leben passiert - Julia Steinlechner - E-Book

leben passiert E-Book

Julia Steinlechner

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Beschreibung

Das Leben in London war mit Ende zwanzig turbulent genug - schnelllebig, international und doch mit den richtigen Werten für Familie, Freundschaft und Liebe. Ich fragte mich oft, ob ich damit einer aussterbenden Rasse angehörte. "Es gibt Dinge, die würde ich nie tun", sagte ich. Doch dann passierte das Leben. Und so sehr ich mich auch wehrte, plötzlich war alles relativ - auch die Nähe zu einem verheirateten Mann. Ein Roman, den das Leben hätte schreiben können und in dem sich viele selbst beim Kampf gegen ihre eigenen Gefühle wiedererkennen werden.

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Seitenzahl: 282

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Julia Steinlechner

leben passiert

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung und einleitende Worte

Prolog

London, ein Tag im Frühling des Jahres n

Oslo, Ende Mai des Jahres n

London, ein Tag im späten Januar des Jahres n+1

Noordwijk, in den Iden des März des Jahres n+1

London, Ende März des Jahres n+1

Malta, zu Ostern des Jahres n+1

London, im späten Frühling des Jahres n+1

London, im Sommer des Jahres n+1

Stavanger, ein langes Wochenende im August des Jahres n+1

Flughäfen SVG – LHR – DTW, Ende August des Jahres n+1

London, im Oktober des Jahres n+1

Südostasien, Ősterreich und Mittelamerika, im Winter und Frühling des Jahres n+2

London, im April des Jahres n+2

Nantes, drei Tage im Juni des Jahres n+2

London, vier sommerliche Tage im Juli des Jahres n+2

London und Palma, im August des Jahres n+2

Aberdeen, die heißeste Woche (seit Beginn der Aufzeichnungen) im September des Jahres n+2

London, im grauen Herbst des Jahres n+2

London, ein Telefonat im Januar des Jahres n+3

London, im Februar des Jahres n+3

Wien, erneut in den Iden des März im Jahr n+3

Kuba, zu Ostern des Jahres n+3

London, im April des Jahres n+3

Salzburg, im Mai des Jahres n+3

Trondheim, drei Tage im Juni des Jahr n+3

London, ein paar Tage später im Juni des Jahres n+3

London, im Sommer des Jahres n+3

Stavanger, Ende August des Jahres n+3

Hamburg, Anfang September des Jahres n+3

London, ein paar Tage später im September des Jahres n+3

Nürnberg, die letzten Tage im September des Jahres n+3

Epilog

Impressum neobooks

Widmung und einleitende Worte

Dieses Buch widme ich meinen Eltern, die mich zu jenem Menschen gemacht haben, der ich heute bin – ich danke Euch dafür!

„Life happens while you are busy making other plans.“ John Lennon

Die Personen und die Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Namens- und/oder Charaktergleichungen und Orte und Zeitangaben, die mit der Realität übereinstimmen könnten, sind nicht beabsichtigt.

Die Autorin hat als Jahreszahl bewusst das n als neutralen Platzhalter gewählt, um zu verdeutlichen, dass eine solche Geschichte jederzeit passieren kann und demnach an keine feste Zeitspanne gekoppelt ist.

Prolog

Liebe Leser,

wer zu diesem Buch in Erwartung eines Happy Ends gegriffen hat, dem kann ich bereits jetzt mitteilen, es gibt keines. Was ihr hier in Händen haltet, ist kein Manuskript für einen Hollywood Film, der Millionen einspielen muss, sondern schlicht und ergreifend eine Geschichte, die das Leben hätte schreiben können.

Julia und Jan werden sich nicht bekommen, auch selbst nicht, wenn ich es mir beim Korrekturlesen des Öfteren gewünscht habe. Ich wollte realitätsgetreu bleiben.

Dieses Buch soll auch keine Anleitung zum Fremdgehen darstellen; dieses Thema ist in unserer Gesellschaft verankert genug.

Dieses Buch soll eine Geschichte erzählen, mit der sich manche identifizieren können und von der sich manche kopfschüttelnd abwenden werden - aber allem voran soll es eine Geschichte erzählen, die von zwei Personen handelt, die in keinem Moment jemandem etwas Schlechtes wollten und die sehr lange versucht haben, das Richtige zu tun.

Doch dann passierte das Leben...

April 2015

London, ein Tag im Frühling des Jahres n

Norwegen. Nicht unbedingt meine Traumdestination. Es handelte sich aber in diesem Fall um eine Geschäftsreise, wofür ich dringend Flüge buchen musste. Dementsprechend würde ich ohne große Umstände etwas Neues kennenlernen...

Ich war eher der Typ für Sommer, Sonne, Strand und Meer. Sicherlich - einiges davon hatte Norwegen auch zu bieten, aber ich präferierte die Schweißperlen auf der Stirn gegenüber der Thermodecke zum Einschlafen.

Spanien stand ganz oben auf meiner Liste - immerhin hatte ich dort bereits ein Auslandsjahr an der Universität im Süden von Madrid verbracht. Auch die Sprache gefiel mir weitaus besser, hörte sich rhythmischer an und es schwang immer eine gewisse Lebensfreude und Leidenschaft in jedem heraustrompeteten Satz eines Spaniers mit.

