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In der männerdominierten Welt der Medizin kämpft eine junge Ärztin für ihren großen Traum
Sommer 1961. Vicky und ihr Freund Achim leben in Ostberlin und studieren im Westen Medizin. Als mit dem Mauerbau all ihre Träume über Nacht zu platzen drohen, ergreifen sie die Flucht. Kurz darauf wird Achim verhaftet. Vicky dagegen schließt ihr Studium ab und träumt von einer Karriere als Chirurgin. Doch der Berufseinstieg gestaltet sich schwieriger als gedacht. Die Flughafenambulanz in Frankfurt ist zunächst nur eine Notlösung – und eine raue Männerwelt, in der sie sich durchbeißen muss. Zwischen aufregenden Einsätzen und Not-OPs sucht Vicky ihren Platz und kämpft für eine moderne Klinik. Auch eine neue Liebe scheint auf sie zu warten. Doch Vicky hofft noch immer auf ein Wiedersehen mit Achim …
Herzklopfen, Notfälle und große Emotionen an einem Ort, an dem sich die Schicksale zahlloser Menschen kreuzen: dem Frankfurter Flughafen
»Nur fliegen ist schöner!« Laura (über »Die Stewardessen«)
»Ein wunderbarer Roman über die Zeit von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder.« Frau von heute (über »Die Stewardessen«)
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Seitenzahl: 717
Veröffentlichungsjahr: 2025
Berlin, Sommer 1961: Wenn die junge Vicky und ihr Freund Achim nicht gerade für das anstehende Examen büffeln, treffen sie sich mit ihrer Clique am Zehlendorfer Waldsee. Dass sie in Ostberlin leben, aber im Westen Medizin studieren, ist für sie selbstverständlich – bis der Mauerbau über Nacht alles verändert. Um ihr Studium dennoch abschließen zu können, wagen Vicky und Achim die Flucht. Doch kurz darauf wird Achim verhaftet.
Frankfurt, Sommer 1963: Vicky hat ihr Examen in der Tasche und träumt von einer Karriere als Chirurgin. Bislang bleiben ihr aber alle Türen verschlossen. Mit etwas Glück landet Vicky schließlich an der Flughafenambulanz in Frankfurt. Zwischen dramatischen Einsätzen und ungeahnten Herausforderungen wird sie zur Hausärztin der Frankfurter Halbwelt. Und auch eine neue Liebe liegt in der Luft. Doch Vickys Herz hängt noch immer an Achim …
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Svea Lenz
Ärztin einer neuen Zeit
Roman
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Originalausgabe Januar 2025
Copyright © 2025 by Svea Lenz
Copyright © dieser Ausgabe 2025
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Montasser Medienagentur, München.
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotive: © Shelley Richmond / Trevillion Images
Redaktion: Ilse Wagner
LS · Herstellung: ik
Satz: KCFG – Medienagentur, Neuss
ISBN 978-3-641-31260-2V003
www.goldmann-verlag.de
Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen
Der Hinterhof in der Spandauer Vorstadt lag noch im Dunkeln, es war erst kurz vor fünf, ein Sonnabend. In der Becker’schen Küche brannte jedoch schon Licht. Schöner fremder Mann, schmetterte Connie Francis aus dem Radio, während Vicky Stullen schmierte und der Tee zog. In der Wohnungstür drehte sich klackend ein Schlüssel.
»Morgen, Mutsch!«, rief Vicky ihrer Mutter entgegen.
Noch im Mantel stellte Traude Becker das Radio leiser, just als der Sprecher verkündete: »Hier ist RIAS Berlin – eine freie Stimme der freien Welt.«
Den warnenden Blick ihrer Mutter erwiderte Vicky gelassen. »Du horchst doch auch nach drüben.«
Mit Schlager der Woche brachte ihre Mutter sich für Nachtdienste am Wochenende in Schwung, und wann immer sie konnte, verfolgte sie gebannt das Ratespiel Wer fragt, gewinnt mit Hans Rosenthal. Nur sobald zum Sonntagsessen die von den Amerikanern gestiftete Freiheitsglocke im Schöneberger Rathaus ertönte, gefolgt vom Freiheitsgelöbnis, das zum Widerstand gegen Tyrannei mahnte, schaltete sie konsequent ab. Man wusste schließlich nie, wer im Mietshaus die Lauscher spitzte.
Traude Becker legte den Zeigefinger an die Lippen. »Aber leise.«
Wie Verschwörerinnen lächelten sie einander an.
Der Apfel war nicht weit vom Stamm gefallen. Das dicke sandblonde Haar war bei Vicky zum Pagenkopf geschnitten und mit einem Band zurückgehalten, bei ihrer Mutter zum strengen Schwesternknoten zusammengezurrt und von grauen Strähnen durchzogen. Die Augen groß und blau wie die Ostsee, erweckten die weichen Gesichtszüge von Mutter und Tochter den Anschein zweier sanftmütiger Seelen. Besonders bei Vicky, die mit dreiundzwanzig Jahren noch die pralle Frische ihrer Backfischjahre hatte. Bodenständig und zupackend wirkten sie beide, und mit voller Oberweite und runden Hüften stämmiger, als sie eigentlich waren. Sie hätten ein gutes Plakatmotiv abgegeben: Bäuerin und Bauerstochter, die mit der Sichel goldenes Korn für das tägliche Brot der Werktätigen ernteten.
Pommersche Kaltblüter, pflegte Vickys Mutter zu sagen. Nicht ohne Stolz, obwohl sie inzwischen zwei Drittel ihrer zweiundfünfzig Lebensjahre in Berlin verbracht hatte und Vicky ein Kind dieser Stadt war.
Die Kurznachrichten blieben zu einem Murmeln gedämpft, und Traude Becker schälte sich aus dem Mantel.
»Wie war die Nacht?«, fragte Vicky.
»Ruhig.« Ihre Mutter, wie immer in schmuckloser Bluse, wadenlangem Rock und bequemen Schnürschuhen, ließ sich auf einen der beiden Stühle fallen. »Nur ein Verkehrsunfall mit Milzriss und ein Blinddarmdurchbruch bei einem Kleinkind. Beides gut verlaufen.« Schwester Traude war eine feste Größe in den Operationssälen der Klinik am Spreeufer.
»… am Wochenende weiter unbeständig«, verlas der Radiosprecher im Flüsterton die Wetteraussichten. Schwungvolle Gitarrenklänge sprudelten aus dem Radio, und Vicky drehte wieder lauter. Eine ganze Big Band stimmte ein; ein Gute-Laune-Song, bei dem man unweigerlich mit den Fingern schnippen und zusammen mit dem Männerchor losträllern wollte. Berlin Melody.
Vicky stellte den Teller mit Wurststullen und eine Tasse Tee vor ihre Mutter.
»Kuck mal, was es die nächsten Sonntage bei uns gibt«, sagte Traude Becker und hielt Vicky ein goldglänzendes Päckchen hin.
Vicky staunte. »Wo hast du den Kaffee her?«
»Aus der Klinik.«
Vicky drückte die Packung an die Nase und sog den Duft ein; es war sogar richtig guter Kaffee. Im Konsum oder bei der HO war echter Bohnenkaffee kaum zu bekommen. Jenseits des Brandenburger Tors, bei Tchibo, Kaiser’s Kaffeegeschäft, Reichelt oder Bolle, gab es ihn zwar im Überfluss, aber für einen Bürger mit Ostmark in der Lohntüte war er immer noch so teuer, dass Vicky nur dann welchen mitbrachte, wenn er im Angebot war.
»Ein halbes Pfund Kaffee für die Ärzte und Schwestern«, fuhr ihre Mutter lakonisch fort. »Aber Antibiotika sind ständig knapp, und nach jeder OP sammeln wir die Gummihandschuhe ein, um sie für den nächsten Eingriff zu waschen, einzupudern und zu sterilisieren.« Amüsiert verzog sie den Mund. »Hast du dir deine Bewerbung wirklich gut überlegt?«
Vicky setzte sich mit ihrem Teller zu ihrer Mutter. »Hat Stäps schon etwas dazu gesagt?«, fragte sie und biss von der Stulle mit Margarine und der Sanddornmarmelade ab, die Oma Käthe von der Ostseeküste geschickt hatte.
»Der hat gerade ganz andere Sorgen.« Traude Becker holte aus ihrer Handtasche ein Päckchen Juno und zündete sich eine Zigarette an; je nach Situation ihr Muntermacher oder ein Beruhigungsmittel. »Schmücke ist gestern nicht zum Dienst erschienen. Zwei der Schwestern sind ebenfalls wie vom Erdboden verschluckt.«
In diesen Wochen wusste jeder, was das hieß: Sie waren getürmt. Nicht nur in der Klinik lichteten sich die Reihen der Ärzte und Krankenschwestern. In Scharen verließen die Bürger ihren Arbeiter- und Bauernstaat durch die Hintertür Berlin. Wie eine Wasserstandsmeldung gab der RIAS permanent die genauen Zahlen durch: mehr als tausend jeden Tag, Tendenz steigend. Im Notaufnahmelager Marienfelde hatten die Briten zusätzlich Zelte aufgestellt, eventuell würde noch das Olympiastadion als provisorische Unterkunft herhalten müssen.
