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Hannah versucht nach einer schweren Enttäuschung das Leben neu in den Griff zu bekommen. Sie wagt einen radikalen Schritt und begibt sich auf eine Reise ohne Rückfahrkarte. Alte und neue Gespenster lagern am Wegesrand und bewirken immer wieder überraschende Wendungen. Überaus sinnlich werden die Gerüche und der Lebensstil Neapels heraufbeschworen, die Eigenarten der Menschen und deren Gefühle. Ein mitreißender Roman über Weggehen und Ankommen, über Freundschaft, Liebe, Zweifel, über Verrat und Neapel. Eine Geschichte wie ein Espresso: stark, intensiv – und geht runter wie Öl.
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Seitenzahl: 369
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Impressum
Lebensgeister
Valerie Travaglini
Copyright: © 2014 Valerie Travaglini
Fotonachweis Titelbild: Waltraud Travaglini-Konzett
Published by: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
ISBN 978-3-7375-1085-1
danke
Gert in Berlin, meinem begeisterten Erstleser
Bernadette und Horst in Wien fürs Erstlektorat
Mario, Yuri und Federica, für das gemeinsame durchforsten der Schauplätze in Neapel
Patricia Hesselaar für das Endlektorat
danke allen, die mein Leben mit ihrer Freundschaft, Unterstützung, Hilfe und Aufmunterung bereichern
Elena-Maria, Samuel und Sandrina, Paul ind Jonah
meine Lieben
alles kann schlussendlich
den Ausschlag geben
eine Kleinigkeit
eine Mittelmäßigkeit
eine Lächerlichkeit
eine Eindeutigkeit
eine Zweideutigkeit
eine Niederträchtigkeit
eine Unmenschlichkeit
eine Zweisamkeit
Einsamkeit
Aufbruch
Bekanntschaft
Duft nach Patchouli
Nacht in der Via Garibaldi
Unterm Wäschehimmel
Mysteriöser Zettel
In sospeso
Treppe im Inneren
Neugierige Ungeduld
Libreria Zaffarelli
Salvos Rettung
Sophie
Verirrungen
Das andere Gesicht
Sophies Entscheidung
Efeu im Kopf
Kleiner Zwischenfall
Unerwarteter Anruf
Schmerzliche Erkenntnis
Zwei Quadratmeter Traum
Hausrat
Prophezeiung
Lebensbeichte
Schatten der Vergangenheit
Polizeibesuch
Unter den Augen des Engels
Vorahnung
Feuer
Banges Warten
Genug von Ziegen und Schafen
Lügengebäude
Depression
Signore Zaffarellis Buch
Letzte Ruhe
Wohltat
Über den Buchrand hinweg sah sie die Landschaft vorbeiflitzen. Es gelang ihr nicht, sich zu konzentrieren und jede Seite erschien ihr wie eine Anhäufung sinnlos aneinander gereihter Buchstaben ohne jeglichen Zusammenhang. Ihre Gedanken schweiften beharrlich ab, in die zurückgelassene Vergangenheit und in die ungewisse Zukunft. Sie sah der Landschaft zu, wie sie sich veränderte. Die Architektur, die Vegetation. Sogar die Ortschaften hatten immer schöner klingende Namen, je weiter man nach Süden reiste. Sie tastete nach ihrer Fahrkarte. Ja! Es war alles da!
Sie ließ die Berge hinter sich und sauste durch die Ebene, auf einen unverschämt weiten Horizont zu. Sie verglich ungewollt die Gegend mit der, in der sie groß geworden war und die meiste Zeit ihres Lebens verbracht hatte. Ihr Dorf, eine Tausend-Seelen-Gemeinde, lag in einem Gebirgstal in der gnadenlosen Umklammerung schroffer Felswände, von denen ohne Unterlass Wasser stürzte. Grimmige Regenwolken entluden sich beim Aufprall an den Felsen, was bewirkte, dass es tagelang nicht mehr aufhörte zu regnen. Die ganzen Wintermonate hindurch gelang es keinem Sonnenstrahl, über die mächtigen Felsen ins Tal vorzudringen. Schneefelder bedeckten beharrlich die Gipfel der Berge, um bis in den Frühsommer hinein nicht mehr zu schmelzen. Zwischen den Tannen, die das Landschaftsbild der Gegend prägten, waren vereinzelt Holzhäuser sichtbar. Relikte aus der Vergangenheit, in der ausschließlich das bäuerliche Leben das Dasein bestimmte. Sie dachte sich immer, wenn sie diese Häuser sah, dass früher für die Menschen obwohl oder gerade weil der Tagesablauf nur von der Sorge beherrscht war, das Überleben der Familie und des Viehs zu sichern, das Leben noch einfacher gewesen sein müsste. Es blieb nicht viel Energie für die Dinge, die dem heutigen Menschen das Leben schwer machten. Das Zeitalter, in dem sich alle nur noch über das Haben definierten und das Sein vergaßen, war über die Menschheit hereingebrochen wie eine wütende Welle. Sie bildete auch keine Ausnahme, schlug sich täglich mit der Technik von Handys, Fernbedienungen und Notebooks herum, nervös und entnervt, wenn etwas nicht funktionierte. Man musste sich alle möglichen und unmöglichen Codes und Pins merken und kam in Schwierigkeiten, wenn man die Sozialversicherungsnummer in den Bankomaten eintippte oder einem beim Zahlen im Supermarkt der Code der Bankomatkarte gar nicht mehr einfiel. Selbst in der einzigen Bar im Dorf, in der sie gearbeitet hatte, gab es für alle Getränke eine Nummer. Aber nun hatte sie es geschafft. Sie würde ein neues Leben beginnen! Sie hatte es satt, mit pochenden Schläfen und geschwollenen Füßen um drei Uhr morgens nach Hause zu kommen. Immer dasselbe Ritual: auf ihre abgewetzte rote Couch fallen, sich die Füße massieren und jeden Tag daran denken, dass es gut wäre, ein Fußbad zu nehmen. Aber sie schaffte es nie. Stattdessen zählte sie ihr Trinkgeld in eine große, rosenverzierte Blechdose, die von ihrer Oma war. Das einzige Erinnerungsstück an sie, deren Kindheit von Armut geprägt war, die selbst ihr Leben lang von der Hand in den Mund gelebt hatte. Ihr Vermächtnis war ihr gutes Herz. Ihre Oma fand, während sie dement den Streuselkuchen mit einer dicken Gemüsesuppe verzierte, einen friedlichen Tod. Wie immer entledigte sich Hannah ihrer Arbeitsklamotten, eines schwarzen Rockes und einer weißen Bluse, streifte die Nylonstrümpfe ab und warf sie über die Schulter hinter sich in einen Winkel. Die Kleidung verströmte einen penetranten Geruch nach Rauch und Küche und musste jeden Tag gewechselt werden. Im stillen Schmerz der Nacht trank sie noch ein Bier. Oft kam sie erst nach Hause, wenn die Sonne bereits aufzugehen drohte. Beim Versuch, einzuschlafen, fühlte sie sich immer besonders einsam. Ausgeschlossen vom Leben, vom beginnenden Tag, sie fühlte sich verhöhnt von den hupenden Autos des Frühverkehrs.
