Lebensraum - Joana Hirsch - E-Book

Lebensraum E-Book

Joana Hirsch

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Beschreibung

Hochmotiviert tritt Jungärztin Kaja ihre erste Stelle an und sieht sich schnell mit der Realität des Klinikalltags konfrontiert: Das Drängen auf Tempo und Wirtschaftlichkeit macht sie zur Fließbandarbeiterin und versperrt ihr den Blick für die Menschen und Werte, die ihr wichtig sind. In einem anderen Teil der Stadt hadert Hausfrau Susanne mit der lieblosen Beziehung zu ihrem Mann, für den sie all ihre Ziele aufgegeben hat. Und letztlich auch sich selbst. Was tun, wenn man eines Tages feststellt, dass das Leben, das man führt, nicht das ist, was man will?

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Seitenzahl: 420

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Buch

„Ich will Leben retten.“

Hochmotiviert tritt Jungärztin Kaja ihre erste Stelle an und sieht sich schnell mit der Realität des Klinikalltags konfrontiert: Das Drängen auf Tempo und Wirtschaftlichkeit macht sie zur Fließbandarbeiterin und versperrt ihr den Blick für die Menschen und Werte, die ihr wichtig sind.

In einem anderen Teil der Stadt hadert Hausfrau Susanne mit der lieblosen Beziehung zu ihrem Mann, für den sie all ihre Ziele aufgegeben hat. Und letztlich auch sich selbst.

Was tun, wenn man eines Tages feststellt, dass das Leben, das man führt, nicht das ist, was man will?

Autorin

Joana Hirsch, geboren 1985 in Bulgarien, wuchs in Deutschland auf und interessierte sich schon von klein auf für Gesang, Sprache und Schriftstellerei. Dem Studium der Humanmedizin in Göttingen und Essen schloss sie eine Promotion an. Während dieser Zeit blieb sie der Kreativität treu, veröffentlichte ein Studioalbum und wirkte für verschiedene Musiker als Songwriterin und Backgroundsängerin mit. Als Romanautorin erfüllte sie sich mit ihrem Erstlingswerk „Lebensraum“ einen lang gehegten Wunsch. Heute wohnt Joana Hirsch mit ihrem Partner und den gemeinsamen Kindern in Sachsen.

Besuchen Sie die Autorin auch auf https://www.instagram.com/joanahirschschreibtundnebenbeinochmensch.wordpress.com/buecher

Für meine Kinder

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Epilog - Walter

Danksagung

1

Sie war vor ihm wach und starrte die in der Dämmerung bläulich schimmernde Stuckdecke an. Im Gebälk über ihnen knackte es, als ob das Haus die müden Knochen regte. Es war ewig derselbe Morgen, an dem sie seinem Atem lauschte, bevor Rammstein die Stille durchbrechen und ihn aus dem Zimmer begleiten würde. Im Zwielicht des neuen Tages flackerte wieder die Hoffnung auf, er möge sich im Türrahmen noch einmal nach ihr umdrehen. Wie dumm sie war. Dümmer als die Versuchsratten, mit denen sie damals an der Uni experimentiert hatte. Sie hatten nach wenigen Stromschlägen begriffen, dass sie ihr Verhalten ändern mussten, um dem Schmerz zu entgehen.

Wann war sie für Armin unsichtbar geworden? „Engel“ war auch das Lieblingslied ihrer besten Freundin an der Uni gewesen. Wenn sie nun hier läge, würde er sich bestimmt wohlig brummend zu ihr rollen, ihr übers Kinn streichen und einen Kuss auf die Stirn hauchen. Susanne hingegen würde später nur durch den Duft seines Duschbads und die Toastkrümel auf der Anrichte daran erinnert werden, dass er da gewesen war. Sie wollte von ihm wahrgenommen, berührt werden, und gleichzeitig wünschte sie, ihm nie begegnet zu sein.

Bis dass der Tod euch scheidet.

Auf der Studentenparty war sie blutjunge dreiundzwanzig gewesen, in Begleitung ihrer attraktiven Kommilitonin, die im Gegensatz zu ihr nach so einer Nacht selten allein nach Hause ging. Die Luft in dem fensterlosen Bunker war satt von Schweiß und Rauch, aber er hatte ausgesehen, als wäre er gerade erst angekommen mit seinem gestärkten Hemd und den gegelten Haaren. Sein Parfum war zu ihr herübergeschwebt wie der Duft eines frisch gesägten Kiefernasts. In dem Augenblick, als er sie angesprochen hatte, musste ihr Herz einen Schlag ausgesetzt haben. Sie hatte zu ihrer ebenfalls erstaunten Freundin gesehen, doch er hatte lachend den Kopf geschüttelt, ohne den Blick von ihr abzuwenden.

Ich rede mit dir.

Die kleinen Härchen in ihrem Nacken hatten sich aufgestellt, als er ihr die Worte ins Ohr geraunt hatte. Sein Atem Pfefferminz, seine Zähne zwei perfekte Reihen leuchtendes Weiß. Wie konnte das sein? Neben ihr stand die schöne Marion oder Martina – sie wusste nicht einmal mehr ihren Namen – und dieser Prinz sprach stattdessen sie an? Das Anhängsel. Das Mauerblümchen. Das A-Körbchen. In dem zum Bersten gefüllten, überhitzten Raum schienen sie auf einmal die einzigen Gäste zu sein. Marionmartina und der Rest schmolzen zu einem Slow-Motion-Mulm zusammen. Das Wummern aus den Boxen trat in den Hintergrund, es gab nur Armin und Susanne, Susanne und Armin. Das Gespräch über sein Auslandspraktikum in New York und seine beruflichen Pläne verlief zwar einseitig, doch sie hatte ihm auch nichts vergleichbar Interessantes zu erzählen. Irgendwann war die Freundin verschwunden, Armins Arm um Susannes Taille gewandert und der Beschluss gefasst worden, die Party zu verlassen. Seine Wohnung, so stellte sich heraus, befand sich praktischerweise in der Nähe des Clubs und hatte eine gut sortierte Whiskybar vorzuweisen. So etwas hatte sie bis dahin noch nie getan. Jemanden aufreißen. Mit ihm nach Hause gehen. Selbst wenn es Gelegenheiten gegeben hätte, hätte sie so etwas nicht gemacht. Vermutlich. Die Einrichtung war geschmackvoll und die Räume für eine Studentenbude überraschend groß. Er knipste eine Standleuchte an, eine Konstruktion aus löchrigem Holz und Metall, die aussah, als könne man sich nach ihrer Anschaffung die Stromrechnung nicht mehr leisten, und befüllte die Whiskygläser, die in dieser Nacht halbvoll bleiben sollten.

Heute, achtzehn Jahre später, war Armin noch da, doch seinen Whisky trank Susanne alleine. Was hatte sie an ihm so mitgerissen? Sein Aussehen? Seine Eloquenz? Seine Selbstsicherheit. Seine Fähigkeit, andere Leute von sich zu überzeugen. Ja. Doch über die Zeit, wenn man einen Menschen in- und auswendig kennen lernte, kannte man auch die kleinen Unwahrheiten, die vertuschten Makel. Sie drehte den Kopf nach links und betrachtete ihn. Sein nackter Rücken war ihr zugewandt. Perfekte, leicht gebräunte Haut, die selbst im Dunkel dieses jungen Tages schimmerte. Ein Laken bedeckte seine schlanke Hüfte und die muskulösen Beine. Sie stellte ihn sich auf seinem Rennrad vor, in der engen Shorts, die Augen hinter einer Sportsonnenbrille verborgen.

Achtzehn Jahre.

Sie streckte die Hand aus und ließ sie gerade so weit von ihm entfernt liegen, dass sie seine Wärme spüren konnte. Ihre Blütezeit, ihre Sehnsüchte waren hier mit einem falschen Versprechen in Schubladen eingestaubt. Für Armin hatte sie alles hintangestellt und darauf vertraut, dass ihre Zeit kommen würde. Selbst jetzt glomm noch ein Funken Hoffnung in ihr. Sein Brustkorb hob und senkte sich seelenruhig. Er träumte. Sie grübelte.

