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Eben noch »99 Luftballons«, jetzt Q10-Antifaltencreme, zack: Lebensmitte. Das ging jetzt doch schnell, findet Susanne M. Riedel und macht sich zwischen Klimakrise und Klimakterium, Feminismus und Feenstaub, Party und Packungsbeilage auf die Suche nach den guten Momenten. Wenn die große Welt schon keine hergibt, müssen die kleinen eben reichen. Mit trotzigem Augenzwinkern richtet sie sich ein in diesem Neuland, besucht Abiball, Junggesellinnenabschied und Rehaklinik, findet ihr Glück auf dem Flohmarkt, entdeckt die Gewitterziege als ihr persönliches Krafttier und übt sich alles in allem im heiteren Welken. »Susanne M. Riedel findet im trüben Fluss des Alltags die Goldnuggets der Komik.« Bodo Wartke »Susanne M. Riedel denkt lustige, tiefsinnige und menschliche Dinge. Deshalb ist es ein Segen, dass man ihre Gedanken hier lesen kann. Und damit gar nicht mehr aufhören möchte.« Lisa Feller »Wie im richtigen Leben: Die kleinen Geschichten sind die wichtigsten! Die, an die wir uns noch lange erinnern – mit einem unvermeidlichen Grinsen.« Gerburg Jahnke »Susannes Blick auf die Welt ist ein Geschenk.« Horst Evers
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Seitenzahl: 187
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Susanne M. Riedel
Mein Leben in Autokorrektur
Susanne M. Riedel
wurde in Berlin-Lichterfelde geboren und lebt mit ihrer Familie auch heute im geranienträchtigen Süden der Stadt. Seit 2015 ist sie als gefeierte Vorleserin unterwegs und gehört inzwischen den beiden traditionsreichsten Berliner Lesebühnen Der Frühschoppen und Reformbühne Heim & Welt an. Erste Fernsehauftritte folgten, zum Beispiel bei der »Ladies Night« der ARD.
Ihr Debüt »Ich hab mit Ingwertee gegoogelt« erschien 2021 und wurde zum Indie-Bestseller.
Auftrittstermine und alles Weitere:
https://www.regenrausch.de
sowie auf Instagram und Facebook
E-Book-Ausgabe März 2024
© Satyr Verlag Volker Surmann, Berlin 2024
www.satyr-verlag.de
Cover: Karsten Lampe
Korrektorat: Matthias Höhne
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über: http://dnb.d-nb.de
Die Marke »Satyr Verlag« ist eingetragen auf den Verlagsgründer Peter Maassen.
E-Book-ISBN: 978-3-910775-09-1
Gute Momente (Vol. 1)
In Würde das Alter leben
Ja / Nein
So nich
Fünfzig
Das Matriarchat ist da
Laboe
Schäfchen zählen
Pendelverkehr oder: Paech-Brot reloaded
Praxiserfahrung
März und Mafia
Tick-Tack
Komm, lieber Mai
Heuschnupfenballade
Eigen
JGA
Ungelogen
Oh, Anna
Frauen unterwegs oder: Dirty Talk
Über Komplimente
Junge, Junge
Dusel
Auf die Knie
KI or not KI
Am Rhein
Nach der Lesung
In groben Zügen
Take Me to Church
Backsteine
Gute Momente (Vol. 2)
Über Begegnungen
Jetzt isses so weit
Pfeilgiftfrösche in Charlottenburg
Die Reha-Protokolle
I. Die Ankunft
II. Glaubensfragen
III. Mein Krafttier
Winterthur
Halloween
Der Boden unter den Füßen meiner Kindheit
Zombieapokalypse
Spieglein, Spieglein
Von Funzeln und Lappen
Advent
Jahresendzeitgebäck
Prost
Neues Jahr, neues
Gute Momente (Vol. 3)
Danke
Ich schalte die hintere Platte gerade runter, die Bolognese ist gut durchgezogen, der Käse gerieben und die Nudeln sind auch gleich fertig. Da schließt es auch schon an der Wohnungstür. Mein jüngerer Sohn kommt aus der Schule.
»Hab Hunger!«, ruft er aus dem Flur zu mir in die Küche und: »Riecht lecker!«
»Spargel für alle!«, rufe ich feierlich.
Stille.
