Lebenserinnerungen eines Bergingenieurs - Otto Fleischer - E-Book

Lebenserinnerungen eines Bergingenieurs E-Book

Otto Fleischer

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Beschreibung

Otto Fleischer (1901-1989) beschreibt sein Leben und seine Tätigkeit als Bergbauingenieur in vier unterschiedlichen politischen Systemen. Nach Praktikantenzeit und Abitur studierte er Bergbaukunde an der TU Berlin. Danach begann er im oberschlesischen Steinkohlenbergbau seine Karriere vom Steiger zum Bergwerksdirektor der damals größten Grubenanlage in Kattowitz. Nach 1945 wurde er Technischer Direktor in der Sächsischen Steinkohle und ab 1949 Professor für Bergbaukunde an der Bergakademie Freiberg. 1952 wurde er verhaftet und in einem politischen Schauprozess als „Agent und Saboteur“ zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach 8-jähriger Haft in einem Stasi-Geheimlager wurde er 1960 entlassen und war danach bis 1967 in der Bergbauforschung des Mansfeld Kombinates in Eisleben tätig.

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Seitenzahl: 415

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhalt

Vorwort

Zur Einführung

Kindheit und Jugend

Ich will Bergmann werden

Studienjahre in Berlin

Die Berufsjahre in Oberschlesien

Kriegsausbruch und die Jahre bis 1945

Kriegsende und Evakuierung

Die Jahre 1945 bis 1952

Die Haftjahre 1952-1960

Im Mansfelder Kupferschieferbergbau 1961-1967

Kritische Rückschau als 80-Jähriger

Epilog

Vorwort

Unser Vater, Professor Dr. Otto Fleischer (1901–1989), hat in den 70-er und 80-er Jahren zwei umfangreiche Schriften verfasst, zum einen die handgeschriebene 540 Seiten lange Familiengeschichte und zum anderen ein 385 Schreibmaschinenseiten umfassendes Manuskript unter dem Titel: »Lebenserinnerungen eines Bergingenieurs im Lichte der Zeit- und Wirtschaftsgeschichte des 20.Jahrhunderts«.

Letzteres schieb er – wie er uns sagte – für die Enkel, wobei er aber darunter nicht nur seine leiblichen Enkel verstand, sondern auch das Interesse allgemein bei den für ihn damals jüngeren Generationen wecken wollte.

Diesen Gedanken wollen wir jetzt verfolgen und realisieren, indem wir die Lebenserinnerungen in etwas gekürzter Form publizieren.

Wir haben lange gezögert, dies zu tun. Manches schien uns zu persönlich und nur die Familie angehend, manches war uns zu ausführlich und detailliert, um allgemeines Interesse zu erreichen.

Deswegen haben wir an einigen Stellen Kürzungen vorgenommen, auf die wir, wenn es sich um längere Abschnitte handelt, im Text hinweisen.

Sollte ein Leser an diesen Stellen an mehr Ausführlichkeit interessiert sein, möge er mit uns in Verbindung treten.

Als unser Vater diese Erinnerungen schrieb, war das Ende des Staates, in dem so viel Unrecht geschehen ist, noch nicht abzusehen. Dieser Staat nannte sich zwar »Demokratische Republik«, war aber in Wirklichkeit die Diktatur einer Partei, der SED, die mit Hilfe des Staatssicherheitsdienstes ihre Macht durchsetzte. Unser Vater lebte in der ständigen Angst, dass seine kritischen Ausführungen in falsche Hände gelangen könnten und er erneut mit dem Machtapparat der Staatssicherheit in Kollision geraten würde.

Obwohl er immer das Ende der DDR herbeigesehnt hat, versuchte er doch auch etwas Positives in ihr zu sehen, da er und seine Familie hier wohnten und arbeiteten. Den Schritt, nach »dem Westen« umzusiedeln, wagte er nicht. Zum einen hatte er berechtigte Bedenken, da ihm die Stasi gedroht hatte »ihn überall zu finden und zu liquidieren« wenn er Einzelheiten über seine Haft und seine Arbeit in einem Geheimlager über Raketenantriebstoffe Preis geben würde, andererseits wollte er seine Kinder und Enkelkinder nicht in Gefahr bringen.

Als ein Bergmann und Wissenschaftler mit Leib und Seele, hat er die jeweils aktuellen politischen Konstellationen schon aus Zeitgründen nicht ausreichend beachtet. Deswegen ist er in den Strudel der Politik geraten und wäre dabei fast untergegangen. Der feste Halt in der Familie und seine tiefe Religiosität haben ihm geholfen, die schweren Jahre der Stasi-Haft durchzustehen.

Leider war es ihm nicht vergönnt, das Ende der SED-Diktatur und seine vollständige juristische Rehabilitation zu erleben. Er starb im März 1989 wenige Monate vor der friedlichen Revolution.

Der Lauf seines Lebens in den verschiedenen Staatsformen auf deutschem Boden (Deutsches Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialistisches Deutsches Reich und geteiltes Nachkriegs-Deutschland) wurde von der aktuellen Politik – von ihm ungewollt und unerwartet – sehr stark und nachhaltig beeinflusst.

Er durchlebte Höhen und Tiefen nicht zuletzt deswegen, weil er, an sich selbst hohe moralische Maßstäbe anlegend, zu spät erkannte, wie unmoralisch, ungerecht und menschenverachtend politische Diktaturen sein können.

Unter diesen Gesichtspunkten wird das Buch für den politisch wachsamen und zeitgeschichtlich interessierten Leser wissenswerte Aspekte bieten.

Margret Prösch

Klaus Fleischer

Jürgen Fleischer

November 2013

Lebenserinnerungen eines Bergingenieurs im Lichte der Zeit- und Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts

von Prof. Dr. Ing. habil. Otto Fleischer

Vorspruch für meine Enkel

von Emanuel Geibel um 1866:

»Das ist das alte Lied und Leid,

dass die Erfahrung erst gedeiht,

wenn Mut und Kraft verrauchen.

Die Jugend kann, das Alter weiß,

du kaufst nur um des Lebens Preis

die Kunst, das Leben recht zu brauchen.«

Zur Einführung

Autobiographien gehören zu den festen Bestandteilen der unterhaltenden Literatur. Sie können und sie sollten eigentlich auch den nach uns Kommenden eine gewisse Erfahrung vermitteln für das Eigenverhalten im Lebensgang. Dabei sollte berücksichtigt werden – siehe Vorspruch – dass es eine praktisch unerfüllbare Aufgabe ist, Erfahrungen aus der Vergangenheit einfach schablonenhaft auf gegenwärtiges Geschehen und Erleben anzuwenden. Dazu sind die Zeitverhältnisse zu unterschiedlich. Die Vergangenheit wird niemals wieder lebendige Gegenwart. Wie recht hatte der große griechische Weise Heraklit: »Niemand steigt zweimal in denselben Strom, alles fließt, panta rhei«. Das ist ein ehernes Gesetz, damals wie heute. Die unendliche Vielzahl von Verschachtelungen in den Molekülanordnungen, wie sie zum Beispiel die Genforschung in den letzten Jahrzehnten offenlegte, zeigt auf, dass es keine absolute Vorhersage für einen konstanten Lebensablauf geben kann, der sich zwischen den Zwängen der politischen Konstellationen und des Umweltgeschehens auf der einen Seite und der eigenen Verhaltensweise innerhalb der vorgegebenen Freiheitsgrade auf der anderen Seite einpendelt.

Jeder ist seines Glückes Schmied, sagt der Volksmund, und die Praxis der Lebensführung sagt, dass meist äußere Zwänge für Verhaltensweisen bestimmend sind, nicht vorgedachte Träume.

Zur Interpretation vorgegebener Zwänge lässt sich mancherlei anführen. Aus der Retrospektive der 70-er und 80-er Jahre, aus der die Erinnerungen an das jeweilige Zeitgeschehen und an das Eigenerleben niedergeschrieben werden, ergab sich manche kritische Frage unter dem Motto: »Hätte man damals das und jenes anders gemacht, dann wäre …«

Dieses zeigt mit unbestechlicher Deutlichkeit auf, dass sich kaum in einem Lebensabschnitt ein gefestigter Zustand für einen längeren Zeitraum in unserem überaus turbulenten Jahrhundert gesichert aufbauen konnte. Es war ein Hin- und Herpendeln unter ungleichen Amplituden mit unvorhersehbaren Ausschlagwerten; und es ergab sich per saldo, dass es uns Heute-Menschen nicht viel anders ergehen kann, als es Generationen in der ganzen Menschheitsgeschichte ging.