Dann erklang ein Pfeifen und signalisierte das Ende dieser Zeit zwischen gestern und heute, in der Susanne so tun konnte, als ob sie ein ganz normales Paar seien. Armin tastete nach dem Handy und entblößte in der Dämmerung zwei dünne rote Striemen kurz unterhalb seiner Achsel. Als hätte ihn etwas gekratzt. Oder jemand. Susanne blinzelte mit angehaltenem Atem. Dann setzte er sich auf und ging ohne einen Blick zu ihr aus dem Zimmer.

2

Die Drehtür spuckte eine knittrige Frau aus, deren senfgelbes Gesicht auf den eigenen Schoß blickte. In einer windgeschützten Ecke neben dem Eingang parkte die Krankenschwester ihren Rollstuhl zusammen mit dem Infusionsständer und gab der Patientin Feuer, bevor sie sich ebenfalls eine Zigarette anzündete und sehnsüchtig in die aufgehende Septembersonne schaute. Eine bernsteinfarbene Flüssigkeit schwappte im seitlich am Rollstuhl angehakten Katheterbeutel umher. Über dem Klinikhemdchen trug die Patientin einen Frotteebademantel, der mehr preisgab als er verhüllte. Der ausgeleierte Saum ihrer Wollsocken war bis zur Sohle der rissigen Gummischlappen hinabgerutscht. Wundpflaster übersäten die papierdünne Haut ihrer Unterschenkel, die die Farbe überreifer Pflaumen hatten.

Nikotinabusus. Morbus Bechterew. Chronisch-venöse Insuffizienz.

Kaja unterdrückte ein Juchzen. Sie fühlte sich wie ein mit Wissen gefüllter Wasserballon, der zum Abwurf bereit über der Klinik baumelte. So lange hatte sie auf diesen Tag hingearbeitet, Nächte durchgebüffelt, Verabredungen aufgeschoben, Liter um Liter Kaffee getrunken, Bücher gefühlt immer einmal mehr gewälzt als ihre Kommilitonen. Die Zeit der Theorie war entbehrungsreich und mühsam gewesen, doch sie hatte sich durchgeboxt, um hier, im echten Leben, die beste Ärztin zu sein, die sie sein konnte. Wie viele Patienten klagten darüber, dass man ihnen nicht zuhörte, wie oft hörte man Krankenschwestern über die Arroganz von Uniabsolventen schimpfen, die sich gebärdeten, als hätten sie das Penicillin höchstpersönlich erfunden. Dabei war es doch so einfach, umsichtig miteinander zu sein, sich ein wenig Zeit zu nehmen und die Fähigkeiten des anderen zu achten. Ihre Kollegen, das sah sie schon vor ihrem inneren Auge, würden ihr über den Gang zuwinken, wenn sie sie sahen, erfrischt von ihrer Offenheit, begeistert von ihrer modernen Vorstellung von flachen Hierarchien und der Begegnung auf Augenhöhe. Auch dem Pflegepersonal und der Putzfrau gegenüber. Hier ein Schulterklopfen, da ein Daumen hoch. Hier stand Kaja also. In einer neuen Stadt, vor einem Haus, dessen Interieur für sie kaum mehr als ein Gerücht war. Ab heute würde sie das Territorium, einem PC-Spiel gleich, erschließen, sich mit den Abläufen vertraut machen und ihr Wissen über die Patienten ergießen. Stolz sog sie den Moment ein, dass sich ihre Brust dem Gebäude entgegen hob.

Die Krankenschwester hatte und sah aus wie eine lebendige Statue, die sich für eine Geldspende in Bewegung setzen würde. Einen Arm hielt sie vor der Brust verschränkt, den Ellbogen des anderen darauf gestützt mit dem Glimmstängel Millimeter vor ihrem gespitzten Mund. Ihr Gesicht fragte: „Personal oder Patient?“ Eilig setzte sich Kaja wieder in Gang. Fünf Minuten bis zur Frühbesprechung.

Vorsorglich war sie den Arbeitsweg letzte Woche ein Mal abgelaufen, um zu vermeiden, dass sie am ersten Tag zu spät kam. Am Vortag hatte sie ihre Kleidung bereitgelegt, die Kaffeemaschine mit Wasser, Filtertüte und Kaffeepulver bestückt und die Zahnpasta auf die in der Seifenschale platzierte Bürste aufgetragen, doch die Aufregung wegen des bevorstehenden Arbeitsbeginns hatte sie so erschöpft, dass sie bäuchlings über einem Fachbuch eingeschlafen war, ohne den Wecker zu stellen.

Gut denkt nur, wer bis zum Schluss denkt, wie Mutti sagen würde.

Die zwei vor ihrem Fenster miteinander plaudernden Buchfinken hätten sie rechtzeitig wecken können, wenn ihr Tschilpen es in Kajas Bewusstsein geschafft hätte. Stattdessen wurde es Teil eines anstrengenden Traums, aus dem sie mit pochendem Herzen erwacht war. Nach einem Blick auf die Uhr hatte sie sich unter Flüchen in ihre Sachen gezwängt, ihre Tasche geschnappt und war aus der Tür gestürmt. Ihre Haare hatte sie im Laufen mit den Fingern durchkämmt und zu einem Zopf zusammengebunden, den Brombeerstrauch ignoriert, der seine verschwenderisch mit Früchten beladenen Ranken nach ihr ausstreckte, und sich einen Kaugummi in den Mund geschoben, den sie in ihrer Hosentasche gefunden hatte.

Als sie nun durch die Drehtür ging, zeichneten sich noch immer die Schlaffalten ab, die das Kapitel über Gefäßzugänge auf ihrer Wange hinterlassen hatte. Augenblicklich wurden die Geräusche der Welt draußen von dumpfem Murmeln abgelöst, als liefe sie durch einen Wattebausch. Im Atrium mischten sich Stimmen mit Sohlengeklapper, die hohen und tiefen Frequenzen wurden unter der Kuppel und in den sich von hier sternförmig abzweigenden Gängen verschluckt, wodurch eine Art weißes Rauschen entstand. Der Friseur, ein Blumenladen und ein kleines Café ließen Kaja fast vergessen, dass sie sich in einem Krankenhaus befand. Vielmehr glich die Atmosphäre der eines kleinen Bahnhofs; Leute kamen und gingen, sahen auf die Uhr, nahmen Platz und erhoben sich wieder. Kajas Anspannung stieg.

„Du schaffst das, du schaffst das, du schaffst das“, murmelte sie, lockerte die Schultern und stieß den Atem aus.

Hinter dem Tresen, der ein Viertel der Lobby einnahm, senkte die Empfangsdame den Kopf auf die Brust und erzeugte unter ihrem Kinn zwei kleine Fettröllchen. Ihre luftige Dauerwelle wippte tadelnd, als sie Kaja über ihre Brille hinweg musterte.

Psychose.

Aus Kajas Pferdeschwanz hatte sich eine Strähne gelöst, die an der schweißnassen Schläfe klebte. Sie strich sie hinter das Ohr, lächelte der Frau unsicher zu und durchquerte das Foyer in Richtung der Fahrstühle, vor denen ein Mann den Boden reinigte, bevor er im Schritttempo auf seiner Scheuersaugmaschine in einen anderen Gang glitt. Es duftete angenehm nach Limette, ganz anders als der beißende Konserviergeruch, an den sie sich aus dem Anatomiesaal erinnerte.

