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Das ist die Geschichte von Caroline und der Liebe ihres Lebens, Thomas. Carolines Lebensautobahn. Als beide sich das erste Mal trafen, war es kurz vor der Jahrhundertwende, dem Millennium. Thomas fing in einer Führungsposition in der Firma an, in der Caroline bereits angestellt war. Das war der Tag, der alles verändern sollte. Es war Liebe auf den ersten Blick. Magisch! Tief! Einzigartig! Ein Sommer voller Gefühl und Zärtlichkeit. Dann das Aus mit einer großen Lüge von Thomas. Eine Welt brach für Caroline zusammen. Und doch ließ sie das Gefühl nicht los, dass sie Thomas eines Tages wiedersehen wird. Ein Jahr später traf Sie auf Lothar und mit ihm begann eine neue Beziehung. Sie kämpfte sich nach Scheidung und Neubeginn mit Lothar zurück ins Leben. Alles lief perfekt: Kinder, Beruf und Firma. Aber immer war da diese tiefe Sehnsucht in ihr, die Sehnsucht nach Thomas. Im achten Jahr nach dem Millennium passierte es. Ein magischer Moment. Caroline war auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit als sie eine Nachricht per Sims an eine Handynummer sendete und das Schicksal seinen erneuten Lauf nahm. Es war die Nummer von Thomas…………………
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Seitenzahl: 667
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Caroline Sehberger
LEBENSAUTOBAHN
Letzte Ausfahrt Richtung LIEBE
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
In Liebe
Gedanken des Anfangs
Prolog: „Carolines eigene, kleine Erklärung des Lebens“
1: „Millennium – Ein Sommer, den man nie mehr vergisst“
2: „Leben oder Sterben“
3: Jahr 1 nach Thomas – „Eine Seherin – ein magisches Erlebnis“
4: Jahr 2 nach Thomas – „Firmenjubiläum und Lothar“
5: Jahr 3 nach Thomas „Neue Ära Lothar“
6: Jahr 4 nach Thomas – „Immer wieder Thomas“
7: Jahr 5 nach Thomas – „Undank ist der Weltenlohn“
8: Jahr 6 nach Thomas – „Bruder und Schwester“
9: Jahr 7 nach Thomas – „Der Anruf – ein Hilferuf?“
10: Jahr 8 nach Thomas „Die Geister, die ich rief“
11: „Wer bin ich? Wohin geht diese Reise? Und vor allem, mit wem?“
12: „Allem Anfang wohnt ein Zauber inne“
13: „Thomas Entscheidung“
14: „Carolines Entscheidung“
15: „Geballtes Leben – Scheidung des Jahres“
16: „La Mer mon Amour“
17 „Das Leben ist jetzt“
18: „Rendezvous mit der Ewigkeit“
Schlusswort
Impressum neobooks
„Eine Erklärung des Lebens“. 9
„Millennium –Liebe einen Sommer lang“. 11
2. „Leben oder Sterben“. 123
3 „Eine Seherin – ein magisches Erlebnis“. 144
4 „Firmenjubiläum und Lothar“. 197
5 „Neue Ära Lothar“. 221
6 „Immer wieder Thomas“. 230
7 „Undank ist der Weltenlohn“. 238
8 „Bruder und Schwester“. 251
9 „Ein Anruf – ein Hilferuf?“. 269
10 „Die Geister, die ich rief“. 281
11 „Wer bin ich? Wohin geht diese Reise? Mit wem?“. 300
12 „Allem Anfang wohnt ein Zauber inne“. 311
13 „Thomas Entscheidung“. 326
14 „Dorothées Entscheidung“. 350
17 „Das Leben ist jetzt“. 445
18 „Rendezvous mit der Ewigkeit“. 464
Schlussgedanken. 489
Was Du liebst, lass los.
Kommt es zu Dir zurück,
so gehört es für immer zu dir!
In Liebe für
Thomas, die Liebe meines Lebens.
Ohne ihn würde es diese Geschichte nicht geben.
Meine Kinder, die ich unendlich liebe! Mein größter Erfolg
Meine Eltern,
die keine Besseren hätten sein können!
Meine alten und neuen Wegbegleiter,
die in all der Zeit mir und meinen Lieben beigestanden haben.
Der besten Seherin Deutschlands für ihre stets
sicheren Vorhersagen.
Disclaimer:
Jede namentliche und charakterliche Ähnlichkeit mit lebenden und/oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und frei erfunden. Fiktion küsst Realität.
Eine auf teilweise wahren Begebenheiten basierende Geschichte – sofern wir davon ausgehen können, dassGeschichte wahr ist oder wahr sein kann.
Dieses Buch ist das erste über Dorothée und der Liebe ihres Lebens, Thomas. Die teilweise auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte steckt voller Liebe, Leben und unglaublichen Momenten.
Dorothée glaubte nie an die Liebe auf den ersten Blick. Bis sie auf Thomas, den „Neuen“, trifft. Die Liebe schlägt ohne Vorwarnung in beide Herzen ein wie ein Blitz. Magisch! Tief! Alles verändernd! „Es wird nicht leicht, aber es klappt“, sagte die berühmteste Seherin Deutschlands, die Dorothée in ihrer Verzweiflung und auf Drängen ihrer besten Mädels aufsuchte. Beide treffe die Entscheidung ihres Lebens.
Wird das Schicksal zwei Liebende mit einem Rendezvous der Ewigkeit belohnen und sie auf eine gemeinsame Lebensreise schicken? Wir sind sehr gespannt.
Ich traf Dorothée in einem gemütlichen Straßencafé ihrer Stadt und sie erzählte mir Ihre turbulente Geschichte ……
Wir, die Statisten auf der Bühne des Lebens, begeben uns mit dem ersten Atemzug auf unsere Lebensreise. Jeder schreibt seine Geschichte, kreiert sein Leben und reist auf seiner Lebensautobahn. In fast jedem Moment treffen Entscheidungen. Diese Autobahn bietet unzählige Möglichkeiten. Abfahrten zu Stationen, die wir ansteuern und ausprobieren dürfen. Einige laden zum Verweilen ein, etwa für ein Studium oder eine Ausbildung, die erste eigene Wohnung und eine erste oder zweite Liebe. Wir entscheiden, was in unserem Leben passiert – nicht andere! Manche Abfahrten sind es aber auf den zweiten Blick nicht wert, dass wir dort anhalten. Wir taufen sie „die Irrtümer des Lebens“, die im besten Fall lehrreich sein können. Und falls wir uns eines Tages doch einmal verfahren sollten, gibt es zur Korrektur dieser „Irrtümer“ Autobahnauffahrten, die dazu dienen, den eingeschlagenen Irrweg zu verlassen, um in neue, aufregende Richtungen weiterzureisen. Im Laufe eines Lebens treffen wir viele derartige Entscheidungen. Die wichtigste Ausfahrt, die Ausfahrt Richtung Liebe, ist dabei diejenige, die unsere entscheidungsfreudige rationale Ebene in die Emotionale hebt. Urplötzlich gesellt sich ein bis dahin wildfremder Mensch zu uns und der Rausch der Liebe nimmt uns ein - vielleicht sogar bis an unser Lebensende. Und das wiederum ist der Zeitpunkt, der individuelle Entschlüsse in gemeinsame wandelt. Jetzt beginnt das Experiment des Lebens und das Abenteuer der Liebe. Nicht immer ist die erste Liebe die, sagen wir „Richtige“. Für Dorothée und Thomas brauchte es jeweils eine Debütausfahrt, die Debütliebe und erste Ehe, um die „wahre Liebe“, schon eingangs am Blick zu erkennen. Dann aber heißt es, an dieser wahren Liebe für den Rest des Lebens festzuhalten und sie Wert zu schätzen. Wir haben nur dieses eine kurze Leben und keiner gönnt uns eine Generalprobe, die Leben heißt. Es ist eine einmalige Premiere, leider. Carpe Diém - Nutzen wir also unsere Zeit. Wir nehmen uns das Recht auf Liebe, Leben und eigene Entscheidungen, selbst wenn es den Anderen nicht gefällt! Eure Caroline
Es war Sommer im neuen Jahrtausend und es sollte ein unvergesslicher Samstagmorgen im Juni werden. Die Vorfreude auf Thomas war riesengroß. Wir hatten uns verabredet, für ein Picknick im Grünen. Er wollte mir seinen Lieblingsplatz zeigen, an dem er immer wieder Ruhe und Kraft tankte. Ich war gespannt. Sonniger Samstagmorgen, ausgezeichnet geschlafen, Vorfreude auf Thomas, schon gut gelaunt im Bad, erst recht nach dem ersten Kaffee am Morgen. Meine Einkaufsliste für das Liebespicknick hatte ich schon im Kopf und hatte vor, im nahegelegenen Markt einzukaufen. Wein, Brot, Käse, Erdbeeren, eben alle Leckereien, die Liebende so brauchten. Das Kribbeln im Bauch setzte ein, je näher die Abfahrt rückte. Meine Sprösslinge spielten vergnügt im Garten, hatten beste Laune und planten, ihr zweites Frühstück bei Oma und Opa auf der Terrasse einzunehmen. Das Essen bei den Großeltern am Wochenende war den beiden heilig. Im Hause herrschte Wochenendstimmung. Glücklich über das sonnige Wetter, meine Kinder und der langsam in mir aufsteigenden Sehnsucht, verabschiedete ich mich mit dem Zauberwort: „Freundinnentreffen“ und schlenderte in die Garage zu meinen Traumwagen, meinem Cabrio. Eine geraume Zeit vor dem beruflichen Wiedereintritt im vergangenen Jahr, nach der zweiten Babypause, hatte ich wieder von einem eigenen Auto geträumt. Dreihunderfünfundsechzig Tage später stand er in der Garage, mein langersehnter Traumwagen. Mitternachtsblau