Leben ist nicht schwer - Baptiste Beaulieu - E-Book

Leben ist nicht schwer E-Book

Baptiste Beaulieu

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Beschreibung

»Umwerfend komisch, tief bewegend« Pozzo di Borgo, Autor von ›Ziemlich beste Freunde‹ Liebenswerte Hypochonder, experimentierfreudige Liebespaare und cholerische Chirurgen sind die Helden dieser wahren Geschichten. Baptiste Beaulieu, ein junger Arzt, erzählt mit viel Witz, Charme, und einem Ziel: seiner Lieblingspatientin auf Zimmer 7 ein Lächeln auf die blassen Wangen zu zaubern. Ein Buch über die existentiellen Momente des Menschseins – einfühlsam und klug.

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Seitenzahl: 327

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Baptiste Beaulieu

Leben ist nicht schwer

Roman

 

 

Über dieses Buch

 

 

Baptiste Beaulieu, ein junger Arzt, steppt leichtfüßig durch die Flure eines Krankenhauses und erlebt dabei die absurdesten und bewegendsten Geschichten. Seine schwerkranke Lieblingspatientin, die Feuervogelfrau, will ihren Sohn ein letztes Mal sehen. Der aber steckt irgendwo auf Island fest. »Solange sie zuhört, ist sie am Leben«, denkt sich Baptiste, und beginnt, seine irrwitzigen Geschichten aufzuschreiben. Seine Kollegen tun es ihm gleich und es entsteht ein berührendes Manifest der Menschlichkeit, des Trostes und der Lebensfreude. Baptiste Beaulieu zeigt uns, dass Geschichten uns am Leben halten und auch in den schwersten Momenten Leichtigkeit schenken. Ein Mut-mach-Buch. Lustig und lebensklug.

 

»Ein großartiges Buch über das Leben. Beaulieu erzählt die drastischsten, tragischsten und absurdesten Geschichten aus dem Klinikalltag, voller Würde, Humor und sprachlicher Kreativität.« Kristof Magnusson

 

»Ein Plädoyer für die Menschlichkeit. Lustig, gefühlvoll, tragisch.« Le Monde

 

»Eine lebendige, zärtliche, kraftvolle Geschichte.« Le Figaro Littéraire

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Abbildung: Juan Terol / Age Fotostock und Plainpicture / E.Coenders

 

Erschienen bei FISCHER Taschenbuch

Frankfurt am Main, Mai 2015

 

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel

›Alors voilà. Les 1001 vies des Urgences.‹ bei Les éditions fayard, Paris

© Libraire Arthème Fayard, 2013

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015

 

Satz:

Druck und Bindung:

Printed in Germany

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-403094-4

 

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Inhalt

Vorwort

Tag 1

7 Uhr, auf einem Flur der Notaufnahme.

Kurz vor 8, im Fahrstuhl.

8 Uhr, oben, vor Zimmer 7.

Kurz vor 9 Uhr, oben.

10 Uhr, Box 4, unten.

11 Uhr, hastiges Mittagessen mit Lea, genannt Tupfer

13 Uhr, unten.

Kurz vor 17 Uhr, in meinem Kopf.

17 Uhr, unten, Box 5.

18 Uhr, unten, Box 3.

Kurz vor 19 Uhr, Box 2.

19 Uhr, unten, Box 4.

Kurz vor 20 Uhr, im Fahrstuhl.

20 Uhr, oben, Zimmer 7.

Kurz vor 21 Uhr, oben.

21 Uhr, oben, auf dem Sprung.

21 Uhr, auf dem abschüssigen Weg zum Wohnheim.

Tag 2

Kurz vor 8 Uhr, auf dem Weg zum Krankenhaus.

8 Uhr, im Eingangsbereich des Krankenhauses.

Vor 9 Uhr, unten, viele aufgeregte Menschen um eine Krankenliege herum.

9 Uhr, unten, Box 3.

10 Uhr, oben, Zimmer 7.

Kurz vor 11 Uhr, bei meiner Ankunft in der Notaufnahme.

11 Uhr, Unten.

Mittags, unten.

Kurz vor 13 Uhr, unten.

13 Uhr, oben, Zimmer 7.

Kurz vor 15 Uhr, in meinem Kopf.

15 Uhr, unten.

Kurz nach 15 Uhr, Loge 3.

16 Uhr, immer noch unten.

19 Uhr, oben.

21 Uhr, oben.

Tag 3

6 Uhr morgens, im Wohnheim.

7 Uhr Morgens, Aufstieg zum Krankenhaus.

Kurz nach 7, oben.

Zur selben Zeit macht sich ein Rettungswagen auf den Weg.

Kurz vor 8, oben, Zimmer 7.

9 Uhr, unten.

10 Uhr, Überwachungsstation.

11 Uhr.

12 Uhr, unten.

14 Uhr, unten.

18 Uhr, Tupfer, Loge Nr. 4.

19 Uhr, unten.

20 Uhr, im Fahrstuhl.

Kurz nach 20 Uhr, oben.

Tag 4

Kurz vor 8 Uhr, vor dem Gebäude.

8 Uhr, in der Notaufnahme.

Kurz nach 8 Uhr, unten.

9 Uhr, unten, Box 5.

10 Uhr, unten, Logen 6 und 3.

11 Uhr, im Fahrstuhl.

Mittag, oben, Zimmer 7.

Momentaufnahme: 13 Uhr, im Krankenhaus. Unten, Loge 5.