Kurz darauf erscheint sein Gesicht im Türrahmen, mit weit aufgerissenen Augen, in denen ein Ausdruck von Entsetzen, Ungläubigkeit und Hunger liegt.
Ich muss laut loslachen, das beruhigt ihn schon mal, aber sicherheitshalber wirft er noch einen Blick in die Töpfe, bevor er erleichtert aufatmet. Allein für diesen Moment hat sich das Kochen schon gelohnt.
Und siehe da, tatsächlich, auch im Kosmos zwischen Corona, Krieg, Klimakrise und Klimakterium gibt es sie doch: diese Momente, in denen uns ein Lachen widerfährt.
Wie ein Eichhörnchen Nüsse sammelt, so bin ich in dieser Zeit dazu übergegangen, schöne Momente zu sammeln. Wenn die große Welt keine hergibt, müssen die kleinen reichen. Wenn mir einer begegnet, bemühe ich mich, kurz innezuhalten und ihn in eine Art inneres Archiv aufzunehmen, auf das man an düsteren Tagen zurückgreifen kann.
Das herrliche Gesicht meines Sohnes, wenn ich »Spargel für alle!« rufe, ist ab heute dort gespeichert.
Wenn ich in diesem Archiv blättere, sieht die vergangene Woche in etwa so aus:
Auf dem Weg zur Lesebühne. Ich stehe als Einzige an der Bushaltestelle, zuerst kommt der Bus, den ich nicht brauche. Um dem Busfahrer zu signalisieren, dass er meinetwegen nicht anhalten muss, drehe ich mich sehr betont mit dem Rücken zur Haltestelle. Er hält an, öffnet die Tür, verschränkt die Arme und dreht mir ebenfalls den Rücken zu, so gut es auf seinem Sitz geht, dabei schiebt er seine Sonnenbrille etwas tiefer. »Sicher?«, fragt er in Beleidigte-Diva-Manier. Ich nicke. Wir lachen, wir winken, er fährt weiter.
Der Bäcker am Rathaus hat wieder ein Schild draußen: Nach dem »gefühlten Windbeutel« letzte Woche gibt es heute den »erfüllten Bienenstich«.
Auf dem Markt. Ich schwelge im Duft von Freesien und riesigen Pfingstrosen.
»Was kosten die Pfingstrosen?«
»17,50 Euro dit Bund.«
»Autsch«, sage ich. »Okay. Aber trotzdem danke.«
»Versteh ick«, sagt der Händler, der mich ein bisschen an meinen alten Onkel Willi erinnert. »Aba Riechen und Gucken is umsonst. Komm Se ab und zu jerne zum Riechen und Gucken vorbei.«
Mein Sohn hört Musik in der Küche, während er den Geschirrspüler ausräumt. Das ist der Deal: Hausarbeit gegen die Erlaubnis, die Musik richtig laut aufzudrehen. Es läuft Deutsch-Rap. »Ich kauf Gucci und Prada und du bist immer noch Versager.« Ich rolle mit den Augen wegen der schlimmen Reime. Er holt tief Luft. »Stimmt«, sagt er trocken. »In deiner Jugend war die Musik viel anspruchsvoller.« Dann tippt er kurz auf seiner Musik-App rum und macht, ohne die Miene zu verziehen, Trio an: »Turaluraluralu. Ich mach Bubu, was machst du?«
Ich sehe es ein. Die Runde geht an ihn.
Andrea schreibt über WhatsApp. »Ich fahre dieses Wochenende ins Kloster, zum Bogenschießen und Digital Detox. Wenn Ihr nichts mehr von mir hört, hat das mit dem Detox gut geklappt. Oder eine andere Teilnehmerin ist beim Schießen gescheitert.«
Treffen mit Freundinnen in einer Pizzeria. Die Kinder der Familie am Nebentisch, etwa neun und zwölf, fragen höflich, ob sie statt Pommes Salzkartoffeln bekommen könnten. Alle Gespräche verstummen.
Neues aus der Reihe Tippfehler des Herzens. Habe ein »l« vergessen und jetzt offiziell die »Lebensmitteallergie« erfunden. – Passt.
Ich sammle weiter.
»In Würde das Alter leben.« Als ich noch in der Sozialen Arbeit unterwegs war, in der Altenhilfe in Spandau, war dies unser Leitsatz. Er prangte auf unseren Briefköpfen, unseren Namensschildern, auf Plakaten, Kugelschreibern und Jutebeuteln: »In Würde das Alter leben.«
Ich mochte die Arbeit. Die Begegnung mit den alten, teils sehr alten Menschen erweiterte meinen Horizont und ich mochte auch diesen Leitsatz für das Altsein und Älterwerden.