Der Präparierkurs war das Erste von vielen Praktika gewesen, in denen sie gelernt hatte, „Maßnahmen am menschlichen Körper“ durchzuführen. Bis zu dem Zeitpunkt hatte sie diesen nur äußerlich in Augenschein nehmen dürfen. Aus dem verpflichtenden Pflegepraktikum vor Studiumsbeginn hatte sie noch die Worte der Oberschwester im Ohr, die ihr gezeigt hatte, wie man dem Patienten die Bettpfanne unterschob. „Jetzt geht’s ans Eingemachte“, hatte sie gesagt und über ihren eigenen Witz gelacht. Jedes Mal. In den Wochen darauf hatte Kaja mehrmals täglich Patienten auf die Pfanne gehievt und wieder herunter geschoben, Gesichter und Gesäße gewaschen, Urin aus prallgefüllten Beuteln am Bettgitter in übergroße Messbecher abgelassen, Windeln gewechselt, Betten bezogen, Essen gereicht und wieder von vorn angefangen. Was für eine Sauerei hatte es einmal gegeben, als sie mit dem Urinbecher in der Hand vom Praktikanten mit dem Essenswagen angefahren worden war. Sie bekam Schmerzen im Rücken, weil sie ständig Patienten in Rollstühle und zurück ins Bett wuchten musste. In den neunzehn Jahren zuvor waren ihre Sorgen anderer Natur und das unappetitlichste Erlebnis ein Elterngespräch gewesen, in dem ihre Mutter ihrem Mathelehrer keck zugezwinkert hatte.

Im Anatomiesaal an den Körperspendern zu arbeiten, war anders gewesen. Ehrfürchtig war sie am ersten Morgen in ihren Laborkittel geschlüpft und hatte sich in die Gruppe um Souveränität bemühter Hochschüler gemischt, deren Staccatoatem die Luft vibrieren ließ. Die visköse Studentenmasse war die Treppe hinuntergeflossen und hatte eine kurze Belehrung über die Verhaltensregeln erhalten, bevor sich die Tür zu einem künstlich beleuchteten Raum geöffnet hatte. In dem gewaltigen gefliesten Kühlschrank hatte Kaja ihren Atem hören und sehen können. Das Formaldehyd hatte über ihren Köpfen gewabert und sich langsam auf ihre Häupter gesenkt, sich wie Laminierfolie auf ihre Haut gelegt, war in ihre Ohren, Nasen und unter ihre Kittel gedrungen, dass sie den Geruch erst Tage später wieder losgeworden waren. In drei ordentlichen Reihen waren die eisernen Tische wie Schulbänke aufgestellt gewesen, abgedeckt mit Leintüchern, unter denen sich die Silhouetten von vierundzwanzig Leichnamen abzeichneten.

Kaja versuchte, möglichst wenige, große Schritte zu machen, bekam aber dennoch ein schlechtes Gewissen, dass sie den soeben gewienerten Belag direkt wieder verschmutzte. Obwohl sie zum Bewerbungsgespräch hier gewesen war, kam ihr alles neu vor. Die Flure glichen einem Irrgarten.

Labyrinthitis. Innenohrentzündung.

Sie studierte die zwischen zwei Fahrstühlen angebrachte Orientierungstafel. Die Sekretariate der Chefärzte befanden sich bis auf jenes der Gynäkologen und der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen alle in der dritten Etage. Ihr Nagelbett wurde weiß, als sie auf die Taste mit dem nach oben gerichteten Pfeil drückte.

Rekapillarisierungszeit weniger als zwei Sekunden. Gleich würde sie den leitenden Oberarzt treffen, der sie zum Besprechungsraum mitnehmen wollte. Bisher hatten sie nur per E-Mail verkehrt, doch auch ohne dass sie seinen Tonfall kannte, hatte er auf Kaja einen respektablen Eindruck gemacht. Beim Gedanken daran, was er von ihr halten würde, wenn sie verschwitzt, verspätet und in ihren altrosa Lieblingsballerinas vor ihm stünde (in der morgendlichen Hektik hatte sie keine Ersatzschuhe eingepackt), kniff sie Augen und Mund zusammen, als könne sie sich aus ihrer Haut stehlen.

„Reiß’ dich zusammen, Kaja“, sagte sie zu sich selbst. Wie ertappt blickte sie sich nach der Frau am Eingangstresen um, die sich, zu Kajas Erleichterung, gerade einem Besucher zuwendete. Mit einem schabenden Geräusch öffnete sich die Fahrstuhltür. Beinahe wäre Kaja in die weißbekittelte Gruppe geprallt, hielt sich jedoch im letzten Moment zurück und schaute angestrengt auf sechs Brusttaschen. Ihr Enthusiasmus schnurrte zusammen wie ein undichter Luftballon.

Weißkittelphobie.

Als sie noch Studentin war, hatten Ärzte auf sie unerreichbar und einschüchternd gewirkt. In ihrer Vorstellung waren sie überlebensgroß gewesen und hatten mit Flutlicht im Rücken auf sie herabgeschaut.

Doch nun, erinnerte sie sich, war sie eine von ihnen. Als die Fahrstuhltür sich schließen wollte, drückte Kaja erneut auf die Pfeiltaste und schlüpfte hinein. Sie war Ärztin und stand mit dem heutigen Tag auf derselben Stufe. Die entsagungsvolle Zeit hatte sich ausgezahlt. Es begann ein neuer Abschnitt. Der auf Fachbücher gerichtete Tunnelblick, das Vertrösten ihrer Freunde und die Phasen wochenlanger Ernährung aus Cappuccino- und Süßigkeitenautomaten lagen hinter ihr. Jetzt war Zeit für das wahre Leben, in dem sie für ihre Arbeit angemessen entlohnt würde und endlich wieder nach rechts und links schauen konnte. Kaja straffte sich und atmete durch. Sie würde ihren Job gut machen, so gut, dass die Brusttaschenträger von eben sich überschlagen würden, um eine fachliche Auskunft von ihr zu erhalten.

3

Die Chefsekretärin der Anästhesie ließ es lange läuten, bevor sie, in ihrer Annahme bestätigt, dass sowieso niemand abnehmen würde, mit einem Schnauben auflegte und den Herrn Oberarzt kopfschüttelnd ansah. Das Verhalten dieser Faulpelze war semper idem – immer das gleiche. Sie ließen das akademische Viertel verstreichen, als sei das für Akademiker schließlich obligat, während die Obrigkeit Agnes mit vorwurfsvollen Blicken durchbohrte, die Arme verschränkt, den Fuß ungeduldig auf frischgebohnertes Laminat klopfend, als wäre sie diejenige, die unpünktlich war.

Dabei war Agnes Borowicki in siebenundzwanzig Jahren noch nicht zu spät gekommen und ihre Fehlzeiten konnte sie an zwei Händen abzählen. Maximal. Sie war schon pünktlich gewesen, da war von denen noch nicht einmal einer an der Uni eingeschrieben. Diese Halodris ließen sich doch bei der kleinsten Nagelbettentzündung wochenlang krankschreiben. Bedauerlicherweise musste sie feststellen, dass Menschen mit ihren Wertvorstellungen zunehmend rarer wurden.

Wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte, Medizin zu studieren, dann wäre sie sich dieser Ehre jeden Tag bewusst gewesen. Niemals wäre sie übernächtigt in einem ungebügelten Kittel erschienen, mit Kugelschreiberspuren an der Brusttasche und Kaffeeflecken am Ärmelsaum. Ihrer täglichen Aufgabe begegnete sie mit Demut, einem gepflegten Äußeren und die Hygienevorschriften des Betriebs achtend, was man von den meisten anderen leider nicht behaupten konnte. Die jungen Leute besaßen nicht das Verantwortungsbewusstsein, das Agnes‘ Generation auszeichnete. Loyalität, Engagement, Disziplin – keiner kannte heutzutage mehr die Bedeutung dieser Wörter, keiner hatte Biss und krempelte die Ärmel hoch, wenn es Arbeit gab. Schwächlich war sie, die neue Generation, entschuldigte sich – wenn überhaupt – nicht rechtzeitig, verstand nicht, was für ein Privileg es war, an einem Haus mit Geschichte und Tradition zu arbeiten.

Zu ihrer Zeit wäre so ein Verhalten undenkbar gewesen. Als Ältestes von sechs Kindern musste sie früh zusehen, dass sie Geld verdiente, um ihre Eltern zu unterstützen. Ihre Geschwister wollten Kleidung und Essen haben. Von Mutter hatte sie jahrelang nur die vornübergebeugte Rückseite gesehen: am Waschbrett, am Kochtopf, über dem Kinderbett, und Vater war ein einfacher Schreiner gewesen.

Ora et labora lautete also die Devise, und es war zu hoffen, dass es für alle reichte.

