LebensLust - Roger Wisniewski - E-Book

LebensLust E-Book

Roger Wisniewski

0,0

Beschreibung

Robert Jonas steht im Alten Museum in Berlin Mitte vor der Büste des griechischen Philosophen Epikur und fragt sich, warum er die epikureische Philosophie bisher abgelehnt hat, obwohl er weiß, dass deren Ziel das persönliche Glück und ein gelingendes Leben ist. Epikurs These war: "Suche Lust und vermeide Unlust!". Was ist damit gemeint? Um welche Art von Lust ging es ihm? Um das herauszufinden, trifft er sich mehrmals mit einer Philosophischen Praktikerin, mit der er sich berät und die ihm den Hinweis gibt, dass es möglicherweise in einem Kloster auf dem Berg Athos noch geheim gehaltene Schriften Epikurs oder seiner Nachfolger gibt. Robert reist nach Athen und trifft dort auf eine ihn faszinierende Griechin, die ihm dabei behilflich ist, seinen Fragen nachzugehen. In diesem philosophischen Roman geht es um die epikureische Philosophie, die für jeden von uns eine großartige Anleitung für ein gutes Leben sein könnte.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 247

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für Dich

Lust ist Ursprung und Ziel für ein glückliches Leben.

(Epikur im Brief an Menoikeus)

Geboren sind wir nur einmal; zweimal ist es nicht möglich,

geboren zu werden. Notwendig ist es, die Ewigkeit hindurch

nicht mehr zu sein. Du aber bist nicht Herr des morgigen

Tages und schiebst dennoch das Erfreuliche auf.

Das Leben geht unter Zaudern verloren,

und jeder einzelne von uns stirbt in seiner Unrast.

(Epikur, Weisung 14)

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

1

Welch edles Gesicht! Schmal geschnitten, von einem langen, lockigen Bart umrahmt, ein energischer Mund mit vollen Lippen, darüber eine lange schmale Nase und hohe Wangenknochen; auf die hohe Stirn fallen dichte wellige Haare. Der ernste und leicht melancholische Gesichtsausdruck wirkt ausgesprochen nobel auf ihn.

Robert Jonas steht im Alten Museum vor der marmornen Büste des griechischen Philosophen Epikur. Er betrachtet den Kopf nicht nur von vorne, geht immer wieder um ihn herum, bückt sich, um die tiefliegenden Augen genauer zu betrachten und fragt sich, warum die Philosophie Epikurs – offenbar von Anfang an – verunglimpft und bekämpft worden ist.

Eigentlich wollte Robert sich an diesem Mittwochnachmittag in aller Ruhe die Antikensammlung im Alten Museum ansehen. Aber dann hatte er zu Hause versucht, einen neuen Router zu installieren und war deshalb viel später als geplant losgekommen.

Er verharrt bereits eine Viertelstunde vor der Büste Epikurs. Es bleibt ihm nur noch knapp eine Stunde, bevor das Museum schließt, und er hat erst die Hälfte der Exponate gesehen. Außer ihm befindet sich noch ein Museumswärter im Raum, der ihn schon seit geraumer Zeit aus dem Augenwinkel beobachtet. Sein ungewöhnliches Verhalten hat offensichtlich die Aufmerksamkeit des Mannes geweckt.

Warum geht er nicht weiter, was hält ihn fest? Warum verharrt er hier wie angewurzelt?

Robert erfasst bei dem Gedanken, dass er früher immer gemeinsam mit seiner Frau die, wenn auch eher seltenen, Museumsbesuche unternommen hat, eine große Traurigkeit. Claudia ist vor anderthalb Jahren mit siebenundfünfzig an Hautkrebs gestorben. Die letzten Monate werden ihm wieder lebendig, die Trauer über den Verlust, die Lähmung, das Desinteresse und die Lustlosigkeit an irgendwelchen Aktivitäten. Das will er jetzt auf keinen Fall! Leiden und Trauer müssen ein Ende haben!

Er bricht den Museumsbesuch ab, jeder weitere Raum, jedes weitere Exponat wäre jetzt zu viel für ihn. Schnell geht er zum Ausgang, atmet mehrmals tief durch, wischt sich die Augen und blickt lange über den herbstlichen Lustgarten.

Die Erinnerungen an Claudia, an ihre Leidensgeschichte und an ihren viel zu frühen Tod mischen sich mit Gedanken an seine Vorbehalte gegenüber der epikureischen Philosophie, die er immer schon hatte. Dazu gehört ganz besonders der von Epikur stammende Satz, an den er sich jetzt erinnert: Der Tod ist kein Übel, er betrifft uns nicht. Was für eine fragwürdige Aussage! Kann es ein größeres Übel als den Tod geben? Hat dieser Satz jemals jemandem genutzt, fragt Robert sich.

