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Karin steckt fest. Zwischen Kindergarten- und Reihenhausalltag fristet sie genau das Dasein, das sie nie wollte: Vorstadthausfrau in Vollzeit. Doch dann reißt sie ein Schicksalsschlag aus ihrer verhassten Routine und katapultiert sie gemeinsam mit ihren besten Freunden Sabine, Charlie und Fredi auf ein einsames Inselresort mitten im Indischen Ozean. Dort verlangt eine Ayurveda-Kur dem Quartett so einiges ab. Das Ausreinigungsprogramm samt Alkoholverbot legt die Nerven aller blank, stellt ihre Freundschaft auf eine harte Probe und deckt so manches Geheimnis auf. Und genau hier, Tausende Kilometer von zu Hause entfernt, kann sich Karin nicht länger verstecken vor der Beantwortung der alles entscheidenden Frage: »Was will ich wirklich?« Dann trifft sie die Entscheidung, die ihr ganzes Leben verändern wird. Ein Buch über Familienbande, Freundschaft und der großen Suche nach sich selbst.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Für Dich.
Weil dieses Buch zu Dir gefunden hat.
Und das nicht ohne Grund.
Niemand rettet uns außer wir selbst.
Wir müssen selbst den Weg gehen.
(Buddha)
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Epilog
Ich hasse Weihnachten. Das darf ich aber nicht. Nicht mehr. Denn ich bin jetzt eine Mutter.
Als Mutter darfst du vieles nicht mehr. Das sagt einem aber vorher keiner. Niemand informiert dich darüber, dass es dein vorheriges Leben nicht mehr gibt, nachdem du ein Kind in die Welt gepresst hast. Das steht aber in keinem Ratgeber. Die liefern lediglich Pflegehinweise für die Kinder, nicht für die Mütter.
Als Mama darfst du deiner vierjährigen Tochter auch nicht verraten, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Das hinterlässt gravierende Schäden in der psychischen Entwicklung. Den Vorwurf muss ich mir heute noch von meiner Schwester Claire anhören: »Du hast der Annegret ihre kindliche Phantasie geraubt!« Ja, genau! Weil mir vor vier Jahren rausgerutscht war, dass ich die Plastikpuppe umtauschen konnte, wegen der meine Nichte heulte, da das Kleid die falsche Farbe hatte. Mittlerweile ist Annegret sieben und will von ihrer Mama wissen, ob man auch seinen Vornamen umtauschen kann. Ihrer sei so uncool. Ich mag meine Nichte!
»Mama, Mama, schau mal, eine Blockflöte«, schreit Lilly quer durchs Wohnzimmer meiner Schwester zu mir herüber und wedelt dabei mit dem Holzinstrument in der Luft herum, das sie gerade ausgepackt hat. Das Küchenmesser in meiner Hand möchte ich Claire direkt in den Rücken stechen. Das Geschenk stammt von ihr. Das ist ihre Rache, die sie geschickt als Wohlwollen verpackt. Musikalische Früherziehung sei so wichtig, die fördere nämlich die Motorik und das Feingefühl von Kindern. Mit anderen Worten: Untalentierte Kleinkinder vermöbeln Instrumente und terrorisieren damit die Nerven ihrer Eltern. Das ist musikalische Früherziehung!
»Ui, das ist aber feini-fein. So ein hübsches Geschenk vom Weihnachtsmann.« Männer, die so reden, leben entweder noch zu Hause bei Mutti oder heißen Diethelm.
Ich habe nie verstanden, was Claire an ihrem Mann findet und wie sie sich von so jemandem gleich zwei Kinder machen lassen konnte. Er trägt kackbraune Hausschlappen aus Cord und zur Feier des Tages eine Fliege um seinen dünnen Hals. Weil ja heute Weihnachten ist. Das Fest der Liebe und krampfhaft erzeugten Familienharmonie. Also halte ich meine Klappe und kippe einen großen Schluck Rotwein hinunter. Wenigstens das darf ich: Alkohol trinken. Wie habe ich das damals nur die neun Monate während der Schwangerschaft ausgehalten?
Sobald die Kinder ihre Geschenke ausgepackt haben, gibt es Dessert. Endlich. Das bedeutet, dass ich es fast geschafft habe und zu Charlie kann.
Mark kommt zu mir an den Küchenblock. Ich weiß genau, was er will. Der hat auch keinen Bock mehr. Das sehe ich ihm an. »Karin, ich mache mich schon mal auf den Weg. Keine Ahnung, was bei dem Schnee auf der Autobahn los ist, und du weißt, wie sehr meine Mutter Unpünktlichkeit hasst.«
Oh ja. Meine Schwiegermutter. Die hasst nicht nur Unpünktlichkeit. Die hasst einfach alles, was nicht in ihr spießbürgerliches Leben passt. Und sowas wie die habe ich jetzt durch meine Hochzeit mit Mark am Hals. Und das lebenslang?
