Leben muss anders gehen - Bärbel Stöckle - E-Book

Leben muss anders gehen E-Book

Bärbel Stöckle

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Beschreibung

Manfred ist auf dem Weg nach Halle, wo er einen Kollegen vertreten soll. Die Fahrt wird sein Leben auf den Kopf stellen, er wird zum Täter werden und eine junge Frau eine Treppe hinunterstoßen. Die Schuld wirft ihn aus der Bahn, doch nicht nur das. In Halle angekommen, wird er auch nicht länger verdrängen können, dass seine Ehe bedrohlich wackelt. Seine Frau reist ohne ihn nach Rom, Manfreds Welt bricht in Stücke. Doch auch er hat sich verliebt …

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Bärbel Stöckle

Leben muss anders gehen

Eine Erzählung über Liebe und anderes Brüchige

Manfred ist auf dem Weg nach Halle, wo er einen Kollegen vertreten soll.Die Fahrt wird sein Leben auf den Kopf stellen, er stößt eine junge Frau die Treppe hinunter. Die Schuld wirft ihn aus der Bahn, doch nicht nur das. Seine Frau reist ohne ihn nach Rom. Und Manfred hat sich verliebt …

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Bärbel Stöckle

Leben muss anders gehen

Eine Erzählung über Liebe

und anderes Brüchige

I. Liebe auf der Strecke

Er hatte sie angefasst. Nur kurz. Nur am Handgelenk. Als sie ihm durchs geöffnete Seitenfenster seines Wagens seine Tasche reichte.

Natürlich war das ein Übergriff. Dieses plötzliche Zuschnappen seiner Hände, als hätten die schon vor ihm gewusst, was da auf ihn zukam. Was ihm da über den Weg lief, ihm bis ins Auto folgte. Ein Arm, ein wunderschöner, leicht gebräunter Arm, der sich mit seiner Tasche in den Innenraum seines Wagens senkte. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte er, er erlebe eine Schlangenbeschwörung, doch dem Arm folgte eine Stimme. Übermütig, da rebellierte jemand, vielleicht auch nur gegen seine Zerstreutheit. Schließlich sei er keine zwei Minuten vorher auf dem Flur mit ihr zusammengestoßen. Ja, das stimmte, da war er kopflos aus dem Büro des Einkaufsleiters geflüchtet. Die Stimme lachte, ein Lachen wie wenn Perlen platzen. Der Einkaufsleiter sei bekannt für seine „freundliche Art“. Manfred musste ebenfalls lachen. Das Lachen riss etwas auf, drang durch das Dickicht seiner Lebensjahre und legte frei, was er selbst die meiste Zeit kaum noch spürte. Leichtigkeit, Wärme, Liebe.

Liebe? Schwer zu glauben, dass es ihn hier auf diesem Parkplatz erwischen sollte. Doch war es ein Einschlag, der ihm urplötzlich klarmachte, wonach er sich sehnte.

Die Stimme konnte er nicht festhalten, aber das Handgelenk. Es war wie ein Zwang, dieses Handgelenk zu umschließen. Es mit beiden Händen festzuhalten, weil es im nächsten Augenblick verschwinden würde. Was für eine Begegnung! Diese Frau kannte er seit einer Ewigkeit. Mit ihr würde er in ein neues Leben aufbrechen, auf der Stelle!

Aber zugleich schämte er sich über seine Hemmungslosigkeit. Dieses Greifen, er versuchte es auf seine Hände zu schieben, als hätten die ein Eigenleben. Aber das war fadenscheinig. Gut möglich, dass sie es ihm übelnahm.

Es war richtig, dass er dann schnell losgefahren war. Sich einzubilden diese Frau habe sich in ihn verliebt! Bloß warum hatte sie die Hand dann nicht sofort weggezogen? Warum hatte sie innegehalten? Und das hatte sie! Hätte er ihre Herzschläge zählen können, wären es mindestens zehn gewesen. Zehn Sekunden, in denen etwas aufhorchte, wartete. Auf ihn?

Dass sich ein menschliches Handgelenk so anfühlen kann! So federleicht.