Aber wie hat Epikur das gemeint und in welchem Zusammenhang hat er das gesagt? Er weiß es nicht, er weiß fast nichts über die epikureische Philosophie. Außer, dass sie im Anschluss an Sokrates, Platon und Aristoteles in Athen gegründet wurde, einige Jahre früher als die stoische Schule. Und dass sie immer schon als Philosophie der Lust bezeichnet und abgewertet wurde, auch daran erinnert er sich.

Was soll er also von der epikureischen Philosophie halten? Er beschließt, dieser Frage nachzugehen.

2

Als feststand, dass Claudia den Krebs nicht würde besiegen können, hatte Robert nur noch halbe Tage gearbeitet. Schon da hatte er überlegt, wie er in Zukunft seine Berufstätigkeit gestalten könnte. So wie bisher wollte er unter keinen Umständen weitermachen.

Er traf sich mit Eva-Marie, der die Firma seit dem Tod ihres Mannes gehörte. Dieser hatte das Unternehmen Anfang der sechziger gegründet. Robert teilte ihr seine Absicht mit, sich aus der Geschäftsleitung zurückzuziehen. Sie beide kannten sich seit fast zwanzig Jahren, seit seinem Eintritt in die Firma. Der Firmengründer, Hans, war vor einigen Jahren, mit Mitte achtzig, gestorben.

Hans hatte Robert, der nach seinem Jura-Studium beim Berufsverband für Medizintechnik als Rechtsreferent arbeitete, bei Gremiensitzungen kennengelernt und ihn eines Tages gefragt, ob er Interesse hätte, in seine Firma zu wechseln. Robert nahm, nachdem er sich mit seiner Frau beraten hatte, das attraktive Angebot an. Schon zwei Jahre später wurde er in die Geschäftsleitung berufen. Als sich Hans mit Ende sechzig aus dem Tagesgeschäft zurückzog, übernahm Robert den Vorsitz.

Für Familie und Partnerschaft war immer weniger Zeit geblieben. Es hatte kaum eine Woche gegeben, in der er nicht unterwegs war. Auslandsbesuche bei Kunden, Präsenz auf internationalen Messen, Reisen nach USA, China, Russland und innerhalb Europas. Teilnahme an internationalen Fachkonferenzen, auf denen er Vorträge zur aktuellen Branchenentwicklung hielt.

Robert war als Geschäftsführer dieses mittelständischen Berliner Unternehmens, gemeinsam mit dem Kollegen, der für die Technik zuständig war, verantwortlich für rund sechshundert Mitarbeiter. Morgens gegen halb neun verließ er das Haus und kam selten vor acht nach Hause. Oft flog er schon sonntags los, um montags einen frühen Termin wahrnehmen zu können.

Nach Claudias Tod war er einige Wochen nicht im Büro gewesen. Schließlich berief er den Beirat der Firma ein und teilte mit, dass er seine Position aufgeben wolle. Alle waren bestürzt, sie versuchten ihn umzustimmen, hatten aber letztlich Verständnis für seine Entscheidung und baten ihn, noch einen geeigneten Nachfolger zu suchen. Einige Monate später, nachdem sein Nachfolger gefunden und eingearbeitet war, ging er in den Ruhestand. Dem Unternehmen blieb er als Beiratsmitglied weiterhin verbunden.

Neben dem Jurastudium hatte Robert auch einige Semester Philosophie studiert. Sein Abitur hatte er an einem altsprachlichen Gymnasium gemacht und in der Oberstufe am Ethik- und Philosophieunterricht teilgenommen. Oberstudienrat Lüder, der auch Griechisch an der Schule unterrichtete, war der Lehrer, den er am meisten schätzte und in dessen Unterricht er am liebsten ging. Nach dem Abitur war es sein eigentlicher Wunsch gewesen, Philosophie zu studieren. Aber nachdem ihm seine Eltern von Philosophie als Hauptstudium abgeraten hatten, wählte er aus pragmatischen Gründen Jura als Brotberuf. Philosophie studierte er dennoch einige Semester im Nebenfach. Erst mit den Vorbereitungen zum ersten juristischen Staatsexamen gab er das Philosophiestudium auf.

Er hatte sich auch damals, während seiner Tätigkeit im Berufsverband, immer, wenn er Zeit dafür fand, mit den wichtigsten Philosophen der Antike, insbesondere der hellenistischen Zeit, beschäftigt. In den vergangenen zwanzig Jahren war jedoch für seine Liebe zur Philosophie kaum Zeit geblieben, außer im Urlaub, den er mit seiner Familie häufig in Griechenland verbrachte.