»Aber Lilly ist noch nicht fertig mit ihrem Dessert«, gebe ich meinem Mann zu bedenken, um mich von den gedanklichen Langzeitfolgen meiner Ehe abzulenken.
»Kannst du sie nicht dieses Jahr mitnehmen?«, nörgelt der jetzt rum.
»Zu Charlie?«
»Warum nicht?«
»Weil das nicht geht.«
»Weil du das nicht willst, meinst du wohl!«
»Weil es da für sie stinklangweilig ist, Mark!«
»Und eineinhalb Stunden Autofahrt sind besser für sie, oder was?«
»Sie fährt mit dir zu ihren Großeltern, wo ein Haufen Geschenke auf sie warten. Dass deine Eltern sich weigern, an Weihnachten das Haus zu verlassen, um ihr Enkelkind hier in München zu sehen, dafür kann ICH doch nichts, Mark!«, zische ich.
»Du könntest auch mitkommen, anstatt dich wie jedes Jahr ab dem späten Nachmittag bei deiner schwerreichen Freundin in deren Millionenvilla volllaufen zu lassen!«
Und genau deshalb hasse ich Weihnachten. Alles, was sich das ganze Jahr über aufgestaut hat, entlädt sich an diesem einen Tag. Das ist quasi ein Naturgesetz.
Mark war noch nie begeistert von meiner Freundschaft mit Charlie. Er beschimpft sie als verzogene Nobelvorort-Schlampe, die sich von ihrem alten Mann aushalten lässt. Ich glaube, dass er einfach nur neidisch ist auf das, was Charlie und ihr Mann Alfred, den wir alle liebevoll Alfi nennen, haben. Weil wir es nicht haben. Diese aufrichtige, bedingungslose Liebe. So hat es mir jedenfalls meine Psychotherapeutin erklärt.
Ich schaffe es, für meine Tochter noch das Dessert auszuhandeln, bevor sie sich mit ihrem Vater zu den Großeltern verabschiedet. Wie jedes Jahr ernte ich bei meiner anschließenden Verabschiedung vorwurfsvolle Blicke von meiner Schwester. In Claires Universum gibt es an Weihnachten keinen Platz für andere Menschen außerhalb der eigenen Familie. Die Grenzen meines Universums sind da toleranter, vor allem, wenn für mich die Aussicht auf einen ausgelassenen Tagesabschluss im Kreise der Menschen besteht, die mich verstehen und die nicht jedes meiner Worte auf die Goldwaage legen. Im Haus meiner Schwester muss immer alles politisch korrekt sein. Darauf legen sie und der Diethelm großen Wert, weshalb ich jedes Mal mit Anständigkeits-Burn-out von denen nach Hause komme. So wie jetzt. Dass ich nur zwei Häuser weiter wohne, macht das Ganze nicht einfacher, aber ich habe im Laufe der Zeit gelernt, auf den wenigen Metern abzuschalten und meine Schwester in 18c hinter mir zu lassen.
Daheim angekommen, lasse ich die Haustür hinter mir ins Schloss fallen und atme erleichtert aus. Niemand ist zu Hause. Es ist mucksmäuschenstill. Ich bin alleine. Als Mutter lernst du, die Momente zu schätzen, in denen niemand nach dir schreit, weil sich Gegenstände offenbar in Luft auflösen können, die Lieblingsklamotten gerade in der Wäsche sind, das falsche Essen auf dem Tisch steht, ein Kinderpopo abgewischt werden will oder gerade sonst kein anderer Prellbock verfügbar ist. Ständige Alarmbereitschaft ist mein zweiter Vorname.
Aber nicht heute. Dieser Tag gehört mir. Wenigstens das habe ich mir erhalten.
Mein Handy signalisiert den Eingang einer Whatsapp-Nachricht.
Bist du so weit?, will Sabine von mir wissen.
Warum die sich die Mühe macht zu texten, anstatt einfach zu klingeln, ist mir ein Rätsel. Sie wohnt direkt nebenan in 18f.
Bereit, wenn Sie es sind!, texte ich in Anlehnung an Hannibal Lecter aus ›Das Schweigen der Lämmer‹ zurück.
Und, Clarice, was machen deine Lämmer so?, antwortet sie.
Also gut, texten wir halt von Haustür zu Haustür. Die einen bringen hoffentlich gleich meine Schwiegermutter zum Schweigen, die anderen haben gerade herausgefunden, dass sie nicht bio sind. Dann warte ich auf ihre Antwort.