Ein Schiff wird kommen, lockte Caterina Valente wehmütig im Hintergrund.
Der verächtliche Zug um Traude Beckers Mund verriet, wie sie darüber dachte. Zuallererst kam der Patient, dann die Klinik mitsamt ihrer Forschung, irgendwann danach die Familie, und ganz zum Schluss durfte man an sich selbst denken. Das war das Ethos, das die Charité berühmt gemacht hatte.
Energisch stieß sie den Rauch aus. »Wenigstens hat Schmücke noch seine Beziehungen in den Westen spielen lassen und uns mit Penicillin versorgt, bevor er sich aus dem Staub gemacht hat. So viel Anstand hat er immerhin gehabt.« Sie warf ihrer Tochter einen aufmunternden Blick zu. »Ich frage Stäps gleich Montag, ob er sich deine Unterlagen schon angesehen hat.«
Vicky war mit ihrer Bewerbung früh dran, das Examen noch vor sich und das Material für ihre Doktorarbeit gerade erst zusammengetragen. Doch sie wusste, was sie wollte, und sie wollte an die Charité, an der sie bereits ihre Famulatur absolviert hatte: das Vorzeigekrankenhaus der Deutschen Demokratischen Republik, obwohl die letzten Kriegsschäden noch nicht behoben, nicht alle Neubauten fertiggestellt waren. Die Chancen, dass der ärztliche Direktor Dr. Stäps sie einstellen würde, standen gut. Auch wenn sie in den zwei Jahren Medizinalassistenz weniger verdienen würde als ihre Mutter und genauso Doppelschichten und Überstunden schieben müsste.
»Morgen hast du den restlichen Tag aber frei, oder?«, fragte Vicky. Als ihre Mutter bejahte, fügte sie hinzu: »Wollen wir ins Grüne fahren, vielleicht mit der Weißen Flotte? Oder über den Ku’damm bummeln?«
Traude Becker runzelte die Stirn. »Was soll ich auf dem Ku’damm? Mir im Schaufenster Sachen ansehen, die ich mir nicht leisten kann?«
»Wir schauen uns die Sachen an, die sich auch Westler nur auf Pump kaufen können, und studieren im Restaurant die Speisekarte mit Gerichten, für die wir niemals so viel Geld ausgeben würden, selbst wenn wir es hätten. Oder wir gehen einfach ins Kino. Und dann fahren wir vergnügt wieder rüber und freuen uns unseres Lebens.«
Beide lachten leise.
Traude Becker drückte die Zigarette im Aschenbecher aus und widmete sich ihrem Tee und den Stullen. Über den Rand ihrer Tasse hinweg musterte sie Vickys gutes blaues Sommerkleid mit ausgestelltem Rock und Bubikragen, letztes Jahr im Schlussverkauf bei C&A in der Wilmersdorfer Straße ergattert.
»Hast du nach der Arbeit noch was vor?«, fragte sie.
»M-hm«, bestätigte Vicky mit vollem Mund und zwinkerte ihrer Mutter zu.
Junge Leute, zwitscherte Conny Froboess aus dem Radio, brauchen Liebe. Mutter und Tochter lächelten sich an.
»Mach auf jeden Fall dein Studium fertig«, sagte Traude Becker leise, aber bestimmt. »Verdien dein eigenes Geld. Damit du auf eigenen Füßen stehst.«
»Was anderes kommt auch gar nicht in die Tüte!«, erwiderte Vicky leidenschaftlich.
Ihre Mutter wusste, wovon sie redete. Sie hatte spät geheiratet, schnell ihr Kind bekommen und war noch schneller wieder geschieden gewesen. Nachdem Hartmut Becker sang- und klanglos aus ihrem Leben verschwunden war, war sie froh gewesen, an die Charité zurückkehren zu können, ein Zimmer für sich und Baby Vicky inbegriffen.
Die weitläufige Klinik war das erste Zuhause gewesen, das Vicky gekannt hatte. Bewohnt von einer Großfamilie, in der es selbstverständlich war, dass sich immer eine Krankenschwester, Ärztin oder Arztgattin fand, die sich um die kleine Tochter von Schwester Traude kümmerte, wenn diese im Operationssaal stand. Auf den geometrischen Bodenfliesen der hallenden Korridore hatte Vicky ihre ersten Schritte gemacht, auf den Wegen zwischen den Gebäuden mit einem Kinderrad die ersten wackeligen Meter zurückgelegt, und ihr liebstes Spiel war es gewesen, zusammen mit den Arztkindern verbotenerweise in den Bibliotheken zu stöbern und die Sammlungen anatomischer Präparate und Wachsmodelle zu erkunden. Bis die Bomben auf Berlin fielen und Tante Hedwig aus Wolgast kam, um ihre Nichte mitzunehmen; da war Vicky gerade mal fünf Jahre alt gewesen. Erst nach dem Hungerwinter und der Blockade Westberlins, als sich die Lage in der Vierzonenstadt stabilisierte, hatte Traude Becker ihre elfjährige Tochter wieder zu sich geholt.
Vickys Blick wanderte zur Küchenuhr, sie musste bald los.
»Pass auf dich auf!«, bat ihre Mutter bemüht nebensächlich.
Traude Becker trieb nicht die Sorge um, ob ihre Tochter anständig blieb, in solchen Schubladen dachte sie nicht. Und ihre Befürchtungen galten auch nicht in erster Linie einem Sittenstrolch, der Vicky nachts auf dem Nachhauseweg auflauern könnte, oder dass sie nach einem Unfall mit zerschmetterten Knochen und zerquetschten Organen auf einem OP-Tisch landete; das wusste Vicky.
Sie beugte sich vor und gab ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange. »Immer, Mutsch!«
Der RIAS berichtete vom Werktag der Zone, als Vicky kurz nach halb sechs die Wohnung verließ. Nach einem Abstecher zur Toilette auf halber Treppe eilte sie die ausgetretenen Stufen der übrigen drei Stockwerke hinunter. Hinter abbröckelndem Putz gurgelte es in den Rohren: Das Mietshaus erwachte zum Leben.
Im Hinterhof knöpfte Vicky die Strickjacke über dem ärmellosen Kleid zu, für Mitte August war es empfindlich kühl. Neben verbeulten Mülleimern, an denen sich nachts die Ratten tummelten, holte sie zwischen einem Motorroller und dem Fahrrad ihrer Mutter ihr eigenes hervor. Die Handtasche quer umgehängt, stieg sie auf und fuhr zum Hofdurchgang hinaus.
Der Morgen graute, und noch grauer waren die Fassaden der Gründerzeithäuser, seit dem Krieg von Granatsplittern und Einschusslöchern vernarbt. Zu dieser frühen Stunde war die Rosenthaler Straße nahezu menschenleer, nur die Straßenbahn der Linie 11 rumpelte an Vicky vorüber. Im Fenster des Laufmaschendienstes waren nicht etwa Strümpfe ausgestellt, sondern Porträts von Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht und Nikita Chruschtschow. Grenzgänger: Grenzgewinnler! Pfui Teufel!, schimpfte neuerdings ein Plakat an der nächsten Ecke, was Vicky einmal mehr ungerührt zur Kenntnis nahm; sie hatte ein reines Gewissen.
Sie radelte über den Hackeschen Markt mit seinen grün bewachsenen Baulücken und unter dem Viadukt des Stadtbahnhofs aus rotem Klinker hindurch. Von Sonnenaufgang keine Spur, unter dem düsteren Himmel schien es heute gar nicht richtig hell zu werden. Wenigstens regnete es nicht; seit Juli machte der Sommer mehr oder weniger Pause. Auf der Liebknechtbrücke überquerte Vicky die Spree zur Museumsinsel mit ihren Säulenbauten, dem Dom unter seiner provisorischen Kuppel und dem Marx-Engels-Platz, der sich dort erstreckte, wo einmal das kriegsbeschädigte Stadtschloss mitsamt Lustgarten gewesen war.
Auferstanden aus Ruinen, summte Vicky vor sich hin, und der Zukunft zugewandt. Eigens für diese Stadt schienen die ersten Zeilen der Nationalhymne geschrieben, und ganz besonders für die jungen Berliner und Berlinerinnen wie Vicky.