Spanier mit dunklen Dreitagebärten, braunen Augen und passendem, eventuell sogar gelocktem Haar... Beim Lächeln kamen die strahlend weißen Zähne zum Vorschein, die den Anblick eines solchen Mannes noch um einiges attraktiver gestalteten. Richtig erkannt. Ich war wohl die Frau, die gegenüber heißblütigen Südländern nicht abgeneigt war. Dem Aussehen nach. Das Chaos, die Unpünktlichkeit und die Verpeiltheit der Spanier konnten eine sehr geradlinige und eher an schnelleren Abläufen interessierte Österreicherin richtig auf die Palme treiben.

Zurück zum Ausgangspunkt. Norwegen! Ich hatte vor einigen Monaten meinen neuen Job bei einer Software-Firma begonnen, wo ich mich um die Messe- und Konferenzauftritte und -angelegenheiten kümmern sollte. Nicht, dass ich ein solch großer Fan von Messen, damit verbundenem schlechten Essen und noch viel schlechterem Kaffee gewesen wäre, nein – was mich daran interessierte, war, schlicht und ergreifend die Möglichkeit nicht ständig im Büro sitzen zu müssen und stattdessen quer durch Europa fliegen zu können. Da nahm ich den ein oder anderen schmierigen Verkäufer-Typen in Kauf, lächelte milde und war dankbar um das einem von Gott mitgegebene Gehirn. Ich versuchte, nicht alle über einen Kamm zu scheren, es gab auch da die Netten.

Es stand die erste große Messe nahe Oslo an – der Schwerpunkt lag auf Marine und Schiffbau. Wer sich hier jetzt genauere technische Beschreibungen erwartet, den muss ich leider enttäuschen, mit dem Ingenieurswesen stand ich eher auf Kriegsfuß. Nur die Männer, die dieses Fach beherrschten, konnten mich immer wieder für sich gewinnen.

*****

Komisch fühlte es sich an, wenn ich auf meine bisherige Karriere mit dem anderen Geschlecht zurückblickte und plötzlich feststellte, dass ich nicht nur beim Aussehen sondern auch bei gewissen Charaktereigenschaften einen bestimmten Typ bevorzugte. Wie konnte es sein, dass ich als BWLerin und Sozial- und Wirtschaftswissenschafterin nie in den eigenen Reihen auf die Jagd ging? Den Stein der Weisen würde ich auch bei diesem Thema vermutlich nicht finden, aber ich kam zu dem Entschluss, dass das Drängen nach mehr Geld und Macht, genau jene Eigenschaft war, die mich am wenigsten an einem Mann interessierte.

Lustig musste er sein. Und ehrlich. Und je älter ich wurde desto mehr empfand ich auch eine gewisse Güte als anziehend. Grundsätzlich sollte er einfach mithalten können. Beim Wortwitz, beim spontanen Themenwechsel, beim Ausgehen, beim Intellekt und bei allen anderen grundlegenden Diskussionen des Lebens. Und meine Familie und Freunde sollte er natürlich auch mögen. Der heißblütige Spanier. Seines Zeichens Ingenieur. Haha, bei dieser Auflistung musste ich direkt selbst lachen.

Viel verlangte ich eigentlich nicht, weil es handelte sich dabei um immaterielle Eigenschaften. Diese allerdings in einer Person zu finden, war so wahrscheinlich, wie im Lotto zu gewinnen. Deswegen war ich vermutlich auch single. Halbheiten hatten mich noch nie im Leben interessiert. Vielleicht würde sich das ändern - sage niemals nie – aber selbst die Auswahl meiner Freunde verlief nach dem strengen Prinzip der Geradlinigkeit und ob man sich auf jemanden verlassen konnte oder nicht. Zweiteres wurde dann immer wieder sehr schnell aussortiert. Wer sich schon einmal auf die Suche nach solchen Zeitgenossen gemacht hatte, wusste bestens, dass sie sehr, sehr dünn gesät waren.

Ich wäre zu streng, wurde mir oft von den unterschiedlichsten Seiten vorgeworfen. Ja, mochte gut sein. Vielleicht war ich streng. Wenn aber Dinge für mich selbstverständlich waren, ich selbst an mich sehr hohe Ansprüche stellte und dementsprechend auch durchs Leben ging, dann konnte ich mir wohl von meinen Mitmenschen ein Minimum an Kooperation erwarten oder etwa nicht?

Ich hatte generell das Gefühl, dass sich nach Beenden des Studiums ein gewisser Lebensfrust breit gemacht hatte. Mir wurde bewusst, dass die schönste und unbeschwerteste Zeit des Lebens vorbei war. Die Studentenjobs wechselten in eine 40-Stunden-Woche, das stundenlange Kaffeetrinken mit Freunden wich einem Gespräch, das, wenn ich großes Glück hatte, einmal die Woche stattfand und die Geldsorgen richteten sich nicht nach dem bereits vierten Ausgehabend der Woche sondern nach Mieten, Autokäufen und anderen lebenserhaltenden notwendigen Maßnahmen, so wie ab und zu auch Lebensmittel zu kaufen, die doch tatsächlich für die Aufbewahrung im Kühlschrank gedacht waren. Ja, das hörte sich nicht nur so erwachsen und langweilig an - genau das war es auch!

Deswegen hatte ich nach Studienende – und zugegeben einer langen Reise und mehreren Monaten des Trauerns über den Verlust der Jugend - kurzerhand beschlossen, nicht nur den Wohnort sondern auch gleich noch das Land mit dazu zu wechseln.