Und hatte sie dann nicht gewunken?

Das hatte er doch gesehen im Rückspiegel, als er vom Parkplatz fuhr. Ja, sie hatte gewunken. Und das macht man nicht, wenn man auf jemanden böse ist. Warum er darauf nicht reagiert hatte? Warum er einfach weitergefahren war, sie winkend im Rückspiegel? Weil es vielleicht gar kein Winken gewesen war, sondern ein Schimpfen? Schließlich waren Gesten im Rückspiegel nicht zweifelsfrei zu unterscheiden.

Zweifelsfrei war alles, was er sah und dachte nie, schon gar nicht beim Autofahren. Er war seit Stunden unterwegs. Seine Hände kamen ihm seltsam fremd vor. Er spürte sie wie zwei von ihm losgelöste Lebewesen, die eigensinnig vor ihm auf dem Lenkrad hockten. Unheimlich, wie der Tacho wie ein bunt blinkendes Spielzeug durch die einsetzende Dämmerung zu schweben schien. Er wartete darauf, dass er gleich anfangen würde zu rasseln oder zu bimmeln. Es war gefährlich in dieser Verfassung weiterzufahren. Von der Bäckerei, wo er ihr begegnet war, war er inzwischen einige Hundert Kilometer entfernt. Seit Stunden spielte alles nur noch in seiner Erinnerung. Das verpatzte Verkaufsgespräch, sie an seinem Auto. Inzwischen hatte er dieses Aufeinandertreffen so oft in seinem Kopf durchgespielt, dass es sich aus seinem zeitlichen Nacheinander herausgelöst hatte und zu einzelnen, aus der Reihe tanzenden Bildern geworden war, die Manfred, der vom stundenlangen Fahren in einer Art Zwischenreich war, zu schaffen machten.

Wie sie ihn ansah, als sie ihm die Tasche auf den Schoß legte. Wie ihre Arme sich durchs Fenster schlängelten. Wäre er nicht weggefahren, sie wäre eingestiegen. Hatte sie nicht schon die Tür geöffnet? Manfred wischte sich über die Stirn. Wenn es sie denn überhaupt gegeben hatte. Am Ende hatte er sich alles nur erträumt. Weil er seit Stunden im Auto saß, weil er festzufrieren drohte in der Eintönigkeit und nichts tun konnte, außer schauen und auf die anderen Autos aufpassen. Sollte er den Job hinschmeißen, seine Frau verlassen? Er hatte das dringende Bedürfnis, sofort anzuhalten, und irgendwohin zu laufen. Wegzulaufen von allem, was seinen Kopf durchlöcherte wie einen mottenbefallenen alten Lappen. Wie hatte sie ihn denn nun angesehen? Auffordernd? Mitleidig? Entrüstet?

Er wischte sich noch einmal über die Stirn. Aber das Wischen war nicht erfolgreich. Da stand sie schon wieder vor ihm auf dem Flur des Bäckereibüros, ein wenig zerzaust, als sei sie von irgendwoher ganz schnell gelaufen, nur um mit ihm zusammenstoßen zu können. Sie hatte absichtlich vor dem Büro gewartet. Was wäre geschehen, wenn er sie mitgenommen hätte? Hätte er seine Frau Karin für eine Zufallsbegegnung aufgegeben? Für zehn Herzschläge einer fremden Frau? So etwas macht man nicht, er schon gar nicht, er war nicht so einer, der sich mal eben zu so etwas hinreißen ließ. Trotzdem spürte er immer wieder diese Berührung. Diese wunderbare Erschütterung, die immer noch den Rhythmen seiner Zellen eingeprägt war. Dass sich ein Geschehen im Nachhinein noch so entfalten konnte, so auffächern! Als wäre auch die Vergangenheit und nicht nur die Zukunft etwas Offenes.

Und was tat sie jetzt? Dachte sie an ihn? Wäre sie jetzt gerne mit ihm unterwegs? Oder saß sie mit ihrem Freund auf dem Sofa und hatte ihn längst vergessen?