Das ist aber ganz und gar nicht sozio-bio-ökölogisch-korrekt-vertretbar.
Wann fahren wir los?, frage ich.
Taxi ist bestellt. Fünf Minuten. Schaffst Du?
Schaffe ich. Vier Minuten und neunundfünfzig Sekunden später stehe ich abholbereit vor unserem Reihenmittelhaus. Überpünktlichkeit ist meine Tugend. Na toll! Ich bin genau wie meine Schwiegermutter. Unter dem Daunenmantel trage ich Hoodie und Jogginghose, den offiziellen Dresscode unseres alljährlichen Weihnachtstreffens bei Charlie. Das hat Tradition, seit mir dort vor vier Jahren die Fruchtblase auf ihrem Perserteppich geplatzt ist. Nach unseren familiären Pflichtveranstaltungen hocken wir dort zusammen wie Jugendliche auf Klassenfahrt und ratschen, saufen und lachen bis in die frühen Morgenstunden. Anschließend schleppt sich jeder in sein Gästezimmer und fällt in das liebevoll hergerichtete Bett. Magda, die Haushälterin, ist ein wahrer Engel. Sie stellt jedem von uns ein isotonisches Getränk auf dem Nachttisch bereit und legt eine polnische Wundertablette dazu, von der keiner weiß, was da wirklich drin ist. Wir sind uns alle einig, dass dieses Mittel garantiert keine Zulassung besitzt. Aber der Effekt ist der Hammer: null Kater am nächsten Morgen.
Nebenan geht die Haustür auf und Sabine gesellt sich zu mir. Ohne ein Wort, dafür aber mit einem selbstgefälligen Lächeln auf den Lippen, zündet sie sich eine Zigarette an und inhaliert einen tiefen Zug.
»Was hast du angestellt?«, bin ich amüsiert.
»Oh, ich war ein böses Mädchen! Mein halbgarer Ehemann darf sich gerade mit unserem besserwisserischen Ältesten auseinandersetzen. Söhne Anfang zwanzig, die glauben, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, sind die Pest. Und mit der hockt Frank jetzt über den Bratenresten und darf sich anhören, warum der Kapitalismus den Weltfrieden zerstört. Dass der Kapitalismus seines Vaters ihm das Auslandsstudium finanziert, erfährt Rudi dann beim Dessert, das seine Mutter wiederum vom kapitalistischen Haushaltsgeld eingekauft hat. Es könnte nicht besser laufen. Das Thema habe ich übrigens angerissen, kurz bevor ich zu dir rauskam. Mein Weihnachtsgeschenk für meinen Mann.« Sabine zieht erneut an ihrem Glimmstängel und pustet dann stoßweise Rauchkringel in die Luft. Wie das funktioniert, habe ich bis heute nicht verstanden. Es ist eine Kunst. Genau wie Sabines Lebenseinstellung. Nichts bringt sie aus der Ruhe, selbst die Seitensprünge ihres Ehemanns steckt sie weg wie benutzte Taschentücher. Das ist ihr Arrangement mit dem Leben.
Ich könnte das nicht. Meine Ehe ist zwar nicht gerade das, was man als erfüllt bezeichnen würde, aber so läuft das eben. Oder? Wir sind hier schließlich nicht bei Rosamunde Pilcher.
Das Taxi ist da. Es befördert uns aus der Vorstadt hinaus und hinein in eine Welt, die für mich vorher nur in meinen Vorurteilen existierte. Charlie und Alfi wohnen in Grünwald. Das ist DER Münchener Nobelvorort, wo alles residiert, was Rang und Namen oder einen reichen Ehemann hat. Charlie hat beides. Ihr Mann Alfred ist dreißig Jahre älter als sie und um ein paar Ecken herum sogar adelig. Welche Art von Geschäften er genau betreibt, habe ich bis heute nicht verstanden, aber sie scheinen zu funktionieren.
Bei unserer Ankunft werden wir schon erwartet. Charlie steht in der offenen Eingangstüre ihrer Toskanastil-Villa mit Fiffi auf dem Arm. Ich habe diesen Chihuahua noch nie laufen sehen. Er wird entweder getragen oder steckt in Louis Vuitton Taschen. Ja genau, Mehrzahl: Tasche-n. Charlie besitzt mehrere Exemplare in den unterschiedlichsten Farben, sodass sie diese immer passend zu ihren Outfits kombinieren kann. Das ist eine Berufskrankheit, denn Charlie ist Boutiquebesitzerin.