Erdgeschoss, Amelie.

Chirurgische Abteilung, zweiter Stock, Küken.

Zweite Etage, Anabelle, Gastroenterologie.

Oben, Zimmer 7.

14 Uhr, oben, Zimmer 7.

15 Uhr.

20 Uhr, oben, Zimmer 7.

Kurz nach 20 Uhr.

Tag 5

Kurz vor 8, im Wohnheim.

8 Uhr, im Krankenhaus, oben.

Kurz vor 9 Uhr, Zimmer 7.

9 Uhr, oben.

Kurz nach 9 Uhr, unten, Box 4.

10 Uhr, unten.

11 Uhr, Box 2.

13 Uhr, unten.

18 Uhr, unten, Box 4.

19 Uhr, unten.

Kurz vor 20 Uhr, unten, im Behandlungszimmer.

20 Uhr, unten, in meinem zerbeulten Löwenkopf.

21 Uhr, unten.

Kurz nach 21 Uhr, Zimmer 7.

22 Uhr, im Wohnheim, unter der Dusche, mit der Maske.

Kurz nach 22 Uhr, im Wohnheim, in unserem Esszimmer.

23 Uhr, im Wohnheim.

23 Uhr, oben.

Mitternacht im Wohnheim.

Irgendwann in der Nacht, im Wohnheim.

Sechster Tag

Sechste Nacht: Nachtschicht

17 Uhr, beim Betrachten des Krankenhauses.

17 Uhr, Ambulanz.

18 Uhr, oben.

Kurz vor 19 Uhr, Zimmer 7.

19 Uhr, unten.

20 Uhr, unten, Box 6.

21 Uhr, unten, Box 3.

Kurz nach 21 Uhr, in meinem Kopf.

22 Uhr, Box 4.

Kurz vor 23 Uhr, in meinem Löwenkopf.

23 Uhr, unten, Box 4.

Kurz nach 23 Uhr, Box 4.

Kaffeepause, mitten in der Nacht.

1 Uhr, unten.

Kurz nach 1, unten, Rettungseinsatz, Chef Wikinger und Anabelle.

2 Uhr, oben.

Eine Woche zuvor, Zimmer 7.

2 Uhr, unten, Box 1.

Kurz vor 3, im Krankenhaus, mitten in einer dunklen, schlaflosen Nacht.

3 Uhr, bei uns.

4 Uhr, unten.

5 Uhr.

6 Uhr, Behandlungszimmer in der Notaufnahme.

Kurz nach 6 Uhr, in meinem Kopf.

8 Uhr, unten.

8 Uhr und 7 Minuten, oben.

Tag 7

8 Uhr und 56 Minuten, vor der Notaufnahme, mit Anabelle.

8 Uhr und 57 Minuten, unten, Chef Wikinger beendet seine Schicht.

8 Uhr und 59 Minuten, im Erdgeschoss.

Erster Stock, Ambulanz, die unfehlbare, perfekte Amelie.

Im Fahrstuhl.

Zweiter Stock, Küken.

Im Fahrstuhl.

Dritter Stock, ein beliebiges Krankenhausteam: ein Arzt, ein Pfleger, eine Pflegehelferin.

Im Aufzug.

Vierte Etage, Tupfer.

9 Uhr, Fünfter Stock.

9 Uhr, 13 Minuten, oben, Zimmer 7.

9 Uhr 24, oben.

9 Uhr 32, oben.

9 Uhr, 37 Minuten.

9 Uhr 42 Minuten 7 Sekunden.

9 Uhr 45 Minuten 7 Sekunden.

9 Uhr 45 Minuten 7 Sekunden.

Danksagungen

Vorwort

Die Konsultationen und Anekdoten, von denen ich hier berichte, sind wahr: Sie sind geschehen und geschehen Tag für Tag in unseren Krankenhäusern. Natürlich habe ich die Namen der Personen geändert (je nachdem, wie es mir gerade in den Sinn kam), ebenso das Alter (ich bin ein echter Gentleman – die Männer mache ich älter und die Frauen jünger) und das Geschlecht (alle Frauen, die in dieser Geschichte schwanger sind und/oder ein Kind gebären, sind in Wirklichkeit Männer!).

Meine schlimmsten Patzer habe ich alle meinen Kollegen angedichtet …

Auch wenn ich die Geschichte in der ersten Person erzähle, ist es nicht meine persönliche Geschichte, sondern ich wurde durch die Arbeit von mehreren meiner Freunde, die sich um schwerkranke Patienten kümmern, dazu inspiriert. Ich bin in ihre Haut geschlüpft, habe mich in sie hineinversetzt und ausgedrückt, was sie fühlen.

Die Pflegehelfer, Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger und Assistenzärztinnen, von denen ich erzähle, gibt es wirklich – ich hatte das riesige Glück, mit ihnen zusammenarbeiten zu dürfen.

»Und du gehst ein in diese Nacht, ein Umriß nur

Unwillentlich dir gleich.

[…]

Du hast keine Kleider mehr, hast nichts

Hast nur deinen Leib noch, der du bist.«

Fernando Pessoa, Initiation

 

»Der Himmel grollte,

und die Erde antwortete ihm.