Die Ironie des Ganzen war, dass die neue Kollegin, die zu spät – Schrägstrich gar nicht Fragezeichen – kam, als Vertretung für einen anderen Kollegen eingestellt worden war, der infolge Erschöpfung vermutlich länger ausfallen würde. Wenn man sie fragte, konnte man Anglizismen verwenden, soviel man wollte. Was sie Burnout nannten, war nichts weiter als ein ärztlich legitimierter Langzeiturlaub.

Dabei hätte man seine Arbeitskraft gut gebrauchen können, wo zwei Kolleginnen in Elternzeit waren und ein Facharzt kürzlich an ein anderes Haus gegangen war. Bessere Stellung, höheres Gehalt – die ganze Familie musste deswegen umziehen, aber wie schon gesagt: Beständigkeit war keine hochgehandelte Tugend mehr. Wer fühlte sich schon noch seinem Ausbildungsbetrieb, seiner Mutterstube, verpflichtet? Über die Jahre hatte sie die Veränderung wachen Auges beobachtet. Die Menschen waren verwöhnt, jeder nur auf sein eigenes Wohl bedacht. Sie bekam ihn doch am eigenen Leib zu spüren, den scheuklappenen Egoismus der anderen. Wann hatte ihr zuletzt jemand aus dem Kollegium zum Geburtstag gratuliert, geschweige denn einen Strauß Blumen oder ein paar Pralinen mitgebracht? Nicht, dass sie viel für Schokolade übrighatte, das war nicht der Punkt. Tag für Tag hielt sie der Bande den Rücken frei, koordinierte Dienstpläne, nahm Telefonate entgegen, reichte wichtige Informationen weiter und war die Leitstelle der Abteilung. Die einzigen Personen, die sie gelegentlich bedachten, waren der Herr Chefarzt, der sich mit ihr im Prinzip das Büro teilte und Herr Dr. Hupatz-Ossenbrink. Dafür war Letzterer, das musste man sagen, insgesamt ein außergewöhnlich feiner Mann. Höflich, aufmerksam, taktvoll. Er wusste sich auszudrücken und für einen frisch gebrühten Morgenkaffee betrat er ihr Büro stets in einem einwandfreien Kittel. Sie mochte die Vorstellung, dass er um ihretwillen Wert auf ein gepflegtes Äußeres legte.

Der leitende Oberarzt, Herr Dr. Dünker, machte einen verärgerten Laut und holte Agnes in die Gegenwart zurück. Er warf einen letzten Blick auf seine Breitling, bevor er wortlos davonrauschte. Als ob sie nicht schon genug zu tun hatte, war es auch noch ihre Aufgabe, diesen unzuverlässigen Mitarbeitern hinterherzutelefonieren. Agnes drückte sanft ihre Handballen gegen die geschlossenen Lider und lehnte sich seufzend in die Lordosenstütze ihres Bürostuhls. Sie sollte wirklich auf ihren Hausarzt hören und sich weniger aufregen. Schließlich wusste niemand besser als sie, wohin der ganze Stress führen konnte. Einen Augenblick lang konzentrierte sie sich auf das Vogelgezwitscher vor ihrem winzigen Fenster. Dann atmete sie ein, straffte die Schultern und richtete den Bildschirm ihres Computers aus, der zu ihrem Ärger im Laufe des Tages sukzessive nach unten rutschen würde. Sie hob einen Stapel Briefe an, klopfte ihn in Form und sortierte einen Textmarker in den Stifthalter. Als sie ihr Werk betrachtete, nickte sie sich bestätigend zu und nahm Schwung, um auf ihrem Stuhl ans andere Ende des Schreibtisches zu gleiten. Der chromglänzende Kaffeevollautomat machte sich sofort ans Werk, als sie den Einschaltknopf drückte. Nicht, ohne zu brummen, aber immerhin. Dieser Tag konnte nur besser werden.

4

Um Viertel nach sieben klopfte Kaja an die Tür des Sekretariats, jenseitig derer nach kurzer Pause ein näselndes „Herein!“ ertönte. Sie steckte ihren Kopf durch den Türspalt und setzte dazu an, sich vorzustellen, wurde jedoch von der Frau abgewürgt, die ihrem strengen Dutt nach Ballettlehrerin sein musste.

„Sie wissen schon, dass Sie alles andere als dextro tempore sind“, raunte diese und hackte mit ihrem knochigen Zeigefinger auf das Ziffernblatt ihrer Tischuhr ein. Die Zornesfalte grub sich zwischen ihre Augenbrauen wie ein dickes Ausrufungszeichen.

„Der Wecker hat nicht geklingelt, Sie fühlten sich nicht gut, Ihr Kind ist krank, das Auto ist liegen geblieben – sparen Sie sich das! Alles schon mal gehört!“

Kopfschüttelnd betrachtete sie Kajas unpassendes Schuhwerk. Langsam, jedes Wort überdeutlich betonend, sprach sie weiter, als ob sie sichergehen wollte, dass die offenkundig geistig schwache Person, mit der sie es zu tun hatte, ihren Ausführungen folgen konnte.

„Ich werde jetzt im Besprechungsraum anrufen, dass jemand sie abholen kommen soll. Und diese Kette“, sie stach mit dem Finger in die Luft, „können Sie gleich abnehmen. Das ist ein Krankenhaus und keine Disco. Es gibt hier Hygienevorschriften.“

Kajas Hand fuhr reflexartig hoch, um das kleine herzförmige Medaillon zu befühlen, das an einem zarten Faden aus Weißgold hing. Darin befanden sich die Bilder ihrer viel zu früh verstorbenen Großeltern, an die sie sich nur noch bruchstückhaft erinnern konnte. Opa Walli Pfeife rauchend in seinem Ohrensessel mit der abgewetzten Sitzfläche, während irgendeine Volksmusiksendung im Fernsehen lief. Oma Lulu auf dem Balkon über einem Kreuzworträtsel und Opa Wallis Singsang, mit dem er auf die Brüstung gelehnt Mimi zum Fressen nach Hause rief. Die Handlupe. Lulus hausgemachter Joghurt. Die albernen Behälter für ihre Zahnprothesen. Opa Wallis Hut, der auf und ab tanzte, wenn sie in seinem nach Salmiakpastillen riechenden Auto zum Angeln fuhren. Hinter seiner Hornbrille waren seine Augen so riesig gewesen, dass er immer überaus interessiert gewirkt hatte, wenn sie ihm zeigte, wie weit sie zählen konnte, oder aus ihrer Fibel vorlas.

Das kleine glänzende Herz wurde in ihren Fingern warm. Diese Hexe. Wie ein Aasgeier saß sie an ihrem Schreibtisch, in diesen vier mit notdürftig zugespachtelten Bohrlöchern übersäten Wänden, die sie vermutlich seit einem Jahrhundert nicht verlassen hatte. Mit einem Mal fühlte Kaja sich wie ein Kind. Ihr Shirt hing schlaff über den Schultern, der Saum ihrer Hosenbeine schleifte auf dem Boden, ihre Füße fanden einfach keinen Halt in den Ballerinas. Dass jemand sie abholen kommen soll – sie war Ärztin! Ein wenig Respekt war doch wohl das Mindeste.

Das Telefon klingelte lauter als nötig. Frau Borowicki räusperte sich, schlug die Augen nieder und wartete ein zweites Läuten ab. Dann ein Drittes.

„Chefsekretariat, Borowicki?“

Das kleine Büro bot unfassbar viel Platz für ein Dutzend vorbildlich gepflegter Zimmerpflanzen. Die Einzige, die Kaja beim Namen kannte, war das flammende Käthchen, obwohl sie gerade nicht blühte. Mein Käthchen klein, bring‘ Blüten fein, hatte Oma Lulu beim Gießen immer gesagt. Kaja konnte sich Frau Borowicki beim besten Willen nicht vorstellen, wie sie mit einem Lächeln auf den Lippen im Schaukelstuhl saß und kratzige Wollsocken für die Enkelin strickte. Die freien Flächen zwischen den Blumen wurden durch florale Bilder ergänzt. Keine Familienfotos. Kein Ehering, wie Kaja bemerkte. Irgendwo machte es „Pffft!“. Fliedergeruch breitete sich aus. Kaja runzelte die Stirn und versuchte schnuppernd, eine Erinnerung zu greifen, doch es war nur ein kurzes Glitzern in ihrem Hirn, wie die Lichtspiegelung in einer sich brechenden Welle, und dann war sie auch schon wieder weg.

