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Gerry Jester ist ein von Schuld zerfressener 49-jähriger Pfandleiher aus Texas, der als Kind für den Unfalltod seiner Mutter verantwortlich war. Beim Ankauf eines Möbelstücks entdeckt er zufällig ein verstecktes Gerät, das sich als Zeitmaschine entpuppt und welches ihm die Chance bietet, sein verpfuschtes Leben zu korrigieren. Doch in der Zukunft ist man ihm längst auf die Spur gekommen. Mit allen Mitteln versucht sein Gegenspieler, Haruki Sato, den normalen Verlauf der Geschichte zu erhalten. Denn auch er hat eine Zukunft zu verlieren! Schon bald stehen beide vor der wohl bedeutendsten Frage ihres Lebens – müssen sie zum Mörder werden, um ihre Schicksale zu ändern?
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Seitenzahl: 437
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Robin Carminis
Lebenspfand
Ein Zeitreiseroman
Robin Carminis
Ein Zeitreiseroman
Titel:
Lebenspfand
Texte:
© Copyright by Robin Carminis
Umschlag:
© Copyright by Robin Carminis mit Hilfe von KI-Tools.
Verlag:
Robin Carminis
c/o Behnke & Brandhorst Hörspiele GbR
Wörthstr. 16
33607 Bielefeld
Herstellung:
epubli - ein Service der neopubli GmbH
Köpenicker Straße 154a
10997 Berlin
ISBN Print:
978-3-7485-2908-8
LNr:
02
Ausgabe:
02
Dieser Titel ist auch als eBook erschienen.
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:[email protected]
»Das Leben ist des Lebens Pfand.«
Johann Wolfgang von Goethe
Wenn er bloß nicht so verdammt eitel gewesen wäre. Wie viele Jahre hatte er nicht mehr an seine Vergangenheit gedacht? Mit der unerfreulichen Begegnung von gestern Nachmittag war alles schlagartig zurückgekommen. Warum nur hatte er dieses verflixte Buch geschrieben? Erst dadurch waren sie überhaupt in der Lage gewesen, ihn aufzuspüren. Wütend und erschöpft raufte er sich die dünner werdenden Haare. Aber geschehen, war geschehen. Von jetzt an hieß es, noch mehr auf der Hut zu sein. Womöglich war das erst der Anfang.
Trotz seiner inneren Anspannung riss er sich zusammen und setzte seine Arbeit fort. Nach einer Weile legte er das Schleifpapier beiseite und betrachtete sein Werk kritisch. Immer wieder hielt er es ins Licht und prüfte die Kanten. Seine Augen sagten ihm zwar, dass sie gut gelungen waren, aber auf sein Augenlicht allein konnte er nicht mehr vertrauen.
Denn es hatte bereits begonnen. Dabei war er erst einundfünfzig. Blieb zu hoffen, dass ihm wenigstens noch ein paar Jahre mit seiner geliebten Frau vergönnt waren. Er rieb sich die juckenden Augenlider. Die Ärzte, bei denen er Linderung seiner Schmerzen suchte, grübelten seit Monaten, woher die akute Trübung der Linsen kam. Sie fanden keine Antwort. Zudem waren das nicht die einzigen Beschwerden. Seine Organe lösten sich regelrecht auf. Leber, Nieren und die Lunge waren betroffen. Das Blutbild war völlig aus dem Gleichgewicht, die roten Blutkörperchen verschwanden förmlich. Auch sein Gedächtnis spielte ihm zusehends Streiche. Eindeutig erste Anzeichen eines rasant voranschreitenden Verfalls. Die Mediziner standen hilflos vor Unmengen von Befunden - Röntgenaufnahmen, Angiogrammen, CT-Scans, EKGs, Blutwerte - und zuckten betreten die Schultern. Keine je bekannte Krankheit passte zu dieser massiven Anhäufung von Symptomen.
Ihn selber wunderte sein gesundheitlicher Zustand in keiner Weise. Er wusste längst, woran es lag. Und er hatte Vorkehrungen getroffen. Betty ahnte von alldem nichts. Bisher hatte er es geschafft, ihr sein Befinden erfolgreich zu verschweigen. Sie sollte sich keine Sorgen machen. Es würde ihr gut gehen. Finanziell war sie seit langem abgesichert.
Obwohl…erneut fiel ihm das gestrige Erlebnis ein. Hoffentlich reichten seine Maßnahmen. Denn die Zukunft war ab jetzt unberechenbar. Stetig im Fluss und ständig darauf lauernd, unerwartet zuzuschlagen. In dieser Hinsicht ging es ihm von nun an genauso wie jedem anderen Menschen.
Er schob die düsteren Bedenken beiseite und fuhr konzentriert mit der Handfläche über das Ergebnis seiner Arbeit. Keine einzige Unebenheit war zu spüren. Perfekt!
»Na, wie habe ich das gemacht?«, sprach er seine Gedanken laut aus, obwohl sonst niemand anwesend war. Zufrieden wandte er sich nun dem antiken Sekretär zu, den er vor Jahren erworben hatte. Kurz nachdem sein Leben eine völlig unerwartete und schicksalhafte Wendung genommen hatte.
Lächelnd erinnerte er sich an den Tag, an dem er nach Tyler in Texas geschickt worden war. Betty, die junge Bibliothekarin in der Carnegie Public Library, hatte ihn schlichtweg aus der Bahn geworfen. Hübsch, ledig und genauso brennend an Geschichte interessiert wie er selbst. Es dauerte keine vier Wochen und sie waren verheiratet. Das Leben, welches er bis dahin geführt hatte, war mit einem Mal bedeutungslos geworden.
Behutsam passte er das Werkstück ein und nahm wohlwollend zur Kenntnis, dass es sich nahtlos einfügte. Ein zaghaftes Klopfen holte ihn aus seinen Gedanken. Durch die geschlossene Tür seines Arbeitszimmers hörte er die Stimme seiner Frau.
»Thomas, bitte verzeih, dass ich dich störe. Magst du eine Tasse Darjeeling mit mir trinken? Ich habe gerade eine Kanne aufgebrüht.« Rasch schaute er sich prüfend um. Nichts, was Fragen aufwerfen würde, lag herum. Also ging er zur Tür und öffnete.
»Ich habe gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit vergangen ist. Eine Tasse Tee wäre wundervoll.«
»Wie lange kennen wir uns jetzt schon? Ich weiß doch, wenn du dich einmal in deine Arbeit verbissen hast, dann bekommen dich keine zehn Pferde aus deinem Zimmer.« Er nickte reumütig und verschloss hinter sich sorgfältig die Tür.
Im Wohnzimmer brannte der Kamin und Betty hatte Haferkekse gebacken. Sie goss ihm eine Tasse dampfenden Tee ein und setzte sich dann selber in den Ohrensessel gegenüber.
»Woran arbeitest du gerade?«, wollte sie wissen und reichte ihm den Teller mit dem Gebäck. Er winkte dankend ab, weil ihn ein ätzendes Sodbrennen plagte. Ihre Augen trafen sich und es tat einen Stich in seinem Herzen. Er mochte sie nicht anlügen, aber es musste sein.
»Ich«, setzte er an, um eine plausible Antwort ringend, »ich wollte mich mal wieder mit einem anderen Thema beschäftigen. Da kam mir in den Sinn, dass ich schon ewig nichts mehr über die Verbindungen zwischen den einzelnen Kunstepochen recherchiert habe.«
»Ach wie schön. Für ein neues Buch? Mir fallen da direkt Manet, Matisse und eine zerbrochene Lesebrille ein, weißt du noch?« Betty lachte auf und griff nach ihrer Brille, die sie, wie immer, auf den Kopf geschoben hatte. Sie betrachtete das Stück in ihren Fingern und ergänzte: »Was war ich schüchtern damals. Ich hatte gerade erst die Stelle als Bibliothekarin angefangen, da wollte ich keinen Fehler machen.«
»Und dann stolpere ich in dich hinein und bringe dich so aus dem Konzept, dass du glatt die Expressionisten und Impressionisten vertauscht hast.«
»Ja, es muss wahrlich Schicksal gewesen sein, dass du diese uninteressante Provinzbibliothek überhaupt besucht hast«, nickte Betty und trank einen Schluck Darjeeling. Schmunzelnd lugte sie über den Tassenrand und beobachtete die Reaktion ihres Gatten. Dieser protestierte wie erhofft, empört.
»Ich habe auf meinen Dienstreisen nie eine einzige Bücherei ausgelassen, egal wie unbedeutend sie auch sein mochte.« Bevor er fortfahren konnte, fiel Betty ihm ins Wort und beendete seinen, ihr wohlbekannten, Vortrag.