[…]

Wo läufst du hin, Gilgamesch,

als die Götter die Menschheit erschufen,

teilten den Tod sie der Menschheit zu!«

Anonym: Das Gilgamesch-Epos

 

»Wenn man Leute zu einer Party einlädt, die alle dieselbe

Blutgruppe haben, ihnen aber nichts davon sagt, dann

werden sie sich über was anderes unterhalten.«

Jean-Claude Van Damme

 

Für A.: Du lebst in mir weiter.

Für meine Eltern, die den langen Winter über

an meiner Seite waren.

Für jene, die liegen, und jene, die ihnen helfen,

wieder aufzustehen.

Tag 1

All along the watchtower, Bob Dylan

7 Uhr, auf einem Flur der Notaufnahme.

Ich hasse es, wenn mein Tag mit einem Selbstmordversuch beginnt.

Frau Dido hat aus einer Schachtel 14, aus einer weiteren 9 und aus einer dritten Schachtel 8 Tabletten geschluckt.

Zwei Tage später ist sie wieder aufgewacht und hatte einen Riesenkater. Ihre Schwester hat sie geohrfeigt und den Notarzt gerufen.

Die ersten Testergebnisse bestätigen: Sie wird weiterleben. Mit stark geschädigter Leber und gegen ihren Willen, aber sie wird weiterleben.

Sie ist in ihrer Box, weint und starrt die weiße Wand an. Was sie dort sieht, ist mir schleierhaft, aber ihr Blick hängt daran wie ein nagelneuer Klettverschluss.

Ich betrete den Raum:

»Ich hab’s vermasselt«, sagt sie zur Begrüßung.

Ich erkläre ihr, dass das Gegenteil der Fall ist, denn sie ist am Leben.

»Sie verstehen das nicht.«

»Das stimmt, ich verstehe es nicht, aber ich kann Ihnen eine Geschichte erzählen.«

Da ich von der gestrigen Party noch etwas mitgenommen bin, ziehe ich mir einen Stuhl heran und stütze mich auf die Patientenliege, als wäre es der Tresen einer Kneipe mit dem Namen: Café Maxence, Café zur letzten Chance.

Und dann erzähle ich ihr die eine Geschichte, die große, die schöne Geschichte, die ich jedes Mal hervorkrame, wenn mein Weg als Arzt den Weg eines Selbstmordkandidaten kreuzt.

 

»Vor einiger Zeit habe ich ein Praktikum bei einem Allgemeinarzt gemacht. Doktor Krake. Ein schrecklicher Mensch, Sie würden ihn verabscheuungswürdig finden. Da kommt Herr Lazarus zu uns in die Sprechstunde, er sitzt im Rollstuhl. Sein Gefährt ist zu breit für die Eingangstür, also nimmt er den Hintereingang. Eine Routineuntersuchung, wir ziehen ihn aus. Sein linker Arm ist mit dem Oberkörper verwachsen. Er kann die Beine nicht mehr ausstrecken, durch das Narbengewebe an den Oberschenkeln werden sie in einer angewinkelten Position gehalten, die fürchterlich aussieht. Sein Körper ist ein von Narben entstelltes Schlachtfeld. Er sieht völlig verbogen aus, übersät mit vernarbten Brandwunden dritten Grades. Ich muss an das Bild einer geschmolzenen Kerze denken. Kein Teil ist vom Feuer verschont geblieben, am wenigsten der Docht: Sein Gesicht scheint zu zerfließen, die rechte Wange sieht aus wie hinuntertropfendes Wachs. Aber sein verstümmelter Mund lächelt dennoch die ganze Zeit über. Er erzählt von seinen Plänen, von seinen jüngsten Reisen, von seiner neuen Freundin, die schwanger ist. Sie bekommen ihr erstes Kind. Er freut sich wie verrückt darauf, Eimer mit blauer oder rosa Farbe zu kaufen. Rosa wäre ihm lieber, aber ein kleiner Junge wäre auch ein wundervolles Geschenk.

Ich schaue mir diesen vom Feuer gezeichneten Mann an. Ich sehe ihm zu, wie er sein Leben lebt, voller Begeisterung und Freude. Ich verstehe es nicht. Ich muss irgendetwas übersehen haben. Dann geht der Patient wieder. Der gute Doktor Krake dreht sich zu mir um:

›Jetzt rate mal, wie er sich das zugezogen hat!‹

Das: Eine starke Untertreibung, um die Verwandlung eines gesunden Körpers in einen Lavastrom zu beschreiben.

›Das war vor vier Jahren. Er hat Benzin in den Innenraum seines Autos geschüttet und ist gegen eine Mauer gefahren. Er wollte sterben.‹«

 

Frau Dido hört mir zu.

»Als ich diesen Mann sah, war er glücklich.«

Ich lasse diesen einen Satz im Raum stehen, ohne noch etwas hinzuzufügen. Ich ziehe meinen Ellenbogen vom Tresen und gehe, ohne zu zahlen. Ich schiebe meinen Hocker zurück, verlasse das Café Maxence, Café zur letzten Chance, und lasse an der Stelle, wo ich eben noch gesessen habe, eine Kellnerin mit großen, traurigen Augen zurück.

Ich habe zwar nicht viel im Leben, aber dafür habe ich ein paar Geschichten. Mir begegnen Menschen, die im Bett liegen oder im Rollstuhl sitzen, Leben, die meiner Menschlichkeit Fragen stellen. Und weil ich kein Egoist bin, teile ich diese Fragen mit anderen Patienten. Ich nehme die einzelnen Geschichten und Schicksale und verstricke sie miteinander.

Kurz vor 8, im Fahrstuhl.