Umweltgeschehen und Eigenverhalten, mangelnde Toleranz gegenüber der Umwelt wie auch gegenüber dem Mitmenschen, mangelnde Einsicht auch in Notwendigkeiten politischer Direktiven und Unabdingbarkeiten führten zum eignen Verhalten gelegentlich auch zu Fehlverhalten, zur Komplizierung und Verschlimmerung der eignen Situation. Deshalb kann man wohl allgemein in Autobiographien – und so auch in dieser – nicht deutlich genug dem Ursache-Wirkungskomplex nachgehen. Das könnte meines Erachtens helfen, die Lasten des eignen Lebensablaufes mit seinem Auf und Nieder mehr mit Gleichmut zu betrachten als schicksalsgegeben, eingebunden in das große Zeitgeschehen der geistigen Evolution, die den Fortschritt des Werdens und Vergehens des Lebens der Menschen seit Jahrtausenden begleitet.

Wenn man auch nur für einen Zeitraffer-Augenblick dem Ursache-Wir-kungskomplex im Evolutionsgeschehen des Lebens nachgeht, das doch in unserer riesenhaften Galaxie, wie die Astrophysiker gesichert nachweisen, einmalig ist, so ergibt sich, dass das Werden und Vergehen kein gleichmäßiges Geschehen über größere Zeiträume ist. Das scheint nur so im Bereich manches recht kurzen Lebensabschnittes und vielleicht im Jahreszeitenrhythmus. Darüber hinaus besteht ein fortgesetztes Wechselspiel zwischen Ursache und Wirkung im Einzelleben und noch viel deutlicher über die Jahrmillionen der Erdgeschichte und über die Jahrtausende der Menschengeschichte. Zahlreiche Entwicklungen des Lebens haben sich vollständig ausgelöscht, nicht nur die Saurier am Ende der Kreidezeit vor mehr als 30 Jahrmillionen sondern auch viele Völkerschaften auf der Erde. Dieses Wechselspiel, das auch als eine Art Generalvorgabe die Menschheitsentwicklung bis zur heutigen Bewusstseinsschwelle geprägt hat, wirkt weiter. Niemand von den Fachgelehrten wird behaupten, dass diese Bewusstseinsschwelle, die leider auch zu der heutigen Zerstrittenheit der Menschen und der Völker untereinander geführt hat, eine Endstufe ist.

Eine Autobiographie ist keine Geschichtsphilosophie, aber es muss erlaubt sein, wenn auch nur im Telegrammstil, die unvorstellbar großen Entwicklungsschritte in ihrem unregelmäßigen Fortgang abzutasten, um zu verdeutlichen, dass eine Endstufe noch nicht in Sicht ist, auch für die nächsten Jahrhunderte nicht, wenn sich nicht das Menschengeschlecht durch die verteufelten Kriegsinstrumentarien (Atomwaffen und chemische Kampfstoffe), die es gerade in unserem 20. Jahrhundert entwickelt hat, selbst auslöscht.

Gewiss ist, dass es einmal in ferner Zukunft einen Abschluss geben wird, aber gewiss ist auch, so sagen es die Astrophysiker, dass wir erst etwa in der Halbzeit der Erdgeschichte stehen und dass der Brennstoff der Sonne, um den Planeten Erde zu versorgen, noch für weitere fünf Milliarden Jahre ausreichen wird wenn auch mit abnehmender Intensität. In etwa sechs Milliarden Jahren werden die Ozeane auf der Erde zu kochen beginnen, womit jedes Leben erstirbt.

Was ist demgegenüber die Zeit eines Menschenlebens, und was sind die etwa 8 000 bis 10 000 Jahre, die es den denkenden Menschen mit Schreibverständigung und höherem Bewusstsein gibt?

Die Bibel spricht von einer Endzeit, wie sie auch von einem Anfang in der Schöpfung ausgeht. Die astrophysikalische Forschung geht vom »Urknall« aus, ausgelöst durch unvorstellbare Konzentrationsdichte und Wärmestauung der Materie.

Die Weiterentwicklung der Ordnung der Materie und der Lebensformen auf der Erde erfolgte (nach Prof. Unsöld: Kosmische Evolution, 1976) nach dem »Würfelspiel des Zu-fallgeschehens« in unregelmäßigen Zufallsschritten. Deshalb, sagt Unsöld weiter, »kann niemand vorhersagen, wohin die nächste im Sinne der Selektion erfolgreiche genetische Variation einer Art führen wird. Die großen Schritte der geistigen Entwicklung des Menschen darf man diesen Prozessen an die Seite stellen.«

Und eben dieses ist der Punkt, der in der Einführung zum Verständnis der Wechselwirkungen in dieser Lebensgeschichte führen soll, auch wenn diese nur einen Einzelfall unter 70 Millionen deutschen Menschen betrifft. Die Evolution geht weit über die Zeitspanne auch dieses Jahrhunderts hinaus, aber sie hat bis jetzt nicht vermocht, das menschliche Zusammenleben signifikant auf eine höhere Stufe des Miteinander in einer friedlichen Gemeinschaft zu stellen, um die gesamte Erde, wie es die Genesis voraussagt, der Gemeinschaft aller dienstbar zu machen.

Das Menschenpotential wächst in beinahe geometrischer Progression, aber die Verwirklichung der Morallehren der Religionen, der christlichen zuerst, die das »Liebet einander« so ernst hervorhob, oder später die Verwirklichung des Humanismus, des Vernunftdenkens der alten wie der neuen Philosophen scheint weit hinausgeschoben. Vernunft wird von den Philosophen (Kant) doch als Einsicht und Erkenntnis des Moralischen definiert und als Voraussetzung zum »Mut, sich eines einsichtsvollen Verstandes zu bedienen« im Lebensgang. Sollte etwa für die Zukunft Goethe Recht behalten, der den Mephisto vor dem Schöpfer die Vernunft als Schein des Himmelslichtes hinstellen lässt, das dem Menschen verliehen wurde, um »tierischer als jedes Tier« zu sein?

Wir können und dürfen nicht daran glauben, dass die geistige Evolution einen solchen Fehlausgang als Ziel des göttlichen Schöpfungsaktes für das Denkwesen Mensch anstreben wird, trotz aller wieder ausgestorbenen Entwicklungen von Lebewesen, die es im Laufe der Erdgeschichte schon gegeben hat. Wir glauben an die Vernunft, wie sie Kant definiert als die »gesetzgebende Kraft in Wissenschaft und Leben«. Oder hat der kategorische Imperativ Kants unser Verstandesdenken so wenig gefördert?

Wir müssen kritisch mit Bestürzung feststellen, dass die Kraft der Vernunft im Einzelleben so wenig wirksam war wie im Zusammenleben der Menschen in der politischen Umwelt. Soweit wissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse überhaupt angewendet wurden, blieben sie besonders im 20. Jahrhundert im Pragmatismus, im Machbaren stecken. Von der Anwendung idealistischer Gedanken, wie sie die Humanisten dachten und zum Beispiel auch Lessing in seiner »Erziehung des Menschengeschlechtes« zum Ausdruck gebracht hat, ist im ganzen Jahrhundert und besonders in der Hitlerepoche, die ja eigentlich schon 1923 begann und 1945 mit dem Zusammenbruch Deutschlands endete, nichts zu erkennen gewesen.

Da war nichts zu merken in der »Blut und Boden« Moral von einer Entwicklung vom Niederen zum Höheren, vom Unvollkommenen zum Vollkommenen. Die Lebensführung jedes Einzelnen war in der Mehrheit die eines Soldaten (in Uniform oder Zivil), der der neuen Lehre zu gehorchen hatte. Zu Hitlers Zeiten hat man den Fortschritt in Wissenschaft und Technik für einen großen Schritt in der geistigen Evolution der Menschheit in diesem Jahrhundert nicht freigegeben. Die großen genialen deutschen Physiker Einstein, Planck, Hahn, Heisenberg, die im Glauben einen wichtigen Beitrag für einen friedlichen Vorwärtsschritt in dieser Richtung geleistet zu haben, ihre Gedanken in Wort und Schrift offen legten, mussten bestürzt erkennen, dass diese Gedanken bald in negativer Weise ausgebeutet wurden zur Sicherung egoistischer politischer Machtbestrebungen des Staates.