Hannah war Mieterin einer kleinen Dachwohnung in einem gutbürgerlichen Haus. Immer frisch gebohnerte Böden und ein geputztes Stiegenhaus, mit einem pompösen Holzbalkon, der im Sommer mit roten Geranien verziert war. Die Rechtschaffenheit manifestierte sich in jeder Ecke des Hauses. Die Vermieterin, eine einfache Frau, hatte ihren Rhythmus gefunden. Sie lüftete am Morgen, machte die Betten, staubte ab, putzte die Böden, erledigte den Einkauf und bereitete das Mittagessen für ihren zu Mittag heimkommenden Gatten zu, der im Sägewerk in der Nähe arbeitete. Der Nachmittag verlief beschaulich, die Küche wurde saubergemacht und dann setzte sie sich in den Garten, wo sie über ihrer Häkelarbeit einnickte. Ab und zu kam eine Nachbarin vorbei, um sich mit ihr über den neuesten Klatsch auszutauschen. Aber im Grunde waren sie beide gute Seelen und taten keiner Fliege etwas zu Leide. Der Klatsch hatte bei ihnen nichts Boshaftes, er war einfach Unterhaltung und Zeitvertreib, weil in ihrem eigenen Leben nichts passierte. Es gab schon immer Geschichtenerzähler. Menschen brauchten Geschichten.
Hannah selbst bekam nicht oft Besuch. Mit ihrer Familie hatte sie wenig Kontakt, da sie bei ihrer vor zwei Jahren verstorbenen Oma aufgewachsen war. Ihre Eltern trennten sich, als sie noch klein war, und beide hatten auf Grund ihrer eigenen komplizierten Lebensverhältnisse nicht viel Zeit für sie. Aber sie war nichts anderes gewöhnt und hatte auch nur bei gewissen Anlässen darunter gelitten, wie etwa bei Schulveranstaltungen, wenn alle mit ihren Eltern mit stolz geschwellter Brust anrückten. Ansonsten hatte ihr ihre Oma alles gegeben, was sie brauchte. Sie schenkte ihr, dem einzigen Enkelkind, all ihre Zeit, ihre Liebe und Aufmerksamkeit. Bei ihren ersten Dummheiten schimpfte sie liebevoll, legte ihr beschämt und wortlos große dicke Binden aufs Bett, als sie ihre erste Menstruation bekam. Sie war die, die ihr, nachdem sie mit fünfzehn Jahren ihren ersten Vollrausch hatte, ein Hühnersüppchen kochte und meinte, es würde ihr guttun. Ihr Tod hinterließ in Hannah eine quälende Leere, die zu füllen ihr wahrscheinlich niemals gelingen würde.
Ab und zu traf sie sich nach der Arbeit mit ihrer Freundin Sophie. Diese hatte einen Bürojob und die Gelegenheiten waren deshalb rar. Auch ihren damaligen Freund nahm sie nie mit in ihre Wohnung. Sie hatte das Gefühl, er würde nicht in die Welt dieses Mietshauses passen. Alle würden sich das Maul zerreißen, unverheiratet wie sie waren, schlampig gekleidet wie er war. Unsicher wie sie selbst war. Deshalb trafen sie sich immer bei ihm. Er wohnte in seinem Elternhaus im ausgebauten Keller, aber er hatte einen eigenen Eingang, was sie immer als sehr angenehm empfunden hatte. Er brachte die Geduld auf, auf sie zu warten, auch wenn dies hieß, dass er bis in die frühen Morgenstunden wach war. Zumindest am Anfang ihrer Beziehung. Sogar wenn er morgens zeitig aufstehen musste. In der ersten Zeit der Verliebtheit machte einem nichts etwas aus. Man hatte unvorstellbare Energien und brauchte keinen Schlaf, um fit zu sein. Jeder Song im Radio klang, als wäre er nur für einen geschrieben und man wachte am Morgen mit einem Lächeln auf den Lippen auf. Man würde jedes erdenkliche Opfer auf sich nehmen, um die geliebte Person zu sehen, man würde ohne Schuhe zum Nordpol eilen. Aber wie bereits gesagt: es handelte sich nur um die erste Zeit. Nach der ersten kam zwangsläufig die zweite, in der es einem zu weit war, mit den bequemsten Schuhen einen Kilometer zurückzulegen. Wenn das Auto nicht ansprang, war es eben nicht möglich, zu kommen. Und wenn einem in der langen Wartezeit jemand über die Einsamkeit der Nacht hinwegtröstete … was sollte man machen? Sie hatte Alex, ihren Freund, mit eigenen Augen gesehen. Er konnte wieder einmal nicht kommen und Gott sei Dank hatte ihr Sophie versprochen, im Gasthaus »Hirschen« auf sie zu warten. Der »Hirschen« war – abgesehen von der Bar, in der sie selbst arbeitete, das einzige Lokal im Dorf. Man konnte nicht groß um die Häuser ziehen, doch das war ihnen egal. Sie wollten nur gemütlich etwas trinken und quatschen. Das Motiv für die langen Öffnungszeiten des »Hirschen« war die Spielleidenschaft des Wirts, der bis in die Morgenstunden die Karten nicht aus der Hand legte und nebenbei ein paar Bier verkaufte.
Sie freute sich aufrichtig, Sophie zu sehen, und nicht nur, weil diese als Lückenbüßerin für ihren Freund bereitstand. Schon lange hatten sie sich nicht mehr gesehen und so ausgiebig gequatscht wie früher. Sophie setzte gerade an, über ihren Job zu schimpfen, als Hannah sich an ihrem Bier verschluckte und es über den Tisch hinweg wieder ausprustete, bevor es sich in die Luftröhre verirren konnte. Hannah schnappte nach Luft und sah ihren Freund am Fenster vorbeischlendern, den Arm vertraut um die Schultern einer unsympathischen Schönheit gelegt, die mit unglaublich hohen Schuhen neben ihm her stöckelte.
Ach, das war der Grund, warum er morgens früh raus musste! Dieses Schwein! Szenen ihrer vieljährigen Beziehung schossen ihr durch den Kopf. Die Küsschen, die er ihr gab, waren nur mehr flüchtig auf die Wange, immer in Eile! Er schlief auch des Öfteren neben ihr ein, ohne irgendwelche Lust nach ihr zu verspüren. Er war müde! Müde! Und sie lag noch lange neben ihm wach und dachte: »Es gab auch Zeiten, in denen er unermüdlich war!« Das Schweigen war in ihre Beziehung eingedrungen wie die feuchte Kälte durch die Ritzen ihres schlecht isolierten Hauses und hatte sich dumpf und lautlos zwischen ihnen ausgebreitet. Was war noch zu bereden, man wusste ja alles voneinander! Was blieb nach so langer Zeit, über das man noch reden oder gar lachen konnte? Ihre Beziehung war zu einem Museum geworden, das von schönen, antiken Stücken lebte, von fein säuberlich angehäuften Erinnerungen bevölkert. Hannah war sich dessen schon lange bewusst, aber dass er so weit gehen würde, sie einfach auszutauschen! Nach all den Jahren und all dem was sie gemeinsam erlebt hatten! War es die Sprachlosigkeit, die ihre Beziehung vergiftet hatte? Die Gewohnheit? Sie hegte allerdings den wahrscheinlich nicht unberechtigten Verdacht, dass es weit trivialere Beweggründe gab, die ihn dazu bewogen hatten! Und die waren: wasserstoffblondes Haar und hohe Schuhe!
