war Âmina noch dabeigewesen, lebhaft und optimistisch wie immer. Sie ließ sich den Schmerz und die Verzweiflung nicht anmerken, sondern erzählte Sâlim von Fadwa, der Nachbarstochter. Sie habe sich nach ihm erkundigt. Ja, sogar um ein Bild von ihm habe sie gebeten, erklärte sie augenzwinkernd. Der junge Mann lächelte. Er erinnerte sich an die unschuldigen Blicke, die sie oben auf dem Dach des Hauses gewechselt hatten. Aber das Pflänzchen Liebe wurde nicht lange gegossen. Die Augen trennten sich und die Blicke verschwanden. Nur eine Ahnung existierte weiter, um in Augenblicken der Sehnsucht Gestalt anzunehmen.
Damals saß Sâlim im Gefängnis „Wüstenhauch“. Um dorthin zu gelangen, musste man mehrere Stunden durch die kahle Wüste marschieren. Nach Kontrolle, Inspektion und einigem Warten gelangte Naîm in den Besuchersaal. Die Gefangenen saßen auf Zementblöcken hinter dem Gitter, das vom Boden bis zur Decke reichte und sie von ihren Angehörigen trennte.
Der Vater war allein, das war seltsam. Sâlim wartete kurz, seine Mutter würde sicher gleich auftauchen. Doch sie kam nicht. Als er Naîm fragte, wo sie denn sei, geriet dieser in Verlegenheit, druckste lange herum und behauptete dann, sie liege im Krankenhaus. Es ging nicht ohne eine Notlüge. Weitere Fragen seines Sohnes wehrte er ab. Schließlich ging der Besuch zu Ende. Naîm hatte Umm Fausi gebeten, ihrem Sohn, der gemeinsam mit Sâlim im Gefängnis saß, von Âminas Tod zu berichten; er solle es dann Sâlim schonend beibringen.
Naîm schlich sich aus dem Gefängnis, verfolgt vom Gedanken an den Schmerz seines Sohnes, wenn er das Schreckliche erfuhr. Er wäre völlig allein mit seiner Trauer und seinen Erinnerungen. Âmina war gestorben, ohne den Sohn noch einmal in den Armen zu halten. Immer hatte sie von dem Tag geträumt, an dem er wieder bei ihr wäre, wie er im Winter neben ihr am Ofen sitzen würde, um den einst so jäh unterbrochenen Abend fortzusetzen. Keinen größeren Wunsch hatte sie im Leben gehabt. Ein einziges Mal wollte sie sich noch aus ganzem Herzen freuen können, nur ein einziges Mal. Sie hatte wohlumrissene Pläne für ihren Sohn. Sie wollte ihn verheiraten und ihm oben auf dem Haus ein weiteres Zimmer bauen. Sie wollte ihre Söhne um sich haben. Eine einzige Familie sollten sie sein. Das Haus würde aufgestockt und jeder ein Zimmer erhalten. Den Oberstock sollten sich die beiden Söhne teilen. Es waren einfache, überschaubare Träume. Sie wollte nicht wahrhaben, dass das Leben sich auf brutale Weise der Erfüllung dieser bescheidenen Träume widersetzte. Im Gegenteil, wieder und wieder erzählte sie von ihren umfangreichen Plänen, während sie ins matte Licht der Birne starrte. Das Nachbarstöchterchen, Fadwa, war ein hübsches Mädchen und als Braut für Sâlim geeignet. Offenbar hatte sich ihr Sohn ja vor seiner Festnahme schon in sie verguckt. Davon war Âmina überzeugt. Sie war nicht bedrückt gewesen, im Gegenteil, sie hatte gelacht. Eines nicht allzu fernen Tages würde Sâlim wieder freigelassen.
Inzwischen war Fadwa längst verheiratet, ihr Sohn ging in die Schule, und Sâlim hockte noch immer im Gefängnis. Ganz sicher wusste Âmina in ihrem Grab darüber Bescheid. Die Toten kennen die Geschichten der Lebenden. Das hatte Naîm von seiner Mutter Aischa gehört. Âmina spürte das alles, und sicher war sie darüber auch traurig. Um Salmân, den zweiten Sohn, hatte sie sich keinerlei Sorgen gemacht. „Sein Schicksal liegt ihm zu Füßen. In der Schule zeigt er einen flinken Verstand“, erklärte sie Naîm. Ja, der Junge war ein Glückskind. An der Birseit-Universität sollte er einmal studieren. Warum, wusste sie nicht. Die Idee mit dem Studium war ihr gekommen, als sie bei einem ihrer Besuche im Gefängnis einen jungen Mann kennenlernte, der Student in Birseit gewesen war. Er war ein enger Freund Sâlims im Gefängnis.