»Denn die größten Kostbarkeiten finden sich oftmals an den abgelegensten Orten. Dort, wo man sie nie vermuten würde. So viele historische Juwelen habe ich auf diese Art in den Büchereien der Welt entdeckt.« Sie grinste breit, als sie sah, wie ihr Mann schmollend den Mund verzog. Erwartungsvoll rutschte sie an den Rand ihres Sessels, denn nun kam normalerweise ihr Lieblingssatz. Und auch dieses Mal griff er zärtlich ihre Hand und sagte: »Aber auf solch einen Schatz zu treffen, darauf hatte mich niemand vorbereitet.« Sie strahlte ihn an, wie jedes Mal, wenn er das sagte.
Dieser Blick hatte damals sein Schicksal besiegelt. Wie sehr er sie auch heute noch liebte. Wegen ihr hatte er alles hinter sich gelassen und trotzdem diese folgenschwere Entscheidung niemals bereut.
Nach dem Tee ging er zurück in die Werkstatt. Ein paar Sonnenstrahlen fielen durch eines der Fenster und streiften sein gealtertes Gesicht. Er spürte ihre wohltuende Wärme, während er weiter an die Vergangenheit dachte. Was für eine schöne Zeit. Tausend unschätzbare und liebevolle Erinnerungen. Was hätte er alles verpasst, wenn er seine Betty vor einundzwanzig Jahren nicht getroffen hätte.
Eine Wolke schob sich vorbei und stahl ein wenig Licht. Mit gebotener Eile brachte er seine Arbeit zu Ende und setzte das sorgfältig angefertigte Teil abschließend ein. Sein Geheimnis war jetzt gut geschützt, aber trotzdem zum Greifen nahe. Er war vorbereitet und hatte noch ein letztes Ass im Ärmel.
Gerry Jester fluchte. Das Geräusch trieb ihn noch in den Wahnsinn. Den ganzen Tag quälte ihn schon dieser nervtötende Piepton. Er stand doch verdammt nochmal nicht neben einem EKG, oder wie hieß dieses Ding, mit dem man die Herztöne aufzeichnete? Mit der flachen Hand schlug er sich immer wieder auf das linke Ohr, aber das ungnädige Geräusch verstummte nicht.
Und jetzt auch noch das. So ein Ärger! Mittlerweile fuhr er schon zum siebten Mal um die riesige Einkaufsmall und hatte noch immer keinen freien Stellplatz gefunden. Er war doch nicht die fünfundzwanzig Meilen nach Dallas gefahren, um so kurz vor dem Ziel zu scheitern, nur weil er keinen Parkplatz finden konnte.
In seiner Heimatstadt Arlington, besonders in seinem Viertel, war er solche Verhältnisse nicht gewohnt. Egal, nun war er hier und würde nicht unverrichteter Dinge umkehren.
Da! Etwa fünfzig Meter entfernt sah er die Rücklichter eines Wagens in der linken Reihe aufleuchten. Gerry gab Gas. Die Chance durfte er sich nicht entgehen lassen. Schließlich war er nicht der einzige Fahrer, der auf der Lauer lag. Kaum hatte der Ausparker seine Parklücke verlassen, stieß Gerry auch schon mit Schwung in den freigewordenen Raum. Er trat kräftig auf die Bremse, um nicht auf das gegenüberstehende Fahrzeug zu prallen.
Es polterte. Gerry zuckte erschrocken zusammen. Mist! Hatte er doch zu spät reagiert? Aber das Geräusch war nicht von außen gekommen. Das Päckchen, das auf dem Beifahrersitz gelegen hatte, war bei seinem abrupten Bremsmanöver in den Fußraum gefallen. Er stellte den Motor aus und wischte sich mit der Hand einen Schweißtropfen von der Stirn. Trotz der eisigen Temperaturen draußen fühlte Gerry sich wie in einer finnischen Sauna. Das alles stresste ihn. Hoffentlich war das Glasfläschchen nicht zerbrochen. Er griff nach dem Paket, hob es auf seinen Schoß und schaute vorsichtig hinein. Alles gut, nichts war beschädigt.
Immerhin befand sich darin der wichtigste Bestandteil des Cocktails, den er zu mixen beabsichtigte. Er drehte den Behälter in seinen Händen und las die Aufschrift: Amitriptylin. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen legte er das hochdosierte Antidepressivum zurück in den Karton. Das hatte er gut hinbekommen. Das verschreibungspflichtige Medikament war nämlich nicht so einfach im Supermarkt um die Ecke zu kriegen.
Doch zum Glück gab es Dr. Bold, den Gemeindearzt der Arlington Park Baptist Church. Weniger bekannt durch seine exzellenten medizinischen Kenntnisse als durch seinen Rezeptblock. Da Dr. Bold, wie jeder wusste, dem Alkohol zugeneigt war, suchte man ihn mit entsprechenden Bitten eher am späten Nachmittag auf, so musste man selten mit lästigen Fragen rechnen. Wenn man zudem sein kostspieliges Hobby, Pferdewetten, unterstützte, gab es überhaupt keine Probleme mehr. Die überreichten Geldscheine für den nächsten Wettschein hatten voll und ganz ausgereicht, um das gewünschte Rezept zu erhalten. Manchmal war das Glück eben ein Rennpferd.
Hinzu kam, dass Gerrys Familientragödie in der Gemeinde ein offenes Geheimnis war. Kein Wunder, dass er nach hochdosierten Antidepressiva fragte.
Aber das Amitriptylin allein würde nicht ausreichen. Die Menge der verschiedenen Medikamente und deren optimale Wechselwirkung war das Geheimnis des Erfolges. Diesmal ging er auf Nummer sicher. Die meisten Arzneimittel lagerten schon zuhause. Sorgfältig vor den Augen seiner Vermieterin, Mrs. Baker, und Taio verborgen.
Jetzt standen nur noch Aleve Kapseln und Loratadin Saft auf seiner Einkaufsliste. Und die würde er hier in Dallas besorgen. Nicht, dass daheim zufällig jemand die richtigen Schlüsse zog. Man kannte sich halt in der Gemeinde und in Bezug auf Klatsch und Tratsch war selbst eine Großstadt wie Arlington ein Dorf.
Gerry schlug die Autotür zu. Mitten in der Bewegung schoss ihm plötzlich ein Schmerz durch den rechten Arm. Was war denn jetzt los? Er rieb sich die Armbeuge und ballte eine Faust. Irgendwie brannte es höllisch in seinen Venen und der Arm ließ sich kaum bewegen. Reichte es nicht, dass er Zeit seines Lebens mit einem steifen Bein gestraft war? Fielen nun auch noch weitere Körperteile aus? Ein Grund mehr, all dem endlich ein Ende zu setzen.
Entschlossen humpelte er auf das Einkaufszentrum zu. Direkt im Eingangsbereich entdeckte er einige Wegweiser, auf denen mehrere Drugstores und Apotheken auf sich aufmerksam machten. Perfekt! Hier würde es ein Leichtes sein, die gewünschte Menge Medikamente zu bekommen, ohne dass er dabei unnötige Aufmerksamkeit auf sich zöge.
Gerry Jester betrat die Mall und steuerte die erste Apotheke an. Es standen etliche Kunden vor ihm, daher dauerte es einen Augenblick, bis er bedient wurde.
»Guten Tag, Sir«, begrüßte ihn der Apotheker endlich. »Was kann ich für Sie tun?«
»Guten Tag. Ich hätte gern Loratadin Saft«, gab Gerry an.
»Wie viel Milliliter?«
»Dreimal zweihundert bitte.« Er bemerkte, wie der Apotheker kurz eine Augenbraue anhob. Rasch senkte er den Blick und gab vor, etwas in seiner Jackentasche zu suchen.
»Gerne. Ich muss Sie allerdings darauf hinweisen, dass dies die maximale Abgabemenge an Antihistaminika für eine Person ist.«, fügte der Verkäufer mit einem leicht belehrenden Tonfall in der Stimme hinzu. Gerry nickte wortlos.
«Haben Sie sonst noch einen Wunsch?« Etwas zögerlich bestellte er das zweite Präparat.
»Ja, Aleve Kapseln. Zwei Schachteln, bitte.« Er wusste, dass dies ebenfalls die maximale Abgabemenge war, und rechnete fest mit einer Nachfrage seines Gegenübers. Jetzt bloß nicht auffallen! Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und er spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Das Piepsen in seinen Ohren schwoll an, die Abstände zwischen den Tönen wurden immer geringer. Er musste sich konzentrieren, um den Apotheker zu verstehen.
»Ich verstehe«, hörte er den Mann zu seiner Überraschung lapidar antworten. Dann bemerkte er, wie der Verkäufer auf sein steifes Bein starrte und meinte, Mitleid in dessen Zügen zu erkennen. Aber der Arzneihändler drehte sich einfach um und begab sich zu den Regalen, um die gewünschten Artikel zu besorgen.