Nur habe ich, wenn ich ehrlich bin, dabei eigentlich nie an mich gedacht …
Je älter ich werde, desto mehr schwant mir, dass das gar nicht so leicht ist, diese Sache mit der Würde. Man welkt so vor sich hin, teilweise in erstaunlichem Tempo, damit muss man sich ja erst mal anfreunden.
Bei anderen Leuten hat mich das noch nie gestört, da lieb ich jede Falte und jedes graue Haar von ganzem Herzen, und ein offenes Lachen ist mir tausendmal wichtiger als eine straffe Gesichtshaut – aber das für mich selbst so zu sehen, ist dann doch eine ganz andere Nummer. Da darf ich noch ein bisschen üben.
Komplimente gibt es noch, aber sie verändern ihren Charakter.
Neulich sagte jemand: »Du siehst gar nicht aus wie fünfzig!« Das freut mich dann zwar sehr, aber trotzdem: Es erinnert mich ein bisschen an die Art von Anerkennung, wenn jemand sagt: »Ach, das sieht ja gar nicht aus wie von IKEA!« IKEA steht in dem Fall für scheiße und die Fünfzig ist in diesem Satz das IKEA. Könnt ihr mir folgen?
Außerdem sind Komplimente jetzt oft verbunden mit dem Zusatz »für dein Alter«:
»Du siehst gut aus – für dein Alter.« (Der Mann sagte in so einem Moment mal tröstend: »Für deinen Alten, sollte es bestimmt heißen: Du siehst gut aus für deinen Alten. Aber weißte ja.« Das fand ich sehr charmant, hilft mir aber auch nur bedingt weiter.)
Noch zu überbieten sind solche Sätze dann in Kombination mit einem »noch«: »Du siehst doch noch gut aus für dein Alter!« Ich meine, was antwortet man da: »Danke, gib mir noch einen Moment«?!
Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich erzähle das hier gar nicht, um Self-Bashing zu betreiben und mich selber runterzumachen – auch wenn ich, wie viele von uns, von frühester Kindheit an dazu erzogen wurde.
Ich bin die Generation, die hart daran arbeiten musste, im Vorstellungsgespräch nicht peinlich berührt auf dem Stuhl herumzurutschen, wenn sie ihre eigenen Stärken darlegen sollte. Die hart daran gearbeitet hat, bei einem Lob nicht immer gleich zu sagen: »Ach, das stimmt doch gar nicht, eigentlich bin ich total mies.« Und die eben auch bei Äußerlichkeiten von jeher das Augenmerk darauf gelegt hat, was eben nicht »stimmt«.
Mit 27 hatte ich mein Wunschgewicht, mit 42 meine Wunschfrisur, meine Wunschgröße hatte ich zuletzt mit elf. Alles gleichzeitig hatte ich nie, irgendwas an mir fand ich immer furchtbar und darauf lag mein Fokus.
Vielleicht kennt ihr dieses Phänomen ja auch: Auf alten Fotos finde ich mich erstaunlich oft schön. Ich denke dann immer: Ach guck, da hätte ich mich doch eigentlich mal entspannen können, war doch ganz okay. Und gleichzeitig erinnere ich mich nur zu gut, wie mein Selbstbild zu dieser Zeit war.
Also: Fünfzig, Leute, reden wir Tacheles.
Die Haare auf der Flucht, die Augenlider auf Halbmast und Oversize ist auch keine Lösung. Endlich habe ich ein Sixpack, mehrere sogar, aber an Stellen, an denen ich nicht mit ihnen gerechnet hatte. Und dann ist da noch diese Sache mit der Schwerkraft …
In der BRAVO-Phase meiner Jugend habe ich sehr viel »Dr. Sommer« gelesen und ich erinnere mich an den Leserbrief einer 16-Jährigen mit der fett gedruckten Überschrift: »Hilfe, habe ich Hängebrüste?« In der Antwort wurde ihr sicherlich in pädagogisch wertvoller Weise erklärt, dass sie schön ist, wie sie ist, und so weiter und so fort. Aber das, was bei mir hängen geblieben ist (sollte ich diese Formulierung an dieser Stelle benutzen? Egal), was also bei mir hängen geblieben ist, ist ein Nebensatz, der besagte, dass es da diesen Bleistifttest gäbe. Arme hoch, Bleistift unter die Brust, Arme runter – und wenn der Bleistift nicht runterfällt, zack, ist der Hängebusen amtlich. Das hat mich damals schwer beschäftigt und beeindruckt.