Dieses wurde im Kalten Krieg in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in der Verschärfung des Gegeneinander und der Potenzierung der Kräfte zur gegenseitigen Vernichtung fortgesetzt, die in den letzten Jahren in der Festschreibung des Nato-Doppelbeschlusses in der westlichen Welt ihre Krönung fand. Die Menschen werden, so scheint es, um ihre unveräußerlichen Rechte auf Humanismus und persönliche Freiheit betrogen, und da besteht in der Einengung dieser Rechte kein gravierender Unterschied zwischen der östlichen und der westlichen Welt, nur die Ausgangspunkte und die Begründungen sind verschieden. Die Betrogenen sind die Menschen, geographisch besonders die in der Mitte Europas wohnenden Deutschen und ihre Nachbarn, die dieses Jahrhundertgeschehen in verschiedenen Altersklassen, Verantwortungsebenen und Einsichtsstufen durchleben müssen und so gut wie nichts zu einer Änderung beitragen können, weil sie keine Macht haben, wie 30 bis 40 Jahre vorher die bestürzten Physiker, die ihrem Ärger über die Situation nur in einem Appell, dem der Göttinger 12, Luft zu machen suchten, in welchem sie strikt gegen die Atombewaffnung auftraten. Das ist echte Verstrickung in das politische Geschehen des 20. Jahrhunderts, in dessen Sog auch ich in meiner Berufs- und Bildungsebene einbezogen wurde. Es gibt nur geringe Hoffnung, wenn ein Philosoph der Gegenwart, Ernst Bloch, in seinem Werk »Experimentum mundi« warnend den Finger erhebt und sagt, dass weder die kommunistische noch die demokratische Ordnung in ihrer heutigen Form zum Reich der Freiheit führen werden.

»Nur ein freiheitlicher, menschlicher Sozialismus könnte in praktisches Handeln zum Vorteil der lebenden Menschengeneration umsetzen, was der Humanismus im vorigen Jahrhundert so genial vorgedacht hat.« Aber, so tröstet Bloch, »noch ist nichts entschieden. Noch ist Hoffnung auf ein irdisches Paradies, wenn auch in sehr ferner Zukunft.«

C. F. v. Weizsäcker schrieb 1965: »Der Weltfriede muss kommen, es gibt keine Alternative für die übervölkerte Welt.«

Was heißt aber irdisches Paradies? Warum sollte man nicht davon ausgehen«, fragt der Astrophysiker Prof. Unsöld in seinem Aufsatz in der naturwissenschaftlichen Rundschau 1975 »Kosmische Evolution«, »dass nicht auch andere Sterne von der Art unserer Sonne ein Planetensystem besetzen und warum sollte nicht irgendwo anderes Leben entstanden sein, ähnlich dem der Erde? Für weitergehende theoretische Erörterungen darüber fehlen uns, den Astrophysikern, noch viele dafür nötige Voraussetzungen.« Soweit die exakten Wissenschaftler der Astrophysik.

Anders die Phantasie zeitgenössischer Schriftsteller. Der russische Schriftsteller, der Kirgise Aitmatow, geht in seinem viel gelesenen Roman »Der Tag zieht den Jahrhundertweg« (1982) vom Zeitdenken aus. Er stellt fest: »Die Entfesselung von Zwietracht zwischen den Völkern, die Vergeudung materieller Ressourcen und intellektueller Energie für das Wettrüsten erweisen sich als das ungeheuerlichste Verbrechen am Menschen. Progressive Politik kann nur in der Entspannung der internationalen Lage bestehen. Eine verantwortungsvollere Aufgabe gibt es nicht auf Erden. Die Menschheit geht zugrunde, wenn sie nicht lernt, in Frieden zu leben.« Aitmatow erfindet vor diesem Hintergrund eine utopische übermenschliche Zivilisation auf einem großen Planeten in einer anderen Galaxis, die völlig frei ist von einem Gewalt- oder Kriegsdenken innerhalb ihrer Gemeinschaft, die keine Vernichtungswaffen kennt.

Aber im Roman wird die Erde von einem Kontakt mit diesem »Übermenschentum« abgeschottet, weil die Erdbewohner durch ihre unterschiedlichen Gesellschaftssysteme zerstritten sind und dafür nicht reif wären. So »zieht die Erde weiter auf ihrer ewigen Bahn« mit allen ihren Unvollkommenheiten, auch mit allen Irrtümern und Befangenheiten ihrer politischen Führer und Machthaber.

Wo sind die klugen, die frommen und die weisen Philosophen dieser Welt, die nicht von dem Pragmatismus der Politik überwältigt werden, sondern die fähig wären, die Selbstsucht, die Besitzgier, die Herrschsucht den Gierigen auszureden oder friedlich auszutreiben, damit, wie die Bergpredigt in Matthäus 5. sagt, die Sanftmütigen das Erdreich besitzen und die wirklich Friedfertigen Gotteskinder heißen?

Es klingt geradezu wie ein Hohn auf die Bibelworte in der Bergpredigt, ebenso wie auf Albert Schweitzers »Ehrfurcht vor dem Leben«, wenn uns in dem Kommunikationsmittel Fernsehen 1982/83 nahe gebracht wird, dass die Vernichtungsmittel Atomraketen, die in Stellung gebracht werden, ausreichen, um die Menschheit der ganzen irdischen Welt hundertfach zu vernichten, dass aber die Schutzeinrichtungen, wie Bunker und Schutzräume zum Beispiel in Westdeutschland etwa maximal nur 1 % der Bevölkerung aufzunehmen und mit atembarer Luft zu versorgen imstande sind. Nur die Kommandoräume der Militärs bringen es angeblich auf 30 bis 35 %. Ähnlich hoch soll die in solchen Fragen vorbildlichere, weil auch mit viel humanitärem, religiöserem Denken ausgerichtete Schweiz, liegen.

Welche Kulturschande, dass die Herstellung solcher Waffen weitergeht, anstatt dass etwas Wirkungsvolleres eingeleitet und getan wird, um den Prozentsatz des Überlebensschutzes in ganz Mitteleuropa zu erhöhen. Wie, da frage man die Ingenieure nicht die Politiker. Ich, der alte Bergmann, sage dazu: Etwa so, indem viele Kilometer unterirdische Tunnels mit Strahlungspanzer und Luftregeneration wie zum Beispiel im Kleinen im Bergbaurettungsgerät, gebaut werden. Diese wären sinnvoller als die Transporttunnels für Atomraketenbasen, wie sie die Amerikaner zur Zeit in Kalifornien einrichten. Die vielen Arbeitslosen und die arbeitslosen Bergleute, die Fachleute in Überlebensfragen unter Tage sind, könnten hier über Generationen humanitäres Werk tun und die Autobahnen, die Hitler vor zirka 50 Jahren zu bauen begann, in atombombensichere Untertage-Bereiche verlegen, in denen Luft, Wasser und Anlagen von Lebensmittelreserven gesichert sind.

Utopien, sagen die einen, die sich vorsorglich schon heute die nötige Dosis Morphium bereitlegen, wenn das Chaos eines Atomschlages hereinbricht. Organisation und schöpferische Arbeit, sagen die anderen, die Tunnelbauer, die Experten, die Bergbaufachingenieure. Ingenieur bedeutet bekanntlich, »ingenium« haben und damit etwas anfangen, nicht nur Redetalente üben vor dem Fernsehschirm und in den Parlamenten.

Vielleicht können die Enkel in kommenden Generationen über das Ganze, dieses die 80-er Jahre am Ende des 2. Jahrtausends beherrschende Atomkriegsdenken nur lächeln. Das wäre in der Tat ein grandioser Fortschritt einer großen geistigen Evolution der Menschheit, die noch aussteht.

Die geistige Evolution hat in diesem Jahrhundert keinen solchen Sprung nach vorn gemacht wie der technisch-wissenschaftliche Fortschritt. Dadurch sind auch negative Charaktere hervorgetreten, die in ihrer Zeit zur Macht gelangten und alle Menschlichkeitswerte, allen Humanismus vernichteten um der Macht willen. Würden solche negativen Tendenzen die Oberhand in der geistigen Evolution der Menschheit gewinnen, dann würde die Kurve der Menschwerdung, der – soweit bis heute zu übersehen ist – bedeutendsten Entwicklung der Biogenese im Kosmos, in Zersplitterung und Untergang auslaufen. Es darf also nur eine positive Entwicklungstendenz geben, obgleich schwer zu übersehen ist, wie viele Generationen daran noch arbeiten müssen, bis sich eine positivere Phase abzeichnet als heute erkennbar ist, eine Phase umfassender Sittlichkeit, Menschenliebe und gegenseitiger Achtung, eine solche der Konvergenz der Weltanschauungen, der Befriedung, des Fortschrittstrebens. Zur Stützung solcher Gedanken gibt es eine Fülle zukunftsweisender Literatur, von der anzuführen wäre:

Der große Paläontologe und Theologe Teilhard de Chardin sagt in: »Der Mensch im Kosmos«, 1947/1964, »Der Mensch ist nicht Mittelpunkt des Universums, wie wir naiv glaubten, sondern er ist die oberste Spitze der großen biologischen Synthese … Erleben wir nicht in jedem Augenblick ein Universum, dessen überwältigendes Maß dank der Funktion unserer Sinne und unserer Vernunft sich in jedem von uns immer einfacher zusammenfasst? Die Wissenschaft und die philosophischen Strömungen sind heute bemüht, eine kollektive Weltanschauung aufzubauen, an der jeder von uns mitwirkt und teilnimmt. Erkennen wir darin nicht die ersten Anzeichen einer Vereinigung auf höherer Stufe?«

Das ist Optimismus des Glaubens.