Auf London fiel die Wahl! Die 10 Millionen Einwohner Metropole hatte einiges mehr zu bieten als schlechtes Wetter. Genau das war der Stereotyp, den jeder von dieser einzigartigen Stadt vor Augen hatte. ‚Da regnet’s doch immer!‘ war immer das, was ich als erstes hörte, wenn ich sagte, worauf meine Entscheidung gefallen war, um immerhin einen langen und nicht unbedeutetenden Abschnitt meines Lebens zu verbringen.

Natürlich blieb die Sahara-Hitze aus, aber der Regenschirm verließ eindeutig seltener das Haus als in meiner Heimatstadt Salzburg, wo es nicht umsonst den berühmt-berüchtigten ‚Salzburger Schnürlregen‘ gab. Wenn der erst einmal beschlossen hatte, ins Land zu ziehen, konnte ich nicht viel mehr machen als das Haus nicht zu verlassen und die Decke über den Kopf zu ziehen. Scheußlich!

London offerierte alles – die Liebe zum Leben, die Lebendigkeit, die Schnelllebigkeit der Stadt im Generellen gepaart mit der Langsamkeit des Anstellens im Speziellen, die Kultur, die Kunst, die Kulinarik, den Sex, die Anonymität, den Alkohol, die Vielfalt und die Internationalität. Dinge, mit denen ich lernen musste umzugehen, aber die mich irgendwann so in ihren Bann zogen, dass ich mir ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen konnte. In nur wenigen Straßenzügen konnte sich die heile Welt von aneinandergereihten, viktorianischen Häusern mit Mittelklassewagen vor der Haustüre in die Rauhheit der ehemaligen Fabrikshallen verwandeln, die gerade im Wandel standen, eine zukünftig berühmte Galerie oder ein Loft für einen ‚Cityboy‘ zu werden.

Wo wir denn schon wieder bei den Männern wären. ‚Cityboys‘ – eine ganz spezielle Gattung. Männer in den Zwanzigern und Frühdreißigern, die ihr Geld in der Londoner City, dem Financial District, verdienten. Bald gehörte der Anzug aus der Savile Row genauso zur Grundausstattung wie das Zigarrenrauchen, der Alkohol in Massen und oft auch die Drogen.

Gut aussehen taten sie, Geld machte ja bekanntlich auch sexy, aber trotzdem hatte ich um diese Spezies immer einen weiten Bogen gemacht. Vielleicht hatte ich auch nur einen einzigen Netten kennengelernt. Mein erster Mitbewohner arbeitete nach wie vor innerhalb der Squaremile; er hatte aber nie seine Persönlichkeit und seine Bodenständigkeit verloren. Ja, Geld hatte er, aber es war immer eine Frage dessen, wie präsentierte ich mich damit oder war überhaupt eine Diskussion darüber nötig. Ich war der Überzeugung, dass in diesem Bereich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mein Traummann nicht auf mich warten würde.

Ich wusste nicht, ob es ihn generell gab – den Traummann. Ich glaubte sehr wohl, dass man einem Menschen begegnen konnte, wo sehr viel passte, wo mehr passte als mit allen anderen Menschen, die man davor getroffen hatte. Was aber nicht bedeutete, dass es nicht noch einen gab, der besser oder auf eine andere Art und Weise zu einem passte. Und was, wenn einen derjenige welche nicht wollte? Dann bekam man eigentlich auch gar nicht die Gelegenheit, herauszufinden, ob der Traummann wirklich so traumhaft war.

Vermutlich war das alles relativ im Leben. Auch die große Liebe. Relativ und sehr subjektiv. Wer weiß, wie meine Arbeitskollegin die große Liebe definierte oder mein Nachbar nach seiner Traumfrau suchte? Vermutlich kam es nur auf dieses Gefühl an. Dieses eine Gefühl, jemanden in die Augen zu schauen... und zu schauen, weil man nicht wegschauen wollte, weil man endlich angekommen war.

*****

Als ich endlich eine gute Verbindung von London nach Oslo gefunden hatte und auf Buchen klicken wollte, schien in dicken Lettern die Warnung auf, dass das Zeitlimit überschritten war. Das war doch gar nicht möglich! War ich wirklich in meinen Gedanken so weit abgedriftet, dass ich die Buchung nicht rechtzeitig abgeschlossen hatte? Ausgerechnet eine Flugbuchung – was sonst zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehörte. Der Moment, wo ‚Bestätigt‘ auf dem Bildschirm aufflackerte und dann der Kalender am Handy vermeldete: ‚Sie haben erfolgreich eine Reise zu Ihrem Kalender hinzugefügt.‘ Einfach unschlagbar! Schnell ging ich zurück zur ersten Seite und buchte meinen Flug nach Norwegen für ein paar Monate später.

Oslo, Ende Mai des Jahres n

Die letzte Maiwoche brach an und ich bestieg einen Flieger in Richtung Skandinavien. Noch nie zuvor war ich soweit nördlich gewesen. Wenn als Lieblingsbuch der Atlas und der Pass um die Wette kämpften und die ganze Wohnung mit Landkarten tapeziert und mit Globen ausgestattet war, verwunderte es nicht, dass ich auf solche Details bei meinen Reisen achtete. Außerdem war es das erste Mal, dass ich nach Norwegen aufbrach – ein Fleck auf der Landkarte, dem ich bisher nur sehr wenig Beachtung geschenkt hatte und der vermutlich noch weitere 10 Jahre von mir verschmäht geblieben wäre.

