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Anna Stark erzählt Geschichten über Ereignisse, Geschehnisse und Schicksale aus der Fülle eines Lebens. Mit Spannung und Empathie, aber auch schmunzelnd, beschreibt sie unterschiedliche Menschen in verschiedenen Zeiten und Situationen. Es sind wahre Begebenheiten mit persönlichem Bezug.
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Seitenzahl: 87
Veröffentlichungsjahr: 2025
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DAS UNTERBEWUSSTSEIN UND ERINNERUNGEN BLEIBEN
EINE LIEBE, DIE NICHT STIRBT
WEIHNACHTEN 1944
FLUGZEUGBENZIN
KINDHEITSERINNERUNGEN - SONNTAG
WARUM VERSCHLOSSEN?
CARE PAKETE
MENSCHEN IN IHRER VIELFALT
MEINE KINDMUTTER
MEIN GROSSVATER
DER ERSTE CORONA-FRÜHLING
COCKTAIL PARTY MIT BERLINER PROMINENZ
DIE GLUT IST ERLOSCHEN
FÜR DICH: LIEBE, SONNE, ROSE
DER MANN AM NEBENTISCH
DER BEOBACHTENDE NACHBAR
URLAUBSFAHRT EINER JUNGEN FAMILIE
SCHICKSALE
SIE HIELT ES IM KOPF NICHT MEHR AUS
SO EINE SCHANDE
LEHRERIN
FLUCHT AUS KABUL
AUCH EIN LEBEN
Ein Hund erinnert sich
In der ungarischen Tiefebene, da, wo sich die Donau entschließt, nach Osten zu fließen, in einem Herrenhaus.
Ich bellte laut, wenn jemand an das eiserne Hoftor kam. Eine Klingel gab es nicht. Ein ungarischer Hütehund muss normalerweise einem Hirten helfen, die Schafe zusammen zu halten. Aber ich musste nur das Haus der Familie, die Stallungen und die Obst- und Gemüseanlagen bewachen.
An einem warmen Sonnentag kam meine Herrin mit einem Korb aus dem Haus. Darin lag ein kleines Menschlein, in Kissen gebettet.
„Josci, das ist unsere kleine Anci. Auf sie musst du nun auch aufpassen.“ Sie war so klein und süß, mit ihren vielen schwarzen Haaren. Sie wollte ich ganz besonders beschützen. Deshalb schlug ich schon laut Alarm, wenn jemand auch nur in die Nähe des Hoftors kam und sie im Kinderwagen im Hof war.
Wenn sie auf einer Decke im Garten lag, legte ich mich neben sie. Sie streckte ihre Händchen nach mir aus. Als sie schon ein bisschen älter war, kraulte sie mein dichtes, weißes Fell. Ich streckte ihr meine Pfote entgegen. Sie ergriff sie, und oft hielten wir uns beide fest umschlungen. Ich liebte dieses Menschenkind! Und sie mich auch. Das spürte ich in meinem ganzen Hundekörper, vom Kopf bis in die Spitzen meiner Hinterpfoten.
Als Anci laufen konnte, kam sie schon morgens im Schlafanzug zu mir. Wir balgten und umarmten uns. Mal lag sie auf mir, mal ich auf ihr. Sie fing an, auf mir zu reiten. Es war mein größtes Vergnügen, wenn ich ihr weiches Körperchen auf meinem Rücken spürte.
Eines Tages wurde der jüdische Knecht meiner Herrenleute abgeholt. Er kam nicht wieder. Anci weinte dicke Tränen bei mir, denn er war ihr liebster Menschenfreund gewesen. Ich versuchte, sie in ihrem großen Schmerz zu trösten und leckte ihr die Tränen aus dem Gesicht.
Bald danach merkte ich eine allgemeine Unruhe und Geschäftigkeit im Haus. Koffer wurden in einen Pferdewagen getragen, und Wertsachen wie Porzellan und Silber im Garten vergraben.
Anci kam zu mir, legte sich auf mich und kraulte, wie immer, mein Fell, das sie so liebte und sagte: „Josci, wir müssen von hier fort. Es kommen böse Soldaten. Aber du darfst nicht mit, sagt die Mami, du musst hier alles bewachen.“
Wieder liefen dicke Schmerztränen an ihren Wangen hinunter. Auf meine Hundeart weinte ich mit ihr. Wir klammerten uns ein letztes Mal fest aneinander. Ich konnte ihr kleines Herz pochen fühlen. Sie bestimmt auch meines. So lagen wir, bis ihr Opa kam und sie hochhob. Anci schrie laut und strampelte. Ich bellte aus Hundekräften, als wir auseinandergerissen wurden. Großvater gab sie schnell ihrer Mami in die Arme, schwang sich auf den Wagensitz, schnalzte mit der Peitsche, und weg waren sie.