Unter den Linden kam das feudale Hauptgebäude der Humboldt-Universität in Sicht, die in einem Atemzug mit Nobelpreisträgern wie Robert Koch, Max Planck oder Albert Einstein genannt wurde. Die Humboldt war Vickys erste Wahl gewesen, weil dort große Namen wie Professor Pschyrembel lehrten und die Medizinische Fakultät an die Charité angeschlossen war. Doch obwohl sie während der Schulzeit allerlei Auszeichnungen eingeheimst und ein glänzendes Abitur abgelegt hatte, verlässlich jeden 1. Mai im Blauhemd der FDJ und mit roten Nelken in der Hand mitmarschiert war und sogar mit sechzehn Jahren das große Deutschlandtreffen der Jugend mitorganisiert hatte, hatte sie dort nicht den ersehnten Studienplatz bekommen. Stattdessen wurde sie der Veterinärmedizin zugeteilt – das liege ihr wesentlich besser, und außerdem würden Tierärzte so dringend gebraucht, dass man ihr gleich schon einen Arbeitsplatz in Aussicht stellen konnte. Ein Stipendium und sogar den Erlass sämtlicher Studiengebühren hätte es als Sahnehaube obendrauf gegeben. Ein verdammt verlockendes Angebot – es war nur nicht das, was Vicky wollte. Heute konnte sie darüber schmunzeln; im Westen hatte es ja geklappt.
Berlin war das doppelte Lottchen. Alles gab es zweimal: zwei Universitäten, zwei Währungen, die unterschiedlich viel wert waren, zwei voneinander isolierte Telefonnetze und je ein Geflecht aus Bahnstrecken, die miteinander verknüpft waren. Aus dem Westen strahlten RIAS und Sender Freies Berlin ihre Radioprogramme aus, aus dem Osten der Berliner Rundfunk. Auf der einen Seite der Sektorengrenze wurden B.Z. und Berliner Morgenpost gedruckt, auf der anderen die Berliner Zeitung. Der Zoo hatte Flusspferd Knautschke, der Tierpark immerhin Pelikan Methusalem. Im Grunewald erhob sich der aus Trümmern aufgeschüttete Teufelsberg, in Friedrichshain der Mont Klamott; bei den Bäckern im Westen waren die Schusterjungen besser, im Osten die Splitterbrötchen.
Während die Eltern dieser Zwillingsstadt, die Alliierten, wie Spiegelfechter darum wetteiferten, wer das bessere Gesellschaftssystem vertrat, nahmen die Berliner und Berlinerinnen das Beste aus beiden Welten mit. Und während sich die Herren in Bonn und Schöneberg einerseits und die Genossen in Pankow andererseits zankten, wer freier und demokratischer war, ging das Leben in Berlin seinen alltäglichen Gang.
Vicky bog ab und fuhr auf den Platz der Akademie zu, den die Alteingesessenen immer noch Gendarmenmarkt nannten, eine Ruinenkulisse zwischen dem ausgebrannten Deutschen Dom und seinem skalpierten französischen Gegenstück. Schwungvoll fädelte Vicky sich durch den allmählich dichter werdenden Verkehr und tauchte schließlich in die Wilhelmstraße ein, an der sich ursprünglich herrschaftliche, jetzt heruntergekommene Fassaden und übrig gebliebene Gebäudeskelette abwechselten. You are entering the American sector, informierte ein Schild auf dem Trottoir lapidar. Zwischen einigen Passanten, anderen Radfahrern und einem knatternden Motorroller radelte Vicky munter hinüber.
Sauerkraut-Polka
In der Fleischerei Storz in der Garystraße herrschte an diesem Sonnabend wieder Hochbetrieb; halb Dahlem wollte sich für das Wochenende mit Koteletts und Kassler eindecken.
»Ich nehme dazu noch dreihundert Gramm Lyoner, Fräulein Vicky. Müssen Sie sich jetzt eigentlich auch drüben als Grenzgängerin registrieren lassen?« Das Gesicht der Mittfünfzigerin unter dem kleinen Hut zeigte eine Mischung aus Besorgnis und Mitleid.
Mehr als sechzigtausend Berlinerinnen und Berliner, die im Osten lebten, aber im Westen arbeiteten, waren seit ein paar Wochen aufgefordert, sich beim Magistrat des demokratischen Berlins zu melden. Seit Mittwoch in eigens dafür eingerichteten Stellen, eine Beratung über Arbeitsmöglichkeiten in ihrem Teil der Stadt eingeschlossen. Stolz ließ man schon jetzt den Erfolg dieser Kampagne gegen Abwerbung und Menschenhandel verkünden. Ein Vorwurf, den auf der anderen Seite der Sektorengrenze sowohl Bürgermeister Willy Brandt als auch die Bundesregierung entschieden zurückwiesen.
»Bin ich schon, Frau Leberecht«, antwortete Vicky, während sie in ihrer weißen Schürze den Aufschnitt abwog. »Seit meinem ersten Semester. Das habe ich damals für die Lebensmittelkarten gebraucht.« Fast genauso lange jobbte sie sonnabends und in den Semesterferien hier in der Fleischerei, die praktisch nur ein paar Schritte von der Bibliothek und dem Audimax der Freien Universität entfernt lag.
»Meine Putzfrau hat wegen dieser Registrierungsaktion gekündigt!«, mischte sich Frau Hassdenteufel empört ein. »Von heute auf morgen! Ich weiß gar nicht, wo ich für dasselbe Geld so schnell Ersatz herkriegen soll.«
Vicky verkniff sich eine bissige Bemerkung. Das sogenannte Scheuerlappengeschwader stand stellvertretend für das, was im kleinen Grenzverkehr schieflief: Ostberlinerinnen, die schwarz in Haushalten, Läden, Büros oder Fabriken aushalfen, in Krankenhäusern und Altenheimen und dort nicht nur – wie vorgeschrieben – einen Teil, sondern den gesamten Lohn in westlicher Währung erhielten. Mickrige zwei- oder dreihundert D-Mark im Monat, die sich jedoch beim Umtausch in Ostmark vervierfachten – mehr, als ein Ingenieur im Osten verdiente. Für die Arbeitgeberseite rechnete sich die illegale Beschäftigung ebenfalls, da sie so nicht nur die Löhne niedrig halten, sondern auch ihren Beitrag für die Lohnausgleichskasse sowie die Lohnsteuer unter den Tisch fallen lassen konnte. Während im Osten Arbeitskräfte an allen Ecken und Enden fehlten und die Lücken in den Betrieben jeden Monat, jede Woche weiter aufrissen.
Jede Wette, dachte sich Vicky, dass auch Frau Hassdenteufel zu denen zählte, die sich bei einem Friseur im Osten die Haare machen ließen oder zum Schuster gingen, weil es drüben billiger war. Eigentlich musste man dafür einen Ostberliner Personalausweis vorzeigen, aber für ein paar Mark extra wurde schon mal ein Auge zugedrückt. Und wer aus Westsicht zum Schnäppchenpreis einkaufen wollte, engagierte einfach einen Jugendlichen oder einen der Einkaufsrentner, die vor Markthalle oder Warenhaus parat saßen, und ließ sich gegen ein Trinkgeld das Gewünschte besorgen.
Schwarzarbeit und Schmuggel wucherten wie Giersch, zu Lasten Ostberlins. Der Kreislauf aus Arbeit, Geld und Waren, der gerade erst so richtig in Fahrt geraten war, hatte eine Unwucht bekommen. Da verwunderte es nicht, dass über den Sommer die Kontrollen auf der östlichen Seite ausgeweitet worden waren. Während der Westen untätig zusah und es dabei beließ, sich über die Schikanen aus Pankow zu echauffieren.
»Ach, geben Sie mir doch noch was von der Krakauer«, sagte Frau Leberecht ungerührt.
Auch sonst nahm kaum jemand Notiz von Frau Hassdenteufels Ungemach. Die Hausfrauen und Haushälterinnen des Villenviertels waren ganz mit ihrem Einkauf bei Fleischermeister Storz und seiner Frau beschäftigt oder mit dem Nachbarschaftsklatsch. Nur die eine oder andere blickte betreten drein, weil sie selbst zum Scheuerlappengeschwader gehörte oder unter der Hand eine Hilfe aus dem Osten beschäftigte.
»Befürchten Sie denn jetzt keine Schwierigkeiten, Fräulein Vicky?«, fragte Frau Leberecht weiter.
»Malen Sie bloß nicht den Teufel an die Wand!«, warf Frau Storz von der Seite her ein und reichte Frau Brietzke das Paket mit Fleisch und Wurst über die Theke. »Mir graut schon vor dem Tag, wenn sie uns als frischgebackenes Fräulein Doktor verlässt!«
Vicky schmunzelte und wickelte das Stück Krakauer sorgsam ein. »Ich wüsste nicht, weshalb ich Probleme bekommen sollte«, versicherte sie Frau Leberecht.
Dass die Pendler aus dem Osten rückwirkend zum 1. August Miete, Strom, Wasser und Gas in Westmark begleichen mussten und nicht mehr auf den Wartelisten für hochwertige DDR-Produkte wie Autos, Motorräder, Kühlschränke oder Waschmaschinen stehen durften, betraf Vicky nicht. Was sie bei Storzens verdiente, ordnungsgemäß angemeldet und jede Mark korrekt in vierzig Pfennigen West, sechzig Pfennigen Ost ausbezahlt, blieb größtenteils für Studiengelder und Lehrbücher im Westen. Vicky war keine Schwarzarbeiterin und keine Grapschke, keine Schieberin, keine Währungsspekulantin oder wie die ganzen Schimpfnamen für Grenzgänger sonst noch lauteten. Das konnte sie jedem, der das wissen wollte, vorrechnen und schriftlich belegen.