Für ihre Töchter hatte Âmina bescheidenere Träume. Soha würde bald heiraten und mit ihrem Mann nach Saudi-Arabien ziehen. Samar war noch ein kleines Mädchen, über ihre Zukunft nachzudenken, war noch verfrüht. Trotzdem wünschte sie sich, ihre jüngste Tochter einmal als Studentin zu sehen. Soha war nie gut in der Schule gewesen, weswegen sie mehrmals bei der Prüfung für die Oberschule scheiterte. Es wäre nicht weise gewesen, sie in die Universität zu drängen. Samars Voraussetzungen für ein Studium waren besser. So hatte Âmina Pläne geschmiedet, bevor sie Naîm die „Projektleitung“ überließ.
Über all das dachte Naîm nach, während er seine Buchhaltung erledigte. Er hatte eine Riesenaufgabe übernommen. Die Wünsche, die sich bisher erfüllt hatten, waren viele und wenige zugleich. Das Leben verlangte einem einiges ab. Die Momente der Ruhe und der Stabilität, die Gaza nach der Schaffung einer eigenen Regierung erlebt hatte, währten nicht lange. Mit dem Ausbruch der zweiten Intifada im September 2000 wurde der Streifen wieder zum Schauplatz von Konfrontationen, von Beschießungen, von Tod und Zerstörung, und die Möglichkeiten, Pläne umzusetzen, wurden immer begrenzter. Um Wünsche zu erfüllen, musste man auf schmalen Pfaden wandeln, von denen keiner in ein Paradies, nicht einmal in eine weite Wüste führte, sondern immer nur auf noch schmalere Pfade. Wenn Naîm bei Nacht seinen Kopf auf das Kissen legte, zog vor seinen Augen sein Leben wie ein Film vorbei. Natürlich wäre es anders verlaufen, wenn Âmina noch lebte und unter ihnen weilte. Sie könnte ihm wenigstens helfen, die Lasten zu schultern. Sonst könnte sie nicht vieles ändern, denn fast nichts von dem, was geschah, konnte er beeinflussen. Er hatte ja nichts dagegen, dass Salmân sich seine Studien- und Reiseträume erfüllte, aber er wollte nicht, dass er im Ausland blieb. Auch seinen Sohn Sâlim hatte er mehrfach gescholten, weil er sich für zu vieles verantwortlich gefühlt hatte – und nun verbrachte er sein Leben im Gefängnis. Natürlich musste er auch sich selbst Vorwürfe machen. Er war es doch gewesen, der diesen wilden Geist in ihm geweckt hatte, indem er ihm von seiner Geburt mitten im Krieg erzählte, und wie seine Mutter Aischa dabei fast gestorben wäre, wie sie an den Wehen litt, und danach auf dem Meer umhertrieb. Manchmal hatte er ihm auch von Auni erzählt, seinem ältesten Onkel, der während der Revolution von 1936 gegen die Briten Waffenmeister war. So viele Geschichten, ein langes Leben, nie vergessene Schmerzen, die sich in seinen Körper eingebrannt hatten. Der traurige Vater, der beim Abschied von seinem Sohn all seine Trauer und seinen Schmerz wie glühende Kohlen klaglos in seiner Brust verbarg. Nur wenn er mit sich allein war, hinter der geschlossenen Zimmertür, wagte er zu klagen.
Umm Schâdi hatte geweint wie eine Wolke, die die ganze Erde bedeckt. Die Frauen schalten sie,
„doch etwas Haltung zu zeigen“ – als Mutter eines Märtyrers! Jubeltriller müsste sie ausstoßen, Heldenlieder anstimmen und sich darauf freuen, ihn im Paradies wiederzusehen. Es waren die sattsam bekannten Sprüche und Redensarten, ergänzt durch allerlei Geschichten, fade Anekdoten, an denen man sich festklammert, ohne weiter darüber nachzudenken. Aber man vergisst niemanden, den man liebt. Umm Schâdi weigerte sich, eine Rolle zu spielen, und ihre grenzenlose Trauer wirkte auf ihre gesamte Umgebung. Ein Journalist des lokalen Fernsehsenders kam zu ihr nach Hause, um Schâdis Sachen zu filmen – Bauklötze, dicke Farbstifte, einen verdreckten Fußball –, die sie unverändert aufbewahrte. Aber alle Bemühungen, sie zu einer pompösen Aussage zu bewegen, einem gewaltigen Wort, wie es die Fernsehkameras lieben, schlugen fehl. Sie wiederholte nur immer, dass sie sich ihren Sohn zurückwünschte, damit sie ihm diese Süßigkeiten machen konnte, die er so mochte.
