Leben, Träumen und Sterben - Josa Wode - E-Book

Leben, Träumen und Sterben E-Book

Josa Wode

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Beschreibung

Diese Geschichtensammlung führt mit einer Geschichte zu jedem Monat durch das Jahr. Die Geschichten bewegen sich jenseits der Grenze des Alltäglichen - von Spannung und Horror zu Düsterromantik und Träumereien. Von realistisch bis phantastisch werden Tode gestorben und Leben gelebt. Ergänzt wird der Band durch die Geschichte Kommt und holt sie. Das Verschwinden einer Prinzessin versetzt einen ganzen Königshof in Aufruhr. Die fähigsten Recken des ganzen Landes werden entsandt, die verschollene Königstochter Karina aus den Fängen einer scheinbar bösartigen Hexe zu befreien. Doch was hält die eigensinnige Karina von der ganzen Angelegenheit? Wie ergeht es ihr am Königshof und was erlebt sie bei ihrem Verschwinden?

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Seitenzahl: 156

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Vorwort

Januar

Februar

März

April

Mai

Juni

Juli

August

September

Oktober

November

Dezember

Kommt und holt sie

Vorwort

Von klein auf haben mich Erzählungen begeistert. Ich hatte bereits früh Interesse, selber welche zu erschaffen. Neben einigem Unvollendeten sind dabei jedoch lediglich zwei kurze Geschichten entstanden.

Heute bin ich froh, dass diese keinem größeren Publikum zugänglich sind. Dennoch habe ich beim Schreiben wertvolle Erfahrungen gesammelt. Aus den vielen nicht fortgeführten Anfängen habe ich weit weniger gelernt. Auf meiner Tastatur steht daher: »Whatever it takes to finish things, finish.« Das hilft. Danke, Neil Gaiman.

Eine große Hürde für mich war – und ist bisweilen noch – die Angst, Fehler zu machen, etwas Schlechtes zu produzieren. Neil Gaiman gibt diesbezüglich folgenden Rat: »Make new mistakes. Make glorious, amazing mistakes. Make mistakes nobody’s ever made before.«1

Es fällt mir oft schwer, meine eigene Arbeit einzuschätzen. Am einen Tag finde ich sie gut oder annehmbar oder weiß es schlicht nicht zu sagen, am nächsten möchte ich sie am liebsten in den Müll werfen.

Nur dadurch, dass ich die Resultate meines Schreibens anderen zu lesen gebe, kann ich lernen, wie sie ankommen. Und natürlich müssen sie nicht bei allen gut ankommen, nicht mal bei den meisten. Ich freue mich über jede Person, die sie als lesenswert empfindet.

Die positiven Rückmeldungen, die ich zu den bereits auf meiner Webseite2 veröffentlichten Geschichten erhalten habe, zeigen mir, dass ich auf einem guten Weg bin. Es ist für mich etwas ganz Besonderes, etwas zu schaffen, das andere ergreift, mitreißt, unterhält, träumen lässt oder sogar nachdenklich macht.

Ich schreibe nicht nur für den Selbstzweck, ich möchte Lesende damit erreichen. Dieses Buch ist für mich ein weiterer kleiner, aber wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Jeder Monat hat eine eigene Stimmung. Die zwölf Geschichten der Reihe Leben, Träumen und Sterben greifen die Witterung oder auch besondere Tage ihres jeweiligen Monats auf. In den Erzählungen herrscht insgesamt ein düsterer Grundton, wobei positive Wendungen möglich bleiben.

Die Geschichte Kommt und holt sie greift Elemente aus Märchen und phantastischen Erzählungen spielerisch – doch kritisch – auf und bricht dabei mit bestehenden Mustern.

In meinem Alltag oder beim Lesen fühle ich mich häufig durch Geschlechterstereotype gestört. Geschlechterbilder sind allgegenwärtig und prägen unser Verhalten und unsere Erwartungen. Ich bin nicht frei davon, doch empfinde es als problematisch, wenn aus starren Bildern Zwänge erwachsen. Menschen, die nicht mit den gesellschaftlichen Normen von Mann und Frau übereinstimmen, wird das Leben unnötig schwer gemacht.