Gotthold Ephraim Lessing sagte vor zirka 200 Jahren zu dem Schrittmaß eines Fortschritts der geistigen Evolution in »Die Erziehung des Menschengeschlechts«: »Geh’ deinen unmerklichen Schritt, ewige Vorsehung! Nur lass mich dieser Unmerklichkeit wegen an dir nicht verzweifeln. – Lass mich an dir nicht verzweifeln, wenn selbst deine Schritte mir scheinen sollten zurückzugehen. Es ist nicht wahr, dass die kürzeste Linie nur die gerade ist.«

Das ist Hoffnung des Humanismus.

Der Gegenwartsphilosoph und Wissenschaftler Carl Friedrich von Weizsäcker mahnt und warnt zugleich und sagt anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandelns 1963 in Frankfurt in seiner Rede zur Laudatio:

Der Weltfriede ist notwendig.

Der Weltfriede ist nicht das goldene Zeitalter.

Der Weltfriede erfordert von uns eine außerordentliche moralische Anstrengung.

Er begründet diese drei Thesen inhaltlich etwa so: Die Notwendigkeit ergibt sich daraus, dass die heutige und die Welt der vorhersehbaren Zukunft eine wissenschaftlich-technische Welt ist. Die Weltproduktion, auch die der Lebens- und Genussmittel, der Güter des täglichen Bedarfs und der gesamten Konsumtion sind weltwirtschaftlich über den Welthandel unauflösbar miteinander verflochten. Die Gesetze des Funktionierens der Weltwirtschaft, zu denen auch die bessere Ernährung der Hungernden dieser Erde gehört, sind ebenso erbarmungslos wie die Gesetze der Erhaltung des Lebens in der Natur überhaupt ineinander verstrickt.

Der große Humanist und Nobelpreisträger Albert Schweitzer war zeitlebens ein leidenschaftlicher Rufer um die Erhaltung des Friedens in der Welt und veröffentlichte dazu zahlreiche Schriften. So sagte er in der »Ehrfurcht vor dem Leben«: »Meine Bestimmung ist, dem Geist der Ehrfurcht vor dem Leben, welcher auch der Geist des Friedens ist, einen Weg zu bahnen … Der Geist muss Tat werden, und er muss Tat werden überall, wo Friedlosigkeit herrscht. … Die höchste Erkenntnis, zu der man gelangen kann, ist Sehnsucht nach Friede, dass unser Wille eins werde mit dem Unendlichen und unser Menschenwille mit Gottes Willen!«

In seiner Rede zur Nobelpreisverleihung sagte er: »Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir den Krieg aus ethischen Motiven ablehnen müssen, denn er macht uns mitschuldig an den Verbrechen der Unmenschlichkeit.«

Aber Schweitzer stellte nicht nur Thesen auf, sondern er war ein Pragmatiker der Humanität, wie er sie in Lambarene praktizierte. Eines seiner Rezepte zur Errettung des Friedens der Welt sieht er in der »Wiedergeburt des Geistes zusätzlich zu den großen Erfolgen von Wissenschaft und Technik.«

Nicht untätiges Zusehen sondern tätiges Auftreten seien gefordert, und er fordert besonders die Verantwortlichen, die das Sagen haben als Politiker und Regierende, auf, um den Frieden zu erhalten »bis zum Äußersten zu gehen« und erinnerte dabei auch an den polnischen Außenminister Rapacki, der 1952 bei der UN den Plan einbrachte zur Schaffung einer atomwaffenfreien Zone in Mitteleuropa (DDR, Polen, CSSR, BRD). Was ist von diesem Plan nach 30 Jahren übrig geblieben, muss man 1982 fragen.

»Der Geist muss Tat werden« mahnt Albert Schweitzer, der 1965 mit 90 Jahren verstarb, die Mächtigen, die Verantwortung tragen.

Die Notwendigkeit des Friedens geht aus der erschreckenden Entwicklung der Waffentechnik mit der Atombombe hervor; sie entstand aus der rein wissenschaftlich orientierten Atomphysik. Aber die führenden Staatsmänner tun sich schwer mit einer Strategie der Friedenssicherung, sie können und wollen mit der Drohung einer letzten Bereitschaft zum nuklearen Kriege nicht Schluss machen, obwohl sie wissen, dass dies der Selbstmord alles dessen ist, was sie selbst zu verteidigen wünschen.

Das gilt besonders für die Mitteleuropäer und ganz besonders für die Deutschen in Ost und West, meine ich, und deshalb bin ich heute wie vor 50 Jahren deutscher Pazifist, auch wenn ich heute wie damals anecke, und ich möchte die Enkel gern von dem billigen Auswegdenken abbringen: »Entweder kommt kein Atomkrieg, oder wir sind alle tot.« So primitiv radikal hat sich der Schöpfer das Ende des Denkwesens Mensch, das die Erde bevölkert, wahrscheinlich nicht vorgestellt, und deshalb war auch an die in diese Einleitung eingeflochtene Alternative der bergmännischen Auswegebene in der festen Erdkruste »für alle Fälle« zu denken, denn bisher haben seit Menschengedenken alle Militärs ihre immer verheerender wirkenden Waffensysteme noch immer erprobt. Für den Atomkrieg sollte zwar die einmalige Erprobung in Hiroshima und Nagasaki 1945 genügen, aber sind die Militärs und Politiker gemeinsam davon zu überzeugen?

Sind nicht fast alle die, die gegenwärtig das Sagen haben, verschlossen gegen jedes christlichen Humanitätsdenkens muss man 1983 ernstlich fragen.

Seit die Worte von C. F. v. Weizsäcker gesprochen wurden, sind 15 Jahre vergangen, und die Friedensstrategie ist nicht überschaubarer geworden. Was bleibt ist die Hoffnung.

Wir heißen Euch hoffen, sagt Goethe in seinem Symbolum, und Konkreteres können wir heute am Ausgang des 20. Jahrhunderts bei aller Anstrengung menschlichen Denkens und mit aller Computertechnik leider auch nicht voraussagen. Uns steuert die Meinungszerstrittenheit derer, die die Macht haben.

(Diese einleitenden Gedanken schrieb Otto Fleischer im Dezember 1982. D. Hrsg.)

Kindheit und Jugend

Wo mein Erinnerungsvermögen einsetzt, so im Alter von 3-4 Jahren, steht in Trebnitz/Schlesien ein altes kleines Häuschen zwischen der Dorfstraße und dem Schätzkebach mit Stube, Küche und Dachstube, das durch mühsame Arbeit des Großvaters und der Großmutter mütterlicherseits ihr Eigentum geworden war, sodass sie in der Hierarchie der Stadtgemeinde schon zu den »Häuslern« zählten, d.h. zu jenen Kleinstbauern an der Stadtgrenze, die von ihrem winzigen Ackerstück und der Kleinviehhaltung nicht leben konnten, sondern zusätzlich einer Arbeit nachgingen.

Dann war das Stallgebäude, das noch mit Stroh gedeckt war – Schindeln waren zu teuer – , bis es im Sommer 1905 von einem Blitzschlag getroffen wurde. Das Strohdach und der Dachstuhl brannten im Nu ab, ehe die bespannte Feuerspritze anrückte und das Feuer soweit niederkämpfte, dass wenigstens die Mauern erhalten blieben. Die Bauern, welche die Bespannung für die Feuerspritze in unserer Kleinstadt Trebnitz zu stellen hatten, waren von der Erntearbeit wegen des sehr heftigen Gewitters, das sie über den Berg kommen sahen, – es war das erste der in diesem Tal des Katzengebirges nicht seltenen Gewitter, welches mein Bewusstsein hellwach rief – gerade in ihren Gehöften eingerückt und beim Abladen. Nur diesem Umstand war es zu verdanken, so beteuerte meine Großmutter, dass der Stall nicht völlig niederbrannte, sondern so notdürftig erhalten blieb, dass sie ihre Enten, Ziegen, Gänse und Hühner weiter halten konnte. Die Ziegenweide war eine kleine Wiese, die an den Schätzkebach angrenzte, von dem die Großmutter eine Art Ententümpel abgezweigt hatte. Ich wurde so frühzeitig Hütejunge der meist angebundenen Ziegen, aber ich musste auch aufpassen, dass die Enten nicht den Schätzkebach mit dem abgegrenzten Tümpel vertauschten und davon schwammen, was dann jedes Mal eine Suchaktion bei den Nachbarn bis ins Unterdorf auslöste. Obwohl schon über 60 Jahre alt, ging meine Großmutter noch saisonbedingt zu Feldarbeiten bei den benachbarten Bauern zur Erntezeit und zum Rübenhacken.

