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Als Sara mit ihrem Mann Max in die mexikanische Stadt Manzanillo zog, erhoffte sie sich in der Gegenwart des Meeres, der Wärme und Kokospalmen ein idyllisches Leben – mit ihren Kindern und ihren Gedichten. Das geht für einige Jahre gut. Doch dann scheint alles um sie – und in ihr – zu zerbrechen. Sie verliebt sich in Lucas, den besten Freund ihres Mannes. Sie kann nicht mehr schreiben. Probleme ihrer Vergangenheit verfolgen sie. Auch in dem Meeresparadies nehmen die Schwierigkeiten zu – Drogentote, misshandelte Migranten. In all dem Chaos begibt sich Sara auf einen unorthodoxen Weg, um ihre Ängste zu heilen und einen Beitrag zu leisten, um die Lebensfreude, die sie trotz allem empfindet, durch Worte mit anderen zu teilen. Leider verändert all das nichts an ihren Gefühlen für Lucas ...
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Seitenzahl: 276
Veröffentlichungsjahr: 2021
Kurzbeschreibung: Als Sara mit ihrem Mann Max in die mexikanische Stadt Manzanillo zog, erhoffte sie sich in der Gegenwart des Meeres, der Wärme und Kokospalmen ein idyllisches Leben – mit ihren Kindern und ihren Gedichten. Das geht für einige Jahre gut. Doch dann scheint alles um sie – und in ihr – zu zerbrechen. Sie verliebt sich in Lucas, den besten Freund ihres Mannes. Sie kann nicht mehr schreiben. Probleme ihrer Vergangenheit verfolgen sie. Auch im Meeresparadies nehmen die Schwierigkeiten zu: Drogentote, misshandelte Migranten. In all dem Chaos begibt sich Sara auf einen unorthodoxen Weg, um ihre Ängste zu heilen und einen Beitrag zu leisten, um die Lebensfreude, die sie trotz allem empfindet, durch Worte mit anderen zu teilen. Leider verändert all das nichts an ihren Gefühlen für Lucas ...
Lili Barnett
Lebensfreude
Roman
Edel Elements
Edel Elements
Ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
© 2021 Edel Verlagsgruppe GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg
www.edel.com
Copyright © 2021 by Lili Barnett
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Agentur Ashera.
Covergestaltung: Designomicon, München.
Lektorat: Vera Baschlakow
Korrektorat: Jennifer Eilitz
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-96215-401-1
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Für Anette Boudeken, 1978-2012
Vorspiel
1. Teil
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
2. Teil
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Sara und Lucas, der beste Freund ihres Mannes, saßen auf dem Plastikrücksitz eines Taxis auf dem Weg zu Saras Lieblingsbucht.
Ihre Melancholie von gestern war verschwunden, und sie war aufgeregt. In ihren Gedanken verspürte sie eine bunte Vorfreude, die ihr vorkam, wie die winzigen Blätter, die aus Kressesamen wuchsen.
Als sie ankamen, bezahlte Sara das Taxi, weil sie schneller nach ihrer Geldbörse gegriffen hatte, und Lucas streckte ihr hastig 50 Pesos entgegen, um sie einzuladen, aber sie nahm sie nicht an.
Sie stiegen aus.
Das Taxi fuhr davon. Kaum hatten ihre von Badeschuhen halb geschützten Füße den heißen Sand berührt und sie den Geruch von Algen, Salzwasser und Sonnenöl eingeatmet, kam ein junger Mann auf sie zugeeilt, der eine knappe Badehose und ein ausgeleiertes weißes T-Shirt trug.
Es war der Bootsmann.
„Hello, my name is Alfredo“, stellte er sich vor, mit amerikanischerem Akzent als jeder Amerikaner. Vermutlich dachte er wie viele Mexikaner, dass Sara Amerikanerin sei. „Very nice to meet you. Where are the others?“
Die Bootsfahrt – ursprünglich eine Überraschung von Saras Mann Max für seinen Besuch – war für acht Personen gebucht worden.
„Den anderen geht es heute nicht so gut“, erklärte Lucas auf Spanisch. Seine Frau Petra, Max und die Kinder hatten sich beim Fischessen gestern Abend den Magen verdorben. Nur Sara hatte keinen Hunger gehabt, und Lucas war bei einer Lesung seines gerade erschienenen Romans gewesen. „Aber sie finden es angeblich lustig, gemeinsam krank zu sein.“
Alfredo zuckte mit den Schultern. „Na gut“, antwortete er. „Bezahlt ist bezahlt.“ Dann wandte er sich Sara zu. „And where are you from?“
„Mexiko“, antwortete Lucas für sie, wobei er ihr zuzwinkerte. Er wusste, wie sehr Sara dieses Land liebte.
„Europe“, gestand Sara, weil sich Alfredo mit der Lüge offensichtlich nicht zufriedengab.
Jetzt nickte er und ging los. Beide folgten ihm schweigend zu dem kleinen weißen Boot, das auf den Wellen tanzte.
Sie zogen ihre Badeschuhe aus und stiegen vorsichtig ein.
Dann fuhren sie los. Fort von der Bucht, begleitet von einem leichten Wind und der trägen Melodie von Alfredos fortwährenden Erklärungen: Hier war ein teures Hotel, da eine berühmte, spärlich bekleidete Schönheit am Strand, dort wurde ein Meditationszentrum gebaut. Er zeigte auf eine Marienstatue der Vírgen de Guadalupe mit ihrem dunklen Gesicht und Sternenmantel, die in einer Felsennische thronte. Alfredo bekreuzigte sich ehrfürchtig und murmelte hastig ein Gebet. Bald redete er eifrig weiter, von einem besonders noblen Hotel in Weiß.