Gerry atmete durch. Ein beißender Geruch stieg ihm in die Nase. Es roch penetrant nach Desinfektionsmittel. War hieretwas ausgelaufen? Zumindest lief sein Plan besser als erwartet. Eine weitere Apotheke oder ein Drugstore und er hätte alles, was er brauchte. Sicher, der Verkäufer hatte etwas seltsam geschaut, doch wirklich misstrauisch war er nicht geworden.
Eine Türglocke erklang. Hinter ihm betraten einige neue Kunden den Laden. Mehrere Stimmen redeten wirr durcheinander. Nervös trat Gerry von einem Fuß auf den anderen. Oder machte er sich was vor? Telefonierte der Mann womöglich hinten im Laden bereits mit der Polizei und meldete einen Verdacht?
»Das macht insgesamt neunundsiebzig Dollar. Zahlen Sie mit Kreditkarte?«, hörte er den Apotheker plötzlich fragen. Dieser war unbemerkt mit einem Korb unter dem Arm zurückgekehrt und hatte, während Gerry in seiner eigenen Gedankenwelt gefangen war, begonnen, die einzelnen Schachteln in einer Papiertüte zu verstauen.
»Nein, ich zahle bar«, entgegnete Gerry etwas zu hastig und erntete dafür erneut einen überraschten Blick seines Gegenübers.
»Natürlich, wie Sie wünschen.« Irgendetwas in der Stimme des Mannes ließ ihn innehalten. Es zwang ihn, den Kopf zu heben.
Gerry erschauderte. Es war, als würde der Mann geradewegs in seine Seele blicken. Nein, da war noch mehr. Glühten die Augen des Verkäufers etwa? Sein Unwohlsein wuchs mit jedem Atemzug. Die Muskeln in seinem rechten Arm zuckten wie wild. Auch das Geräusch in seinen Ohren piepste schlagartig unregelmäßiger und schneller. Was stimmte hier nicht? Das Weiß in den Augen des Apothekers wurde immer mehr zu einem Gleißen, das alles überstrahlte. Gerry musste blinzeln, um nicht geblendet zu werden. Doch es half nichts. Er konnte seinen Blick nicht abwenden und von Sekunde zu Sekunde wurde das Leuchten greller. Nur mit großer Anstrengung, die ihn an den Rand der vollständigen Erschöpfung brachte, schaffte er es, die Augenlider endlich zu schließen. Eine willkommene Dunkelheit und absolute Stille umhüllten ihn.
Dann blitzte es plötzlich. Ein langer und greller Blitz ohne Donner. Gewitter? Aber es schien weit entfernt zu sein. Er weigerte sich, die Augen wieder zu öffnen. Sollte der Kerl doch jemand anderen anstarren. Seine Gedanken drifteten orientierungslos umher. Ihm war kotzübel. Alles schien sich zu drehen. Hilflos wurde er von wirren Erinnerungen übermannt. Es blitzte erneut. War überhaupt Gewitter angekündigt? Träge fügten sich die Bilder wie bei einem Puzzle zusammen. Ginger, die Wetterfee von Good Morning America, hatte kein Unwetter vorhergesagt. Höchstens leichten Schneefall für Dallas.
Er tastete matt mit der rechten Hand nach seinem Hals. Das Schlucken fiel ihm schwer, in seiner Kehle schmeckte es auf einmal wie rohes Fleisch. Der Arm ließ sich nur unter brennenden Schmerzen bewegen. Allein der pure Versuch ermüdete ihn dermaßen, dass er sofort wieder wegdämmerte.
Dann nahm er auf einmal unbekannte Geräusche und einzelne Worte wahr. Es klang wie eine dieser Arztserien aus dem Fernsehen. Wie bin ich nach Hause gekommen? Oh Gott, habe ich vergessen, die Flimmerkiste abzuschalten? Ein Gedanke, der erneut seinen Puls beschleunigte. Mahnend schlichen sich weitere Gedanken heran. Stromkosten, Staub, der sich im alten Röhrengerät entzündet, immer noch keinen Rauchmelder gekauft zu haben, Mrs. Bakers Schlaf zu stören.
»Doktor, wir haben keine Kenntnis über das eingenommene Präparat. Die Verwendung eines Antidots könnte kontraindiziert sein.«
»Wie ist die Sauerstoffsättigung?«
»Ich mach ihn schnell aus«, dachte Gerry benommen, doch bevor er sein Vorhaben in die Tat umsetzen konnte, wurde aus dem Grau seiner Wahrnehmung erneut Schwarz. Ein weiterer Blitz durchzuckte die Dunkelheit. Dieses Mal verweilte er schmerzhaft auf seinem Sehnerv. Gerry kniff die Augen fester zusammen und versuchte, der unangenehmen Helligkeit zu entgehen. Jetzt wurde der Blitz sogar von einem Donner begleitet. Das Grollen des Unwetters schwoll an. Aus einer undefinierbaren Richtung mischten sich andere, ungewöhnliche Geräusche hinzu. Der Piepton war wieder da und dazu ein seltsames Schnarren.
Gerry spürte benebelt die Anwesenheit einer Person. In unmittelbarer Nähe seines Kopfes hörte er Stimmen. Plötzlich wurde sein rechtes Auge berührt und das Lid nach oben gezogen.
»Reguläre Miosis«, sagte jemand. Seine Pupillen implodierten bis auf Nadelstichgröße. Der Blitz haftete auf ihnen wie ein unbarmherziger Laserstrahl.
»Mr. Jester?«, hörte er, wie durch einen Gehörschutz gedämpft, seinen Namen.
»Mr. Jester, können Sie mich verstehen?« Von Panik ergriffen, versuchte Gerry, sich aufzurichten. Drehschwindel und ein Übelkeit verursachender, saurer Geschmack im Mund waren die Folge. Das Licht erlosch abrupt. Kräftige Hände packten ihn und drückten ihn zurück in das Kissen.
»Ganz ruhig, Mr. Jester. Wissen Sie, wo Sie sind?«, fragte eine männliche Stimme. Selbst das leichte Kopfschütteln verursachte unangenehmen Schwindel.
»Mr. Jester. Sie sind im Arlington Memorial. Mein Name ist Dr. Spellman.« Gerry versuchte, etwas zu erwidern, aber sein Mund formte nur tonlose Worte.
»Ich kann Sie nicht verstehen. Bleiben Sie ganz ruhig! Ihr Kehlkopf ist angeschwollen, das ist ganz normal. Wir mussten eine Magenspülung durchführen. Das EKG…«
Die Lautstärke der Worte schwankte und sie ergaben zunehmend weniger Sinn. Schleichend verschwand alles in einem warmen Nebel.
Als Gerry das nächste Mal aufwachte, war er allein. Die Beleuchtung des Zimmers war angenehm gedämpft. Im Gegensatz dazu waren seine Gedanken wieder hell und klar. Er erinnerte sich schlagartig an alles.
Er lebte! Und das hieß, er hatte versagt. Erneut!
Der Anruf hinterließ ein mulmiges Gefühl in Haruki Satos Magengegend. Bisher war sein Job immer reine Routine gewesen. Und jetzt das. Security-Awareness-Meeting um fünfzehn Uhr in Raum Berlin. Das hatte die Sekretärin mit einem undefinierbaren Unterton in der Stimme befohlen. In den Besprechungsräumen mit Namen bekannter Hauptstädte fanden ausschließlich Sitzungen des Board of Directors statt. Genau genommen hatte dort jemand in seiner Stellung nichts verloren. Das konnte nur eins bedeuten - Eskalationsbericht vor dem Gesamtvorstand.
»In allen Dingen hängt der Erfolg von den Vorbereitungen ab«, zitierte Sato im Kopf eine alte Zen-Weisheit, aus dem Land seiner Vorfahren, während er den Fortschritt der laufenden Auswertungen ein weiteres Mal kontrollierte. Analysejobs durchforsteten die Logdateien und spuckten im Minutentakt Berichte aus. Zwar konnte er in der Kürze der Zeit nicht besonders viele Details über die Episode WW2/35 in Erfahrung bringen, aber je mehr Daten er sammeln würde, desto besser.
Bloß keinen inkompetenten Eindruck hinterlassen, keine nicht belegbaren Schlussfolgerungen präsentieren und, so gut wie möglich, für alle etwaigen Fragen gerüstet sein. Wenn man dem Flurfunk Glauben schenken durfte, konnten selbst Nichtigkeiten zur Entlassung führen. Ein Gedanke, der nicht unbedingt Mut machte.
Sato begab sich auf den Weg. Die Aufzugstür zischte leise, als sie den Blick in die Vorstandsetage freigab. Der Unternehmensführung eilte der Ruf voraus, stets exzellent über die Entwicklungen im Konzern auf dem Laufenden zu sein. Hastig wischte er sich mit dem Handrücken eine feuchte Stelle von der Oberlippe.
Durch eine gewaltige Schallschutztür betrat er den ganz in Glas und mattem Aluminium gehaltenen Raum. Eingeschüchtert von den enormen Ausmaßen des Saales zog er unwillkürlich den Kopf ein und seine Schultern verspannten sich.