mit schwarzem Verdeck und ausgezeichneter Ausstattung - Ladylike perfekt. Ich verstaute den Einkaufskorb im Kofferraum, stieg ein und zog die Autotür leise zu. Den Zündschlüssel ins Schloss steckend, ließ ich den Motor an. Auf Knopfdruck öffnete sich das elektrische Verdeck und ich rollte rückwärts aus der Garage. Allen zum Abschied winkend, den langen Kieselsteinweg hinunterrollend bis zum großen, zweiflügeligen Holztor, das unseren Garten vor Unbefugten schützte. Ich drehte das Radio an, lauschte der Musik und fuhr voller Vorfreude Richtung Einkaufsmarkt. Die Utensilien waren rasch besorgt. Aber bis es zum Liebespicknick mit Thomas an diesem sonnig warmen Junitag kam, war einiges im Rückblick in unseren beiden Leben passiert. Wir schauen kurz zurück. Meine Liebe für ein Cabrio entfachte zwei Sommer zuvor, bei einer Ausfahrt mit dem neuen Wagen meiner damaligen Freundin Claudia. Sie lud mich an einem sonnig warmen Sonntagmorgen auf eine kleine Spritztour ein und ich hegte die Absicht, um die Mittagszeit wieder zurück zu sein. Der gute Vorsatz der frühen Rückkehr blieb aber nur ein gutgemeinter. Es kam völlig anders. Die Faszination Cabrio war so überwältigend, dass ich mir vorkam wie Grace Kelly bei einer Ausfahrt über die grünen Hügel von Monaco. Ich erinnere mich noch genau, was ich anhatte. Ein langes, dunkelgrünes, Figur betontes Kleid. Einen weinroten Seidenschal, der galant umschmeichelnd den Kopf vor Fahrtwind schützte. Hinzu gesellten sich die betörenden Gerüche, die von den frisch gemähten Weiden, gepaart mit den Düften der Blüten, den Weg in meine Nase fanden. Das war der Tag, an dem ich beschloss, mir ein Cabrio zu kaufen! Für die Erfüllung dieses Traumes war zuerst der Wiedereinstieg in den Beruf erforderlich, da ich mir meinen Luxus stets eigenständig finanziert hatte. Das hat ganz klar den Vorteil, nie in Abhängigkeit zu geraten, grundsätzlich selbst zu entscheiden und ein Stück Unabhängigkeit zu leben. Egal, wie einvernehmlich eine Partnerschaft oder gar Ehe ist. Solange aber der Job und das nötige Kleingeld nicht in Reichweite waren, blieb es bei einem Zukunftstraum. „Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum, heißt meine Devise. Dass mir das Hausfrauen- und Mutterdasein auf Dauer nicht genügen würde, war mir immer schon klar. Im Gegensatz zu meiner Mutter, kommen für mich nur Familie, Kinder und Beruf in Frage. Am Anfang des Jahres wollte es der göttliche Zufall, dass eine Cousine zur Stippvisite mit Kind und Kegel zu Besuch kam und mir erzählte, dass sie einen Mitarbeiter in der Firmenverwaltung suchen. Das war meine Chance des Wiedereinstiegs. Die Bewerbung war erfolgreich und ich bekam einen Arbeitsvertrag. Vorerst nur halbtags, aber ich verdiente mein eigenes Geld. Ziel Nummer eins war erreicht und das zweite, mein Cabrio, in greifbare Nähe gerückt und anvisiert. Im Februar, direkt nach Karneval, trat ich den Dienst an, elf Monate vor dem mit Spannung erwarteten Millennium. Das erste Halbjahr verging mit Einarbeitung und Erlernen der firmenspezifischen Software wie im Fluge. Die Zeit glitt förmlich durch meine Finger. Ich fühlte mich rundum glücklich und leistete wieder etwas für das frauliche Ego. Die Familie, Großeltern, Mann und Kinder, zogen problemlos mit. Beide Omas passten nach Schule und Kindergarten auf die Kleinen auf. Sie vermissten Ihre Mutter, glaube ich, nicht existenziell oder wenn, nur äußerst selten. Mit ihren Spielkameraden aus dem benachbarten Umfeld hatten sie keine Zeit darüber nachzudenken, mich zu vermissen, zu ausgefüllt war ihr Alltag. Bei jedem nach Hause kommen gab es für die arbeitende Mutter eine stürmische Begrüßung. Sie waren stets bester Laune und das stimmte mich glücklich, räumte das zeitweise schlechte Gewissen, Ihnen nicht gerecht zu werden, beiseite. Bestätigte mir gleichzeitig, dass Muttis das Recht auf ihren eigenen beruflichen Lebensweg haben, trotz oder gerade wegen der Kinder. In sich ruhende Mütter haben ausgeglichene kleine Erdenbürger. Mein damaliger Mann Martin war ebenfalls mit seinem Job voll ausgelastet, so dass er morgens gegen sechs das Haus verließ, und nicht von neunzehn Uhr am Abend zurückkam. Mir blieb ergo genug Freiraum für Job, Kinder und mich. Die neue Anstellung komplettierte mein inneres Gleichgewicht. Das ungute Gefühl, nur ein Heimchen am Herd zu sein und gepflockt zu Hause auf jeden zu warten, kam nicht mehr auf, obwohl ich das Mutterdasein liebte und liebe. Jedwede Aktivitäten habe ich mit meinen Kindern erlebt. Schwimmkurse, Radfahren lernen, Fußballspiele, Laternenbasteln, St. Martinszüge. Für die wichtigste Zeit der Erziehung bis zum Kindergarteneintritt und der Einschulung, habe ich liebend gerne auf meinen Beruf verzichtet. Denn, wer liebende Erwachsene mit Rückgrat, Selbstvertrauen, Respekt, Liebe und Menschlichkeit gegenüber anderen aus dem Elternhaus entlassen möchte, der übt Verzicht und lehrt sie in den ersten, wichtigen Jahren all das, was einen liebenswerten Menschen ausmacht. Erziehung heißt Vorbild leben. Die Regeln kommen dann ganz von alleine. Genauso habe ich es in der eigenen Kindheit erfahren. Dafür bin ich meinen Eltern äußerst dankbar und habe es, so hoffe ich, beiden Kindern vermitteln können. Im Millennium April des darauffolgenden Jahres war es dann endlich so weit. Die Kasse stimmte, das Autohaus war gefunden, in dem mein Traumwagen stand. Mitternachtsblau mit allem, was das Frauenherz begehrte. Voller Stolz saß ich jetzt, zwei Monate später, in diesem, meinem Cabrio und rollte zum verabredeten Liebespicknick mit Thomas. Zur Autobahnauffahrt war es nicht weit und von dort aus hatte ich eine knappe Stunde Autofahrt vor mir, um ihn endlich sehnsüchtig in die Arme zu schließen. Genug Zeit, um während der Fahrt einmal situationserklärend in die Vergangenheit einzutauchen. Wir schreiben das Kalenderjahr vor unserem Millennium. Thomas erhielt im Herbst des Vorjahres eine Anstellung in unserer Firma und bekam das Prädikat „der NEUE“. Alles fing damit an, dass mein Chef in der Unternehmensführung Entlastung brauchte. Die Umstrukturierungen liefen damals auf Hochtouren und Stellenanzeigen wurden geschaltet. Es wurde ein dynamischer Mitarbeiter mit Führungsqualitäten und technischem Verstand gesucht. Eine Bewerbervielzahl flatterte ins Haus. Sie kamen zu Vorstellungsterminen und verließen uns wieder. Der „NEUE“ sollte im November seine Stelle antreten und den Mitarbeiterstamm in leitender Position vergrößern. Gewiss hatten einige andere Kandidaten einen bleibenden Eindruck hinterlassen, aber Thomas erhielt den Zuschlag. Es trug sich wie folgt zu. Ein diesiger Dienstagmorgen Anfang Oktober. Das Telefon klingelte und ich nahm das Telefonat an. „Kramer. Guten Morgen Frau Seiler. Ihr Chef wünscht, mich ein weiteres Mal zu sprechen und ich würde mit Ihnen gerne einen Termin in Ihrem Hause dafür vereinbaren. Sind Sie in der Lage, mir schon einen möglichen zu nennen?“ Fragte er. „Guten Morgen Herr Kramer. Das freut mich zu hören. Selbstverständlich. Gerne doch. Ich öffne rasch den Chef-Kalender und lege den Telefonhörer kurz aus der Hand“, antwortete ich, legte den Hörer zur Seite, öffnete den Terminkalender und nahm den Hörer erneut in die Hand. „So, Herr Kramer. Kalender geöffnet. Mein erster Vorschlag für sie wäre der morgige Mittwoch, um 14.00 Uhr. Passt das bei Ihnen?“ so meine abschließende Frage. „Gerne, das ist perfekt. Richten Sie Ihrem Chef bitte freundliche Grüße aus und wir sehen uns am morgigen Tag um 14.00 Uhr. Bis dahin wünsche ich frohes Schaffen“, so seine formulierte höfliche seine Zusage. „Vielen Dank. Bis morgen. Richte Ihre Grüße gerne aus. Auf Wiederhören.“ Nach Ende des Telefonats stieg ich die Treppe hinauf, betrat das Büro meines Chefs, um ihm über seinen morgigen Bewerbungstermin mit Herrn Kramer zu informieren. Alles passte perfekt zusammen und die Bewerbung lag schon auf seinem Schreibtisch. Der nächste Arbeitstag. Um die Mittagszeit kündigte sich Herr Kramer mit einem kurzen Telefonat an. Wie immer war ich die Erste, die zum Hörer griff. „Guten Tag Frau Seiler. Kramer hier. Ich avisiere Ihnen kurz die Ankunftszeit in Ihrem Hause, die ich auf meinem Navi ablesen kann. Wenn nichts dazwischenkommt, bin ich um 13:50 Uhr bei Ihnen, demnach in 20 Minuten,“ so seine Worte. „Vielen Dank für Ihre Info, Herr Kramer. Mein Chef ist im Hause und ist vorbereitet. Er freut sich,“ erwiderte ich. „Auf Wiederhören.