»Oh, wie zauberhaft, endlich seid ihr da«, hüpft sie in ihrer typischen Charlie-Manier auf und ab. Fiffis Miniaturköpfchen wird dabei hektisch hoch-und runtergeschüttelt, aber der Köter ist das mittlerweile gewohnt. Sie drückt uns abwechselnd an ihren Silikonbusen, verteilt Bussis rechts und links und zieht uns hinein in ihre heile, warme Welt. Dort empfangen uns gekühlter Champagner, diverse Sushi-Platten und Fredi, der schönste Mann der Welt, bei dem Frauen allerdings chancenlos sind.
»Schätzchen, du schon hier? Hat deine Familie dir wieder zugesetzt?«, begrüßt ihn Sabine und drückt ihm einen Kuss auf den Mund, was sie mit: »Oh, mein Gott, diese Lippen, was für eine Verschwendung«, kommentiert. Das macht sie immer.
»Ich bin schon seit drei Uhr hier. Während des Desserts bei meinen Eltern musste ich dieses Jahr passen. Immer die gleiche Leier: Wann heiratest du endlich? Wann zeugst du einen Erben? Warum arbeitest du nicht im Familienunternehmen? Wie kann man an Weihnachten mit zerrissener Jeans rumlaufen? Hätte es dieses Jahr nicht wenigstens ein Hemd sein können? Bla, bla, bla.«
»Mein armer Fredi, ich habe dir schon so oft angeboten, zu Alfi und mir zu ziehen. Zumindest so lange, bis du weißt, was du mit deinem Leben anfangen möchtest.«
»Ich bin noch nicht so weit, Charlie.«
»Noch nicht so weit? Mit Mitte dreißig? Das sagst du schon seit vier Jahren, Fredi. Wird langsam Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen, meinst du nicht?«
»Sabine! Wie wäre es ausnahmsweise mit ein bisschen Mitgefühl statt immer dieser … dieser eiskalten Art?«, nehme ich Fredi in Schutz.
»Du meinst wohl eher logischen Schlussfolgerungen. Was hat es ihm denn bisher gebracht, das ganze Versteckspiel?«
»Er hat einen Namen und mag es nicht, wenn man in der dritten Person über ihn spricht!«, nuschelt Fredi in seinen Champagner, bevor er das Glas in einem Zug leert.
»Da siehst du es. Er schluckt seine Sorgen hinunter, anstatt sie zu lösen.«
»Sagt die Richtige«, rutscht es mir heraus.
»Was soll das denn heißen?«, fährt Sabine mich daraufhin an.
»Aber Kinder, bitte! Jedes Jahr das Gleiche, kaum, dass man euch alleine lässt. Jetzt bekommt jeder ein Glas Whiskey und dann beruhigen wir uns alle wieder. Es ist schließlich Weihnachten.« Alfi steht in der Tür zum Salon und balanciert ein Tablett in der Hand. Den Whiskey hat er schon vorbereitet und verteilt jetzt die Gläser an uns. Auch das hat mittlerweile Tradition. Der Streit zu Beginn unseres Aufeinandertreffens ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Und unser Erzieher Alfi sorgt immer dafür, dass dieser Streit nicht eskaliert und es doch noch ein schöner oder – wie Charlie sagen würde – zauberhafter Abend wird. Wie immer und jedes Jahr an Weihnachten.
Dieser Frieden soll im neuen Jahr auf die Probe gestellt werden. Aber das wissen wir jetzt noch nicht.
Das neue Jahr hat begonnen. Zeit für jede Menge gute Vorsätze. Und das dreihundertfünfundsechzig Tage lang, von denen bereits vierzehn weg sind. Unnötig zu erwähnen, dass meine praktische Umsetzung bisher zu wünschen übrig lässt.