Und heute? Bleistift? – Anfänger! Gib mir ’nen Kuli, ’nen Edding, ach was: Gib mir die verdammte Federtasche, kein Problem!
Ein großer Teil des Alterns in Würde wird wohl darin bestehen, nicht den Humor zu verlieren, schwant mir.
Und die Chance an dieser seltsamen Zeit um die fünfzig liegt womöglich in dieser schlichten Einsicht: dass damals alles okay war. Und mehr noch: dass ich auf meine Bilder von heute in zehn Jahren vermutlich genauso milde-verwundert zurückblicken werde. Es wird okay gewesen sein! Da stellt sich doch die Frage: Warum nicht heute schon damit anfangen?
»Ist das jetzt eigentlich typisch deutsches Essen?«, fragt mein jüngerer Sohn mit Blick auf seinen Teller. »Du meinst wegen der braunen Soße?«, fragt der ältere zurück und kriegt darauf ein High Five von seiner Freundin.
Mit den dreien zusammen am Tisch zu sitzen, ist meist sehr unterhaltsam, außerdem eröffnet es die Möglichkeit, in beiläufigen Gesprächen ein wenig ins Teenageruniversum einzutauchen. Man will ja den Anschluss nicht verlieren.
»Mein erster Freund ist gerade Vater geworden«, erzählt die Freundin. »Habe ich auf Instagram gesehen. Voll krass. Aber es war eigentlich auch nicht mein richtiger Freund-Freund, es war mein WhatsApp-Freund.«
Offensichtlich bemerkt sie das Fragezeichen über meinem Kopf: »Der war an meiner Schule, wir haben uns immer ganz verliebt geschrieben. Aber getroffen haben wir uns eigentlich gar nicht. Hach, das war voll schön eigentlich …«
Mein Sohn lässt diese Bemerkung gelassen an sich abperlen.
»Da sieht man wieder deutlich unseren Altersunterschied«, erwidert er nur. »Meine erste Freundin war noch eine SMS-Freundin.«
Ich bin verwirrt.
»Meine SMS-Freundin, mein WhatsApp-Freund … – Sind das gängige Begriffe?«, will ich wissen.
Der Jüngere schaltet sich ein: »Ja, total. Also damals, heute passiert mehr auf Insta. Aber logisch, dass du das nicht kennst. Ich meine, als Papa und du euch kennengelernt habt, sind ja noch Brieftauben geflogen.«
Die Vorstellung gefällt mir, ich korrigiere ihn nicht.
In Wirklichkeit war es so, dass wir noch Zettel geschrieben haben damals. Nur ohne Tauben halt. Kleine Botschaften aus blauer Tinte, mit Mühe durch die Stuhlreihen des Klassenzimmers geschmuggelt. Bei Julia blieben sie manchmal hängen, sie hatte immer Angst, erwischt zu werden. Und Boris, der Hund, hat immer mitgelesen, bevor er weitergegeben hat.
Wenn es ernst wurde, stand auf so einem Zettel: »Willst Du mit mir gehen? Ja / Nein.«
Christian aus der 7B hat so einen Zettel mal bekommen und war so überfordert mit dem »Ja / Nein«, dass er ihn aufgegessen hat. Der Grundstein für Beziehungsstörungen wird ja manchmal schon recht früh gelegt. Ich glaube, für Menschen wie Christian wurde später noch die dritte Option »Vielleicht« erfunden.
Ich habe so einen »Willst Du mit mir gehen?«-Zettel genau einmal geschrieben. In der Grundschule, an Thorsten N. Er hat ihn nicht beantwortet, sondern eingesteckt und seinen Eltern gezeigt. Am nächsten Tag kam er zu mir und sagte: »Meine Mutter lässt fragen: Wohin?« Der Grundstein für Beziehungsstörungen wird ja manchmal … Aber das sagte ich wohl schon.
