Lebensblick - Malika Sabaß - E-Book

Lebensblick E-Book

Malika Sabaß

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Beschreibung

Barbara ist Psychologin. Mit glasklarem Verstand und einfühlsamem Herzen analysiert sie die Konflikte ihrer Patienten. Ihr eigenes Leben jedoch liegt in Trümmern.Auch Ex-Freund Jörg hadert mit sich und seinem Leben, an dessen Ansprüchen er immer wieder und insbesondere durch die Trennung von Barbara scheitert. Als Barbara den Blick auf die Untiefen ihrer eigenen Vergangenheit richtet, wird sie mit voller Wucht von den unverarbeiteten traumatischen Ereignissen ihres Lebens eingeholt. Sie erlebt eine spannende Reise in ihr Inneres, an deren Ende die Auflösung zerstörerischer Verstrickungen möglich ist.Durch die Freundschaft mit einem Obdachlosen, der eine erschütternde Lebensgeschichte von Schuld und Sühne zu berichten hat, wird auch Jörgs Leben in neue Bahnen gelenkt.Doch was hat das liebenswerte Hausschwein Emma damit zu tun?

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Seitenzahl: 211

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Malika Sabass

 

Lebensblick

 

 

Inhaltsverzeichnis
Impressum:
Lebensblick
Epilog
Über die Autorin:

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages, Herausgeber und Autor unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Personen und Handlungen in dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und nicht beabsichtigt. Namensgleichheiten sind beabsichtigt und die Zustimmung zur Verwendung wurde erteilt.

 

 

Impressum:

1. Auflage

www.karinaverlag.at

Text:                         Malika Sabaß

Lektorat:                         Karina Moebius

Satz, Design:                        Karin Pfolz

Covergestaltung:                         Karina Moebius

2019, Karina Verlag, Vienna, Austria,             ISBN E-Book: 978-3-966-6111-76

 

Lebensblick

 

Penisse. Er schließt die Türe auf und sieht überall Penisse. Ein besonders schönes Exemplar baumelt direkt vor seiner Nase von der Deckenleuchte herunter; ein großer, haariger Plastikpenis. Jörg wird rot. Schlagartig wird ihm heiß.

Mit solch einer Racheaktion seiner lieben und folgsamen Ex-Freundin hat er nicht gerechnet. Barbara hatte doch so ein liebes und verständnisvolles Lächeln. Als könnte sie jedem Menschen alles und immer verzeihen. Sie hat einfach alles verstanden und nichts persönlich genommen; als Psychologin war das ja auch ihre Aufgabe!

Bei seinem Seitensprung hat Jörg sich tatsächlich nicht viel gedacht, die Gelegenheit ist günstig gewesen. Er ist doch schließlich auch nur ein Mann, oder?

 

***

 

Barbara steht vor den schönen, hellbraunen Wildlederstiefeln, die im glänzenden Schaufenster des Schuhladens in der Fußgängerzone angeboten werden. Die Stiefel sind hübsch, genau solche hat sie sich immer gewünscht.

Eigentlich müsste sie sich jetzt freuen, aber sie kann es nicht. Da sitzt ein Kloß in ihrem Hals, der immer dicker wird. Es schnürt ihr die Kehle zu. Sie kann einfach nicht aufhören, an Jörg zu denken. Dieses Arschloch!

Es ist ein Klischee und Barbara ist es so peinlich, dass ausgerechnet ihr – der Psychologin – so etwas passieren musste: dass ihr Freund – mittlerweile Ex-Freund – sie in einem verletzlichen Moment mit einer anderen Frau betrogen hat. Sie kann es sich vor allem selbst nicht verzeihen. Warum ist es ihr passiert? Was hat sie falsch gemacht? Es ist so demütigend!

Aber vielleicht muss man als Frau mit so etwas rechnen, wenn man Beziehungsprobleme offen anspricht und wenn man es wagt, den eigenen Freund zu kritisieren, weil man das Gefühl hat, die Beziehung sei im Ungleichgewicht. Barbara ist eben direkt; mit solch einer billigen Racheaktion von Jörgs Seite hat sie allerdings nicht gerechnet.