In meinen Augen spielt das Geschlecht für die meisten Belange keine Rolle. Dennoch werden wir auf der Arbeit, beim Fußball spielen, beim Hausputz und in unzähligen weiteren Situationen stets nach Geschlecht kategorisiert und entsprechend unterschiedlich behandelt.

Ich hoffe, in meinen Geschichten diese Zwänge und Ungleichheiten etwas aufzuweichen und dem mit ihnen einhergehenden Wahnsinn zu entkommen.

Ich wünsche eine gute Reise in die Welten, die beim Lesen entstehen mögen.

Josa Wode

1 Ich empfehle die ganze Rede mit dem Titel Make Good Art, zu finden auf Youtube. Text: https://www.uarts.edu/neil-gaiman-keynote-address-2012

2http://writing.fotoelectrics.de

Januar

Im Mund klebt alles, die Zunge ist pelzig und der Geschmack widerwärtig. Wenn sie ausatmet, riecht sie ihre eigene Fahne, wodurch sich in ihrem aufgewühlten Magen alles zusammenkrampft. Sie richtet sich unsicher auf, wobei es sich so anfühlt, als ob ihr Gehirn verzögert folgt und dann in ihrem Schädel hin und her schwappt. Dabei durchfährt sie dumpfer Schmerz und Schwindel, während vor ihren Augen alles verschwimmt. So sitzt sie eine Weile auf ihrer Bettkante und atmet schwer. Die Luft in dem kleinen Zimmer ist zum Schneiden.

Ihr Zustand stabilisiert sich etwas, wenn man auch nicht ernsthaft von Besserung sprechen kann. Es hilft nichts – sie richtet sich unsicher auf, wobei sie eine erneute Rebellion ihres Körpers unterdrücken muss, und tapst unsicher durch ihre auf dem Boden verstreute Kleidung zum Fenster. Die eisig kalte Luft dringt schmerzhaft, aber auch befreiend in ihre Atemwege. Für einen Moment fühlt sie sich völlig klar und nüchtern, doch noch bevor sie große Pläne schmieden kann, kehrt die Übelkeit mit Anlauf zurück. Sie rennt ins Bad, stößt dabei schmerzhaft mit dem rechten Fuß gegen einen ihrer Stiefel und befördert diesen unter das Bett. Die Zimmertür lässt sie offen, die Badtür knallt sie achtlos hinter sich zu. Gerade noch schafft sie es, vor dem Klo in die Hocke zu gehen, da erbricht sie auch schon in einem gewaltigen Schwall in die Schüssel. Tapfer versucht sie, den Geschmack in ihrem Mund zu ertragen und mit genügend Speichel ins Klo zu spucken, doch sitzt ihr das Erbrochene auch in der Nase und mit Hochziehen und Ausspucken stellt sich kaum Besserung ein. Sie würgt erneut, diesmal einen kleineren Schwall, bei dem es sich anfühlt, als ob ihr Reste im Hals stecken bleiben. Immer, wenn sie gerade denkt, das müsste es gewesen sein, würgt sie einen neuen Schwall Mageninhalt hoch. Von der Anstrengung pulsieren die Adern in ihren Schläfen und der dumpfe Schmerz in ihrem Schädel wird immer drückender. So geht es eine gefühlte Ewigkeit, doch irgendwann ist es vorbei. Völlig entkräftet richtet sie sich auf und wankt zum Waschbecken, spült Mund und Nase aus so gut es geht und trinkt vorsichtig ein paar kleine Schlucke – mehr wagt sie nicht. Sie putzt sich die Zähne, obwohl sie weiß, dass ihnen dies in Kombination mit der Magensäure schaden kann. Den Mund spült sie gründlich aus, da sie durch den Geschmack der Zahnpasta erneutes Erbrechen fürchtet – das wäre schließlich nichts Neues für sie.