Sara hörte kaum zu. Neben ihr schäumte der Pazifik, weiß-grau und mit fröhlicher Eindringlichkeit, als wollten sich die kleinen Wellen heimlich ins Boot und auf ihren Körper stürzen. Einige Fische durchdrangen das sonnenerleuchtete Blau. Das Boot zischte an Felsen vorbei, an einem Haus, das verfallen und einsam auf einem Berg stand, mit Blick auf das Meer.
Lucas sah sie an und lächelte. Er trug ein weißes, leicht zerknittertes, kurzärmeliges T-Shirt, aus dem seine muskulösen Arme ragten, und schwarze Badeshorts.
Sara erwiderte sein Lächeln. „Ich habe deinen neuen Roman gelesen. Ich fand ihn unglaublich faszinierend – aber warum mussten alle sterben? Ich habe zwei Stunden geheult.“
„Das tut mir leid!“, verkündete Lucas, bevor er verschmitzt hinzufügte: „Auch wenn ich in Wirklichkeit wollte, dass meine Leser weinen. Damit sie etwas gegen das Unrecht tun wollen, das geschieht. Dich persönlich wollte ich aber auf keinen Fall zum Weinen bringen.“
Sara lachte kurz auf.
„Und ich habe deine Gedichte gelesen!“, sagte Lucas.
„Wer ist gestorben?“, fragte Alfredo hastig, bevor sie zu dem wesentlich weniger interessanten Thema Frauengedichte übergehen würden.
„Alle Migranten aus Zentralamerika in seinem Roman“, antwortete Sara für ihn. „Die auf dem Weg durch Mexiko in die USA sind.“
„Ach die“, erwiderte Alfredo enttäuscht. „Die Migranten überfluten unser Land! Als ob wir mit unseren ständigen Hinrichtungen hier nicht schon genug Probleme hätten.“
Sara und Lucas sahen sich komplizenhaft an, obwohl Sara sonst bei diesem Thema oft die Tränen kamen. Denn viele der Migranten waren unterwegs unmenschlichen Gefahren ausgesetzt, fielen manchmal von dem rasenden Güterzug, auch das „Biest“ genannt, auf dem sie, aus Mangel an Geld, reisen mussten, wurden beraubt, vergewaltigt und nicht selten ermordet. „Danke, dass du meine Gedichte gelesen hast. Ich wusste gar nicht, dass du Deutsch kannst.“
„Nur ein bisschen. Dank des Goetheinstituts in Mexico City. Deine Gedichte haben mir sehr gut gefallen, selbst wenn ich nicht alles verstanden habe.“
Sara spürte den salzigen Wind auf ihren Wangen und auf ihrer Stirn. Sie hatte noch nie länger als ein paar Minuten mit Lucas allein verbracht.
„Es tut mir gut, das zu hören.“ Aus einem Impuls heraus gestand sie ihm: „Ich kann im Moment nämlich nicht mehr schreiben.“
„Natürlich kannst du das!“, versicherte ihr Lucas. Seine Augen leuchteten.
„Leider nicht“, widersprach Sara beinahe fröhlich. „Nichts Sinnvolles zumindest.“
Etwas verkrampfte sich in ihr. Zwei Farben flimmerten vor ihrem inneren Auge. Rot und Braun. Ihr Magen schien sich wie gestern – als sie keinen Appetit auf Fisch hatte – zusammenzuziehen. „Aber es macht natürlich nichts“, murmelte sie schnell. „Es gibt viel schlimmere Probleme auf dieser Welt. Das ist mir völlig bewusst. Leider war das Schreiben immer meine Art – wie soll ich es ausdrücken, – lebendig zu sein.“
Lucas beobachtete sie interessiert. „Sara, wenn ich dich sehe“, erklärte er vorsichtig, „dann sehe ich Licht. Ich weiß, dass es Schlimmeres gibt, aber alle unsere Probleme sind wichtig, wenn sie uns wehtun, meinst du nicht? Vielleicht bist du in einem Wandlungsprozess und kannst im Moment nicht schreiben, aber die Kraft dazu, dieses Leuchten in Gedichte zu verwandeln, hast du bestimmt nicht verloren.“
„Du siehst Licht?“, fragte sie erstaunt.
„Licht“, bestätigte Lucas. Er schien nun verlegen zu sein und nickte nur kurz. „Ich habe auch sehr an mir gezweifelt. An mir und an meinem Weg. Aber dann habe ich …“
„Dir hat Petra geholfen, oder?“, unterbrach ihn Sara. Sie kannte Lucas zwar persönlich kaum, aber dafür seine Geschichte.
„Petra? Womit denn?“
„Mit der Todesübung?“
„Ah“, Lucas fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Die Todesübung, ja. Die meinte ich nun aber nicht. Ich habe irgendwann begriffen, dass Selbstzweifel Zeitverschwendung sind. Ich weiß nicht, ob das in allen Bereichen so ist, aber bestimmt in vielen. Nehmen wir einmal dein Schreiben. Liebst du es?“
Saras Augen öffneten sich weit. „Natürlich“, erwiderte sie leise.
„Dann schreib, denn es ist dein Licht. Und wenn es gerade nicht geht, dann bist du vielleicht auf einem inneren Weg, um das Licht zu verstärken. In dir und in der Welt.“
Saras Augen füllten sich mit Tränen. „Bist du immer so weise?“
Er lachte auf und sah sie liebevoll an.