Der Herr des Hauses musste allein flüchten. „Josci,“ sagte er, „ich geh‘ nicht zurück zum Militär. Ich muss mich verstecken. Ich schütte den Hof voller Getreide zum Fressen für die Kühe, Gänse und Hühner. Ich lasse sie alle frei. Und du, bewache sie gut. Für dich ist Fleisch in der Remise.“
Flux setzte er sich auf sein Pferd, und auch er war weg.
Anci hatte recht. Einige Tage später knallte und krachte es. Wilde Partisanen überfielen das Dorf und schossen auf alles, was ihnen in den Weg kam, auch auf das Hoftor und brachen es auf. Ich bellte, so laut ich konnte und fletschte meine Zähne, als die Horde den Hof und die Tiere mit krachenden Gewehrsalven überrannte. Es half nichts. Ich sah nur noch das hässliche Grinsen eines Partisanen. Plötzlich ein ohrenbetäubender Knall!
Sieben Jahrzehnte später. Es ist Herbst. Jetzt ist ein Polizist in Deutschland mein Herr. Er trinkt gerne neuen Wein. Wir gehen zusammen zu einer Winzerrast.
Da sehe ich sie sitzen. Anci! Sie hat jetzt weiße Haare. Sie schaut mich an. Unsere Blicke treffen sich. Wir schauen uns tief in die Augen. Wir erkennen uns. Anci nimmt meinen Kopf in ihre beiden Hände. Sie krault mein Fell. Es fühlt sich an wie damals. Ein wohliger Schauer durchströmt meinen Körper. Ich spüre, wie auch sie zittert. Unsere Liebe hat uns wieder, wie vor 70 Jahren.
Da höre ich Anci meinen Herrn fragen: „Was ist das für eine Rasse?“
„Ein ungarischer Hütehund, gutmütig und kinderlieb,“ antwortet er.
Glatz, Niederschlesien, 24. Dezember 1944
Planwagen nach Planwagen trifft mit Flüchtlingen auf dem großen Rangierbahnhof ein. Es ist morgens 7 Uhr. Wind peitscht regennass über die Gleise. Große Kinderaugen schauen aus blassen Gesichtchen in den dunklen Morgen. Sie fragen nicht, sie schauen nur.
In einer angespannten Stille, nur durch laute Anweisungen unterbrochen, wird Wagen für Wagen, Pferd für Pferd, mit den Menschen in Viehwaggons verladen. Die Türen bleiben einen Spalt breit für die Luftzufuhr geöffnet. Die Lokomotive mit dem langen Zug dahinter setzt sich dampfschnaubend in Bewegung.
„Anica, wir fahren in eine Stadt, die Liegnitz heißt, und bald fahren wir durch die Stadt Frankenstein, die einen ganz schiefen Turm hat. Pass nur auf!“ versucht der Großvater wieder einmal seine Enkelin von ihrer übergroßen Belastung der Flucht abzulenken. Erheitern geht schon lange nicht mehr.
Am frühen Nachmittag fährt der Zug in Liegnitz ein. Der Leiter des Flüchtlingstrecks aus Südungarn ruft einzelne Namen auf und übergibt Namen und Anschriften von Wirtsleuten, die freiwillig oder auch gezwungenermaßen Flüchtlinge einquartieren. Anica wird mit Großeltern und Mutter den Wirtsleuten Ebner zugeordnet.
„Wieviel Personen, drei Erwachsene und ein Kind?“ werden sie von Frau Ebner empfangen. Sie schaut die Flüchtlinge, die elf Wochen Fluchtstrapazen mit Hunger, Krankheit und Todesfällen hinter sich haben, neugierig und abschätzend an. Sie schnuppert und rümpft die Nase. „Seid Ihr verlaust? Seit wann habt Ihr Euch nicht mehr gewaschen?“ Beschämt schauen die junge Mutter und die Großeltern zu Boden. „Und Kleidung zum Wechseln haben wir auch nicht mehr!“ murmelt die Mutter in einem dem Elend trotzenden Stolz.