“ Er war pünktlich, so wie sich das für einen zukünftigen „Neuen“ gehört. Zwanzig Minuten später bog sein Wagen auf unseren Firmenparkplatz. Punktlandung. Er stieg aus, zog sein Sakko an, holte seine Aktentasche aus dem Kofferraum, schloss die Pkw-Türe hinter sich und trat ein. „Hallo Herr Kramer. Ich hoffe, die Anreise war stressfrei. Bitte folgen Sie mir. Mein Chef wartet im Konferenzraum.“ „Gerne. Vielen Dank junge Frau“. Er folgte mir hinaus aus meinem Büro die Treppe hinauf. Das Gespräch dauerte fast eineinhalb Stunden. Endlich, die Türe ging auf und beide verabschiedeten sich mit einem Lächeln per Handschlag. Schnellen Schrittes stieg er die Treppe hinunter und lächelte mir im Vorübergehen zu. Dann fuhr er los und alle waren gespannt, was das Resultat dieses ausgiebigen Gesprächs war. Es vergingen - zum Leidwesen der Kollegen - zwei lange Tage voller Ungewissheit und Anspannung, auf wen die Wahl des Chefs wohl gefallen ist. Am Morgen des dritten Tages präsentierte er mir das Ergebnis zuerst. Ich genoss das volle Vertrauen der Chefetage. Daher war ich die Erste, die eingeweiht wurde. Das stärkte meine Position. Am Schreibtisch sitzend kalkulierte ich gerade eine größere Submissionsausschreibung, bevor die Bürotür aufging, meine Chefin hereinschneite und mir einen kleinen Klebezettel auf den Tisch legte. Mit der eindeutigen „Zeigefinger-auf-den-Mund-Geste“ teilte sie mir freudig mit, dass ich die Erste bin, die das Wahlergebnis erfährt, möge aber bitte hierüber Stillschweigen bewahren. Mit einem riesigen Fragezeichen auf dem Kopf las ich, was dort geschrieben stand: „Kramer kommt! Im November wird sein Amtsantritt sein.“ Ich hatte sofort sein lächelndes Gesicht vor Augen. Dieser nette, attraktive Mann wird demnach der „NEUE“. Ich für meinen Teil fand ihn reizend und attraktiv. Freute mich auf eine fruchtbare Zusammenarbeit, ohne zu ahnen, welche Bedeutung die „fruchtbare Zusammenarbeit“ für mich noch haben würde. Der Rest des Tags verlief nach der positiven Nachricht wie alle anderen. Arbeitsreich, kollegial und ausgefüllt. Und mit einem Lächeln der Vorfreude auf unseren Neuen. Bevor der „NEUE“ allerdings seinen Job antrat, den Mitarbeiterstamm der Firma vergrößerte und uns kennenlernte, stand das alljährliche Firmenfest auf dem Programm. In regelmäßigen Abständen wurde ausgiebig gefeiert. Das belebt die Mitarbeiterkollegialität und trägt zur Produktivität bei, so die Grundeinstellung der Chefetage. In diesem Jahr würde es zünftig zugehen. Mitte Oktober, in einem alteingesessenen Lokal in unserer Stadt stieg die Party unter dem Motto „O zopft is!“ Eine Art Oktoberfest mit Trachten, Brezeln, Weißbier, Weißwurst und zuzeln, typisch bayrisch eben. Der „NEUE“ war ebenfalls eingeladen und kam mit seiner Gattin. Ein erstes unbeschwertes Kennenlernen untereinander gelingt in einer lockeren Atmosphäre wesentlich besser, so die Worte der Chefetage. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren. Das Herrichten des Partysaals übernahm der Gastwirt. Wir waren gespannt. Am Festtag erwarteten wir die Gäste ab 19:00 Uhr. Unsere Aufregung war groß und ein jeder darum bemüht, dass das Fest gelingt. Die Räumlichkeiten leuchteten in Blauweißen Farbtönen. Auf den Tischen positionierte er Brezeln, süßen Senf und zünftige, bayrische Dekorationen. Die Tische des Saals standen schräg angeordnet zum Mittelgang, damit alle Gäste den einmarschierenden Bühnenstars schon beim Einzug ihre Aufmerksamkeit schenkten. Unsere Firmenleitung hatte drei Unterhaltungskünstler engagiert, die hinter der Bühne auf Ihren Auftritt in den Startlöchern standen. Punkt 19.00 Uhr trudelten die Gäste nacheinander ein. Ein wenig später waren alle vollzählig erschienen und dem Partymotto entsprechend bayrisch gekleidet. Und auch wir, die Mitarbeiter, hatten im Vorfeld entschieden, uns passend zum „Oktoberfest“ zu kleiden. Vollzählig erschienen wir in Trachtenkleidung. Die Damen teilweise in Dirndln oder zumindest trugen sie eine edelweißbestickte Trachtenblusen und die Herren hirschbedruckte Trachtenhemden. Auf Lederhosen verzichteten die männlichen Exemplare, Gott sei Dank. Auf die Begrüßungsrede folgte eine bemerkenswerte Bühnenshow mit professionellen Gästen. Mein Chef hatte bei der Wahl der Interpreten einen edlen Geschmack bewiesen. Die Premiere hatte ein altbekannter Bauchredner, der sein Programm zum Besten gab und permanent die Lacher der Zuschauer erntete. Es folgte ein erfolgreiches Gesangstrio aus dem Kölner Karneval, dass die Menge rockte und zum Schunkeln einlud, bis hin zu einem Sänger, der mir zwar gänzlich unbekannt war, aber mit seinen stimmungsvollen Schlagern zum Tanzen aufforderte. Nacheinander traten die Stars bis weit nach Mitternacht auf. Es wurde ausgiebig gefeiert, getanzt und gelacht. Ein rundum gelungenes und geschmackvolles Oktoberfest. Der harte Kern, zu dem auch ich gehörte, stand noch lange zusammen an der Theke der Gaststätte und feierte bis weit in den frühen Morgen mit jeder Menge Spaß. In der Zeit, in der ein Kollege einen Witz nach dem anderen zum Besten gab, schaute ich durch den Raum, um festzustellen, wer zu so später Stunde noch unter uns weilte. Mein Blick blieb an einer älteren Dame hängen, die mit einer Art Weltuntergangsgesichtsausdruck auf einer Eckbank an einem leeren Tisch saß. Ihr Kinn hing bildlich gesprochen bis zum Boden, ihr starrer Blick schaute teilnahmslos ins Leere. Die personifizierte Langeweile diagnostizierte ich, irgendwie unheimlich und mir schauderte es. Sie saß, wie ein Fremdkörper, dort Mutterseelen allein und eine derartige Mimik hatte ich bis dato bei keinem anderen Menschen je gesehen. Und ich habe mit sehr vielen Menschen zu tun. Ihr Gesichtsausdruck spiegelte eine irre Traurigkeit wider, fast schon die Stimmung einer tieferen Depression, so mein erster Eindruck. Langeweile war hier das Harmloseste, was ich hineininterpretieren vermochte. Ein wenig leidgetan hat sie mir schon, war es doch so ein lustiges Event und trotz der späten Stunde eine heitere und humorvolle Stimmung im Raum. Aber sie saß nur da – verzog keine Miene. Na ja, Spaßbremsen gibt es eben auf jedem Fest. Ich wendete mich wieder den Kollegen zu, um mich nicht versehentlich von ihrer Stimmung anstecken zu lassen. Trotzdem ließ mich die Dame gedanklich nicht los. Ich stellte mir die Aufgabe, zu ergründen, zu wem dieser Trauerkloß wohl gehören würde. Kaum zu Ende gedacht hörte ich eine mir bekannte Stimme genau diese Frage stellen. Es war mein Tonfall und ich hatte laut den fragenden Gedanken geäußert. Ein Kollege, der mit seinem Bierglas in der Hand neben mir stand und meine Frage hörte, antwortete prompt: Das ist die Frau von unserem „NEUEN“, dem Kramer. „Oh mein Gott“, sagte ich, „der Arme“. Manche Erdenbürger werden vom Leben gestraft und sehen es nicht, dachte ich. Im Gegensatz zu seiner Gattin war der „NEUE“ das komplette Gegenteil. Die ganze Feier über äußerst gesellig, humorvoll, lebenslustig und begeistert über das stimmungsvolle Bühnenprogramm. Er scherzte den ganzen Abend mit den Kollegen und ich sah ihn oft herzhaft lachen. Ich beobachtete auf diesem Fest einen Mann, der das Leben mit allem, was es zu bieten hatte, zu genießen verstand. Und wieder schwirrte die Frage in meinem Kopf herum: „Wie kommt ein solch lebensbejahender Mensch an so eine Frau?“ Wie man eine Vorliebe für Spaßbremsen entwickelt, entzog sich mir vollends. Na ja, Gegensätze ziehen sich bekanntermaßen an und er hatte sich die Dame ja in früher Jugend selbst ausgesucht. Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Wo die Liebe eben hinfällt. Außerdem stand es mir nicht zu, einen Menschen nur nach einer Momentsituation zu beurteilen, gar zu verurteilen. Das war nie mein Stil. Ich lerne die Erdenbürger immer erst gerne eine Weile kennen, um mir ein Urteil zu bilden. Denkbar wäre auch, dass sie ja nur einen deprimierenden Tag hatte, was durchaus vorkommt. Angesichts der glücklichen Stimmung im Lokal, hing ich nicht länger der Dame nach, ließ Kopfkino, Kopfkino sein und wandte mich wieder den Kollegen zu. Im Trubel war die komische Vertreterin des schönen Geschlechts schnell vergessen und draußen wurde es längst hell. Eine letzte Brezel und das letzte Glas Wein, dann aber ab nach Hause. Das Bett ruft. Der Sonntagmorgen war längst angebrochen. Die Wochenenden sind nach einer ausgiebigen Feier immer äußerst kurz. Geschlafen wurde bis zum Nachmittag. Wir krabbelten aus dem Bett. Die Kinder weilten bestens versorgt bei den Großeltern, so dass wir den restlichen Sonntag in Ruhe ausklingen lassen konnten. Am frühen Abend trotteten wir mit den Kindern ungewöhnlich zeitig zu Bett. Schlafdefizit nachholen. Kaum wieder Montag rasten die letzten Tage des Oktobers nur so dahin. Aufträge satt, Schreibtisch voll. Alle waren gespannt auf unseren „NEUEN“. Getuschel an jeder Ecke und einzelne Kollegen versuchten, in ihrer Neugierde irgendetwas über ihn herauszufinden. Auf dem Oktoberfest haben wir ihn äußerst gesellig kennengelernt. Er knüpfte schnell Kontakt und schien ein echter Sonnenschein mit Humor zu sein. Aber das war der inoffizielle neue Kollege. Meistens sind die private und berufliche Seite eines Menschen belegt von zwei unterschiedlichen Personen. Das ist bei mir genauso. Wie wird er wohl sein, fragten sich die Kollegen, die ihm ab November unterstellt waren. Gott sei Dank musste ich mir hierüber nicht den Kopf zerbrechen, denn mein Chef war und blieb der Eigentümer. Den Kollegen wünschte ich nur ein sozialverträgliches Kerlchen mit kollegialem Führungsstil. Ein Bär von Mann war er ja schon, und Bären sind ja die friedlichen und kuscheligen Vertreter in der Tierwelt. Nur bitte nicht reizen, es heißt, das sei ungesund. Wir waren gespannt. November. Einer der nicht so angenehmen Monate. Niesel, Nebel, Niesen – eben ein Monat mit vielen N-Wörtern. Und was passt da perfekt hinein: Der NEUE! Es war Montag, die erste volle Arbeitswoche im November. Nicht nur ein diesiger Tag, nein, sondern einer, wo jedem lieber nach Bett zumute ist. Dieser Montag war allerdings ein anderer, denn wer lässt sich schon unseren „NEUEN“ entgehen. Pünktlich, zehn Minuten vor Arbeitsbeginn traf er ein und mein Chef stellte ihn jedem einzelnen Mitarbeiter vor. Auch meine Bürotür öffnete sich. Ich erhob mich zur Begrüßung. „Dorothée, darf ich dir Herrn Kramer vorstellen. Er wird Manager der technischen Abteilung.“ Er dreht sich zum „Neuen“ um und sprach weiter: „Herr Kramer, das ist Frau Seiler, meine Assistenz.“ Wir reichten einander die Hände zur Begrüßung und schauten uns dabei tief in die Augen. Für Sekunden verweilte meine Hand in seiner. Seine warme weiche Haut, diese Augen. Der eindringliche Blick und seine Berührung meiner Haut lösten in dieser Sekunde ein Gefühlschaos in mir aus. Herzrasen, erhöhter Pulsschlager und eine wärmende, aufsteigende Hitze durchströmten den gesamten Körper. Elektrisierend seine Nähe, sein Lächeln. Auf mystische Art sank mein Blick tief hinab in seine Männerseele. Alles war so vertraut und doch geheimnisvoll. Ein Wechselbad der Gefühle. Und dann diese Stimme. „Guten Morgen, Frau Seiler. Freue mich außerordentlich auf unsere Zusammenarbeit“, sagte er mit weicher, sanft klingender Stimme. „Guten Morgen Herr Kramer. Herzlich willkommen und ich freue mich ebenfalls auf eine angenehme Teamarbeit“, sagte ich leise, völlig irritiert. Der Klang seiner Stimmbänder war erotisierend. Ja, eine erotische Stimme hatte er. Sie zog mich auf irgendeine Art und Weise unerklärlich in ihren Bann. Beide Herren nickten mir noch einmal zu und waren fast wieder auf dem Weg zur Türe hinaus, da holte ein Telefonklingeln mich aus der Faszination und meinen verwogenen Gedanken. Jetzt gehörte also Herr Kramer offiziell zum Mitarbeiterstamm. Leider hatte der reizende Arbeitsbeginn des „NEUEN“ für mich einen unschönen Beigeschmack. Ich wurde vorab höflich aufgefordert, mein heißgeliebtes Büro auf der ersten Etage zu räumen. Alleinlage/Ruhe/Küche direkt gegenüber/Kaffee so oft mir nach dem Heißgetränk war und das auf dem kürzesten Weg. Das Büro war Luxus pur. Jetzt zog Kramer dort ein und mich platzierte man ins Erdgeschoß. Aber seine Augen und seine erotische Stimme trösteten über den „kleinen Verlust“ hinweg. Sie stimmten mich äußerst versöhnlich mit dem Umzug in die neuen Räumlichkeiten. Na ja, man kann eben nicht alles haben. Bis heute ist es nicht erklärbar, was mich bei ihm direkt derart fasziniert hat. Für mich war es nicht nur der berufliche Start eines neuen Kollegen, sondern der Beginn meines neuen Lebens. Etwas, für das mir lange Zeit die Worte fehlten. Heute, rückblickend nach Jahren der gemeinsamen Reise auf unserer Lebensautobahn beschreibe ich es treffend mit einem Wort. Es war und ist Liebe. Aber dazu später. Die Zeit verging an Kramers erstem Tag arbeitsintensiv. Ebenso verflog der gesamte Monat November. Die Auftragsbücher waren voll, der Büroalltag ausgefüllt und keine Zeit für Kollegenplausch. Das wurde im Dezember etwas lockerer. Die Adventszeit. Der 1. Advent stand vor der Tür. Das ist immer meine Lieblingsjahreszeit, privat und in der Firma. Das Ende eines stressigen Jahres rückt mit der Vorweihnachtszeit in greifbare Nähe. Kerzen, Kekse, Tannenduft und Deko überall. Dienstlich hatte Herr Kramer in der kurzen Phase seiner Zugehörigkeit eine Neuerung eingeführt. Jeden Montagmorgen um 09.00 Uhr fand eine Lagebesprechung, ein Jour Fixe statt, bei dem alle Mitarbeiter anwesend sein sollten, um entsprechend ihres Sachgebietes Bericht zu erstatten. Firmentransparenz taufte er das wiederkehrende Prozedere. Ich kannte derartige wöchentliche Auftaktbesprechungen aus meiner beruflichen Vergangenheit. Eine sinnvolle Einführung zum Wochenauftakt. Aber ich glaube, dieser Meinung waren nicht alle Anwesenden, wie hier an diesem Montag nach dem 1. Advent. Die Büros waren nun allesamt geschmackvoll weihnachtlich geschmückt. Dafür sorgte unsere Chefin, die ein Händchen für das Dekorative hatte. Sie holte zu den alljährlichen Festzeiten ihre phantasievollen Dekorationen heraus und schmückte so lange, bis jeder Raum sein individuelles Ambiente hatte. In jedem Raume hingen hellleuchtende Lichterketten und dekoriert mit dunkelgrünen Tannenzweigen. Ein geschmückter Tannenbaum war der Blickfang der Eingangshalle. Atmosphäre schaffen nannte sie das. Die Mitarbeiter stimmten sich so auf das private Weihnachtsfest ein und das Arbeiten in entspannter Atmosphäre machte produktiver. In diesem Jahr strahlten für mich Büros und Eingangshalle festlicher. Ich befand mich in Hochstimmung. Woran das wohl lag? Es war immer noch Montagmorgen und mein Handy summte um 08.45 Uhr. Die Erinnerung an den neu eingeführten Fixtermin. Montagsbesprechung – Jour Fixe. Zeit genug, die nötigen Unterlagen zusammenzupacken und sich im Besprechungsraum zu versammeln. Ich schaltete die Rufumleitung ein und sprintete die Treppe hinauf. Auf dem Weg zum Konferenzraum schritt ich an einer Anzahl von Büros vorbei, in denen meine Kollegen so gar keine Anstalten unternahmen, aufzubrechen. Es war für sie recht ungewohnt.Ich traf wie immer zuerst im Sitzungszimmer ein, habe ich doch das Wort Pünktlichkeit mit der Muttermilch aufgesogen. Mein Blick fiel auf Herrn Kramer, der schon am oberen Kopfende des langen Konferenztisches auf seinem Platz saß. Entsetzt starrte ich auf den in der Mitte des Tisches stehenden Holzkranz, der den Adventskranz symbolisierte. Es war nicht irgendeiner, mitnichten. Eine Kollegin hatte den hölzernen Geburtstagskranz ihrer Kinder mit vier dünnen, weißen Kerzen bestückt mitgebracht und diesen zum weihnachtlichen Adventskranz erklärt. Er stand in mickriger Pracht unscheinbar auf dem großen Besprechungstisch. Na ja, über Geschmack lässt sich ja nicht streiten. Hierüber aber schon. Ich verfiel bei dessen Anblick sofort in lautes Gelächter. „Was ist das denn?“, fragte ich. „Wir haben Advent, nicht Kindergeburtstag. Dicke rote Kerzen, Tannengrün und Schleifen. Das ist Advent. Oder Herr Kramer?