Der Kloß wird immer dicker, sie spürt Tränen aufsteigen, aber sie will nicht weinen! Barbara ist wütend auf sich selbst. Warum trauert sie um einen Partner, der sich so verlogen und rücksichtslos verhalten hat und warum vermisst sie seine Stimme? Sie hat unglaublich gerne mit ihm telefoniert, seine Stimme ist eigentlich das Beste an ihm gewesen. Scheiße! Sie muss loslassen, Jörg loslassen, und zwar jetzt gleich!

Sie geht in den Laden, schnappt sich die Wildlederstiefel aus dem Schaufenster und trabt zur Kasse.

 

***

 

Er sitzt auf seinem Bett. Es ist fast dunkel, aber er hat keine Energie die Lampe anzuzünden. Er hat für überhaupt nichts Energie, er ist wie gelähmt. Jörg muss immer auf den großen Penis starren, der anklagend von der Decke baumelt.

Sie ist gründlich gewesen. Das ist so Barbaras Art. Ein großer, handgemalter Penis klebt an seinem Computerbildschirm, viele kleine, sorgfältig ausgeschnittene Penisse, hängen überall: An der Kühlschranktür, über dem Bett, sogar das Motorrad in der Garage ist komplett mit Bildern von Schwänzen beklebt. Große und kleine, dicke und dünne, blasse und dunkle.

Jörg ist fassungslos. Wieso hat sie das so persönlich genommen? Sie muss doch wissen, dass sie ihm viel bedeutet. Das mit der anderen Frau … Er hat Barbara ärgern bloß wollen. Sie sollte wissen, wo ihr Platz ist. Und nicht immer kritisieren. Und sie sollte Angst bekommen, ihn zu verlieren. Aber das ist gründlich schiefgegangen.

 

*

 

Das Hausschwein wälzt sich genussvoll im Komposthaufen.

»Was mich am meisten stört, ist, dass es jeder weiß. Barbara hat es überall herumerzählt!« Jörg kickt seinen abgebrannten Zigarettenstummel wütend über die grellgrüne Rasenfläche.

»Na ja, wenn du vor aller Augen mit einer anderen Frau herummachst. Ehrlich. Das war nicht nur gemein, es war auch dumm.« Nachdenklich betrachtet Rainer das Hausschwein. Hinterher wird er es wieder in die Badewanne stecken und waschen müssen – mit seiner teuren pH-neutralen Seife. Er ärgert sich kurz.

»Ich habe mich zurückgehalten!« Jörg hebt abwehrend die Hände.

»Ah ja?« Rainer sieht ihn interessiert durch die dicken Brillengläser an. »Wie ist es denn, wenn du dich nicht zurückhältst? Hältst du dir dann nicht zwei, sondern gleich fünf Frauen gleichzeitig warm?«

Jörg sieht seinen Freund erbost von der Seite an.

»Du bist echt ein toller Kumpel, weißt du das? Warum machst du mir auch noch Vorwürfe, du siehst doch, dass ich unter der Situation leide!«

»Ich finde, du solltest dich bei Barbara entschuldigen.«

»Hab ich doch! Ich habe ihr geschrieben, dass es mir leidtut.«

»Vielleicht reicht das nicht?« Rainer kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Vielleicht hast du dir da ja eine Frau gesucht, die dich nicht als das verspielte Riesenbaby betrachtet, das man verhätscheln und dem man alles verzeihen muss? Vielleicht tut dir diese Erfahrung sogar gut?!«

Jörg wird rot. Das Hausschwein grunzt zustimmend; es ist inzwischen vom kleinen, rosigen

Rüssel bis zum Schwanz mit unzähligen, erdigen Kompoststückchen verdreckt. Jörg muss schmunzeln. Er sieht einfach zu viele Schwänze in der letzten Zeit. Aber das ist ja gerade auch sein Thema.

 

***

 

»Vierhundert, fünfhundert ... neunhundert. Bitteschön!«

Barbara nimmt das Geld in Empfang und unterschreibt die Quittung. Der Betrag sollte für einen schönen, langen Urlaub genügen. Sie sollte sich freuen. Es ist wie vorhin bei der Entdeckung der hübschen Wildlederstiefel im Schaufenster. Sie sollte sich doch freuen, aber da ist immer noch der Kloß im Hals. Der Jörg-Kloß. Aber was soll sie tun? Es ist würdelos.