Er jedenfalls war auf dem Weg nach Halle, allein, sie war nicht mitgekommen, so viel stand fest. Halle war die letzte Station seiner Verkaufsfahrt, eine Tour, die er übernommen hatte für einen Kollegen. Zwei freie Tage hatte er geopfert. Inzwischen bereute er das. Sein Zeitplan war im Laufe des Tages völlig durcheinander gekommen. Staus und unpünktliche Einkaufsleiter hatten den ohnehin engen Zeitplan gesprengt. Für den Termin in Halle, den letzten auf der Tour, war er viel zu spät. Der Termin war deshalb auf morgen verschoben worden, er musste in Halle übernachten und deshalb noch einen weiteren Tag für den Kollegen opfern. In einem Hotel am Stadtrand hatte man gerade noch ein Zimmer für ihn bekommen. Dass Halle ausgebucht war, mochte er nicht glauben, eher schien es ihm, als wolle man ihn dort nicht haben. Er wusste nicht warum, aber etwas in ihm wehrte sich, in diese Stadt zu fahren.

Die Autobahn war stark befahren, er fühlte sich bedrängt. Die Autos umringten ihn wie dichtes Unterholz in einem endlosen Wald, durch das er sich einen Weg bahnen musste. Alles war in Bewegung geraten, nicht nur die Autos, auch die Büsche und Bäume am Straßenrand hatten angefangen, sich fortzubewegen, sogar die Häuser neben der Strecke standen nicht mehr still. Manfred erschrak. Die weißen Begrenzungsstreifen rasten an ihm vorbei, als schnitten sie direkt durch seinen Kopf.

War er gerade weggenickt? Er kniff die Augen zusammen. Als könne er so die Müdigkeit wegblinzeln, die Augen wieder scharf stellen und seine Gedanken zur Ordnung rufen. Er sollte nicht mehr fahren, aber es blieb ihm nichts anderes übrig, bis Halle musste er noch kommen. Er massierte sich mit einer Hand den Nacken und versuchte seinen Blick zu lockern, der sich vom eintönigen Schauen an etwas Unsichtbarem festgebissen hatte.

Bloß wach bleiben und nicht am Steuer einschlafen! Das war besonders schwer in der Dämmerung. Seine Augen mogelten sich immer wieder von der Fahrbahn weg und verlangten etwas von dem zu sehen, woran er vorbeifuhr. Er liebte es, im Dämmerlicht zuzusehen, wie es allmählich dunkel wurde, dabei alles noch einmal deutlicher hervortrat. Als ziehe jemand mit einem großen Pinsel über die Welt, übermale ihre Farben, lasse sie noch farbenfroher leuchten und spüle sie im nächsten Moment fort. Das festhalten. Die Farben, die verblassen, die Umrisse, die langsam verwischen und was sich dabei vollzieht. Als Kind hatte er immer davon geträumt das Unsichtbare fotografieren zu können. Sehnsucht kam über ihn, drängte sich durch seine Müdigkeit. Wie oft zu dieser Abendstunde bekam er Angst, das Leben endgültig zu verpassen. An allem nur vorbeizufahren. Vor allem am Unsichtbaren. Das hatte er nicht aufgegeben: nur den Wunsch es fotografieren zu können! Da draußen versteckt in den Bäumen, den Feldern, den Häusern, überall war etwas, das von ihm noch gesehen werden wollte, das Ungekannte, das Geheimnisvolle, das sich noch einmal kurz zeigte in einem Lichtreflex, im Schwanken eines Astes, im Schwingen einer Tür, am raschen Flügelschlag eines Vogels, der zu einem letzten Flug aufbrach, bevor die Nacht ihn verbarg.