“ Kaum hatte ich meinen Unmut darüber geäußert, schauten wir uns kurz, aber intensiv an und schenkten uns dazu ein einvernehmliches Lächeln. Und da war es wieder – der elektrisierende Schauer meines Körpers. Welch ein verführerisches Lachen dieser Mann hatte. Und ich ertappte mich dabei, wie die geistigen Inspirationen versuchten, von mir Besitz zu ergreifen. Stopp, es ist Wochenbesprechung, ein kollegiales Lächeln, mehr nicht, sagte ich gedanklich und versuchte mich von ihm abzulenken. Etwas verlegen wendete ich den Blick ab und setzte mich zur Besprechung ihm gegenüber am zweiten Kopfende des Tisches. Ein Zweiergespräch kam zwischen uns nicht so recht in Gang. Dafür tauschten wir weitere, intensive Blicke aus und warteten auf die Kollegen, die langsam nach und nach im Konferenzraum eintrudelten. Pünktlichkeit ist eben nicht jedermanns Sache. Die Besprechung dauerte eine knappe Stunde. Alle brachten ihre Anliegen vor. Das letzte Wort hatte natürlich der Neue, Herr Kramer. Zum guten Schluss verteilte er seine Instruktionen für die bevorstehende Woche und entließ uns in den beruflichen Alltag. Wir liefen uns an diesem Montag noch mehrmals über den Weg und hatten kleine, zaghafte, aber noch unverfängliche Gespräche. Mit Kaffee, Keksen und einem letzten Telefonat am späten Nachmittag, läutete ich für mich den Feierabend ein. Ich wünschte im Vorübergehen den Kollegen einen stressfreien Abend und fuhr frohgelaunt nach Hause. Am nächsten Morgen stand, zu meiner Verwunderung, der Wagen von Herrn Kramer bereits auf dem Parkplatz. Ich parkte direkt neben ihm. Eifriges Kerlchen dachte ich und erzeugte in meinem Büro erst einmal eine für die Produktivität gemütliche Atmosphäre, zündete eine Kerze an und trank die erste Tasse Kaffee. Nach der zweiten Tasse mit Weihnachtskeks brauchte ich für einen Vorgang ältere Akten und Unterlagen aus dem Besprechungszimmer. Halbwegs wach trabte ich die Treppe hinauf, bog links um die Ecke, marschierte den Gang hinunter und betrat den Konferenzraum. Wie angewurzelt blieb ich im Türrahmen stehen und traute meinen Augen nicht. Auf dem Tisch stand nun ein richtiger Adventskranz mit dicken roten Kerzen, großen Schleifen und echtem Tannengrün. Der ganze Raum duftete nach Tanne und Weihnacht. „Ein Wunder“, sagte ich laut, „wer war das denn?“ Und während ich so vor mich hindachte, stand urplötzlich Herr Kramer neben mir. Schweigend, aber liebevoll lächelnd. Unsere Blicke trafen sich. Da war er wieder, der erotische Schauer. In seinen Augen, an seinem bärigen Lächeln las ich die Antwort auf meine Frage. ER hatte den Kranz am gestrigen Tag nach Feierabend gekauft und in aller Frühe heute Morgen hierhergestellt. Dann sagte er äußerst selbstbewusst: „ICH“. Knisternde Stille. Wir schauten uns an. Sehr lange. Am gestrigen Morgen hatte er mein Selbstgespräch mitbekommen und hat meinen Worten aufmerksam zugehört. Warum besorgte er einen neuen Kranz? Nur weil Frau Seiler das sagt? Ich löste meinen Blick und gab behutsam, aber lobend und dabei etwas verlegen, zur Antwort: „Vielen Dank. Das war doch nicht nötig.“ „Es überkam mich aber eine große Lust, Ihnen diese Freude zu bereiten. Den Kranz habe sehr gerne für Sie gekauft“, antwortete er. Verlegene Röte spiegelte sich in meinem Gesicht wider. Mir wurde heiß mitten im tiefsten Winter. Verwirrt, aber mit unheimlicher Freude über seine geglückte Überraschung, seine Geste, nahm ich meine Akten und hüpfte förmlich die Treppe hinunter zurück ins Büro. Apropos mein Büro! Wie schon im Vorfeld erwähnt, räumte ich genau wegen dieses Mannes die erstklassigen Räumlichkeiten auf der ersten Etage, um mich ab November mit meinem „Lieblingskollegen“ in einem im Erdgeschoß liegenden Zimmer wiederzufinden und einzurichten. Die Hauptaufgabe des Kollegen war die Auftragsakquise und so war er, zu meiner großen Freude, das gebe ich gerne zu, mehr außer Haus unterwegs. Er rückte mir daher nicht permanent auf die Pelle und beglückte mich nur selten mit seiner körperlichen Anwesenheit. Bei seinem Amtsantritt im November unterstützte Herr Kramer an seinem ersten Tag den Umzug. Meinem „Lieblingskollegen“ half er beim Schreibtischschleppen. Mein „Lieblingskollege“ setzte bei der Aktion kein allzu erfreutes Gesicht auf. Unsere Sympathie füreinander hielt sich in Grenzen. Das fiel Herrn Kramer auf. „Was schauen Sie denn so, Herr Müller. Schätzen Sie sich doch glücklich, ab heute mit einer so schönen Frau zusammen ein Büro zu teilen. Ich würde sofort mit Ihnen tauschen!“ Hörte ich Herrn Kramer reden. Indem er die Sätze sagte, schaute er mich – wie beschreibe ich es – mit diesem für ihn typischen, erotisch anmutendem Lächeln und einem Blick an, der mir erneut tief in die Seele drang. Kalte und heiße Schauer liefen mir erneut den Rücken hinunter. Dabei war das Wort Wechseljahre noch lange kein Thema und sein Amtsantritt keine vier Stunden her. „Nein“, sagte ich in Gedanken, „das bildest du dir ein. Wir sind beide verheiratet. Verbanne diese Art der Gedanken! Bleibe auf dem Teppich, junge Frau. Nicht alle Männerherzen liegen dir zu Füßen“. Nicht alle, aber seins? Er verwirrte mich immerzu. Solche seltsamen Augenblicke mit uns gab es seit seinem Amtsantritt viele. Die Situationen schlüssig einzuordnen gelang mir nicht. Es war mehr eine relativ wortlose Kommunikation, eine stille Post, so eine Art unsichtbares Band. Wenn wir in einem Raum zusammensaßen, hatte er Gedanken im Kopf, die ich dann laut aussprach oder umgekehrt. In den Jour Fixen der nächsten Wochen verstanden wir uns immer besser, und wie gesagt, fast wortlos. Ungewöhnlich oft zog es mich zum Kaffee holen, in die 1. Etage. Hierbei ist noch einmal anzumerken, dass die kleine Küchenzeile der oberen Büroetage direkt gegenüber seines, sorry, meines alten Büros lag. Die meiste Zeit über arbeitete er mit offener Türe, so dass mir jedes Mal ein flüchtiger Blick gegönnt war. „Männer sind etwas Wunderbares“, signalisierte mein Bauch-Engelchen! „Nicht doch, nein“, sagte das Kopf-Teufelchen. „Das bildest du dir ein!“ Indes der Kaffee so vor sich hin kochte, entlockte ich ihm fast immer ein kurzes, aber intensives Gespräch, den liebevollen Blick inklusive. Ich bin verheiratet, eine treue Seele, aber trotzdem zog er mich unerklärlich an. Gute Chemie unter Kollegen, diagnostizierte ich diese Anziehung. Beste Voraussetzungen für eine effiziente Zusammenarbeit bei gemeinsamen Projekten. Wir verstehen uns ausgezeichnet, mehr nicht. Wir haben dieselben Gedanken, teilen die gleichen Ideen und er sorgte endlich für den ach so berühmten „ROTEN FADEN“ in dem, was man Firmentransparenz nennt. Der Leitfaden war bis zu seinem Eintritt und der neu eingeführten Organisation so gut wie nicht vorhanden. Nicht zu erkennen, geschweige denn, dass die Gesamtstruktur und deren Abläufe transparent für jeden klar nachzuvollziehen waren. Nur, dass eine solche Transparenz unbedingt erforderlich ist, um effizient und effektiv zu arbeiten, das hatte in dieser Firma bis heute niemanden gestört. Darüber hinaus ebenso wenig begriffen. Sein neu eingeführtes System wird von einem damaligen Lieblingskollegen bis heute zu weitergeführt. Tja, erfolgreiche Strukturen werden eben beibehalten und übernommen. Die letzten Adventstage vergingen schnell und schon stand das Weihnachtsfest vor der Tür. Der verdiente Weihnachtsurlaub setzte ein. Das Fest der Liebe wurde bei uns durch meine Kindheit geprägt, traditionell gefeiert. Am Heiligen Abend war Mutter Gast im Hause ihres ältesten Kindes, weil unser Vater leider zu früh, Anfang der 90-iger Jahre, verstarb. Mama blieb an Weihnachtsabenden nie alleine. Mein Geschwister ist verheiratet, hat aber keine Kinder und lebt mit Mann und Hund in einem großen Haus. Und weil ihrer Schwiegermutter das gleiche Schicksal ereilte, waren beide Mütter grundsätzlich am Heiligen Abend dort. Bei uns war es lebhafter, weil sich zu unseren Kindern meine Schwiegereltern gesellten. Seit dem Hauskauf Mitte der 90er Jahre, wohnten wir zusammen, aber in getrennten Wohnungen. In einem von uns umgebauten großen Zweifamilienhaus mit riesigem Garten und jeder Menge Platz für heranwachsende Kinder. Zuhause war ich nach Feierabend in der Vorweihnachtszeit mit Dekorieren, Geschenke verpacken, Essen vorbereiten und vielem mehr beschäftigt. Der Heilig Abend wurde für unsere Kleinen wieder ein gelungenes