„Ich bin nur vom Meer und der Sonne inspiriert. Frag Petra. Normalerweise bin ich die Anti-Weisheit in Person. Der Mann, der außer ein bisschen Schreiben nichts kann.“
Es war heiß. Um sie herum war nur noch das Meer zu sehen. Das Palmen gesäumte Ufer lag in weiter Ferne.
„Wollt ihr jetzt schnorcheln?“, fragte Alfredo.
Sara und Lucas blickten sich an, beide gehüllt in einen Zauber plötzlicher Nähe.
„Ja“, antworteten sie beide gleichzeitig. „Gerne.“
Alfredo nickte und nuschelte etwas, bevor er mit unerwarteter Schnelligkeit losfuhr. Das Boot parallel zum Horizont, stachen sie durch das Meer, wieder schweigend, während sie spürten, wie der warme Wind über ihr Gesicht und durch ihre Haare strich.
Kurz vor einer kleinen Bucht mit feinem Sandstrand, stoppte Alfredo das Boot.
„Das ist der Strand der Liebenden“, erklärte er grinsend. „Hier kommen oft frisch verheiratete Paare her. Oder solche, die schon zu lange verheiratet sind.“
Lucas senkte den Blick. Sara wurde rot.
„Zu welchen gehört ihr?“, fragte Alfredo und lachte laut über seinen vermutlich eingeübten, oft wiederholten Scherz.
Sie antworteten nicht.
Lucas richtete sich auf und begann, sein weißes T-Shirt auszuziehen. Sara starrte ihn verstohlen an, den kräftigen Oberkörper mit hellbraun glänzender Haut. „Wo sind die Schnorchel?“, fragte er Alfredo.
Zu Saras Überraschung hielt ihm der Bootsmann sogleich alles beflissen hin: zwei Plastikschnorchel, zwei Taucherbrillen – eine in Grün, die andere in Schwarz – und zwei Paar schwarz-graue Plastikflossen.
Lucas wirkte plötzlich aufgeregt wie ein kleiner Junge. „Bist du fertig?“
„Ja“, flüsterte Sara und begann, sich ihr schwarzes Kleid über den Kopf zu ziehen. Sie bemerkte, dass Lucas sie betont nicht und Alfredo sie eifrig beobachtete.
Alfredo wünschte ihnen, erneut grinsend, „Viel Spaß“, und sie sprangen zu den Fischen und Korallen ins Wasser.
Der Felsen der Bucht warf einen dichten Schatten über das Meer. Dennoch konnte Sara vielfarbige Fische erkennen, die wild und bedächtig um sie glitten, manche hellrot mit tiefschwarzen Punkten, andere mit schwarz-weißem Zebramuster. Ein länglicher, silbrig glänzender Fisch schwamm vorbei.
Sie drangen durchs Wasser, Lucas und sie.
Die Unterwasserwelt verzauberte Sara sowie Lucas’ Worte, die weiter in ihr nachhallten. Natürlich liebte sie das Schreiben. Was für eine Frage! Sie wollte damit … das Leben in Worten feiern! Das Bunte und Zauberhafte benennen, das sie in den Ritzen der Dunkelheit und hier auf dem Meeresgrund fand.
Aber durfte man das?
Ein Bild tauchte in ihr auf, von einem weiteren Drogenopfer, dem Mann, der gestern tot aufgefunden worden war. Er war der Grund gewesen, weshalb sie den Fisch nicht gegessen hatte. Plötzlich sah sie ihn zerstückelt in einer Kiste liegen, warum wusste sie nicht. Sara hörte in ihrem Inneren vertraute Stimmen – als kämen sie von ihrer Mutter, ihrem Vater, anderen Verwandten – die um diesen Toten trauerten. Ein Mensch, der sein Leben sinnlos verloren hatte.
Saras Körper verkrampfte sich. Was war nun geschehen? Das Meer schien sie zu bedrohen und gleichzeitig zu flüstern, von Wachstum und Neuanfang.
Eine schwarze Plastikflosse erschien neben ihr im Blau.
Sie zuckte zusammen und tauchte erschrocken auf.
Alfredo hatte sie vom Boot aus hineingesteckt.
„Die Zeit ist um“, erklärte er.
So schnell?
„Gracias“, antwortete Sara und tauchte noch einmal ins Wasser hinein.
Sie sah Lucas von Weitem in einem tief ins Wasser eingefallenen Sonnenstrahl leuchten.
Sara schwamm auf ihn zu. Sie war schon nahe bei ihm, als er sie bemerkte. Sie hatte ihn gar nicht gefragt, wie er sich fühlte, wie es ihm in seinem Leben ging.
Er sah sie an. Fragend. Hoffnungsvoll. Liebevoll.
„Wir müssen zurück“, murmelte sie hinter der Taucherbrille, verwirrt von seinem Blick, dem Flüstern im Meer.
Aber er verstand sie natürlich nicht. Erst als sie nach oben deutete, begriff Lucas, und sie glitten nebeneinander durch das Wasser hinauf zum Boot.
„Lucas“, sagte Sara, als sie dort ankamen. „Entschuldige. Ich habe dich vorhin gar nicht gefragt, wie es dir so geht in deinem Leben. Und allgemein!“
Er blickte sie erstaunt, aber dankbar an.