Ich mache einen kurzen Abstecher in den fünften Stock, um die Patientin zu besuchen, die auf Zimmer 7 liegt.

Ich streiche glättend über meine zerknitterten Klamotten. Im Krankenhaus trage ich unter meinem Kittel rote Karohemden, wie ein kanadischer Holzfäller. Auf meiner Nase sitzt eine Brille mit schwarzem Rahmen. Ich lasse meinen hellblonden Schnurrbart stehen und meine Stimme gern ein wenig tiefer klingen. So wirke ich eher wie ein Papa und weniger wie ein Junge. Das flößt den Patienten Vertrauen ein.

Das Gefühl, von einem richtigen Arzt behandelt zu werden, macht bereits fünfzig Prozent der Heilung aus. Das ist der Placeboeffekt des Arztes. Da ich mir meiner Fähigkeiten noch nicht so sicher, zum Ausgleich dafür aber nicht ganz blöd bin, verplaceboe ich meine Patienten mit meinem Auftreten als alter Medizinprofessor in spe.

Das ist meine Strategie, um die Schwäche meiner Jugend auszugleichen: Großvaterhemden, schwarze Plastikbrille, die Uncle-Ben’s-Stimme und mein strohgelber Bart (eine schöne Mähne, mit der ich aussehe wie eine erstaunte Katze). Stellen Sie sich einen Löwen vor, ziehen Sie ihm ein rot-grün kariertes Hemd über, und denken Sie sich dann noch Samtpfoten dazu, die durch die Flure steppen. Unter dem Fell müssen Sie sich ein paar sichtbare Äderchen vorstellen – meine Mutter ist Schottin, das hat seine Spuren hinterlassen. Meine Haut kann nicht lügen.

Übrigens sind meine Geschichten alle wahr.

8 Uhr, oben, vor Zimmer 7.

Die Pflegehelferin kommt auf mich zu und teilt mir mit, dass die graue Hautfarbe der Patientin ihr bekannt vorkommt:

»Das ist der nahende Tod, es wird nicht mehr lange dauern.«

Ich beschließe, dass sie sich irrt.

»Du bist noch zu jung«, erwidert sie.

Die Pflegerin heißt Felicitas. Sie hängt den Patienten Steine um den Hals. Aventurin, wenn es um Hautprobleme geht, brasilianischen Achat bei Verstopfung. Sie glaubt daran; manche von den Patienten auch.

Felicitas sieht mich oft in Zimmer 7 hineingehen oder es wieder verlassen …

Gestern hat sie mir einen Topas mitgebracht:

»Gegen deinen Kummer.«

»Eigentlich geht’s mir im Moment ganz gut.«

Sie weiß, wie sehr ich an der Patientin hänge.

Dann hat sie fest meine Schulter gerubbelt, wie sie es immer tut, wenn sie jemanden trösten will, den sie mag.

»Im Moment vielleicht. Aber der Tod kommt, und dann wirst du sie nicht mehr besuchen können.«

Ich betrete Zimmer 7, während Felicitas das von Herrn Theodoro betritt, um seinen Darm zu massieren. Jeden Morgen und jeden Abend massiert sie ihm fünfzehn Minuten lang den Darm. Das tut sie in ihrer Freizeit. Sie fängt deshalb früher an und bleibt abends länger. Niemand hat das von ihr verlangt, aber sie tut es trotzdem.

Herr Theodoro leidet an der Pott’schen Krankheit (und dann hat der Spaßvogel auch noch einen draufgesetzt und multiresistente Staphylokokken hinzugefügt …). Er muss neun Monate lang liegen und darf AUF GAR KEINEN FALL aufstehen, denn sonst würde seine Wirbelsäule entzweibrechen wie ein Zahnstocher. Es würde KRACK machen, und er würde seine Beine nie wieder bewegen können.

Felicitas massiert ihm den Darm im Uhrzeigersinn, wie man es bei Babys macht, sanft und geduldig.

Wenn jemand so lange liegen muss, wird es praktisch unmöglich, dass er einen normalen Stuhlgang hat. Man könnte Abführmittel einsetzen, aber nein: Dank Felicitas’ großzügiger Massage hat Herr Theodoro normalen Stuhlgang.

Theodoro ist ein Wort griechischen Ursprungs. Es bedeutet Geschenk Gottes. Bei solch einem Namen war es unausweichlich, dass er Felicitas begegnet ist: Sie ist ein Geschenk vom Kleinen-Gott-der-Leute-die-nicht-aufstehen-dürfen an Herrn Theodoro.

Als er sie seiner Familie vorstellte, sagte er lachend:

»Das ist sie, die Frau, von der ich euch erzählt habe. Und wisst ihr was? Noch nie habe ich eine Frau SO SEHR geliebt, die SO VIEL Scheiße aus mir rausgeholt hat!«

Felicitas wurde rot, an Komplimente ist sie nicht gewöhnt! Dabei hätte sie welche verdient. Wenigstens jeden Morgen und jeden Abend, fünfzehn Minuten lang.

Felicitas ist vierzig Jahre alt. Pflegehelferin auf der Palliativstation ist sie schon seit Tausenden von Jahren. Wenn Gäste zum Essen kommen und einer von ihnen anfängt, sich über den öffentlichen Dienst aufzuregen, dann erzähle ich immer gerne von Felicitas. Ein guter Grund, seine Steuern zu zahlen.