Die Gunst der Stunde nützend flog ich schon zwei Tage früher los, um einen Eindruck von Oslo zu bekommen. Immerhin gab es eine neue Stadt zu erkunden! Bis zuletzt hörte ich immer wieder von Leuten, Oslo sei nicht besuchenswert. Da musste ich dagegen sprechen!

Ich war begeistert vom Königspalast, dem Frogner und Vigeland Park mit seinen skurrilen Skulpturen, die aber gleichzeitig etwas Liebenswertes in sich trugen, der Innenstadt, dem umgebauten Hafengelände und natürlich dem Edvard-Munch-Museum. Die Tristesse und Schwermütigkeit dieses Künstlers, widergespielt in so vielen seiner Werke und gepaart mit dem Dauerregen über der Stadt, verliehen sie diesem Besuch eine einzigartige Tiefe, die mir bis heute hängengeblieben ist. „Der Schrei“ ist ein Gemälde, das mich bereits in frühen Jugendjahren zum Nachdenken gebracht hatte, weil es in meinem Schulgeschichtsbuch abgebildet gewesen war. Was brachte die Figur dazu, so inbrunstsvoll zu schreien und doch wirkte sie so stumm? Oder wird ihre Verzweiflung von Wind und Wetter davon getragen? Will sie etwas mitteilen oder ist sie nur heimlicher, stiller Beobachter? Ich sehe es immer als Abbild von einem Alptraum, wo man versucht zu schreien, sich zu wehren und sich auszudrücken, aber aus dem Mund kommt nichts als Stille. Obwohl man mit ganzem Körpereinsatz versucht, sich Gehör zu verschaffen, scheint es beim Gegenüber nicht anzukommen.

Sobald die Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke brachen und das Operngebäude im Glanz erstrahlen ließen, kam die Schönheit dieses sicherlich architektonisch mutigen Wurfes zur Geltung. Mitten in der Gräue des Hafens stach dieses Bauwerk hervor und verzauberte den Besucher mit seinen schrägen Linien, den Spiegelungen und der Einzigartigkeit, wie es aus dem Boden brechend versuchte, Aufmerksamkeit zu erregen.

Als Wintersportfanat durfte ich die Schisprungschanze am Holmenkolm auf keinen Fall unbeachtet lassen. Vier Jahre hatte ich in Innsbruck studiert und es nicht ein einziges Mal auf die Spitze des Bergisel geschafft. Wenn ich jetzt so zurückblicke, hätten Innsbruck und das Tiroler Umland noch sehr viele Möglichkeiten für Freizeitaktivitäten geboten, aber uns war einfach die Gestaltung der vorlesungsfreien Zeit mit Kaffeehausbesuchen, stundenlangen Gesprächen in der Mensa und einem Leben in Bars nach Mitternacht wichtiger. Machte auch nichts! Alles zu seiner Zeit. So würde ich wenigstens immer einen Grund finden, um in meine Studienstadt, die ich gepaart mit den Erinnerungen daran, über alles liebte, zurückzukehren. Die fünf Studentenjahre hatten mir einige neue Freunde, viele neue Bekannte und unvergessliche Erlebnisse beschert.Ich hatte über die Jahre hinweg somit hervorragend investiert. Mein persönlicher Zinsertrag war in unermessliche Höhen geschnellt – ich kam an Orte, die ich nie vergessen und ich erlebte Abende, an die ich mich nie erinnern würde. Die Bilanz war also sehr ausgeglichen, fand ich.

Allein die Fahrt Richtung Holmenkolm die Hügel hinauf aus der Stadt hinaus, war einen Ausflug wert. Das Grün Norwegens schien mich komplett aufzusaugen und gleichzeitig mit einer frischen Energie zu versorgen, die ich selten wo auf der Welt vorgefunden hatte. Oben angekommen bot sich einem ein herrlicher Blick über die Stadt bis hin zum Meer. Unglaublich – jedes Mal läuft mir ein Schauer über den Rücken, wenn ich daran denke, dass sich die Schispringer furchtlos – oder zumindest – respektvoll in die Tiefe stürzten, um dann den kurzen Moment des Fliegens für sich in Anspruch nehmen zu dürfen. Wenn ich mich doch nur ein einziges Mal überwinden könnte!

Ich hatte die Temperaturen vollkommen unterschätzt. Ausgestattet mit Kleidern wie bei jeder Geschäftsreise und ansonsten eher sommerlich angehauchter Mode trug ich alles, was der Koffer hergab. Und mir war trotzdem nicht sonderlich warm. Dementsprechend musste der Kaffee in der Sonne nach drinnen verlagert werden. Meine Garderobe würde wohl für die nächste Woche ähnlich aussehen. Mit Freude blickte ich der bevorstehenden Messe entgegen; immerhin würde ich einige neue Kollegen kennenlernen und es war schließlich alles besser, als im grauen Büro zu sitzen.