Sie verbrachten die restliche Zeit schweigend. Der Vorzimmerdrachen klapperte geschäftig auf der Computertastatur herum, nachdem der Kaffeebecher geschickt außer Sichtweite geschoben worden war. Allmählich wuchs das Ticken der Wanduhr zu ohrenbetäubendem Lärm an. Dann hörten sie eilige Schritte auf dem Flur. Auf ein kurzes Anklopfen folgte das nasale „Herein!“. Der hagere Mann, der im Türspalt erschien, musste sich ducken, um nicht mit dem Kopf an den Rahmen zu stoßen. Seine stattliche Nase war schmal, aber derart gebogen, als ob sie fürchtete, nicht mehr in sein Gesicht zu passen. Die Kombination aus leichtem Überbiss und fliehendem Kinn, das wusste Kaja aus dem Studium, konnte bei einer Narkose auf Intubationsschwierigkeiten hindeuten. Er begrüßte die gnatzig Dreinblickende, deren Gesicht sich augenblicklich aufhellte, und stellte sich an Kaja gewandt als Doktor Hupatz-Ossenbrink vor, der von Oberarzt Dünker aus dem Besprechungsraum geschickt worden war, um sie dahin zu geleiten (ja, er sagte „geleiten“). Mit dem kleinen Finger schob er seine Brille zurück auf seine Nase, deutete eine Verneigung an, machte auf dem Absatz kehrt und ging mit Riesenschritten davon, dass Kaja fast rennen musste, um nicht abgehängt zu werden. Er führte sie zur Personalumkleide der Intensivstation und bat sie, ihre Kleidung gegen einen Kasak in ihrer Größe zu tauschen. Mit einer Schlüsselkarte öffnete er ihr die Tür und entschuldigte sich dafür, dass er nicht mit hineingehen konnte, um ihr zu zeigen, wo sich alles befand. Sie brauchte einige Zeit, um sich in dem kleinen Raum zurechtzufinden, bevor sie, komplett in Blau gekleidet, wieder vor die Tür trat.

„Entschuldigung, ich musste ein wenig suchen“, sagte sie.

„Das muss ich zum Teil heute noch“, antwortete der große Arzt und schmunzelte.

Im Besprechungsraum war von den üblichen einundzwanzig Prozent Luftsauerstoff nicht mehr viel da. Kaja vermisste den Duft nach Kaffee und frischen Brötchen um diese Uhrzeit. Nach rechts fiel ihr Blick durch einen Türbogen auf eine Pantry-Küche sowie zwei laminierte Zettel am Fliesenspiegel: einer mit den Worten „Das Geschirr räumt sich nicht von alleine in die Spülmaschine!“ und daneben ein Foto eines zusammengeknüllten Lappens in der Spüle, das rot eingekreist und durchgestrichen worden war. Dicht aufgereiht saßen die Kollegen an den Wänden und lauschten dem Oberarzt wie Kinder einem Geschichtenerzähler. Mit dem Rücken zu Kaja verlas er eine E-Mail des Chefarztes, die vor ihm auf dem Tisch lag. Kajas Begleiter schien sich unschlüssig zu sein, wie er sich bemerkbar machen sollte, ohne den Monolog zu unterbrechen. Unter den prüfenden Blicken der anderen fingen Kajas Wangen an zu glühen. Sie sah, wie der Vorleser-Arzt den Kopf hob und einen Moment innehielt. Er stellte fest, dass er nicht mehr die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Hörerschaft hatte, drehte sich um und musterte sie von Kopf bis Fuß, ohne sich die Mühe zu machen, aufzustehen oder ihr die Hand zu geben.

„Das muss die neue Kollegin sein“, sagte er, verzog den Mund zu einem Lächeln, das seine Augen nicht erreichte, und machte eine einladende Geste in Richtung des Kollegiums mit der Bitte an Kaja, sich vorzustellen.

Dann senkte er den Kopf und begann, sich zu irgendetwas Notizen zu machen. Bis auf zwei ruhten nun alle Augen auf Kaja. Winzige Schweißperlen bildeten sich an ihrem Haaransatz, das Blut rauschte durch ihren Körper, sodass sie ihren Puls in der Schlüsselbeingrube spüren konnte. Ein Rinnsal lief am Rückenteil ihres Kasaks nach unten und verfärbte den blauen Stoff dunkel.

Tachykardie. Hypertensive Entgleisung. Synkope. Warum war sie nicht auf die Idee gekommen, ein T-Shirt unter der Krankenhauskluft anzubehalten, das den Schweiß aufsaugen würde? Ihr Blick huschte durch den Raum auf der Suche nach einem freundlichen Gesicht. Die eine Hälfte der Kollegen bedachte sie mit Skepsis und die andere – immerhin – mit Neugier. Sie nahm einen tiefen Atemzug und versuchte zu lächeln. Ihre Gesichtsmuskeln wollten ihr nicht gehorchen. Die Lippen bebten, ihr rechtes Auge zuckte, die Kopfhaut kribbelte, als ob sie unter Strom stünde. Ihr Hirn stellte sich tot. Mit zittriger Stimme stammelte sie ihren Namen sowie einige Randdaten über ihre Ausbildung und Motivation.

„... und heute fange ich in der Anästhetik an“, schloss sie. Irgendetwas an dem Satz hörte sich falsch an. Jemand räusperte sich, einige kicherten. Der Oberarzt drehte sich sichtlich amüsiert wieder zu ihr um und hob die Augenbrauen. Kaja fasste sich an die Stirn.

„Ich meine …“ „Ich meine, dass da Einiges an Arbeit vor uns liegt. Sie sind hier in der Abteilung für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie. Herzlich willkommen. Mit diesen Schuhen hätten Sie in der Anästhetik auch gleich wieder heimgehen können.“

Mit seinem Kommentar riss er die Aufmerksamkeit der kichernden Belegschaft wieder an sich. In dem Versuch, unbeeindruckt zu wirken, biss sich Kaja heftig auf die Wange. Das Fleisch fing an zu pochen, schmeckte metallisch. Sie wünschte sich in den Hörsaal zurück, zu ihren Freunden, die mit ihr lachten, zu anonymen Prüfungen, bei denen sie statt ihres Namens eine Nummer auf ein Blatt schrieb, zurück in ihr Zuhause, ihr Bett, unter die Decke aus Gänsedaunen, die sie sich gern bis über den Kopf gezogen hätte.

Sie hatte Jahre auf diesen Tag hingearbeitet. Jedes Mal, wenn sie eine Freundin versetzt hatte, weil sie für Prüfungen lernen oder Praktika absolvieren oder irgendwelche Aufgaben für ihre Ausbildung erledigen musste, hatte sie sich gefragt, ob die Entscheidung für dieses Studium richtig gewesen war. Und jedes Mal war sie zu demselben Schluss gekommen: ja. Sie wollte die Welt ein Stück besser machen, indem sie denen half, die keine medizinische Vorbildung hatten, die von anderen Ärzten allein gelassen wurden, sich unverstanden fühlten. Wie einen Talisman trug sie diesen Vorsatz in der Brust, doch nach all der harten Arbeit drohte ihr jetzt und hier die Puste auszugehen. Nein, so leicht durfte sie sich nicht unterkriegen lassen. Sie war schließlich eine von ihnen. Mochte sein, dass der Tag holprig startete, aber es war halb acht morgens. Da war noch Luft nach oben. Kaja setzte ein Lächeln auf, zuckte entschuldigend mit den Achseln und blieb mit dem Blick an einem Augenpaar hängen.