Felicitas hat eine unerschöpfliche Energie, und sie sieht stets das Gute in jedem Menschen. In meinen Augen ist das eine unauffällige und umwerfende Art von Mut. Sie tritt allem, dem Leben, der Krankheit und dem Tod, mit demselben Schwung entgegen. Wenn sie ihren Wagen durch die Gänge schiebt, gehen hinter ihr ein Warzenschwein und ein Erdmännchen und singen Hakuna Matata.

»Habe ich dir eigentlich schon mal erzählt, dass ich einmal eine Milliardärin gepflegt habe?«

Ja, aber ich flunkere, weil ich solche Geschichten liebe, und diese ganz besonders.

»Nein. Noch nie.«

»Meine Milliardärin hieß Emilie.«

Emilie lebte seit 45 Jahren in Heimen. In den Augen unseres aktuellen Systems war sie – nichts. Sie steuerte keinen Reichtum bei, stellte keine materiellen Güter her, trug nicht zum Wachstum des Bruttoinlandsproduktes bei. Sauerstoffmangel bei der Geburt. Sie war 45 Jahre alt, 45 Jahre eines nichtigen Lebens.

Emilie sabberte. Sie wurde an- und ausgezogen. Sie konnte ein paar Wörter. Wenn man sie vor den Fernseher schob, verstand sie nicht, wie es vor sich ging, dass die Menschen hinter dem kleinen Fenster so schnell auftauchten und wieder verschwanden.

Felicitas hatte zu der Zeit ein Geheimnis: Sie war in der achten Woche schwanger. Niemand wusste davon. Aus Vorsicht wollte sie abwarten, bis 3 Monate um waren.

Eines Tages fiel Emilie in der Dusche hin: »Ich bücke mich, um ihr aufzuhelfen. Sie schlingt die Arme um meine Hüfte, presst ihr Ohr auf meinen Bauch und ruft dann mit einem strahlenden Lächeln: ›Felicitas! Da ist ja ein Baby in deinem Bauch!‹«

Die Pflegehelferin beendet ihre Geschichte mit den Worten:

»Ich weiß überhaupt nicht, was das Wort Reichtum bedeuten soll.«

Aber eines weiß sie genau: Sie hat einmal eine Milliardärin gepflegt.

Ich schreibe die Geschichte in mein Heft, damit ich sie nicht vergesse.

Kurz vor 9 Uhr, oben.

Ein kleiner Raum. Zimmer 7. Die Patientin ist allein. Sie hat keine Angehörigen, bis auf einen Sohn, bei dem man nie weiß, in welchem Flugzeug oder an welchem Flughafen er jetzt wieder steckt.

Neben ihrem Bett, auf dem Nachttischchen, eine laut tickende Uhr. »Damit ich weiß, wie spät es ist«, sagt sie. Aber das Zifferblatt zeigt zum Fenster.

Es gibt einen roten Bilderrahmen mit zwei Fotos. Eine Aufnahme zeigt einen jungen Mann im weißen Kittel. Auf der anderen sieht man die Patientin an einem Strand stehen, sie hält ein braunhaariges Kind im Arm, das eine Muschelkette trägt. Dahinter zwei riesige Türme.

Es ist derselbe Junge. Einmal als Kind, einmal als junger Mann.

An einem Tropf hängt ein Infusionsbeutel: Die Schlange aus Plastik sondert ihr Gift ab. Sie ist mehrmals in sich gedreht, scheint sich in den Schwanz zu beißen, aber dann schlängelt sie sich weiter bis in die dicke, violette Vene an ihrem linken Arm.

Die Wände des Zimmers sind gelb angemalt, im Gegensatz zu denen in der Notaufnahme, die grau sind, als hätte man sie mit Blei bestrichen. Hier ist es sanft und golden. Umso besser.

 

Als ich zur Tür hereinkomme, wettert die Patientin:

»Der Schnee ist schon seit Tagen weggeschmolzen! Das Leben ist absurd: Hier werden die Straßen wieder frei, und woanders sitzt Thomas fest.«

»Wo ist er denn?«

»Ich weiß es nicht! Der ist ja immer auf dem ganzen Erdball unterwegs, dauernd im Flugzeug. Zuletzt war er in Reykjavík und wollte nach New York.«

Sie ballt die Fäuste so fest, dass die Gelenke ganz weiß werden. Ihre Arme enden in zwei harten Rebstöcken.

»Er macht ein Praktikum in einem Krankenhaus auf Island. Das größte Krankenhaus des Landes. Auf der Station für Geburtshilfe. Island … was für eine Idee! Bei uns kann man auch sehr gut entbinden.«

Sie zeigt auf den Fernseher und schleudert die Fernbedienung aufs Bett:

Ein Vulkan mit einem unaussprechlichen Namen ist erwacht. Er stößt so viel Rauch aus, dass die Flugzeuge am Boden bleiben müssen. Lächerlich.

Ich schaue sie an, während sie schimpft. Etwa Mitte fünfzig, sehr helle, grüne Augen, eine Himmelfahrtsnase, ein großzügiger Mund, breit wie ein 16-Zoll-Fernsehbildschirm. Die Farbe ihrer Haare lässt sich nicht erraten, weil sie keine mehr hat. Bevor sie ihr ausgefallen sind, waren sie rot; das ist der Grund, weshalb ich sie die ›Feuervogelfrau‹ nenne. Sie will keine Perücke tragen.