Selbstbewusst stützte sie sich auf die gekachelte Theke. »Darf es sonst noch etwas für Sie sein, Frau Leberecht?«
Den ganzen Vormittag war Vicky emsig zwischen den mit Plastiktrauben dekorierten Thüringern, Nürnbergern, Frankfurtern, Braunschweigern und sächsischen Kamenzern zugange. Wenigstens in der Kühlvitrine der Fleischerei Storz war Deutschland noch ein einig Vaterland. Nachdem auch die letzte Kundin mit Kalbsschnitzel und Schweinemedaillons versorgt war, drehte Vicky um Punkt dreizehn Uhr das Schild an der Glastür auf Geschlossen!, und das große Aufräumen und Saubermachen begann.
Dieser Job war ein echter Glücksgriff, nicht nur finanziell. Als Oststudentin bekam Vicky zwar Währungsbeihilfe vom Westberliner Senat, derzeit hundertzwanzig D-Mark im Monat, aber die reichten nicht weit. Studiengebühr, Unterrichtsgelder für Vorlesungen und Übungen, die teils auch am Sonntag stattfanden; Ersatzgeld für Kurse mit erhöhtem Aufwand an Personal und Material, Wohlfahrtsgebühren wie Kranken- und Unfallversicherung und Studentenwerksbeitrag– dafür musste eine Medizinstudentin wie Vicky schon mal mehr als zweihundert Westmark im Semester hinblättern. Hinzu kamen kostspielige Fachbücher, teure Anschaffungen wie ein Mikroskop oder Sezierbesteck und kleinere Beträge wie Fahrtkosten.
An der Universität selbst wäre sie ohne ihr Fahrrad aufgeschmissen gewesen, da das Physiologische und das Anatomische Institut mehr als eine halbe Stunde zu Fuß auseinanderlagen und beide etwa genauso weit von der Mensa entfernt waren. Der praktische Unterricht fand jedoch in Kliniken in Charlottenburg, Moabit, Wilmersdorf oder im Wedding statt. Um bei einem straffen Studienplan pünktlich dort zu erscheinen, blieben nur Autobus oder S- und U-Bahn; das summierte sich auch mit der Fahrpreisermäßigung für Studierende. Vicky war heilfroh, dass sie es endlich ins Examenssemester geschafft hatte, in dem nur noch einzelne Kurse und Kolloquien auf dem Plan standen. Jetzt konnte sie von dem, was sie bei Storzens über den Sommer verdiente, etwas auf die Seite legen.
Vicky arbeitete gern hier. Sie mochte den Umgang mit Wurst, Fleisch und Innereien, deren frischen, manchmal leicht säuerlichen, manchmal metallischen Geruch und die rauchige Note, die über allem lag. Und der Duft von Scheuerpulver und Desinfektionsmittel und die weißen Kacheln erinnerten Vicky an ein Labor oder einen Operationssaal.
Aus der Wurstküche war ein erstickter Schrei zu hören, dann ein lautstarker Fluch von Lothar, dem Gesellen. Vicky ließ den Schrubber fallen und lief nach hinten, noch bevor Fleischermeister Storz nach ihr rief.
Harald, der spillerige Vierzehnjährige, der vor knapp zwei Wochen seine Lehre bei Storzens begonnen hatte, hielt seine Hand, von der das Blut troff.
»Was ist denn passiert?«, fragte Vicky und holte das Mäppchen mit medizinischer Notausstattung, das sie immer in der Handtasche mit sich trug.
»Zwei linke Hände hat er, das ist passiert!«, wetterte der Geselle, ein lang aufgeschossener Schlaks mit zackigem Adamsapfel. »Wenn er sich mit dem Messer schon so anstellt, lassen wir ihn besser nie an den Fleischwolf!« Er verpasste dem Lehrling eine Kopfnuss, und in Haralds helle Augen stieg das Wasser.
Vicky wischte mit einem Geschirrtuch notdürftig das Blut von der Hand des Jungen und besah sich die Wunde am Daumen. »Ist nicht allzu schlimm«, erklärte sie. »Trotzdem besser, wenn ich das nähe.«
»Jod haben wir da«, verkündete Frau Storz eifrig über der Keksdose, die als Hausapotheke diente.
»Achtung – brennt!«, warnte Vicky, und der Junge sog scharf die Luft ein.
Am Waschbecken seifte Vicky sich gründlich die Hände ein.
Sie haben keine Chirurgenhände, Fräulein Becker! Dieser Satz aus dem Operationskurs hatte sich wie mit Widerhaken in ihrem Kopf festgesetzt. Sie hatte die gleichen robusten Hände wie ihre Mutter, und ihre waren genauso feinfühlig und flink. Zu Sauerbruchs Zeiten war Traude Becker eine Meisterin darin gewesen, die Skalpelle aufzufangen, die der bedeutende Chirurg mitten in der Operation achtlos von sich zu werfen pflegte. Dabei hatte Sauerbruch selbst keine Chirurgenhände im landläufigen Sinne gehabt. Vicky erinnerte sich noch genau an diese großen kräftigen Hände vor ihrem Gesicht, wenn er sich lachend zu ihr heruntergebeugt und das kleine Mädchen mit ruppig-großväterlicher Zärtlichkeit in die Nase gezwickt hatte.
Energisch hängte sie das Handtuch wieder an den Haken. Harald wurde blass, als sich die frisch desinfizierte Nadel dem Schnitt in seinem Daumen näherte.
»Ist in Ordnung, wenn du nicht hinsiehst«, erklärte Vicky aufmunternd. »Nicht erschrecken, das pikst jetzt ein bisschen.«
Als Schulmädchen war sie zum ersten Mal bei einer Operation in der Charité dabei gewesen, bei einer Appendektomie. Nur auf der Galerie natürlich, zwischen fast doppelt so alten Medizinstudenten und einigen wenigen Studentinnen. Ab da hatte es kein Halten mehr gegeben, und wann immer Vicky konnte, war sie mit der Schulmappe unter dem Arm in die Klinik gerannt, um gebannt zu verfolgen, wie mit kühnen Schnitten im Inneren eines lebendigen, atmenden Körpers gearbeitet wurde. Nichts auf der Welt kam dem gleich, und nichts wollte sie mehr als das.
»Ich bring dir mal meine Socken zum Stopfen vorbei«, foppte Lothar sie.
»Kannst du schön selber machen«, erwiderte Vicky trocken. »Siehste ja, wie einfach das ist. Das kriegst sogar du hin.« Sie verknotete den letzten Faden, schnitt die Enden ab und legte Harald einen schmalen Verband an. »Der dürfte dich nicht allzu sehr behindern«, meinte sie, während sie seine Hand ringsherum säuberte. »Montag sehe ich mir die Wunde noch mal an, und übernächste Woche ziehe ich dann die Fäden. Tetanusimpfung hast du?«
»Hat er«, bestätigte der Fleischermeister. »Sonst hätte ich ihn gar nicht erst bei uns anfangen lassen. Will ja schließlich keinen Ärger mit dem Fräulein Doktor.« Er grinste über die ganze Breite seines gemütlichen Gesichts.
Vicky gluckste. Demnach hatten ihre nebenbei vorgebrachten, aber beharrlichen Bemerkungen zum Thema Arbeitsschutz doch Früchte getragen.
»Hast ein Händchen für Steppkes«, meinte Lothar anerkennend und fuhr damit fort, das Arsenal an Fleischermessern sauber zu machen. »Gibst mal eine gute Kinderdoktorin ab.«
Vicky brummte ungnädig und schrubbte sich am Waschbecken Reste von Jod und Blut von den Fingern. Dass sie eine hervorragende Kinder- oder Hausärztin werden würde, bekam sie seit Studienbeginn von ihren Professoren und Dozenten gebetsmühlenartig vorgesagt; dafür brächte sie alle Tugenden mit.
Tugenden! Vicky schnaubte in sich hinein. Als ob es in der Medizin nicht vielmehr auf das Können ankam. Und Vicky wusste, was sie konnte. Trotzdem hatte sie von ihrem Doktorvater kein chirurgisches Thema für ihre Dissertation bekommen, sondern musste sich mit dem Einsatz von Penicillin und Sulfonamiden bei Staphylococcus epidermidis im klinischen Umfeld begnügen.
»Machen Sie ruhig Schluss für heute, Fräulein Vicky«, ließ sich Meister Storz über den Einzelteilen des auseinandergenommenen Fleischwolfs vernehmen.
»Danke, Herr Storz.« Vicky warf ihre Schürze in den Korb mit der Schmutzwäsche und holte ihre Strickjacke und die Handtasche.