Auf meiner Liste steht das Übliche: mehr Sport und eine ausgewogenere Ernährung. Da bin ich guter deutscher Durchschnitt – wie in fast allem. Das mit dem gesunden Essen ist aber gar nicht so einfach, wenn du ein Kind hast. Meine Mahlzeiten bestehen hauptsächlich aus Fischstäbchen und Kartoffelpüree. Vierjährige sind wenig begeistert von Quinoa, Chiasamen oder Grünkohl-Smoothies und ich bin wenig begeistert vom Kochen an sich. Gott sei Dank hat meine Tochter einen anspruchslosen Geschmack und freut sich über Glutamatpanade aus dem Gefrierfach mit Fischfüllung sowie eine ordentliche Fuhre Fix-und-fertig-Kohlenhydrate von Pfanni dazu. Da ich neben meiner Portion zusätzlich noch Lillys Reste während des Abräumens vertilge, überschreite ich regelmäßig die empfohlene Tagesdosis an Kilokalorien für eine ausgewachsene Frau meines Alters. Ich werde bald einunddreißig und mein Wachstum gilt offiziell als abgeschlossen. Mein Stoffwechsel offensichtlich auch, denn mein Körper wehrt sich mit aller Kraft gegen das Loslassen der letzten drei Schwangerschaftskilos. Und das nach vier Jahren! Was früher ein ordentlicher Magen-Darm-Virus oder ein Vierundzwanzig-Stunden-Nahrungsaufnahme-Stopp erledigt haben, müsste heute schon ein ausgefeiltes, konsequentes Sportprogramm inklusive Ernährungsumstellung übernehmen. Wie das genau funktioniert, führt mir tagtäglich meine Nachbarin Regine vor Augen. Jeden Morgen um Punkt sechs Uhr dreißig geht sie joggen. Während ich bei der ersten Tasse Kaffee völlig schlaftrunken und leidenschaftslos Kindergartenbrote schmiere, springt sie wie eine Gazelle an meinem Küchenfenster vorbei, setzt ihr breitestes Grinsen auf und winkt mir zu. Dafür möchte ich ihr jedes Mal ein Bein stellen. »Das ist alles nur eine Frage der inneren Einstellung und des richtigen Mindsets«, durfte ich mir neulich von ihr anhören. Mein Mindset hat sich dazu entschlossen, sie dafür zu hassen. Wenigstens das ziehe ich konsequent durch und es funktioniert super.
Der Tag hat kaum begonnen, da muss ich Lilly auch schon wieder vom Kindergarten abholen. Betreuungsplätze sind rar gesät in und um München und wir können uns glücklich schätzen, überhaupt einen abbekommen zu haben. Ich hätte mein Kind bereits anmelden und auf die Warteliste setzen lassen müssen, als ich noch ein präpubertärer, menstruationsfreier Teenager war. Wenn du als teilzeitbeschäftigte Frau einen Ehemann mit Vollzeitjob plus Vollzeitgehalt nachweisen kannst, fällst du automatisch in die Kategorie ›Mutter, die ihre Arbeit nur als Hobby betreibt‹. Bei der Anmeldung mussten wir alles offenlegen: Einkommen, Arbeitszeiten, Familienverhältnisse, fehlte nur noch unsere durchschnittliche Sexrate pro Woche. Du lässt die Hosen runter, um dein Kind stundenweise auszulagern, damit du wenigstens ansatzweise etwas in die Rentenkasse einzahlen kannst. Sollst du aber nicht. Zum Glück gehört mir die Hälfte unseres Hauses. Dafür hat Sabine noch vor meiner Hochzeit mit Mark gesorgt, was ich damals nicht verstanden habe und wofür ich ihr heute zutiefst dankbar bin. Es lässt mich ruhiger schlafen.
Wie jeden Tag mache ich mich kurz vor dem Mittagessen auf den Fußweg zum Kindergarten.
Kindergartenmütter sind eine Welt für sich. Aber nicht meine. Den Abholritualen der anderen Eltern beiwohnen zu müssen, ist mein persönlicher Horrormoment des Tages. Nirgendwo sonst erlebt man live, wie bei erwachsenen Menschen in Millisekunden der aktive Wortschatz komplett aussetzt. Sobald sie ihren (meist schlecht gelaunten) Nachwuchs erblicken, erzeugen sie nur noch Laute wie ›Ui‹, ›Ei‹, oder ›Oh‹. Normale Unterhaltungen? Ausgeschlossen! Alles dreht sich dann nur noch um Töpfchentrainingserfolge und infantile Förderprogramme, denn aktuell scheint eine ganze Generation Hochbegabter heranzuwachsen. So belausche ich regelmäßig Gespräche darüber, wie weit entwickelt deren Kinder allesamt für ihr Alter sind und dass ihre Verhaltensweisen eindeutig auf eine Hochbegabung hindeuten. Tobsuchtsanfälle seien ein eindeutiges Anzeichen für einen extrem hohen IQ. Aha. Dann wäre meine Lilly ein absoluter Überflieger.
An der Garderobe meiner Tochter angekommen, finde ich eine Einladung zum Elternabend in ihrem Fach. Auch das noch! Ich pfeife mein Kind aus der Gruppe raus, was ihr ein allgemeines »Liiillyyyy – abgeholt – selber schuld« einbringt. Was für ein dämlicher Kindergartenspruch! Und die sollen alle hochbegabt sein?
Während ich auf mein Kind warte, das noch seine Spielsachen aufräumen muss, wird neben mir gerade der kleine Frank abgeholt. Der Junge hockt auf der Garderobenbank, seine Mutter kniet vor ihm und versucht verzweifelt, die zappelnden Füße des Jungen mit beiden Händen einzufangen, um sie in seine ausgelatschten Winterstiefel zu stopfen.