 

***

 

Jörg liegt in der Badewanne. In der einen Hand hält er seinen Penis, in der anderen Hand hält er das gelbe Entchen aus Plastik, das ihm Barbara zu seinem letzten Geburtstag geschenkt hat. Jörg hat Lust auf eine Frau. Auf irgendeine Frau. Das mit der Liebe hat er nicht so richtig verstanden – es geht doch um Sex! Und in Beziehungen immer auch um Macht. Jörg merkt, wie sich seine verspannten Muskeln im warmen Badewasser lösen. Das tut gut. Er ist so müde. Ansprüche. Das ist es doch etwas, das Frauen ununterbrochen stellen: Ansprüche. Und wehe, man versagt als Mann. Dann hat man ausgeschissen.

Er ist so unendlich müde von dem allen. Behutsam nimmt er seinen Penis und beginnt zu massieren.

 

***

 

›Fickdichichfickdichichfickdichichfi…‹

In ihrer schönsten Schulschreibschrift malt Barbara sorgfältig die vordere Seite des Notizblocks voll, der neben dem altmodischen Telefon auf dem Tischchen im Flur ihrer Wohnung liegt. Gedankenverloren lässt sie den Stift wandern: ›Ichfickdich‹.

Mit der linken Hand hält sie den Telefonhörer ans Ohr geklemmt und spricht mit ihrer Freundin Pia.

»Ich habe zu lange gewartet.« Sie malt große Kugeln aus den Punkten des ›i‹ im ›fick‹.

»Worauf hast du zu lange gewartet?«

»Na ja«, erwidert Barbara, »darauf, dass ich vertrauen kann. Darauf, dass ich Jörg vertrauen kann.«

»Das konntest du nicht?«

»Nein.« Barbara überlegt. »Von Anfang an nicht. Schon lange vor seinem Betrug …«

»Dann ist es ja gut, dass alles ans Licht gekommen ist.«

»Ja. Was mich stört«, fährt Barbara fort, »sind die Bilder in meinem eigenen Kopf. Das Bild, wie er jetzt mit der Neuen schläft. Wie er mit ihr herzieht über mich. Das tut er mit Sicherheit! Er kann gar nicht anders. Er braucht das, um sich selbst besser zu fühlen.«

»Du analysierst schon wieder, Barbara. Bleib doch mal bei dir!«

»Es fühlt sich alles so falsch an, so schief. Wenn ich mit Jörg über unsere Beziehung sprechen wollte, hatte er nichts beizutragen. ›Ja, Barbara‹ und ›Du hast recht, Barbara‹. Und dabei lächelte er mich an. Er zeigte keine Haltung. Keinen eigenen Standpunkt. Und als ich ihn kritisierte, zückte er das Messer und rammte es mir in den Rücken – im übertragenen Sinn. Durch seinen Betrug. Das ist so verlogen. So schief alles.«

»Sei froh, dass du ihn los bist«, sagt Pia nur.

 

*

 

»Wir bitten Sie jetzt, Ihren Sicherheitsgurt zu schließen und festzuziehen …«

Barbara atmet tief durch. Jetzt geht es endlich los. Zwei Wochen Urlaub auf den Fidschi Inseln. Sonne. Meer. Baden.

Die letzten Wochen haben sie erschöpft. Jörg hat sie erschöpft, mehr noch als die Patienten in ihrer psychotherapeutischen Praxis. Barbara lehnt sich in ihrem Sitz zurück und setzt die Sonnenbrille auf. Sie versucht, sich zu entspannen. Loslassen, loslassen, loslassen. Das sagt sie doch auch immer zu ihren Patienten: »Sie müssen loslassen, was Sie nicht ändern können.« Es ist gar nicht so einfach!