Wie solche Dinge, die man zum ersten Mal machte und deswegen gut machen wollte, die Angewohnheit hatten, gingen sie zu Beginn meist schief. Auch in diesem Fall. Nachdem ich alles von meiner Vorgängerin übernommen hatte, war natürlich bei der Übergabe einiges untergegangen und ich fand mich mit meinem Kollegen auf einem leeren Messestand wieder. Eine Arbeit, die locker nach einer Stunde erledigt hätte sein können, dehnte sich nun über den gesamten Nachmittag aus. Schweißgebadet und schmutzig konnte ich es nicht erwarten unter die Dusche zu springen und mir anschließend einen Drink zu gönnen.

Gesagt, getan. Wir saßen in der Hotelbar und warteten auf einen weiteren Kollegen. Er war ebenfalls im Verkauf tätig und Norweger. Komischerweise war er mir im ersten Moment sofort unsympathisch. Auch die Gesprächsthemen, die er wählte, fielen für mich eher in die Kategorie ‚Macho in der Midlife-Crisis‘. Die gab es wie Sand am Meer, somit maß ich dem keine weitere Bedeutung bei. Er musste schließlich nicht mein neuer bester Freund werden. Trotzdem fand ich die Abhandlungen darüber, wo er in Oslo seine Exgeliebten sitzen hatte, eine merkwürdige Themenwahl für eine Geschäftsreise. Auch unser gemeinsamer Kollege warf während der Taxifahrt ein, ob er sich denn in der Midlife-Crisis befände. Somit war ich erleichtert, dass offenbar nicht nur ich diesen Eindruck gewonnen hatte. Und abgesehen davon – Midlife-Crisis! Der Typ war maximal Anfang 40. Schon traurig, wenn man da bereits unzufrieden mit seinem Dasein war.

Ich lehnte daher die ersten beiden Abende die jeweilige Einladung ab, in der Hotelbar noch einen trinken zu gehen. Irgendwann kam der Zeitpunkt, da waren einem solche Gespräche einfach zu blöd. Trotzdem stellte ich aber fest, dass untertags Jan’s Interesse eher meiner Person galt, als sich auf die Suche nach neuen Kontakten zu machen. Und was blödelten wir nicht alles vor uns hin! Wir waren in einer grauen Halle gefangen, wo kein Sonnenstrahl den Weg nach drinnen fand.

Bald stellten wir fest, dass wir zu einigen Kollegen die gleiche Einstellung hatten und wir von so mancher Unfähigkeit einerseits überrascht und andererseits auch extrem verärgert waren. So spann sich das Gespräch weiter und ich fand heraus, dass er bereits seit mehr als zehn Jahren bei der Firma tätig war und noch um einiges länger bereits mit seiner Familie Deutschland als Lebensmittelpunkt gewählt hatte. Deswegen überraschte mich seine Frage auch nicht, wie ich mir meine Zukunft vorstellte; immerhin hatte er sich mit einer festen Anstellung, Frau und Kindern eine solide Lebenswelt geschaffen.

Ich weiß nicht, ob ich mir damals soviele Gedanken über meine Zukunft machte. Ich war 28, genoss das Leben in vollen Zügen und die schlimmste Vorstellung für mich war, in die Biederhaftigkeit jener Welt einzutreten, die in Österreich vorzuherrschen schien. Zumindest war das mein Eindruck aus der Ferne.

Am Montag, wenn sich der Alkoholspiegel gegen ein Normalmaß sank, begann ich mich wieder auf das Wochenende zu freuen. Die Zeit dazwischen musste wohl oder übel überbrückt werden, was einem in der englischen Metropole nicht allzu schwer fiel. After-work-drinks, Fitnessstudio, Theater, hervorragende Restaurants und sich mit Freunden treffen, was meist weiteres Ausgehen beinhielt, halfen dabei, Montag bis Donnerstag erträglich zu gestalten, um dann – juhu, endlich Freitag! –wieder durchstarten zu können. Diese Routine wurde unterbrochen von diversen Wochenendkurztrips. Gerade ein Jahr zuvor war ich vier Monate durch Neuseeland und Australien gereist, hatte viele neue Eindrücke gewonnen, Menschen kennengelernt und die Freiheit genossen. Daher war mein Reisebudget für größere Ausflüge etwas eingeschränkt; Europa musste also vorübergehend ausreichen.

Es war mir offensichtlich anzusehen, dass meine Gedanken sehr weit abgedriftet waren. Jan wedelte mit seiner ausgestreckten Hand vor meinem Gesicht herum. Er schien zu merken, dass ich mich mit diesem Thema sehr wohl auseinandersetzte. Er fragte: „Was willst du vom Leben“, und nach einer Pause fuhr er fort, „was erwartest du dir in ein paar Jahren?“ Bereits da zeigte sich, dass Jan ein Mann war, der nicht nur an Oberflächlichkeiten interessiert war. Er hatte eine Art, Dinge zu hinterfragen und sich auch zu merken, die ich noch selten bei jemandem festgestellt hatte. Es schien, als ob er sich dadurch mit mir auf eine Ebene stellte und mir so das Gefühl gab, etwas Besonderes zu sein.

Was wollte ich vom Leben? Hm... gute Frage. Sehr gute Frage. Nur leider hatte ich keine Antwort parat. Musste man die mit 28 haben? Oder überhaupt? Vielleicht bin ich da auch zu kleinkariert, weil selbstverständlich konnte ich eine Antwort darauf geben... im großen Sinn: glücklich sein, Gesundheit für alle Menschen, die mir wichtig waren und für mich selbst und dann glaubte ich, dass sich der Rest von alleine ergab. Oh, und immer eine Reise geplant zu haben, auf die ich mich freuen konnte. Mir war natürlich selbst in diesem Moment sonnenklar, dass das nicht die Antwort war, die den Erwartungen der Gesellschaft an eine Frau in meinem Alter und mit meinem Intelligenzgrad in Mitteleuropa entsprach. Ob mich das störte? Nicht wirklich. Eher ärgerte es mich, dass man sich, sobald man nicht der 08/15-Norm entsprach, sehr oft rechtfertigen musste.