Hundeelend, doch irgendwie erleichtert, schleppt sie sich in ihr Bett zurück. Das Schlimmste ist geschafft. Jetzt heißt es Geduld wahren. Vielleicht wird sie in ein paar Stunden sogar etwas essen können. Gestern war sie sehr motiviert gewesen – nicht wegen Silvester, sondern weil sie wusste, dass die meisten anderen genauso auf Eskalation aus sein würden wie sie. Sie wollten etwas erleben. Sie wollten, dass Außergewöhnliches passierte. Sie wollten, dass sie etwas aus ihrem Alltag riss. Und das ließ sich mit viel Alkohol forcieren. Auch wenn es in Krawall enden würde, hätten sie einen gewissen Kick und hinterher etwas zu erzählen – irgendwer würde sich schon daran erinnern und die Detektivarbeit des gemeinsamen Rekonstruierens war für sie ebenfalls reizvoll.

Das ist der einfache Weg, denkt sie jetzt. Sie sieht sich eigentlich nicht als der Typ, der es sich leicht macht. Sie will es richtig machen. Wie viele Gehirnzellen waren im Klo herunter gespült worden? Was hätte sie an den Tagen erreichen und erleben können, die sie verkatert vor dem Fernseher hing und Serien konsumierte, die vom Gehalt meist gut zur dazugehörigen Fertigpizza passten. Oder ist Fertigpizza gehaltvoll? Egal.

So driften ihre Gedanken dahin, teils noch mit der Denksportaufgabe beschäftigt, was sie alles getrunken hatte und wo sie überall gewesen war, teils mit der Frage, was sie ohne Alkohol tun könnte, wie sich das auf ihr Leben auswirken würde und ob sie nicht einfach ihren Rucksack packen und drauflos laufen sollte, vielleicht ein paar Monate, vielleicht Jahre, oder sogar für immer – doch jetzt im Winter?

Irgendwann merkt sie, dass es bitter kalt geworden ist und erinnert sich an das Fenster. Nachdem sie einen harten inneren Kampf ausgefochten hat, rafft sie sich auf, schließt das Fenster, dreht etwas am Heizungsregler, ohne recht darauf zu achten, und verkriecht sich mit angezogenen Beinen, die sie mit den Armen umschlingt, unter der Bettdecke. Ein Schaudern durchfährt sie. Während sie so schwach und in allem eingeschränkt daliegt und darauf wartet, dass die Wärme zurückkehrt, ist sie genau im richtigen Geisteszustand für grundlegende Veränderung. Sie spürt, dass die Umstände völlig egal sind, dass sie einfach nur in ihrem Kopf eine Weiche umlegen müsste, eine Entscheidung treffen und dann anfangen, etwas anders zu machen. Sie würde erstmal für einen Monat keinen Alkohol trinken, vielleicht länger, denn im Grunde weiß sie, dass sie ihre Exzesse – mögen sie auch oft sehr unterhaltsam gewesen sein – nur behindern. Doch woran hindern sie sie? Was will sie eigentlich? Das ist der Kern des Ganzen.

Plötzlich spürt sie es. Es ist da, in ihrem Inneren, fast greifbar. Doch noch entweicht es ihrem Griff, entzieht sich ihren suchenden Blicken. Sie muss erst alles loslassen, woran sie sich klammert, um ihre Suche beginnen zu können. Da kommt die Leere. Sie ist mit einem Mal ganz leicht und frei von allem, was eben noch schwer auf sie niederdrückte. Und dann fliegt sie einfach los, lässt die Leere hinter sich. Unbekannte Landstriche gleiten unter ihr hinweg. Sie weiß, dass sie noch weiter muss. Ein innerer Kompass weist ihr den Weg und sie spürt, wie sie der Wind unter ihren Federn ihrem Ziel entgegen trägt. Tag und Nacht wechseln sich viele Male ab, doch ihr Flug bleibt mühelos und unbeschwert, bis sie es schließlich vor sich sieht, jenseits des Flusses. In weiten Kreisen segelt sie aus großer Höhe herab, ihr Ziel stets fest im Blick, bis sie landen kann. Das Gefühl, endlich angekommen zu sein, durchflutet sie mit wohliger Wärme. Hier ist es. Das ist, was sie wirklich will.