Überlebensgroße Konterfeis berühmter Wissenschaftler und Persönlichkeiten beherrschten die wenigen Wände. Im Vorübergehen identifizierte er Albert Einstein, Marie Curie und Martin Luther King auf den gestochen scharfen Schwarz-Weiß-Fotografien. Einige der anderen dargestellten Personen waren ihm dagegen unbekannt.
Wäre kein hochfloriger, steingrauer Teppich auf das teure Parkett gelegt worden, hätte man eine herabfallende Stecknadel hören können. Es war mucksmäuschenstill, als er eintrat.
Ein leichtes Schaudern durchfuhr seinen Körper. Die Ausdrucke der Präsentationsfolien, die er für den Notfall angefertigt hatte, raschelten unter seinem Arm. Synthetikpapier war zwar nicht mehr State of the Art, denn selbstverständlich lagen alle notwendigen Daten auf den Servern. Aber Mara, dem allgegenwärtigen Zen-Dämon, war es zuzutrauen, dass er sich sogar als Netzwerkfehler einschlich.
Als die Anwesenden sein Eintreten bemerkten, richteten sich gespannt alle Blicke auf ihn. Eine junge Assistentin mit blondiertem Kurzhaarschnitt wies ihm einen Platz zu. Unbeholfen setzte er sich auf den dunkelgrauen Ledersessel.
»Wollen wir beginnen, Scoutsupporter Sato?«, forderte ihn der CEO auf.
»Selbstverständlich, Sir, sofort.«
Hektisch legte Haruki Sato seine Handfläche auf die dafür vorgesehene Stelle im Tisch. Unmittelbar darauf wurde die Glaswand am Kopfende milchig. Die Fensterflächen dunkelten automatisch ab und eine Präsentationsoberfläche erhellte einen Teil des Raumes.
Eine ältere, gepflegt aussehende Endfünfzigerin im dunkelgrauen Blazer, die ihm schräg gegenübersaß, übernahm die Rolle der Moderatorin.
»Computer, Aufzeichnung Revision Episode WW2/35 mit aktuellem Zeitstempel starten.« Das direkt vor ihr im Tisch eingefasste Display blinkte bereitwillig zur Eingabe von Notizen auf.
»Mr. Sato, wir möchten Sie bitten, uns von Mr. Batedors Abreise zu berichten.«
Der Scoutsupporter stand auf und eilte in Richtung Tischende. Hier vollführte er eine Handbewegung in der Luft, und sofort füllte seine Präsentation die gesamte Wand.
»Danke sehr. Heute Morgen um zehn Uhr habe ich Mr. Batedor im Transitraum empfangen. Exakt, wie vorgesehen.«
Er wischte die erste Folie beiseite. Ein Zeitplan erschien auf der Wand. Der Name Tomás Batedor und die Uhrzeit waren rot eingekreist.
»Alle Systeme arbeiteten korrekt, wie Sie aus der Analyse des Task-Monitors ersehen können. Gravitation 100%, Krümmungsgrad CTC abgeschlossen.«
Er wischte erneut, legte Daumen und Zeigefinger der rechten Hand aufeinander. Als er sie wieder öffnete, vergrößerte sich eine der Grafiken.
»Entschuldigen Sie, Mr. Sato. Ich hätte eine kurze Zwischenfrage«, kam es vom anderen Ende des Tisches. Vor dem Auge des Scoutsupporters erschien ein leuchtend grüner Schriftzug mit dem Namen der Dame, welche die Frage gestellt hatte.
›Dr. Sommers, Melissa - CHRO‹ - die Personalchefin.
»Hat Mr. Batedor vor seiner Abreise Bedenken geäußert?« »Nein, Ma’am, Mrs. Sommers. Den Eindruck hatte ich nicht. Im Gegenteil, er wirkte vielmehr neugierig und voller Tatendrang«, erinnerte sich Sato.
»Wie üblich habe ich ihn über die gesundheitlichen Risiken aufgeklärt und ihn die notwendigen Formulare unterschreiben lassen. Zum Schluss überreichte ich ihm die Utensilien und wünschte ihm eine gute Reise.«
»Hat er noch irgendetwas gesagt?« Sato überlegte einen kleinen Moment.
»Den üblichen Scherz aller Historyscouts. Er sagte ›Bis gleich‹. Außerdem hat er sogar noch gewunken. Daran erinnere ich mich genau. Das hatte bis dahin noch keiner gemacht.« Einige der Anwesenden schmunzelten.
»Aber, ob er sonst noch irgendwas gesagt hat, Ma’am? Da bin ich mir nicht sicher. Ton- oder Videoaufzeichnungen fertigen wir im Transitraum leider nicht an.« Mrs. Sommers nickte.
»Danke, Scoutsupporter Sato.« Die Moderatorin blickte beflissen in die Runde der zehn Männer und Frauen, um die nächste Wortmeldung einzuleiten.
Der CEO beugte sich zu dem Mann neben ihm herüber und flüsterte ihm etwas zu. Aufgeregt knackte Sato die Fingerknöchel. Stellten sie seine Aussage in Frage? Sekunden vergingen. Jemand goss sich eine Tasse Tee ein. Das Plätschern durchbrach die Stille. Mit zwei Fingern griff sich Sato in den zugeknöpften Hemdkragen und versuchte, seine Krawatte zu lockern.
»Melissa, eine Frage bitte«, wandte sich der Vorstandsvorsitzende, ohne die Moderatorin zu beachten, an die Personalchefin.
»Können Sie uns Auskunft über das psychologische Gutachten von Mr. Batedor geben?«
»Aber natürlich, Paul.« Die Angesprochene räusperte sich, bevor sie fortfuhr.
»Das Ergebnis war in Ordnung. Mr. Batedor lag sowohl in den medizinischen als auch in den psychologischen Tests in der Norm«, sagte sie ein wenig zu laut. Der CEO runzelte die Stirn und bohrte nach.
»In der Norm, Melissa? Also guter Durchschnitt?«
»Nein, geringfügig darunter«, gab die Personalchefin missmutig zu. »Wären die Anforderungen letztes Jahr nicht massiv erhöht worden, hätte er über dem Mittelfeld gelegen. Ich war von Anfang an gegen die Verschärfung des Auswahlverfahrens, aber ich wurde ja überstimmt. Es ist schwer genug, neue Historyscouts zu rekrutieren.«
»Nun, wie mir scheint, wurden die Vorgaben noch nicht weit genug erhört, Mrs. Sommers. Nicht wahr?«
Der Personalchefin schoss das Blut in den Kopf. Ihr war nicht entgangen, dass der CEO sie plötzlich wieder mit dem Nachnamen angesprochen hatte. Als sie weitersprach, klang ihre Stimme dennoch ungebrochen selbstbewusst.
»Für sein Alter wurde Mr. Batedor als sehr reif und gefestigt eingestuft. Immerhin ist er mit fünfundzwanzig Jahren unser jüngster Historyscout. Es gab keinerlei Anzeichen für potentielle Insubordination, falls Sie darauf hinauswollen.«
Bei ihren letzten Worten schwang ein vorwurfsvoller Unterton mit.
»Tja, das können wir aus aktuellem Anlass wohl leider nicht mehr ausschließen«, entgegnete der CEO kühl.
»Wie Sie meinen«, gab sie leicht eingeschnappt zurück. »Allerdings würde ich gerne zuerst alle technischen Fragen klären, bevor ich unsere Mitarbeiter unter Generalverdacht stelle.«
»Es wird wohl das Beste sein, wenn wir das im Anschluss an die Sitzung in meinem Büro klären«, beendete der Vorstandsvorsitzende das Thema barsch.
Betretenes Schweigen. Die Moderatorin nutzte routiniert deeskalierend die Atempause der beiden Entscheider und wandte sich nochmals an den Scoutsupporter.
»Mr. Sato. Bitte teilen Sie uns die Spezifikationen des eingesetzten Systems mit. Ist es korrekt, dass es sich um die ITER 4.0 Release V15.3 handelt?«
»Das ist korrekt, dies ist die neuste Version und aktuell im Einsatz.« Das Klirren eines Löffels in einer Tasse ließ ihn kurz aufschrecken. Jetzt bloß nicht ablenken lassen.