»Frank, mein Herzchen, die Mama hat gleich einen Termin beim Arzt und möchte gerne pünktlich sein«, versucht sie ihren Jungen zum Anziehen seiner Stiefel zu bewegen.
Ohne Erfolg. Der Frank zappelt einfach weiter.
»Fra-ank, bitte, die Mami muss sich beeilen.«
Das interessiert den Fra-ank aber nicht die Bohne.
»Frank, jetzt reicht es! Zieh sofort deine Stiefel an!«, ändert sie die Taktik.
»Du bist eine Scheiß-Mama!«, brüllt Fra-ank daraufhin seine Scheiß-Mama mit verzerrter Fratze an.
Ui, jetzt wird es spannend. Ich täusche vor, Lillys Sachen in ihrem Garderobenfach aufzuräumen, wobei ich ein paar Gegenstände lediglich von rechts nach links und wieder zurück bewege. Auf keinen Fall will ich das verpassen, was hier gleich abgeht. Das kann Scheiß-Mama unmöglich durchgehen lassen.
»Franki-Schatzi, das war aber nicht lieb von dir. Da ist die Mami ganz traurig, wenn du so etwas zu ihr sagst.«
Ernsthaft? Das ist ihre Reaktion auf die Beschimpfung ihres (zugegeben äußerst hässlichen) Sohnes?
Anstatt der gewünschten kindlichen Empathie erntet die Scheiß-Mama ein »Blöde-Arschloch-Mama!«
Wow! Muss der hochbegabt sein.
Betretenes Schweigen. Endlich Action und Abwechslung im Kindergarten. Ich freue ich mich auf den bevorstehenden Streit zwischen Blöde-Arschloch-Mama und Franki-Schatzi und räume weiter völlig sinnlos Dinge hin und her.
Aber Fehlanzeige, denn Arschloch-Mama sagt nur: »Mein armer kleiner Franki-Schatzi. So viele aufgestaute Aggressionen«, schaut dann zu mir hoch und meint: »Kein Wunder, wenn so kluge Kinder wie mein Frank hier geistig nicht richtig ausgelastet werden! Ich muss das mit der Leitung besprechen, schaust du eben auf den Frank? Superlieb, danke dir«, und verschwindet, ohne meine Antwort abzuwarten, in den Gruppenraum.
Franki-Schatzi registriert meinen verständnislosen Blick und streckt mir die Zunge raus. Da die Blöde-Arschloch-Mama außer Sicht- und Hörweite ist, beuge ich mich zu ihm runter und zische: »Mach das noch einmal, Franki-Boy, und ich sorge dafür, dass man dir dein freches Mundwerk zunäht und deine blöde Zunge da nie wieder rauskommt!«
Wie von der Tarantel gestochen springt Franki-Boy auf und rennt weinend seiner blöden Arschloch-Mama hinterher in den Raum, aus dem jetzt meine Tochter kommt. Ich schnappe ihren Mantel vom Haken, die Schuhe vom Boden, hebe sie auf den freien Arm und mache mich mit einem »Schnell weg hier« aus dem Staub. Das wird bestimmt ein Nachspiel haben und DAS Thema auf dem Elternabend sein. Aber das war es mir wert.
Seitdem ich eine Vollzeitmutter bin, gleicht mein Leben einer sich ständig wiederholenden Dauerschleife. Unvorhergesehenes widerfährt mir nur noch in Form von Kinderkrankheiten, die immer zu den denkbar ungünstigsten Zeitpunkten ausbrechen. Meistens dann, wenn ich verabredet bin und eine Pause vom Mamadasein über Wochen im Voraus geplant habe. Kindliches Fieber und Erbrechen klopfen nicht höflich an und fragen nach, ob es gerade passt oder ob sie lieber später noch mal vorbeischauen sollen. Die sind da rigoros und machen dir, ohne jedes schlechte Gewissen, einen ordentlichen Strich durch die Rechnung. Die bedingungslose Liebe zu deinem Kind aktiviert dann sämtliche Reserven deines Körpers und lässt dich schlaflose Nächte überstehen, in denen du im Akkord Bettwäsche wechselst, Medikamente verabreichst und einfach nur da und wach bist.