Ja, es gibt schwache Minuten, in denen bin ich anfällig für Werbung und Marketing. Triff die richtigen Schlüsselwörter, nenn die Teesorte »Feel New« oder mische absurde Obstsorten mit Ingwer in ein Bioduschgel, ich bin ja auch nur ein Mensch.
Doch manchmal ist es mir einfach zu blöd.
Chi-Bo hat im Moment Badezimmermatten im Angebot. Tatsächlich brauchen wir gerade eine neue, ich finde die Farbe toll und auch die Maße passen perfekt, aber ich kann nicht. Sie bewerben sie nämlich als »Wellnessmatte« und in meinem Kopf ruft es die ganze Zeit sehr laut und sehr empört: »Für wie blöd haltet ihr mich?«
Ein Badvorleger, dem ein eher unglamouröses Dasein auf dem schmalen Bodenstück zwischen Kloschüssel und Waschbecken zugedacht ist, soll Wellness sein?! – Ohne Frage, Wellness trifft total mein Bedürfnis. Aber eins weiß ich mit absoluter Sicherheit: Dieser Teppich wird mir nicht den Rücken massieren!
Wisst ihr noch, die ersten Wellen der Corona-Zeit? Neben den Sorgen um die Inzidenzen plagte uns der Alltag, allen fiel die Decke auf den Kopf, Urlaube wurden storniert, man konnte sich nicht mit Freunden treffen, auch die Stadien hatten zu. Und was machte die Werbeindustrie? – Sie reagierte.
Ich erinnere mich an die Packungen mit feuchtem Toilettenpapier, auf denen mit einem Mal der Zusatz auftauchte: »Jetzt mit Wellnesseffekt«, da fühlte ich mich schon ein bisschen … – genau! Außerdem war plötzlich alles »besonders sicher« oder hatte einen »Hygieneeffekt«. Das Toilettenpapier, die Alufolie, der Wiederverschlussclip vom Parmesankäse: »Jetzt 100 Prozent sicher!«
Ach, wie viel Prozent waren’s denn vorher, bitte?, fragte ich mich. Und obendrein tauchte für alle, die den Fußball vermissten, in den Chipsregalen zwischen Paprika, Sour Cream und Chakalaka eine neue Sorte auf: »Stadionwurst«.
Immer wieder gibt es Dinge, die ich wegen des Marketings nicht kaufe.
Das war früher schon so, als das Bild von Dieter Bohlen auf der Buttermilch prangte. Ich trank schon immer gerne Buttermilch – aber so konnte ich nicht. Vielleicht hätte ich damit arbeiten sollen. Dieter Bohlen auf den Schrank mit der Schokolade kleben.
Nicht nur Bilder, auch Wortspiele zerren an meinen morschen Nerven. Gestern habe ich eine Tiefkühlpizza gesehen: »Die Ofenbarung«. Leute!
Und in der Generation meiner Söhne sind diese hippen Eisteesorten gerade angesagt. Jeder dritte Rapper hat inzwischen seine eigene Eisteesorte, scheint es. Eistee. Wieso Eistee? Die Marke von Capital Bra heißt »BraTee«. Die von Shirin David »DirTea«.
Mein Jüngster hatte mir daraufhin vorgeschlagen, ich sollte auch eine eigene Teemarke haben: »MutTea«. Da ging mir schon ein bisschen das Herz auf.
Jedenfalls, wenn jemand einen Badvorleger sieht, der auf den Namen »Badvorleger« hört, gebt mir Bescheid. Wir bräuchten einen. Er soll da nur liegen.
Zu Weihnachten habe ich übrigens »Lesesocken« geschenkt bekommen. »Lesesocken«. – Die ziehe ich jetzt immer zum Fernsehen an.
Nimm das, Kapitalismus!
Liebe Marén,
wir müssen reden. Wir sind ja ein Jahrgang und so steht auch dir nun nächste Woche dieser runde Geburtstag ins Haus. Oha.
Diese Fünfzig ist eine, wie ich finde, doch recht beeindruckende und irritierende Zahl, zumal ich sie eher mit unseren Eltern und Tanten in Verbindung bringe als mit uns, weißt du, was ich meine? Die Fünfzig trägt in meinem Kopf einen knielangen Rock und hautfarbene Perlonstrümpfe, eine hochgeschlossene praktische Polyesterbluse, eine mit Haarspray fixierte Dauerwelle und anthrazitfarbene Halbschuhe in Weite G. Ja, Halbschuhe, so hieß das damals. Perlons und Halbschuhe. Und im Herbst einen Anorak. Die Fünfzig in meinem Kopf ist sehr erwachsen.