Fest. Christmesse besuchen, Präsente auspacken und das weihnachtliche Essen genießen. Unbeschwert ausgelassen unter dem Tannenbaum. Kinder Heilig Abend eben! An beiden Weihnachtsfeiertagen begaben wir uns stets auf eine Art Rundreise. Am 1. Weihnachtstag zur ersten Oma. Der 2. Feiertag gehörte meinem Geschwister mit Frühstücksbuffet am Morgen. Zu guter Letzt reservierten wir den Nachmittag des 2. Tages endlich für unsere kleine Familie. Entspannung pur und jeder hatte Zeit für sich. Der weihnachtliche Feiertagsstress war geschafft. Die Woche zwischen den Tagen verging mit dem Treffen der Vorbereitungen auf das allseits erwartete, aufregende Millennium Silvester. Ein einmaliges Jahrtausendereignis, und wir waren dabei! Das Glück der passenden Geburtsstunde! Lange beschäftigte ich mich mit dem Gedanken, mit wem wir denn das bedeutende Ereignis feiern werden. Es bereitete mir Kopfzerbrechen. Mit den Großeltern, alleine, mit Freunden oder lieber mit allen? Die ältere Generation wohnte im gleichen Haus und feierte sowieso mit. Es fehlte eine Person für mich, die zu feiern verstand, was der Mann an meiner Seite nicht beherrschte. Ausgelassen die Nacht zum Tage machen, tanzen und die Alltagssorgen für eine Weile vergessen war nicht sein Ding. Daher entschied ich mich für Freundin Helga und ihre Töchter und lud sie ein, um das einmalige Silvester ausgelassen feiernd zu erleben. Die Welt verabschiedet ein Jahrhundert und begrüßt zeitgleich gar ein neues Jahrtausend. Ohne zu erahnen, welch eine Wende das Leben nach diesem Fest für mich nehmen wird, plante ich ein großes Millennium Silvester. Die Planung bereitete mir Freude und was das neue Jahr alles bereithielt, war mir bis dato einerlei. Eine Jahrhundert-, gar eine Jahrtausendwende mitzuerleben würde emotional gigantisch und aufregend genug sein. Vorab eines: Das neue Jahr wird für mich das Ereignisreichste werden, das ich nach den Geburten meiner Kinder erlebt habe. Zukunftsweisend in jeder Hinsicht. Der Job bereitete Freude, die Kinder entwickelten sich prächtig, gegenseitig befruchtende Freundschaften, die Mädels, die netten Kollegen und der „NEUE“, Herr Kramer, inspirierten mein Leben. Aber woran lag das eigentlich unerklärliche Hochgefühl, das ich seit Herbst in mir trug? Nur nicht zu oft darüber nachdenken. Lieber unbeschwert diese Euphorie genießen. Einige meiner Wünsche und Ziele hatte ich bis dato erreicht. Ich spürte eine tiefe Dankbarkeit und ich ruhte in mir selbst. Mitte dreißig - absolut ich und das war mehr, als ich mir je erträumt hatte. Millennium. Der Silvesterabend kam, die Kinder hielten tapfer durch. Das Haus war voll, Spaß bis 23.59 Uhr. Alle zählten den Countdown laut mit und......... Jaaaaaaa, da war es, das verheißungsvolle Jahrhundert, das neue Jahrtausend. Feuerwerk überall. Heller und bunter, nicht wie in all den Jahren zuvor. Die Sektkorken knallten laut, die Gläser wurden gefüllt und alle Feiernden prosteten sich zu. Jeder wünschte sich etwas Grandioses, etwas noch nie Dagewesenes. Niemand verriet seine Träume, sonst erfüllen sie sich ja nicht. Mein größter Wunsch war schlicht und eindeutig: Gesundheit und Liebe für ein langes Leben. Beim Anblick des gigantischen Feuerwerks bekam ich ein wenig Gänsehaut, das gebe ich gerne zu. Wir standen mit strahlendem Lächeln und Champagnergläsern an unseren großen Fenstern der Terrasse. Wer von uns sagt mit Bestimmtheit voraus, ob Träume und Wünsche sich erfüllen werden, oder was das neue Jahrhundert uns allen und in erster Linie mir bringen wird. Ich war immens sehr gespannt. In einem kurzen Augenblick, derweil ich mir das restliche Feuerwerk anschaute, stieg ein seltsam wohliges Gefühl in mir auf und ich ertappte mich dabei, den Kopf voller Gedanken an Herrn Kramer zu haben. Wie hat er das große Ereignis gefeiert? Wen hält er jetzt in seinen Armen und welchen Wunsch hat er für sich definiert? Ob er ebenfalls an mich denkt? Mit einem lauten „Mama“ fiel mir mein Sohn um den Hals, riss seine verträumte Mutter aus den törichten Gedanken. Die Kinder waren müde, angesichts der vorgerückten Stunde. Ich brachte sie mit einem dicken Gutenachtkuss in ihre Betten und wünschte ihnen entzückende Träume, denn eine liebende Mutter kommt zu jeder Tages- und Nachtzeit ihrer Pflicht nach. Im Anschluss daran gesellte ich mich wieder zu den feiernden Gästen. Jetzt folgte der ruhigere, angenehmere Teil der Nacht. Nette Gespräche und die letzten Gläser Wein. Bis in den frühen Morgen wurde gescherzt und gelacht. Millennium – welch ein mystischer Augenblick. Für das restliche kurze Wochenende war relaxen und Ruhe angesagt. Der kommende Montag läutete dann den neuen Arbeitsalltag ein. Die Ferien waren vorüber. Alle Urlaubsrückkehrer fanden sich pünktlich wieder an ihren Arbeitsplätzen ein. Jeder erzählte in den ersten Stunden des Wiedersehens von seinen Erlebnissen zur Weihnacht und einem restlos emotionalen, persönlichen Silvester. Herr Kramer kam zu vorgerückter Mittagszeit ebenso in mein Büro, reichte mir die Hand und sagte: „Hallo Frau Seiler. Von Herzen alles Liebe für das neue Jahr, das junge Jahrhundert. Ich hoffe, dass all Ihre Wünsche sich erfüllen werden.“ „Tausend Dank. Ihnen und Ihrer Familie ebenfalls ein glückliches, neues Jahr,“ so meine Antwort. Seine Stimme nach zweiwöchiger Urlaubszeit wieder zu hören, berührte mich zutiefst. Beim Verlassen des Büros dreht er sich an der Türe erneut um und schenkte mir ein betörendes Lächeln. Dann schloss er die Bürotür und stieg die Treppe hinauf. Ich hatte wieder dieses unvergleichliche Hochgefühl, diese Euphorie in mir. Unerklärlich meine Gefühle, sobald er im Raum war. Welch ein gelungener Jahresanfang. Alle Kollegen wünschten sich ein brillantes, neues Jahr, wenn man sich über den Weg lief, und freuten sich wieder auf den Frühling. Der macht ja bekanntermaßen alles neu! Die restliche Winterzeit verging relativ rasch und arbeitsreich. Kinder und Ehemann wohlauf. Herr Kramer hatte sich problemlos eingelebt und eingearbeitet. Eines frühen Morgens im Frühjahr – es war ein Donnerstag – kam er in einem seltsamen Outfit in die Firma, dass ich komisch, gar lustig fand. Er betrat mein Büro zum Morgengruß und was ich sah, entlockte mir ein kleines, verschmitztes Grinsen. Seine Art, sich zu kleiden, war salopp ausgesprochen für meinen Geschmack und seine Position im Job nicht passend. An jenem Tag hatten Hose, Hemd und Krawatte die unterschiedlichsten Grüntöne. Ein leicht schmerzender Anblick für Menschen mit Stil. Wenn das mein Mann wäre, würde er seiner Position entsprechend perfekt gekleidet sein. Ich war aber nicht seine Frau und er weckte in mir ein wenig Mitleid. So entlässt eine Ehefrau ihren Mann nicht ins tägliche Arbeitsleben. Leider ist es mein Naturell, dass ich liebgewonnene Personen auf diese komischen Missstände stets hinweise. Nicht immer vorteilhaft für mich, das gebe ich gerne zu, aber so bin ich eben. Das Outfit sah so seltsam an ihm aus. Es war mir gleichgültig, welchen Kommentar ich einfangen werde. Allen Mut zusammengenommen, stieg ich die Treppe hinauf und stand jetzt in der Küche, welche, wie man weiß, direkt gegenüber seinem Büro lag. Der Vorwand war: Ich brauche Kaffee am Morgen. In der Küche angekommen trafen wir schon, wie wundersam, aufeinander. Meine Augen musterten ihn und just hörte ich eine Stimme reden, die meine Ohren gut kannte: Es war die Eigene. Direkt und unverblümt teilte ich ihm auf charmante Art mit, welche Kleidung er da so spazieren trug. Es sprudelte nur so aus mir heraus. „Hallo Herr Kramer. Entschuldigen Sie bitte, aber wer zieht Sie denn morgens an? Suchen Sie sich die Sachen selbst aus oder macht das Ihre Frau?“ Sein Gesichtsausdruck verdunkelte sich. Wenig amüsiert über diese Frage, bekam ich prompt seine Antwort: „Sie sind reichlich frech, junge Frau. Das geht Sie freilich gar nichts an.“ „Verzeihen sie meine direkte Art. Ihr Outfit gehört in eine andere, längst vergangene Zeit der 80er. Dazu gleich drei verschiedene Grüntöne. Das funktioniert überhaupt nicht. In ihrer Position.