Neben Barbara sitzt ein hübscher, dunkelhäutiger Mann. Durch ihre Sonnenbrille kann sie ihn ungeniert betrachten. Er sieht wirklich gut aus! Wie es wohl ist, sich von einem Schwarzen lieben zu lassen? Barbara würde es gerne einmal ausprobieren. Pia hat es schon einmal getestet. Sie war begeistert. »Die haben ein ganz anderes Gefühl für Rhythmus. Und sie haben ein Gefühl für den Körper einer Frau. Das ist nicht dieses preußisch-pornografische ›erst hart, dann rauf, dann rein, dann raus …‹, da ist Zärtlichkeit!« So erzählte Pia.

Barbara denkt an Jörg. Er war auch so ein ›hart, rauf, rein, raus‹-Liebhaber. Was vermisst sie eigentlich an ihm?

Plötzlich spürt sie eine zarte Berührung an ihrem rechten Ellenbogen; ein angenehmes Kribbeln.

»Oh sorry!« Ihr Nachbar lächelt sie entschuldigend an.

»Oh, das macht gar nichts!« Barbara schenkt ihm ihr verständnisvollstes Lächeln. Er beugt sich zu ihr hinüber:

»Fliegen Sie auch weiter auf die Inseln?«

 

***

 

Das Handy klingelt. Mist! Es liegt im Flur auf der Kommode. Jörg springt hektisch aus dem Seifenschaum und schlägt sich prompt den Kopf am Hängeschränkchen über der Badewanne an. Wütend schlurft er tropfend durch den Flur. Da hat das Klingeln bereits aufgehört. ›Tanja‹ steht auf dem Display. Seine Affäre. Na ja. Ficken kann sie. Und sie ist offen für alle möglichen Praktiken im Bett. Das ist natürlich wichtig, ohne Frage. Viel mehr weiß Jörg jedoch mit ihr nicht anzufangen. Sie langweilt ihn. Seit Barbara von der Sache erfahren und die Konsequenzen daraus gezogen hat, macht es keinen Spaß mehr. Soll er zurückrufen? Eigentlich hat er keine Lust.

»Hi. Hier ist der Jörg. Du hast gerade angerufen?«

»Ja, das hab’ ich.«

»Und?«

»Gut. Was hast du heute Abend vor?«

»Ich muss schreiben. An meinem neuen Drehbuch.«

»Schade!«

»Ja. Schade.«

»Na, dann …«

»Tja, dann tschüss. Bis bald.«

Puh. Erleichtert legt Jörg auf. Er muss lernen, Nein zu sagen. Das hat Barbara ihm immer gepredigt. Er sollte lieber arbeiten, statt Frauen zu ficken, die ihm nichts bedeuten.

Schaum tropft vom nackten Jörg-Körper hinab und es bilden sich kleine Pfützen auf dem Boden im Flur. Er trabt zurück ins Badezimmer, legt sich wieder in die Wanne und lässt heißes Wasser aus dem Hahn nachlaufen. Dann nimmt er das gelbe Plastikentchen in die eine und seinen Penis in die andere Hand. Er fühlt sich geborgen.

 

***

 

»Wenn der Hai auf euch zuschwimmt, dann dürft ihr auf keinen Fall hektische Bewegungen machen. Bleibt einfach cool. Haie sind meistens nur neugierig und wollen nichts Böses.«

»Meistens …« Barbara wischt sich den Schweiß aus dem Nacken. Mann, ist das heiß hier! Ob es stimmt, was der Tauchlehrer da vorne gerade erklärt? Ob Haie wirklich nichts Böses wollen? Von Männern hatte Barbara das bisher auch gedacht. Dann ist die Sache mit Jörg passiert. Seitdem ist sie sich nicht mehr sicher. Vielleicht ist es bei den Haien wie bei den Männern: Wenn man großes Pech hat, dann trifft man auf ein gestörtes Exemplar. Dann muss man mit üblen Verletzungen rechnen. Und bluten.

»Sorry?«

Alle Köpfe drehen sich zu Barbara um. Augenblicklich bereut sie, sich gemeldet zu haben.

»Gibt es auch gestörte Haie? Also Haie, die mich angreifen, auch wenn ich selber cool bleibe?«

Lachen.

»Ja, das kann passieren.« Der Tauchlehrer grinst Barbara an.