Schmerz durchzuckte sie abwechselnd mit Wutausbrüchen, die Sophie mit Sprüchen wie: »Du weißt ja, wie Männer sind«, zu mäßigen versuchte. Niemand am Stammtisch nahm Notiz von ihnen, sie waren alle zu konzentriert auf ihren Karten.
Die Verletzung steckte in ihr wie ein Angelhaken im Rachen eines noch zappelnden Fisches. Sie hasste ihn und hätte ihn am liebsten umgebracht. Oder besser noch diesem Biest mit den Stöckelschuhen ihr lächerliches Täschchen um die Ohren gehauen. Hannah selbst trug immer dasselbe Paar Turnschuhe. Nur bei der Arbeit zwängte sie ihre geschundenen Füße in schwarze Ballerinas zu ihrer Kellnerinnen-Kluft passend. Warum hatte sie nicht gemerkt, dass er auf Eleganz stand? Aber was hätte es geändert? Sie würde sicher nicht in Stöckelschuhen durch die Gegend staksen. Sophie versuchte ihr Bestes, ihre Freundin zu beruhigen, aber es gelang ihr nicht. Als der Wirt gegen fünf Uhr morgens seinem Hobby genug gefrönt und die Bude dichtgemacht hatte, trollte sie sich wie ferngesteuert nach Hause. »Er ist es nicht wert!«, hörte sie noch Sophies Stimme, während diese um die Ecke verschwand.
In einer seltsam grauen Stimmung zwischen Nacht und Einbruch des Tages, sah sie, wie das unschuldige Dorf langsam zum Leben erwachte. Auch Hannah schaltete in automatischer Gewohnheit das Licht ein, setzte sich aufs Bett und starrte zum Fenster. Nicht vorstellbar, dass noch zu Mittag rosa Wolken über den Häuser schwebten. Der Bäcker fuhr seine Runde und die zwei Hunde des Nachbars begrüßten den Tag mit einem ausgiebigen Gekläffe, was ihren Kater Carlo dazu bewog, im tagtäglichen Schrecken darüber die Vorhänge hinauf zu springen. Es gibt Dinge, an die gewöhnt man sich nie! Im selben Moment, an diesem besagten Morgen, brannte die Glühbirne über ihrem Küchentisch durch. Sie bäumte sich ein letztes Mal mit einem kurzen Aufblitzen auf, bevor sie erstarb. Hannah saß still im dämmrigen Licht und konnte alle Umrisse der Gegenstände deutlich erkennen. Sie sah sich sitzen, von den Schatten ihres Lebens umgeben und das war der Punkt, an dem sie beschloss, dass sie hier nichts mehr hielt. Sie hatte keine Zeit, um zu warten, bis die Zeit alle Wunden heilen würde.
Sie verfolgte ihren Freund die nächsten Tage noch mit Verwünschungen, Träumen, SMS und sonstigen Mitteln der modernen Technik, er aber ließ sich nicht beeindrucken und ließ sie fallen wie eine heiße Kartoffel. Sie wollte ihn nicht zurück. Nein! Sie wollte Rache! In dieser Zeit begann sie, sich mit Voodoo zu befassen. Mit Hilfe eines Buches, in dem die Praktiken beschrieben waren, steckte sie Nadeln in das Foto ihres Freundes. Sie verteilte sie sorgfältig: Eine in sein Herz, eine in die Stirn und eine in sein »Bestes Stück«. Sie verspürte unbändige Lust auf Grausamkeit. Da sie eigentlich nicht der Typ dafür war, nahm sie von weiteren tätlichen Angriffen Abstand und so verblieben weitere Grausamkeiten in ihrem Kopf und brachten ihr Herz aus dem Rhythmus. Sie hatte ihre Lebensmitte erreicht, oder schon überschritten, jagte es mit Schrecken durch ihren Kopf, es wurden nicht einmal alle achtzig! Sie fragte sich, ob ihre Entscheidung und ihr momentaner Gefühlszustand mit der berüchtigten Midlifecrisis in Zusammenhang standen. Aber was auch immer ihr Zustand für einen Namen tragen sollte, sie wollte ihre zweite Lebenshälfte in einer Gegend verbringen, von der sie immer träumte. Sie hatte die Schnauze endgültig voll!
Sie stellte sich einen weiten Horizont vor, sanfte Hügel, Zypressen, vereinzelt Steinhäuser … Sonne, Wärme. Statt dem Getöse des Wildbaches, das einen um den Schlaf brachte das Meer! Das war ein anderes Rauschen! Statt der Bar einen ruhigen Job. Sie war auf nichts Spezielles fixiert, vielleicht am Wochenende frei … weniger Stress wäre so eine Sache … Ja! Sie würde abhauen! Außer Sophie und Carlo würde sie sowieso niemand vermissen.
Sie kündigte ihren Job und hielt noch tapfer die Kündigungsfrist durch. Sie absolvierte all die Dinge, die zu bewältigen waren und brachte als letzte Amtshandlung Carlo in ein Tierheim, was das einzige war, das ihr emotional zu schaffen machte.
So sinnierte sie vor sich hin, als sie es sich, so gut es ging, auf dem hart gepolsterten, grünen Sessel ihres Zugabteils bequem gemacht hatte und ihr auf Grund der Strapazen der letzten Wochen die Augen zufielen. Die Zelte abzubrechen bereitete ihr einen unerwarteten Stress.
Sie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte, als ein dumpfer Knall sie aus dem Schlaf riss. Der Rucksack ihres jugendlichen Mitreisenden war aus dem Gepäckshalter, ihren Kopf nur knapp verfehlend, vor ihren Füßen zu Boden geknallt. Der Zug kam mit einem ungemütlichen Rumpeln zum Stillstand. So unsanft aus dem Schlaf gerissen, schrie sie reflexartig ihren Sitznachbarn an:
»He, bist du wahnsinnig! Willst du mich erschlagen?!«
Ihre Nerven lagen blank. Er entschuldigte sich in einem breiten Tiroler Dialekt:
»Es tut mir wahnsinnig leid, aber es ist nicht meine Schuld, wenn der depperte Zug da ohne Vorwarnung hält! Ich bin selbst auch erschrocken, Mann!« Sofort beruhigte sie sich aufgrund der netten, gewinnenden Art des Typs und entschuldigte sich, dass sie ihn angefahren hatte wie eine Furie.
»Das passt schon …« grinste dieser locker. Obwohl sie ursprünglich keine Lust auf Höflichkeitskonversation im Zug hatte, entwickelte sich ein Gespräch.