Als das Gewitter zu grollen anfing, war die Großmutter vom Felde heimgekommen, um ihr Viehzeug und mich in Sicherheit zu bringen. Sie hatte eine große Furcht vor Gewittern schon von jeher. Erst viel später wurde mir klar, dass diese Furcht gar nicht so unbegründet war, weil das Bachbett zwischen zwei fast parallelen Höhenzügen des Katzengebirges verlief. Der Schätzkebach konnte bei Gewittergüssen sehr schnell anschwellen und das Kleinvieh mitreißen, wenn er über die Ufer trat, was meist schneller geschah, als die alte Frau von ihrer Arbeit herankommen konnte.

Die Großmutter war eine ebenso fleißige, wie bescheidene und fromme Frau, und sie legte mit ihrer rührenden Frömmigkeit wohl auch den Grundstock zu meiner Religiosität. Sie lebte außer von dem gelegentlichen Arbeitserlös beim Bauern und der kleinen Viehhaltung von M 15,- monatlicher Rente und der Alimente für mich, die vierteljährlich M 36,- betrugen. Mehr brauchte der Vater eines unehelichen Kindes zu Anfang des Jahrhunderts nicht zu zahlen, gleich welchen Standes er war und wie viel er verdiente. Die Unterhaltsverpflichtung regelte sich nach der Herkunft der Mutter, und da stand auf dem Geburtsschein des Schreibers als Stand der Mutter: Hausangestellte. Der Vater – wohlbestallter Arzt – war nicht vermerkt; er hatte sich in einem formlosen Handschreiben an das Vormundschaftsgericht in Trebnitz zur Vaterschaft bekannt und zur Zahlung der Mindestalimente verpflichtet. So nützte es mir in meinem späteren Lebensgang wenig, dass mein Vater Arzt und kurz nach seiner Promotion auch Besitzer eines Sanatoriums in Arnsdorf im Riesengebirge war. Geholfen hat mir mein Vater jedenfalls nicht, weder mit Schulgeld noch mit praktischen Ratschlägen für meinen späteren Werdegang. Der erste Brief, den er mir schrieb, war die Empfangsbestätigung meiner veröffentlichten Doktor-Dissertation im Jahre 1934.

Da meine Mutter in Breslau tätig war, wurde ich bei der Großmutter untergebracht und hatte mich ihrem Lebensstil anzupassen, der sich zwischen Feldarbeit, Kleinviehversorgung und regelmäßigem Kirchgang abwickelte, zu dem ich, so oft es ging, mitgenommen wurde.

Meine Großmutter pflegte bei jedem schwereren Gewitter aus der Kommode eine große Bilderbibel herauszunehmen und daraus vorzulesen. Ich selbst hörte nahezu unbeteiligt, aber gehorsam zu. Erst als das schon erwähnte Gewitter im Sommer 1905 uns selbst betraf, hatte ich größere Ehrfurcht vor Großmutter Christianes Gewitterzeremonien. Es hat noch bis ins 10. oder 11. Lebensjahr gedauert, bis ich der alten Frau gewichtig auseinandersetzen konnte, dass Blitz und Donner gleichzeitig geschehen und dass der zeitliche Abstand zwischen beiden Erscheinungen eine überschlägige Errechnung des Abstandes der zündenden Gewitterwolke zum Häuschen sowie eine sichere Angabe darüber ermöglicht, ob ein Gewitter sich nähert oder ob es vorbeiziehen wird.

Mit der überzeugenden Erklärung der geringen Schallgeschwindigkeit gegenüber der millionenfach größeren Lichtgeschwindigkeit erkannte die Großmutter stärker als aus allen anderen Schulweisheiten, die ich ihr auftischen konnte, dass für meine weitere schulische Ausbildung etwas mehr getan werden müsse als bisher. Sie fasste den für meinen späteren Lebensweg so wichtigen Entschluss, mir mit Hilfe ihrer wenigen Ersparnisse Privatstunden bei mehreren wohlwollenden Lehrkräften unserer höheren Schule zu ermöglichen. Zu einer direkten Aufnahme in die höhere Schule war man in der stockkonservativen Kleinstadt eben nicht bereit, obwohl die Großmutter und auch meine Mutter über einen Gerichtsschreiber, Herrn Frenzel, an mehrere Stellen und sogar an den Kaiser schrieb.

Erst im ersten Weltkrieg, als für die Verwundeten des Trebnitzer Reservelazaretts Sonder- und Abendkurse eingerichtet wurden, löste sich dieses für mich so wichtige Problem von selbst. Gemessen an den Eindrücken, welche die Generation meiner Enkel in ihrer Kindheit empfängt, und gemessen auch an dem Erleben meiner Generation, soweit sie in einem Elternhaus und unter Geschwistern aufwuchs, waren die Erlebnisse, die sich zwischen Hütejungen- Zeit und den ersten Schuljahren abspielten, mehr als unzureichend für einen Ansatz zu irgendwelcher Persönlichkeitsentwicklung. Die dafür erforderlichen altersadäquaten Vorleistungen konnten erst etwa ein Jahrzehnt später erbracht werden.

Die von den Biogenetikern heute aufgestellte These, dass im Alter von 4-6 Jahren eine gewisse Vorformung der Verhaltensweise erfolgt, mag das Prinzip treffen, aber nicht das Einzelwesen, das über zu wenig Eindrücke verfügt. Ich durfte den abgezäunten Hof mit dem Kleinviehbereich nicht verlassen außer zum Schulbesuch. Die Großmutter war eben sehr vorsichtig mit mir. Es waren Höhepunkte des Erlebens, wenn die Mutter an ihrem freien Tag im Monat aus Breslau kam und nach dem Rechten sah. Die Großmutter war eine abgearbeitete alte Frau, die mit der großen Wäsche nicht mehr allein zu Recht kam; die schwere Feldarbeit war zu viel für sie. Ich stand dann oft schon in der Frühe am Hoftor und horchte auf das Geläut der Kleinbahn, die für die 26 km aus Breslau zwei Stunden Zeit brauchte, weil sie von fast allen Haltestationen die Milchkannen für die Molkerei mitbrachte. Trotzdem waren die Züge fast immer voll an den Sonnabenden und Sonntagen, weil das Fahrgeld etwas billiger war als auf der »Großbahn« – der Vollspurbahn. Soviel arme Leute gab es in unserer industriearmen Gegend.

Außer meiner Mutter waren es eigentlich nur zwei Personen, die in der frühesten Jugend einen nachhaltigeren Eindruck hinterließen: der Domänennachtwächter Pressgott, ein Schwager der Großmutter, und der Onkel Brühl, mein Vormund.

Es wurde schon angedeutet, dass Gewitter in unserer Gegend besonders zahlreiche Brandschäden verursachten, wenn sie einmal in die Talsenke des Katzengebirges – so genannt wegen der langgestreckten, katzenbuckelartigen Erhebungen, Grundmoränen aus der quartären Eiszeit – geraten waren und dem Bachlauf folgten. Die Domäne Speicherhof, das frühere Klostergut, hielt sich daher weiter einen im engeren Stadtbezirk bereits abgeschafften Nachtwächter, der vor allem Feuerwächter sein sollte. Dieser »Großvater Pressgott« legte auf seinen Rundgängen, wenn es sich machen ließ, eine Pause ein, um der Großmutter die Stadtnachrichten von seiner Frau zu übermitteln. Er verlor im Alter von fast 70 Jahren seine Position, und wenige Zeit später starb er auch, wie Großmutter glaubte, aus Kummer über einen Fehler, wahrscheinlich aber aus Altersschwäche, der damals auf den Totenscheinen meist vermerkten häufigen Todesursache der älteren Generation.