Karin hatte kein Gefühl und keine Geduld für so etwas. Früher vielleicht ein wenig, vielleicht ihm zuliebe, weil er so gerne verweilte und die Augen ruhen ließ irgendwo, wo sie gerade hin spazieren wollten, aber jetzt nicht mehr, schon lange nicht mehr tat sie etwas ihm zuliebe. Auf keinen Fall beim Unterwegssein. Nie wollte sie eine Fahrt unterbrechen, zum Anhalten brauchte sie immer einen Grund. In ihren Augen war die Dämmerung nicht mehr als eine Veränderung der Lichtverhältnisse, schön anzusehen, aber auf keinen Fall versteckten sich da Geheimnisse. Geheimnisse gebe es sowieso nicht. Schon gar nicht neben der Autobahn. Und wie sie dann immer genervt war und sich abwendete und irgendeine Zeitschrift nahm und darin blätterte. Manfred verletzte es, dass Karin so darüber dachte. Was es auch sein mochte, dieses Unsichtbare, das man in bestimmten Augenblicken so sehr fühlen konnte, dass es schmerzte, es war da, es war nicht nichts. Es war da und zupfte an einem herum. Hauchte ihn an. Es fehlten ja nur die Sinneswerkzeuge, um es zu erkennen und die Sprache, es zu benennen. Diese so viel schönere Verbindung zwischen dem Auge und den Dingen. Vielleicht das Wichtigste im Leben, diese Augenblicke nicht zu versäumen. Und das kam sogar beim Fahren zum Vorschein. Dazu musste man gar nicht anhalten.

Beim Fahren brachen auch Bilder durch, die man sonst nicht sah. Immer wieder hatte er das erlebt. Wenn sich ein Haus, eine Scheune, eine Fabrikhalle im Sekundenbruchteil eines schweifenden Blickes zu etwas wandelte, zu einem Schauplatz wurde, ein Sonnenstrahl einen Fensterladen aufleuchten ließ, einen Holzbalken oder einen rauchenden Schornstein, selbst wenn man nur daran vorbeifuhr, konnte das hinter den Mauern, den Wänden Ge- und Verborgene nach draußen dringen auch - und vielleicht gerade - in der Schnelligkeit. Karin verstand das nicht. Wollte nichts davon hören. Vielleicht fürchtete sie sich auch vor so viel „Hineingeheimserei“, wie sie es nannte. Er verstand das, es war oft schmerzhaft, etwas nah zu kommen, zu spüren und niemals fassen zu können. Immer nur ein Ahnen, nebulös und unproduktiv. Er war nicht ohne Grund kein Fotograf geworden, der dem Sichtbaren etwas Ungewöhnliches abtrotzt. Etwas wollen, was nicht geht ist peinlich, das wiederholte sie immer wieder mit einer gewissen Genugtuung. Für sie war schon sein Herumschauen oft peinlich, „wie du wieder alles anglotzt“, sie mochte das nicht. Nichts als Spintisieren über eine Fassade, die auf einmal - wer weiß, warum - zu einer himmelblauen Zuckerstange wird. Wegen der Rundung der Balkone? Zuckerstangen? Ja, es verletzte ihn, dass sie seine geschauten Empfindungen so abtat, aber manchmal gab er ihr auch recht. Vielleicht war es das auch. Spintisieren. Spintisieren über Zuckerstangenfassaden war auf alle Fälle dem real existierenden Leben nicht zuträglich. Er hätte mit dem Fotografieren bestimmt keinen Erfolg gehabt.

Jedenfalls brauchte sie etwas Festes, Greifbares. Klare Strukturen und Abläufe, mit denen sie ihre Tage ordnete und abschottete gegen feindselige Empfindungen. Er wollte das akzeptieren. Jeder ist, wie er ist. Aber es gelang ihm immer schlechter. Sie selbst nannte das „lebenspraktisch“. Wie ihm das auf die Nerven ging. Lebenspraktisch, er hasste dieses Wort inzwischen. Karin benutzte es oft in ihren immer häufigeren Streitereien. Dabei war sie das gar nicht. Sie war ebenso unsicher wie er und ebenso voller Angst, nur nahm sie, was sie „das Praktische“ nannte als Geländer, an dem sie durchs Leben ging. Als Krücke! Für sie zählte, das sagte sie oft, was man anfassen konnte, was man nötig hatte, eine behagliche Wohnung, ein paar schöne Dinge.