Sein hauptsächliches Interesse hatte immer schon der Philosophie der Stoiker und besonders der des Dreigestirns Sokrates, Platon und Aristoteles gegolten. Diese drei, vor allem Sokrates, hatten, wie er es sah, die Philosophie begründet und damals bereits das meiste dessen, was heute noch philosophisch bedeutsam ist, in die Welt gesetzt.

Die Philosophie der Antike war seine intellektuelle Heimat geworden. Merkwürdigerweise hatte er Epikur ausgeklammert.

Mit seinem Interesse für die Philosophen jener Zeit war auch sein Interesse an Griechenland, an dessen Geschichte und Kultur gewachsen. Nicht so sehr am heutigen, leider von den Politikern runtergewirtschafteten Land, sondern an der griechischen Antike als wichtiger Quelle unserer westlichen Kultur, mit ihren Tempeln, den ersten Theatern und den Stadien. Robert hatte im Laufe der Jahre nahezu alle archäologischen Ausgrabungsstätten auf dem Festland und den Inseln aufgesucht.

Er erinnert sich an die erste Reise nach Athen. Gleich nach der Ankunft im Hotel suchte er, mit dem Stadtplan in der Hand, den Weg zur Agora, dem antiken Marktplatz, während seine Frau sich mit den Kindern, die damals noch klein waren, im Hotel einrichten wollte. Er musste sofort los, nichts konnte ihn zurückhalten!

Robert wollte die ersten Schritte auf der Agora ganz alleine machen. Er wollte jenen Ort, wo Sokrates seine berühmten Gespräche geführt haben soll, wo am Rande des Geländes unterhalb der Akropolis noch Reste der Grundmauern des Gefängnisses zu sehen sind, in dem er bis zur Vollstreckung des Todesurteils eingesperrt war, alleine aufsuchen und auf sich wirken lassen.

Er erinnert sich, wie er damals lange auf einem Stein vor dem Eingang zum Gefängnis gesessen hatte. Ein Schauder war ihm über den Rücken gelaufen. War es das ungerechte Urteil, oder war es ein Anflug von Nostalgie, der ihn überwältigte und diese starke Resonanz in ihm auslöste?

Claudia hatte sich von seiner Liebe zur Philosophie und zur Antike anstecken lassen. Ihre Gespräche bekamen in der folgenden Zeit eine andere, tiefere Dimension. Von nun an ging es vorwiegend um das Verstehen und Interpretieren der Welt, in der sie lebten und um die Bedingungen ihrer menschlichen Existenz.

Robert hatte in Claudia sein Alter Ego gefunden. So hatte er sich Partnerschaft immer gewünscht.

3

Nach dem Museumsbesuch unternimmt Robert einen erneuten Versuch, den Router zu installieren, was ihm jetzt auf Anhieb gelingt – der digitale Kontakt zur Außenwelt ist wieder hergestellt. Er setzt sich zufrieden an seinen Schreibtisch und überlegt, wie er bei seinen Nachforschungen zur epikureischen Philosophie weiter vorgehen soll.

Was heißt es, einer Sache auf den Grund zu gehen und wo soll er anfangen? Erst einmal schafft er alles, was er jetzt für sein neues Projekt nicht benötigt vom Schreibtisch, geht in die Küche und brüht sich einen starken Kaffee. Jetzt fühlt er sich vorbereitet und eilt zurück an seinen Arbeitsplatz.

Zuerst recherchiert er in der Suchmaschine, um sich einen Überblick zu verschaffen. Dann stellt er eine Literaturliste zusammen: Was gibt es zur epikureischen Philosophie in seiner eigenen Büchersammlung, was kann er in der Stadtbibliothek ausleihen, und welche Bücher wird er sich darüber hinaus selber anschaffen?

Als die Liste immer länger wird, macht er Schluss mit der Literaturrecherche. Wie soll er das alles bewältigen? Allein das Lesen der Bücher auf der Liste wird Monate in Anspruch nehmen.

Vielleicht sollte er wieder einmal nach Athen reisen, um herauszufinden, wo der Kepos war, der Garten, in dem Epikur mit seinen Schülern gelebt hat, überlegt er.

In Athen könnte er versuchen, in den Bibliotheken und Museen mehr über das Leben der Epikureer zu erfahren. Altgriechisch hatte er im Gymnasium gelernt, allerdings ist das fast fünfzig Jahre her. Davon ist nicht viel übrig geblieben.

Hilfreich wäre, wenn er in Athen jemanden hätte, der ihm bei der Recherche behilflich sein könnte. Eine gemeinsame Studienreise mit seiner Frau vor vielen Jahren an die Westküste der Türkei hatte ein hervorragender Reiseführer geleitet, der in fließendem Deutsch – er hatte in Deutschland Philosophie studiert – seine Kenntnisse über die Geschichte und die antiken Stätten an die Teilnehmer weitergegeben hatte.