Durch einen Blitzschlag brannten im Spätsommer zwei gefüllte Scheunen der Domäne vollkommen nieder, weil die Feuerwehr zu spät an Ort und Stelle war. Der Nachtwächter konnte kein Signal mit dem Feuerhorn geben, welches er normalerweise an der Seite, in der Erwartungssituation des Gewitters aber griffbereit vor der Brust trug. Wahrscheinlich aufgeschreckt durch den Blitz und das Aufflammen des Feuers achtete er nicht auf den Weg und stolperte, wie er glaubhaft erzählte, über einen Haufen von einem Fuhrwerk herabgefallenen Grünfutters. Er zog sich dabei Rippenbrüche zu. Das Horn wurde durch den Sturz funktionsunfähig, und die Feuerwehr konnte daher erst durch einen vorbeikommenden Landarbeiter benachrichtigt werden, der dann auch den »Hüter der Nacht und des Feuers« zum Arzt brachte. Die freiwillige Feuerwehr musste ja auch erst zusammengerufen werden, ebenso musste die Bespannung anrücken. Der Nachtwächter kam dadurch ins Gerede, weil es wohl manchmal vorkam, dass er von einem wohlwollenden Bauernsohn oder einem anderen »Gönner« mehr oder weniger unter Alkohol gesetzt wurde, sodass man dann einen etwas torkelnden Nachtwächter hatte.

Diese Episode mag aus heutiger Sicht wenig bemerkenswert erscheinen. Ich wurde aber im Laufe meines Berufslebens mehrfach daran erinnert und zwar immer dann, wenn scheinbar ganz nebensächliche Umstände letztlich dazu führten, dass kleine durch ein geringes menschliches Versagen oder durch an sich verzeihliche Fehler anlaufende Unfälle oder Unregelmäßigkeiten im Betriebsablauf sich zu einem größeren Unglück mit Dutzenden, ja sogar hundert oder mehr Toten ausweiteten.

Man ist, wenn man alt geworden ist, die Dinge rückschauend betrachtet und dabei den Faktor Zeit ins rechte Größenmaß zur Unendlichkeit des Lebens als Erscheinungsform der Evolution extrapoliert, durchaus geneigt, der These zuzustimmen, die H. v. Dittfurth in seinem Buch »Im Anfang war der Wasserstoff« vertritt. Dort wird über die Relikte aus der Evolution nachgewiesen, dass die Entstehung des Lebens auf der Erde überhaupt von solchen oft ganz nebensächlichen Unfällen in der Evolution in den rd. 5½ Milliarden Jahren Erdgeschichte abzuleiten ist. Eigentlich hätte alles, die ersten Großmoleküle und auch der erste Leben spendende Sauerstoff wieder zur Selbstvernichtung, zum Vernichtungsgleichgewicht, zum Null-Geschehen führen müssen, wie das auch anscheinend der Regelfall im Kosmos ist, soweit die Forschung heute schon Aussagen machen kann. Einige Zellen, nur eine Winzigkeit von Stoff und Energie, überstanden in dem gigantischen Wechselspiel von Energie und Stoff, ähnlich wie sich immer wieder einige Bakterienstämme der Vernichtung durch Antibiotika entziehen. Und so entstand das Leben!

Aber, so ist der kritische Geist berechtigt zu fragen, warum ist Leben eigentlich überhaupt auf nachweislich wenigstens einem der Planeten dieses Sonnensystems entstanden, warum ist es denn nicht beim absoluten Nichts geblieben? Die Wissenschaft vermag bis heute eine befriedigende Antwort darauf nicht zu geben. Die Religion, in mehreren Glaubensrichtungen interpretiert, führt die Sinngebung als Ziel der Evolution in der geistigen Ebene an, die unablässig wirkende Schöpfung in dieser Ebene nach den Prinzipien des Ordnens nach Gesetzen »das Sein ist ewig, denn Gesetze b e w a h r e n die lebendigen Schätze, aus welchen sich das All geschmückt«. (Goethe: Vermächtnis) . Darunter fällt auch das Gesetz des kleinsten Zwanges, der allumfassenden Kräfte der Liebe, das Le Chatelier-Braun’sche Prinzip, trotz allen Hasses der Menschen wie der Völker untereinander.

Noch gilt für uns und wahrscheinlich für mehrere folgende Generationen nur die Hoffnung auf die Verwirklichung der humanistischen Ideale des Menschengeschlechtes.

Von diesem Ausflug in die philosophische Betrachtung eines ganz unscheinbaren Ereignisses als Auslöser größeren Geschehens werden weitere Denkanstöße für Versuche einer pragmatischen Verknüpfung bemerkenswerter Ereignisse im Lebensablauf mit dem Zeitgeist und dem Zeitgeschehen in dieser Lebensgeschichte ausgehen.

Da ist weiter dem Erleben der Weihnachtszeit im großmütterlichen, wie auch im großbäuerlichen Milieu, Erwähnung zu tun, wie es in den Erinnerungen an jene Zeit noch lebendig ist. Da gab es ein großes Scheuern der Wohnungsdielen und das Bestreuen mit extra feinem Sand, der besonders weiß war und an einer ganz bestimmten Stelle der nahen Sandgrube geholt wurde. Auch das Bäumchen wurde aus dem Waldstück unseres Nachbarn, mit dessen Erlaubnis natürlich, geholt und geputzt. Zum Putzen wurde bevorzugt, weil dies am billigsten war, eine Buntpapiergirlande benutzt, die selbst hergestellt war, ganz einfach auch für kleinere Kinder. Es wurden immer ein Stück Strohhalm 1-2cm und ein quadratisch oder verziert geschnittenes Stück Buntpapier aneinander gereiht.

Die gestopfte oder genudelte Gans wurde geschlachtet und vorbereitet, denn die Mutter hatte sich aus Breslau angemeldet mit einem oder zwei Gästen. Sie war bei einer Familie als Wirtschafterin tätig, die ein größeres Juweliergeschäft hatte, dessen Weihnachtsgeschäft am 24.12. naturgemäß beendet war, und so konnte ein kleiner Urlaub eingeschoben werden, eher als an anderen Tagen des Jahres. Die genudelte Gans war die Großmutter auf dem Markt nicht losgeworden, weil entweder die Konkurrenz noch bessere durch diese Art von Tierquälerei gemästete Exemplare anzubieten hatte, oder weil andere professionelle Marktfrauen besser schwatzen konnten als die bescheidene Großmutter, die nur gelegentlich mit Marktware zum Wochenmarkt kam und dann noch, wie man mit anhören musste, wegen ihres Namens (Fleischer) wenn auch wohlwollend gehänselt wurde, weil sie keine Fleischwaren anzubieten hatte wie der Marktfleischer. Dieser machte übrigens im ersten Weltkrieg als »Heeresversorger« Millionenumsätze und verdiente sehr viel dabei. »Im Handel liegt der Segen«, so hieß es damals wie heute auch noch, wie es den Anschein hat. Der Wochenmarkt ist noch aus einem anderen Grunde in nicht guter Erinnerung. Wir lebten damals in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg in einem etwas übersteigerten Bürgerbewusstsein. Das herrschaftliche Alltagsdenken fing bei dem Kleinbürger an, der sich ein Dienstmädchen hielt, auch wenn dieses Geschöpf noch so schlecht bezahlt und auch oft mangelhaft verpflegt wurde. Es galt als »in«, mit dem den Einkaufskorb tragenden Mädchen über den Markt zu gehen und dabei an mehreren Verkaufsständen von Kleinbauern die Butter auf der Zunge mit einer bereitwilligst dargebotenen Probe zu prüfen, bevor man ein Stück erwarb. Die Großmutter, die nur wenig Ziegenbutter anzubieten hatte, ging trotz Billigangebot oft wieder mit einem Teil ihrer Ware nach Hause.

Zur Christnachtfeier kamen auch unsere etwas wohlhabenderen bäuerlichen Verwandten aus den Dörfern Großmärtinau und Pristelwitz in die Stadtkirche. Sie gehörten zu unserem Kirchenspiel, obwohl die Dörfer 4-6 km von der Stadt entfernt waren. Sie kamen mit Windlaternen über den Mühlberg in größeren Gruppen, was sehr feierlich aussah. Ein ähnlicher Lichterzug mit vielen Windlaternen vollzog sich zu Silvester.

Viel gewaltiger und prunkvoller war die Weihnachtsmesse in der großen St. Hedwigs Kathedrale, die in der Unterstadt lag. Diese Kathedrale ist aus der Klosterkirche entstanden, die im Jahre 1203 der Piasten-Herzog Heinrich der Bärtige, der Gemahl der 1267 heiliggesprochenen Hedwig, gestiftet hat. Beide sind in der Kathedrale, deren drei Schiffe mit prunkvoll vergoldeten Heiligenfiguren bestückt sind, unter Marmorgrabmalen begraben. Zu den hohen Festen, dem Weihnachtsfest und dem Bartholomäusfest, kamen in diese große und berühmte Kathedrale Gläubige nicht nur aus dem Kreis Trebnitz, sondern aus großen Teilen der Provinz zur Andacht, und auch wir älteren evangelischen Kinder gingen zur Mitternachtsmesse, wenn die goldverzierte Krippe im Altarraum aufgestellt war.

