Lebendig - Fabienne Säuberlich - E-Book

Lebendig E-Book

Fabienne Säuberlich

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Beschreibung

Lebendig ist eine fiktive Geschichte über das psychologische Thema Persönlichkeit und innere Persönlichkeiten. Inhalt: Alexandra ist eine großherzige, aber auch naive Träumerin, die aus einer liebevollen Familie kommt. Lucian hat es nicht leicht im Leben. Als Bruder ist er fürsorglich und liebevoll, doch mit seinem hitzigen Temperament bringt er sich oft in Schwierigkeiten. Damian interessiert sich nur für sich selbst, für Stärke, Macht und Geld. Niemandem zeigt er sein wahres Gesicht. Zumindest, bis zwei Ereignisse alles verändern. Zuerst begegnet ihnen ein mysteriöses fremdes Kind und wenig später erhält jeder von ihnen den Brief eines Unbekannten. Ein sehr persönlicher Brief, der ihnen eine große Gefahr prophezeit und ihnen den Weg weist. Den Weg zu einem Treffen, bei dem sich ihr Leben und ihre Sicht der Welt ein für allemal verändern werden. Ein unharmonisches Team, eine furchterregende Widersacherin und eine große Aufgabe.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 245

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Fabienne Säuberlich

Lebendig

Vier Persönlichkeiten,

Eine Aufgabe:

Die Rettung ihrer Welt

© 2018 Fabienne Säuberlich

Autor: Säuberlich, Fabienne

Umschlaggestaltung, Illustration: Fabienne Säuberlich

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN:

978-3-7469-3106-7(Paperback)

978-3-7469-3107-4(Hardcover)

978-3-7469-3108-1 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1 Im Nebel

Kapitel 2 Ein Menschenleben

Kapitel 3 Geld regiert die Welt

Kapitel 4 Wer wirklich zählt

Kapitel 5 Die lieben Verwandten

Kapitel 6 Der Jäger

Kapitel 7 Die Einladung

Kapitel 8 Das Haus in der Unsichtbaren Straße

Kapitel 9 Das Mädchen mit den traurigen Augen

Kapitel 10 Das Treffen

Kapitel 11 Und jetzt?

Kapitel 12 Das Waisenkind

Kapitel 13 Das zweite Treffen

Kapitel 14 Vom Suchen und Finden

Kapitel 15 Melanie

Kapitel 16 Eigene Pläne

Kapitel 17 Neue Erkenntnisse

Kapitel 18 Am Abgrund und darüber hinaus

Kapitel 19 Wer wir sind

Kapitel 20 Der Wille zu überleben

Vorwort

Menschen sind faszinierende Geschöpfe. Ich wundere mich oft darüber, dass Menschen so vieles wissen wollen, aber so wenig über sich selbst. Wir beschäftigen uns mit vielen Themen wie beispielsweise außerirdischem Leben, oder mit künstlicher Intelligenz. Aber wie viele nehmen sich wirklich Zeit für die Frage: Wer bin ich? Dabei ist sich selbst besser kennen zu lernen doch die Grundlage für alles, nach dem wir im Leben streben. Sei es Erfolg, Leistung, Glück oder Liebe.

Die Wissenschaft der Psychologie kann uns viel lehren, darüber wer wir sind und warum wir so sind. Darum möchte ich mit diesem Buch nicht nur eine unterhaltsame Geschichte erzählen, sondern meinen Lesern auch etwas über ein Thema der Psychologie nahebringen, das ich besonders spannend finde. Dieses Thema ist aus dem Bereich der Persönlichkeitspsychologie. Was ist das eigentlich Persönlichkeit? Ist sie eine Einheit, oder viel mehr etwas das aus vielen unterschiedlichen Anteilen und deren zusammenwirken hervorgeht. Das Modell der inneren Persönlichkeiten sagt, wir können uns unsere Persönlichkeit vorstellen als ein inneres Team aus unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen, die man wiederum innere Persönlichkeiten nennen kann. Diese Idee hat mich zu der Geschichte inspiriert, die sie gleich lesen werden.

Eine Geschichte mit ganz unterschiedlichen Charaktären, in denen sich doch jeder ein wenig wiederfinden kann. Eine Geschichte mit Fantasy, viel Gefühl und ein wenig Stoff zum nachdenken über diese so wichtige Frage: Wer bin ich?

Prolog

Liebes Tagebuch,

Ab heute wird sich alles verändern. Denn heute habe ich etwas herausgefunden, ein Geheimnis, das ich nur dir verrate. Unsere Welt ist ganz anders, als alle denken. Sie ist viel mehr als eine Kugel mit Wasser, Erde und Gestein. Ich weiß es, denn ich kann sie verstehen und sie versteht mich.