Ich legte also meinen Kopf schief, sah Jan nachdenklich an und erwiderte: „Jetzt noch ein bisschen Spaß haben und dann weiß ich nicht... vielleicht setze ich mich mit 35 Jahren nach Salzburg und bepflanze meinen Balkon mit Tulpen.“ In diesem Moment verzog sich sein Gesicht in eine zuerst ungläubige Grimasse und dann brach er in schallendes Gelächter aus.

Noch am selben Abend gingen wir gemeinsam essen. Unsere Kollegen waren bereits alle abgereist und ich war fix und fertig von den letzten Tagen voller Erlebnisse und meine Vorstellung war, mich auf mein Hotelbett zu legen, ein bisschen fernzusehen und sobald als möglich zu schlafen. Meinen Wunsch geäußert steuerten wir das auf Grund der frühen Stunde noch leere Hotelrestaurant an, wo wir uns bei Fisch und alkoholfreien Getränken austauschten.

Ehrlich gesagt kann ich mich gar nicht mehr so genau erinnern, welche Themen wir durchackerten. Die Firma, die Kollegen, aber auch einiges Privates. So unsympathisch war Jan dann doch nicht! Die Zeit verging wie im Flug und keiner von uns bemerkte, dass sich das Restaurant in der Zwischenzeit gefüllt hatte und dann auch wieder leerte. Erst als Jan’s Frau zu späterer Stunde bereits das zweite Mal anrief, beschlossen wir, dem Abend ein Ende zu bereiten. Auf meinem Weg vor die Hoteltüre, um meine allabendliche Gute-Nacht-Zigarette zu rauchen, blickte ich ihm nach und schüttelte innerlich den Kopf. Andere Mitglieder der Gesellschaft hätten einen netten Abend verbracht, ein nettes Gespräch geführt und den Abend anderwertig ausklingen lassen. Und am nächsten Tag verlor keiner mehr ein Wort darüber. Ich aber hatte stundenlang geredet... und es störte mich kein bisschen...

Ich nahm den letzten Zug, schob die Gedanken beiseite und fiel Stunden später als gedacht in mein nüchternes Hotelbett.

London, ein Tag im späten Januar des Jahres n+1

Kennt ihr das? Mit einem Mal geht euch ein Licht auf? Auf einmal spulen sich die Ereignisse im Schnelldurchlauf vor dem inneren Auge ab und man klopft sich imaginär mit der flachen Hand auf die Stirn und hat den Heureka-Effekt? Genauso war es bei mir an einem Tag spät im Januar des nächsten Jahres...

Ich saß eher gelangweilt an meinem Schreibtisch und erledigte noch die letzten Angelegenheiten für eine Veranstaltung, die kurz darauf anstand. Mir war durchaus bewusst, dass der Januar nicht unbedingt der Monat der Luftsprünge und der guten Laune war, aber seit ich in das Berufsleben eingestiegen war, gestaltete er sich als besonders trüb. Es war finster, wenn ich zur Arbeit ging, es war finster, wenn ich meinen Arbeitsplatz verließ. Dazwischen musste ich mich im künstlichen Licht umgeben von grauen Wänden mit mehr schlechtem als rechtem Kaffee über Wasser halten.

Wie hatte ich mich als Kind auf den Jahresbeginn gefreut! Das bedeutete Geburtstagsfeier, Schnee vor der Haustür, das hieß verkleiden für den Fasching, später folgte die Ballsaison. Klar, während der Studienzeit bedeutete es auch Lernen, aber nachdem alle im gleichen Boot saßen, empfand ich es nicht als große Belastung. Statt viermal die Woche gingen wir eben nur samstags aus. Dazwischen aber versammelten wir uns in der gemütlichen Bibliothek, wälzten die Bücher, unterbrochen von der ein oder anderen Kaffee- und Zigarettenpause, die oft in Diskussionen und Lachen endete. Das Ziel war aber klar vor Augen und das hieß für jeden, jetzt reinbeißen und dann den Februar in Freiheit genießen. Tristesse hatte ich während dieser Jahreszeit allerdings nie empfunden.

Während ich dasaß und den Regentropfen dabei zusah, wie sie gegen die Fensterscheibe prasselten, bog ein mir inzwischen nicht mehr unbekanntes Wesen um die Ecke und steuerte direkt auf mich zu. Jan! Nach dem üblichen „Hallo, wie geht’s?“, nahm er sich einen Stuhl und setzte sich neben mich. Erst vor wenigen Tagen hatte ich den Veranstaltungskalender ausgesandt und es war klar, dass wir im August eine große Messe in Norwegens Öl- und Gas-Hauptstadt, Stavanger, ausrichten würden. Öl und Gas bedeutete Geld und Geld bedeutete hohe Aufmerksamkeit. Stavanger war eine Kleinstadt, die für eine Woche an die 100.000 Menschen beherbergen musste. Dementsprechend gab es eine Hotelzimmersperre für die meisten Firmen und wir mussten uns nach einer privaten Unterkunft in Form einer Wohnung oder eines Hauses umsehen. Meine Vorgängerin hatte mir den Vorgang bereits im Vorfeld erklärt und ich hatte uns ein Haus mit drei Schlafzimmern gebucht.