Die Arbeit an der Buchhaltung zog sich in die Länge, aber sie war unumgänglich. Naîm war nie darauf aus, sich etwas leicht zu machen. Er konnte nicht anders. Salmân reiste gern und fühlte sich in Europa wohl. Sein Exil war selbstgewählt, es war sein eigener Entschluss. Nichts zwang ihn zu gehen, wie die Familie damals im Jahr 1948. Keine blutigen Kriege verdrängten ihn, wie es im Jahr 1967 nochmals geschehen war. Ihn motivierte die Suche nach einem besseren Leben. Entschuldigungen vorzubringen und Rechtfertigungen zu konstruieren, war nicht so schwierig, aber offen und ehrlich zu sein, war auch nicht so einfach. Als sein Sohn beschloss, wegzugehen und in Großbritannien seine Ausbildung fortzusetzen, diskutierte Naîm nicht groß mit ihm. Eigentlich habe ich ihn nicht in die Schule geschickt, damit er mich dann allein lässt, dachte er, und hätte ihn gerne bei sich behalten. Der Junge sprach von der Zukunft, vom Zug, den man nicht verpassen dürfe, vom Leben, das er erträumte. Er sprach von nichts anderem mehr als von seinen Zielen. Naîm erwartete schon gar nichts anderes mehr aus seinem Mund. Ihm kam das Gerede seines Sohnes egoistisch, ja sogar egomanisch vor. Wir haben ja alle immer eine Neigung zu hehren Worten und Phrasen, um unsere Mängel und Fehler zu beschönigen. Aber Naîm ließ sich nicht täuschen. Nur seinem Sohn das direkt ins Gesicht zu sagen, dazu war er nicht imstande. Er wollte seiner Zukunft nicht im Wege stehen. Nach zwei Jahren in Großbritannien kam er für ein Jahr nach Gaza zurück. Dann erklärte er, in Italien seinen Doktor machen zu wollen. Das war sein Traum, lernen und lehren und reisen, reisen, reisen. Naîm gab seine Zustimmung. Anfangs kam Salmân noch jeden Sommer auf Besuch, blieb einen knappen Monat und ging dann wieder zurück an seine Universität. Nach Abschluss des Doktorats in Florenz erhielt er eine Anstellung am Institut und blieb dort. Auch dafür fand er zahlreiche gute Gründe, die immer mit seiner akademischen Zukunft zu tun hatten. Die Erfahrungen von dort könnten ihm später nützlich sein und würden seinen Lebenszug voranbringen.
Naîm machte sich seine Gedanken über diesen „Lebenszug“. Ihm kam er vor wie eine Dampfwalze, die alle künftigen Gelegenheiten, ihn in die Arme zu schließen, zermalmte. Ein schöner Zug, aber fuhr er nicht am Glück aller Angehörigen vorbei? Nein, seine Schienen halfen der kleinen Familie nicht, wieder zusammenzukommen. Sogar der alljährliche Besuch war während der vergangenen drei Jahre nicht mehr möglich gewesen, weil der Übergang bei Rafach im Süden des Gazastreifens dauernd geschlossen war und Salmân befürchtete, einmal in Gaza, nicht mehr hinauszukommen. Und so wurden aus den Besuchen „Hallos“. Aber Naîm hatte seinem Sohn deshalb nie Vorwürfe gemacht oder gar von ihm verlangt, seine Träume an den Nagel zu hängen. Im Gegenteil, er bestärkte ihn in seinen Wünschen. Und vielleicht hatte der Vater sogar dazu beigetragen, den Zug der Träume in Bewegung zu halten. Er konnte nicht anders. Was Âmina wohl getan hätte? Er wusste es nicht, es war ein nutzloses Gedankenspiel.