Frau Storz trat zu ihr, ein verlegenes Lächeln auf dem Gesicht mit den Apfelbäckchen. »Ich habe Ihnen noch was eingepackt. Das können wir Montag nicht mehr verkaufen.«
Was vermutlich nicht stimmte. In den Päckchen, die Frau Storz ihr bisher mitgegeben hatte, waren Fleisch und Wurst genauso frisch gewesen wie für die Kundschaft. Aber natürlich wusste man auch hier, wie es um die Versorgung drüben stand. Im Osten fehlte ja nicht nur der Kaffee.
Mit Schrippen hatte es in diesem Jahr begonnen. Hämisch hatte die Presse im Osten die Preiserhöhung der Westberliner Schrippe von sieben auf acht Pfennig kommentiert und süffisant darauf hingewiesen, dass das Ostberliner Gegenstück auch in Zukunft nur fünf Pfennig kosten würde. Was kein wirklicher Trost war, wenn es besagte Ostschrippe so gut wie nie gab. Selbst wenn tatsächlich die Westler daran schuld sein sollten, die die Schrippen angeblich tütenweise über die Sektorengrenze trugen, weil sie im Osten umgerechnet nur ein Sechstel kosteten.
Nachdem im Mai in mehreren Bezirken der DDR Zehntausende Rinder und Schweine, für die es kein Futter mehr gegeben hatte, notgeschlachtet worden waren, hatte die Bundesregierung eine großzügige Hilfslieferung in Form von Milch, Butter und Getreide angeboten, die die Genossen in Pankow jedoch hochnäsig ausgeschlagen hatten. Seitdem waren Fleisch und Wurst knappe Güter. Die groß angelegte Kampagne Fisch auf jeden Tisch war genauso großartig verpufft, weil die Heringe und Makrelen aus der Ostsee nur selten im Konsum oder der HO auftauchten. Und obwohl die Lebensmittelkarten vor drei Jahren abgeschafft worden waren, acht Jahre nach denen im Westen, gab es Kartoffeln momentan nur auf Bezugsschein. Doch auch damit musste man schon beizeiten vor dem Laden stehen und noch ein Quäntchen Glück mitbringen. Der verregnete Sommer hatte sein Übriges getan: Obst und Gemüse kaufte Vicky diesen Sommer nur im Westen, weil drüben kaum was zu ergattern war. Und Westberliner Stullengold schmeckte einfach besser als frischfein aus dem VEB Dresdner Margarinewerk, fast wie echte Butter.
Sie schluckte ihren Stolz hinunter und nahm das Päckchen entgegen, das in festes Papier eingewickelt war, nicht in alten Zeitungen oder sofort durchweichtem Seidenpapier wie im Osten. »Danke, Frau Storz. Meine Mutter und ich werden morgen beim Essen an Sie denken.«
»Schönes Wochenende!«, riefen der Fleischermeister und sein Geselle aus ihren jeweiligen Ecken der Wurstküche. Scheppernd fielen die gereinigten Lochscheiben des Fleischwolfs aus Haralds unverletzter Hand auf den Fliesenboden, und Lothar gab dem Lehrling einen Klaps auf den Hinterkopf.
»Bis Montag!«, rief Vicky zurück.
Unter dem Bimmeln der Ladenglocke schloss sie die Glastür hinter sich. Ein eisblauer Opel Kapitän schnurrte über die Kreuzung, ansonsten war keine Menschenseele unterwegs. Auch die benachbarte Buchhandlung Loriot Albert, spezialisiert auf Geisteswissenschaften, hatte bereits geschlossen.
Vicky legte das Päckchen in den Fahrradkorb und die Strickjacke mit dazu. In der gleichmäßigen Kühle der Fleischerei hatte sie nicht mitbekommen, wie warm es seit dem Morgen geworden war, fast schwül unter einem immer noch bedeckten Himmel. Gemächlich radelte Vicky durch das gutbürgerliche Viertel, das wie immer verschlafen unter alten Bäumen dalag; nur Vogelgezwitscher war zu hören.
Ein paar Sonnenstrahlen fielen durch die Wolkendecke, die gleich darauf nachgab und ein Stück blauen Himmel sehen ließ. Vicky lächelte und trat fester in die Pedale. Vielleicht hatte sie den Badeanzug doch nicht umsonst eingepackt.
Let’s Twist Again
Dem Wetterbericht zum Trotz würden die Berliner und Berlinerinnen sicher auch an diesem Wochenende wieder grenzübergreifend zum Wannsee und Müggelsee ausschwärmen, an den Schlachten- und den Dämeritzsee. Vicky dagegen radelte ins noble Zehlendorf, bog hinter dem Krankenhaus Waldfriede zweimal ab und hielt vor einer schmucken Villa in der Goethestraße. Im angrenzenden Bungalow, dem ehemaligen Chauffeurhaus, waren die Jalousien herabgelassen: Heimleiterin Frau Wilms befand sich im Urlaub, sie hatten sturmfrei.
Vickys Fahrrad gesellte sich zu zwei Motorrollern und einigen Drahteseln in unterschiedlichen Stadien der Abnutzung. Wer nicht in der Nähe wohnte, kam besser mit seinem fahrbaren Untersatz hierher, denn die letzte U-Bahn ab Krumme Lanke fuhr eine halbe Stunde nach Mitternacht. Danach gab es nur noch einzelne Nachtbusse mit wenigen Zwischenhalten. Über den Fernsprechapparat im Haus ein Taxi zu rufen, konnten sich die wenigsten leisten, und ein Auto besaß sowieso kaum jemand.
Hinter den Sträuchern drangen Stimmen, Musik und das Klick-klack, Klick-klack-klack an der Tischtennisplatte hervor. Vicky nahm ihre Sachen aus dem Fahrradkorb und ging über die Außentreppe ins Haus. Im Flur begegnete ihr ein dunkelhaariger junger Mann in weißem Hemd und schwarzer Hose.
»Salut!«, nuschelte er, die Zigarette im Mundwinkel, und schlenderte mit unnachahmlich französischer Lässigkeit davon.
Im Musikzimmer klimperte jemand selbstvergessen auf dem Piano, und aus der Bibliothek waren Gesprächsfetzen zu hören. In der Villa war alles vom Feinsten. Früher einmal hatte sie dem Direktor des ersten Rundfunksenders im Deutschen Reich gehört. Ein Schallplattenkönig und aufrechter Demokrat, den die Nazis gleich nach der Machtergreifung enteignet, in einem KZ inhaftiert und schließlich in den Tod getrieben hatten. Nach dem Krieg hatte die Witwe Knöpfke verfügt, das Haus solle den jungen Menschen an der neu gegründeten Freien Universität zur Verfügung stehen – was diese sich dem Hörensagen nach satte neunhundert Westmark Miete kosten ließ.
Vicky betrat die großzügige Küche, in der die Kaffeemaschine vor sich hin blubberte. Ursprünglich war die Villa als reines Tagesheim für Studierende wie Vicky gedacht, die nicht mal eben zwischen den Vorlesungen in ihre Bude konnten, weil sie eine Stunde oder mehr Fahrtzeit in den Osten hatten. Während des Semesters durften sie hier zwischen elf und einundzwanzig Uhr lernen, bei Schallplattenmusik entspannen, mit einer Partie Schach den Kopf freikriegen oder auf einem der Sofas ein Nickerchen halten. Eine Köchin sorgte mit ihren Helferinnen sogar für warme Mahlzeiten.
Über den Sommer blieb die Küche kalt. Dafür standen schon die von den Studenten mitgebrachten Flaschen Mampe Halb & Halb, Wurzelpeter, Berliner Luft und Wodka Gorbatschow für den Abend parat. Ein paar Studentinnen hatten sich bereit erklärt, für eine solide Grundlage in Form von belegten Stullen zu sorgen; vom selbst gebackenen Kuchen fehlte bereits ein tüchtiges Stück.
Vicky kramte aus ihrem Geldbeutel einige Münzen Westgeld und warf sie in die Sparbüchse: ihr Unkostenbeitrag für die von der Universität zur Verfügung gestellten Getränke im Kühlschrank. Sie holte sich eine Cola heraus, trank in langen Zügen und griff dann zu Papier und Stift.
»Tag, Fräulein Becker«, grüßte ein Mann hinter ihr.
Vicky sah kurz auf. Richard Dörner war hereingekommen, ein Jurastudent, der mit Ende zwanzig das Examen noch immer nicht in Sichtweite hatte. Er gehörte zu der Generation, deren Lebenslauf vom Krieg derart zerrüttet worden war, dass sie Jahre gebraucht hatte, um ihn wieder zurechtzuzimmern.