Als sie erwacht, ist ihr nur noch leicht flau und die Kopfschmerzen sind halbwegs erträglich geworden. Draußen wird es allmählich dunkel. Es ist an der Zeit, etwas zu essen. Sie macht sich eine Fertigpizza, nimmt sie mit ins Bett und startet eine ihrer Lieblingsserien von Neuem. Doch sie weiß, dass sie jederzeit etwas anders machen kann und vielleicht fängt sie schon morgen damit an.

Februar

Der pappige Schnee gab widerwillig unter Davids Skiern nach. In der Stille, die sonst jegliches Geräusch aufzusaugen schien, wirkte dies auf ihn wie Krachen, das man bis hinab ins Tal hören musste. Er kam zum Stehen – längst nicht mehr so wackelig wie noch vor wenigen Tagen. Sein schweifendes Auge fing das Gebirgspanorama ein. Irgendwo ganz unten im Tal, von hier unerreichbar, musste die Schnellstraße verlaufen, doch sichtbar war von ihr oder sonstigen Zeichen der Zivilisation nichts. Sein Blick blieb an den düsteren Wolken hängen, die ihn schon seit der letzten Rast beunruhigten – da braute sich etwas zusammen, von dem er ganz sicher nicht wollte, dass es sie hier draußen erwischte. Auch der Wind wurde allmählich stärker, sein Rauschen drang durch die Stille. Während der letzten Abfahrt hatte er ihm mit eisigen Nadeln in die Wangen gestochen.

Lauras Ruf riss ihn aus seinen Gedanken: »Nun komm schon! Es kann nicht mehr weit sein bis zur Hütte.«

Bevor er sie kennengelernt hatte, war er, bis auf gelegentliche Touren mit dem Mountainbike, kein besonders sportlicher Mensch gewesen. Ihre Freundschaft hatte dies grundlegend umgekrempelt. Nun waren Natur und Bewegung in verschiedensten Formen das, was ihn antrieb, und andere Interessen waren in den Hintergrund gerückt. Aber er brauchte Laura, um seine Trägheit zu überwinden. Letztes Jahr erst hatte sie ihn motiviert, Skifahren zu lernen, und nun waren sie bereits auf einer zweiwöchigen Hüttentour. Hier gab es nicht einmal überall Lifte, sodass sie nach einer Abfahrt des Öfteren die Skier schultern und einen langen, beschwerlichen Aufstieg beschreiten mussten. Laura war, wie meist, vorausgewedelt und stand nun, ungeduldig mit dem Skistock winkend, ein gutes Stück talwärts. Es sah immer so leicht aus, wenn sie sich bewegte. David atmete tief durch, zurrte seinen Wanderrucksack zurecht, um die Last wieder mehr auf die Hüften und von den schmerzenden Schultern zu bringen, dann verlagerte er sein Gewicht auf den Skiern und fuhr Laura nach, die sich ebenfalls bald wieder in Bewegung setzte.

Es wurde eine lange Abfahrt. Als er Laura einholte, hatte sie ihren Rucksack abgesetzt und die Karte aus dem Deckelfach hervorgekramt. Wie um ihn zu begrüßen, sagte sie: »Scheiße! Es hätte längst der Abzweig zur Hütte kommen müssen!«

David sah ihr an, dass sie müde war. Er selbst hätte sich am liebsten auf der Stelle in den Schnee fallen lassen. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass sie noch etwa eine Stunde bis zum Einbruch der Dunkelheit hatten. Der inzwischen gänzlich verhangene Himmel und die hohen Fichten, die dicht an der schmalen Strecke standen, vermittelten jedoch den Eindruck, es würde jetzt bereits dunkel. David wollte helfen, ihre Position zu bestimmen, doch über Lauras Schulter auf die Karte gucken zu müssen, machte ihn unruhig und gereizt, zumal er spürte, dass sie ebenfalls genervt war. Daher ließ er rasch wieder davon ab, starrte ins Leere und konzentrierte sich auf seine Atmung. Die kalte Luft schmerzte in der Nase und trieb ihm Tränen in die Augen. »Keine Ahnung, wo wir den Abzweig verpasst haben, aber es dürfte ein gutes Stück weiter oben gewesen sein. Das müssen wir uns, wie es aussieht, alles wieder hoch schleppen. Diesmal halten wir die Augen besser offen – wäre sowieso schon ein Wunder, wenn wir es noch vor der Dunkelheit zur Hütte schaffen.«