„Mir geht es gut. Meistens. Ich liebe mein Schreiben. Nur manchmal fällt mir der Rest ein wenig schwer.“
Seine Augen funkelten fröhlich, und Sara lachte auf. Auch wenn sie ab jetzt schwiegen, setzten sie sich wie Komplizen, die beide mit dem Dasein kämpften, ins Boot.
Alfredo hatte es jetzt offensichtlich eilig. Er beschleunigte das Tempo und steuerte bald wieder auf das Ufer zu.
Etwas war geschehen. Etwas hatte sich zwischen Sara und Lucas ereignet. Er hatte etwas in ihr ausgelöst, ihr etwas geschenkt. Sie verspürte eine Leichtigkeit unter der Haut. Als wäre alles, was in ihr steckte – in ihren Gedanken und in ihrem Körper – insgeheim richtig und gut.
Doch während sie sich dem Strand näherten, machte Sara sich bewusst, welche Rollen sie innehatten. Lucas war der Freund ihres Mannes, sie die Frau von Max. Selbst die Poren auf ihrer immer noch beinahe nackten Haut schienen sich zusammenzuziehen, vielleicht, weil sie in dem kühler werdenden Wind fror, vielleicht, um den Körper des anderen auszusperren.
Als sie aus dem Boot ausstiegen, mit nackten Füßen im Wasser, lächelte Lucas noch einmal, und sie fuhren zu den anderen zurück, die in den Bungalows geblieben waren. Der Gedanke an ihn blieb beständig in ihr.
Obwohl es fast Mitternacht war, machte sich Sara am selben Abend in der kleinen Küche ihres Bungalows einen Kaffee, als er sie an der linken Schulter berührte.
„Fuck violence“, rief ein Betrunkener mit spanischem Akzent von der Straße. „Viva México!“, jaulte ein weiterer Trinker zurück, obwohl es noch zu früh für den Unabhängigkeitstag war.
„Haltet den Mund“, brüllte Petra von unten am Pool. Alle hatten sich wieder von der Vergiftung erholt. Sara hörte ihre eigenen beiden Jungen fröhlich aufkreischen. Das Babyfon, mit dem sie Petras und Lucas’ Zwillinge überwachte, rauschte im Hintergrund.
Er malte mit seinem Finger einen Kreis auf ihre nackte Haut, ein O, das in ihr nachpulsierte. Sara fuhr unmerklich zusammen. Plötzlich hautumspanntes Licht. Vielleicht war es nur Max. Aber er lachte gerade unten am Pool – mit leicht betrunkener Fröhlichkeit – über Petras Reaktion.
Lucas zog seinen Finger zurück, und Sara wandte ihren Kopf nach ihm um. Seine Hand, sein Arm, sank langsam zu ihrer Hüfte herab. Sara spürte einen Windstoß auf dem Gesicht. Eine aufgeregte Schläfrigkeit.
Es war nur ein Zusammentreffen von zwei Zentimetern hellerer und dunklerer Haut.
Sie hätte jetzt eine freundliche, belanglose Bemerkung machen können. Eine der einfältigen Fragen, die jeden Zauber zerstörten. Sie hätte lächeln und ihn fragen sollen: „Willst du auch einen Kaffee?“ „Habt ihr unten Spaß?“ Aber sie tat es nicht. Sie schwieg und schaute ihn an.
„Warum kommst du nicht zu uns?“, brach er schließlich das Schweigen. Die Stimme rau und voller Atem. „Das Meer ist wild heute und sieht in der Dunkelheit wunderschön aus.“
Der Kaffee zischte im Hintergrund, lief rasend aus dem Espressokocher in die kleine weiße Tasse hinein.
Erleichtert griff sie danach. Sie deutete auf das Babyfon in der Ecke. „Ich habe Petra versprochen, auf die Zwillinge aufzupassen“, erklärte sie, ihre Stimme beinahe ruhig. Sie war stolz darauf.
Lucas atmete ein und wollte vermutlich sagen, dass sie das Babyfon einfach mit nach unten nehmen konnten. Womöglich wusste er, dass Petra sie ohnehin nur darum gebeten hatte, weil Sara ihr nach ihrer Ankunft erzählt hatte, dass sie müde war und am Abend lieber in ihrem Bungalow bleiben wollte.
Aber er hielt inne. „Danke“, sagte er nur.
„Gerne.“
Lucas trat auf den Kühlschrank zu. Er wankte und schien leicht zu zittern. „Ich nehme mir noch ein Bier.“ Als er schon an der Tür stand, fragte er: „Werden wir morgen gemeinsam frühstücken?“
Mit „gemeinsam“ hatte er alle gemeint. Sein Leben – Petra und die Zwillinge ‒ und ihres mit Max und den beiden Söhnen waren intakt und fast nicht ins Wanken gebracht worden.
Etwas später lag Sara in ihrem Zimmer und konnte nicht schlafen. Es waren noch die Gedanken an Lucas und zu viel Koffein in ihr. Durch das geöffnete Fenster fielen das Mondlicht und kühle Luft, untermalt vom gleichmäßigen Rauschen des Meeres. Max lag neben ihr und schlief. Sara strich über sein dunkles, gewelltes Haar. Sie fuhr mit dem Zeigefinger seinen Arm entlang, starrte auf die Konstellationen der Muttermale auf seiner Haut. Max’ Lider zitterten in einem Traum. Aus dem Nebenzimmer hörte sie, wie ihre Söhne im Schlaf atmeten.