Vielleicht kann er einen solch versierten Guide in Athen finden, der ihm über die sprachlichen Hürden hinweg helfen kann und vielleicht wird er mit dessen Hilfe den Garten Epikurs finden. Der Ort des ehemaligen Lyzeums, in dem Aristoteles seine Schule betrieb, war erst in den letzten Jahren ausgegraben worden, wie er gelesen hat. Der Kepos soll gleich in der Nähe von Platons Akademie gewesen sein.

Auch nach Samos, der Insel auf der Epikur geboren war, will er reisen. Und hatte Epikur nicht auf Lesbos seine erste Schule gegründet? Dorthin möchte er ebenfalls, um die Atmosphäre der Inseln und der Landschaft, die auch der Philosoph gesehen haben muss, kennenzulernen und nachzuerleben. Aber wird das möglich sein? Seit einigen Monaten sind diese Inseln erste Anlaufstellen für tausende Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, Pakistan und anderen Ländern, die von der Küste der Türkei mit Hilfe von Schleppern übersetzen.

Wie dem auch sei, er ist fest entschlossen und verspürt einen enormen Tatendrang, fühlt sich zwanzig Jahre jünger und möchte am liebsten gleich morgen nach Athen aufbrechen.

Das wird sein Projekt in der nächsten Zeit sein, selbst wenn es mehrere Jahre in Anspruch nehmen sollte. Nach den Monaten der Trauer und Lethargie verspürt er einen ungemeinen Drang sofort anzufangen.

4

Unter seinen Büchern findet Robert in dem vom antiken Philosophiehistoriker Diogenes Laertios verfassten umfangreichen Werk über die ersten Philosophen und deren Lebensbeschreibung auch ein eigenes Buch über Epikur, seine Herkunft, sein Leben, seine Werke und Briefe.

Unmittelbar neben diesem gelben Reclambuch steht die im Artemis Verlag erschienene Ausgabe ›Epikur. Von der Überwindung der Furcht‹, eingeleitet von Olof Gigon, mit den Lehrbriefen, dem Katechismus, der Spruchsammlung und den Fragmenten Epikurs, die Robert vor einigen Jahren in einem Antiquariat gefunden, aber in die er damals nur kurz hineingeschaut hatte.

Die nächsten Tage vergehen mit dem Studium dieser Texte. Und je tiefer er in das Leben und die Philosophie Epikurs eindringt und je mehr er die Kritiken und Angriffe der Gegner kennen lernt, umso besser versteht er, woher seine Vorbehalte dieser philosophischen Schule gegenüber kommen: Ihm selber war das Streben nach Lust auch nicht ganz geheuer gewesen und deshalb war ihm auch die epikureische Philosophie irgendwie suspekt geblieben. Aber war seine Ablehnung berechtigt oder hatte er ebenso ein Vorurteil, wie diejenigen, die diese Schule abgelehnt und bekämpft hatten?

Zuerst wurde sie von den bereits bestehenden philosophischen Schulen angegriffen, mit denen sie in Athen im Wettbewerb stand, damals hauptsächlich von den Stoikern. Spätestens ab dem 4. Jahrhundert n.u.Z., nachdem die Urkirche zur römischen Staatskirche und das Leben religiöser geworden waren, galt die Philosophie der Epikureer für das Christentum als nicht akzeptabel und wurde seit dieser Zeit als unmoralisch verdammt.

Epikureer wurde zu einem Schimpfwort für Menschen, die maßlos schienen, Gott leugneten, sich der Völlerei, der Hurerei und angeblich dem Luxus hingaben. Aber nicht nur das: Epikureer wurde ein Schimpfwort für den politischen Gegner. Wer anders dachte, wurde schnell und gerne als Epikureer verunglimpft.

Die Schriften Epikurs und seiner Nachfolger in der Schulleitung wurden unter Verschluss gehalten. Sie waren vom Papst und der Kurie auf den Index gesetzt worden, sie zu lesen galt als schwere Sünde.

Robert beschleicht der Verdacht, dass sich sein bisheriges Urteil aus den ablehnenden Meinungen der Gegner Epikurs speist. Sollte er den Gegnern der epikureischen Philosophie auf den Leim gegangen sein?

Er war mit den Schriften über den platonischen Sokrates und denen des Aristoteles weitestgehend vertraut. Für diese Philosophen war ein tugendhaftes, an der Vernunft orientiertes Leben die wichtigste Voraussetzung, damit das Leben gelingen könne. Robert war sich bisher ganz sicher gewesen, bei diesen Philosophen das philosophische Gedankengut und Fundament für sein Leben gefunden zu haben. Dieses Fundament, diese Lebensart hatte er nie in Frage gestellt. War der Zeitpunkt für eine Überprüfung gekommen?