»Die ITER 4.0 ist mit fünfzehn Standards konfiguriert«, ergänzte er. Sato verschränkte die Arme hinter dem Rücken, streckte sich und sog tief Luft durch die Nase ein. Bis jetzt lief es doch ganz gut. Einigen Gesichtern nach zu urteilen, erwartete man noch mehr Informationen. Daher fügte er rasch hinzu: »Ich möchte noch erwähnen, dass die Norm von fünfzehn Standards, also Zeitsprüngen, von der medizinischen Division akzeptiert worden ist. Natürlich müssen - neben dieser maximal erlaubten Anzahl Reisen - auch die Vorgaben in Bezug auf Entfernung des Ziels, den zeitlichen Abstand der Expeditionen sowie die vorgeschriebenen medizinischen Behandlungen strikt eingehalten werden. Eine Überschreitung dieser Grenzen führt unwiderruflich zu irreparablen Zellschäden. Im schlimmsten Fall zum Tod.«
Irgendjemand im Raum schnaufte hörbar. Leicht irritiert schaute Sato sich um, fuhr dann aber fort.
»Zur Sicherheit verfügt die ITER 4.0 deshalb über einen Notfall-Mechanismus, der eine Rückkehr vor Verbrauch der Sprungpunkte ermöglicht. Es ist zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht bekannt, ob der Vorgang in der betroffenen Episode ausgelöst wurde. Ersten Analysen zufolge kehrte das Tablet regulär zurück. Alle fünfzehn Standards wurden verwendet.«
Fragende Gesichter sahen ihn an. In die anschließende Grabesstille stellte der CEO die eine vernichtende Frage.
»Und wo ist Mr. Batedor, wenn alles perfekt gelaufen ist?«
Reihum richteten sich die Anwesenden gespannt in ihren Sesseln auf. Stammelnd suchte Sato nach den richtigen Worten.
»Kurz nach der Abreise des Historyscouts, um genau zu sein, eine Minute nach der Abreise, kehrte die Hardware zurück. Alleine. Sie wurde sofort vom Außendienstmitarbeiter aufgelesen und überführt.« Die meisten Anwesenden guckten betroffen drein.
»Es tut mir leid, Sir. Ich habe keine Ahnung, wo Mr. Batedor abgeblieben ist.«
Ungläubiges Kopfschütteln ringsum.
»Wenn das so ist, Mr. Sato, wäre es dann nicht das Sinnvollste, einen zweiten Mann direkt hinterherzuschicken?« In der Runde wurde zustimmend genickt.
»Wir entsenden den Revisor einfach genau an dieselben Ziel- und Zeitkoordinaten wie Mr. Batedor? Dieser Mann kommt dann parallel an und schickt Mr. Batedor sofort wieder nach Hause, noch bevor der Mann überhaupt die Gelegenheit hätte, abtrünnig zu werden.«
Ein Aufatmen ging durch die Reihen der Anwesenden, schien die Idee des CEO ausgesprochen sinnvoll und logisch zu sein. Die Moderatorin wollte auf Basis dieses Vorschlags eben zu einer Abstimmung auffordern, als Sato sie unerwartet unterbrach.
»Bitte verzeihen Sie, meine Damen und Herren, aber diese Option könnte ausgesprochen gefährlich sein.«
Unmittelbar legte sich eine frostige Atmosphäre über den Raum und alle Blicke richteten sich erneut auf Sato. Was erdreistete sich dieser kleine Angestellte, den Vorstand zu belehren. Solche oder ganz ähnliche Gedanken glaubte Sato in ihren Gesichtern abzulesen. Sympathie schlug ihm jedenfalls nicht entgegen.
»Und warum, Mr. Sato, könnte das ausgesprochen gefährlich sein?«, durchbrach der CEO die Stille. Seine Stimme hatte den Klang von gefrorenem Eis. Sato wischte sich die verschwitzten Finger an seinen Hosenbeinen trocken.
»Weil Mr. Batedors Ankunft in der Vergangenheit gar nichts mit Insubordination zu tun haben könnte. Vielleicht wurde er lediglich Opfer eines tödlichen Unfalls. Würden wir jemanden an denselben Ort und dieselbe Zeit schicken, hätten wir gegebenenfalls schon zwei Tote zu verantworten. Selbst, wenn das nicht zuträfe, wäre diese Option gefährlich.« Atemlos durch seine schnell ausgesprochenen Sätze, sog er hastig Luft durch die Nase ein, bevor er seinen Gedankengang weiter ausführte.
»Denn das, was wir hier und jetzt als unsere Gegenwart wahrnehmen, könnte bereits das Resultat von Mr. Batedors Verschwinden sein. Wenn wir ihn, wie vorgeschlagen, zurückholen, hätte das womöglich nachteilige Auswirkungen auf die Gegenwart, die wir kennen.«
»Zum Beispiel?«, warf die Moderatorin verwirrt dazwischen.
»Da gäbe es einige Möglichkeiten«, gab Sato zurück. »Es wäre beispielsweise denkbar, dass Historyscout Nr. 12 derart unwichtig für die Geschichte war, dass rein gar nichts geschieht. Es kann andererseits genauso gut sein, dass sein Einfluss derart gravierend war beziehungsweise ist, dass es ohne ihn diese Agency überhaupt nicht gäbe.«
Entsetztes Schweigen folgte seinen Worten. Die meisten Mitglieder des Vorstands starrten ihn entgeistert an. Mitten in die Stille hinein meldete sich jemand, der bis dahin noch kein einziges Wort gesagt hatte. Reynold Berlitz, der verantwortliche Finanzchef der Agentur.
»Ich bin ziemlich sicher, dass Sie sich da irren, Mr. Sato!«, warf er mit herablassendem Tonfall in der Stimme ein.
»Die TT Agency gab es schließlich schon vor der Abreise von Mr. Batedor. Demzufolge wird seine sofortige Rückkehr kaum Auswirkungen haben können, oder?«
Mit stechendem Blick fixierte er Sato, als wolle er sagen: »Ich rate dir, mir nicht zu widersprechen!«
Aber der gebürtige Japaner hatte keine Wahl. Der Mann mochte arrogant sein und im Vorstand eines Mega-Konzernes sitzen, nichtsdestotrotz war er im Unrecht.
»Sehen Sie, das ist leider das Problem mit Zeitreisen. Wir befinden uns exakt in dem Dilemma, vor dem wir unsere Datensammler immer wieder warnen und weswegen sie intensiv geschult werden. Man nennt es Paradoxon.«
Inzwischen schlug sein Herz bis zum Hals. Hoffentlich klang seine Stimme trotzdem gelassen. Bloß nicht inkompetent wirken.
»Womöglich ist es für unseren heutigen Status quo absolut notwendig gewesen, dass Mr. Batedor gegen die Regeln verstieß«, erläuterte Sato mit möglichst verständlichen Worten weiter.
»Seine potenzielle Insubordination wäre somit unerlässlich für den uns bekannten Verlauf der Geschichte. Sozusagen essentiell wichtig, was bedeuten würde, dass wir ihn um Gottes Willen nicht zurückholen dürfen. Prädestination, wenn Sie so wollen. Fügung?«
Um seine Ausführungen zu unterstreichen, deutete er mit einer Hand gen Himmel.
»Oder, Sie haben Recht und es passiert rein gar nichts. Genau das ist das Problem von Paradoxien. Man befindet sich mitten in einem unlösbaren Widerspruch.«
Berlitz starrte Sato weiterhin an. Sein Gesichtsausdruck hingegen hatte sich erkennbar verändert. Dort war keine Spur mehr von Arroganz. An ihre Stelle war Verunsicherung getreten. Resigniert sank er in sein Sitzmöbel zurück und schwieg. Die anderen Vorstandsmitglieder schienen geradezu in sich zusammenzusacken. Allein der CEO bewahrte Haltung.
»Was schlagen Sie vor, Mr. Sato?«
»Wir müssen zunächst Gewissheit erlangen. Gewissheit über die Auswirkungen seines Verbleibs. Dazu wird es einige Tage an Computeranalysen bedürfen.«
Sato durchforstete seit Stunden die Logs der vergangenen Jahrzehnte. Bisher ohne jeden Erfolg. Sie brachten keine neuen Erkenntnisse über den Verbleib von Historyscout Nr. 12.
Er faltete die Hände hinter dem Kopf und drückte die Lehne seines Schreibtischstuhls zurück. Unfassbar, wo waren nur die Hinweise? Vor- und zurückwippend schweifte sein Blick durch den Raum. Als erwarte er, dass hinter der Yuccapalme oder dem Gemälde an der gegenüberliegenden Wand auf magische Weise plötzlich eine Information zu Tage treten würde.
Beim Anblick des Bildes im schlichten Holzrahmen wurde er melancholisch. Die Firma bot jedem Mitarbeiter bei Einstellung an, sich ein Kunstwerk aus der internen Haussammlung fürs Büro auszusuchen. Sato hatte sich damals für das Original des berühmten Künstlers Paul Eckstein entschieden. Der Maler war zu Lebzeiten gefeiertes Mitglied des Club500 gewesen, einer Gesellschaft der besten Maler aller Zeiten. Als er vor fünf Jahren, bei einem Unfall im Alter von dreiunddreißig verstorben war, stiegen die Preise seiner Werke in astronomische Höhen. Das Gemälde hatte ihm auf Anhieb gefallen. Der kräftige Strich, die krassen Farben - neonmäßig. Die Landschaft auf dem Bild stellte einen Bachlauf im ehemaligen Nationalpark Yosemite Valley in Kalifornien dar.