Sara sah an ihrem Körper herab, der ausgestreckt auf dem Bett lag, braun gebrannt, schlank, in dem dünnen Stoff ihres Seidennachthemds. Sie setzte sich auf und betrachtete ihre langen, dunklen Haare im Wandspiegel, die in der nur vom Mond erleuchteten Nacht noch dunkler erschienen. Ihre Augen waren blau-grün wie die von Lucas.
Aber sie leuchteten nicht wie seine. Sie strahlten nicht die Kraft aus, die er in seinem Leben gefunden hatte. Sara zog vorm Spiegel eine traurige Grimasse. Lucas hatte auf dem Boot gesagt, er sehe in ihr ein Licht. Sie hatte den Gedanken seitdem nicht abschütteln können, obwohl sie ihn nicht verstand.
Ihr Körper müsste dafür eine Kerze, eine Fackel sein.
Sara legte sich leise wieder ins Bett, um Max nicht zu wecken.
Jetzt hatte Lucas sie berührt. War das ein Betrug? Der erste Schritt auf einem Weg, auf dem auch sie – wie so viele vor ihr – einem anderen Menschen Leid zufügen würde?
Max seufzte im Schlaf, als würde er ihre Gedanken hören. Sara wurde kalt. Hastig stand sie auf und schloss das Fenster. Dann kroch sie zurück ins Bett. Sie schmiegte sich an Max und saugte seine Wärme wie eine tröstende Warnung ein.
Als Sara am nächsten Morgen mit ihren Söhnen Esteban und Fabián an der Hand aus der Tortillería zurückkam, saßen die anderen bereits auf dem Balkon vor einem Frühstück, das aus Spiegeleiern mit scharfer Tomatensauce, Bohnen und Kaktusgemüse bestand.
Der Balkon war blau gestrichen und bot einen Panoramablick auf die Boote, den Strand und das Meer. Max und Lucas hatten mit dem Essen noch nicht begonnen. Vielleicht wollten sie auf sie warten, bis sie zurückgekommen waren. Petra und die Zwillinge Andromache und Lucio sahen sie an, alle drei mit dem gleichen eindringlichen Blick.
Die Jungen rasten los, umarmten die Zwillinge, streichelten sie, zogen fröhliche Grimassen, in ihrer Begeisterung für die „Babys“. Sara nahm verkrampft die Reaktion der Zwillinge wahr, Lucios Schritte zurück, Andromaches schmollenden Mund. Wie sehr sie dieser Trotz, diese Distanz an Petra erinnerte!
Sie legte die frischen Tortillas auf den Tisch.
Sara brauchte ein paar Sekunden, bis ihr Körper die Erinnerung an Lucas’ Berührung zurückgedrängt hatte und sie endlich, wenn auch noch mit angespannten Schultern, „buenos días“ murmeln und Max auf beide Wangen küssen konnte.
„Sarita“, rief Max und schob seine Brille zurecht.
Max. Sara studierte seine herrlich dunkle Gesichtsfarbe, die haselnussförmigen Augen, die absichtlich nachlässig rasierte Kinnpartie und empfand, zu ihrer Erleichterung, Wärme. „Entschuldige, dass die anderen schon angefangen haben. Wir haben es heute eilig, ich sag dir gleich, warum.“ Er legte seinen Zeigefinger kurz auf ihr rechtes Augenlid, dann beugte er seinen Kopf in Richtung der Gäste, als wolle er sie daran erinnern, dass Sara sie noch nicht richtig begrüßt hatte.
Sara trat auf Petra zu, die sie von ihrem breiten Stuhl aus mit zusammengekniffenen Lippen und hochgezogenen Augenbrauen beobachtet hatte.
Sara küsste sie auf die rechte Wange. „Hallo.“
Petra nickte Sara wohlwollend zu. „Hallo, hallo! Na, wie geht es dir denn heute, Sara?“, fragte sie besorgt, als sei sie eine ihrer Patientinnen. „Bist du immer noch so müde?“
„Es geht mir gut. Und heute fühle ich mich ausgeschlafen“, log Sara, wobei sie sich ein Lächeln abrang. „Und wie geht es dir?“
„Bestens. Ich liebe Manzanillo. Und wir hatten es so lustig gestern! Schade, dass du nicht zu uns gekommen bist!“
„Es tut mir leid.“ Saras Blick wanderte zum Boden, blieb an den braunen, leicht angeschlagenen Fliesen hängen. „Aber bestimmt haben wir heute einen schönen gemeinsamen Tag.“
„Das hoffe ich. Darf ich mir schon eine von den frischen Tortillas nehmen?“, hörte Sara Petra fragen, als sie auf Lucas zuschritt, der sich erhob und plötzlich in seiner vollen Größe vor ihr stand.
Auch sie küssten sich kurz auf die Wange, aber seine Lippen berührten kaum ihre Haut. Statt einander fest zu umarmen, wie es unter Freunden üblich gewesen wäre, näherten sie sich einander nur kurz, fahrig, drückten sich nicht, ließen sich viel zu schnell wieder los.
„Hallo“, sagte sie.
„Hallo“, antwortete er.
Saras Stirn fühlte sich enger an; ihre Brust weit. Lucas sah müde aus. Bestimmt hatte er gestern zu viel getrunken.
Sara setzte sich und schloss eine Sekunde lang die Augen. Dann stellte Max, der inzwischen aufgestanden war, einen Teller vor sie und brachte zwei Plastikteller mit Eiern und Bohnen für die Jungen, die immer noch mit den Zwillingen Baby zu spielen versuchten.
Petra trat auf die vier Kinder zu und zog die Zwillinge, die langsam Vertrauen zu fassen schienen, von Esteban und Fabián fort, um sie zu füttern.