Sie musterte ihn verstohlen und stellte fest, dass er sympathisch war. Er gefiel ihr sogar außerordentlich gut! Seine Haare fielen ihm lockig und pechschwarz auf die Schultern. Sein Gesicht war länglich und die gebogene Nase einen Gedanken zu lang. Irgendwie erinnerte er sie an einen Südamerikaner. Er erzählte ihr, er käme aus Lana, einem kleinen Ort im Südtirol, was »Wolle« bedeutete und seine Augen blitzten dunkel und schelmisch. Er sei zweisprachig aufgewachsen, italienisch und deutsch, und seine Mutter käme aus Chile, was seinem Aussehen diesen unverkennbaren lateinamerikanischen Touch verlieh und er bemerkte, dass er es bedauere, ihre Sprache nie gelernt zu haben. Er studiere in Bologna Kartographie und Geoinformation, berichtete er stolz, ohne danach gefragt geworden zu sein.
»Wie kommt man auf so was?«, fragte sie überrascht und etwas zu laut.
»Ich war immer schon verrückt nach Landkarten«, legte er los. »Der Atlas war mein Lieblingsbuch. Er lag immer auf dem Tisch. Ich studierte ihn zum Frühstück und las in ihm, wie andere sich ein Buch zur Hand nehmen. Mich interessierte sowohl, dass es auf der Hochebene im Westen Boliviens einen See gibt mit dem Namen Titicacasee als auch, dass es ein Frankfurt nicht nur am Main gibt, sondern auch eins an der Oder!« Er erzählte von einem Ort in Russland, der den Namen Ulan-Ude trägt und in der Republik Burjatien zu finden ist. Er wusste auch, dass es im Burgenland ein Spitzzicken an der Pinka gibt und in den Kanadischen Rockies ein Bonnyville. In Malaysia ein Kuala Tahan und auf Sizilien ein Cefalù. Er redete sich in eine solche Begeisterung, dass er kein Ende mehr fand.
»Und was machst denn du so im Leben?« Die Frage traf sie unvorbereitet Sie fühlte sich vor den Kopf gestoßen. Ja, was eigentlich? Sie konnte ihm unmöglich auf die Nase binden, dass sie kein konkretes Ziel hatte. Sie hatte weder vor, zu studieren, noch hatte sie Arbeit in Aussicht. Sie hatte auch keine Verwandten vorzuweisen, die sie besuchen konnte. Es kam ihr verwegen vor, ihm von ihrem Kellnerinnen-Dasein zu berichten. Sie konnte ihm auch nicht sagen, dass sie ein neues Leben beginnen wollte! Wie kitschig und klischeehaft! Er würde sie für verrückt erklären, wie alle anderen auch, denen sie es gezwungenermaßen erzählen musste. Sie war sich bis zu diesem Augenblick vollkommen sicher. Und jetzt, wahrscheinlich vom klaren Lebensplan dieses Jugendlichen und von dessen sprühender Lebenslust, die sich nach Ablauf der Jugend verflüchtigte wie der Rauch einer ausdampfenden Zigarette, verunsichert, überfielen sie Selbstzweifel, wie schon so oft in ihrem Leben, und sie war sich nicht mehr im Klaren, ob es richtig war, was sie tat. Sie begann, sich in Gedanken gut zuzureden: »Musste man denn alles schon im Vorhinein wissen und planen? Wo blieb das Abenteuer? Wo das Adrenalin? Das Leben war zu kurz!« Genervt presste sie die Nase an die Scheibe, um sich ein Bild der Situation zu verschaffen. Fast hätte sie vergessen, was eigentlich geschehen war.
»Was ist hier eigentlich los?«, fragte sie halblaut. »Warum halten wir hier mitten in der Pampa?« Ihr Mitreisender zuckte mit den Schultern, ohne eine Antwort zu geben, und schaute beleidigt zum Fenster hinaus.
Hannah bot sich ein Blick auf eine Landschaft, die an Schönheit schwer zu überbieten war. Einsam lag ein schon teilweise verfallener Hof aus Stein erbaut in einer weiten Ebene. Er schien nicht mehr bewohnt zu sein, es waren keine Anzeichen von Leben mehr zu erkennen. Vereinzelte Spuren wiesen darauf hin, dass hier einmal Menschen gelebt hatten. Ein Fahrrad lehnte, traurig vor sich hin rostend, an der Hausmauer und ein roter Traktor, von Brombeerstauden überwuchert und ebenfalls dem Rost zum Opfer gefallen, zeugte von der ehemaligen Bewirtschaftung dieser Felder, die nun brachlagen. Weit und breit kein weiteres Haus. Zum Hof führte ein Kiesweg gesäumt von Zypressen, die sich wie Zinnsoldaten am Rand reihten.
Als sie sich von dem überwältigenden Eindruck erholt hatte, den ihr dieser Anblick bereitete, schoss ihr jäh die Frage nach dem Grund ihres abrupten Anhaltens wieder in den Kopf. Warum hielten sie hier? Wo waren sie überhaupt und was war passiert? Hoffentlich hatte der Zug keinen technischen Schaden und sie mussten hier Stunden verharren, bis der Schaden behoben wurde! So würde sie in Bologna jedenfalls ihren Anschluss verpassen. Auch die anderen Reisenden blickten sich fragend an und es brach ein wirres Geschnatter aus. Die meisten im Zug waren Italiener. Arbeiter, die in ihre Heimat zurückkehrten, um ihren Urlaub dort zu verbringen. Elegant gekleidete Italienerinnen mit glühenden Augen und schwarzem Haar, Familien mit kleinen Kindern. Darunter auch zwei junge, japanische Mädchen mit peinlich kurzen Röcken, riesengroßen Rucksäcken und einer Plastikblume im Haar. Um den Hals den obligatorischen Fotoapparat und eine Landkarte von Süditalien. Eine deutsche Familie, unklassisch mit dem Zug unterwegs, reiste mit zwei Kindern im Teenageralter. Sie trugen Sandalen und Kleider, die sie in ihre eigene Hippie-Phase zurückversetzten. Hannah war damals auch in Zügen unterwegs gewesen, teilweise sogar ohne Schuhe, was jetzt unvorstellbar wäre! Komisch, dass sie früher nie an Fußpilz gedacht hatte! Es tat gut, dass manche Leute ihr Leben lang an ihren Idealen festhielten!