Natürlich liebe ich meine Tochter. Ich kann gar nicht anders, auch wenn sie viel von ihrem Vater hat. Mark liebe ich auch, er ist schließlich mein Mann und Lilly der Grund, weshalb wir geheiratet haben. Geplant war sie nicht. Nichts von dem, wie ich aktuell lebe, war so geplant. Mein Traum eines erfüllten, vom Erfolg bestimmten Lebens ist damals mit meiner Fruchtblase auf dem sündhaft teuren Perserteppich geplatzt. Karriere als schicke Geschäftsfrau machen jetzt andere wie die Maren. Sie war einst die aufstrebende Kollegin an Marks Seite, aber selbst eine wie die konnte sich in der chauvinistischen Baufirma nicht durchsetzen. Dafür fehlte es letztendlich auch ihr an den nötigen Zentimetern in der Hose. Frau Dr. Maren Ponte leitet jetzt den Marketingbereich eines renommierten Baustoffherstellers und ist nach wie vor geschäftlich mit meinem Mann verbandelt. An die Art und Weise, wie sie Geschäftsbeziehungen pflegt, musste ich mich erst gewöhnen. Die Tonalität ihrer Whatsapp-Nachrichten besticht durch eine gewisse Art, wie sie sonst nur Geliebte an den Tag legen. Solche Nachrichten schickt sie auch an meinen Ehemann. Das hat in der Vergangenheit bereits dazu geführt, dass ich Mark eine Affäre mit ihr angehängt habe. Zur Rede gestellt habe ich ihn deswegen aber nie, es hat sich irgendwie nicht so richtig ergeben und mittlerweile ist der enge Kontakt der beiden für mich zur Gewohnheit geworden. Hausverbot hat sie bei mir trotzdem.
Mein Kind informiert mich motzenderweise darüber, dass es heute keine Fischstäbchen mag. Chicken Nuggets sollen es dafür sein, mit Pommes. Mir auch recht, beides macht sich von selbst im Backofen. Wir gehen auf dem Heimweg schnell noch im Supermarkt vorbei, wo ich für den Abend eine Flasche teuren Rotwein besorge. Mark kommt heute extra früher nach Hause. Wir haben uns vorgenommen, mehr ›Quality Time‹ miteinander zu verbringen. So nennt man das jetzt, wenn man seine Ehe retten will. Ganz am Ende sind wir zwar nicht, aber es bleibt viel auf der Strecke zwischen Kind, Job, Haushalt, Freunden und Freizeit. Ganz zu schweigen vom Sex. Der war früher unsere Königsdisziplin, die mittlerweile zu einer Erinnerung an vergangene Tage verblasst ist. Wo ich den bei dem ganzen Alltagsstress noch unterkriegen soll, ist mir ein Rätsel. Heute Abend vielleicht. Mit ein paar Prozent Hilfe.
Zu Hause angekommen, schmeiße ich den Backofen an und schicke Lilly in ihr Zimmer zum Spielen, bis das Essen fertig ist. Dass das ein folgenschwerer Fehler war, bekommen meine Ohren wenige Sekunden später zu hören. Lilly spielt ›musikalische Früherziehung‹ und erzeugt auf ihrer Blockflöte Töne, die mich ernsthaft an der geistigen Gesundheit meines Kindes zweifeln lassen. Ich beschließe, das Scheißding schnellstmöglich zu entsorgen. Aber das muss warten, denn mein Zeitplan ist straff, da ich meinen Körper noch einer gründlichen Rasur unterziehen muss. Wer weiß, wo Mark später nach einer Flasche Rotwein landen wird, und ich will auf alles vorbereitet sein. Wenn mein Mann angetrunken ist, erlebt er eine Art Flashback. Er vergisst dann seine bildhafte Vorstellung davon, dass dort unten seine Tochter rausgeschlüpft ist, und macht all die Dinge, die vor der Geburt zu seinem Verwöhnprogramm gehörten. Ohne Alkohol gibt es seitdem nur Standardprogramm, gutes öffentlich-rechtlich erstes und zweites Programm. Für das Umschalten auf schlüpfrige Privatsender muss ich ihn daher abfüllen und entkorke in weiser Vorausschau die Weinflasche.
Während ich mich gedanklich auf den heutigen Abend einstimme und dabei die Tiefkühlkost auf dem mit Backpapier ausgelegten Ofenblech ausbreite, klingelt es. Ich unterbreche widerwillig meine schmutzigen Gedanken und öffne Claire die Tür, die mit herabhängenden Schultern und gerunzelter Stirn vor mir steht. Also die passt jetzt so gar nicht in mein Szenario und ruiniert mir die Stimmung. Na toll!
Meine Schwester verkündet, dass sie mir etwas Dringendes mitteilen muss. Es wäre besser, wenn wir uns hinsetzen würden. Ich lasse sie herein und wir nehmen am Esstisch Platz. Die macht es aber auch spannend.