„Esteban! Fabián! Setzt euch jetzt bitte und esst euer Frühstück”, rief auch Sara.
Die Jungen sahen auf, kamen ohne Protest zum Tisch, griffen nach den warmen Maisfladen, die ihnen Sara reichte, und bissen hinein.
Sara zerteilte ihr Ei. Sie tauchte eine Tortilla in den warmen, orangefarbenen Dotter. Auch Lucas begann nun endlich zu essen. Sara biss in ihre Tortilla. Sie liebte den Geschmack von Mais, herb und trocken, mit einem Versprechen nach Süße, das sich nie wirklich erfüllte und dadurch immer erhalten blieb.
Die anderen sprachen über die Feier am nächsten Tag, den Grito de la Independencia, den berühmten „Schrei der mexikanischen Unabhängigkeit“, am 15. September. Es war ein großes Fest, bei dem mit „Viva“-Rufen der Nationalhelden, die an den Freiheitskämpfen beteiligt gewesen waren und ursprünglich auch der Vírgen de Guadalupe, gedacht wurde.
„Ich kann mich noch erinnern, als Mexico City am gefährlichsten war, und die Provinz ein Paradies. Ha!“ Petra lachte theatralisch auf. „Und jetzt? Jetzt sind wir nicht einmal in unserem heiligen Colima mehr sicher. Gegen all diese merde – entschuldigt mich bitte – brauchen wir wenigstens ein Unabhängigkeitsfest. Als Erinnerung daran, dass auch die tragischsten Phasen unseres Landes wieder vorbeigegangen sind!“
Saras Nacken versteifte sich, und sie verspürte eine leichte Übelkeit. Besorgt sah sie Esteban an. In letzter Zeit hatte er oft über Albträume geklagt. Aber er aß konzentriert sein Frühstück und schien gar nicht zuzuhören. Dann wanderte ihr Blick zu Petra, ihren dunklen Brauen, den hellbraunen Augen mit dem eindringlichen Blick, dem ebenmäßigen Gesicht. Geheimnislos, aber kräftig. Sie war groß, ein bisschen rundlich und hatte etwas von einer profanen Göttin der Weiblichkeit, der Fruchtbarkeit, des Wissens. Vielleicht nicht Weisheit, aber Wissen.
„Franco findet unser freudiges Rufen zu Ehren der sogenannten Unabhängigkeit lächerlich. Wir sind in einem unmenschlichen System gefangen“, erklärte Max.
„Typisch Herr Zeitungsmagnat“, erwiderte Petra. Und obwohl sie selbst am meisten von der merde des Landes gesprochen hatte, fügte sie hinzu: „Ich kann dieses negative Blabla nicht mehr ertragen. Francos Vision von Mexiko ist nicht anders als die, die sie uns immer in Paris präsentiert haben, alles Gewalt, alles schlecht. Und natürlich so, als hätten unsere mexikanischen Probleme nichts mit ihnen zu tun. Als sei Europa kein Teil dieser Welt, sondern ein eigener Planet, der nicht zufällig, gemeinsam mit den USA, auch noch Komplize vieler unserer Tragödien war und noch heute ist. Wie siehst du das, Madame aus dem deutschsprachigen Raum?“
Sara war zu müde, um auf Petras Argumente einzugehen. Hinrichtungen, Geköpfte, zahllose Tote, vor allem – aber nicht nur – unter denen, die in die Drogenkartelle verstrickt waren. Die Nachrichten berichteten von unvorstellbaren Grausamkeiten. Wie die Geschichten aus dem Weltkrieg, die ihr ihre Großmutter erzählt hatte; selbst noch aus der Zeit danach.
„Ich bin doch die Erste, die Mexiko liebt und verteidigt.“ Saras Stimme klang lauter als beabsichtigt.
Esteban wurde die Diskussion der Erwachsenen zu viel. Er warf lachend eine warme Tortilla in Fabiáns Gesicht.
Saras kleines Ebenbild kreischte auf, halb fröhlich, halb erschrocken, riss sich die Tortilla vom Gesicht und feuerte sie, seinen Bruder verfehlend, auf eine ausgetrocknete Bougainvillea, die in der Ecke stand.
Sofort warf Petra Sara einen vorwurfsvollen Blick zu. „Brave Kinder werfen nicht mit Essen“, ermahnte sie die Jungen, die jetzt beide lachten und gierig auf den Rest ihrer Spiegeleier starrten, um sie mental auf ihr Wurfpotenzial zu testen.
Petra schüttelte den Kopf. Ihr Blick streifte selbstgefällig die Zwillinge, die brav in ihren Kinderstühlen saßen und kauten.
Max blickte von seinen Kindern zu Petra, zurück zu seinen Kindern und lachte. Seine Augen zeigten dasselbe verschmitzte Funkeln, in das sich Sara damals verliebt hatte. Petras Kommentare hatten ihn noch nie aus der Ruhe gebracht. Er legte eine Sekunde lang seine Hand auf Saras Oberschenkel und küsste sie auf die Wange.
„Und du sagst dazu gar nichts?“, fragte Petra Sara nun mit unterdrückter Wut in der Stimme.
Ihre Jungen wandten sich erwartungsvoll zu ihr.
Sara sah Petra mit einer Mischung aus Verwunderung und Befremden an.
„Du hast ja schon für sie gesprochen“, warf Lucas ein und starrte Petra, zu Saras großer Erleichterung, herausfordernd an. „Was soll sie denn noch sagen?“
Petra schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen spielerisch gen Himmel.