»Und dann?«

»Ich hoffe einfach, dass heute kein gestörter Hai bei unserem Tauchgang aufkreuzt.«

Barbara findet die Antwort nicht sonderlich befriedigend. Hoffentlich geht es bald los, die pralle Mittagssonne ist jetzt schon nicht mehr auszuhalten.

Der Tauchlehrer deutet mit einem langen Zeigestock aus Holz auf Schautafeln:

»Am häufigsten in dieser Region ist der Bullenhai. Er ist verantwortlich für die weltweit häufigsten Angriffe auf den Menschen.« Wieder grinst er Barbara an.

»Arschloch«, denkt sie. »Erzähl weiter.«

»Von allen Tieren auf der Welt hat er den im Verhältnis zur Körpergröße höchsten Testosteronspiegel. Darum gilt er als so gefährlich.«

»Das männliche Geschlechtshormon«, stellt Barbara in Gedanken fest.

»Aber die meisten Attacken sind Missverständnisse. Sie passieren, weil das Wasser so salzig ist, dass der Hai die Umrisse nicht erkennt und sie falsch zuordnet. Und manchmal verhalten sich die Menschen auch falsch und beachten die Regeln nicht. Das Wichtigste ist: …« Jetzt hebt der Lehrer mahnend die Stimme und macht eine bedeutungsvolle Pause: »Behaltet den Hai im Blick! Lasst ihn nicht aus den Augen. Und dreht ihm auf keinen Fall den Rücken zu. Sonst kann es tatsächlich passieren, dass er angreift.«

»Jörg«, schießt es Barbara wieder durch den Kopf. Sie hätte ihn nach seinem Testosteronspiegel fragen sollen, bevor sie sich auf ihn einließ.

Aber egal. Jetzt freut sie sich. Auf das Tauchen. Auf den Urlaub.

 

***

 

»Ich glaube, ich habe eine Schreibblockade. Mir fällt absolut nichts ein!«

»Dann schreib doch darüber. Und wie sich das anfühlt.«

»Sehr witzig!«

Jörg saugt geräuschvoll den Rauch seiner Zigarette ein. Es ist bestimmt schon der zehnte Glimmstängel heute! Seit der Trennung von Barbara kann er seinen Konsum nicht mehr kontrollieren. Er drückt den Stummel aus und streicht mit der flachen Hand über seine Brustwarzen unter dem T-Shirt. Das beruhigt ihn.

»Nein, im Ernst, das ist nicht witzig! Ich bin Künstler! Ich muss schreiben. Und nun sitze ich seit Tagen da und es will mir absolut kein Stoff einfallen. Das ist nicht lustig! Das ist existenziell bedrohlich für mich!«

»Vielleicht bist du ja gar kein Künstler?! Hast du schon einmal an diese Möglichkeit gedacht?« Rainer gluckst vergnügt durch die Leitung.

Jörg seufzt und legt auf. Niemand versteht ihn. Barbara verstand ihn. Aber die ist weg. Er streicht sich abermals leise seufzend über die Brustwarzen.

 

***

 

»Ich muss meine Ängste bekämpfen!«

Barbara murmelt diesen einen Satz ununterbrochen vor sich hin, während sie sich in den Taucheranzug aus schwarzem Neopren zwängt. »Ich muss meine Ängste unbedingt bekämpfen!« Jemand tippt ihr leicht auf die Schulter, sie fährt erschrocken herum.

»Herrje, sind Sie aber schreckhaft!« Der nette Mann aus dem Flugzeug lächelt sie an. Barbara lächelt zurück. Mann, ist das peinlich!

»Welche Ängste müssen Sie denn bekämpfen?«

»Och, so einige«, murmelt sie verlegen. »Nicht so wichtig.«

»Steht Ihnen gut, der Anzug.« Anerkennend wandert sein Blick über das Neopren.

›Scannen‹, nennt Pia das. Es ist Barbara unangenehm, sie will nicht ›gescannt‹ werden. Außerdem ist es inzwischen so heiß geworden, dass sie Angst hat, sie könne jede Minute umkippen. Ihr ist schwindelig.

»Alles in Ordnung?«, ist das letzte, was sie hört, dann wird ihr schwarz vor Augen.