Werden wir jetzt erwachsen, Marén?
Ich hatte ja bereits im März Geburtstag, grüße dich hiermit schon mal freundlich von der anderen Seite und sage: Hüpf rüber und sei getrost, so schlimm ist es gar nicht. Es ist ja auch nicht so, dass es der erste runde Geburtstag ist, den wir feiern. Kannst du dich an deine erinnern? Wenn ich die Augen schließe …
Ich laufe auf Rollschuhen in die Schule, auch im Schulgebäude ziehe ich sie nicht aus. Rollerskates, endlich habe ich meine eigenen Rollerskates. Weiß sind sie, mit Stoppern und Streifen in Pink. Wer braucht schon Katzen!
Am Nachmittag kommen Tante Gisela, Tante Irmgard und Tante Erna zu Besuch, es gibt warmen Händedruck, kalten Hund und schreckliche Geschenke, darunter ein hautfarbenes Wollunterhemd und eine Flasche 4711.
Mir ist das alles egal. Ich habe meine Rollerskates.
Die Mauer ist hin, die Welt ist weit. Ich wohne noch zu Hause, aber mein schwuler Kommilitone Uwe gibt mir seit einigen Monaten denkwürdige Nachhilfe im Berliner Nachtleben und stellt mir für die Feier seine Wohnung zur Verfügung. Es gibt Sekt aus Weißweingläsern und Musik von Rick Astley, wir tanzen auf weiß gestrichenen knarrenden Dielen und der Abend ist so bunt wie die Keith-Haring-Bilder an der Wand. Nach mir ruft das Leben, die Nachbarn rufen die Polizei, die Verwandten rufen an und fragen, warum sie nicht eingeladen sind.
Mir ist das alles egal. Ich habe Spaß!
Ich bin Mutter eines zweijährigen Kindes, habe Haarausfall und bin chronisch übermüdet. Außer Mutter und müde bin ich gerade nicht so viel. Als sich diverse Mitmütter mit Mitkindern zu einem heiteren PEKiP-Treffen anlässlich meines Geburtstags ansagen, ziehe ich die Reißleine und sage unter einem Vorwand ab.
Ich parke das Kind bei meiner Schwiegermutter, die damit schon mal beschäftigt ist, lade den Mann, der bei mir wohnt, in die Kneipe ein, in der wir uns kennengelernt haben, dazu meinen gesamten Chor und viele alte Freunde. Ein herrlicher Abend. Der Chor singt siebenstimmige Jazzballaden gegen den Hardrock aus den Kneipenboxen.
Der Wirt ist not amused.
Mir ist das alles egal. Ich habe Tequila.
Die Geburtstage in meinem Umfeld werden immer gediegener. Tolle Locations, exquisite Menüs, Dresscodes.
Ich bin immer noch nicht reich geworden, deshalb muss ich mich entscheiden: chic und wenige Freunde oder alle und billig. Ich stecke mein Budget in die Miete des alten Nachbarschaftsheims im Park, ein paar Kisten Sekt und Bier.
Ich lade rund siebzig Herzensmenschen ein, satt und in bequemem Schuhwerk zu erscheinen. Wir feiern ein rauschendes Fest, tanzen Tango und Pogo bis 4 Uhr morgens und versuchen von der Terrasse aus, die Sterne mit Sektkorken zu treffen.
Mein Cousin vermisst den Mettigel.
Mir egal. Ich habe ein Leben.
Und dann, last und hoffentlich nicht least:
Corona und die Kontaktbeschränkungen machen mir einen Strich durch das große Fest, aber der Tag ist der Hammer. Freundinnen klingeln unten an der Haustür und da wir uns nicht umarmen können, stellen sie Blumen, Geschenke und Champagner vor der Tür ab. Jede Menge Post erreicht mich, ein selbst geschriebenes Gedicht ist dabei und sogar ein selbst besungenes Video, ich komme aus dem Heulen gar nicht mehr raus, es ist herrlich. Nina tanzt ihre Wünsche mit Luftballons unten im Regen auf der Straße, während ich auf dem Balkon im vierten Stock stehe – ein Anblick, den ich nicht so schnell vergessen werde.