„Ich liebe es, wenn Monsieur Schriftsteller mich in der Öffentlichkeit kritisiert“, flötete sie.
„Genug jetzt“, bat Max.
Aus einer stillen Solidarität ihrer Mutter gegenüber, gaben Esteban und Fabián den Wunsch auf, noch weiter zu werfen, und begannen nun eifrig damit, ihr Frühstück aufzuessen.
„Andere Länder“, begann Petra und lächelte nun demonstrativ freundlich, „andere Sitten.“
„Franco kommt heute“, wechselte Max das Thema. Lucas blickte eine Sekunde lang zu Sara, bevor er wieder wegsah. Er griff nach einer Zeitung, die vor ihm auf dem Tisch lag.
Saras Augen blieben an Lucas hängen. Er hatte ihr Schulterblatt nur kurz berührt. Das war alles gewesen. Sie wandte sich wieder von ihm ab. Die Welt war auch ohne ihn interessant.
„Franco?“, fragte sie. „Kommt er extra aus Mexico City? Oder war er gerade in der Gegend?“
„Aus Mexico City“, erwiderte Max. „Aber er kommt nur kurz, er möchte Lucas und mich allein sehen. Er hat ein Buchprojekt, über das er mit uns sprechen will.“
Eine Stunde später war Franco bereits da. Er war der dritte im Freundestrio: Franco, Lucas, Max. Er trat auf den Balkon, klein, blass, mit wilden Stoppeln auf geröteter Haut. Er war dünn geworden. Dennoch hielt er sich wie immer aufrecht, mit seinem perfekt gebügelten, hellblauen Hemd und seinen eleganten beigen Shorts.
Alle außer Esteban und Fabián, die nun in einer Ecke mit Autos und Puppen spielten, denen Arme, Beine und sogar Köpfe fehlten, traten auf ihn zu. Petra und Lucas mit jeweils einem Zwilling auf dem Arm.
Franco blinzelte Sara mit seinem sarkastischen Blick an. Er wirkte müder als sonst.
„Sara, poetische Schönheit“, rief er aus, als er sie auf die Wange küsste und an sich drückte. „Wenn ich daran denke, dass ich einmal gegen die europäischen Ambitionen dieses malinchistas war.“
Er stieß dabei Max spielerisch in den Bauch. Sara lächelte höflich über diesen schlechten Scherz. Sie mochte das Wort malinchista nicht und weniger noch, wenn es dafür verwendet wurde, um ihren Ehemann zu charakterisieren.
„Was ist denn ein machinchista?“, fragte Esteban aufmerksam, der nun gerade mit seinem Bruder ein Wettrennen mit den amputierten Puppen veranstaltete.
Sara lächelte. So klang es eher nach einer Affenart.
„Ein Mexikaner, der alles Ausländische dem eigenen Land vorzieht“, erklärte Petra. „Ein sexistischer und ausländerfeindlicher Ausdruck, meiner Meinung nach. Er spielt auf die Malinche an, eine indigene Frau, die sich in den Kolonialherren Cortés verlie… “
„Und da ist dann natürlich auch noch Petra, die große Psychologin!“, unterbrach Franco sie und verteilte weitere Küsse auf ihre Wangen. „Sexistisch und ausländerfeindlich bin ich also. Lass mich für die Nachwelt aufschreiben, wie freundlich du einmal wieder zu mir warst. Wie lange bleibt ihr hier?“
„Hallo Franco“, murmelte Petra trocken. „Wir bleiben noch bis nach dem Unabhängigkeitstag.“
Franco nickte und deutete auf die Jungen, die nun zu einem Wettwerfen mit den Puppen übergegangen waren. „Selbst die Kleinen spielen schon Mexiko heute. Gewalt statt Gehalt.“ Dann richtete er sich wieder an Petra: „Wie geht es deinen Therapie-Opfern und meinem Lieblingsopfer Lucas?“
Franco spielte wieder einmal auf die offizielle Liebesgeschichte zwischen Lucas und Petra an. Darauf, dass Lucas einmal kurz in Paris Petras Patient gewesen war, er sich aber angeblich gleich nach der ersten Sitzung und der berühmten „Todesübung“ für eine Karriere als Schriftsteller – und nicht als Anwalt – entschieden hatte.
„Deinem Lieblingspatienten geht es gut“, entgegnete Lucas und strahlte Franco an.
„Und deinem neuen Roman? Deinen schreibenden Migranten?“
„Ebenfalls gut“, sagte Lucas. „Das heißt, den Migranten natürlich nicht wirklich …“
Was für eine Beschönigung, dachte Sara. Vielleicht konnte man das eine Leid nicht gegen ein anderes abwägen, und doch waren die Geschichten dieser getriebenen Menschen, die vor Zerstörung fliehend oft in neuer Zerstörung landeten, wie ein moderner Holocaust. In keinem anderen Sinne vielleicht, als dass Menschen einander blind hassten und sich unbeschreibliche Grausamkeiten antaten.
„Reden wir später darüber!“ Franco zwinkerte den Zwillingen zu und zwickte ihnen in die Wange, worauf Petra – viel heftiger noch als ihre Kinder – das Gesicht verzog. „Gehen wir los!“
Gleich darauf ging Max, mit einem Kuss auf Saras Wange, ging Lucas, mit einem Kuss auf Petras Wange, ging Franco, mit einem letzten, erschöpften Zwinkern. Und die drei Freunde fuhren in Francos weißem Mietauto davon.