Jan war offensichtlich besser informiert als ich, denn er fragte neugierig: „Müssen wir wieder am Sonntag aufbauen? Und die Messe beginnt erst dienstags?“ Nach einem kurzen Check der Veranstalterseite im Internet stand fest, Jan hatte vollkommen Recht: sonntags musste die Arbeit gemacht werden, montags war frei und dienstags würden erst die Tore geöffnet werden. Ich versuchte meinen Grant zu verbergen, schließlich handelte es sich bei diesem Wochenende ausgerechnet um jenes, an dem in England der Montag ein Feiertag war. Großartig! Alle meine Freunde würden entweder das ganze Wochenende feiern oder aber sich irgendwo in Südeuropa am Strand in der Sonne aalen. Und was würde ich tun? Bibbernd in Norwegen sitzen! Meine Stimmung sank von „Januar-Regen-Blues“ auf „Freizeitentgang“ – und das war das Schlimmste überhaupt!

Als hätte er Zutritt zu meiner Gedankenwelt, drehte Jan meinen Laptop zu sich und fing an zu tippen. Als Suchresultat schien „Preikestolen“ auf. Als ich das Bild von diesem einzigartigen Felsvorsprung sah, wusste ich, schon davon gehört zu haben, hatte mich aber nie eingehender damit beschäftigt. Es stellte sich heraus, dass sich dieses Naturwunder nur unweit von Stavanger befand und so einen schönen Tagesausflug darstellen konnte. Jan war ganz begeistert und es sprudelte nur so aus ihm heraus: „Da sollten wir unbedingt hin! Ich war bereits vor Jahren mit einer Freundin da. Ein wirklich toller Ausblick! Und weit ist es auch nicht. Das passt genau für unseren freien Tag. Du bist doch fit?“ Ich nickte nur dazu, versuchte zu lächeln und so zu tun, als ob ich als Österreicherin keinen sehnlicheren Wunsch verspürte, als meinen Tag in den Bergen zu verbringen. Bitte nicht falsch verstehen, ich liebe die Berge, ich schaue auch gerne von ihnen ins Tal, aber nach oben geht es für mich nur auf zwei Arten – mit dem Auto oder mit dem Skilift. Alles andere war nie mein Ding gewesen. Wozu wo hochlaufen, um dann kehrtzumachen und wieder nach unten zu gehen? Diese Logik hatte mir noch nie eingeleuchtet.

Mein schauspielerisches Talent schien unerwartet große Ausmaße anzunehmen, weil Jan ließ nicht locker und spinnte schon die Gedanken weiter. „Wir brauchen ein Auto, um zur Fähre zu gelangen. Ich werde mich erkundigen, wann die Abfahrtszeiten sind!“ Fasziniert vom Eifer meines Kollegen, etwas zu organisieren, wo ich nur teilnehmen musste, ohne die Hauptrolle in der Planung übernehmen zu müssen, gefiel mir. Endlich jemand, der agierte und nicht nur reagierte. Wunderbar!

Wir einigten uns also darauf, das Projekt ‚Preikestolen‘ fix in unsere Geschäftsreise in den hohen Norden mit aufzunehmen. Details konnten wir während des nächsten halben Jahres besprechen. Ich sah meine Fälle schwinden, dieser Wanderung zu entgehen. Aber warum eigentlich nicht? Sonst war ich Neuem gegenüber auch offen! Zu Hause würde ich darüber Stillschweigen bewahren, weil ich konnte schon die verwunderten Blicke meiner langjährigen Freunde sehen, die ganz genau wussten, dass Wandern und mein Name normalerweise nicht in einem Satz fielen.

Jenseits der 25 Jahre hatte ich akzeptiert, dass der Spruch „Sag niemals nie.“ irgendeinen wahren Kern in sich tragen musste und er vermutlich von mit Lebensweisheit versehenen Personen – das wäre dann alles über 70 - erfunden worden war. Was hatte ich nicht inbrünstig alles von mir gegeben, was ich nicht tun würde! Bei der Erinnerung daran, die Gedanken an den Sarkasmus über den Lauf des Lebens und über einen selbst, wie man teilweise hilflos in unvorhergesehene Ereignisse schlitterte, brachte mich des Őfteren zum Schmunzeln.

Jan packte seine Sachen zusammen. Bestimmt musste er zum nächsten Meeting eilen; immerhin war er in der Zwischenzeit zum Vizepräsidenten befördert worden. Nicht, dass das für mich irgendwie von Bedeutung oder wichtig gewesen wäre, aber man merkte, dass er beschäftigter war als sonst. Bevor er um die Ecke bog, drehte er sich noch einmal um und sagte: „Uns kommt es auch so vor, als ob wir uns schon ewig kennen, oder?“ Dann verschwand er.

Und da war er. Der Moment, wo ich plötzlich innehielt. Der Satz wiederholte sich in meinem Kopf. Wie kam jemand darauf, so etwas zu sagen? Lustig. Wir kannten uns ja eigentlich gar nicht. Und wieder sah ich Jan vor mir, wie er sich umdrehte, die linke Hand am Tisch abgestützt, mich ansah und etwas aussprach, worüber er selbst keine Sekunde nachgedacht hatte.