»Na, dann los!« David versuchte optimistisch zu klingen, doch sie würde vor allem gehört haben, wie erschöpft er war. Kaum waren sie mit ihren klobigen Stiefeln losgestapft, fielen dicke Flocken vom Himmel. Es waren so viele, dass die beiden nur noch wenige Meter weit blicken konnten. Insgeheim dachten sie beide daran, wie leicht sie nun den Abzweig verpassen würden, doch blieb es unausgesprochen, da sie einander nicht beunruhigen wollten. Bald glühten ihre Köpfe und die warmen Klamotten waren von innen schweißgetränkt. Sie redeten nicht, dachten nicht viel nach, setzten nur einen schweren Fuß vor den nächsten, sackten dabei immer tiefer in die stetig steigende Schneedecke. Die wenigen Gedanken drehten sich um das Erreichen der Hütte – dazwischen Fragen, was wäre, wenn sie es nicht bis dorthin schafften oder den Weg nicht fänden oder einer von ihnen umknickte und nicht mehr laufen konnte. Diese Art von Gedanken überwog bald, neue Erkenntnisse ergaben sich daraus nicht. Inzwischen war wahrhaftig die Dämmerung hereingebrochen – von der ersehnten Abbiegung noch keine Spur.

Als David schlicht nicht mehr konnte, setzten sie sich hin, um eiskalte Bananen und knochenharte Müsliriegel in sich hinein zu stopfen. Auch Laura sah erschöpfter aus, als David sie je gesehen hatte. Er freute sich schon darauf, wenn sie nach ihrem Urlaub von ihrem Abenteuer erzählen würden – falls sie es schafften. Nach einem Blickwechsel und einem leichten Nicken ihrerseits, hievten sie sich wieder auf die schmerzenden Beine. Dem Schein ihrer Stirnlampen folgend, stapften sie weiter bergan und in die Nacht. Beinahe hätten sie erneut die Abbiegung verpasst, die auf dem ersten Stück kaum breiter als ein Trampelpfad war. Doch da war eindeutig sichtbar die Markierung – zumindest, wenn man von unten kam.

»Vielleicht können wir ab da oben wieder fahren und wenn es gut läuft, haben wir es in einer halben Stunde geschafft.«

»Vielleicht ist jemand anderes auf der Hütte und hat schon Feuer gemacht.« Vielleicht.

Sie erklommen die Kuppe des Pfades, der nur dadurch erkennbar war, dass auf ihm weniger Bäume standen. Nun sahen sie, wie er sich leicht abfallend entlang der Flanke des Berges verlaufend durch den Wald schlängelte. Lauras Bindung war vereist, doch nachdem sie eine Weile mit dem Skistock darin herumgestochert hatte, griff sie wieder und die beiden fuhren abwärts. Die Ungewissheit, wann sie ihr Ziel erreichen würden, und die körperliche Erschöpfung lasteten schwer auf ihnen.

Irgendwann endete das Waldstück, durch das sie fuhren, auf einer Lichtung. Umrahmt von den letzten Fichtenzweigen zeichnete sich der Umriss der lang ersehnten Hütte dunkel vor ihnen ab. Die Anspannung fiel wie eine Last von ihren Schultern. Sie blickten sich an – ihre eigene Müdigkeit und Erleichterung spiegelte sich im Gesicht des Gegenüber wider, auch wenn sie sich gegenseitig mit ihren Lampen blendeten. Wärme, Ruhe und Sicherheit waren endlich in greifbarer Nähe. David malte sich bereits aus, wie sie mit einer heißen Suppe vor einem prasselnden Kaminfeuer sitzen würden. Die Wärme würde ihre Glieder durchfluten, die strapazierten Muskeln entspannen und wohlige Müdigkeit sich wie eine Decke über sie legen. Und dann wartete schon ganz bald der kuschelige Schlafsack.