Sobald die Männer fort waren, sagte Petra: „Sara, gehen wir schwimmen! Treffpunkt in 15 Minuten am Pool!“, und verschwand, mit einem Zwilling auf jeder Hüfte, in ihrem für ein paar Tage gemieteten Bungalow.
Sara setzte sich auf die Couch im kleinen Wohnzimmer, das zwischen dem Balkon und der Küche lag.
Sie schloss die Augen und ließ sich Sekunden lang nach hinten in die Sofakissen fallen. Sie atmete langsam aus und wieder ein. Sie lächelte über ihre Nacht, in der sie kein Auge zugetan hatte, weil Lucas sie an der Schulter berührt hatte. Wie gut sie darin war, ein Drama aus mehr oder weniger gar nichts zu machen! Hatte sie tatsächlich gedacht, dass ein unsichtbares O, das ein beschwipster Lucas ihr auf die Haut gezeichnet hatte, der Anfang einer Affäre sei?
Zum Glück hatte er es nur aus Versehen gemacht. Vielleicht hatte auch er auf dem Boot eine Verbundenheit gespürt, die er auf diese Art zum Ausdruck bringen wollte.
„Estéban, Fabían, auf mit euch“, rief sie mit einer Fröhlichkeit, die sie nicht empfand. „Es ist Zeit, die Autos und armen Puppen aufzuräumen.“
Die Jungen liefen zu ihr, umarmten sie und taten unerwartet widerstandslos, worum Sara sie gebeten hatte. Sie kicherten über die „armen Puppen“, die sie in einer Schrankecke ihres Schlafzimmers, wohl eine Hinterlassenschaft ihrer Vormieter, gefunden hatten.
Sara stellte die schmutzigen Frühstücksteller in die Spüle und packte Badetücher, Getränke und Äpfel in eine blaue Tasche. In ihrem Schlafzimmer zog sie sich schnell aus und betrachtete ihren nackten Körper im Spiegel. Das Wort „Lucas“ flitzte durch ihre Gedanken, und sie wandte sich hastig ab und schlüpfte in einen schwarzen Bikini, über den sie ein weißes Kleid zog. Vor ihr wiegten sich die Palmen im Wind; in ihren knisternden Blättern hatte sich ein Lichtstrahl verfangen. Sie seufzte und schaltete das Radio ein. Es ertönten die letzten Klänge einer leidenschaftlichen Liebeserklärung untermalt von Blasmusik. Dann kamen die Nachrichten.
„Die Leichen drei toter Männer wurden heute Morgen im Barrio von San Pedrito aufgefunden. Es handelte sich vermutlich um einen weiteren Fall der …“
Sara schaltete das Radio wieder aus. Sie ließ sich noch einmal auf das Sofa fallen. Sie musste jeden Moment zu dem Treffen mit Petra aufbrechen. Doch sie fühlte sich mit einem Mal zu schwach.
Sie war schon wie eine frustrierte Hausfrau aus einem Roman, wie zum Beispiel Edna Pontellier in Kate Chopins Das Erwachen, die eine Mischung aus Langeweile und Existenzangst zunächst in den Ehebruch und dann in den Selbstmord trieb. Sie musste endlich wieder mit dem Schreiben beginnen, wieder sie selbst sein, und sich aus diesem seltsamen Dahinschweben zwischen ihrer freudigen Besessenheitmit Lucas und ihrer traurigen Besessenheit von der Gewalt zu befreien, die in Mexiko an der Tagesordnung war.
Sara sah auf die Uhr. Sie war bereits zu spät dran.
Innerhalb weniger Minuten gab sie Esteban eine rote Badehose und zog dem protestierenden Fabián seine Shorts an, bevor sie die beiden eincremte. Dann fuhren sie gemeinsam zu dem kleinen, mit Palmen- und Bougainvilleas geschmückten Garten vor dem Strand hinunter, in dem das Schwimmbad lag.
Petra war noch nicht da. Sara empfand sofort eine tiefe Erleichterung, als hätte sie sich vor einem größeren Unheil gerettet als einer genervt mit den Achseln zuckenden Petra. Sie hatte die Zeitangabe zu ernstgenommen. Sie lächelte, dass ihr das immer noch geschah, nach mehr als sechs Jahren in Mexiko.
Sie setzte sich an den Rand des großen, türkisfarben gekachelten Pools, blies schnell Fabiáns Schwimmflügel auf, steckte einen auf jeden Arm. Die Jungen sprangen kreischend ins Wasser, spritzten sich nass und lachten. Sara nahm einen rot-blauen Wasserball und warf ihn den Kleinen zu.
Sie spielten sogleich eifrig damit, und Sara blickte über das Schwimmbad hinweg auf das blau-graue Meer, auf die sanften Wellen, die sich erschöpft am Strand brachen. Sie hob den Kopf und beobachtete die Vogelschwärme am Himmel, kleine Raben, Möwen und die düsteren Bussarde, die immer – wie kreisende Götter – Zerstörung und Wiedergeburt ans Firmament zu schreiben schienen. Auch darüber könnte sie eines Tages ein Gedicht verfassen. Über versteckte Freudenbotschaften, die die Welt den Menschen überbrachte.
Sara drückte ihre Zähne fest aufeinander. So etwas würde wohl niemand lesen wollen.
Petra kam, in einem sportlichen Badeanzug, mit perfekt eingecremten Zwillingen in Schwimmwindeln – rosa für Andromache und blau für Lucio –, die sie auf ihren breiten Hüften platziert hatte.