Am Abend liefert eine Freundin ein selbst zubereitetes Fünf-Gänge-Menü für mich und meine Familie bis an die Tür. Wir decken den Tisch mit weißem Tischtuch und Kerzen ein, für die Vorspeise wünsche ich mir von allen festliche Abendgarderobe, ab Gang zwei ziehen wir alle unsere Jogginghosen wieder an.
Champagner in Jogginghosen. Manch einer findet das stillos.
Mir ist das alles egal. Ich bin fünfzig und fühle mich sehr reich.
Nicht zuletzt wegen Freundinnen wie dir an meiner Seite, also: Happy Birthday, Marén! Weiter geht die Reise, ein Stück davon vielleicht auf den beigefügten Rollerskates?
Younger than ever!
Deine
Susanne
Ping. Mit einem leisen, neutralen Ton verkündet mein Smartphone den Eingang einer neuen E-Mail. Ich habe die Signaltöne gerade heute Morgen wieder auf Standard zurückgesetzt, hatte einiges ausprobiert in letzter Zeit, aber das ganze Dingeldangel war mir schnell auf die Nerven gegangen, und dieses Geräusch der zischenden Bierflasche, wo dann der Kronkorken noch kurz klappert, war zwar sympathisch, aber davon bekam ich immer Durst.
Ping, macht also der E-Mail-Eingang, und die aufploppende Betreffzeile verkündet: »Das Matriarchat ist da!«
Na, das ging dann ja jetzt doch schnell!, denke ich, realisiere aber beim Weiterlesen, dass es sich lediglich um eine Buchankündigung meines Verlags handelt. Der neue Band mit dem Titel »Niemand hat die Absicht, ein Matriarchat zu errichten« versammelt lustige Geschichten und Cartoons von Frauen, darauf bin ich sehr gespannt.
Ich gebe meine Buchbestellung auf, dann lege ich mein Smartphone zur Seite. Die Jungs sitzen schon am Tisch, wir wollen vor dem Mittag noch eine Runde Karten spielen. Während sie mischen, tauschen sie sich untereinander noch über das neue Pokémon-Game aus, das sie später noch am Computer spielen wollen. »Ey, wer keinen female Character nimmt, ist echt lost«, schnappe ich auf.
»Yo«, pflichtet der andere bei: »Ich hab mich für Lucia entschieden.«
Krass, denke ich. In meiner Jugend wäre das undenkbar gewesen, dass die coolen Jungs sich für einen weiblichen Spielcharakter entscheiden.
»Was ist besser bei den weiblichen Charakteren?«, frage ich beiläufig.
»Na ja, die sind nicht nur ansprechender, sondern auch anspruchsvoller im Design, außerdem haben sie im Verlauf des Spiels viel mehr Features und insgesamt viel mehr Anpassungsmöglichkeiten.«
Na, das lasse ich doch mal so stehen.
Es ist Ferienzeit, auch ich habe heute frei und genieße es sehr, mit ihnen Zeit für so was Altmodisches wie Rommé zu haben. Ganz ohne Bildschirm, das ist inzwischen ja schon etwas Besonderes. Aber tatsächlich kommt das Kartenspielen gerade wieder in Mode, zumindest im Freundeskreis des 17-Jährigen. Zum Geburtstag hat er von seinen Kumpels ein Kartendeck mit extragroßen Ziffern geschenkt bekommen. »Voll cool, Alter«, polterten sie. »Das sind so Spezialkarten für Betrunkene.« Dann lachten sie ein bisschen zu laut, hauten sich gegenseitig auf die Schultern und spielten Rommé.
Ich habe es bisher nicht übers Herz gebracht, ihnen zu sagen, dass es sich um ein Seniorenset handelt, ich kenne diese Spiele aus den Alten- und Pflegeheimen. Ich schweige und freue mich.
Ein schöner Nebeneffekt ist auch, dass ich mich selbst ein bisschen jünger fühle, weil ich ohne Lesebrille spielen kann.
Drei Runden später. Ich habe mit Karacho verloren und bin ein bisschen grummelig, weil ich beim letzten Durchgang auf Hand gespielt und mich verzockt habe. Die Jungs merken es und ziehen mich auf: »Bist du jetzt echt sauer?«, fragen sie. »Du erzählst uns unser Leben lang, dass man ein guter Verlierer sein muss, und jetzt schmollst du hier rum?«