Keiner außer mir weiß etwas davon und ich werde es auch keinem erzählen. Denn ich möchte nicht, dass jemand davon weiß. Ich bin die Einzige, die mit der Welt sprechen kann und der die Welt zuhört. Das eröffnet mir ganz neue Möglichkeiten.

Und ich habe auch schon einen Plan, wie ich dieses Geschenk nutzen kann. Mein ganzes Leben lang war ich eigentlich schon tot. Niemand konnte mich sehen oder hören. Ich war immer wie ein Geist, unbemerkt und ungeliebt. Mich hat keiner gesehen, aber ich konnte sie sehen. Ich sehe den Schmerz, das Leid und die Gewalt, die diese Welt regieren. All die Menschen, die selbst mehr tot sind als lebendig, gefangen in einem Teufelskreis aus Leid, dass sie zufügen und zugefügt bekommen.

Also dachte ich, warum nicht wirklich tot sein? Das wäre doch viel besser. Denn der Tod ist ein Freund. Die Erlösung von allem Schmerz und allem Leid. Ewige Ruhe.

Bis vor kurzem wollte ich nur mich selbst erlösen, doch nun habe ich die Möglichkeit die ganze Welt zu erlösen! Ich werde die Welt retten, indem ich sie zerstöre. Alles was ich dazu brauche, ist ein bisschen Zeit.

Kapitel 1 Im Nebel

Nebel. Wie ein Schleier schiebt er sich zwischen dich und die Welt, eine Barriere die man weder wirklich sehen, noch fühlen kann. Du erkennst den Nebel nicht durch das was du siehst, sondern viel mehr an dem, was du nicht mehr siehst. Das nächste Dorf, das du von deinem Fenster aus sehen konntest, ist auf einmal nicht mehr zu sehen. Der Mann mit dem Aktenkoffer, der gerade noch ein paar Meter vor dir ging, ist nun nur noch ein undeutlicher Schemen. Der Nebel schränkt deine Sicht ein. Und auf einmal bist da nur noch du. Weil du die anderen um dich herum nicht mehr sehen kannst. Dann sind die einzigen Dinge die noch existieren, du und der Nebel. Hinter dieser verschleierten Wand aus Nebel, in einer anderen Wirklichkeit, existieren all die Dinge, die du nicht sehen und nicht wissen kannst.

Der Nebel ist dicht, so dicht, dass sie nur wenige Meter um sich herumblicken kann. Wie ein riesiger Wattebausch dämpft der Nebel alle Geräusche und verschluckt alles um sie herum, so als sei es nie da gewesen. Darum mag sie den Nebel.

Aber es ist nicht nur ein nebliger, sondern auch ein kalter Abend. Obwohl es angesicht der Jahreszeit gar nicht auffällig kalt ist. Zwei Grad im Dezember sind nun wirklich nicht ungewöhnlich und ganz sicher kein Kälterekord, aber auch Kälte kann unterschiedlich empfunden werden. Was für den einen warm ist, kann für den anderen eiskalt sein. Ihr kommt es heute Abend sehr kalt vor. Sie kann ihren Atem sehen, der ihr auch wie eine Art von Nebel erscheint.

Sie hebt die Hand, wie um ihn zu berühren. Aber natürlich ist das unmöglich. Sie kann ihren Atem genauso wenig berühren, wie den Nebel um sich herum. Ihre Hand gleitet einfach hindurch, ohne etwas zu spüren.

Es ist still um sie herum. Keine anderen Menschen in Sicht und Hörweite, nur ihre eigenen Schritte auf dem Asphalt und leise im Hintergrund, die Geräusche der Hauptstraße. Als sie sich darauf konzentriert, klingen diese gedämpft und unwirklich. Wie Erinnerungen an eine Welt außerhalb des Nebels.

Sie hört das Gurren einer Taube. Das Geräusch kommt von rechts oben. Sie blickt hinauf und entdeckt schließlich die Taube auf der Regenrinne des gegenüberliegenden Hauses. Die Taube legt den Kopf schief und schaut zu ihr herüber. Dann breitet sie ihre Flügel aus und begibt sich in den Sinkflug. Instinktiv legt Alex ihre Hände schützend über den Kopf, doch die Taube ist schon längst über ihren Kopf hinweg geflogen und vom Nebel verschluckt worden. Alex streicht sich über die blonden Wellen, die glücklicherweise nicht mit einem kleinen Geschenk, seitens der Taube, beehrt worden sind.