Es war schon eine Zeit besonderer weihevoller Konzentration für alle Generationen, die Weihnachtszeit in frommen dörflichen und kleinstädtischen Bereichen, wo das Religiöse gegenüber der heute überwiegenden Geschäftigkeit noch absolut vordergründig war. Nicht dass das Emotionale des gegenseitigen Schenkens, wie es heute in aller Welt, wo Christen wohnen, bevorzugt zur Weihnachtszeit sich abwickelt, überholt sei; das hat weiterhin seine guten Wirkungen. Zurückgegangen ist aber besonders in den Großstädten das spezifisch christliche Weihnachtserleben mit seinem singenden Auftakt in der Adventszeit, dem feierlichen Höhepunkt des Christfestes mit der Mitternachtsmesse und dem Ausklang bis zum Neujahrstag bzw. zum Hohen Neujahr am 6.Januar. Es ist dieses Aufschaukeln der Weihe-Stimmung wie ein rhythmischer Schwingungsvorgang mit Wellenbergen und Wellentälern. Neben diesem betont christlichen Weihnachtserleben, das sich bei mir eigentlich, wenn auch abgeklärter und nicht so offen emotional bis ins hohe Alter erhalten hat, gibt es in anderen Gegenden stark an das Alte, zum Teil ans Heidnische angeschlossene weihnachtliche Gebräuche, die auf anderen Wegen das Erleben des Weihnachtsfestes als einer guten Tat der himmlischen Mächte vorbereiten in unserem Biorhythmus des seelischen Empfindens. So wusste meine verstorbene Altersfreundin Gerda Foss, meine Nachbarin, die von einem großen Erbbauernhof in Thüringen stammte, zu berichten, dass noch vor 60-70 Jahren wie seit Generationen »der Stall« zum Weihnachtsfest gerüstet werden musste. Die Bezeichnung »der Stall« bezog sich auf das gesamte Bauernhaus und seine Wirtschaftsgebäude. Alles war von Hand zu scheuern und glänzend zu machen. Und alle diese Zusatzarbeiten zum bäuerlichen Alltag, sagte sie, wurden in freudiger, wetteifernder kameradschaftlicher Stimmung von allen Gliedern der Hofgemeinschaft durchgeführt, sodass am Schluss dieser »Raxerei« der ganze Bauernhof ein festliches Stimmungsbild wie zu einer Hochzeit darbot. Keine Strohhalme, kein Heu durfte auf den gepflasterten Höfen und Wirtschaftsgängen zu sehen sein, und kein Federvieh durfte da herumlaufen und den Hof verschmutzen, das galt sozusagen als Entweihung. Der Bauer, der solches vorwitzige Tierchen vorfand, drehte diesem einfach den Kopf ab und brachte es mit sonst nicht üblicher stummer Gebärde in die Küche. Das ist gewiss ein hartes Verhalten am Weihnachtsfest, aber vielleicht ist es eine besondere Praxis einer Art symbolischer Geistesaustreibung, um die Weihnachtsstimmung nicht zu erschüttern, in welche die Hofgemeinschaft des Erbhofes seit Generationen durch die tagelange besondere Geschäftigkeit in ihrer räumlich begrenzten Welt hineinversetzt wurde.

Es war eine gezieltere und sicherlich einprägsamere Verhaltensweise als die der meisten Großstädter, Glieder der Konsumgesellschaft, deren Geschäftigkeit sich im Durchströmen der großen Warenhäuser mit ihren sagenhaften Umsatzsteigerungen zu Weihnachten erschöpft.

Freilich wir Älteren, die wir zwei Weltkriege und deren Aus- und Nachwirkungen durchlebten, wissen, dass es zumindest in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts nicht mehr viele so harmonisch-friedlich ausgerichtete Weihnachtsfeste wie im ersten Jahrzehnt gegeben hat. Wir wissen um die Trauernachrichten von der Front anstelle der erwarteten Weihnachtsurlaube und auch um die »Christbäume« am Nachthimmel mit nachfolgendem Bombenhagel. Da haben wir nichts gemerkt oder glaubten nichts zu merken von einem friedlichen, weihevollen Liebesdenken eines übergeordneten geistigen Prinzips.

Aber auch in solchen sehr kritischen Situationen des Erlebensbereiches ist es dem empfindsamen Menschen zumute, als ob ein helfendes Kraftfeld wie mit einer Art Richtstrahler unser stressüberzogenes Denken absucht nach einem einzigen guten Gedanken, dem Flügel gegeben werden kann für eine Zeitspanne einiger besinnlichen Minuten, die uns an dem guten Sinn der Schöpfung nicht zweifeln lassen. Die weiter oben angesprochene, vom Erlebensbereich im Kindesalter anscheinend besonders abhängige Vorformung der Verhaltensweise im späteren Alter ist einer tieferen Beleuchtung wert. Die Weihnachtszeit erweckt, ob vorwiegend nur beim deutschen Gemüt sei hier nicht weiter erörtert, emotionale Bewegungen, die sich erhalten und wiederkehren. In meinem Falle waren es vordergründig die lichterfüllten Eindrücke in der Kirche bzw. der Kathedrale der Heiligen Hedwig, also eine Art passiven Nacherlebens religiösen Brauchtums im Alter. Bei der Altersfreundin Gerda war es mehr eine besonders aktive Geschäftigkeit in den Vorbereitungen dieses Festes, die wohl den meisten Hausfrauen eigen ist, die sich aber im Grad der Intensität heraushebt, dem scheinbar das zunehmende Alter nicht das Geringste anhaben kann.

Unsere gemeinsame Freundin, Dr. Käte Ziervogel., Psychiaterin mit 5 Jahrzehnten Berufspraxis, sieht die Zusammenhänge für eine Art Vorformung unabhängig von einer (etwa weihnachtlich geprägten) emotionalen Beeinflussung aus einer betont religiösen Grundeinstellung so: Der Mensch offenbart ja meist erst im Alter seinen innersten Kern, wenn der Schleier, den jeder (auch unbewusst) um sein Ich hüllt, zerreißt und die äußere Anerkennung bzw. das zielgerichtete berufliche Streben wegfällt. So wissen wir, dass sich die Grundeigenschaften der Menschen – meist sind es nur eine oder zwei, von denen das Leben bevorzugt gesteuert wird, im Alter verschärfen. Auffallend ist dies für uns besonders wohl im Geiz und in der Habsucht. Ein im frühen Leben schon »schwieriger« Mensch wird dann oft im Alter schwer ertragbar. Das ist oft mit Tragik verbunden.

Ich finde, dass im Alter das Leben plötzlich wie ein weit aufgeschlagenes Buch vor den Menschen liegt und man noch einmal alle Stationen erlebt bzw. durchdenkt, ob man richtig gehandelt oder besonders die mitmenschlichen Beziehungen nicht richtig gehandhabt, nicht richtig gestaltet hat. Die Intelligenz bzw. der ganze Beruf, meint Dr. Käte Ziervogel, ist oft leichter zu steuern als diese zwischenmenschlichen Beziehungen. Mühe muss man sich vor allem im Menschsein geben. Ein psychiatrischer Chefarzt in Leipzig sagte : »Intelligenz ist ganz schön, aber ein ganzer Kerl zu sein ist viel wichtiger.« Der Chefarzt ist längst gestorben, aber die Idee lebt weiter. Und so ist es gar nicht entscheidend, ob der Einzelne persönliche Nachkommen hat. Wichtiger ist, dass er Nachwirkendes getan oder gesagt oder geschrieben hat, und vor allem, dass er Persönlichkeit ausgestrahlt hat .

Damit weiter im Text der eigentlichen Erinnerungen. Trebnitz, heute Trezebnicá, meine Heimatstadt, hatte um die Jahre vor dem ersten Weltkrieg etwa 8000 Einwohner. Sie war Kreisstadt. In der Oberstadt, zu der das »polnische Dorf« gehörte, wo das kleine Wohnhäuschen meiner Großmutter stand, waren mehrere mittlere Bauernhöfe angesiedelt, die sehr gutes Ackerland am Hang des Bentkauer Berges zu bestellen hatten. Bis zum 12. Jahrhundert war Trebnitz nach der Chronik eine rein slawische Siedlung. In der Unterstadt, nahe dem Weinberg, liegt neben der schon erwähnten St. Hedwigs-Kathedrale das große Kloster der Benediktinerinnen. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts ist nach der Chronik das Kloster bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Der massive Neubau, der z.T. heute noch steht, dauerte fast 200 Jahre, da er von den Benediktinerinnen und später auch von den Borromäerinnen immer wieder erweitert worden ist. Es war später das Mutterhaus der Borromäerinnen, und nach der Säkularisierung 1810 war das Kloster eines der größten Krankenhäuser des Malteserordens. Bis zum Jahre 1857 war im Kloster auch eine große Tuchfabrik untergebracht. In dieser waren Vorfahren mütterlicherseits als Weber und Webermeister tätig. Diese Vorfahren waren seit der Reformation in Trebnitz und gehörten, wie der evangelische Teil der Stadtbevölkerung zu den aus dem niedersächsischen und thüringischen Raum eingewanderten Handwerkern. Mit diesem Zuwanderungsanteil wurde Trebnitz eine Handwerkerstadt. Die meisten Handwerker (Tuchmacher, Schuster, Schneider, Bäcker, Fleischer, Zimmerer) betrieben zugleich auch eine kleine Landwirtschaft, sie zählten damit zu den Ackerbürgern, die zusammen mit den Stadt- und Kreisangestellten und den angesiedelten Ruheständlern, meist aus Breslau, den sich sehr betont gebenden Mittelstand bildeten, zu dem die Familien meiner Vorfahren und Verwandten sich nach der strengen kleinstädtischen Rangordnung noch nicht zählen durften.