Aber war das nicht das eigentliche Leben, wie es sich im Unsichtbaren zeigte? Das Leben, das da auf der Anhöhe neben der Autobahn sichtbar wurde, da ging in diesem Augenblick die junge Frau, deren Handgelenk er gehalten hatte, es war ihre Gestalt da zwischen den Bäumen. Sie war zu sehen wie etwas Wehendes, etwas mit ganz viel Luft und Platz um sich herum. Und sie sah ihn und winkte ihm zu. Und einen Moment lang war er sich sicher, dass das die Liebe war, die er in seiner Ehe immer mehr vermisste und dass er umkehren müsse. Nicht länger an allem nur vorbeifahren.

Der schneidende Ton einer Polizeisirene ließ ihn hochfahren. Hoffentlich kein Unfall. Er drosselte sein Tempo und machte sich gefasst auf vor ihm aufblinkende Warnlichter. Vielleicht sollte er doch auf den nächsten Parkplatz fahren. Er konnte keinen Stau mehr ertragen. Die Vorstellung noch einmal inmitten all der Autos stehenzubleiben, trieb ihm Schweißperlen auf die Stirn. Eine leichte Panik ergriff ihn.

Er versuchte, sich zur Ordnung zu rufen. Ein Stau auf der Autobahn war nichts Schlimmes, nichts Bedrohliches. Alles, was man brauchte, war Geduld. Er konnte Musik hören oder Radio, um sich die Zeit zu vertreiben. Er konnte sich entspannen und ausruhen beim Warten. Er musste nichts weiter tun, als gelegentlich ein paar Meter weiterzufahren und auf den Vordermann zu achten und aushalten, dass er sein Ziel noch etwas später als geplant erreichen würde. Eine Sekunde lang schloss er die Augen. Dann trat er auf die Bremse. Vor ihm kam der Verkehr zum Erliegen.

Karin saß mit hochgezogenen Beinen auf dem Sofa und aß vor dem Fernseher Schnittchen. Neben ihr lag eine kleine Decke, auf die sie den Teller gestellt hatte, damit es keine Flecken auf dem Sofa gab. Auch keine Krümel. Sie hasste Krümel auf dem Sofa. Ja, in manchen Dingen war sie eine kleine Spießerin. Sie zupfte an dem Deckchen, als sei das kleine Stück Stoff ihr Verbündeter, der ihr in dieser riesigen Welt beistand. So bist du nun mal. Die feinen Fädchen glitten folgsam durch ihre Fingerspitzen und lockten ein Lächeln auf ihr Gesicht.

Es lief ein Krimi, der sie nicht interessierte. Nur die Gesichter der Schauspieler interessierten sie. Sie waren nicht mehr so schön wie früher in den alten Filmen, aber dafür wirkten sie echter und vertrieben ihr das Gefühl, allein zu sein. Das tat ihr gut. Sie hatte den ganzen Tag mit niemandem gesprochen. Sie hatte das Haus geputzt und am Abend ihren Koffer gepackt. Nun war sie müde und hoffte, bald schlafen zu können. Vor ihr auf dem Tisch lag ein Flugticket nach Rom.

An Manfred versuchte sie nicht zu denken. Er hatte schon mehrfach angerufen. Das erste Mal heute Morgen um 11:00 Uhr. Da hatte sie gerade das Bad geputzt. Ob er etwas ahnte?

Sonst rief er nur abends an, wenn er übernachten musste und sich im Hotel einsam fühlte. Karin stand auf und ging in die Küche, um sich noch ein Stück Brot zu holen. Sie dachte an Rom und wie es da wohl sein würde. Rom - die ewige Stadt. Das Wort „ewig“ ließ ihr einen kleinen Schauer über den Rücken laufen. Schade, dass sie kein Italienisch konnte, auch ihr Englisch war eher kläglich. Aber sie würde schon zurechtkommen. Mit niemandem sprechen zu können, war sie gewohnt, Manfred war oft tagelang unterwegs, manchmal kam er erst an den Wochenenden nachhause, obwohl es gar nicht nötig war, dass er übernachtete. Wahrscheinlich hatte er eine Geliebte. Vielleicht auch mehrere. Warum sonst blieb er im Hotel, wenn er zwei oder drei Stunden nur von zuhause entfernt war?