Alexandra hatte schon immer leicht lockige Haare. Was als Kind oft noch für eine allgemeine Sturmfrisur sorgte, über die ihre Eltern nur den Kopf schütteln konnten, war inzwischen eine ansehnliche Naturwelle geworden, die ihre Haare vom Scheitel bis zu den Spitzen durchzieht. Und das ganz ohne Friseur. Bei dem sie bisher sowieso nicht gerade ein Stammgast war. Sie ist mit ihren Haaren, so wie sie sind, eigentlich sehr zufrieden und geht nur in absoluten Notfällen zum Friseur. Alexandra ist niemand der großen Wert auf Äußerlichkeiten legt. Ihr eigenes Äußeres hält sie stets gepflegt, aber auch natürlich. Friseure, Nagelstudios, Visagisten und andere, auf körperliche Schönheit spezialisierten Einrichtungen, wären wahrscheinlich schon längst ausgestorben, wenn alle Menschen denken würden wie Alexandra.

Auch am Rest ihres Körpers hatte Sie schon immer wenig auszusetzen. Obwohl Ihre Eltern immer der Meinung sind, sie müsse dringend zunehmen und würde viel zu wenig essen. Alex ist da anderer Meinung. Außerdem weiß ihr Magen ja wohl am besten, was gut für sie ist. Zumindest besser als ihre überfürsorglichen Eltern, die sie zwar sehr gerne hat, aber die ihr trotzdem ab und an auf die Nerven gehen. Wahrscheinlich ist das einfach natürlich bei Eltern, dass sie ihren Kindern ab und zu auf die Nerven gehen. Mit fünfundzwanzig Jahren ist man nun wirklich kein Kind mehr und sollte in der Lage sein selbst zu wissen, was gut für einen ist. Doch für seine Eltern wird man immer irgendwie ein Kind bleiben. Das Kind, das sie im Arm gehalten haben und das sich nachts zu Mami ins Bett verkroch, weil nicht nur eines, sondern sogar mehrere Monster in seinem Zimmer unterwegs waren. Die Monster, die aber leider immer gerade nicht anwesend waren, wenn Mama oder Papa im Raum nachsahen. Doch jedes Kind wird einmal erwachsen. Und mit dem Erwachsenwerden kommen neue Monster, mit denen man sich auseinandersetzen muss.

Etwas kühles und nasses landet auf ihrem Haar. Der nächste Tropfen erwischt sie auf der Stirn, als sie nach oben schaut, um die Quelle des Übels auszumachen. Vor lauter Nebel ist ihr die dunkle Wolkendecke gar nicht aufgefallen. Sie seufzt. Einen Regenschirm hat sie heute Morgen natürlich nicht eingesteckt. Am besten wäre es also, wenn sie beim Auto ankommt, bevor der Himmel vollends seine Schleusen öffnet. Sie beschleunigt ihre Schritte. Konzentriere dich auf den Weg, denkt sie, nicht wieder in Tragträumereien versinken. Du wirst noch jede Menge Zeit in deinem Leben haben, um dir über Kinder und Eltern Gedanken zu machen. Wobei es deutlich wichtigere Dinge gibt, über die sie sich Gedanken machen sollte. Zum Beispiel die Arbeit. Am Montag steht ein wichtiges Meeting mit ihrem Chef an und sie hat sich noch nicht wirklich darauf vorbereitet.

Aber eins nach dem anderen. Zunächst einmal gilt es nun dem Regen zu entkommen. Das Ende der Straße ist bereits in Sicht. Nur noch einmal um die Ecke, dann ist sie schon auf dem Parkplatz angekommen. Nun trennen sie nur noch wenige Schritte von ihrem Wagen. Sie kramt in ihrer Handtasche nach dem Autoschlüssel und entsperrt damit den Wagen.

Jetzt nur noch schnell die Tür auf und sich auf den Fahrersitz gleiten lassen. Geschafft! Gerade noch rechtzeitig bevor der Regen richtig angefangen hat. Also ab nach Hause.

Jetzt wird der Regen stärker. Sie beobachtet, wie die Regentropfen auf der Scheibe aufprallen und dann ihre Spuren hinterlassen, während sie sich an der Scheibe entlang nach unten vortasten. Sie mag das Geräusch von Regen. Das Prasseln der Tropfen, die auf Scheiben oder Dächer treffen. Es ist ein beruhigendes Geräusch. Oft liegt sie abends im Bett und lauscht dem Regen. Der Regen spricht mit ihr, ohne etwas zu sagen. Er durchbricht die Stille, aber nicht ihre Gedanken. Der Regen unterbricht sie nicht, wie Menschen das nur zu gerne tun. Um dann darüber zu scherzen, dass sie mal wieder vor sich hinträumt. Hin und wieder mag das auch stimmen. Aber ist es träumen, auf die Geräusche um sich herum zu lauschen? Ist es träumen, sich selbst zu lauschen? Nein. Ich selbst bin kein Traum. Aber andererseits, woher kann man das so genau wissen? Ein Traum ist sehr real, solange man sich im Traum befindet. Woher können wir also wissen, dass wir uns nicht in einem Traum befinden? Sind wir wirklich wach und die Welt in der wir leben ist wirklich real? Was bedeutet dieses Wort eigentlich, real? Was für den einen real ist, kann für einen anderen vielleicht gar nicht existieren. Ist das was unsere Sinne uns zeigen die Realität? Oder nur unsere Version davon?