»Wie lange wird es dauern, bis die Flugzeuge wieder starten können?«

»Solange der Vulkan spuckt, hebt kein Flieger ab.«

Sie hat große Angst und macht daraus keinen Hehl. Wenn ihr Sohn nicht da ist, wenn … Wenn sie ihn vorher nicht mehr sieht …

»Spuckt der lange, so ein Vulkan?«

 

Ich bin kein Vulkanologe, sondern Assistenzarzt. Ich wärme mich für einen Langstreckenlauf auf:

– auf Bahn 1: der entfesselte Vulkan;

– auf Bahn 2: der Tod, der mit seiner Peitsche auf die Flanken seines Reittiers schlägt;

– auf Bahn 3: der Assistenzarzt, der mit dem Vulkan und dem Tod Walzer tanzt. Er hat seinen Atem, sein Stethoskop, seine Geschichten. Es gibt keinen Sultan und auch keine Scheherazade: nur den Tod, einen Assistenzarzt und eine Patientin, die auf ihren Sohn wartet.

Diese Gleichung zu lösen ist nicht schwer: Ich werde reden, bis die Flugzeuge wieder abheben, bis ihr Sohn zurückkommt. Die Patientin wird mir zuhören. Solange sie zuhört, ist sie am Leben.

Ich habe einen langen Atem.

Lasset uns also erzählen!

Bis der Krater trocken ist, bis die versperrten Wege auf der Erde und in der Luft wieder passierbar sind.

Lasset uns erzählen!

Lasst uns ihr Leben verlängern, indem wir ihr von den Leben der anderen erzählen.

Von jenen, die liegen, und jenen, die ihnen wieder aufhelfen.

10 Uhr, Box 4, unten.

Ich bin wieder nach unten gegangen, um den jungen Raphaël in Empfang zu nehmen, fünfzehn Jahre, treuer Hundeblick, Sabber in den Mundwinkeln, ein langer Faden Galle, der bis auf den linken Schuh hinabreicht, hin und her schwankender Kopf. Einmal nach rechts, einmal nach links. Die Polizei hat ihn auf der Straße aufgelesen und zu uns gebracht. Raphaël ist sauer auf die ganze Welt, und die ganze Welt schert sich einen Dreck darum. Sogar seine Eltern: »Wir sind im Büro. Soll er halt erst mal ausnüchtern, wir haben die Schnauze voll von seinen Mätzchen.«

Jeder kennt den Slogan der Werbung gegen Alkohol am Steuer: Schau dir mal zu, wenn du zu bist.

Glauben Sie mir, nichts ist erbärmlicher und lächerlicher als ein/e Jugendliche/r im Vollrausch:

»DICH mag ich! Weil DU, du bist echt voll nett. Nicht so wie Kevin oder Frau Pi, meine Mathelehrerin … Dich mag ich echt VOLL gerne …«

»Ist ja gut. Du kannst hier reinkotzen, dann geht’s dir gleich besser.«

Man klopft ihm auf die Schulter und hofft, dass es bald vorbei ist.

 

Das ist der Moment, in dem Chefin Pocahontas ihren Auftritt hat. Warum dieser Spitzname? Weil sie eine Sioux ist. So gerissen, dass man es mit der Angst bekommt.

Sie ist eine kleine, braunhaarige Frau mit einem sehnigen, knochigen Körper. Sie ist eine große Bergsteigerin und wegen all der Gipfel stets außer Atem. Sie liebt die Berge: Da gibt es den Tod, und da gibt es Herausforderungen, die man ergreifen kann. Sie ist so viel darin herumgeklettert, dass ihr Körper mittlerweile hart wie Stein ist. Ihre Ellenbogen und Knie sind wie die Kanten eines ungeschliffenen Diamanten. Die Chefin ist eine Frau, die es mit Dingen aufnimmt, die größer sind als sie. Das tut sie stets mit Überlegung und Intelligenz und überlässt nichts dem Zufall, am wenigsten das Leben ihrer Patienten.

Ob Autounfall oder Herzinfarkt, Schlaganfall, Schusswunde oder Messerstiche, sie wird mit allem fertig. Chefin Pocahontas ist eine winzige Frau, die dem Tod direkt in die Augen blickt und dabei zu sagen scheint: »Ich habe 12 Jahre Studium hinter mir, du Arschloch.«

Chefin Pocahontas ist eine vorausschauende Frau: Sie weiß, dass der/die betrunkene Jugendliche von heute der/die Verkehrstote von morgen sein kann. Aber nicht mit ihr! Wenn sie sich in diesem Zustand befinden, benommen und bemitleidenswert, dann geht sie hin und redet zwei Minuten lang mit ihnen:

»Wo ist dein Handy, Kleiner?«

»Na, in … meiner … Tasche … Urgh! … DICH, dich mag ich!«

Chefin Pocahontas nimmt das Handy und filmt jedes kleine Detail. Sie filmt den verstörten Blick, den Sabber, den Gallefaden, den hin und her schwankenden Kopf. Dann steckt sie das Telefon wieder in die Tasche des Kleinen.

Wenn er oder sie wieder nüchtern ist, wird sein Telefon ihm oder ihr eine schöne Lektion erteilen, die ganz sicher einen stärkeren Eindruck hinterlässt als jede moralische Standpauke.

So viel zum Nutzen von Smartphones in der Sekundärprävention.