Wie gerne hätte Sato dieses Tal ein einziges Mal mit eigenen Augen gesehen. Sein Großvater, der seinerzeit nach Amerika ausgewandert war, hatte ihm stets von diesem malerischen Naturwunder vorgeschwärmt. Bedauerlicherweise war der Park vor über fünfzig Jahren bei einem verheerenden Jahrtausendbrand fast vollständig zerstört worden. Was Sato blieb, war das abstrakte Kunstwerk, um seine Sehnsucht nach unberührter Natur zu stillen. Und das auch nur, solange er Mitarbeiter der Firma blieb, denn leider war man bei Kündigung gezwungen, die großzügigen Leihgaben wieder abzugeben. Die Firma - der Gedanke brachte ihn zurück zu seinem ursprünglichen Problem.
»Das kostet mich den Job«, dachte er verzweifelt und erinnerte sich an seine Ausführungen vor dem Board of Directors. Mit den Fingern strubbelte er sich durch die Haare und massierte seine Kopfhaut. Hinter ihm kicherte eine helle Stimme.
»Versuchst du durch die statische Aufladung einen Geistesblitz zu erzeugen?«, unkte es aus Richtung Tür.
»Sehr witzig, mir ist jetzt wirklich nicht nach Scherzen zumute!« Haruki Sato drehte sich herum und sah die junge Frau im Türrahmen finster an. Doch diese stolzierte, unbeeindruckt von seiner missmutigen Laune, mit übertriebenem Hüftschwung heran und ließ sich lasziv auf seinen Schoß gleiten.
»Samantha, bitte! Als ob ich nicht schon genug Schwierigkeiten hätte. Hast du es noch nicht gehört?«
»Självfallet, mein Schatz, selbstverständlich. Deshalb bin ich ja hier! Ich wollte sehen, wie es dir geht.«
Sie schlang ihre Arme um den Hals des Japaners und schmiegte sich an ihn.
»Ich komme einfach nicht weiter. Die Logs geben, verdammt nochmal, keinen Aufschluss darüber, was passiert ist. Und immer wieder kriege ich diese Warnmeldung ›Mittlere keplerische Anomalie‹. Es ist zum Mäusemelken.«
Samantha strich ihm beruhigend über den Rücken.
»Hey, gemeinsam finden wir es heraus. Wozu hast du eine Freundin, die im Historymonitoring arbeitet?« Sie erhob sich und lief zu den Holowänden herüber. Ihre Hände flogen über die Displays schoben Grafiken zur Seite, oder vergrößerten Ausschnitte von Tabellen.
»Hast du es schon mit dem neuen Big-Data-Tool versucht?«
»Ja klar, und ich habe alle Datenquellen angezapft. Ich kriege keine Übereinstimmungen. Als wäre der Typ spurlos verschwunden, atomisiert oder hätte sich verwandelt.«
»Halt, verwandelt ist ein super Stichwort. Hast du an den Velamentum Filter gedacht? Ich meine die Maskierungsprozedur.«
»Oh Mann, warum bin ich da nicht früher draufgekommen? Brillant, Samantha! Computer, weite den Algorithmus für das Attribut ›Namen‹ auf alle obligatorischen Sprachstämme inklusive Akronyme aus und kalibriere die Gesichtserkennungsmuster nach Norm 17A2.«
»Bestätigt«, gab der Computer freundlich zurück.
»Spezifikationsprüfung abgeschlossen… Suche initiiert.«
Mit angehaltenem Atem starrten die beiden auf den Bildschirm. Sekündlich erschien ein weiterer Punkt auf dem raumfüllenden Holo, der den Fortschritt der angewandten Suche erahnen ließ. Die Zeit schien dahinzukriechen, bis der Computer endlich das erlösende ›Suche beendet‹ ausspuckte. Ein einziger Eintrag war auf dem hellgrauen Hintergrund zu lesen.
1976 - Professor Dr. Thomas Wayfarer - Der texanische Unabhängigkeitskrieg - erschienen im Harper & Row Verlag.
Neben der Textzeile war das Foto eines älteren Mannes mit schulterlangem Haar und grauen Koteletten zu sehen. Sato riss die Augen auf und schnappte nach Luft.
»Das ist er«, brachte Samantha stammelnd hervor.
»Das ist Tomás Batedor, unser Historyscout Nr. 12.«
Die Zimmertür schwang auf und eine beleibte Schwester mit strengem Dutt trat ein. Sie erblickte Gerry und stutzte kurz.
»Da sind wir ja endlich wach. Schön! Wie geht es Ihnen?« Ohne eine Antwort auf die offensichtlich rhetorisch gemeinte Frage abzuwarten, machte sie auf dem Absatz kehrt und fuhr im Gehen fort: »Ich rufe den Doktor.«
Direkt im Anschluss stürmten zwei Schwestern das Zimmer und überprüften, stillschweigend und routiniert, die Geräte und Schläuche. Kurze Zeit später betrat ein Mann im weißen Kittel und mit ernster Miene den Raum.
»Guten Morgen, Mr. Jester«, nickte dieser Gerry im Vorbeigehen zu und marschierte, ohne ihn weiter zu beachten, zum Fenster. Er öffnete beide Flügel weit und ließ eisige, trockene Luft hereinströmen.
Einige Sekunden herrschte Stille. Einzig das penetrante Piepsen des Vitalmonitors war zu hören. Aus dem Augenwinkelbeobachtete Gerry den Mann, der regungslos am offenen Fenster stand und die Winterluft zu genießen schien. Am unteren Ende des Kittels, den er trug, lugte eine ausgefranste Jeans hervor und stippte auf blankpolierte, schwarze Schuhe mit Lochmuster.
»Wir haben uns ja schon kennengelernt«, sprach der Arzt Gerry unvermittelt an, ohne seinen Blick von den ersten Schneeflocken des Jahres abzuwenden. Gerry zuckte zusammen.
»Also, ich Sie zumindest«, grinste der Mediziner breit, während er sich zu seinem Patienten umdrehte. Einen Schritt und er war am Fußende des Krankenbettes angelangt. Gerry schielte gequält zum Gesicht des Arztes hoch, welches sich von seiner Perspektive aus gesehen in beachtlicher Höhe befand.
»Ich bin Dr. Spellman, leitender Internist hier im Arlington Memorial. An was aus den vergangenen zwei Tagen können Sie sich noch erinnern?« Verweigernd drehte Gerry seinen Kopf zur Seite. Weg von der um den Infusionsschlauch bemühten Krankenschwester und weg von Dr. Spellman. Ungerührt sprach dieser weiter.
»Bevor ich umfassendere medizinische Schritte einleite, möchte ich gerne mit Ihnen über den…«, er machte eine Kunstpause, »…Unfall reden.« Mit diesen Worten zog er einen Stuhl ans Bettende und setzte sich. Ein kurzes Nicken in Richtung der Krankenschwestern genügte und diese verließen den Raum. Der Durchzug, der beim Schließen der Tür hereinwehte, trug den Geruch von Desinfektionsmittel und schlecht gelüfteten Gängen herein. Gerry schluckte gegen ein aufsteigendes Gefühl von Brechreiz. Er vermied es weiterhin, den Arzt direkt anzusehen.
»Ich will keine Hilfe«, brachte er mit trotziger Stimme hervor.
»Tatsächlich?«, entgegnete Dr. Spellman gespielt gelassen und schlug Gerrys Krankenblatt auf.
»Hören Sie«, ergänzte er mit stoischer Ruhe und überkreuzte die Beine, »mir persönlich, mir ist es gleich, ob Sie nächste Woche wieder hier sind. Ich rette gerne Menschenleben!« Beiläufig schnippste der Arzt eine imaginäre Fluse von seiner Hose. »Selbst dann, wenn Patienten dem Staat auf der Tasche liegen.«
Gerry fröstelte bei diesen Worten und sah in Richtung Fenster. Doch der Mediziner machte keine Anstalten, es zu schließen. Stattdessen referierte er weiter.
»Wissen Sie, in medizinischen Notfällen, wie dem Ihren, ist das Krankenhaus durch den Emergency Medical Treatment and Labor Act gesetzlich verpflichtet, Sie zu behandeln. Sogar wenn Sie nicht ausreichend versichert wären.« Er fuhr mit dem Zeigefinger über das oberste Blatt, als würde er einen Satz unterstreichen.
»Und Sie sind nicht ausreichend versichert, wie ich hier sehe.« In Gerrys Hals formte sich ein dicker Kloß.
»Nun gut. Genug bürokratisches Vorgeplänkel.« Der großgewachsene Mediziner lehnte sich entspannt zurück und blätterte einige Seiten in der Krankenakte um.