5

Noch lange nachdem das Echo der ins Schloss fallenden Jugendstiltür verhallt war, lag sie mit pochendem Herzen da. Die Sonne stieg allmählich höher, doch das Schlafzimmer erschien ihr kalt und dunkel. Hatte sie sich die Kratzspuren eingebildet? War da in der Morgendämmerung möglicherweise ein Schatten gewesen oder der Abdruck des Lakens? Zwei dünne rote Streifen, die seine Haut versehrten, fast unmerklich. Ach, wenn sie nur nicht hingeschaut hätte. Konnte es denn sein, dass er sich bei der Arbeit gestoßen und die Verletzung selbst zugefügt hatte? Hatte das Wäscheschild seiner Kleidung die Haut womöglich aufgerieben? Wäre es denkbar, dass er gestolpert und an einem Haken oder Nagel hängen geblieben war? Die anfängliche Verliebtheit mochte verflogen sein, aber er würde doch deswegen nicht die Beziehung aufs Spiel setzen. Sie hatten eine gemeinsame Geschichte. Um sie herum hatte sich die Welt verändert, sind Feste gefeiert und Abschiede betrauert worden, doch sie hatten sich immer aneinander festhalten können, egal, wie laut oder leise es um sie gewesen war. Unzählige Höhen und Tiefen hatten sie durchgestanden, verdammt! Sie schloss für einen Moment die Augen, doch als sie sie wieder öffnete, befand sie sich noch immer in dem Bett, in dem er neben ihr gelegen hatte, als ob alles wie immer wäre. Als ob die Dinge, die sie umtrieben, ihn gar nichts angingen. War das nicht gerade der einfachste Weg, sich aus der Affäre zu ziehen – indem er eine Affäre hatte? Und wer war die andere Frau? Nein, wie war sie, dass sie in ihm Gefühle wecken konnte, die Susanne für inexistent gehalten hatte? Sie dachte an einen verschwitzten Frauenleib, verlaufene Mascara und die stumme Bitte, dass Armin, ihr Armin, nicht aufhören solle. War sie jünger? Naiv, unkompliziert, mit karminroten, vollen Lippen? Jemand, dessen Abgründe er nicht kannte? Eine Frau, die ihn nicht mit ihrer Sehnsucht nach einem Kind belästigte, die er nie in Jogginghosen und mit strähnigen Haaren gesehen hatte? Jemand von der Arbeit? Da gab es sicher genug Flittchen, die auf ihn standen. Ein Mann in seiner Position, mit einem athletischen Körper und diesem Charme.

Männer in festen Beziehungen, die zu sehr auf ihr Äußeres achten, haben mehrere Eisen im Feuer, hatte Mama immer gesagt.

Wie lange ging das schon so? War es nur eine oder vögelte er sich durch den gesamten beschissenen Laden? Gott, wie blind sie war. Wie gutgläubig, zu denken, Armin hätte zu viel Stress oder bräuchte einfach keinen Sex mehr oder würde darauf verzichten, wenn er ihn nicht bei ihr bekam, weil sie mehr verband als sexuelles Verlangen, mehr als Triebe und Körperlichkeit. Etwas, das tiefer ging, das mit Seelenverwandtschaft und Verständnis ohne Worte zu tun hatte. In ihrem Kopf ploppte erneut das Bild einer nackten großbusigen Blondine auf seinem Schreibtisch auf. Er in ihr, sie lustvoll stöhnend. Sie lachte über ihre eigene Dummheit. In ihrem Kopf tobten Fragen, auf die sie keine Antwort wollte. Dann sprang sie auf, raffte sich ein Kissen und schrie hinein, presste ihre Lungen aus, so fest sie konnte. Weg mit dem Bild von ihm im Bett mit einer Superblondine. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr Blick verschwamm. Dabei war er nicht eine einzige Träne wert. Fast zwei Jahrzehnte, die sie an ihn verschenkt hatte, in der Hoffnung, es sei eine Phase, die es durchzustehen galt, während sein Interesse an ihren Wünschen und Hoffnungen geheuchelt gewesen war. Sie hatte sich allem gebeugt, seinen Karriereplänen, seinen Erniedrigungen, der Einsamkeit und Lieblosigkeit und er dankte es ihr, indem er sich irgendeiner Schlampe in die Arme warf. Susanne war immer davon ausgegangen, dass sie gemeinsam die raue See bezwangen, doch nun musste sie feststellen, dass sie in einem völlig anderen Boot saß als er, dass sie allein ruderte, am Ende ihrer Kräfte. Ihr Verbündeter hatte sie verraten.

Ihre Kehle fühlte sich rau an und die Beine zitterten, als sie aus dem Bett stieg. Sie zog den Morgenmantel über und hielt sich mit beiden Händen am Geländer fest, um die Treppe ins Erdgeschoss hinunterzuwanken.

„Dieser Mistkerl!“, schluchzte sie und verfluchte Armin innerlich dafür, dass er ihr so viel bedeutete und dass es ihr nicht ein kleines bisschen egal war. Ihr Fuß knickte auf der letzten Stufe weg. Susanne stürzte, prallte gegen das Geländer und zog sich am Treppenlauf hoch. Auch das noch. Sie würde sich dem Wetter zum Trotz lange Sachen anziehen müssen, um die blauen Flecke zu verstecken. Der Boden unter ihren Füßen war angenehm kühl, als sie zur Spüle lief, um sich ein Glas Wasser einzuschenken. Gedankenversunken starrte sie in die klare Flüssigkeit und schwenkte sie. Was soll’s? Sie schüttete das Glas aus, verkleckerte dabei einen Teil auf der Anrichte und ging stattdessen zu der Vitrine aus Tulpenbaum, deren Glastür sich mit einem leisen Quietschen öffnete. Da war sein fünfundzwanzig Jahre altes Schätzchen. Vielleicht genau zu dem Zeitpunkt produziert, wie seine junge Geliebte. Mit einem vertrauten Gluckern floss es aus der Flasche in das Glas, das sie unruhig in der Hand hielt. Wahrscheinlich machte die Stille sie nervös. Sie war geradezu unerträglich. Susanne suchte nach dem Tablet, tippte etwas ein und wartete, bis aus unsichtbaren Ecken im Haus „I Want To Break Free“ ertönte. Das war der Vorteil eines einsamen Häuschens in der Pampa: Sie konnte die Musik so laut anhören, wie sie wollte, ohne dass sich die Nachbarn beschwerten. Lauthals und schief, von Schluchzern unterbrochen, sang sie mit und tanzte durch das Wohnzimmer. Freddie hatte immer die richtigen Worte. Immer. Draußen stand die Sonne mittlerweile hoch am Himmel und verursachte ihr Kopfschmerzen. Sie betätigte den Handsender und ließ die Außenjalousien aus Aluminium herunter. Dann ließ sie sich in ihren Lieblingssessel fallen. Genaugenommen gehörte er Armin, wie alles hier, doch er saß nie darin. Steigerte sie sich in etwas hinein? War da was oder war da nichts? Und war das wirklich so bedeutsam? Wie viele Männer gingen fremd und die Frauen wussten nichts davon und räumten ihnen brav die gewaschene und gebügelte Wäsche in den Schrank?

Susanne betrachtete die Schlieren, die die goldgelbe Flüssigkeit ins Glas malte. Die Marotte mit dem Whisky hatte Armin sich über all die Jahre bewahrt. Dieser Angeber. Damals hatte er sie mit seinen Ausführungen beeindruckt. Er bestand darauf, nur „reine“ Sorten im Haus zu haben, und verzog bei blended Whiskys das Gesicht, als käme deren Genuss dem Trinken von Eigenurin gleich. Wahrscheinlich aber hatte er keine Ahnung. Für ihn galt: je teurer, desto besser. Wenn es eine limitierte Auflage gab, war er ganz besessen davon, eine Flasche zu ergattern, um sie dann wie eine Trophäe hinter antikem Glas verkommen zu lassen.