»Hallo, Herr Dörner.«
Die meisten Studis siezten einander. Einer der Widersprüche an einer Universität, die gerade einmal dreizehn Jahre alt war, die Freiheit im Namen trug und so modern und geradlinig sein wollte wie die Bibliothek, die Mensa und der Henry-Ford-Bau. Schlagende Studentenverbindungen waren ebenso verboten wie das öffentliche Tragen der Farben einer Burschenschaft, während sich die Professoren zu bestimmten Anlässen Talare überwarfen und sich teilweise mit Exzellenz und Magnifizenz anreden ließen. Und ganz selbstverständlich erschienen die Studenten mit ordentlicher Frisur und glatt rasiert in den Hörsälen, ihre Kommilitoninnen in Röcken statt Hosen und allenfalls mit dezentem Make-up.
»Sind Sie heute unser Babysitter?«, fügte Vicky scherzhaft hinzu.
Groß und hager, lehnte sich Richard Dörner gegen den summenden Kühlschrank. »In der Tat. Die Wach- und Schließgesellschaft des AStA meldet sich zum Wochenenddienst. Auf dass Anstand und Dekorum gewahrt bleiben.«
Vicky schmunzelte. Richard Dörner wirkte auf den ersten Blick grüblerisch bis melancholisch, aber von den Partys hier in der Villa war er nicht wegzudenken. Nicht nur, wenn es ihm oblag, als Letzter das Licht auszumachen und abzusperren.
Er löste sich vom Kühlschrank, als Vicky nach dem Türgriff fasste, und machte einen langen Hals, um die Notiz zu entziffern, die sie zusammen mit dem Päckchen aus der Fleischerei hineinlegte. Eigentum von Vicky Becker, 11. Sem. Medizin. Warnung: enthält bakteriell kontaminierte Proben!!
Grinsend nahm er sich eine der im Kühlschrank gelagerten Bierflaschen und schloss die Tür. »Gab’s heute irgendwelche Probleme beim Grenzübertritt?«, fragte er.
Vicky, die Hand schon nach ihrer Tasche und der Strickjacke ausgestreckt, hielt inne. »Nein, warum?«
Dörner hatte Vicky vor Studienbeginn mit den ganzen Formularen und Anträgen geholfen. Wie Detlef Girrmann und Dieter Thieme kümmerte er sich im Studentenwerk um die Belange der ostdeutschen Kommilitonen und Kommilitoninnen, immerhin knapp ein Fünftel der Studentenschaft. Auch sonst hatten die drei ein offenes Ohr für deren spezielle Sorgen und Nöte. Damit kannten sie sich aus, nicht nur als angehende Juristen, sondern weil sie selbst von drüben stammten, sich jedoch für ein Leben im Westen entschieden hatten.
Die Mundwinkel angespannt, öffnete Richard Dörner zischend sein Schultheiss. »Eine Hundertschaft der Volkspolizei hat gestern zeitweise den Bahnhof Potsdam abgeriegelt und fast alle Reisenden als angebliche Fluchtverdächtige zurück in den Osten geschickt. In Babelsberg und Griebnitzsee war’s ähnlich.«
Vicky zuckte mit den Schultern. »Davon habe ich nichts mitbekommen. Bei mir war alles wie immer.«
Richard Dörner trank einen Schluck und sah Vicky nachdenklich an. »Das wird nicht so bleiben, Fräulein Becker. Auch nicht für Studentinnen wie Sie.«
Das war Vicky bewusst. Ewig würde die Führung der Deutschen Demokratischen Republik nicht zusehen, wie ein kleiner Teil ihrer Jugend im Westen zur Schule ging oder studierte – und dadurch womöglich dem Sozialismus abspenstig gemacht wurde. Umso wichtiger wäre eine baldige Zusage der Charité für Vicky: der Nachweis, dass sie ihrem Staat und seinen Menschen die Treue hielt.
»Seien Sie gegrüßt – die Dame, der Herr!«, rief Friedemann Schenk in der Tür. Ein vergnügtes Blinzeln hinter dicken Brillengläsern, schlug er die Hacken zusammen und deutete eine Verbeugung an. Wie immer in Sakko und Schlips und das semmelblonde Haar akkurat gescheitelt, trat er zu einem der Geschirrschränke und begann klappernd mit den Kaffeegedecken zu hantieren.
»Wollen Sie nicht ganz rüberkommen, Fräulein Becker?«, schlug Richard Dörner vor. »Solange Sie immatrikuliert sind, bekommen Sie problemlos eine Zuzugsgenehmigung für Westberlin.«
Vicky sah ihn verblüfft an, dieser Gedanke war ihr noch nie gekommen. »Wegen der paar Monate? Da wird mir jetzt keiner mehr böswillig Steine in den Weg legen.« Belustigt hob sie die Brauen. »Schließlich tue ich ja alles, um demnächst meine Arbeitskraft in den Dienst der Werktätigen zu stellen. Ganz im Sinne der Partei.«
»Sofern der andere deutsche Staat in ein paar Monaten überhaupt noch existiert«, unkte Richard Dörner. »Wenn die Bürger weiter in Massen abwandern, sitzen die Parteibonzen demnächst allein in ihrem maroden Land.«
»Et hätt noch immer jot jejange!«, trompetete Friedemann Schenk, den es der Wirtschaftswissenschaften wegen vom Rhein an die Spree verschlagen hatte, und steckte großzügig einen Zehnmarkschein in die Sparbüchse. »Für Sie auch ein Käffchen, Fräulein Becker?«
»Vielleicht später«, antwortete Vicky und nahm ihre Siebensachen mit aus der Küche.
In einem der Badezimmer zog sie den Badeanzug unter ihr Kleid, stopfte ihre Unterwäsche in die Handtasche und holte sich ein Handtuch aus dem Schrank, bevor sie auf die Terrasse ging. Die Wolken hatten sich weiter aufgelockert und machten der Sonne Platz; es versprach der erste richtige Sommertag seit Langem zu werden.
Friedemann Schenk hatte inzwischen draußen Platz genommen und debattierte bei Kaffee und Zigaretten mit Bengt, einem Politikstudenten aus Schweden, über den alten Bundeskanzler Adenauer und den neuen Präsidenten Kennedy. Eine der amerikanischen Gaststudentinnen lieferte sich ein Tischtennismatch mit Gernot Strasser aus Gelsenkirchen, und aus dem Kofferradio auf dem Fensterbrett trällerte Caterina Valente mit ihrem Bruder Silvio Francesco vom Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strandbikini.
Aus dem Tagesheim war das Klubhaus der Universität geworden. Nicht nur ein Ort für Vorträge und offizielle Termine wie Herrenrunden mit Cognac und Zigarren oder Erstsemestertees, sondern ein zweites Zuhause für die Studentenschaft. Die Lage war ein Traum: Zwischen mächtigen Bäumen führte eine Steintreppe auf den Rasen, an dessen Ende sich der Waldsee erstreckte. Nur die umliegenden Villen hatten von ihren gepflegten Gärten aus Zugang zum Wasser. Deren gut situierte Eigentümer luden gern die angehenden Akademiker und Akademikerinnen zu Hausmusik, auf eine Cocktailstunde oder eine feine Soiree ein. Sofern sie sich nicht mal wieder bei der Universitätsleitung über infernalischen Partylärm beschwerten.
»Hallo, du Sonnenschein!« Friederike Butz, langbeinig, rehäugig und mit endlosem Pferdeschwanz, winkte Vicky zu. Auf einem Handtuch im Gras ausgestreckt, schien sie im knappen Bikini unbedingt ihre von der Amalfiküste mitgebrachte Sommerbräune erhalten zu wollen.
Auf der untersten Treppenstufe wandte Hannah Grüttner den Kopf, die Hornbrille überstreng in ihrem Porzellanpuppengesicht. Das dunkle Haar jungenhaft kurz geschnitten, wirkte sie in ihrer Freizeitkluft aus schwarzer Hose und engem schwarzem Oberteil noch zierlicher.
»Ist die Bourgeoisie von Dahlem mit Sonntagsbraten versorgt?«, spöttelte sie, während sie sich eine Zigarette drehte.
»Kiloweise!« Lachend setzte Vicky sich zu ihren Freundinnen. »Und bei euch?«
»Die alte Hexe hat mir schon wieder die Miete erhöht«, fauchte Hannah und zündete sich die Selbstgedrehte an. »Fünf Mark mehr ab dem nächsten Ersten. Vielleicht sollte ich in den Osten übersiedeln, da sind die Zimmer noch bezahlbar.« Hannah war zwar gebürtige Westberlinerin, aber mit einundzwanzig Jahren aus dem Charlottenburger Elternhaus ausgezogen, weil die Grüttners sich an ihrem existenzialistischen Weltbild und ihrer Verehrung für Simone de Beauvoir gestört hatten.
»Sofern du drüben eine Bleibe findest, die nicht gerade ein Hühnerstall ist«, entgegnete Vicky.
Hannah runzelte die Stirn. »Müssten da nicht jetzt massenweise Wohnungen leer stehen? Bei dem Exodus derzeit?«
»Kannsch net nach mehr Gehalt fragen?«, schlug Friederike vor, die aus dem Stuttgarter Raum stammte; sie war mit Vicky in einem Semester.