Na toll. Wenn sie so weitermacht, wird es noch lange dauern bis sie zu Hause angekommen ist. Es ist Zeit loszufahren. Sie startet das Auto und verlässt den Parkplatz. Auf der Hauptstraße fädelt sie sich in den Verkehr Richtung Osten ein. Wenn es keinen Stau gibt, sollte sie in einer halben Stunde zu Hause sein.

Natürlich staut sich der Verkehr. Eine Stunde später stellt Alexandra das Auto in ihrer Einfahrt ab. Es regnet inzwischen in Strömen. Schnell hechtet sie aus dem Auto, die Treppen hinauf und unter das schützende Dach, während sie ihren Haustürschlüssel aus dem Seitenfach ihrer Handtasche holt. Alexandra wohnt in einer Zweizimmerwohnung eines dreigeschossigen Mietshauses. Ein unauffälliges Reihenhaus in einer ruhigen Straße im Osten der Stadt. Und sie wohnt gerne dort. Auch wenn sie noch lieber auf dem Land wohnen würde. Ein eigenes Haus in einem kleinen Dorf, umgeben von Wäldern und Wiesen. Davon träumt sie manchmal.

Aber ihre Arbeit ist in der Stadt und für ein eigenes Haus reicht ihr das Geld noch lange nicht. Der Traum vom Eigenheim auf dem Land, muss also noch eine Weile warten.

Außerdem mag sie ihre Wohnung. Diese ist zwar klein, aber dafür gemütlich. In den Ecken und auf den Fensterbänken stehen Pflanzen. Die Möbel sind vor allem weich und bequem. Auf den Böden liegen Teppiche. An den Wänden hängen Fotos von Freunden und Familie, Mitbringsel von Reisen und etliche andere Dinge.

Alexandra hat nicht gerade viele Freunde, aber die wenigen, die sie hat, sind es schon seit langer Zeit. Ihre beste Freundin kennt sie noch aus Kindertagen. Die beiden sind auf die selbe Schule gegangen und haben als Kinder in derselben Straße gewohnt. Inzwischen wohnt ihre beste Freundin leider in einem anderen Bundesland und kommt nur noch selten zu Besuch. Mit ihren Kollegen auf der Arbeit versteht sich Alex gut, mehr aber auch nicht. Keinen ihrer Kollegen hat sie jemals außerhalb der Arbeit gesehen, und das ist in Ordnung. Mit allen muss sie nicht befreundet sein, und will es auch gar nicht.

Alexandra versteht sich mit den meisten Menschen gut, trotzdem ist sie nicht gerne unter Menschen. Vor allem unter Fremden. All die Feiern und Zusammenkünfte, auf denen viele Menschen reden, ohne etwas zu sagen. Der Lärm der vielen Stimmen, die wiederum versuchen, die viel zu laute Musik zu übertönen. Und natürlich der Alkohol, den viele Menschen brauchen, um sich amüsieren zu können. Das ist nichts für sie.

Alexandra arbeitet auch im Beruf lieber eigenständig, als in Gruppen und sie verbringt ihre Zeit gerne alleine. Ihre Freunde sagen oft, sie würde sich öfter mit sich selbst unterhalten, als mit anderen Menschen. Und in gewisser Weise stimmt das auch. Obwohl sie Selbstgespräche nie laut, sondern nur in Gedanken führt, und auch das tut sie eher selten. Meistens hängt sie nur ihren Gedanken nach, oder nimmt die kleinen Dinge um sie herum wahr. Viele Menschen gehen durch das Leben, ohne Ihre Umwelt wirklich wahrzunehmen. Sie sind viel zu gefangen in ihrem Alltag, im Stress und den sozialen Kontakten, um die Schönheit eines Sonnenaufganges zu bemerken. Oder durch einen Wald zu gehen und all das Leben darin wahrzunehmen. Die Bäume zu bewundern, die so groß und stark sind. Ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten festzustellen, oder das Rascheln des Windes in Ihren Blättern zu hören.