„Die Pferde und den Wagen könnt Ihr in den Stall stellen. Ich lege Wolldecken aufs Stroh in der Scheune, da können der Großvater und die junge Mutter schlafen. Die Großmutter und die Kleine können mit mir ins Haus kommen, weil Weihnachten ist.“
Frau Ebner führt Großmutter und Enkelin eine Holzstiege hinauf und öffnet eine Zimmertür. Auf einem klobigen Dielenfußboden steht wie auf einem Thron ein Bett. „Da steht es: ein Bett!“ dachte Anica verzaubert. Monatelang hatten sie und Großmutter kein Bett mehr gesehen. Für Anica erscheint das Bett auf einmal so weit entfernt, so unerreichbar wie ihr seit Oktober unerfüllter Wunsch, endlich wieder in einem Bett zu schlafen. Fast ehrfürchtig, bei jedem Schritt bangend, dass es doch nur ein Traum sein könnte, nähert sie sich an der Hand ihrer Großmutter der Erfüllung ihres Wunsches.
Fest, an die Brust ihrer Großmutter gekuschelt, fällt Anica am Abend glückselig in einen tiefen Schlaf. Das letzte, das sie wahrgenommen hatte, war deren ihr seit Wochen vertrauter Schweißgeruch.
Frühmorgens, am Weihnachtsmorgen, weckt ein Klopfen an der Haustür die beiden aus dem Schlaf. Dann hören sie, wie sich Schritte ihrem Zimmer nähern. Anicas Herz fängt laut zu pochen an. Die Tür wird aufgerissen, der Wirt tritt ein, macht einen Schritt zur Seite und sagt: „Hier bringe ich Dir Deinen Papa.“ Anicas Atem stockt, in ihrem Kopf rauscht es. Da steht er wirklich, ihr Papa!
Er war von der ungarischen Armee desertiert, weil er sich weigerte, als sogenannter Volksdeutscher, zur deutschen Wehrmacht zu wechseln.
Anica fliegt auf ihren Vater zu, umklammert ihn wie ein Äffchen, und lässt ihn den ganzen Tag nicht mehr los. Sie hatte ihn, bis tief in ihr Körperchen, vermisst, seit sie im Oktober fliehen mussten. Ihre Mutter kann vor Freude nur fassungslos weinen.
Als der Tag zu Ende geht, muss sich der Vater aus der festen Umklammerung seines Kindes lösen. „Mein kleines Mädchen, du musst jetzt noch einmal tapfer sein. Ich muss euch wieder verlassen, damit sie mich nicht finden. Der Krieg ist bald zu Ende. Dann werden wir wieder zusammen sein.“ Er streichelt liebevoll sein Kind und entschwindet mit seinem Pferd in der Nacht. Das Geklapper der Hufe schallt ihnen allen noch lange nach.
Statt in einem Stall, einer Scheune oder in dem Planwagen, durfte Anica nach elf Wochen wieder in einem Bett schlafen und nach ebenso langer Zeit voll sehnsuchtsvoller Angst um ihren Vater, durfte sie sich für einen Tag an ihn schmiegen.
Für Anica blieb dieses Weihnachtsfest, trotz des unbeschreiblichen Elends, das glückseligste ihres Lebens.
„Nanni, heute machen wir etwas ganz Schönes!“ „O ja, “ reagierte ich spontan.
Ich hätte alles mit meinem Vater gemacht, den ich seit fast einem Jahr so vermisst hatte. Der Krieg war zu Ende, und mein Dati wieder bei uns, nachdem er von der Armee desertiert war und sich versteckt halten musste.
Wir gingen vor das Haus. Die Sonne schien von einem strahlend blauen Himmel, Schmetterlinge tanzten vor meiner Nase. Drei Nachbarskinder gingen mit uns. Wir liefen ausgelassen über die saft igen Wiesen, nur Sandalen an den Füßen, die Grashalme kitzelten so schön an den Beinen.
„Wisst Ihr, was wir heute machen?“ Mein Vaterwartete keine Antwort von uns ab. „Wir holen Benzin aus einem Flugzeug.“
Ich konnte meine Zweifel nicht zu Ende denken, wie das gehen sollte, kannte ich doch Flugzeuge nur in der Luft, und da machten sie mir Angst, ließen mich am ganzen Körper zittern. Jeden Moment konnte eine Bombe aus ihnen fallen.
„Dort drüben liegt es“, unterbrach Dati meinen Gedankenstrom. Da sah ich es. Wieder fing ich an zu zittern. Mein Vater sah mich an und verstand sofort. „Es kann uns nichts mehr machen. Es ist abgeschossen worden. Verstehst Du, es ist tot.“ Zaghaft näherte ich mich an seiner Hand dem Flugzeug. Tatsächlich, es war kaputt.