Wenn er morgen nachhause kam, würde sie schon in Rom sein. Sicher würde ihn das verwirren. Sie sah ihn in das leere Haus kommen und glauben, sie sei einkaufen. Dann würde er den Zettel finden, dass sie in Rom sei. Das hielte er zunächst für einen Scherz, höchstens würde er glauben, sie sei zu ihrer Freundin gefahren. Aber niemals nach Rom! Einfach so und ganz allein. Er würde es lange nicht glauben und nicht begreifen.

Und dann? Würde er versuchen anzurufen? Ihr hinterherreisen? Die Vorstellung Manfred suche sie in Rom, entfachte ein vergessenes Gefühl in ihr. Eine Erregung, verknüpft mit der Hoffnung, ihre Beziehung ließe sich erneuern, sie empfänden beide wieder Freude aneinander, ihre träge gewordenen Herzen begännen wieder zu schlagen, zu fiebern, zu lieben.

Sie holte ein Blatt Papier und einen Stift und begann zu schreiben.

„Lieber Manfred …“,

sofort stockte sie. Sie fand keine Worte, mit denen sie ihn locken könnte. Nur abgedroschene Phrasen. Sie schrieb:

„… ich bin nach Rom gefahren. Voraussichtlich für eine Woche.“

Voraussichtlich zu schreiben machte eigentlich keinen Sinn. Sie hatte ein Rückflugticket. Aber es konnte schließlich sein, dass sie länger blieb. Falls sie in Rom jemanden kennenlernte. Oder nur so, weil es ihr gefiel dort.

„Das Gulasch kannst du dir warm machen. Karin“

War nur der Name, ohne einen Gruß, schon ein Abschied für immer? Würde er den Zettel sehen, nehmen und zerreißen? Wäre das das Ende?

Manfred hatte Glück gehabt. Der Stau hatte sich gleich wieder aufgelöst. Er stemmte sich leicht in die Höhe, um seinen Rücken zu entlasten. Dabei verzog er ein wenig das Lenkrad und der Wagen kam ein Stück nach rechts. Aus dem neben ihm fahrenden Wagen wurde gehupt. Der Fahrer sah wütend zu ihm her.

Bis Halle waren es keine hundert Kilometer mehr. Ein Katzensprung, wenn man ausgeruht war. Aber Manfred war seit dem frühen Morgen unterwegs, er war müde, in seinem Kopf dröhnte es. Er dachte an das Verkaufsgespräch, das er in den Sand gesetzt hatte. So etwas war ihm noch nie passiert.

Während er auf den Einkaufsleiter wartete, waren ihm die Augen zugefallen. Vielleicht hatte er sie auch absichtlich zugemacht, damit er den unaufgeräumten Schreibtisch nicht sehen musste, oder noch sonst etwas in diesem Raum, in dem es nichts gab, was er gerne betrachtet hätte. Wie kann man in so einem Büro arbeiten, dachte er noch, während er auf einen zerbissenen Kugelschreiber blickte, dann kippte sein Bewusstsein weg in ein Traumbild. Manfred sah für einen kurzen Moment einen glücklichen Jungen auf einer Wiese stehen, der eine Botschaft für ihn zu haben schien. Etwas lange Vergessenes, das in die Gegenwart gelangen sollte. Manfred wollte diese Botschaft unbedingt entschlüsseln, sie versprach etwas Besonderes, etwas Glückbringendes. Manfred wurde ganz aufgeregt, es war ihm, als müsse er in das Bild hineinschlüpfen, um zu dem Jungen auf der Wiese zu kommen. Aber das gelang ihm nicht. Das Bild verschwand, sobald er versuchte, das Gesicht des Jungen zu erkennen.

Währenddessen war der Einkaufsleiter ins Büro gekommen. Und Manfred, der noch beschäftigt war mit seinem inneren Bild, hatte einfach nicht reagiert, hatte die Augen geschlossen gehalten und das Räuspern und das Husten ignoriert.