Über Sohas Lebensweg dagegen hatte es bei Âmina von klein auf nie einen Zweifel gegeben. Sie würde ihr Glück niemals in der Wissenschaft finden. Doch dass die Tochter heiraten und dann mit ihrem Mann in die Fremde, nach Saudi-Arabien, ziehen würde, wo der Schwiegersohn bei einem Bauunternehmen arbeitete, damit hatte die Mutter nicht gerechnet. Trotzdem war Soha ein gutes Mädchen. Jedes Jahr schickte sie zum Todestag der Mutter ihrem Vater etwas Geld, damit er für die Seele der lieben Verstorbenen ein Lamm schlachten und das Fleisch an die Armen im Lager verteilen konnte. Auf dem Familienfahrplan, den Âmina entworfen hatte, stimmte kein Weg mehr. Es war auch nicht mehr möglich, ihn anzupassen. Nur ein Wunder könnte alles verschieben und die Welt um ihn herum neu ordnen – ein unwahrscheinliches Wunder, das nur mit Hilfe anderer Wunder möglich wäre. Doch Naîm glaubte nicht mehr an Wunder. Das war vorbei. Vor seiner Geburt hatte seine Mutter Aischa sich für ihr Kind eine schöne Zukunft ausgemalt und große Träume geträumt. In die Regierungsschule sollte der Junge gehen, danach an die arabische Fakultät in Jerusalem, vielleicht sogar auf die Universität von Kairo. Er würde Medizin oder Jura studieren, nur diese beiden Fächer kamen infrage. Welches, das sollte er selbst entscheiden. Sie wollte ihm auf dem Stück Land im Manschîja-Viertel, das sie von ihrem Vater geerbt hatte, ein Haus bauen. Während der gesamten Schwangerschaft hing Aischa diesen Träumen nach, neun Monate lang, bis sie am Felsen des Krieges zerbarsten.
Für Naîm war es Zeitverschwendung, Wunder zu erwarten. Welches Wunder könnte schon Sâlim aus dem Gefängnis befreien? Welches Salmân davon überzeugen, dass es in diesem Land wirklich etwas gibt, für das es sich zu leben lohnt? Welches Soha mit ihrem Mann zurück nach Gaza bringen, um hier ein richtiges Leben aufzubauen? Welches seine Brüder wieder ins Land holen? Die Liste war lang und hätte eine ganze Serie von Wundern verlangt, die zu erleben ihm sicher nicht vergönnt war.
So blieb nur Samar. Dass sie noch da war, war nicht ihre eigene Entscheidung, sie war ja noch jung.
Doch nun versuchte er alles, um sie auf dem Familienfahrplan zu halten, den Âmina entworfen hatte. Das Mädchen war immer gern zur Schule gegangen und wollte weiterlernen. Sie studierte Jura im ersten Jahr. Eigentlich hätte sie gern im Ausland Zahnmedizin studiert, doch da hatte Naîm dekretiert, er wolle sie hier bei sich haben, und Samar hatte, um ehrlich zu sein, kaum Widerstand geleistet. Sie hatte die Frage nicht einmal klar formuliert. Nachdem die Endresultate der Oberschule bekannt gemacht waren – Samar hatte neunzig von hundert Punkten erhalten – hatte Salmân aus Florenz angerufen, um ihr zu gratulieren, und ihr angeboten, sie solle doch nach Italien kommen und in Florenz studieren. Er könne für alle Kosten aufkommen.
Als sie ihrem Vater am Abend den Tee servierte, versicherte sie, sie werde ihn niemals verlassen. Er wisse, dass sie gern gehen würde, sie brauche das nicht zu leugnen, erwiderte er, während er ins Teeglas pustete. Aber er wolle nicht, von allen verlassen, allein zurückbleiben. Das war das einzige Mal, dass er, wie man so sagt, „den Löffel bewegte, um beim Kochen mitzuwirken“. Er wusste genau, dass es ihr schwerfiel zu bleiben. Sie ließ sich jedoch nichts anmerken. Erzählte ihm nur begeistert von der Universität, von ihren Dozenten und von ihrem Traum, eine Staranwältin zu werden, die, ohne Honorare zu verlangen, die Armen vor Gericht verteidigte. „Und von was willst du leben?“ „Natürlich von den Honoraren, die ich den Betuchten abnehme.“ Sie hatten beide gelacht.