Viele junge Leute verdanken Chefin Pocahontas ihr Überleben. Sogar die, bei denen der Tod eigentlich geplant hatte, sie später auf dem Rückweg von der Disco von der Straße zu reißen.

 

Ich habe eine Marotte, eine Frage, die ich traditionell jedem meiner Vorgesetzten stelle:

»Warum hast du Medizin studiert?«

Im Grunde stelle ich diese Frage, weil ich wissen will, wie und warum aus den Menschen Ärzte wurden.

Chefin Pocahontas blickt mich aus ihren grünen, vielsagenden und weisen Augen an.

Es war vor langer Zeit, als sie noch nicht Chefin Pocahontas war, sondern ein pickeliges Mädchen, das sich fragte, wie Martin wohl sein neues T-Shirt findet, und das den Kalender seiner aller-aller-besten Freundin mit rosa Herzchen bemalte.

Die spätere Anführerin der Powhatan versteckt sich hinter einer Mülltonne und zieht an ihrer allerersten Fluppe.

Plötzlich stößt direkt vor ihr ein Auto mit einem Lastwagen zusammen. Erst der Lärm, dann der ganze Rest. Die Chefin spricht nicht über den Rest. Über die Frau in dem Auto, darüber, was sie von der Frau im Auto gesehen hat. Es hat lange gedauert, bis der Notarzt kam, zu lange.

Die Zigarette ist auf der Straße verglüht.

Manchmal beruht ein ganzes Leben voller Kämpfe auf einer einzigen Empfindung, einem ganz bestimmten Augenblick, in dem das Herz eines jungen Mädchens von einem Gefühl unendlicher Hilflosigkeit verwüstet wird.

11 Uhr, hastiges Mittagessen mit Lea, genannt Tupfer

In der Notaufnahme isst man, wann immer es gerade passt: Man weiß nie, wann der nächste Patient hereinschneit. Wie üblich trinkt meine Assistenzarzt-Kollegin ihren Kaffee mit drei Würfeln Zucker:

»Während ich das trinke, denke ich ganz fest an meine Bauchspeicheldrüse. Irgendwann kann ich dann meinen Insulinspiegel mit den Gedanken steuern.«

»Aber das ist trotzdem ganz schön viel Zucker!«

»Nicht, wenn man sehr schnell trinkt.«

Tupfer hat ganz eigene Ansichten, was Ernährung betrifft. Ich habe schon erlebt, wie sie mehrere Stücke Pizza aufeinanderstapelte und das Ganze dann in wenigen Sekunden hinunterschlang.

»Was machst du denn da?«

»Eine Diät: Wenn man die Stücke aufeinanderstapelt wie eine Pyramide, kriegt der Magen es gar nicht mit.«

Sie glaubt, dass sie nächsten Sommer wieder in ihren Badeanzug passen wird, ich bin mir da nicht so sicher.

Ich erzähle ihr von der Patientin auf Zimmer 7.

»Felicitas glaubt, dass es bald vorbei ist.«

Ich mag das Wort Tod nicht. Man stirbt ja nicht, sondern man schwingt sich auf ein regenbogenfarbenes Pony, das mit einem davongaloppiert, und dann reitet man zur Musik von Lucy In The Sky With Diamonds in den Wolken Rodeo.

Wussten Sie das nicht? Wenn man brav ist, wird man von den Beatles ins Jenseits hinüberbegleitet.

Wenn man in seinem Leben ein Halunke war, dann wird man von jemandem in Empfang genommen, der Ein bisschen Spaß muss sein singt.

Ich rede weiter:

»Sie ist so einsam! Sie liest und guckt fern, aber wenn man keinen Besuch bekommt, sind die Tage ganz schön lang.«

Meine Kollegin lächelt und erzählt:

»Neulich hatten wir hier einen Patienten, der von der Inneren kam. Herr Narziss, ein äußerst vielbeschäftigter Mann.

Eine sehr schöne junge Frau meldet sich am Stationsempfang:

›Guten Tag, ich möchte Herrn Narziss besuchen.‹

›Natürlich. Wer sind Sie?‹

›Seine Frau.‹

Seine Frau bringt ihm eine Schachtel Pralinen mit.

Nach einer Stunde lässt seine Frau ihn wieder allein. Am Empfang präsentiert sich eine weitere junge und ebenso hübsche Frau.

›Guten Tag, könnten Sie mir bitte sagen, in welchem Zimmer Herr Narziss liegt?‹

›Und Sie sind?‹

›Seine Freundin.‹

›Eine Freundin?‹

›Nein, SEINE Freundin.‹

›Aahhh …‹

Seine Freundin bringt ihm, rate mal, Pralinen mit.

Dann geht SEINE Freundin.

Am Empfang steht ein junger, ziemlich gutaussehender Mann.

›Hallo, ich möchte gerne zu Herrn Narziss. Ich habe ihm Pralinen mitgebracht!‹

Die Sekretärin wird langsam misstrauisch:

›Sind Sie ein Verwandter?‹

›Sein Lebensgefährte.‹

Aber Überanstrengung war nicht der Grund, weshalb er ins Krankenhaus gekommen ist!«

Vorsichtig werfe ich ein: »Vielleicht Magenprobleme wegen zu viel Schokolade …«

Tupfer zum Lachen zu bringen ist leicht. Wir sind seit drei Monaten Kollegen im Krankenhaus. Ihr Traum ist es, in Afrika für eine Hilfsorganisation zu arbeiten. Sie findet es unerträglich, dass Kinder an Unterernährung leiden müssen. Eins bereitet mir da allerdings Sorgen: Tupfer hat immer irgendwelche fixen Ideen, im Moment ist es das therapeutische Fasten. Das will nicht recht zusammenpassen, wenn man sich um hungernde Menschen kümmern will.