»Wie geht es Ihrem versteiften Bein? Schmerzen?« Gerry schüttelte den Kopf. Der Arzt wiegte den Kopf von links nach rechts.
»Bei der Menge an Naproxen natrium in Ihrem Blutkreislauf wundert mich das ehrlich gesagt auch nicht. War es Aleve oder Apranax? Ach, eigentlich unwichtig.« Er schlug eine weitere Seite um. Seine Stirn legte sich in kleine Falten. Man sah ihn förmlich denken. Dann atmete er deutlich hörbar aus und schnaubte verächtlich.
»Obwohl, wenn ich das hier lese, ist es mir womöglich doch egal, ob Sie es nächstes Mal überhaupt ins Krankenhaus schaffen. Ich habe weiß Gott ausreichend Patienten, die meine Hilfe zu schätzen wissen und dankbar sind.«
Er las erneut in der Akte, blätterte mechanisch weiter und wurde fündig.
»Ah, da haben wir es ja! Sie haben Glück, besser gesagt, ich habe Glück. Sie gehören zu einem der ersten Patienten, bei denen die Daten über ihre Aufenthalte in den vergangenen zehn Jahren zusammengefasst und in einer elektronischen Patientenakte gebündelt wurden. Ich habe hier eine druckfrische Übersicht Ihrer Krankenkarriere. Diese zusätzlichen Informationen bieten mir eine hervorragende Gesamtsicht auf Ihren Fall.« Er schlug einige Seiten um und danach wieder zurück.
»Im Januar 2012 gab es drei Blutbeutel je 450 ml. Was war denn da passiert?« Gerry versank im Kissen.
»Verstehe, ein weiterer Unfall. Beim Heckenschneiden? Blutgruppe AB+. Selten, sehr selten, mein Freund.« Seine Mundwinkel zuckten.
»Und ein Jahr danach, üble CO-Intoxikation. Hm, hier steht ein defektes Abgasrückführventil.« Er nickte anerkennend. »Kreativ gelöst - aber feige.« Gerry kniff die Augen zusammen.
»Na, Sie sind mir ja ein erfolgloser Stammgast. Ich hätte da ein paar todsichere Tipps für Sie«, bot ihm der Arzt an. »Aber was sage ich denn da, offiziell waren das schließlich alles Unfälle, nicht wahr?«
»Sie haben ja keine Ahnung!«, stöhnte Gerry heiser und funkelte den Provokateur im weißen Kittel aufgebracht an. Zum ersten Mal sahen sich die beiden direkt in die Augen.
»Wovon habe ich keine Ahnung?« Der Chefarzt richtete sich auf und beugte sich auffordernd in Richtung Bett.
»Von Schuld!«, brachte Gerry mit tränenerstickter Stimme hervor. »Sie retten täglich Leben und ich, ich habe Leben zerstört. Hören Sie? Zerstört!«
Bis auf die nervtötenden Geräusche des Vitaldatenmonitors wurde es wieder totenstill im Zimmer. Gerrys Kopf sank tiefer in das übergroße Kissen und verschmolz nahezu mit dem blassgelben Bezug. Ein nasser Fleck bildete sich neben seinem Kopf.
Warum bekomme ich immer die Kaputten? dachte Dr. Spellman resigniert und schaute zum Fenster. Die tänzelnden Schneeflocken puderten in rasender Geschwindigkeit die Straßen und Dächer. In den vergangenen zwei Wochen waren es immerhin vier Suizidversuche gewesen. Ungewöhnlich für diese Jahreszeit. Zwar war Depression eindeutig saisonal, aber eben nicht herbst- oder wintergetrieben. Statistisch gesehen verhielt es sich nämlich gegenläufig zur üblichen Annahme. Erst vor ein paar Tagen hatte er sich zufällig eine Studie zu medizinmeteorologischen Einflussfaktoren bei Suiziden vorgenommen. Nichts deprimierte Menschen offenbar mehr als warme Temperaturen und der Anblick glücklich verliebter Paare bei schönem Wetter. Wie lag der Fall hier?
Laut Krankenblatt war Gerry Jester einmal im Jahr, jeweils am zehnten oder elften Januar, eingeliefert worden. Ein Umstand, der dem Internisten erst jetzt ins Auge sprang. Spellman griff sich mit Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel und massierte von da aus seine Stirnhöcker, hinter denen sich schleichend ein Kopfschmerz aufbaute. Der Geburtstag also!
»Wann haben Sie das letzte Mal einen Schneemann gebaut?«, fragte er unvermittelt, ohne aufzusehen.
Gerry glotzte den Mann mit dem akkuraten Kurzhaarschnitt irritiert an und zuckte die Schultern.
»Als Kind, mit neun vielleicht.«
Der Arzt fing an, in seiner Kitteltasche zu kramen. Neben einer Visitenkarte, die er Gerry aufs Bett warf, brachte er zusätzlich einen Rezeptblock und einen Kugelschreiber hervor. Mit übertrieben kindlichen Strichen und Kreisen kritzelte er einen Schneemann auf das oberste Blatt und riss das Papier ab. Spitzbübisch grinsend überreichte er die Skizze seinem verdutzten Patienten. Danach wurde seine Miene sofort wieder ernst.
»Das hier verschreibe ich Ihnen! Dreimal diesen Winter.« Abrupt stand er auf und beförderte den Stuhl mit der freien Hand an seinen ursprünglichen Platz. Durch das weiterhin offene Fenster war die Sirene eines Rettungswagens zu hören.
»Wir haben Ihnen hier eine neue Chance gegeben. Holen Sie sich Hilfe, Mann! Ich will Sie hier nicht mehr sehen!«
Mit diesen Worten marschierte er zum Desinfektionsspender an der Tür, hielt dort aber mitten in der Bewegung inne. Er blickte zurück und deutete gleichzeitig mit dem ausgestreckten Finger Richtung Flur.
»Da draußen, da sitzen übrigens Menschen, denen Sie anscheinend etwas bedeuten. Vielleicht denken Sie auch mal an Ihre Freunde.«
Anschließend presste er zweimal den Hebel des Spenders und verließ den Raum, ohne sich noch einmal umzusehen. Gerrys Magen krampfte sich zusammen, als sein Blick auf die Visitenkarte fiel - die Adresse eines Psychologen in Fort Worth.
Kaum hatte der Arzt das Zimmer verlassen, klopfte es an der Tür. Nach ein paar Sekunden wurde sie zögerlich einen Spalt weit geöffnet. Ein gepflegter, dunkelbrauner Pagenschnitt schob sich in das Zimmer. Mit geröteten, leicht geschwollenen Augen lugte eine Frau, etwa in Gerrys Alter, verschüchtert um die Ecke. Als sie die blasse Gestalt im Krankenbett erblickte, schossen ihr Tränen in die Augen. Gerry schluckte schwer und musste sich zusammenreißen, um dem Blick der Freundin standzuhalten.
»Wie konntest du…«, brach es aus der zierlichen Frau heraus. Unfähig, den Satz zu beenden, schlug sie die Hände vors Gesicht. Hinter ihr wurde die Tür vollends aufgestoßen und gab den Blick auf einen zweiten Besucher frei. Die massive Gestalt von Gerrys Mitbewohner Taio wurde hinter Ruth sichtbar. Er schob die Freundin sanft in den Raum.
Gerrys Mund war zu trocken, um einen Satz herauszubringen. Seine Zunge klebte am Gaumen und er griff nach dem Wasserglas, um einen Schluck zu trinken. Ein willkommener Vorwand, um nichts sagen zu müssen. Ruth und Taio legten ihre Mäntel ab und Taio zog zwei Besucherstühle heran.
»Ist dir doch recht, oder?«, hielt er verunsichert inne. Gerry nickte kaum merklich und stellte sein Glas zurück auf das Tischchen neben seinem Bett. Eine Weile saßen sie sich schweigend gegenüber, ab und an untermalt durch unterdrücktes Räuspern oder Schnäuzen seitens Ruth.
»Soll ich das Fenster mal zumachen?«, fragte Taio verlegen in die eisige Stille. Als Gerry teilnahmslos mit den Schultern zuckte, stand der Freund auf und schloss es.
»Hast du gesehen, es schneit?«, versuchte er, ein unverbindliches Gespräch zu beginnen. Gerry sah zum Fenster hinaus und beobachtete die dicken Flocken, die sich inzwischen wie ein weißer Teppich auf die umliegenden Dächer gelegt hatten. Dichte Wolkenformationen reflektierten das Glitzern der frischen Schneedecke und gaukelten ihm einen hellen, freundlichen Morgen vor. Dabei war der Himmel in Wirklichkeit bedrückend düster und grau. Beklommen dachte er an die deutliche Ansprache Dr. Spellmans vor wenigen Minuten.