Als sie wieder zu sich kommt, liegt sie flach ausgestreckt auf dem Boden. Der Sitznachbar aus dem Flugzeug macht sich gerade am Reißverschluss ihres Taucheranzugs zu schaffen. Er tut das zärtlich und ja, mit einem gewissen ›Rhythmus‹. Pia hat also recht gehabt. Barbara stöhnt.

»Alles in Ordnung?«

»Ja, danke. Es geht schon wieder.« Sie richtet sich langsam auf.

»Bereit?«, fragt sie ihr neuer Bekannter. »Sind Sie bereit für die erste Begegnung mit dem großen, bösen Bullenhai?!«

»Ja. Ich muss meine Ängste bekämpfen.«

»Na dann …« Er gibt ihr die Hand, vorsichtig zieht er Barbara hoch. Sie stöhnt noch einmal. Hoffentlich wird sie nicht unter Wasser ohnmächtig! Eingeklemmt in einer Felsspalte und umgeben von Haien und Muränen.

 

***

 

Jörg liegt auf dem Bett. Er starrt an die Decke. Was Barbara jetzt wohl macht? Stöhnend greift er sich an den Kopf. Er fühlt sich heute Morgen so, als sei des Nachts ein Lastwagen über ihn hinweg gefahren. Ein Schwertransporter! Zuviel Alkohol. Zu viele Zigaretten. Und er hat gestern keine einzige Zeile geschrieben.

Tanjas lächelndes Gesicht beugt sich über ihn. Sie riecht schon am frühen Morgen nach Moschus. Ob sie ins Bad schleicht und sich heimlich für ihn wäscht und parfümiert, bevor er aufwacht? Manche Frauen sind ja so gestört.

»Wusstest du, dass Moschus aus der zerstückelten und getrockneten Brustdrüse toter Moschushirsche gewonnen wird? Und die sind vom Aussterben bedroht!«

Tanja zuckt zusammen. Jörg lächelt sie an. Er genießt das. Er mag es, Frauen zu verunsichern. Es verleiht ihm ein Gefühl von Macht. Und es erregt ihn.

»Komm her«, flüstert er. Sie kuschelt sich an ihn. »Lass dich ficken!« Wieder zuckt Tanja zusammen. Jörg lächelt, packt sie an der Hüfte und zieht sie auf sich.

 

***

 

Barbaras Herz hämmert wie wild, sie hat noch nie solche Angst gehabt.

»Ich finde es sexy, wenn Frauen sich was trauen.« Henry – inzwischen kennt Barbara auch den Namen ihrer neuen Bekanntschaft aus dem Flugzeug – hilft ihr vorsichtig auf die kleine Leiter, die aus dem leise schaukelnden Boot ins Meer ragt.

Der Tauchlehrer und die anderen warten schon im türkisblauen, glasklaren Wasser auf sie. Die Vorstellung, sie könnten doch auf einen gestörten Hai treffen, beunruhigt Barbara zunehmend.

»Wenn ein Hai wirklich zubeißt, dann tut er es nicht aus Bosheit, sondern weil er neugierig ist«, meinte der Tauchlehrer vorhin feixend.

Sehr witzig. Barbara mag ihn nicht, den Lehrer. Er erinnert sie an Jörg.

 

Der Hai schwimmt direkt auf sie zu. Es ist ein Bullenhai.

»Ein schönes Tier«, denkt Barbara. Wenn man ihm nicht zu nahe kommt. Sie ist froh, dass vor und hinter ihr die anderen aus der Gruppe Schutz bieten. In einer langen Kette gleiten sie dahin, an der Spitze der Tauchlehrer. Barbara fühlt sich leicht und schwerelos. Geborgen. Dabei hat sie doch vorhin noch solche Angst vor dem Raubtier gehabt. Aber hier unten herrscht eine natürliche Ordnung, das spürt sie. Sie sieht einen großen, roten Seestern und Fische in Farben und Formen, wie sie sie bisher nicht kannte. Im Rücken spürt sie Henrys Blick.