In den vergangenen Jahren hatte er immer wieder vereinzelt gehört und gelesen, dass den Epikureern Unrecht getan worden sei, dass ihre Lehre sehr human sei. Sie setze sich das Erreichen von persönlicher Zufriedenheit und Lebensfreude zum Ziel. Gerade die Epikureer hätten ein Leben jenseits von Völlerei und Luxus geführt.

So hatte es sogar Seneca (1 – 65 n.u.Z.), der selber Stoiker war, in seiner berühmten Schrift De vita beata, Vom glücklichen Leben, beschrieben:

Ich selbst bin trotz des vermutlichen Widerspruchs meiner philosophischen Zunftgenossen der Meinung, daß des Epikurs Lehre sittlich tadelfrei und richtig ist und, wenn man ihr näher tritt, sogar nicht frei von einer gewissen Härte; denn jene Lust wird im Grunde auf äußerst bescheidenes Maß zurückgeführt, und die Forderung, die wir an die Tugend stellen, stellt er an die Lust: sie soll der Natur gehorchen; der Natur aber genügt ein äußerst bescheidenes Maß von Üppigkeit.

Robert kommt zu dem Ergebnis, dass ganz offensichtlich der deutsche Begriff Lust, mit dem das griechische Wort Hēdonē übersetzt wurde, zu vielen Missinterpretationen geführt hat. Hēdonē, der Schlüsselbegriff der epikureischen Philosophie, hatte den Gegnern immer wieder eine Angriffsfläche geboten.

Hēdonē bedeutet im Deutschen aber nicht nur Lust sondern auch Freude, angenehme Empfindung und Vergnügen. Wenn man den Begriff der Lust mit Lebenslust, subjektivem Wohlbefinden und Freude am Dasein übersetzt, muss die epikureische Philosophie ganz anders verstanden werden.

5

Als Robert am nächsten Morgen sehr früh aufwacht, gilt sein erster Gedanke seinem neuen Projekt.

Er hat große Lust sofort loszulegen, spürt eine lange nicht gekannte Motivation und Begeisterung, springt aus dem Bett und geht als erstes in die Küche, um die Kaffeemaschine einzuschalten. Diesen neuen Vollautomaten haben ihm die Kinder zum Geburtstag geschenkt. Anne und Matthias waren beide nach Berlin gekommen und übers Wochenende geblieben, um mit ihm seinen Geburtstag zu feiern.

Nach wie vor lebt er in der alten Wohnung, die mit ihren fast zweihundert Quadratmetern inzwischen für ihn alleine viel zu groß geworden ist, von der er sich aber nicht trennen möchte.

Sie hatten die Wohnung mit Unterstützung von Claudias Eltern und einem Hypothekenkredit vor mehr als zwanzig Jahren gekauft. In dieser Wohnung sind die Kinder aufgewachsen; beide haben immer noch ihr jeweiliges Zimmer für ihre gelegentlichen Besuche.

Anne lebt seit zwei Jahren in Rom und arbeitet dort am Goethe-Institut als Lehrerin. Sie ist Studienrätin für Deutsch und Geschichte und zwei Jahre älter als ihr Bruder.

Matthias hat, genau wie er, Jura studiert und sich auf Arbeitsrecht spezialisiert. Nach dem Studium an der Humboldt-Universität hat er vor einem Jahr in München in einer großen Anwaltskanzlei seinen ersten Job bekommen.

Beide sind Single, wobei Robert vermutet, dass Matthias seit einigen Monaten eine Freundin hat, die er vor Anne und ihm geheim hält. Er scheint sich noch nicht ganz sicher zu sein.

Anne hat sich im vorigen Jahr von ihrem langjährigen Freund Sven getrennt, weil er nicht mit nach Rom kommen wollte. Die Beziehung der beiden lief wohl auch nicht mehr so gut. Anne hatte ihm erzählt, sie seien nach wie vor befreundet, hätten aber nur noch selten Kontakt miteinander. Schade, er hatte Sven sehr geschätzt und ihn schon als zukünftigen Schwiegersohn ins Herz geschlossen.

An dem letzten gemeinsamen Wochenende haben sie viel über frühere Zeiten geredet. Sie haben die Fotoalben aus dem Schrank geholt und stundenlang darin geblättert. Immer wieder haben Anne und Matthias über ihre Mutter gesprochen, über ihre Zugewandtheit, ihre ausgleichende, freundliche Art und über die innige Beziehung, die beide zu ihr hatten.

Als die Fotos der letzten Jahre an der Reihe waren, bewegte sie das sehr, und sie sprachen darüber, wie viel ihnen Claudia bedeutet hatte.

Claudia hatte bis zu ihrer Diagnose als Schulpsychologin beim Berliner Senat gearbeitet. Sie hatte sie sich um die beiden Kinder gekümmert und den Haushalt geführt, während ihn seine Berufstätigkeit völlig in Anspruch genommen hatte – eben die klassische Rollenverteilung.