Doch Naîm machte sich nichts vor. Das konnte nicht alles sein. Es war nicht das Leben, das er und Âmina sich erträumt hatten, als sie sich zum ersten Mal aussprachen, bevor er, am Neujahrstag 1970, seine Mutter bat, für ihn um Âminas Hand anzuhalten. Dass Âmina und er zusammenkamen, war ein gewaltiges Wunder, wie es die Zeit seither nicht mehr gewährt hatte. Viele Träume hatten sich zurückgezogen, noch mehr Hoffnungen hatten sich auf die Liste der Enttäuschungen und Frustrationen verschoben. Auf dem morgendlichen Weg zu seiner Werkstatt dachte Naîm über all das nach. Dann lächelte er. Immerhin war es ihm ja noch vergönnt, sich an diese Träume und Hoffnungen zu erinnern.
Zwischen den Dächern hindurch spielte die Sonne mit seinen Augen. Er wischte sich mit der Hand übers Gesicht und ging weiter zu seiner Werkstatt. Die Hauswände waren voller Graffiti. Sie reichten von Heldenlob, Schmähung und Beschimpfung bis hin zu Flirtereien, Herzbildchen und Cupido-Pfeilen, die junge Burschen für irgendwelche Mädchen auf dem Schulweg gekritzelt hatten. Am Ende der Gasse gab es einen weithin sichtbaren Slogan, zum zwanzigsten Jahrestag von Sâlims Einkerkerung, einen anderen zur Erinnerung an den jungen Schâdi, dessen Blut nicht nutzlos vergossen sei. So hieß es da. Naîm lächelte, als er den Segensspruch las, der ihn bei seiner Rückkehr von den heiligen Städten willkommen hieß. Im vergangenen Jahr hatte er die Pilgerfahrt unternommen, eine Reise, auf die Âmina ihn immer begleiten wollte.
Auf der anderen Seite der Gasse klopfte Onkel Jûssuf mit seinem Stock auf die Erde. Dieser Onkel Jûssuf war wohl die auffälligste Figur im Viertel: ein schlanker Riese mit einem sympathischen Gesicht und einem kerzengeraden Gang. Er hätte das Zeug zum Filmstar gehabt, doch die Verhältnisse waren nicht so. Naîm trat zu ihm. Onkel Jûssuf war, wie jeden Morgen, auf dem Weg ins Café in Gaza. Dort würde er vielleicht zwei Stunden sitzen und danach ins Lager zurückkehren. Das tat er seit mehr als vier Jahrzehnten. Onkel Jûssuf genoss das Leben in vollen Zügen; er liebte es wirklich. Von seinem Vater hatte er einen Krämerladen geerbt und diesen zu einem ansehnlichen Supermarkt ausgebaut. Zusätzlich kaufte und verkaufte er Häuser im Lager, eine Tätigkeit, die er auf die ganze Gegend ausweitete. Doch er blieb im Lager, wo er fünf nebeneinanderstehende Häuser hatte einreißen und sich dafür eine Art Villa hatte hinstellen lassen. Keiner der zahlreichen Kriege gegen Gaza konnte Onkel Jûssuf etwas anhaben – so sah es wenigstens nach außen hin aus. Einer seiner Söhne war von Beginn an ein hohes Tier in der Verwaltung. Nach den Wahlen von 2006 und der Bildung der Regierung stieg ein weiterer zu Rang und Würden auf.
Onkel Jûssuf lächelte. „Komm! Gehen wir eine Wasserpfeife rauchen bei Euro“, schlug er vor. Als Naîm den Kopf schüttelte, zog Onkel Jûssuf eine Zigarette heraus und bot sie ihm an. Doch auch jetzt lehnte Naîm dankend ab. Seine erste Zigarette hatte er sich an dem Tag genehmigt, an dem Âmina Sâlim gebar. Rastlos wanderte er damals vor dem Kreißsaal in der Krankenstation der UNWRA hin und her, hastete dann auf den Hof, hinaus auf die Straße und wieder zurück. Die Angst zerfraß ihn förmlich, und da akzeptierte er die Zigarette, die ihm ein junger Mann anbot, der, auch er in Erwartung, Vater zu werden, ebenso nervös war – und zog den Rauch tief in die Lunge. Der Gedanke, etwas könnte schiefgehen, entsetzte ihn. Sein bisheriges Leben hatte ihn Angst und Verunsicherung gelehrt. Dann hörte er den Schrei eines Neugeborenen. Sein Blick traf auf den des anderen Mannes. Es musste das Kind eines von ihnen beiden sein. Als die Hebamme herauskam und „Herzlichen Glückwunsch!“ rief, ging Naîm in eine Bäckerei, besorgte ein großes Blech mit Kunâfa und lud die Ärzte, die Krankenschwestern und die Hebamme ein, die Köstlichkeit mit ihm zu teilen.