»Immer zu zweit!«, hat der Lehrer angeordnet. »Wenn ihr die Kette verlassen wollt, dann bitte immer nur zu zweit. Ihr müsst euch auf euren Tauchpartner verlassen können, mit einem Auge müsst ihr ihn immer im Blick behalten, damit ihr euch nicht verliert. Sonst kann es gefährlich werden.«

Henry gibt Barbara ein Zeichen, gemeinsam lösen sie sich aus der Kette. Er hat den großen, roten Seestern auch gesehen und sie wollen ihn sich näher ansehen. Langsam gleiten sie darauf zu. Und sie passen beide auf, dass sie einander dabei nicht verlieren. Damit nichts passiert.

Der Hai hat inzwischen uninteressiert abgedreht.

 

***

 

»Tatatataaaa, tatatataaa!«

Jörg sitzt vor dem großen Bildschirm seines Computers und wippt mit dem Fuß den Takt der Musik. Seit er gelesen hat, dass die Kühe von Biobauern in ihren Ställen mit Mozart beschallt werden, weil Studien gezeigt haben, dass klassische Musik die Leistungsfähigkeit und damit die Milchproduktion erhöht, hört Jörg beim Schreiben jetzt immer Beethoven. Vielleicht macht das ja einen besseren Drehbuchautor aus ihm, wer weiß das schon? Bis jetzt allerdings ist der Erfolg zweifelhaft.

»Tatatataaaa, tatatataaaa …«

Es klingelt an der Tür. »Nicht jetzt!« Jörg blickt ärgerlich vom Bildschirm auf. Es klingelt noch einmal. Er seufzt und geht zur Tür.

»Ja?!« Unwirsch bellt er es in den Hausflur hinein. Rainer kommt die Treppe hoch. Mit der einen Hand schleppt er einen alten Reisekoffer an, in der anderen Hand hält er eine Hundeleine. Am Ende der Hundeleine hängt Emma, das Hausschwein. Stöhnend wuchtet Rainer sein Gepäck die Stufen hoch.

»Was ist los? Was ist passiert?!« Jörg sieht seinem Freund besorgt entgegen. Keuchend kommt der an der Wohnungstüre an.

»Du bist doch mein Freund, oder?«

Jörg sieht ihn misstrauisch an. Er schweigt.

»Es ist nämlich so, dass ich wegmuss. Für ein paar Tage. Und ich habe niemanden für Emma.« Ratlos blickt er auf das Schwein hinab. »Da hab ich gedacht, dass du vielleicht …?« Er legt den Kopf schief.

Jörg stöhnt, er nimmt Rainer die Leine aus der Hand.

»Wie lange?«

Rainer strahlt. »’Ne Woche. Höchstens!«, beteuert er und tätschelt Emma den Kopf. »Du hast dann auch was gut bei mir. Darf ich?« Der dicke Rainer zwängt sich wendig an Jörg vorbei in den Flur und wuchtet den prall gefüllten Reisekoffer auf den Boden. Die Stehlampe kippt, Jörg kann sie gerade noch auffangen.

»Futter!«, ächzt Rainer.

Emma hat sich bereits losgerissen und stürzt ins Wohnzimmer.

»Sie sucht sich jetzt was zum Spielen«, bemerkt Rainer stolz. Lautes Grunzen ist zu hören. Dann kommt Emma in den Flur zurück getrabt. Im Maul hält sie einen großen Plastikpenis, Barbaras Abschiedsgeschenk. Rainer beugt sich neugierig zu ihr hinunter.

»Was hat meine Süße denn da für ein Spielzeug gefunden?!«

Jörg zuckt mit den Schultern.

»Ich weiß nicht?«

***

 

»Es fühlt sich immer noch so an, als sei ich von ihm zusammengeschlagen worden! Ein Mann muss nicht die Hand erheben, um gewalttätig zu sein. Er kann das auch über einen Betrug tun. Seelische Gewalt!«

Pia nickt. Sie wirkt unkonzentriert. Aber vielleicht ist sie auch einfach nicht gewohnt, zu skypen. Sie weiß offensichtlich nicht, wo genau sie hinsehen soll.