 

»Das kommt aus Deutschland, und es ist total effektiv.«

Das bedeutet aber nicht, dass sie gutem Essen oder den guten Tropfen komplett abgeschworen hätte (um sicherzugehen, stößt sie hin und wieder mit uns an). Ihr Kühlschrank ist voll mit Bier. Ich bin mir nicht sicher: Bedeutet das, dass sie zu viel trinkt oder zu wenig?

Seit dem Tag, als ihre Großmutter das Gedächtnis verloren hat, steht sie jeden Tag vor dem Spiegel und sucht nach Falten und dem allerkleinsten weißen Haar.

Gestern hat sie zu mir gesagt:

»Ich hasse Leute, die vernünftig sind, die machen mir Angst.«

»Warum?«

»Ich bin eifersüchtig.«

Ihre größte Angst ist es, alt zu werden, bevor sie ausreichend gelebt hat.

Kurz vor 17 Uhr, in meinem Kopf.

Was bedeutet es, als Assistenzarzt im Krankenhaus zu arbeiten? Es bedeutet, mit jahrelangen Tabus zu brechen. Kot, Urin, Sexualität, all das, worüber man vorher nicht reden sollte, wird plötzlich zum Thema. Niemand bereitet uns darauf vor, niemand warnt uns davor, dass unser Kontakt mit unseren Brüdern hier unten diese grundlegende Tatsache beinhaltet; nämlich, dass man ihre Körper berühren und sie nackt betrachten wird, ungeschminkt, in Alter und Krankheit.

Man denke sich einen jungen Assistenzarzt. Einen Mann oder eine Frau. Er/sie geht ins Krankenhaus.

Und dort sieht er/sie.

Der Mann sieht die Geschlechtsorgane von Frauen.

Die Frau sieht die Geschlechtsorgane von Männern.

Und wissen Sie was?

Wir stecken Schläuche und Finger hinein.

 

Während ich mit Bertha beschäftigt bin, muss ich an eine Diskussion denken, die ich gestern mit Chefin Pocahontas hatte. Als sie noch Studentin war, musste sie eine vierundachtzigjährige Patientin rektal abtasten.

Nennen wir sie Gloria.

Gloria also … langes, weißes Haar, würdevoll, charmant.

Und sie schämt sich.

Sie schämt sich so sehr, dass sie während der Untersuchung vor Demütigung weint, weil eine Unbekannte, die so alt ist wie ihre Enkelin, ihr den Finger in den Popo steckt.

Diese Geschichte hat mich geschockt. Eine alte Dame, die vor Scham weint …

Dank Bertha weiß ich jetzt, wie ich es hinbekomme, dass die Patienten sich entspannen, selbst wenn ich ihre intimsten Bereiche berühren muss …

Wenn sie sich sehr schämen, genügt es manchmal, den Patienten in die Augen zu blicken und ihnen ein paar grundlegende Wahrheiten zu erläutern:

»Wenn wir an diesen Teil Ihrer Anatomie Hand anlegen, dann nicht, weil wir das gerne machen. Aber was sein muss, muss sein: Wir tun das, weil wir eine Blutung ausschließen wollen, eine Fissur, einen Tumor, eine Entzündung der Prostata etc.« Für jede Handlung im Leben gibt es eine Veranlassung: Das gilt im Besonderen für die rektale Tastuntersuchung.

 

Psst! Achtung! Ich verrate Ihnen jetzt ein Geheimnis: Der Arzt, der Sie untersucht, hat auch einen Anus! Er geht auch jeden Tag zur Toilette! Das konnten Sie natürlich nicht wissen! Nie sieht man Dr. House auf dem Klo sitzen oder Doktor Meredith Grey zu Dr. McDreamy sagen: »Schatz, warte mal, ich muss mal eben einen abseilen.«

 

Der Anus ist nicht schmutzig. Oder doch, entschuldigen Sie, er ist schmutzig. Er ist voller Bakterien. Aber er ist etwas Menschliches. Und das Menschliche ist etwas Großes und Schönes. Schließlich ist der Mensch derjenige, der die Sixtinische Kapelle bemalt, der ein Lächeln auf Mona Lisas Lippen legt oder aus Liebe das Taj Mahal erbaut. Es ist der Mensch, der die Politeia oder die Neunte Sinfonie schreibt, oder das Penicillin und den Impfstoff gegen Tollwut entdeckt.

Ich stelle mir vor, dass Gloria, wenn die junge Chefin Pocahontas ihr das damals gesagt hätte, bei der Untersuchung nicht in Tränen ausgebrochen wäre. Vielleicht hätte sie, ein wunderbares menschliches Wesen, sogar mit stolzgeschwellter Brust ausgerufen:

»Los geht’s, ich bin Gloria, die Glorreiche, eine wundervolle menschliche Kreatur, und ich schäme mich nicht, denn: Mein Anus hat die Mona Lisa gemalt!«

17 Uhr, unten, Box 5.

Ich höre die Krankenschwester meinen Vornamen brüllen. Sie heißt Brigitte, was auf Keltisch stark bedeutet. Namen und Worte, das ist wichtig. Ihr Name passt wunderbar zu ihr.