Onkel Jûssuf hatte ihm schon tausend Mal vorgeschlagen, die altmodische Werkstatt aus dem Lager hinaus zu verlegen, sie zu erweitern und eine richtig große Druckerei daraus zu machen. „Etwas, mit dem man Geld verdienen kann“, erklärte er. „Ich werde dir helfen.“
Doch Naîm ließ sich nicht überzeugen. Er ziehe die Arbeit im kleinen Rahmen vor. So sei er sein eigener Herr. Eines Abends hatte ihm Onkel Jûssuf auf einem Stück Papier skizziert, wie er sich die neue Druckerei vorstellte. Sie müsse in der Nähe einer Universität stehen und den Studenten in einem Laden anbieten, was sie brauchten: Lehrbücher, Schreibmaterial, Geschenke. „Ich will nur deinen Sachverstand, für den Rest sorge ich selbst.“ Onkel Jûssuf verfügte über ein klares Händlergehirn und ein umfangreiches Beziehungsnetz. Die hohen Tiere in der Regierung gaben sich bei ihm die Klinke in die Hand und suchten in vielem, was das Lager anging, seinen Rat. Auch Scheich Hassan, der Imam der Großen Moschee, und schon dessen Vater, Scheich Rijâd, behandelten ihn mit großem Respekt. Bevor es die Selbstverwaltung gab, kam sogar der Militärkommandant regelmäßig vorbei, um ihm ein schönes Fest zu wünschen. Und wegen seiner Handelstätigkeit hatte Onkel Jûssuf nie Schwierigkeiten, eine Reisebewilligung zu erhalten, auch nicht in Zeiten größter Spannung. Das gab ihm die Gelegenheit, seine Cousins zu besuchen, die in Jaffa geblieben waren. Für Onkel Jûssuf war das Leben leicht, kein Hindernis war unüberwindlich.
Die beiden Männer standen eine Weile zusammen. Onkel Jûssuf erkundigte sich nach der Druckerei und „nach dem Jungen, der im Gefängnis sitzt“ und „demjenigen, der im Ausland ist“. Er klopfte Naîm auf die Schulter und dankte für den Vorschlag, einen Tee bei ihm zu trinken. Er werde auf dem Heimweg in etwa zwei Stunden vorbeischauen. Inzwischen werde er selbst, erwiderte Naîm, an der wöchentlichen Mahnwache beim Roten Kreuz teilnehmen. „Also bis später“, sagte Onkel Jûssuf lächelnd und ging weiter zum Ende der Gasse, wo ihn ein Taxi aufnahm. Naîm lehnte sich an die Wand gegenüber dem Eingang der Druckerei und schaute zum Himmel hinauf. Die Sonne hatte schon ihre volle Kraft entwickelt. Er beobachtete noch, wie Onkel Jûssuf in das Auto stieg und fortfuhr. Völlig selbstvergessen stand er da und spürte, wie die Hitze des Tages durch seinen Körper zog.
Das Tor der Werkstatt verlangte, aufgeschlossen zu werden. Ein neuer Tag sollte beginnen. Es gab aber nichts Neues. Nichts Aufregendes, das das Leben farbiger machen könnte. Alles war wie immer. Er würde tun, was er schon gestern, was er auch schon vorgestern getan hatte, was er vor einem Monat, vor einem Jahr, vor zehn oder vor zwanzig Jahren getan hatte. Nichts Neues. Er wird das Tor der Druckerei aufschließen und seine Arbeit beginnen. Er wird Aufträge erfüllen, die er von Kunden erhalten hat. Am Mittag wird er nach Hause gehen, um etwas zu essen, danach einen Tee trinken. Den Rest des Tages wird er in der Druckerei verbringen. Bei Sonnenuntergang wird er seine Arbeit beenden. Am Abend wird er sich vielleicht auf seinen Stuhl vorne in der Gasse setzen, möglicherweise in Gesellschaft von ein paar Männern aus dem Viertel, und vor dem Schlafengehen noch eine Weile mit Samar plaudern. So beginnen seine Tage, und so enden sie.