Und dann sind da natürlich die Tiere. Die Großen, aber vor allem die Kleinen. Sie sind überall und ein jedes ist ganz anders als das Nächste. Manche fressen einander, andere helfen sich untereinander. Jedes Tier hat seinen Platz und eine eigene Aufgabe.

Alex mag den Wald. Es ist so still dort und doch so voller Leben. Für Alex ist der Wald ein viel lebendigerer Ort, als eine Stadt es jemals sein könnte. Es ist eben eine andere Art von Leben. Sie mag es, wenn auch nur für einen kurzen Moment, Teil dieses Lebens zu sein. Und sie mag Tiere.

Als sie ihre Wohnungstüre öffnet flitzt ein kleines, sanftpfotiges Wesen herbei und begrüßt Sie mit einem klagendes „Miau“. Dieses beinhaltet wahrscheinlich die wortlosen Aussagen „Es wird aber auch Zeit, dass du nach Hause kommst“ und „Jetzt gib mir was zu Essen!“. „Ich habe dich auch vermisst!“, begrüßt ihn Alexandra. Ihr Kater Moon erwidert darauf nichts mehr. Katzen halten sich in der Regel nicht mit Freundlichkeiten auf. Alex nimmt Moon auf den Arm und drückt ihm einen Kuss auf das weiche Fell. Moon lässt diesen Liebesbeweis über sich ergehen. Dabei setzt er den berühmten Katzenblick auf, der alles von „Ich bin genervt“, „Oh Mann, ihr Menschen seid so blöd“, bis

„Du kannst mich mal am Arsch lecken“, beinhalten kann.

In diesem Fall erscheinen die Möglichkeiten eins und zwei wohl am realistischsten.

Nachdem Alex dem Wunsch Moons nach Futterbeschaffung nachgekommen ist, lässt sich dieser auf der Couch im Wohnzimmer nieder, um ein wohlverdientes Nickerchen zu halten. Derweil kümmert sich Alex um ihr eigenes Essen.

Eine Stunde später. Moon schläft friedlich auf der Couch und träumt von, nun ja wovon Kater eben so träumen. Vielleicht von Essen, oder einer hübschen Katze. Wer weiß das schon so genau. Alexandra ertränkt gerade eine Pfanne in Seifenlauge. Man könnte auch sagen, sie erledigt gerade den Abwasch. Draußen vor dem Fenster ist der Regen wieder in ein leichtes Tröpfeln übergegangen. Der Regen hat den Nebel etwas gelichtet, doch nicht gänzlich vertrieben.

Die Straßenbeleuchtung hat sich angeschaltet. Vor ihrem Haus kann Alexandra den Lichtkegel der Straßenlaterne durch das Fenster sehen. Und in diesem Lichtkegel ist noch etwas. Es ist ein kleines Mädchen.

Daraufhin lässt Alexandra die Pfanne ins Spülbecken sinken und tritt näher an das Fenster.

Zunächst erschien ihr das Mädchen nur als eine verschwommene Gestalt im Nebel, doch jetzt kann sie diese deutlich erkennen. Es ist noch ein Kind. Vielleicht fünf Jahre alt, aber genau kann sie es nicht sagen. Trotz dieser Kälte trägt es nur ein weißes Nachthemd. Alexandra erkennt die glatten, blonden Haare des Mädchens. In den Armen hält es irgendetwas, eventuell eine Puppe, oder ein Stofftier. Das Mädchen schaut direkt zu ihr hoch, als würde es sie ansehen.

Ist es eines der Nachbarskinder? Nein, denn Alexandra ist sich sicher, das Mädchen noch nie gesehen zu haben. Aber wer ist sie dann? Auf der Straße sind keine anderen Menschen zu sehen. Sie kann auch keine parkenden Autos erkennen.

„Was machst du nur hier so ganz alleine? Wo sind deine Eltern?“, flüstert Alex vor sich hin. Natürlich kann die Kleine sie nicht hören und antwortet daher auch nicht. Das Mädchen wird sich noch eine Erkältung holen, wenn sie sich weiterhin so leicht bekleidet in der Kälte aufhält.

Kurzentschlossen wischt sich Alex die nassen Hände an der Hose ab und begibt sich zur Haustür. Schnell schlüpft sie in ihre Schuhe und angelt sich die Jacke vom Kleiderhaken. Wenige Sekunden später tritt sie vor die Tür. Auf der Treppe hält sie inne. Vor ihr auf dem Gehweg scheint das Licht der Laterne. Von dem Mädchen ist nichts zu sehen.