In Trebnitz kreuzten sich seit Jahrhunderten zwei bedeutende Handelsstraßen: Süd-Nord und Ost-West. Die erstere führte von Oberschlesien über Breslau, Trebnitz, Militsch, Posen nach Danzig und die andere von Lodz, der Tuchmacherstadt, über Trebnitz, Glogau nach Leipzig. Es gab deshalb in der Unterstadt an diesen Straßenkreuzungen eine übertrieben große Anzahl von »Gasthöfen zur Ausspannung«, denn zu Anfang dieses Jahrhunderts war das Pferdefuhrwerk noch das Haupttransportmittel für industrielle Handelsware aller Art, trotzdem sich das Eisenbahnnetz gewaltig erweiterte und, wie wir 1914 sahen, nicht nur wegen der gewerblichen Güter. Die Fuhrwerke mussten ihr Hauptziel, die Stadt Breslau, an den Markttagen möglichst früh erreichen, und so waren die »Ausspannungen« gewöhnlich die letzte Etappe des Ausruhens vor dem Erreichen der Handelsmetropole. Außer der Transithandelsware, vornehmlich den Tuchen aus Lodz, die Mitte des vorigen Jahrhunderts der respektablen Tuchfabrik Ölsner im Kloster den Garaus gemacht hatten, fuhren auf diesem Handelsweg die Köhler die Holzkohle nach Breslau. Die Köhler wohnten in den großen Walddörfern des Kreises: Großhammer, Katholisch-Hammer, Masslisch-Hammer und arbeiteten nach dem damals noch üblichen Meiler-System. Wenn auch die überragende wirtschaftliche Bedeutung der Holzkohle für die Verhüttung von Eisen und Nichteisenmetallen durch den unaufhaltsamen Vormarsch des Steinkohlenkokses einschneidend zurückgegangen war, so erschloss sich doch für die Holzkohle durch den großen weltweiten Ausbau der chemischen Industrie ein neues Anwendungsgebiet. Die Holzkohle war und blieb bis heute zum größten Teil unersetzlich als Absorbens, als Reiniger, Filter, Klärmittel in der Färberei, Lederindustrie und in zahlreichen Teilgebieten der Lebensmittelindustrie und der Pharmazie. Nur das Meiler-System ist vielfach abgelöst durch die rationellere Verkokung von Holz in Retorten, welche die Ausnutzung der Abgase gestatten.

Doch ich war damals Schuljunge, mein Interesse an den durchfahrenden Holzkohlefuhrwerken war allerdings solchen großen Wirtschaftsgedanken noch nicht zugewandt. Es war vielmehr rein geschäftlich. Die Köhler versorgten außer der Belieferung des Großmarktes in Breslau auch zahlreiche Kleinabnehmer unterwegs und so auch in Trebnitz. Mehrere Kleinhandwerker, z.B. Metallgießer, waren ständige Abnehmer. Auch das Grillen am Holzkohlefeuer ist ja keine Erfindung der Neuzeit; bei großen Gartenfesten und bei Jagdgesellschaften wurde gegrillt. Und so belieferte ich eben durch Botengänge gegen Entgelt den von den Köhlern privat versorgten Abnehmerkreis. Es kam einem Jungen unter 10 Jahren noch nicht der kritische Gedanke, dass die Fuhrleute ja nicht die eigentlichen Handelsleute waren, sondern öfters nur die »Frachter«, und dass der ganze Zwischenhandel in der Grauzone von Treu und Glauben ablief. Darin lag, rückwärts gesehen, wahrscheinlich auch der Grund, weshalb sich die Fuhrleute nicht selbst auf den Weg machten, sondern Schuljungen ausschickten. Ähnlich mögen wohl heute in den westlichen Großstädten die großen Drogenhaie Kinder für ihre Schiebereien ausnutzen.

Mit zunehmendem Alter trat die Frage der schulischen Ausbildung stärker in den Vordergrund. Der Besuch der örtlichen privaten Knabenmittelschule war mit solchen Gelegenheitsverdiensten nicht zu finanzieren. Der Vormund lehnte es strikt ab, mit meinem Vater darüber zu korrespondieren, ob er bereit wäre, das Schulgeld herzugeben und auch eventuell die Alimente bis zur Beendigung der Schulausbildung weiter zu bezahlen. Gerichtlich festgelegt war Zahlung bis zum 16. Lebensjahr. In dieser Situation schrieb ich zum ersten Mal direkt an den Vater in Arnsdorf. Der Brief blieb unbeantwortet. Anstatt dessen erhielt aber mein Vormund einen Brief vom Vater, in dem er diesen aufforderte, mir eine direkte Korrespondenz mit ihm strikt zu untersagen. Der Vormund teilte mir dies sehr ungehalten mit, und ich erhielt zum ersten Mal von ihm eine Ohrfeige mit seiner derben Schusterhand, die so grob ausfiel, dass meine Mutter mit mir wegen des wiederholt aufbrechenden Nasenblutens zum Arzt gehen musste. Der Vormund, der selbst größere Kinder hatte, die alle ein ehrsames Handwerk erlernten, erklärte meiner Mutter, dass meine Flausen mir ausgetrieben werden müssten und dass ich bei ihm in die Lehre genommen werde. Hierin waren aber beide Frauen, meine Mutter und meine Großmutter, doch anderer Meinung und, soweit ich es noch in Erinnerung habe, entstand zwischen der Großmutter und dem Vormund, der übrigens ein Verwandter von ihr war, ein ernster Familienstreit. Für mich bedeutete dieses Ereignis eine Wende in meinem Leben. Waren die Dinge, die meine Zukunft betrafen, bisher passiv erlebt worden, so hatte die dramatische Ohrfeige in Verbindung mit der groben Absage meines Vaters bewirkt, dass ich fortan innerlich entschlossen war, koste es was es wolle, die Schulausbildung durchzusetzen, bis diese ein Studium ermöglichte, das mich in den Stand setzen sollte – nach meinen kindhaften Vorstellungen – meinem Vater einmal als fertiger Pastor oder Lehrer gegenüberzutreten und ihm meine Meinung zu sagen, nicht nur wegen seines Absagens mir gegenüber, wozu er ja wohl nach Recht und Gesetz damals berechtigt war, sondern, so hatte ich vor, auch wegen meiner Mutter, die durch die ganze Kalamität meiner unehelichen Geburt allerlei Probleme zu bewältigen hatte. Wie schwierig das war, sollte ich erst mit zunehmendem Alter und damit zunehmender Einsicht in die Zusammenhänge gewahr werden.

Vorerst kam der erste Weltkrieg mit seinen Auswirkungen auf den Lebensweg so vieler Tausender, die nur um wenige Jahre älter waren als ich und die als Soldaten an die Front mussten und nicht mehr wiederkamen. In diesem Krieg wurde das große Kloster von Trebnitz Reservelazarett für die im Osten eingesetzten Verbände, darunter auch für die Armeegruppe Woyrsch, bei der auch mein Vater als Stabsarzt der Reserve eingesetzt war. Nachdem im ersten Kriegsjahr, z.B. bei Langemarck im November 1914, das Massensterben auch von Primanern und jungen Studenten eingesetzt hatte, wurde man auch im Provinzialschulkollegium der Regierung Breslau besorgt um den Bildungsnachwuchs. Das hatte zur Folge, dass die in Trebnitz bis zum Krieg ein bescheidenes Dasein fristende Mittelschule, die ehemalige Klosterschule, in Kaiser-Wilhelm-Schule umbenannt wurde und eine »Selekta« erhielt, an der genesende Verwundete ihre Vorbereitung zum Abitur weiterführen konnten, die durch die Einberufung zum Heer unterbrochen war.