Je mehr Zeit verging, umso nervöser wurden die Reisenden. Eine drückende Schwüle herrschte im Zug, die Menschen hatten schweißglänzende Gesichter, die an mit Speckschwarte polierte Ostereier erinnerten, und ein penetranter Schweißgeruch verbreitete sich. Die Klimaanlage funktionierte nicht mehr und das Geplapper der Leute schwoll zu einem Lärm an, der hart an die Grenze des Erträglichen ging. Der herrschende Tumult wurde von drei Polizisten durchbrochen, die steif und autoritär mit Pistolen am Gürtel ihr Abteil betraten. Sie trugen alle die Haare kurz und eine dunkle Sonnenbrille auf der Stirn. Mit ihren dunklen Augen schauten sie die Reisenden forschend und streng an. Uniformierte lösten in ihr immer ein undefinierbares Unbehagen aus. Reflexartig ging sie im Kopf durch, ob sie auch alles dabei hatte. Den Pass, die Fahrkarte … alles da! Keine Drogen im Gepäck. Sie war sauber und ihr konnte nichts passieren. Hilfesuchend schaute sie ihren Nachbarn an, der schon lange schweigend dasaß und sein Beleidigt-Sein überwunden und akzeptiert hatte, dass sie nicht über sich reden wollte.
Die Polizisten redeten in einem Schwall auf sie ein und Hannah verstand kein Wort, da sie außer schnell auch noch in einem Dialekt redeten, in dem man nur mit viel Phantasie italienische Wörter wieder erkennen konnte. Ihr Nachbar gab vor, alles zu verstehen und bestätigte ihre Vermutung, dass sie jemanden suchten, aber auch ihm war unklar, um wen es sich handelte. Eingeschüchtert zeigten alle im Abteil ihren Pass und niemand wagte es, eine Frage zu stellen. Oder es interessierte sie einfach nicht, da sie an solche Unterbrechungen gewöhnt waren. Die Polizisten durchkämmten den ganzen Zug, was eine weitere Stunde in Anspruch nahm, und es war inzwischen dunkel geworden. Im Zug herrschte Chaos wie in einem Hühnerstall, dem ein Fuchs zu nahe gekommen war. Sie versuchte sich vergeblich an eine Entspannungsübung zu erinnern, die sie einmal in einem Kurs gelernt hatte. So war sie unsagbar froh, als der Zug sich mit einem Quietschen, das die Bremsen beim Lösen verursachten, wieder in Bewegung setzte. Die Reisenden waren still geworden und sie blickte dankbar zum Fenster hinaus. Der Nachthimmel breitete sich ungehindert aus, weder durch Felsen, noch durch Hügel unterbrochen. Ein bleicher Vollmond beleuchtete jetzt schwach die vorbeirauschende Landschaft. Sie betrachtete überrascht im dunklen Zugfenster ihr eigenes Spiegelbild, das ihr fremd erschien. War das wirklich sie? Ihre runden Augen, deren Grün in diesem Licht fast schwarz wirkte, schienen von tiefen Schatten umrahmt. Ihre Sommersprossen auf der Nase, die sie als Jugendliche so gehasst hatte, mochte sie inzwischen. Sie gaben ihr eine persönliche Note und trugen dazu bei, dass sich ihr Gesicht von anderen Alltagsgesichtern unterschied. In der Schule wurde sie ihrer schottischen Herkunft wegen verspottet. Gott! Wie sie das gehasst hatte! Ihre Oma mütterlicherseits war Schottin und ihr Erbe war auf Hannah übergegangen! Dieses Erbe bestand aus rotem Haar, das sich in alle Richtungen kräuselte und diesen Sommersprossen, die immer im Sommer förmlich aufblühten. Ihr Haar war lang geworden, dachte Hannah, es reichte ihr schon weit über die Schultern. Das olivgrüne Shirt, das sie sich für die Reise gekauft hatte, stand ihr gut. Zum ersten Mal nahm sie wahr, dass sie tatsächlich in der letzten Zeit etliche Kilos verloren hatte. Am besten sah man es an den Brüsten, da nahm sie ärgerlicherweise immer als erstes ab. Ja, sie war es! Mit allem, was dazugehörte. Eine Welle von Erinnerungen überflutete sie und sie dachte zärtlich an ihre Oma, die ihren schottischen Akzent ein Leben lang nie verbergen konnte, obwohl sie im Vorarlberger Dialekt sprach. Die Erinnerung macht uns im Endeffekt zu dem, was wir sind.
Sie wandte den Blick vom Fenster ab und blickte schüchtern auf ihren Sitznachbarn, der schweigend neben ihr saß und nun wie hypnotisiert in ein Buch starrte. Ohne es zu wollen, fragte sie sich, was er über sie dachte? Ob sie ihm gefiele? Gleichzeitig wunderte sie sich über ihre Gedanken und musste lächeln. So nahm sie ebenfalls ihr Buch zur Hand und tat so, als ob sie sogleich vertieft in ihre Lektüre wäre. Sie hätte ja gerne mit ihm geredet, aber nicht über sich. Lange vor Bologna packte sie ihr Handgepäck und begann schon viel zu früh, die Koffer herunter zu zerren, natürlich half er ihr wie selbstverständlich und war sehr charmant, worauf sie ihr coolstes Lächeln aufsetzte, um sich nichts von ihrer Nervosität anmerken zu lassen. Sie war froh, als der Zug mit Funken sprühenden Bremsen in den Bahnhof einfuhr und zum Stehen kam. Hannah manövrierte umständlich die Koffer die Treppen hinunter, wobei ihr der nette Mitreisende wieder zur Seite stand.
Die schwüle Luft, die ihr ins Gesicht schlug, war geschwängert von bleiernen Gerüchen nach Diesel der Gepäckstransporter und Bremsklötzen. Ja! Sie war unverkennbar im Süden! Sie verabschiedete sich etwas verlegen von ihrem Reisegefährten. Er gab ihr links und rechts ein Küsschen auf die Wangen, wie das so üblich war. Die Berührung mit seiner Wange tat ihr wohl. Sie war unerwartet weich und roch nach Patchouli. Ja. Er war jung und hatte große Ziele! Plötzlich spürte sie ihre Einsamkeit fast körperlich. Sie begann ihren Nacken hinauf zu kriechen, kroch ihre Gedärme entlang, auf ihrem Herz machte sich ein seltsamer Druck bemerkbar. Ihr war plötzlich kalt.
»Wie heißt du eigentlich?«, frage er und holte sie zurück auf den Bahnhof und damit wieder in die Gegenwart, was dazu führte, dass ihr Zustand sich wieder normalisierte.
»Hannah«, stieß sie hervor, »und du?« Er schien sich über die Frage zu amüsieren.
»Pedro«, gab er zurück und begann, in einem Seitenfach seines Rucksacks nach einem Kugelschreiber zu wühlen. Auf seine fast leere Zigarettenschachtel schrieb er seine Telefonnummer, gab sie ihr mit den Worten:
»Wenn du mal was brauchst, ruf mich an! Wenn ich grad in der Nähe bin, komm ich vorbei!« Überrascht starrte sie ihn an. So einfach war das!
Er verließ das Bahnhofsgelände zielstrebig und fröhlich wie ein Mann, der wusste, was er wollte. Bevor er ihrem Blickfeld entschwand, hob er noch einmal den Arm zum Gruß und schenkte ihr ein unwiderstehliches Lächeln.