Alex tritt auf den Gehweg und blickt sich suchend um. Doch weit und breit kein Kind zu sehen. „Hallo ?“ ruft sie verunsichert. Doch nur die Stille antwortet ihr. Wohin kann das Mädchen nur gelaufen sein? Wahrscheinlich waren ihre Eltern doch mit einem Auto in der Nähe. Ganz bestimmt sogar. Warum sollte das Mädchen sonst - um diese Uhrzeit- und nur im Nachthemd bekleidet, vor Alexandras Haus stehen?

Trotzdem ruft sie erneut: „Hallo? Hab keine Angst Kleine, ich will dir doch nur helfen.“ Aber sie erhält keine Antwort. Wo auch immer das Mädchen hin ist, hier ist es offenbar nicht mehr.

Kapitel 2 Ein Menschenleben

Es gibt diesen Scherz über den Regen. Man sagt, wenn es regnet, dann kommt das daher, weil Gott pinkeln muss. Gott uriniert also auf uns, wenn es regnet, und wir sind nichts anderes für ihn als eine überdimensionale Toilette. Falls es ihn gibt, denkt er, dann kommt dieser Scherz dem, was wir in Gottes Augen sind, wahrscheinlich ziemlich nahe.

Lucian glaubt nicht an Gott. Den Glauben an einen lieben und gütigen Gott, der über uns Menschen wacht und uns beschützt, hat er zusammen mit dem Glauben an Gerechtigkeit in der Welt, in einer mentalen Mülltonne versenkt. Das war wohl ungefähr an jenem Tag, an dem er sein damaliges Lieblingsspielzeug, einen Supermann aus Plastik, in der Mülltonne hinter seinem Haus entsorgte. An diesen Tag erinnert er sich noch sehr gut.

Diese Figur war nicht nur sein damaliges Lieblingsspielzeug, sondern auch so ziemlich das einzige Spielzeug , das er jemals geschenkt bekam. Sein Vater schenkte es ihm damals zu seinem achten Geburtstag. Wenige Monate bevor er ging.

Sein Vater verließ das Haus an jenem Tag mit einen Koffer in der Hand. Als Lucian sah, wie sein Vater mit dem Gepäckstück in der Hand zur Haustür ging, fragte er ihn „Wo gehst du hin?“. Dieser antwortete nur, er sei bald wieder zurück. Dann verschwand Lucians Vater mit einem etwas gezwungenen Lächeln aus seinem Leben.

Wenn sich seine Mutter in den ersten Wochen danach über „dieses blöde Arschloch“, das sich „feige aus dem Staub gemacht“ hat, beschwerte, sagte Lucian ihr stets, sie habe unrecht und sein Vater werde bestimmt bald wieder kommen. Schließlich hatte er das gesagt. Irgendwann glaubte Lucian dann selbst nicht mehr daran. Die Supermann-Figur behielt er. Sie war das einzige, was ihm von seinem Vater geblieben war.

Zwei Jahre später wurde seine Schwester geboren. In diesem Zeitraum waren viele fremde Männer im Haus ein- und ausgegangen. Seine Mutter hatte ihm die Meisten davon nicht einmal vorgestellt, und das war wahrscheinlich auch gut so. Die Männer blieben sowieso nie lange. Außerdem ging Lucian ihnen sowieso am liebsten aus dem Weg. Welcher dieser Männer seine Mutter schwängerte, konnte er anschließend nicht sagen. Und seine Mutter sagte es ihm auch nicht. Falls sie es überhaupt wusste.

Kurz nachdem sein Vater weggegangen war, fing seine Mutter mit dem Trinken an. Zunächst fiel es nicht weiter auf. Eine Flasche Wein zum Abendessen. Ein Gläschen Schnaps zur Verdauung. Nichts das allzu auffällig erschien. Aber mit der Zeit wurde es mehr. Immer wieder fielen Lucian nun die im Haus verteilten, leeren Flaschen auf. Seine Mutter machte sich noch nicht einmal mehr die Mühe, diese Flaschen zu verstecken. Am Anfang trank sie heimlich alleine im Schlafzimmer. Dort schloss sie sich dann ein und reagierte nicht auf sein Klopfen. Irgendwann jedoch schien es ihr egal zu sein, ob er von ihrem gestiegenen Alkoholkonsum wusste oder nicht. Jedenfalls hörte sie damit auf, zum Trinken extra ins Schlafzimmer zu gehen und trank fortan einfach wann und wo Sie wollte. Und sie ließ die leeren Flaschen anschließend auch überall stehen.