»Was kann ich denn für dich tun?«

»Nichts. Ich versuche hier, mich abzulenken. Gestern war ich sogar beim Shark Diving. Aber ich werde die Gedanken an Jörg nicht los. Ich glaube, sogar beim Bungee-Jumping würde mir der Arsch nicht aus dem Kopf gehen.«

Pia grinst:

»Aber das ist doch normal. Du bist gedemütigt worden. Und ich glaube sogar, dass Jörg mit seinem Betrug genau das bezwecken wollte – einen bleibenden Eindruck bei dir zu hinterlassen. Denn sonst hättest du ihn doch schon längst vergessen, oder?«

Barbara kaut nachdenklich an der Unterlippe.

»Ich weiß es nicht«, sagt sie zögernd.

»Doch, bestimmt!« Pia nickt bekräftigend.

»Du hattest doch von Anfang an keine Chance bei dem. Ein egozentrischer Künstler mit Hang zur Polygamie und einem gestörten Selbstwert. Ich bitte dich! Kein Wunder, dass er sich in dich verliebt hat, du bist doch Psychologin. Was der braucht, ist keine Partnerin, sondern eine Therapie. Das ist meine Meinung.«

»Aber warum vermisse ich ihn dann, wenn er doch so mies ist?!«

»Du vermisst nicht ihn.« Pia verdreht genervt die Augen. »Du vermisst die Illusion, die du dir von ihm gemacht hast. Die Illusion, dass das mit euch beiden klappt. Und die Illusion, dass du, die Psychologin, ihn und seine Störung schon zurechtbiegen kannst.«

Barbara muss lachen. »Wer von uns beiden ist denn nun die Psychologin hier? Aber du hast recht, wie immer. Danke! Ich muss leider Schluss machen.« Sie zögert einen Moment. »Ich habe nämlich gleich ein heißes Date. Mit Henry. Und die große Hoffnung, dass er nicht therapiert werden muss.«

»Das ist gut. Ich muss jetzt auch weitermachen. Die Klausuren liegen schon viel zu lange hier herum, die korrigieren sich nämlich nicht von selbst. Machs gut!«

Pia ist Lehrerin. Sie ist es gerne.

 

***

 

Jörg sitzt mit angewinkelten Beinen auf dem Sofa und liest dem Hausschwein eine Passage aus seinem Drehbuch vor. Er mag das. Emma sieht ihn aufmerksam an. Sie lauscht andächtig und kaut dabei versonnen auf dem Plastikpenis herum.

»Findest du das gut?«

Emma reagiert nicht. Jörg ist unsicher. Ihm fehlt das, was er als ›den großen Gedanken‹ für sein Drehbuch bezeichnet. Ihm fehlt ein Konzept. Ihm fehlt eine Idee. Er seufzt und klappt den Deckel des Ordners zu. Resigniert sieht er das Hausschwein an und greift zum Weinglas, das er auf dem Beistelltisch abgestellt hat. Vorsichtig schwenkt er die tiefrote Flüssigkeit und nimmt einen Schluck. Das beruhigt ihn. Dann wendet er sich wieder an Emma:

»Du stellst keine Ansprüche an mich. Obwohl du eine Frau bist. Das finde ich gut.« Jörg stellt das Weinglas zurück auf den Tisch. »Aber leider …« Langsam zieht er Emma den angenagten Penis aus dem Maul und betrachtet ihn angewidert. »Leider bietest du mir keine Anregung für mein Drehbuch.« Er schubst Emma vom Sofa.

»Lass uns ’ne Runde spazieren gehen, ja? Vielleicht fällt uns ja dabei was Neues ein.« Jörg steigt über das Schwein und schnappt sich die Leine von der Kommode. Emma grunzt zustimmend.

 

***

 

Seine Hände wandern langsam ihren Rücken hinauf. Ganz zart. Ganz vorsichtig. Und sehr neugierig.

»Ich muss meine Ängste loslassen!«

In der Dämmerung kann Barbara die weißen Zähne ihres Liebhabers im dunklen Gesicht blitzen sehen. Er hat ein nettes Lächeln. Und schöne Augen. Augen sind wichtig! Jörg hatte einen stechenden Blick. Wenn er Barbara intensiv ansah, fühlte sie sich wie ein Kaninchen unter dem Blick einer Schlange. Bedroht. Hypnotisiert.