»Gehen Sie lieber einen Schneemann bauen und suchen Sie sich Hilfe.« So oder so ähnlich hatte ihn der selbstgefällige Arzt zurechtgewiesen. Was bildete der sich eigentlich ein?
Gerry atmete tief ein, hielt die Luft an und schloss die Augen. Ruth und Taio warfen sich einen hilflosen Blick zu. Das Unbehagen im Raum war nahezu greifbar.
»Ich bin froh, dass ihr hier seid«, brachte Gerry endlich mit rauer Stimme hervor. Jetzt gab es für Ruth kein Halten mehr. Sie heulte wie ein Schlosshund und war kaum zu beruhigen. Taio legte ihr den Arm um die Schultern, was bei seiner Spannweite dazu führte, dass von der zierlichen Frau aus der Nachtschicht der Pfandleihe kaum noch etwas zu sehen war. Ein paar Papiertaschentücher später hatte Ruth sich wieder im Griff und Gerry bot ihr sein Glas Wasser an. Sie nahm es dankbar entgegen.
»Gerry«, begann sie nach zwei Schlückchen, »du kannst immer zu uns kommen, das weißt du doch, oder?«
Er wich ihrem Blick aus, als sie ihm sein Glas zurückgab. Ruth legte ihre Hand auf seinen Arm und drückte ihn sanft.
»Du weißt das, oder?«, wiederholte sie. »Du kannst mich immer anrufen, egal wann.«
Schnell zog sie ihre Hand zurück, als sie spürte, wie er sich verkrampfte.
»Weißt du noch, Kumpel«, sprang Taio ihr zur Seite, um den peinlichen Moment zu überspielen.
»Es hat auch so doll geschneit, als wir uns kennengelernt haben?« Seine Stimme war dabei eine Spur zu laut, sodass Gerry seine gut gemeinte Bemühung, das Thema zu wechseln, sofort durchschaute.
»Als könnte ich das je vergessen«, gab er dankbar zurück.
»Du bist völlig orientierungslos durch den Supermarkt am Circle Drive gestolpert und hattest keinen blassen Schimmer, wie du das Zeug für deine Vermieterin zusammenkriegen solltest.« Taio lachte bei der Erinnerung laut auf. Doch sein Lachen klang ein wenig zu aufgesetzt.
»Was wollte Mrs. Baker noch mal haben?«, spielte Gerry das Spiel mit.
»Ganz ordinäre Auberginen. Aber du konntest ja nicht mal eine Kartoffel von einer Karotte unterscheiden. Was Essen anging, warst du damals ein echter Kretin.« Abermals lachte Taio laut. Diesmal eine Spur natürlicher. Selbst Gerry musste bei dem Gedanken an die eierförmige, violette Frucht spontan lächeln. Hätte Mrs. Baker keinen Oberschenkelhalsbruch gehabt, wüsste er vermutlich immer noch nicht, was Auberginen sind.
»Was warst du doch für ein Glückspilz, dass du ausgerechnet mich um Hilfe gebeten hast. Du würdest noch heute ein ahnungsloser, kulinarischer Banause sein«, zog Taio ihn auf.
Ein toter Banause, ergänzte Gerry im Geiste und griff sich an den Hals. Ein Schwall Magensäure bahnte sich seinen Weg durch die Speiseröhre und hinterließ einen ätzenden Geschmack.
Ihm wurde schmerzlich bewusst, dass er, dank Taio, seinen neunundvierzigsten Geburtstag noch erleben würde, ob es ihm gefiel oder nicht. Warum, zum Henker, war sein Freund und Koch an diesem Samstag zu früh nach Hause gekommen? Taio besaß offenbar ein unbewusstes Gespür für sich anbahnendes Unglück.
Für einen Moment herrschte bedrückende Stille. Das allgemeine Schweigen drohte unerträglich zu werden, als Ruth sich zu Wort meldete.
»Taio, wärst du so nett und holst mir einen Becher Kaffee? Am Ende des Ganges habe ich einen Automaten gesehen, meine ich jedenfalls.« Der gebürtige Westafrikaner sah seine Freundin fragend an, sagte aber nichts und verließ das Krankenzimmer. Gerry war sofort klar, dass Ruth ihn alleine sprechen wollte. Doch ihm war nicht sonderlich wohl bei dem Gedanken. Vermutlich würde sie die Gelegenheit nutzen, um ihm entsetzliche Vorwürfe zu machen. Er fühlte sich mit einem Mal furchtbar klein.
»Weißt du eigentlich, dass ich nur wegen dir in der Pfandleihe angefangen habe, Gerry?« Gerry schluckte. Das fing ja gut an mit den Vorwürfen. Nicht nur der Kloß, der sich erneut in seinem Hals bemerkbar machte, hinderte ihn daran, etwas zu erwidern.
»Vier Jahre ist das jetzt her, seit du mich damals in der Kirche angesprochen hast«, fuhr sie fort. Noch immer fehlten ihm die Worte. Sein Mund öffnete und schloss sich, aber kein Ton kam heraus. Worauf wollte sie hinaus?
»Ich war zwar damals tatsächlich auf Jobsuche«, gab Ruth zu und strich sich nervös eine Strähne aus dem Gesicht, »doch der wahre Grund für meine Zusage war, dass du mich vom ersten Augenblick an fasziniert hast.«
Als sie Gerrys hohlen Blick bemerkte, ergänzte sie: »Ehrlich, du und deine schüchterne Art, die passen so gar nicht zu deinem Äußeren.« Sie hielt inne und biss sich auf die Unterlippe.
»Ich habe mich durch deine Frage geschmeichelt gefühlt. Ich dachte echt, du wolltest mich anmachen.« Gerry schnappte nach Luft. Damit hatte er nicht gerechnet. Seine Gedanken überschlugen sich. Was wollte sie ihm sagen? Dass ihr etwas an ihm lag? Etwas, das über Freundschaft und Kollegialität hinausging? Er setzte zu einer Erklärung an, doch Ruth kam ihm zuvor.
»Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass du meine Gefühle nicht erwiderst, dass mehr als Freundschaft nicht drin war. Du warst und bist so sehr mit dir und deiner Vergangenheit beschäftigt, dass da nie Platz für jemand anderen sein wird.« Bei den letzten Worten senkten sich ihre Schultern und sie sah noch kleiner und zerbrechlicher aus als zuvor.
»Ich, ich weiß nicht, was ich sagen soll, Ruth. Ich wollte nicht…«, hörte Gerry sich selbst krächzen. Er ballte eine Faust und hielt sie sich vor den Mund.
Nie im Leben hätte er sich vorstellen können, dass es auf dieser Welt eine Frau gab, die sich auch nur im Entferntesten für ihn als Mann interessierte.
»Du musst gar nichts sagen, Gerry«, winkte sie ab. »Ich hatte mir eigentlich geschworen, dir das nie zu erzählen. Also hör einfach nur zu!«
»In Ordnung«, gab er kleinlaut zurück.
»Selbst wenn aus uns nichts geworden ist und auch niemals werden wird, eines möchte ich, dass du weißt. Du bist nicht alleine. Du bist mir wichtig und du kannst immer auf mich zählen. Genauso wie auf Taio.« Sie schaute ihm geradewegs in die Augen.
Meinte sie das wirklich ehrlich oder steckte etwas anderes dahinter? Vielleicht der Versuch einer geschickten Manipulation? Indem sie in ihm die Hoffnung einer gemeinsamen Zukunft weckte, obwohl sie es gar nicht ernst meinte. Nur, damit er von weiteren Selbstmordversuchen absah. Wäre Ruth dazu fähig? Noch vor wenigen Augenblicken hätte er ihr dergleichen niemals zugetraut. Doch jetzt war er plötzlich unsicher. Obwohl sie schon etliche Jahre zusammenarbeiteten, musste er sich eingestehen, dass er sie im Grunde gar nicht genug kannte.
Forschend sah er sie an und versuchte, die wahren Motive der Freundin zu ergründen. In diesem Moment öffnete sich die Tür des Krankenzimmers und Taio kam herein. In der Hand trug er einen Plastikbecher. Der Duft von frischem Kaffee wehte herüber.
»Ich habe dir den Kaffee mit Milch und Zucker mitgebracht«, platzte er in die Unterredung. »Ich hoffe, das war richtig. Du hast dich ja nicht genauer geäußert, Ruth.«
»Schon in Ordnung, danke!«, erwiderte sie und warf Gerry einen verschwörerischen Blick zu, der so viel sagte wie: »Ich hoffe, du hast mich verstanden.«
Taio reichte ihr den Becher, nahm Platz und räusperte sich verlegen. Sein Blick wanderte unschlüssig von Gerry zu Ruth und wieder zurück.
»Weißt du schon, wann du raus darfst?«, bemühte er sich, das Gespräch wiederaufzunehmen.
»Morgen früh, aber ich muss direkt nach Fort Worth zur Weiterbehandlung. Ich habe einen Termin um halb zwölf.«