Verwirrt und orientierungslos blieb sie stehen und versuchte, eine Hinweistafel zu erspähen, auf der ersichtlich war, wann der nächste Zug nach Neapel ging. Noch nie hatte sie so einen unübersichtlichen Bahnhof gesehen. Die Züge fuhren von drei Etagen ab, es gab nicht nur schlicht ein Gleis sieben, sondern auch ein sieben Ost! Es galt sich zu orientieren zwischen einem Ost-, einen West-, einen Süd- und einen Nordteil, wo die Züge in alle erdenklichen Richtungen abfuhren. Sie begann zu schwitzen und suchte verzweifelt mit den Augen die Anzeigetafeln ab, fand aber keinen Zug mehr, der um diese Zeit noch nach Neapel fuhr. Ihrer war schon weg und sie stellte mit Entsetzen fest, dass der nächste erst am nächsten Morgen um sechs Uhr fuhr. Was sollte sie nun tun? Sollte sie die halbe Nacht hier auf diesem Monster-Bahnhof verbringen? An zwielichtigen Gestalten mangelte es nicht. Überall, wo sie hinschaute, lungerten Typen herum, mit denen sie lieber nichts zu tun haben wollte. Eine alte Frau saß, von ihren abgewetzten Nylonsäcken umgeben, in denen sie ihre Habseligkeiten beisammenhielt, schmutzig und barfuß am Boden, mit dem Rücken an die kühle Mauer gelehnt und starrte mit leerem, wässrigem Blick vor sich hin. Hannah krampfte sich der Magen zusammen. Aber an den Anblick von armen Menschen musste sie sich gewöhnen, denn als sie die Augen über die Bahnsteige schweifen ließ, stellte sie fest, dass das Elend hier zuhause war. Überall schliefen sie auf den Bänken, die Weinflasche neben sich abgestellt. Vor manchen lag ein treuer Hund zusammengekauert am Boden, um das Herrchen oder Frauchen zu bewachen. Ein strenger Geruch lag in der Luft. Die Böden waren übersät mit Zigarettenstummeln. Nervös zündete auch sie sich eine an und zog gierig daran.
Eine undefinierbare Angst beschlich sie. Das Gefühl wurde eindeutig von einer Truppe Männern, die definitiv nicht in die Kategorie dieser heimatlosen Kreaturen gehörten, ausgelöst. Sie waren mit engen Jeans, breiten Ledergürteln und weißen, sauber gebügelten Hemden oder blütenweißen, eng anliegenden Shirts bekleidet. Trotz fehlender Sonne die Sonnenbrille immer noch auf der Nase, lehnten sie mit überkreuzten Beinen an der Mauer und schauten anmaßend den Leuten zu, die ausstiegen. Sie sprachen untereinander kein Wort. Sie beobachteten nur ruhig, so wie Schlangen ihren Opfern auflauerten. Als ihr aller Blick bei ihr angelangt war, wurde ihr bewusst, wie sie dastand: Unsicher um sich blickend und für jeden erkennbar, dass sie keine Idee hatte, was sie tun sollte und die Situation keineswegs im Griff hatte. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie nicht so augenscheinlich planlos herumstehen durfte! Aber sie hatte nun mal keinen Plan! Sie zwang sich, in eine andere Richtung zu schauen und widmete sich verzweifelt einem Snack-Automaten. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie sich die Typen ganz ohne Eile in Bewegung setzten. Einen Fuß gemächlich vor den anderen setzend schlenderten sie in ihre Richtung. Sie warf ihre Mähne zurück und mimte die Selbstbewusste, die festen Schrittes einen der Ausgänge anstrebte, in der Hoffnung, dass dies der Richtige war und sie dort ein Taxi vorfinden würde. Während sie sich noch krampfhaft überlegte, wo sie hinfahren sollte, hatten sie sie bereits eingeholt und umkreisten sie wie eine Horde Hyänen ihre Beute. Der Schweiß brach ihr aus, sie saß in der Falle. Sie gab vor, kein Wort von den Obszönitäten zu verstehen, in der Hoffnung, es würde ihnen zu blöd werden. Aber sie hatte sich verschätzt. Offensichtlich machte ein hilfloses, der Sprache nicht mächtiges Opfer nur noch mehr Spaß! Die Sache fing an, sie richtiggehend zu amüsieren und zu ihrem Entsetzen verstand sie ziemlich einige der Beleidigungen, die nur an Frauen gerichtet werden, die alleine in der Nacht herumstanden. Einer von ihnen packte sie am Arm und wollte sie vom beleuchteten Platz wegziehen. Wie eine Furie riss sie sich los und schleuderte ihnen lautstark alle Schimpfwörter an den Kopf, die ihr in den Sinn kamen und verwendete dabei beide Sprachen. Es gelang ihr, mit ihren Koffern, die sie noch nie so verflucht hatte, zu einem Taxi zu stolpern. Außer Atem und mit rasendem Herzschlag nannte sie dem Taxifahrer wie das Selbstverständlichste der Welt ihr Ziel: »Via Garibaldi«, in der Hoffnung, dass es auch in Bologna wie überall in Italien eine Straße mit dem Namen Garibaldi gab, damit nicht auch noch dieser auf die Idee kam, sie sei eine arme Irre, die nicht einmal wusste, wohin. Sie hatte generell kein Vertrauen in Taxifahrer, da man denen, einmal im Auto sitzend, so hilflos ausgeliefert war wie eine Fliege im Spinnennetz. Er spürte es intuitiv, denn er kurvte durch das nächtliche Bologna, dass sogar sie, die nicht mit einem allzu guten Orientierungssinn gesegnet war, bemerkte, dass er manche Strecken zweimal zurücklegte. Aber wenigstens ging es ihm nicht darum, ihr persönlich an die Pelle zu rücken, sondern nur darum, so viele Kilometer wie möglich auf seinen Tacho zu bringen. Er knüpfte ihr unglaubliche 50 Euro ab, bevor er sie, höflich die Tür öffnend, in die Nacht entließ, nicht ohne ihr noch einen wunderschönen Abend zu wünschen. Sie war so fertig und gleichzeitig erleichtert, den Typen entkommen zu sein, dass sie nicht mehr die Kraft hatte, zu protestieren.