“ Antworte ich und versuchte, die Situation wieder zu beschwichtigen. Er schaute mich mit seinen großen, blauen Augen an. Kein Lächeln. Nicht einmal ein kleines. Er wendete sich ab, stapfte schweigend zurück in sein Büro und schloss die Türe. Entweder war ich mit meiner Bemerkung zu weit gegangen oder hatte ihn jetzt hoffentlich zum Nachdenken gebracht. Eigentlich war ich aber nur froh, diesen leisen, nett formulierten Angriff auf seine Person überlebt zu haben und war einmal mehr gespannt, wie der Kollege in den kommenden Tagen aussehen wird. Aus meiner Sicht gestattete das eine Wandlung. Ich nahm mir den Kaffee, schlenderte die Treppe hinunter zurück ins Büro und zog ebenfalls meine Türe zu. Im Stuhl sitzend, grinste ich ein wenig angesichts des soeben erlebten Zusammentreffens und meiner Wortwahl. Stürzte mich aber sofort wieder in die vor mir liegenden Arbeitsvorgänge. Den gesamten Tag über habe ich Herrn Kramer kein weiteres Mal zu Gesicht bekommen. Scheinbar hatte meine Ansprache ihn doch mehr verärgert. Der Tag verging, die Stunden verstrichen. Ich hörte seine Schritte auf der Treppe, so stieg nur er die Stufen hinunter. Entgegen allen Monaten zuvor fuhr er heute schon um 15:00 Uhr Ortszeit in den Feierabend. Warum? Sein Kalender war leer. Wie jeden Tag führte ihn sein Weg an meinem Büro vorbei. Er wünschte mir durch die offenstehende Tür, mit seinem unvergleichlich bärigen Lächeln einen erholsamen Büroschluss. Ich war etwas verwundert, gar irritiert, erwiderte kurz den Wunsch und fragte erstaunt: „Na, Baustellentermin?“. „Nein“, hauchte er, lächelte verschmitzt und tänzelte förmlich hinaus zu seinem Wagen. „Na ja“, sagte ich, „es ist jetzt echt nicht nötig, alles zu erzählen.“ Nur sein Lächeln einzuordnen, fiel mir schwer. Bis zum nächsten Morgen. Er steuerte seinen Wagen auf den Parkplatz, direkt vor mein Bürofenster und stieg aus. Ich traute den müden Augen nicht. Es verschlug mir die Sprache. Ein Mann hatte es zum ersten Mal geschafft, dass mir die Worte fehlten. Ich war sprachlos bei seinem Anblick. Eine vollkommen neue Erfahrung. Was ich erblickte, war die unglaublichste Wandlung eines männlichen Wesens, die ich je in so kurzer Zeit gesehen habe. Komplett neu eingekleidet stand er zur Begrüßung in meinem Büro und sein Lächeln forderte jetzt sofort ein Kompliment. Aber warum von mir? Die erste anerkennende Äußerung gebührt immer dem Partner. Er hat doch eine Frau. Nichtsdestotrotz lächelte ich zurück und suchte nach Worten. „Ja hallo, guten Morgen. Sie sehen heute aber umwerfend aus. Perfekt Herr Kramer. Genauso. Famoses Outfit“, hörte ich mich reden. „Vielen Dank, schöne Frau. Das Kompliment aus Ihrem Mund zu hören, macht den Tag zu etwas Besonderem! Einen traumhaften Tag wünsche ich der Dame. Bis später einmal“ Seine schmeichelnde Antwort. So langsam stimmten mich die Vorfälle mit ihm immer nachdenklicher. Was zum Teufel bedeutete das? Was führt er im Schilde? War er mehr, als nur ein netter, neuer Kollege? Die Gedanken fuhren zum ersten Male Achterbahn! Die Gefühle ebenso! Ich horchte tief in mich hinein und sagte: „Nein, ich bin verheiratet, habe zwei gesunde und gescheite Sprösslinge, ein solides zu Hause, nette Schwiegereltern und, und, und. Ich fühle mich komplett. Das bildest du dir alles ein, junge Frau.“ Ich senkte den Blick auf die Schreibtischfläche und legte die Konzentration sodann wieder auf die zu erledigenden Büroaktivitäten. Mein Kopf blieb aber nicht stumm. Er verstand sich ausgezeichnet auf die subtile Art des Flirtens. Genaugenommen war es von Anfang an phänomenal. Alles andere wäre gelogen. Ich genoss es jedes Mal in vollen Zügen ihm zu begegnen. Komplimente irgendeiner Art waren zu Hause schon lange nicht mehr an der Tagesordnung. Kennen Sie das, wenn der Partner in all den Jahren für sie nicht einen Kosenamen hat? Oder dass er sie meist nicht mit ihrem Vornamen anredet? An manchen Tagen seine Mutter zuerst begrüßt und keine Probleme ausdiskutiert? Das Vorlesen beim zu Bett bringen der Kinder, so lange hinauszögert, dass der Zeiger der Uhr fast immer auf 21 Uhr vorrückt, bis er den Weg auf die Couch schafft. All das ist mir vor dem beruflichen Wiedereinstieg in den Job und vor dem Firmeneintritt des neuen Kollegen, Herrn Kramer, gar nicht aufgefallen. Man war dem Alltagstrott so verfallen und wurde förmlich betriebsblind. Saß mein Mann dann endlich auf der Couch, war ich meist schon so müde, dass mir ein Gespräch zu anstrengend wurde. Konsequenterweise könnten wir kürzertreten. Gesagt habe ich es ihm oft. Er aber kürzte das Vorlesen nicht ab. So ist es eben jetzt. Heute, nach all den Jahren Abstand und Rückblicken in stillen Stunden ist mir klar, dass unsere Beziehung zum damaligen Zeitpunkt schon nicht mehr mit Liebe zu definieren war. Wir lebten Zweckgemeinschaft. Ich hielt, der Kinder wegen, an dem fest, was wir Ehe nannten. Meine Eltern haben mir keine Scheidung vorgelebt. Sie haben sich zwar gestritten, aber versöhnt sich jedes Mal wieder und liebten sich bis zum Tod meines Vaters. Das glaube ich zu wissen, weil wir Frauen uns immer alles erzählt haben. Ich weiß es eben. März. Das neue Jahrhundert zeigte sich mit den ersten warmen Sonnentagen, seinen wohlduftenden Blüten und in den prächtigsten Blumenfarben. Die großen Fenster des Bürotraktes sorgten dafür, dass ich die Winterkleidung wahrlich nicht mehr brauchte. Die frühlingshafte, leichtere Kleidung schmeichelte der Figur. Dieser Anblick blieb dem Kollegen Kramer nicht verborgen. Alles war luftiger und meine Laune auf dem Höhenflug. Das Telefon klingelte an dem Tag sehr oft, meist externe Anrufer. Bis zum Mittag. Es ertönte der interne Klingelton auf meinem Hauptapparat. „Kramer hier. Könnten Sie kurz zum Diktat kommen?“ Seine Worte. Er bat mich zu sich hinauf. In meiner unnachahmlich direkten Art antwortete ich unverblümt: „Seiler hier. Leider bin ich nicht ihr Sekretariat, habe den Schreibtisch rappelvoll und leider sind sie auch nicht mein unmittelbarer Vorgesetzter. Aber weil Sie so nett fragen, heute so ein sonniger Frühlingstag ist, komme ich zu Ihnen und schaue, was ich für Sie erledigen kann.“ „Vielen Dank“. So Kramer. „Ja, so bin ich. Stets hilfsbereit und einsatzfreudig, aber leider direkt! Na dann hinauf zum Diktat“, sagte ich leise und lächelte siegessicher. Gefreut habe ich mich ebenfalls. „Kramer fragte ausgerechnet die Seiler. Hat wohl Sehnsucht der „NEUE“,“ kommentierte mein Herz-Engelchen. Also ging ich die Treppe hinauf, den schmalen Gang hinunter bis zur Küche und schon klopfte meine Wenigkeit an seine Türe. Ein lautes herein ertönte und ich betrat sein Büro. Die Musterung seines Blickes machte mich keinen Funken verlegen. Im Gegenteil. Seine Augen waren Kompliment und Ansporn zugleich. Verunsicherung war seine Reaktion auf dieses Antlitz. Blicke sprechen ja bekannterweise Bände. „Nehmen sie bitte Platz. Hier ist ein Vorgang aus einer Akte, der bedarf einer brieflichen Erwiderung. Hier ist Papier und Stift. Ich diktiere Ihnen kurz etwas zum Sachverhalt“, sagte er mit fester Stimme. Ich setzte mich im gegenüber auf einen freien Stuhl, bewaffnet mit den Utensilien, wie er mir aufgetragen hatte. Dann schlug er die Kundenakte auf, schilderte mir kurz den Kontext und bat mich, seine Sätze zu notieren. Er legte los mit dem Kundenvorgang: Name, Kundennummer etc. Dabei wirkte er etwas nervös, verlegen und verwirrt, weil er die 4-stellige Vorgangsnummer drei Mal wiederholte, und diese immer falsch wiedergab. Wieso behält denn ein blitzgescheiter Mann keine 4 Ziffern in ihrer Reihenfolge? Ihn anlächelnd hörte ich wieder meine Stimme, die sagte: „Sehr geehrter Herr Kramer. Ist es denkbar, dass ich Sie irritiere?“ Und raus war die Katze! Jetzt hoffte ich nur, dass der Schuss nicht nach hinten losging. Damit er keine Gelegenheit bekam, nur einen Funken Zeit zu haben, nachzudenken und zu antworten, legte ich sofort nach und sagte: „Erzählen Sie mir doch kurz den Kontext ihres Briefes, der in ihrem Namen für die Firma versendet wird, und ich schreibe Ihnen den Geschäftsbrief. Ihre Ergänzungen und Verbesserungen setzen wir dann später ein. Zu meiner Verwunderung kam nur: „Ja, so machen wir beide das.