Viel Zeit für die Familie war ihm nicht geblieben. Heute bedauert er das sehr. Was hat er alles verpasst! Ihm, wie so vielen anderen, war es auch nicht gelungen, einerseits Karriere zu machen und zugleich hinreichend Zeit mit seinen Kindern und seiner Frau zu verbringen.

6

Robert hatte Claudia während des Studiums an der Freien Universität das erste Mal in der Mensa gesehen. Auf dem Weg dorthin war er auf sie aufmerksam geworden: Er wollte gerade durch die Eingangstür zur Mensa gehen, in dem Moment überholte sie ihn schnellen Schrittes, fast wären sie zusammengestoßen.

Sie blickte ihn kurz an. »Entschuldigung!«, murmelte er, aber sie ging ohne ein Wort an ihm vorbei. Wer war das denn, hatte er diese Kommilitonin schon einmal gesehen? Nein, diese attraktive Erscheinung hatte er hier noch nicht gesehen. Sie musste neu auf dem Campus sein, denn er war schon einige Semester hier und kannte die meisten Gesichter, die mittags zum Essen kamen.

In den nächsten Tagen schaute er sich immer wieder suchend nach ihr um. Sie kam nicht jeden Mittag in die Mensa, jedenfalls nicht zu den Zeiten, in denen er dort war. Und wenn er sie sah, war sie immer in Begleitung eines Kommilitonen, mit dem sie in ein angeregtes Gespräch vertieft zu sein schien?

Auffallend, ja in gewisser Weise aufreizend für ihn, war ihre Art zu gehen. Ihr sicheres, selbstbewusstes Auftreten, ihre kerzengerade Köperhaltung und ihr schneller, zielstrebiger und dennoch anmutiger Gang ließ sie wie einen Wirbelwind erscheinen. Sie war wie ein Sturm, der auftrat und dann schnell wieder in der Menge verschwand. Sie konnte sich jedenfalls der Aufmerksamkeit ihrer männlichen Kommilitonen, der Assistenten und wahrscheinlich auch der Professoren sicher sein.

Wenn sie dann wieder einmal vor ihm an der Essensausgabe stand, was selten geschah, konnte er seine Augen nicht von ihrer wohlgeformten Figur lassen – alles sehr ansehnlich, ausgesprochen weiblich. Sie gefiel ihm sehr!

Warum hatte er nicht den Mut, sie anzusprechen oder sich an ihren Tisch zu setzen, wenn dort, was gelegentlich vorkam, noch ein freier Stuhl war?

So vergingen mehrere Wochen. Er schaute nach ihr aus, ihre Blicke trafen sich gelegentlich, er nickte ihr mit einer leichten Kopfbewegung grüßend zu. Sie nahm ihn aber, so sein Eindruck, überhaupt nicht wahr.

Das Semesterende nahte, sollte er in die Semesterferien gehen, ohne auch nur einen Satz mit ihr gewechselt zu haben?

Robert kann sich noch genau an den Moment erinnern, als es endlich dann doch noch passierte. Es war am letzten Tag des Semesters, einem Freitag. Er kam etwas verspätet in die Mensa, da er sich noch von einigen Mitstudenten verabschiedet hatte. Er ärgerte sich über seine Verspätung und rechnete nicht mehr damit, das Objekt seines Begehrens an diesem Tag noch anzutreffen. Er ging zur Essensausgabe, und während er auf sein Essen wartete bemerkte er, dass jemand neben ihn trat. Er wendete seinen Kopf nach links und sah neben sich die ›Lichtgestalt‹. »Ach, das ist ja ein Zufall«, sagte sie und schaute ihn verschmitzt an. »Schön, dich noch am letzten Tag vor den Semesterferien zu sehen. Da kann ich gleich mal fragen, warum du mich schon seit Wochen beobachtest?«

Später hatte sie ihm dann erzählt, dass er rot angelaufen sei. »Wenn du den Eindruck hattest, dass ich dich beobachte, hast du recht. Du bist mir schon seit einiger Zeit aufgefallen. Es gab bisher leider keine Gelegenheit, dich anzusprechen. Wollen wir gemeinsam essen oder kommt dein Begleiter noch?«, wäre seine Antwort und seine anschließende Frage gewesen.

Sie lächelte ihn an. »Einverstanden, wir können gerne zusammen essen.« Was für eine bezaubernde Ausstrahlung sie hatte!

Sie setzten sich vis-à-vis an einen der freien Tische. Ihre Unterhaltung war völlig zwanglos und unkompliziert, wie bei zwei alten Bekannten, die sich regelmäßig jeden Mittag zum Essen treffen und die letzten Neuigkeiten austauschen.