Hannah schnaubte durch den Zigarettenrauch. »Was glaubste, warum der Laden damit wirbt, preiswert zu sein? Weil er an den Löhnen geizt! Ich werd bis zum Examen mehr arbeiten müssen, so sieht’s aus.« Ihr Studium der Philosophie und Literatur finanzierte sie sich bei der Photocopie-Gesellschaft in der Nürnberger Straße, wo sie Aufträge für Lichtpausen, Mikrofilme sowie den neuartigen Kopierapparat entgegennahm und Termine für die elektrischen Schreibmaschinen von IBM vereinbarte, auf denen die Studis ihre Dissertationen abtippten, bevor sie sie im Laden in Druck gaben.
»Das ganze System ist so kaputt«, murrte Hannah und trank einen Schluck von dem pechschwarzen Kaffee, den sie neben sich stehen hatte. »Hüben wie drüben.«
Friederike kaute bedrückt auf ihrer Unterlippe. Sie gehörte zu den Glücklichen, die von zu Hause alles bekamen, was sie brauchten, ihr Vater war Fabrikant; deshalb hatte sie auch Zeit für solche Aktivitäten wie den Hochschulkreis für Tierschutz.
»Endlich Wochenende!«, jubelte es weiter oben auf der Treppe. Mit klappernden Sandalen, flatterndem Rock und wippenden goldblonden Locken hüpfte Marlene Tettenbaum die Stufen hinunter. Außer Atem ließ sie sich neben Vicky fallen und trank in gierigen Zügen von ihrer Cola. Marlene pendelte ebenfalls aus dem Osten, aus Treptow. Alles an Marlene war ständig in Bewegung; kaum vorstellbar, wie sie das Sitzfleisch für einen Vorlesungsmarathon oder zum Büffeln aufbrachte. Genauso quecksilbrig bestürmte sie jetzt Vicky und Friederike mit Fragen zum Physikum, das ihren eigenen Worten nach wie ein Damoklesschwert über ihr hing, vor allem die Prüfung in Botanik. Dabei hatte sie noch ein gutes Jahr bis dahin, sie war erst im dritten Semester.
»Tag zusammen«, ertönte eine Männerstimme hinter ihnen. Unverwechselbar samtig und Vicky zutiefst vertraut, und ihr Herz zuckte auf.
Die sportliche Figur in einem kurzärmligen Karohemd und Blue Jeans, an den Füßen löchrige Segeltuchschuhe, kam Joachim Strathoff die Treppe herunter. Seine kupfernen Locken hatten seit dem Ende der Vorlesungen keine Schere mehr gesehen und fielen ihm in die Stirn. Das Gesicht, halb noch jungenhaft, halb schon männlich kantig, wirkte ernsthaft und locker zugleich, und die tiefbraunen Augen blickten warm.
»Na, Achim«, ließ Hannah sich vernehmen, »alles schick am hohlen Zahn?«
Der Spitzname Berlins für die Turmruine der Gedächtniskirche. In den Semesterferien schuftete Achim auf der Baustelle des Neubaus direkt daneben: ein Achteck aus Stahl, Beton und blauen Glasbausteinen aus dem französischen Chartres, das Ende des Jahres fertig sein sollte.
»Geht gut voran«, bestätigte er.
Vicky reckte den Arm, und für einen Moment verflochten sich ihre Finger mit seinen, die nur notdürftig von Schmieröl gesäubert waren; auch in den Härchen auf seinem Unterarm haftete noch Staub. Dann trat er von der untersten Treppenstufe auf den Rasen und bewegte sich zielstrebig zum Seeufer.
»Woran liegt das bloß«, rief Hannah ihm nach, »dass du immer als Erstes ins Wasser musst?«
Über die Schulter warf Achim ihnen ein Grinsen zu, das neben beiden Mundwinkeln Grübchen aufblitzen ließ. »Auch der Bau einer Kirche ist ein schmutziges Geschäft!«
Die vier jungen Frauen lachten.
Marlenes Panik wegen des Physikums schien verflogen. Während sie gedankenvoll an ihrer Cola nuckelte, pendelte ihr Blick zwischen Vicky und Achim hin und her, der sich neben den Ruderbooten bis auf die Badehose auszog. Vertraulich beugte sie sich zu Vicky hinüber.
»Stimmt es eigentlich«, flüsterte sie, die Kulleraugen aufgerissen, »dass Achim in Schanghai geboren ist und einen chinesischen Pass besitzt?«
Vicky schlüpfte aus den flachen Schuhen und streifte das Haarband ab. »Das musst du ihn schon selber fragen«, antwortete sie leichthin und stand auf, um sich aus dem Kleid zu schälen.
In ihrem flaschengrünen Einteiler ging sie durch das Gras und watete in den See. Der Untergrund war schlammig, das Wasser kalt, aber trotzdem herrlich. Mit kräftigen Zügen schloss sie zu Achim auf. Im Wechselspiel von Wolken und Sonnenschein schwammen sie nebeneinander her und drifteten schließlich aufeinander zu. Vicky schlang die Arme um Achim, und in einem endlosen Kuss waren sie zwischen Eisvögeln und Fischreihern allein auf dieser Welt.
Im Lauf des Nachmittags trudelten nach und nach weitere Studenten und Studentinnen im Klubhaus ein. Wenige im Vergleich zu sonst, die meisten waren über den Sommer nach Hause gefahren oder gondelten mit minimalem Budget irgendwo in Europa umher. Trotzdem tummelte sich am frühen Abend ein munterer Kreis auf der Terrasse. Dass sich der Himmel wieder zugezogen hatte, trübte die Stimmung ebenso wenig wie die lästigen Mücken.
Weil ich noch jung bin, trällerte Danny Mann aus dem Radio, während in einem Grüppchen eine hitzige Diskussion über die Bundestagswahl in vier Wochen im Gange war. Als gebürtiger Kölner und Mitglied im Ring Christlich-Demokratischer Studenten an der FU hielt Friedemann Schenk natürlich die Fahne für Adenauer hoch. Gernot Strasser hingegen pries euphorisch Willy Brandt, der gerade auf dem Parteitag der SPD in Nürnberg den Wahlkampf eröffnet hatte. Die meisten Studis waren für Brandt, nicht nur, weil er als Regierender Bürgermeister von Berlin dem Kuratorium der Universität vorstand. Für einen Politiker war Brandt noch jung, dazu dynamisch und kraftvoll – eine neue Stimme auf der politischen Bühne, ein deutscher John F. Kennedy.
Vicky und Friederike, die wieder in ihre Sommerkleider geschlüpft waren, saßen an einem Tisch mit Marlene. Unweit davon begossen zwei Studenten, die Vicky nur vom Sehen kannte, unter markigen Sprüchen und Boxgesten den haushohen Sieg von Bubi Scholz gestern in Hamburg. Die amerikanische Gaststudentin ließ sich huldvoll von Bengt anflirten, während ein anderes Pärchen schon weiter war; schüchtern hielten sie sich an den Händen und wisperten sich Zärtlichkeiten zu.
Unterdessen zog Marlene die beiden älteren – und lebenserfahreneren – Studentinnen ins Vertrauen.
»Ich bin komplett verrückt nach ihm«, erzählte sie seufzend von ihrem Freund Hannes, der Zahnmedizin studierte und nach einem Zwischenstopp bei seinen Eltern im Schwarzwald gerade mit einem Kumpel durch Italien trampte. »Aber ich weiß einfach nicht …« Nervös machte sie eine kleine Pause und knibbelte am Etikett ihrer Bierflasche. »Ob ich mich ihm wirklich hingeben soll«, fuhr sie im Flüsterton fort.
Vicky hob die Brauen. »Hingeben?«
Marlene wurde knallrot. »Na ja, ich meine – du weißt schon …«
»Ich weiß durchaus, was du meinst«, erwiderte Vicky. »Aber warum hingeben? Sollte der Impuls nicht genauso von dir ausgehen? Entweder willst du es auch und tust es einfach – oder eben nicht.«
Marlene blickte verblüfft drein; Vicky sah ihr an, wie es in ihr arbeitete.
»Und wenn ich schwanger werde?«, fügte sie mit leichter Panik in der Stimme hinzu. »Was mache ich dann?«
»Warsch noch net im Kurs von Hammerstein?«, erkundigte sich Friederike. »Menschtruationszyklus der Frau?«
Marlene machte große Augen. »Nee, wieso?«
»Geh kommendes Semester unbedingt rein«, empfahl Vicky und stand, die Bierflasche in der Hand, auf. »Hammerstein erzählt dir was über die Kalendermethode von Dr. Knaus, Temperaturmessungen nach Döring und die Forschungen von John Billings.« Sie zwinkerte Marlene zu und schlenderte über die Terrasse.