“ Er erläuterte mir den Vorfall, den es zu formulieren galt und lächelte zufrieden. Zurück in meinem Büro legte ich umgehend los. Keine Schelte oder Ermahnung? Welch ein Glück. Der Eindruck, dass ich den Herrn mit meiner Gestalt in Verwirrung gebracht hatte, wurde durch sein Verhalten bestätigt. Ich fühlte mich geschmeichelt, da Komplimente zu Hause, egal was ich fabrizierte oder trug, wie gesagt, nicht mehr an der Tagesordnung waren. Es sprach sie zumindest keiner aus. Es lebe die Gewohnheit. Der Geschäftsbrief war schnell geschrieben. Herr Kramer äußerst zufrieden. Auftrag erfolgreich erledigt. Ja, ich war in der Firma dafür bekannt, dass alles, was ich anpackte, gelang. Das Berufsleben war für mich das Parkett der Komplimente, der Anerkennung, die ich in der eigenen Ehe nicht mehr fand. Zu einem früheren Zeitpunkt hatte mir meine damalige Schwiegermutter Folgendes gesagt: „Du hättest besser bei euch Karriere gemacht und dein Mann wäre tageweise bei den Kindern geblieben.“ Jetzt verstehe ich erst diesen Satz. Die Chance, das zu beweisen, werde ich erhalten. Dazu aber viel später. Nach Feierabend hatte ich eine seit längerem schon ausstehende Verabredung mit der besten Schulfreundin meiner gesamten Kinder- und Jugendzeit, Marlene. Wir waren seit der ersten Klasse ein Herz und eine Seele. Uns bekam niemand so schnell auseinander. Bis zum verdienten Abitur haben wir sämtliches, na ja, fast alles miteinander geteilt. Den geliebten Freund vernünftigerweise nicht. Nach Abi und Schulzeit haben wir uns nicht mehr allzu oft gesehen. Kontakt gehalten haben wir über die gesamte Zeit hinweg immer. Marlene hat, nach ihrem Studium den Betrieb ihres Vaters übernommen. War jetzt Eigentümerin und Geschäftsführerin von einigen Zweigstellen und mit ihrer zweiten Liebe, Hans-Christian, liiert und mir schien, glücklich. Ich für meinen Teil hatte mit der Heirat und der ersten Schwangerschaft das Studium nicht mehr intensiviert und mich nach den anfänglichen sechs Semestern für die Mutterrolle entschieden. Fängt man etwas an, dann aus voller Überzeugung. Mit ganzem Herzen oder gar nicht, so mein Motto. Alles andere wäre halbherzig. „Man dient nur einem Herrn“, sagten stets meine Eltern. Kinder zu sozialverträglichen Menschen erziehen, ist kein Nebenjob. Kurz und gut. Wir sind zwar unterschiedliche Wege gegangen, aber das hat unserer Freundschaft nicht geschadet. Die Verabredung fand am Abend im Lieblingsrestaurant von Marlene statt. Sie hatte für uns einen Tisch bestellt und ich kam der Kinder wegen leider 10 Minuten zu spät. Die Stimmung war herzerfrischend und sie wartete brav vor dem Lokal. Wir umarmten uns zur Begrüßung und sie fand, dass ich absolut glücklich aussah. „Ja, danke der Nachfrage, mir geht es ausgezeichnet. Die Kinder sind wohlauf, Job macht Spaß und das wertet das Mutterdasein positiv auf.“ „Das hört sich prächtig an. Du wirst mir gleich davon berichten, ja“, bekam ich zur Antwort. Wir schlenderten ins Lokal. Nach Aperitif und Vorspeise war mir aufgefallen, dass ich die ganze Zeit schon ununterbrochen von unserem NEUEN sprach. Seine subtilen Flirtansätze, seine Änderung des Dresscodes nach meiner Bemerkung und viele, kleine Ereignisse mehr. Dabei schilderte ich Marlene intensiv einen Vorfall in der Adventszeit in der Küche vor seinem Büro. Damals stand ich dort mit meinen beiden Kolleginnen, eine davon war zu dem Zeitpunkt mit ihrem zweiten Kind schwanger. Wir unterhielten uns über Vornamen. Herr Kramer kam aus seinem Büro zu uns und fädelte sich subtil galant von der Seite in das Gespräch ein. „Wir haben Äpfel mitgebracht, wie im Paradies die Eva dem Adam,“ sagte die eine lächelnd. Sie zwinkerte ihn dabei an. „Die Schlange haben wir aber nicht mitgenommen,“ erwiderte schmunzelnd die Andere. „Lieben Sie Äpfel? Dann würde ich, die Eva aus dem Paradies, Ihnen heute einen anbieten,“ hörte ich mich fragen. „Nein“, sagte er, „ich bevorzuge Mandarinen.“ Er nahm grinsend seinen Becher Kaffee, zwinkerte mir zu und verschwand wieder in seinem Büro. Einige Zeit später am Vormittag führte mein Weg mich bezüglich eines Vorgangs in sein Arbeitszimmer. Kaum war ich fertig mit der Vorgangssuche und auf dem Weg zur Tür, da öffnete er seinen Koffer, holte eine rote Apfelfrucht heraus, lächelte mich mit blitzenden Augen an und streckte mir das Äpfelchen entgegen. Dabei fragte er siegessicher: „Sie lieben doch Äpfel, nicht. Möchten sie abbeißen?“ Ich blieb wie angewurzelt stehen. Was hörten meine Ohren da. Ich hatte Glück, dass hier kein Spiegel an der Wand hing. „Oh. Nein danke. Ich hatte heute schon meine Obst Kur,“ stotterte ich leicht verwirrt, mehr verlegen, nahm die Klinke in die Hand und trat die Flucht hinaus auf den Flur an. „Wie schade“, kam enttäuscht zurück. Und da war sie, die Schlange. Von wegen, Eva. Adam verführt. Seine Art zu flirten ist elegant, subtil und so gar nicht aufdringlich. Vollkommen nach meinem Geschmack. Marlene hörte sich meine Ausführungen mit einer Gelassenheit und in vollkommener Seelenruhe an, bis sie mir ins Wort fiel, sich dafür gleichzeitig entschuldigte und direkt anmerkte: „Junge Frau. Merkst du nicht, dass dein NEUER Kollege voll auf dich abfährt! Verzeih diese saloppe Ausdrucksweise. Aber es ist doch so offensichtlich, findest du nicht?“ Eine seltsam, nachdenkliche Stille erfüllte den Raum. Nur das Geklapper des Geschirrs und der Gläser der Nachbartische war zu hören. Sie verwirrte mich. Ich schaute sie mit einem Blick an, der Marlene an ein aufgeschrecktes, scheues Reh erinnerte. „Schau nicht so erschrocken“, kam es aus ihrem Mund. „Der Mann will Dich“. „Na, vielen Dank,“ hörte ich mich reden. „So habe ich das gar nicht betrachtet. Wieso ist mir das nicht aufgefallen.“ „Nimm doch bitte einmal das Brett vor deinen Augen, dem Kopf und der Seele weg“, sagte sie. „Lehne dich zurück, geh in dich, lausche den Gefühlen und denk bitte nach. Er ist bestimmt tot unglücklich zu Hause und wenn es die Kinder nicht geben würde, glaube mir, er wäre längst weg und geschieden. Betrachte es einmal aus dieser Sicht. Bist du denn glücklich zu Hause?“ Fragte Marlene direkt. Ich senkte den Kopf und starte auf die rosafarbene Tischdecke. Oh Gott, welch eine bescheuert schöne Frage. Was entgegne ich denn hier und jetzt. Nach einer kleinen, schweigenden Weile schaute ich wieder zu Marlene auf. „Im Ernst? Ich denke nicht. Wir haben uns zu Hause schon darüber unterhalten und beschlossen, dass wir für die Kinder erst einmal das, was wir haben, aufrechterhalten. Na, ich taufte es, WG leben. Wie er das sieht und nennt, entzieht sich meiner Kenntnis.“ Marlene bohrte weiter. „Und wie stehst du zu deinem NEUEN?“ „Na ja, wir sind eins, sagte ich. „Und wie interpretierst du das Einssein?“ Fragte sie. Bis zum Dessert erklärte ich ihr ausführlich die Bedeutung des Satzes und berichtete von unseren Gemeinsamkeiten. Und wie ich so erzählte, wurde mir die ganze Wahrheit, rund um den NEUEN und mir mit einmal völlig klar. Wir waren ineinander verliebt. Aber so was von, dass wir jedes Mal alles um uns herum vergessen hatten, wenn wir zusammen waren. Es wurde recht spät. Der Arbeitstag am nächsten Morgen forderte von unserem erkenntnisreichen Beisammensein, dass wir diesen anregenden Abend jetzt beenden. Nach einem letzten Glas Wein zahlten wir unsere Rechnungen und rollten förmlich gesättigt vom delikaten Essen zum Parkplatz. Wir verabschiedeten uns herzlichst mit einer dicken Umarmung. „Na, dann allerlei Spaß mit dem NEUEN. Ich bitte um unverzügliche Berichterstattung und Erfolgsmeldung,“ rief mir Marlene vor dem Einsteigen zu. Sie überließ mich mit ihren Worten und meinen Gedanken im Kopf in die kommen Arbeitswochen. War es Schicksal oder Bestimmung? Keiner ahnt voraus, was uns die Zukunft bringt. Welch ein wirrer Beginn für ein neues Jahr, mein Jahrhundertjahr. Heute Abend führte der Weg erst einmal nach Hause zu Mann und Kindern. An der Haustüre angekommen, schloss ich leise auf, trat ein und stieg die Treppe hinauf in die Wohnung. Alle Lieben lagen schon im Tiefschlaf. Ich schlich behutsam ins Bett. Die Gedanken rund um das Gespräch mit Marlene kreisten permanent in meinen Kopf. Hatte Sie Recht? Eine ganze Weile lag ich wach und brütete über mich und Herrn Kramer. Zu vorgerückter Stunde siegte aber die Müdigkeit und der wohlverdiente Schlaf setzte ein.