Sie ließ ihren Blick über die Piazza am Ende der Via Garibaldi schweifen, in der sie ausgestiegen war, um irgendwo ein Lokal zu entdecken, das den Anschein erweckte, dass es noch länger offen hätte. Auf der gegenüber liegenden Seite entdeckte sie ein in den aufdringlichen Farben des Milieus beleuchtetes Lokal mit dem viel versprechenden Namen »Lucia«, der in roten Leuchtbuchstaben über dem Eingang blinkte. Davor befand sich eine Gruppe rauchender Leute, die aufgrund des Rauchverbotes im Lokal auf der Straße ihrer Sucht frönen mussten. In der Hoffnung, dass es sich doch nicht um ein Nachtlokal handelte, näherte sie sich und stellte erleichtert fest, dass unter den Leuten auch Frauen waren, die relativ seriös aussahen. Sie betrat neben ihnen das Lokal, ohne eines Blickes gewürdigt zu werden. Erleichtert ließ sie sich auf einen freien Stuhl an einem kleinen Tischchen sinken, auf dem eine Kerze schon fast heruntergebrannt vor sich hin flackerte. Überhaupt gab es auf allen Tischen Kerzen und die Musik war jazzig. Glücklich, etwas gefunden zu haben, wo sie sich niederlassen konnte, um die Zeit bis zu ihrem Zug am Morgen zu verbringen, bemerkte sie nicht gleich, dass sich doch tatsächlich vorne auf einer kleinen Bühne eine Gogotänzerin halb nackt um eine Stange wickelte. Diese warf der Männerwelt im Lokal tiefgründige Blicke zu und ließ auch selbst tiefe Einblicke zu. Genervt dachte sie: »Auch das noch! Das ist wohl das Letzte, was ich jetzt noch brauche!« Zwanghaft versuchte sie, in eine andere Richtung zu schauen, was sich als gar nicht so einfach erwies. In der anderen Richtung musste sie in Männergesichter blicken, die aus zweierlei Gründen sabberten. Der eine Grund war zu viel Alkohol. Angeekelt sah sie auf ihren Tisch, sah der Kerze zu, wie sie ihrem vorprogrammierten Ende entgegen züngelte. Allmählich gelang es Hannah, sich zu entspannen.
Sie wurde vom Kellner aus ihren Grübeleien gerissen, der ihr mit einem nicht zu definierenden Lächeln eine neue Kerze anzündete und die abgebrannte in der Tasche seiner langen, roten Schürze verschwinden ließ, die er über einer hellen Jeans trug. Ein enges, weißes Hemd bedeckte seinen muskulösen Oberkörper, das schwarze Haar mit ausgiebig Gel nach hinten gebändigt.
»Was darf es sein, Signora?« Sie hatte sich noch gar keine Gedanken gemacht, was sie trinken wollte und sagte schnell in ihrem besten Italienisch das erste, was ihr in den Sinn kam:
»Ein großes Bier bitte!« Seinen Blick kontrollierend über die anderen Tische schweifend verschwand er lächelnd hinter der Theke:
»Subito Signora!«
»Das wäre geschafft!«, dachte sie, als er fünf Minuten später das Bier mit einem höflichen »Salute« vor sie hinstellte. Da merkte sie erst, wie großen Durst sie hatte, und nahm gierige Schlucke wie eine Tiefseetaucherin, die seit langem wieder zu frischer Luft kam. Sie hätte auch Hunger gehabt, fühlte sich aber so unwohl, dass ihr Magen schon rebellierte, wenn sie nur daran dachte, etwas zu essen. Sie war zu aufgeregt und im Unklaren, wo sie hinschauen und wie sie die Zeit totschlagen sollte, die so schleichend verstrich wie immer, wenn man auf etwas wartete. Der Gedanke, hier zwischen dem sabbernden Männervolk dazusitzen und eine Pizza zu verspeisen, erschien ihr absurd. Es gab einfach Dinge, die nicht zusammenpassten! Sie wünschte, dass der Typ vom Zug, Pedro, bei der Tür hereinkommen würde, um sie aus ihrer unangenehmen Situation zu erlösen. Er würde seinen jugendlichen Lebenseifer versprühen, ohne Ende quatschen und die Zeit würde wie im Flug vergehen. Aber wer weiß, wo er war und was er wohl machte? Sie ertappte sich verwundert, dass sie innerlich lächelte, wenn sie an ihn dachte. Das war ihr schon lange nicht mehr passiert, dass sich ein so liebevolles Gefühl einstellte, wenn sie an jemanden dachte. Warum nur, sie kannte ihn doch gar nicht! Es war wahrscheinlich, weil er einer dieser Menschen war, in deren Gegenwart man sich hundertprozentig wohl fühlte. Sie kramte in ihrer Tasche und fand seine Zigarettenschachtel. Leicht zitternd zündete sie sich eine Zigarette an, zog verzweifelt daran und starrte auf die Telefonnummer, die er draufgekritzelt hatte. »Ich sollte ihn anrufen«, schoss es ihr durch den Kopf. »Nein, das war unmöglich! Was würde er sich dann denken«, verwarf sie den Gedanken so schnell wie er gekommen war.
Fast im selben Moment erschien der Kellner und machte sie darauf aufmerksam, dass das Rauchen im Lokal verboten war.
»Scusa!« stammelte sie entschuldigend. Sie wusste es ja, hatte nur einfach nicht mehr daran gedacht. Macht der Gewohnheit. Bedauernd machte sie die Zigarette auf einem Bierdeckel aus, da natürlich auch keine Aschenbecher auf den Tischen standen. Der Kellner tolerierte dies ausdruckslos, das Lächeln war ihm in der Zwischenzeit abhandengekommen. Sie blickte ihn verstehend an, sie kannte den Job. Irgendwann verlor sich das Lächeln, das man bei Dienstantritt aufsetzte, zwischen den Tischen und der Schank. Es fiel in ein Bier, klebte am Tablett oder kam durch einen blöden Spruch eines Gastes zu Tode und es gelang einem die ganze Nacht nicht mehr, es wieder zum Leben zu erwecken. Sie überlegte sich, ob sie hinausgehen sollte, um zu rauchen. Dort standen sicher irgendwelche Gleichgesinnte, wenigstens, was ihre Nikotinsucht betraf, herum und sie hatte absolut keine Lust, blöd angequatscht zu werden. Die Sucht war jedoch stärker und sie griff nach ihrer Handtasche, nahm das Feuerzeug und die Zigarettenschachtel, legte die vier Euro fürs Bier auf den Tisch und versuchte selbstsicher zu wirken, als sie auf den Ausgang zusteuerte. Sie wurde von verschieden gearteten Blicken gemustert. Sie ignorierte diese, vermied gekonnt jeglichen Blickkontakt und verließ die Bar.
Die Piazza lag im warmen Licht der vielen Straßenlaternen. Eine südliche Wärme schlug ihr ins Gesicht und eine laue, angenehme Brise strich ihr über die Wangen. Sie zündete sich genüsslich eine Zigarette an und schlenderte über die Piazza, wo sie um die Ecke eine Villa mit unzähligen Türmchen und Erkern, gedeckt mit einem roten Tonziegeldach, erblickte. Neugierig ging sie darauf zu. Sie war umgeben von einer Steinmauer und von Zypressen flankiert. Der Garten übertraf in seiner wilden Schönheit alles bisher Gesehene. Es wuchs einfach alles, was in der mediterranen Botanik Rang und Namen hatte: Ein Feigenbaum, Zitronen, Oleander und natürlich eine Palme, um dem Werk die Krone aufzusetzen. Auch allerhand andere wundersame Pflanzen, die sie nicht kannte und die einen betörenden Duft verströmten. In der Mitte war ein Stück Rasen, in dessen Zentrum ein sicher zwei Meter hoher Engel aus Stein über die Villa wachte. Der Engel hatte einen Flügel aufgespannt und einen eng an den Körper geschmiegt. Er hatte seinen weichen, traurigen Blick auf die Villa gerichtet. Fasziniert blieb sie stehen. Wie konnte man aus Stein so ein Wunderwerk schaffen? Wer hatte so viel handwerkliches Geschick, um so eine Komposition an Schönheit zu kreieren? Sie sah eine Treppe, die sich am Ende des Weges aus Kopfsteinpflaster zur Haustüre erhob. Die speckigen Stufen waren von jahrhundertelangem Kommen und Gehen muldenartig ausgelatscht. Versunken in diesen Anblick verharrte sie, die Nase durch die schmiedeeiserne Einzäunung gesteckt. Plötzlich wurde sie durch eine Hand, die sich auf ihre Schulter legte, jäh aus ihren Träumereien gerissen. Ihr Herz setzte für einen Moment aus und raste dann wie wild. Der Schock bewirkte, dass sie nicht sofort im Stande war, sich umzudrehen.
»Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken«, hörte sie eine bedauernde, ihr bekannte Stimme. Über alle Maßen erleichtert drehte sie sich um und blickte in die belustigt blitzenden Augen Pedros.
»Was machst denn du hier?«, brachte Hannah verstört hervor.
»Ich wohne hier in der Nähe mit zwei Freunden zusammen. Jetzt war ich noch auf ein Bier und erkannte dich sofort an deinen Haaren. So viele rennen hier nicht mit einer solchen Mähne herum!« Sie ließ es als Kompliment durchgehen und eilig sagte sie:
»Ich bin so froh, dich zu treffen!« Am liebsten wäre sie ihm vor Erleichterung um den Hals gefallen, unterdrückte aber ihren Impuls und sagte nur lapidar:
»Ich muss mir noch ein paar Stunden um die Ohren schlagen, bis mein Zug fährt, und ich weiß nicht so wirklich, was ich anstellen soll.«
»Ich könnte noch ein weiteres Bier vertragen und dir ein bisschen Gesellschaft leisten! Wie wär’s?«
Überglücklich über einen derartigen Zufall bemühte sie sich, locker zu antworten:
»Das wäre ganz okay. Ich war vorher schon in einer Bar, die erstbeste, die mir untergekommen ist, und ich muss dort sowieso meine Koffer abholen, ich bin nur auf eine Zigarette raus. Die Bude ist zwar nicht nach meinem Geschmack, aber, wenn man nicht alleine ist, ist sie wenigstens erträglich!«
»Die da drüben, Lucia, ja, die kenn ich. Ziemlich untere Schublade, aber wenn du sowieso noch einmal hinein musst, dein Gepäck zu holen, trinken wir dort was!«, erwiderte Pedro im Stadtkenner-Ton. Sie schlenderten wie alte Freunde über die Piazza zurück zur Bar und traten ein. Erleichtert warf Hannah einen Blick auf ihre Koffer, die noch immer in der Ecke standen.
»Du bist eine coole Socke, dass du hier dein Gepäck stehen lässt, aber den Unerschrockenen gehört die Welt! Es könnte genauso gut nicht mehr da sein«, bemerkte er.
»Ja, ich weiß, oft denke ich einfach zu wenig an diese Dinge! Ich muss mir angewöhnen, etwas vorsichtiger zu sein!«, murmelte sie, mehr zu sich selbst und nahm sich dies fest zum Vorsatz.
Ihr Tischchen war noch immer frei und sie ließen sich nieder. Pedro bestellte zwei Bier und sie registrierte erleichtert, dass er den Kellner nicht kannte, was bedeutete, dass er nicht in diesem Lokal verkehrte. Sie wusste zwar nicht warum, aber sie war nahezu glücklich darüber. Das Gespräch verlief von Anfang an ungezwungen und sie waren nie in der Situation, dass sie in peinliches Schweigen verfielen. Sie genoss seine Aufmerksamkeit ihr gegenüber und dass er sich nicht von den sich an den Stangen windenden Damen ablenken ließ. Taktvoll ließ er kein einziges Mal seinen Blick in deren Richtung schweifen. Nicht einmal zufällig! Hannah empfand das als sehr manierlich ihr gegenüber. Sie verstanden sich wie alte Freunde. Immer noch beeindruckt von der Villa fragte sie ihn, ob er etwas von diesem Haus wüsste.
»Das weiß hier jeder! Die Villa gehört der Familie eines alten, italienischen Adelsgeschlechtes. Im Laufe vieler Generationen haben sie einen großen Buchverlag aufgebaut, der den gesamten Markt beherrschte und sie gewannen immer mehr Einfluss auf dem Literaturmarkt. Der Sohn der vorletzten Generation verliebte sich in eine kleine Angestellte in einer Buchhandlung, mit der die Familie nicht einverstanden war. Die Familie versuchte mit allen Mitteln, diese Verbindung zu verhindern. Auch vor Intrigen, um einen Keil in die junge Liebe zu treiben, schreckte sie nicht zurück. Sie waren immer noch vom alten Schlag, in dem man sich mit anderen einflussreichen Familien vermählte, um die Besitztümer zu multiplizieren. Aber dieser Sohn scherte sich einen Dreck um die alten Konventionen und heiratete die kleine, sanfte Frau. Sie bekamen einen Sohn, der sich aber noch weniger als seine Eltern den alten Regeln fügen wollte. Er beendete weder die Ausbildungen, die sie ihm angedeihen lassen wollten, noch blieb er in einer Arbeitsstelle mehr als einige Monate. Er sprühte vor Ideen, die zu verwirklichen ihm aber nie gelang. Die Leute bezeichneten ihn als hoffnungslosen Träumer. Eines Tages verschwand er spurlos. Niemand weiß etwas bis heute, weder warum noch wohin er verschwunden ist. Sowohl die Recherche der Polizei als auch die Anstrengungen eines Privatdetektivs, den die besorgten Eltern engagiert hatten, blieben erfolglos!« Pedro nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Bier und fuhr wieder fort, nachdem er sich mit der Zunge genüsslich den Schaum von der Lippe geleckt hatte. »Jetzt leben die Eltern, die inzwischen schon alt sind, allein und verbittert in dieser Villa, die irgendein Vorfahre im 17. oder 18. Jahrhundert errichtet hatte. Genau weiß ich das nicht. Das von einem Urgroßvater aufgebaute Imperium auf dem Literaturmarkt ist geschrumpft auf ein einziges Verlagshaus, das nur dank des ehrgeizigen Geschäftsführers, den sie eingesetzt hatten, noch gerade so viel abwirft, dass sie die Villa erhalten können und ihnen ein bescheidenes Auskommen sichert. Man sagt, sie hätten den Verlust ihres Sohnes nie überwunden und dadurch jegliches Interesse an Geschäften verloren.«
»Kennst du das Paar?«, fragte sie Pedro unvermittelt, doch dieser verneinte: »Nein, man sieht sie nie, ich wohne hier ganz in der Nähe. Sie gehen fast nie aus, höchstens, um Besorgungen für den täglichen Bedarf zu machen. Aber am gesellschaftlichen Leben haben sie seit dem Verschwinden ihres Sohnes nie wieder teilgenommen, und das ist jetzt sicher schon dreißig Jahre her!«