Achtunddreißig waren es. In zwei Vitrinen. „Keine Sorge. Ihr kommt alle dran. Immer der Reihe nach.“

Sie waren stets verschlossen. Obwohl in dieser Protzvilla nur sie beide lebten, waren die Vitrinen verschlossen – lächerlich. Susanne wurde nicht müde, sie wieder aufzuschließen, wenn sie allein war. Die Originalschlüssel trug er bei sich, aber das Ersatzexemplar versteckte er immer am selben Ort. Nach dem ersten Mal, dass sie ihren Arm bis zum Ellbogen in den Toilettenspülkasten stecken musste, hatte sie Herpes auf der Oberlippe bekommen, aber mittlerweile machte es ihr nichts mehr aus. Vermutlich wusste er, dass sie seine Schätze leersoff, doch er hatte es bisher nie angesprochen oder sich die Mühe gemacht, die Schlüssel woanders zu verstecken. Es gab zwei Etagen und einen Dachboden, drei Schlafzimmer und zwei große Tageslichtbäder sowie einen riesigen Garten. Zur Besichtigung damals hatte sie sich ausgemalt, wie eines Tages Kinderlachen und der Duft nach frisch gebackenem Apfelkuchen die Räume erfüllen würde. Doch sie war nun jenseits der vierzig und nie hatten Kinder auch nur ein Füßchen hier hineingesetzt.

Nach ihrem Studium hatte sie keinen Job ergriffen. Sie war Armin hierher gefolgt, mehr als dreihundert Kilometer von ihren Eltern entfernt. Natürlich waren sie darüber nicht glücklich gewesen und vor allem Mama machte keinen Hehl daraus, dass sie Armin nicht mochte. Er musste viel arbeiten und Susanne unterstützte ihn, wo sie nur konnte, was Mama als „altbacken“ bezeichnete. Susanne zog es eben vor, daheim zu bleiben, das Haus sauber zu halten und dafür zu sorgen, dass ihr Mann etwas Anständiges aß, wenn er von Arbeit kam. Mama war eine von den Frauen, die bei dieser Vorstellung in wildes Gezeter ausbrachen. Als ob ihre Mutter ihr eigenes Leben dem Kampf gegen das Patriarchat geopfert hätte.

Jahre der Emanzipation und dann kommst du.

Bislang hatte ihr genau das ein winziges Gefühl von Weiblichkeit gelassen, wenn er sie schon sonst als Frau nicht wahrnahm. Wie gern hätte sie sich noch um zwei oder drei Kinder gekümmert, doch Armin war von der Arbeit immer so müde gewesen, dass er sie gebeten hatte, noch zu warten, bis sie in „ruhigeres Fahrwasser“ gelangten, wie er sagte. Er wäre dann finanziell und beruflich unabhängiger und hätte auch mehr Zeit, so seine Behauptung. Doch je weiter er die Karriereleiter hochgeklettert war, umso mehr hatte er gearbeitet und umso seltener war er heimgekommen. Es hatte Phasen gegeben, da hatte er ausschließlich das Gästebad in der unteren Etage genutzt und direkt auf der Couch geschlafen, während sie oben auf seine Schritte gelauscht und gehofft hatte, dass sich jeden Moment die Tür zum Schlafzimmer leise öffnen und er sich neben sie legen würde. Sein Atem in ihrem Nacken, während sie schlief.

Manchmal wurde er richtig aggressiv, wenn sie ihn darauf ansprach, meistens jedoch entzog er sich der Diskussion durch Schweigen. Dann lag sie in dem riesigen Bett wach und weinte. Nie hatte er sie zum Trost in den Arm genommen. Stattdessen schnappte er sich den Teller mit dem von ihr zubereiteten Essen und verzog sich in sein „Studierzimmer“. Den Zutritt zu diesem Raum hatte er ihr strengstens untersagt, wie einem unreinen Hündchen.

Erneut gurgelte es träge aus der Flasche. Susanne blähte die Nasenflügel, genoss das zarte Stechen und atmete tief ein. Dann nahm sie einen Schluck und stellte das Glas ab. Ihre Lippen brannten, schmeckten rauchig, als sie darüber leckte. Sie schlug mit der Faust auf das Tischchen vor ihr und, überrascht von der Wucht ihres Schlags, noch einmal und noch einmal, fester, lauter, bis das Glas darauf hüpfte und der teure Whisky sich auf noch teurerem Mahagoni verteilte. Eine Salve bitterer Freude drang aus ihrer Kehle. Das würde er selber aufwischen können, der Drecksack. Oder vielleicht brachte er ja seine Gespielin mit. Mal sehen, ob die hier auch seine Scheiße aus dem Klo putzte und für den feinen Herrn und seine Kollegen Essen kochte, während diese ihr im Vorbeigehen – „Ups! Verzeihung!“ – an den Arsch packten. Sie rieb sich hastig mit dem Ärmel die Augen trocken und nahm das tropfende Glas, um es noch einmal nachzufüllen. Dann ließ sie sich auf den Boden vor dem Sessel sinken. Nie war ihr das Haus größer erschienen als in diesem Moment. Die Kälte der Fliesen drang unter den dünnen Stoff ihres Morgenmantels. Freddie sang nun davon, dass er geboren wurde, um sie zu lieben. Sie rollte die Zehen ein und zog die Beine ganz nah an ihren Körper, umfasste ihre Knie und vergrub den Kopf dazwischen. Ihre Schultern bebten. Der Whisky schwappte auf den Boden. Selbst der bedeutet Armin mehr als ich, dachte sie. Die Tränen tropften auf ihre nackten Beine. Wer war dieser Mann, unter dessen Dach sie lebte? Warum spielte er mit ihr, quälte sie? Sie verfluchte den Tag, an dem sie ihm verfallen war mit seinen stahlblauen Augen und dem makellosen Hemd, das den Teufel verbarg. Er hatte ihr ein gutes Leben versprochen und ihre Seele im Austausch dafür genommen. Nie hörten die Träume auf, Nacht für Nacht wurde sie heimgesucht, wachte schweißgebadet auf und lauschte auf Armins ruhigen Atem, der ihr – bis heute – Kraft und die Gewissheit gegeben hatte, dass alles okay war.

Abermals flammte das Bild seiner versehrten Haut vor ihren Augen auf. Sie versuchte, es abzuschütteln. Wie sehr sie sich wünschte, ihn genauso verletzen zu können, wie er sie verletzte. Sie hatte ihm ihr Leben gewidmet. Ohne Armin müsste sie zu ihren Eltern zurück. Sie hatte keine Rücklagen und der Ehevertrag, auf dem er bestanden hatte, war wasserdicht. Sie hatte nichts. Sie war dumm. Dumm! Eine dumme, mittel- und kinderlose, alte Pute! Langsam trank sie ihr Glas leer, ohne darauf zu achten, dass ihr der Rotz über die Lippe lief. Ihr Kopf wurde angenehm schwer. Die Gedanken verflüchtigten sich, wie die verkleckerten Whiskytropfen auf dem Mahagonitischchen. Wenn sie es anspräche, würde er sie vor die Tür setzen. Sie wäre sogar zu arm, um den Koffer zu bezahlen, in den sie ihre wenigen Habseligkeiten packen könnte. So lange hatte sie sich nicht bei ihren Eltern gemeldet – wie demütigend wäre es, vor deren Haustür zu stehen mit einem verpfuschten Leben, vor dem Mama sie vor vielen Jahren gewarnt hatte? Sie hatte eben, scheiße nochmal, immer Recht. Sie schlug ihren Hinterkopf gegen das glatte Rindsleder des Sessels. Immer. Musste. Sie. Recht. Haben. Als sie die Augen öffnete, drehte sich die Wohnzimmerdecke leicht.