Es war das kürzeste Verkaufsgespräch, das er je geführt hatte und das peinlichste. Und als er dann hektisch und beschämt das Büro verließ, war er mit ihr zusammengestoßen und sie hatte gelacht und etwas zu ihm gesagt, was er nicht verstanden hatte. Und während er sie mit großen Augen ansah, als könne das Anstarren ihre verklungenen Worte noch einmal hörbar machen, blitzte in ihren Augen etwas auf. Am liebsten hätte er sie da auf dem Flur sofort umarmt. Als wären zwei füreinander Bestimmte endlich zusammengetroffen. Als sie dann mit seiner Aktentasche auf den Parkplatz gelaufen kam, schien es genau das Glück zu sein, das er gefühlt hatte, als er auf den Einkaufsleiter gewartet hatte.

Seine rechte Hand glitt vom Steuer. Er merkte es, als sie gegen sein Bein stieß. Wieder hupte es neben ihm. Diesmal war sein Wagen nach links gezogen, schon über den Begrenzungsstreifen hinaus. Er spürte das ausgeschüttete Adrenalin.

Um sich abzulenken, wählte er Karins Nummer. Was er jetzt brauchte, waren Worte. Worte, die sich ihm zuwandten und ihn wachhielten. Er wusste, dass sie zuhause war. Er ließ es lange läuten, aber sie ging nicht ran.

Wahrscheinlich saß sie vorm Fernseher. Oder sie las. Ihre Stimme war nur auf dem Anrufbeantworter zu hören, das ärgerte ihn. Die Leere nach dem Piepton blähte sich auf wie ein schadenfrohes Echo. Sie hatten sich gestritten vor seiner Abreise und Karin war nachtragend. Dabei hätte sie wissen müssen, dass er sie jetzt brauchte. Dass er reden musste. Wie oft hatte er ihr diesen gefährlichen Zustand schon beschrieben, wenn man eigentlich nicht mehr fahren kann, weil keine Aufmerksamkeit mehr aufzubringen ist. Es war verantwortungslos von ihr, nicht ranzugehen, sie wusste, dass er sie brauchte, wenn er um diese Zeit anrief.

Er nahm, diesmal bewusst, eine Hand vom Steuer, ließ sie auf den Beifahrersitz gleiten und das leere Polster streicheln. Ein heftiges Verlangen nach Zärtlichkeit, nach der Lebenswärme eines ihm zugeneigten Menschen ergriff ihn. Nach ihr, deren Hand er heute Morgen gehalten hatte. Aber neben ihm saß niemand, niemand, der ihm Zuneigung und Wärme entgegengebracht hätte. Nur das Polster reagierte auf ihn mit einer kaum spürbaren Erwärmung.

Würde er Karin verlassen können? Würde er ihr Leben aus seinem herausschneiden, abtrennen alles was gewesen war? Die Erinnerungen zertrümmern, an all die Jahre, die man zusammen verbracht hatte? In den letzten Jahren hatte er sich immer wieder vorgestellt, einer anderen Frau zu begegnen. Hatte sich ausgemalt, wie er alles, was ihn ausmachte losließ, seinen Beruf, sein Zuhause, seine Frau. Ein Drängen war in ihm, die Lust auf etwas Neues, Unentdecktes zuzugehen. Dieses Drängen war das Bild des Jungen. Deswegen hatte er ihn gesehen. Sein fröhliches, unbekümmertes Lachen, nicht nur im Gesicht, sondern ein Lachen im ganzen Körper des Kindes, in den ausgebreiteten Armen, im Bauch, in den Beinen, selbst in den Haaren, durch die der Wind fuhr, während es sich im Kreis drehte. Noch immer streichelte seine Hand das Polster, das ihm außer mit Wärme nun auch mit einem leisen Geräusch antwortete. Ein seltsamer Ton, der in ihm erklang, als höre er in seinem Kopf die Kopie dieses Tones noch einmal nur fahler, leerer. Sein Kopf, ein Schädel, der sich noch während er lebt, des Lebens entleert. Ein ausgehöhlter Kürbis wie an Halloween. Es war das lange Fahren, das dieses unwirkliche Gefühl hervorrief, ein Gefühl von schwebendem Weitergleiten in sich selbst, obwohl alles schon vorbei ist, als habe sich in ihm ein Windkanal geöffnet, durch den er sich lautlos verlor. Er musste sich zusammenreißen. Er drehte das Radio lauter.