Sie erzählten sich, was und wie lange sie schon studierten, stellten fest, dass sie beide eine Studentenbude in Wilmersdorf hatten und dass jeder von ihnen plante, in ein oder zwei Wochen eine Urlaubsreise zu machen. Sie wollte nach Italien, er nach Griechenland.

Robert reiste schließlich mit Claudia drei Wochen nach Italien – es waren die schönsten und lustvollsten Ferien seines Lebens!

7

Nach Claudias Tod rückten Anne, Matthias und er noch enger zusammen. Sein Verhältnis zu Anne war immer schon ausgesprochen gut, er liebte seine Erstgeborene auf väterliche Weise sehr. Sie hatte viel Ähnlichkeit mit ihrer Mutter; war immer fröhlich, ausgeglichen, ruhig und besonnen.

Mit Matthias war es schwieriger gewesen. Einige Jahre hatten sie immer wieder mal Meinungsverschiedenheiten, verbunden mit anschließender Funkstille über mehrere Wochen. Claudia hatte gemeint, Matthias müsse sich vom Vater abnabeln und würde sich deshalb des Öfteren an ihm reiben.

Nachdem Matthias sein Studium abgeschlossen hatte und gleich in München in eine Anwaltskanzlei einsteigen konnte, wurde ihr Verhältnis besser. Robert konnte seine Freude und einen gewissen Stolz auf seinen Sohn nicht verhehlen.

8

Eigentlich war Robert in die Küche gegangen, um sich einen Kaffee zu machen, bevor er mit seinen Recherchen zur epikureischen Philosophie fortfahren wollte.

Die Kaffeemaschine hatte ihn an seine Kinder erinnert, und seine Gedanken waren dann weiter zurück zu Claudia und zu ihrem Kennenlernen gewandert.

Er setzt sich an seinen Schreibtisch und schaut sich die Exzerpte an, die er gestern geschrieben hat. Robert überlegt, wie er diese Fülle an Informationen über die epikureische Philosophie am besten behandeln und einordnen soll, und mit wem er über sein Projekt reden könnte.

Er erinnert sich an einen Vortrag in der Urania vor zwei oder drei Jahren. Das Vortragsthema war die hellenistische Philosophie, speziell die stoische Schule in Athen und dann später in Rom gewesen.

Er versucht sich zu erinnern, wie die Professorin hieß, die den Vortrag gehalten hatte. Sie hatte an der Freien Universität gelehrt und war inzwischen emeritiert, betrieb aber immer noch eine sogenannte Philosophische Praxis, in der sie Gespräche anbot, wie es im Ankündigungstext der Urania hieß. Er hatte sich damals schon gefragt, was eine Philosophische Praxis sein könnte, war der Frage aber nicht weiter nachgegangen.

Plötzlich erinnert er sich: Den Vortrag hatte Frau Professor Eva von Manstein gehalten, ihre Praxis befand sich damals in Wilmersdorf am Ludwigkirchplatz. Er sucht die Telefonnummer heraus und wählt, es meldet sich der Anrufbeantworter. Soll er sein Anliegen auf die Mailbox sprechen? Er zögert kurz und bittet um einen Rückruf, er habe eine Frage, die epikureische Philosophie betreffend.

Am nächsten Tag klingelt sein Handy. Frau von Manstein meldet sich, bezieht sich auf seinen gestrigen Anruf und fragt nach dem Grund seines Anrufs.

Robert antwortet, dass er ihren Vortrag in der Urania gehört hat und erzählt ihr, dass er sich seit einigen Wochen mit Epikur und seiner Schule beschäftigt, dass ihm dabei viele Fragen gekommen sind und er diese gern mit ihr besprechen möchte.

Sie hört geduldig seinen etwas umständlichen Ausführungen zu und schlägt ein persönliches Gespräch in der nächsten Woche vor.

9

Frau von Manstein öffnet Robert die Tür, begrüßt ihn freundlich und bittet ihn herein. Er betritt einen Raum, der, bis auf die Fensterseite, rundum mit Bücherregalen, die bis unter die Decke reichen, vollgestellt ist. Am Fenster gibt es ein Tischchen und zwei Sessel, auf denen sie Platz nehmen.

Ihm direkt gegenüber sieht Robert im Bücherregal, neben all den Büchern, mehrere Büsten stehen. Er erkennt Sokrates mit seinem runden Kopf und der dicken Nase, Platon und gleich daneben Aristoteles und dann, ebenfalls an prominenter Stelle, Zenon von Kition, den Stoiker, sowie die Büste von Epikur. Das gleiche ernste und edle Gesicht, das er im Alten Museum betrachtet hatte.