*****

Ich ließ mich auf meinen Sessel fallen und auf einmal löste sich ein Feuerwerk aus Gedanken los, das quer durch meinen Kopf schoss. Plötzlich war ich wieder zurückversetzt in den Juli, kurz nachdem furchtbaren Amoklauf auf einer Oslo vorgelagerten Insel. Ein Blondschopf bog im Büro um die Ecke, grinste mich an und fragte: „Wie geht’s den Tulpen?“ Etwas verwirrt sah ich von meinem Laptop hoch und hatte keine Ahnung, was hier das Thema war. Es bedurfte Aufklärung von Jan’s Seite und eine Erinnerung an unser Gespräch in Norwegen zwei Monate zuvor. Ehrlich! Ich konnte mich in keinster Weise daran erinnern. Es war aber tatsächlich eine schöne Abwechslung, wenn ein Mann sich ein Gespräch ins Detail merkte. Kam schließlich selten genug vor!

Er war also extra in den Marketing-Teil unseres Londoner Büros gekommen, um mich zu sehen. Interessant. Sehr nett, fand ich. Immerhin ein Kollege in dem ganzen IT-Nerd-Haufen, der es schaffte, eine Kommunikation herzustellen, die Aufmerksamkeitsspanne über fünf Minuten aufrechtzuerhalten und dabei auch noch Dinge von sich zu geben, die dem Leben in der Realität, fernab von verschiedenen Programmiercodes, entsprach. Ich fühlte mich schon beglückt, wenn ich bei der Kaffeemaschine am Morgen gegrüßt wurde, anstatt dass sich mein Gegenüber fluchtartig aus der Küche verdrückte. Da war ich in eine mir völlig fremde Welt eingetaucht und selbst nach fast einem Jahr hatte ich mich noch nicht so richtig daran gewöhnt.

Und so war es dann öfters – immer, wenn Jan geschäftlich in London zu tun hatte, kam er mit seinem Kaffee um die Ecke gebogen, nahm sich einen freien Stuhl und wir plauderten über Gott und die Welt; vermutlich weitaus länger als der Kaffee reichte. Komisch oder, dass man gewisse Dinge einfach vergaß oder sie einem nicht auffielen beziehungsweise als wichtig erschienen bis sich auf einmal alles änderte?

Ebenfalls hatte ich komplett ausgeblendet, dass ich diejenige war, die ihm die erste private Email schrieb. Im November hatte ich beruflich in Amsterdam zu tun und kaufte in einem Anflug von vorübergehender Unzurechnungsfähigkeit auf einem Markt über 50 Tulpenzwiebeln. Immerhin war ich im Land meiner Lieblingsblume, das musste so richtig ausgekostet werden! Es war auch die perfekte Jahreszeit, um den Balkon in Österreich zu bepflanzen.

Während ich in der Vorweihnachtszeit meine Errungenschaft betrachtete und mit meinen Händen in der Erde wühlte, musste ich plötzliche schmunzeln und an Jan denken, dem meine Tulpenliebe offensichtlich im Gedächtnis hängengeblieben war. Kurzentschlossen nahm ich meinen Blackberry zur Hand, machte ein Foto und schickte es an seine Arbeitsemailadresse gemeinsam mit einer kurzen Nachricht, mit der ich ihm und seiner Familie ein frohes Fest wünschte.

Die Antwort kam erst nach dem 6. Januar, mit der er sich bedankte, mir ebenfalls nachträglich „Frohe Weihnachten“ und ein gutes Neues wünschte und mir vorschlug, auf der diesjährigen Jahreskonferenz im März doch etwas trinken zu gehen. Völlig unbeeindruckt erschien mir zu diesem Zeitpunkt die Email als völlig normal - erst beim Rekapitulieren der letzten Monate horchte ich auch an dieser Stelle auf. Der Mann war verheiratet! Aber gut, wer flirtete nicht gerne und solange man sich nur den Appetit woanders holte und zu Hause gegessen wurde, war ja alles in bester Ordnung. Ich war da eindeutig schon wieder zu streng.

Somit war alles völlig harmlos und mir war auch bereits zu diesem Zeitpunkt klar, dass ich auf der Konferenz 18 Stunden pro Tag arbeiten und bei 500 anwesenden Personen vermutlich weder die Zeit noch die Muße haben würde, mit Jan an der Bar abzuhängen. Das teilte ich ihm auch in einer Email mit. Ich konnte mich also wieder entspannen.

Bis zu jenem Zeitpunkt Ende Januar, als Jan sich von mir verabschiedete, wo mir plötzlich alles bewusst wurde und ich offensichtlich auch noch eine Emailkommunikation in Gang gebracht hatte...

Noordwijk, in den Iden des März des Jahres n+1

Oh Mann, war ich gestresst! Gestresst und kalt war mir auch. März an der Nordseeküste. Ich wusste ja, warum ich den Süden als Urlaubsdestination bevorzugte. Alles war grau in grau, flach erstreckte sich das Land vor uns. Wir waren am Weg von Schiphol Airport nach Noordwijk, einem kleinen Städtchen unweit von Amsterdam. Aufgrund der Jahreszeit konnte ich mich auch an keinen Tulpenfeldern erfreuen, somit blieb nur zu hoffen, dass wenigstens das Hotel seine Reise wert war.