Doch als sie näher kamen, sahen sie die Tür der Hütte offen stehen. Damit war der Traum rascher Behaglichkeit zerstört.

»Welcher Idiot war das denn?«

Trotz dieses Ärgernisses waren David und Laura unendlich erleichtert, die Hütte erreicht zu haben. Für den Moment waren die Strapazen des Tages vergessen. Sie stellten ihre Skier unter dem weit überhängenden Vordach des Holzhauses ab und traten in das Innere. Da sahen sie im Licht ihrer Stirnlampen jemanden auf dem Boden liegen.

»Hey, da liegt wer!« Beide stellten ihre Rucksäcke im Eingangsbereich ab und eilten zu der am Boden liegenden Gestalt. Vielleicht hatte jemand Kreislaufprobleme bekommen und war gestürzt. Sie knieten sich neben die Person, von der sie nun annahmen, das es sich um einen Mann in seinen Vierzigern handelte. David, der zuerst eingetreten war, kniete neben dem Kopf des Mannes. Seine Hand, mit der er sich abstützen wollte, fasste dabei in etwas Nasses auf dem Boden. Er hob sie in den Lichtkegel vor seinem Gesicht und stellte entsetzt fest, dass eine klebrige rötliche Flüssigkeit seine Finger bedeckte. »Blut! So eine Scheiße!« Er begann zu zittern und ein Kribbeln durchfuhr seinen Körper von unten nach oben, setzte sich schließlich in seinem Kopf fest. Hektisch packte er den Mann bei den Schultern und schüttelte ihn.

»He! Alles in Ordnung? Aufwachen!« Dabei drehte sich der Kopf des Mannes, der bisher abgewand gewesen war, ihnen zu. In der Mitte seiner Stirn war ein Loch, wie sie es nur aus Filmen kannten, dennoch wussten sie sofort, was es war. Aus dem Loch rann Blut, das die komplette rechte Gesichtshälfte des Mannes getränkt hatte und sich nun seinen Weg über die linke Wange suchte. Laura, die bisher an seinem Handgelenk versucht hatte, den Puls zu fühlen, beugte sich vor und fühlte am Hals des Mannes. »Ich glaube, er ist tot.« Ihre Stimme klang ganz verändert – schwach und unsicher. David entgegnete mit einer monotonen Stimme, die klang, als wäre er gerade aus tiefem Schlaf gerissen worden: »Wir sollten die Polizei rufen.«

Laura holte ihr Outdoorhandy aus dem Rucksack, schaltete es ein und ging schließlich nach draußen, um besseren Empfang zu haben. David, der weiter apathisch neben dem Mann gekniet hatte, raffte sich hoch und ging ebenfalls hinaus. Er wollte nicht allein mit dem Toten in der Hütte bleiben. Während Laura telefonierte, wusch er sich im Schnee das Blut von den Händen. Nach einer Weile trat sie neben ihn und er hielt inne. Seine Hände waren nun nur noch rot von der gesteigerten Durchblutung und brannten wegen der Kälte. »Na, die sind vielleicht lustig! Sie sagen, dass sie es erst morgen früh hier her schaffen können. Wir sollen hier bleiben und nichts anrühren.« Nun klang sie vor allem verärgert, aber auch beunruhigt.

»Und was, wenn der…«, David musste das nächste Wort geradezu hochwürgen, um es über die Lippen zu bringen, »…Mörder zurückkommt? Ich habe auch die Befürchtung, dass es noch nicht lange her ist.«

»Das habe ich auch gesagt, aber sie meinten nur, das wäre sehr unwahrscheinlich und er würde wohl schon über alle Berge sein.