Die Philosophin ist eine kleine, zarte Person mit strahlenden, freundlichen Augen, die ihn durchdringend ansehen. Ein freundliches Lächeln umspielt ihren Mund, kein Lippenstift, keine Schminke, dafür rosige Wangen. Ihr Haar ist kurz geschnitten, leicht gewellt und silbergrau. Sie trägt ein dunkelgraues langes Kleid und dazu einen weinroten Schal, den sie zweimal um den Hals geschlungen hat. Sie ist eine attraktive Erscheinung, genauso hatte Robert sie in Erinnerung.

»Sie interessieren sich also für die Philosophie der Antike und da speziell für die Epikureer? Warum ausgerechnet Epikur?«, fragt sie ihn.

Es gibt keine Präliminarien, keinen Small Talk, sie kommt gleich zur Sache. Auch das macht sie ihm sympathisch.

»Ja, ich beschäftige mich seit kurzem mit Epikur und seiner Philosophie«, antwortet Robert und erzählt ihr in der ihm geboten erscheinenden Kürze von der Beendigung seines Berufslebens, von seinem Philosophiestudium, dem jahrzehntelangen Interesse an Philosophie, seinem Besuch im Alten Museum, der Büste Epikurs und davon, dass ihm die epikureische Philosophie immer suspekt war, und dass er inzwischen vermute, dass diese Einstellung einem bloßen Vorurteil entspringe.

»Mit Letzterem könnten Sie recht haben«, bestätigt ihn Frau von Manstein. »Die epikureische Philosophie wurde von Beginn an von den konkurrierenden Schulen abgelehnt, sie wurde diffamiert und bekämpft.

Das begann bereits, als Epikur mit seinen engsten Vertrauten und Anhängern 306 vor unserer Zeitrechnung in einem kleinen Schiff von Mytilene, der Hauptstadt der Insel Lesbos, nach Athen gekommen war, um dort eine weitere Schulen zu gründen, vermutlich, weil er sich in Athen eine breitere Wirkung für seine Lehre erhoffte.

Zu der Zeit gab es in Athen bereits die Platonische Akademie und die Aristotelische Schule, das Lykeion. Die wichtigsten Gegner und Konkurrenten sollten dann allerdings in den folgenden Jahren und Jahrhunderten die Stoiker werden, deren Schule Zenon von Kition um 300 v.u.Z., ebenfalls in Athen, gegründet hatte. Epikureer und Stoiker polemisierten gegeneinander, sie waren in erbitterter Rivalität.«

»Was waren denn die Gründe für den Streit und die Ablehnung«, fragt Robert, »die ja heute immer noch anzutreffen sind.«

Er hat bemerkt, dass sie die Jahreszahlen nicht, wie sonst üblich, mit vor Christus, also vor Christi Geburt, sondern mit vor unserer Zeitrechnung bezeichnet. Ist Frau von Manstein Atheistin? Aber diese Frage kann und will er natürlich nicht stellen.

»Die Epikureer wurden wegen ihres angeblich unvernünftigen ausschweifenden Lebensstils verurteilt. Außerdem kann man Epikurs zentrale Begriffe Lust und Unlust auch heute noch missverstehen, weil sie über die lange Zeit einen Bedeutungswandel erfahren haben und heute anders als damals verstanden werden«, antwortet Frau von Manstein und macht eine kleine Pause.

»Wir sollten noch klären, wie wir unsere Zusammenarbeit gestalten wollen. Mein Vorschlag ist, dass wir dieses Treffen als eine Art Kennenlernen verstehen und am Ende der Stunde gemeinsam überlegen, ob und wie wir das Gespräch fortsetzen wollen.«

Damit erklärt sich Robert einverstanden und Frau von Manstein setzt ihre Ausführungen fort.

»Wir Menschen und nicht nur wir, sondern alle höheren Tiere, streben von Natur aus nach Lust. Epikurs Credo war auf die einfache Formel gebracht: Lebe lustvoll, vermeide Unlust! Das zog zunächst die Gegnerschaft der Platoniker auf sich, denen es um die Eudaimonia, um das wohlgeratene, gute und vor allem tugendhafte Leben ging – denn nur ein tugendhaftes und außerdem von der Vernunft geleitetes Leben führt ihrer Meinung nach zur Glückseligkeit – was ja im Gegensatz zum lustvollen Leben Epikurs zu stehen schien.

Platon hatte Sokrates bereits in seinem Dialog Philebos bestreiten lassen, dass die Lust die Glückseligkeit, eben die Eudaimonia und damit ein gelingendes Leben herbeiführen könne. Sokrates befand in diesem Dialog, es gebe in der Werteordnung Wichtigeres als die Lust, nämlich Wahrheit, Vernunft, Erkenntnis und Erinnerung an gemachte Erfahrungen. Das höchste Gut – gemeint ist damit das moralisch Gute – könne nur das Gute