Zwei Monate vor seinem neunten Geburtstag begriff Lucian, dass er das Kochen offenbar von nun an selbst übernehmen musste. Zumindest wenn er nicht jedes Mal hungrig warten wollte, bis seine Mutter wieder einmal zu Hause und nüchtern genug war, um sich dazu aufzuraffen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er natürlich nur wenig Ahnung vom Kochen. Doch er begann genauer zuzuschauen, wenn die Mütter anderer Freunde, oder ab und zu auch seine eigene Mutter, kochten und lernte dabei. Erst das eine, dann alle anderen Dinge die er zukünftig selbst übernehmen musste: Einkaufen, waschen und putzen. So lange seine Mutter noch zur Arbeit ging und den Rest des Tages mit Trinken und Schlafen verbrachte, fehlte es ihm wenigstens nicht an Geld.

Als seine Schwester geboren wurde, war er also schon vorbereitet. Zumindest soweit man als Zehnjähriger darauf vorbereitet sein kann, sich um ein Kleinkind zu kümmern. Aber immerhin wusste er über die Küche und den Ablauf des Haushaltes Bescheid. Sich um ein Kind zu kümmern, das musste er nun auch erst noch lernen.

Am Anfang gab sich seine Mutter wirklich Mühe. Das erste Jahr übernahm sie sogar wieder den Haushalt. Sie verkündete damals auch stolz, sie würde von nun an keinen Tropfen Alkohol mehr anrühren. Doch sie brach das Versprechen schon wenige Wochen später.

Vom ersten Moment an liebte Lucian seine Schwester, auch wenn ihm oft alles zu viel wurde. Manchmal lag er abends wach und fragte sich wie es wohl wäre einfach zu gehen. Genau wie sein Vater. Einfach einen Koffer zu packen, und zu verschwinden. Doch er schämte sich für diese Gedanken. Nein, er konnte und würde seine Schwester nicht im Stich lassen. Sie traf schließlich keine Schuld.

Am Tag als Supermann ihn verließ, war seine Schwester ein halbes Jahr alt. Es war das erste Mal seit langem, dass sich seine Mutter hemmungslos betrank. Sie trank so viel, dass sie am nächsten Tag vergaß zur Arbeit zu gehen. Wiederholt passierte es, dass sie wegen des Trinkens nicht zur Arbeit ging. Oft trank sie sich in den Schlaf und wachte dann erst spät am nächsten Mittag wieder auf. Sie aus diesem Schlaf zu wecken, gestaltete sich schwierig. Erst recht sie dazu zu bringen, sich anzuziehen und zur Arbeit zu gehen - quasi unmöglich. Das wusste Lucian schon damals aus Erfahrung. Aber sie überspannte den Bogen. Zumindest bei ihrer damaligen Stelle.

Ihr Chef rief an, um sie darüber zu informieren, dass sie gefeuert war. Daraufhin hörte Lucian, wie seine Mutter ihren ehemaligen Chef anschrie, bis dieser offenbar den Hörer auflegte. Genaugenommen brüllte sie noch eine Weile danach das Telefon an. Obwohl den Apparat nun wirklich keine Schuld traf.

In diesem Moment wurde Lucian einiges klar. Ihm wurde klar, dass er seinen Vater nie wieder sehen würde, und dass dieser ein feiges Arschloch war, genau wie seine Mutter es immer gesagt hatte. Außerdem wurde ihm klar, dass seine Mutter niemals wieder die Mutter sein würde, die sie früher gewesen war. Sie würde nicht aufhören zu trinken und nicht wieder anfangen sich um ihre Kinder und den Haushalt zu kümmern. Spielzeug würde er auch nicht mehr brauchen, weil er zukünftig keine Zeit mehr zum Spielen haben würde. Mit einem Schlag war seine Kindheit vorbei und er musste sich nun um seine Familie kümmern. Oder um das was davon übrig war. Vor allem um seine Schwester.

An diesem Tag verlor er den Glauben daran, dass alles wieder besser werden würde. Er glaubte nicht mehr an Supermann, oder an Gott. Darum brachte er den Superhelden dahin wo er hingehörte. In die Mülltonne hinterm Haus. Und was Gott anging, der konnte ihn mal.

Inzwischen hatte sich diese Einstellung nur wenig verändert. Gott existiert nicht, davon ist er inzwischen überzeugt. Für ihn ist Gott nur eine Fantasie der Menschen. Der verständliche Wunsch danach, dass es mehr gibt, als nur dieses eine Leben. Dass es jemanden gibt, der alle Menschen liebt und beschützt. Dass alles einen Sinn hat und es einen Masterplan hinter jedem Leben, sowie hinter dieser Welt gibt. Aber eben nur ein Wunsch.