»Unser Vater ist tot, Karin.« Pause. Erwartungsvoll sieht sie mich an, ihre Stirn hat sie immer noch in Falten gelegt. »Karin? Hast du gehört? Unser Vater …«
»Und das ausgerechnet heute!«, platze ich vor Wut.
»Wie bitte?«
»Kein Durchfall, keine Erkältung, keine Läuse. Sogar gute Laune hat mein Kind heute. Ausgerechnet dann kommt mir der Tod unseres Vaters dazwischen, wenn ich plane, seit Langem endlich wieder schmutzigen Sex mit meinem Mann zu haben. Ich fasse es nicht!«
Claire auch nicht. Allerdings ist sie fassungslos über meine Reaktion und nicht darüber, dass ich meine Ehe auffrischen will. »Karin, unser Vater ist gestorben. Das ist doch keine angemessene Reaktion auf die Nachricht seines Todes!«
Miss Political Correctness mal wieder! Drauf geschissen! »Es war auch nicht angemessen von ihm, sich an meiner Hochzeit direkt nach der Hauptspeise zu verpissen, nur weil seine blöde Frau ihm ein zeitgebundenes Sparticket gekauft hatte. Oder uns und unsere Mutter im Stich zu lassen, weil wir zu anstrengend für ihn waren.«
»Du reagierst über. Wahrscheinlich stehst du unter Schock.«
»Das ist kein Schock, sondern die Wut darüber, dass er es selbst über seinen Tod hinaus schafft, mir mein Leben zu versauen.«
»Ach, Karin.«
»Ach, Karin«, äffe ich meine Schwester nach. »Ich hatte genügend Gründe, den Kontakt zu ihm abzubrechen. Und jetzt platzt er einfach so in mein Leben, obwohl er tot ist.«
»Dafür, dass du ihn angeblich so erfolgreich ausgeschlossen hast, reagierst du aber ganz schön emotional, findest du nicht?«
Na toll. Jetzt werde ich auch noch analysiert. Soweit ich weiß, hat meine Schwester eine Ausbildung zur Versicherungskauffrau absolviert und kein Psychologiestudium. Daher frage ich sie: »Und was soll ich jetzt mit der Information anfangen? Ich hatte seit über vier Jahren keinen Kontakt zu ihm.«
»Es gibt ein Testament.«
»Na und? Was habe ich damit zu tun?«
»Einiges anscheinend, denn es soll nach seiner Beerdigung eröffnet werden und betrifft uns beide. Hier, lies selbst.« Claire befördert ein Kuvert aus der Tasche ihrer Strickjacke und schiebt es langsam mit beiden Händen über die Tischplatte zu mir herüber.
Ich starre es an, ohne mich zu rühren, halte die Arme weiterhin demonstrativ verschränkt vor meinem Oberkörper zusammen und beiße mir dabei auf die Unterlippe. Alles an und in mir ist angespannt. Ich muss mich schützen. Zu tief sitzen die Wunden der Vergangenheit.
Claire kommt mir entgegen und beginnt, den Inhalt des Briefes für mich zusammenzufassen. Verfasst hat ihn die Frau meines Vaters, die jetzt eine Witwe ist. Die Beerdigung findet am kommenden Wochenende in der Nähe von Flensburg statt, wo er die letzten vierundzwanzig Jahre gelebt hat. Wir sind, abgesehen von seiner Frau, die einzige direkte Verwandtschaft und somit die rechtmäßigen Erben, die ausdrücklich zur Testamentseröffnung geladen sind. Das hat unser Vater noch zu seinen Lebzeiten persönlich festhalten lassen. Sogar unsere Zugtickets sind schon bezahlt und für eine Unterkunft vor Ort wurde ebenfalls gesorgt.
Ich bin immer noch sprachlos und habe meine Sitzposition nach wie vor nicht verändert. Mein Gehirn hat die Informationen registriert, aber mein Verstand sie noch nicht verarbeitet. Ich kapiere das alles nicht. »Wir haben keine Rolle in seinem verdammten Leben gespielt und jetzt sollen wir über acht Stunden Zugfahrt auf uns nehmen, um was genau zu erfahren? Dass wir seine Briefmarkensammlung geerbt haben?«
»Keine Ahnung, Karin, aber wir müssen da hin. Um abzuschließen.«
»Ich habe schon vor Jahren mit ihm abgeschlossen!«
»Hast du nicht, und das weißt du auch.«
»Ich kann Lilly nicht alleine lassen.«
»Sie hat einen Vater, der auf sie aufpassen kann.«
»Mark weiß nicht, wie das geht. Er war noch nie mehrere Tage alleine mit seinem Kind.«
»Der Diethelm ist auch noch da sowie der Rest der Nachbarschaft.«