Wieder einmal sehnte sie sich nach einer Freundin. Ihre Mädels waren der früheren Clique entwachsen, Mütter geworden und hatten sie zurückgelassen, als sie die Ratschläge einer Kinderlosen nicht mehr hören konnten. Als ob sie kein Recht auf eine Meinung hatte, weil sie nicht zu ihrem Mütterclub gehörte. Mit jedem Kind, das sie geboren hatten, wurde es schwieriger, die wenige Zeit, die abends geblieben war, wenn der Nachwuchs endlich eingeschlafen war und bevor ihnen selbst die Augen zufielen, mit unverfänglichen Themen zu füllen. Die letzten Brücken der Freundschaft waren schließlich zerfallen, als ihre damalige Freundin Gitte Susannes in der Vertrautheit eines Telefonats abgelegte Beichte vor den anderen ausgeplaudert hatte. Die Erleichterung der anderen war fast greifbar gewesen. Endlich ein Vorwand, um Susanne loszuwerden. All die Male, die sie füreinander gelogen hatten, wenn sich heimlich jemand von ihnen mit einem Jungen hatte treffen wollen. Die aus trunkener Kehle gesungenen Lieder nachts im Park, die zugeschobenen Zettelchen in der Schule und Schwüre ewiger Freundschaft, die nichts entzweien konnte, hatten nicht aufzuwiegen vermocht, was ihre Freundinnen nun in fremden Männern und kleinen Kindern fanden. Von da an war Susanne nichts anderes übriggeblieben, als sich ebenfalls an einen Mann zu klammern und von anderen Frauen fernzuhalten. Sogenannte Freundinnen waren austauschbare Wegbegleiterinnen, deren Namen sie bald wieder vergaß. Sie brachen einem das Herz, wenn man keine Funktion mehr für sie hatte. Berechnende Biester.

Plötzlich überrollte sie die Sehnsucht, selbst wieder Tochter zu sein. Dabei vermisste sie nicht den stummen Vorwurf, den Mama bei den einzigen beiden Besuchen vorgebracht hatte, indem sie ungebeten angefangen hatte, aufzuräumen und zu putzen, weil Susanne sich viel zu früh vom Elternhaus losgesagt hatte, für den falschen Mann obendrein, dessen Haus sie reinzuhalten offenbar nicht imstande war. Es waren einfachere Dinge. Belegte Brote und saure Gurken zwischen ihren Eltern auf der Eckbank in der Küche. Im Halbschlaf fühlen, dass jemand die Decke über ihren Oberkörper zog. Gemurmelte Entschuldigungen und das Aufatmen nach einem Streit. Sorgenvolle Blicke, wenn sie zu spät nach Hause kam. Eine Umarmung. Wie konnte das Zusammenleben in dem Haus dort so anders sein als ihr Leben in Armins Villa?

Sie wusste, wie er sein Steak aß, welchen Weichspüler er für die Bettwäsche bevorzugte, welches Jackett er zu Vorträgen am liebsten anzog. Aus dem Geräusch hunderter elektrischer Zahnbürsten würde sie seine erkennen. Sie wusste, welche Partei er wählte, wie er zu den Themen Sterbehilfe und Schönheitsoperationen stand. Sie kannte seine Vorliebe für Pfefferminzdrops und wusste, welche Schuhmarke er vorrangig kaufte. Konfektion, Konfession, Name seiner ehemaligen Grundschule, sie wusste sogar den Geburtsort seiner Großmutter Margarethe, die sie nie kennengelernt hatte. Und doch kannte sie ihn scheinbar nicht.

Wenn sie Armin nicht darauf ansprach, würde diese Sache für immer an ihr nagen, sie irgendwann von innen auffressen. Sie hatte geglaubt, dass die schlimmen Erinnerungen mit den Jahren verblassten, bis sie irgendwann vergessen waren, doch sie blieben da, verfolgten sie, wie Hyänen, die darauf warteten, dass die Kräfte sie verließen.

Wie entwürdigend es auch sein mochte, bei Mama und Papi angekrochen zu kommen, sie musste Armin zur Rede stellen. Sie würde sich nicht wieder klein machen lassen, über ihre Grenzen gehen und sich ausbremsen lassen, während er sein Leben so gestaltete, wie es ihm am besten passte. Noch einmal zu schweigen und alles einfach hinzunehmen würde sie nicht überleben.

6

Mit einem fleischigen Arm voran trat der Pfleger auf sie zu. Kaja korrigierte ihre Haltung, um noch ein paar Millimeter gut zu machen, musste aber trotzdem zu ihm aufsehen.

„Ich weiß, Hände und Keime, aber ich finde trotzdem ... Ich bin Ben“, sagte er.

Es war wie warmen Brotteig zu kneten. Kaja wischte ihre Hand diskret an der Hüfte ab. Ben hatte sich leider für eine Statement-Brille entschieden, deren kräftiger schwarzer Rahmen von seinen Augen ablenkte, die die Farbe flüssigen, durch einen dunklen Saum zurückgehaltenen Honigs hatten. Der Rest war feister Durchschnitt, die mausbraunen Haare kurz geschnitten und mit etwas Gel in Form gebracht, der Dreitagebart gestutzt. Sie nahm den von Deodorant unzureichend übertünchten Geruch nach Zigaretten wahr und rang sich ebenfalls zu einem Lächeln durch.

Nikotinabusus. Adipositas. „Kaja Wedekind“, antwortete sie. „Kaja.“ Er betrachtete sie einen Augenblick.

Gerade als sie anfing, sich seltsam ausgeliefert zu fühlen, sagte er: „Ich soll dich ein bisschen rumführen.“

Hatte er sie geduzt? „En-chan-té.“

Oberarzt Dünker kritzelte etwas in Arztschrift auf eine Haftnotiz und sprach in die vor ihm ausgebreiteten Papiere.

„Ich grätsche nur ungern in dieses verbale Hypnotikum, aber es wäre wundervoll, wenn ich nun in Ruhe meiner Arbeit nachgehen könnte.“

Bens Lider flackerten kurz, bevor er den Oberarzt mit einem süßlichen Lächeln bedachte und Kaja zunickte, ihm zu folgen.

„Du müsstest erst nochmal andere Schuhe ...“, sagte er, als sie vor der Tür standen und machte eine Ums-Eck-Bewegung mit der Hand. Mit fragendem Blick wiederholte Kaja die Geste. Ben nickte.

„Haube, Mundschutz, Hände desinfizieren und dann treffe ich dich an der Tür.“

Tatsächlich: Er duzte sie. Obwohl sie ranghöher war. Wenn man es genau nahm. Und er ein Fremder. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Ben war bereits in der Herrenumkleide verschwunden. Kaja schlüpfte durch die Nachbartür und zog sich einen frischen Kasak über. Sie fühlte sich nackt unter den Sachen, die ihr nicht gehörten und unter denen sie ... nun ja, fast nackt war. Als sie ihr Spiegelbild betrachtete, fand sie, dass sie mit der Plusterhaube und dem Mundschutz aussah, wie eine Küchenfrau. Jasminduft löste sich aus dem Geplätscher in der Dusche und folgte Kaja in den OP-Flur, wo er jäh vom Brathähnchengeruch aus dem allgemeinchirurgischen OP-Saal abgelöst wurde. Ben erwartete sie bereits, und hätte er nicht direkt vor ihr gestanden mit seiner schwarzgerahmten Brille, hätte sie ihn nicht erkannt. Es war wie bei den Schlümpfen, nur in grün. Alle wuselten durcheinander, vertieft in ihre OP-Choreografie, hier ein Leintuch auf dem OP-Tisch ausbreiten, da huschten zwei Marsmännlein mit Eimer und Wischer über den Korridor. Eine Schwester kniete sich zum Umlagern des Patienten so auf das Bett, dass der junge Anästhesist, der patientenseitig an der OP-Liege stand, ihr Dekolleté geradezu in Augenschein nehmen musste.

„... die OP-Schwestern sehen das gar nicht gern“, hörte sie Ben sagen.

„Was?“ „Wenn man sich nicht vorstellt.“

Ben hingegen stellte ihr dutzende Menschen vor. Manche nickten wichtig bei der Erwähnung ihres Namens, andere fielen ihm ins Wort und reichten Kaja die Hand, einige reagierten einfach gar nicht. Wenn Kaja irgendjemandem später begegnete, würde sie sich fragen, ob sie ihm schon vorgestellt worden war oder nicht. Ihre Zunge fühlte sich trocken an, die zu einem überflüssigen Lächeln verzogenen Mundwinkel begannen hinter dem Mundschutz angestrengt zu zittern. Neben den OP-Sälen und dem Büro des OP-Koordinators gab es drei Aufenthaltsräume. Zwei davon, für das OP- und Anästhesiepflegepersonal, waren in Terracotta gestrichen.

Terracotta ist eine Omafarbe, hatte ihre Mutter früher immer gesagt. Mittlerweile war auch ihr Wohnzimmer in diesem Ton gestrichen.