Im Radio kam eine Reportage über Albanien und die Aufarbeitung der Verbrechen während der kommunistischen Diktatur. Manfred versuchte zuzuhören und Interesse zu finden an dem, was er hörte, er stellte sich vor, wie es seiner Meinung nach aussah in Albanien, ländlich, ärmlich, vielleicht sogar noch hie und da ein Pferdefuhrwerk. Dabei merkte er schnell, dass er kein einziges wahres Bild dieses Landes vor Augen hatte und dass ihm obendrein dieses Land völlig egal war. Sein Schicksal, seine Geschichte, sein jetziger Zustand lag ihm nicht im Geringsten am Herzen. Trotzdem hörte er sich die Reportage weiter an und ließ die wohlklingenden Stimmen auf sich wirken und obwohl sie von grausamen Dingen sprachen - von Diktatur, Gefängnis und Folter - verströmte die ruhige Professionalität ihrer Stimmen Zuversicht und eine gewisse Geborgenheit und Manfreds eigene Verlorenheit verlor sich im Wohlklang der Stimmen. Er hätte sich jetzt freuen können, dass er im sichersten Teil der Welt lebte, aber er war schon zu müde dafür. Eine angenehme Leere stellte sich stattdessen ein. Die dunkle Landschaft rauschte an ihm vorbei, er spürte nur noch ihr rätselhaftes Ziehen. Als greife etwas von da draußen nach ihm.

Dann verlor er wieder für einen Moment die Kontrolle über den Wagen. Zum Glück war der Wagen nach rechts auf den Standstreifen ausgeschert. Dass das Auto auch nach links hätte ziehen können und dann fast zwangsläufig mit einem anderen Wagen zusammengestoßen wäre, sickerte nur langsam in sein Bewusstsein. Er fing an zu zittern und fuhr auf den nächsten Parkplatz.

Hier würde er bleiben und schlafen und morgen würde er sich krankmelden. Er durfte jetzt nicht mehr weiterfahren, schon gar nicht nach Halle. Er mochte diese Stadt nicht, das spürte er, obwohl er noch gar nicht da war, sie war ihm unheimlich, sie wollte ihm übel. Er öffnete die Tür, um ein wenig Luft in den Wagen zu lassen. Dann stieg er aus.

Eine Reihe mannshoher Büsche begrenzte den Parkplatz zur Autobahn hin. Eine lebende Wand, hinter der die Autos vorbeirasten. Manfred ging zu den Büschen. Er spürte die ungeheure Kraft, die von der Geschwindigkeit der Autos ausging. Wenn er jetzt weiterginge, an den Büschen vorbei, wäre er sofort tot. Es war gruselig. Als sei nichts anderes von der Welt mehr übrig. Nur noch er und die Büsche und der dahinter liegende Tod. Nichts mehr, was man berühren konnte. Er fuhr mit der Hand über die Büsche. Sie waren glatt und kalt, als sei kein Leben in ihnen, als wären sie aus einem Stoff, der auf Erden nicht sein konnte.

Als ein weiterer Wagen auf den Parkplatz fuhr, bekam es Manfred plötzlich mit der Angst zu tun. Es war dunkel und niemand würde es merken, wenn er hier überfallen würde. Die Tür seines Autos stand offen, alles war darin, Portemonnaie, Handy, der Schlüssel steckte. Er ging rasch zurück zum Wagen und fuhr weiter mit klopfendem Herzen. Er hatte sich keine fünf Minuten erholt, dennoch hatte ihn der kurze Stopp - und wohl auch die Angst - so weit belebt, dass er ohne weitere Zwischenfälle Halle erreichte.

Kaum hatte er die Autobahn verlassen und war am Ortsschild von Halle vorbeigefahren, klingelte sein Telefon. Karin redete ungewöhnlich viel und ungewöhnlich schnell. Ein Redefluss, der sich wasserfallartig über ihn ergoss.

---ENDE DER LESEPROBE---