Denn wo ist dieser tolle Beschützer Gott, wenn man ihn braucht? Wenn die kleine Schwester weint vor Hunger, weil ihre Mutter wieder im tiefen, alkoholisierten Schlaf liegt, anstatt ihrer Tochter etwas zu Essen zu machen. Oder wenn kein Geld mehr zum Essen kaufen da ist, weil seine Mutter sich nunmal in keinen Job besonders lange halten kann? Wo ist Gott, wenn dieser möchtegern-coole Wichser Max Pollack und seine tollen Freunde mal wieder auf den sowieso schon unbeliebten Mitschülern herumhacken müssen?

Das nächste Mal kommt mir dieser Mistkerl nicht so einfach davon, denkt Lucian. Der verdient wesentlich mehr als nur eine blutige Nase.

Lucian betrachtet seine rechte Hand. Die Schnittwunde auf dem Handrücken hat wieder angefangen zu bluten. Hoffentlich wäscht der Regen das Blut weg.

Wie hätte er auch ahnen können, dass dieser Typ ein Taschenmesser in der Hosentasche mit sich herumträgt, um es dann auch noch gegen ihn einzusetzen. Das hätte wirklich übel enden können. Eigentlich sollte er froh sein, dass der Kampf frühzeitig unterbrochen wurde. Andererseits hat er sich dabei ein Gespräch beim Rektor eingehandelt. Wenn das mal nicht unangenehm wurde. Andereseits was sollte der Rektor schon tun? Etwa seine Mutter anrufen? Komm schon, reiß dich zusammen, denkt er. Ich werde es jawohl schaffen, das letzte halbe Jahr ohne Schlägerei zu überstehen. Ich darf auf keinen Fall vor dem Abitur noch von der Schule fliegen. Sonst war die ganze Arbeit umsonst.

Es war gar nicht so einfach gewesen, nach dem Realschulabschluss einen Platz auf dem Gymnasium zu bekommen. Nicht wegen des Abschlusses, denn er bestand ihn mit einer glatten Eins. Nein es lag an seinem „Verhalten“. Dass er auch an der alten Schule häufig schwänzte und in Schlägereien geriet, verschaffte ihm natürlich keinen Vorteil. Aber die Schwänzerei hielt er für nötig, denn er arbeitet drei Tage die Woche als Aushilfe in einer Autowerkstatt. Mit Autos kannte er sich schon immer gut aus, außerdem braucht er das Geld. Oder besser gesagt, er und und seine Schwester benötigten es, wenn ihre Mutter wieder einmal ihren Job verlor. Was sich wie ein roter Faden durch ihr Leben zog, da sie ihre Stellen bekanntlich nicht besonders lange behielt, genau wie ihre Männer. Obwohl die Männerbesuche inzwischen seltener wurden.

Und was die Schlägereien angeht, sie zu vermeiden war einfacher gesagt als getan. Es ist ja nicht so, dass er sich gerne prügelt. Und er weiß selbst, dass er es lassen sollte. Aber manchmal sieht er einfach Rot. Menschen wie Max Pollack bringen ihn völlig zur Weißglut. Natürlich ist ihm bewusst, dass er sie einfach ignorieren sollte. Oder einen Lehrer darauf ansprechen. Aber die unternehmen doch nichts. Sie reden dann mit Typen wie Max, vorausgesetzt sie glauben Lucian überhaupt ein Wort, was nicht häufig der Fall ist. Diese Typen wiederum streiten alles ab oder mimen mit Unschuldsaugen die reuigen Sünder, nur um am nächsten Tag weiter zu machen wie zuvor. Natürlich finden sie in der Regel heraus, wer sie angeschwärzt hat. Schon ist er erneut in eine Schlägerei verwickelt und bekommt am Ende selbst den Ärger. Weil Typen wie er ja immer die Schuldigen sind. So ein vorbildlicher Schüler wie Max, so ein netter, beliebter Mensch, der würde doch niemals andere schlecht behandeln. Natürlich nicht.

Bei diesem Gedanken überkommt ihn schon wieder die Wut. Wie ein guter Freund und alter Vertrauter breitet sie sich in ihm aus. Wenn er nur nicht immer so schnell wütend werden würde, hätte er ischer ein paar Probleme weniger. Tja, daran muss er wohl noch arbeiten.

Vor seinem inneren Auge taucht das selbstgefällige Grinsen von Max Pollack auf. Der Spott in seinen Augen und manchmal auch die Freude daran, wenn sich andere vor ihm winden. Wie klein und verängstigt Max auf einmal wirkte, als Lucian sich vor ihm aufbaute. Und das Gefühl als seine Faust in Max Gesicht landete, war einfach verdammt gut gewesen.