Zwei Tische weiter entdeckte sie Maximilian Pachmayr, ein Urbayer, der aussah wie ein Spanier und nicht nur deshalb den Beinamen Don Juan weghatte. Max war im selben Semester wie Vicky und ein echtes Käpsele, wie Friederike es ausdrückte. Er versuchte gerade Hannah, die seinen Avancen bislang widerstanden hatte, mit Fachwissen zu beeindrucken – und zwar anhand seines buchstäblichen Leib- und Magenthemas, dem menschlichen Darm mit seinen Ein- und Ausgängen.
»Menno, Max!«, schimpfte Hannah mit vollem Mund und hielt ihm anklagend ihre angebissene Stulle entgegen. »Ich bin am Essen!« Ihr Blick fiel auf Vicky. »Euch Medis graut’s vor nüscht, wa?« Sie war inzwischen hörbar von Kaffee auf Hochprozentiges umgestiegen.
»Nur vor eigener Selbstüberschätzung und Fehldiagnosen«, erwiderte Vicky vielsagend.
Max brach in dröhnendes Lachen aus und prostete ihr mit seinem Bier zu.
Ein gemischtes Grüppchen diskutierte über die technischen Grundlagen, die die beiden Weltraumflüge von Gagarin und Titow ermöglicht hatten; dass die NASA auch bald so weit sein würde, hielten sie allesamt für unwahrscheinlich. Währenddessen erläuterte ein hünenhafter Typ einer interessierten Zuhörerschaft, dass er als Physiker keine Hinweise dafür sehe, wie der zu kühle und nasse Sommer mit den Atomwaffentests der Amerikaner und der Sowjets zusammenhängen könnte.
Vicky entdeckte Achim zwischen einigen anderen Studis aus ihrem Semester.
»Drei Millionen Impfdosen haben die Genossen in Pankow angeboten«, hörte sie ihn sagen. Wie immer, wenn ihn ein Thema gepackt hatte, schien er förmlich dafür zu brennen, mit leuchtenden Augen und lebhaften Gesten. »Drei Millionen! Das hätte einen großen Unterschied im Kampf gegen Polio ausgemacht. Stattdessen haben die Herren in Bonn glatt abgelehnt.«
Im vergangenen Jahr hatte die Contergan-Tragödie alle angehenden Mediziner und Medizinerinnen beschäftigt, diesen Sommer war es die Kinderlähmung, die in der Bundesrepublik so heftig wütete wie sonst nirgendwo in Europa.
»Das war die einzig richtige Entscheidung«, ereiferte sich Annette, bis hin zu den manikürten Fingernägeln eine aparte Erscheinung. »In den Impfdosen aus der Sowjetunion hätte ja sonst was drin sein können … nichts für ungut«, fügte sie rasch hinzu, erst mit Blick auf Achim, dann auf Vicky, die sich in seine Armbeuge schmiegte.
Vicky blieb gelassen. »Die Westberliner Eltern, die ihre Kinder zum Impfen in die Charité bringen, haben da offenbar weniger Hemmungen … ebenfalls nichts für ungut.«
Die beiden Studentinnen grinsten sich an; kleine Seitenhiebe nach hüben und drüben waren an der Tagesordnung.
»Das kann trotzdem nicht angehen«, beschwerte sich Emil in spitzem Hamburgisch, »dass ein Staat Leib und Leben seiner Bürger aufs Spiel setzt, bloß weil die Herkunft eines Impfstoffs nicht in die politische Agenda passt.«
»Beim Sabin-Tschumakow hast du aber immer das Risiko einer paralytischen Poliomyelitis durch den Impfstoff selbst«, beharrte Annette.
»Mit einer winzigen Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million«, erklärte Achim und streichelte Vickys Oberarm. »Also ungefähr wie vom Blitz getroffen zu werden.«
»Polio wird sich nur durch eine flächendeckende Impfung ausrotten lassen«, sagte Vicky. »Seit den Massenimpfungen im vergangenen Jahr tritt die Krankheit in der DDR kaum noch auf. Aber das hat auch deshalb so gut funktioniert, weil unser Gesundheitswesen gesamtstaatlich organisiert ist.«
»Ach ja, Ulbrichts Musterland«, stichelte Annette.
»Manchmal schon«, konterte Vicky. »Gerade die Bekämpfung von Epidemien gestaltet sich deutlich schwieriger, wenn jedes Bundesland sein eigenes Süppchen kocht.«
»Die Gesundheit des Einzelnen zu erhalten, ist bei uns Staatsziel«, warf Achim ein.
Annette blieb standhaft. »Dafür sind wir euch weit voraus, was medizinische Möglichkeiten angeht.«
»Stimmt doch gar nicht«, widersprach Manfred, der sich das Pendeln aus dem Ostteil sparte, indem er ein Zimmer bei seinem kriegsversehrten Onkel in Neukölln bewohnte. »Die DDR hat von Anfang an enorm viel in die Forschung investiert.«
Emil lächelte Annette nachsichtig an. »Hast du bei Schröder nicht aufgepasst? Vorbeugung ist die beste Medizin! Ganz ehrlich, da überzeugt mich das Gesundheitswesen in der Zone wesentlich mehr. Ich will als Arzt nicht wie ein besserer Automechaniker sein, der nur repariert, was schon kaputt ist.«
»Was erzählst du später mal einem Patienten, der in der eisernen Lunge liegt?«, bohrte Vicky nach. »Dass es sich um einen bedauerlichen Einzelfall handelt und du leider nicht mehr für ihn tun kannst? Wenn du genau weißt, eine simple Impfung hätte das verhindern können?«
Annette ließ nicht locker. »Und was erzählst du einem Patienten, der durch eine vermurkste Impfung bleibende Schäden davongetragen hat?«
»Es gibt ja auch noch den amerikanischen Impfstoff nach Salk«, wandte Manfred ein.
Emil winkte ab. »Mehrere Injektionen und ein Schutz, der erst nach Monaten komplett ist? Kannst du bei den Lütten vergessen.« Ein Teddybär von einem Kerl, galt seine Leidenschaft den kleinen Patienten. »Da ist die Schluckimpfung wirklich ein Geniestreich.«
Die hitzige Debatte, die sich über die Vor- und Nachteile von Lebend- und Totimpfstoffen entzündete, verfolgte Vicky nur noch mit halbem Ohr. Mittlerweile lastete der Himmel schwer auf den Baumwipfeln, ein Gewitter lag in der schwülen Luft und für Vicky ein Hauch von Wehmut. Fast fünf Jahre lang hatten sie zusammen gelernt und gefeiert, einander über Misserfolge und Liebeskummer hinweggetröstet, über ungerechte Professoren geschimpft und sich die Köpfe heiß diskutiert. Dies war der letzte Sommer, bevor sie sich mit Examen und Doktortitel in der Tasche in alle Winde zerstreuen würden.
La Paloma ohe, schluchzte Freddy Quinn aus dem Radio.
»Das hält doch kein Mensch aus«, knurrte Richard Dörner unmittelbar hinter Vicky. Er ging zum Fensterbrett und drehte den Senderknopf der Kofferheule, bis nach Rauschen und Wellensalat breites Amerikanisch zu hören war. Konservative Gemüter wie Friedemann Schenk protestierten, alle anderen brachen in Jubel aus: American Forces Network war der Sender der Jungen und Wilden beiderseits der Sektorengrenze.
Come on everybody!, rief Chubby Checker zu aufpeitschenden Schlagzeugrhythmen, und sofort waren sämtliche Studis außer Rand und Band. Sogar Friedemann Schenk.
»Let’s twist again«, schmetterten sich Vicky und Achim entgegen, während sie mit elastischen Knien auf den Fußballen hin und her drehten und das Becken schwenkten. »Like we did last summer!«
Twist war der große Hit, im Westen wie im Osten der Stadt; da konnten die Genossen noch so oft den braven Lipsi anpreisen, eigene Lieder dafür schreiben lassen und sogar zum Patent anmelden.
»Sexualtrauma!«, jodelte Max Pachmayr das Schlagwort, mit dem die ältere Generation den neuen Tanz schmähte. Dabei zuckte er in bester Elvismanier mit den Hüften und schob sich mit der Handfläche lässig die pomadierte Entenschwanzfrisur zurecht wie Hotte Buchholz, der deutsche James Dean.
»Knieverletzungen!«, jubelte Manfred mit echtem Medizinerhumor. »Wirbelsäulenschäden! Der Berufsverband der Orthopäden köpft den Schampus!«
Runde um Runde tanzten und sangen die jungen Leute ausgelassen zu Twist, Boogie-Woogie und Rock ’n’ Roll. Wo sie auch herkamen, ob aus Westdeutschland, dem Osten oder der übrigen Welt: Im Herzen waren sie alle Berliner. Denn Westberlin war nicht die Bundesrepublik, Ostberlin nicht die DDR, und das lag nicht allein am Viermächtestatus. Berlin war eine Welt für sich; eine Stadt, die keinen Stillstand kannte und doch vom Strudel dieser unruhigen Zeit seltsam unberührt blieb. Eine Insel der Freiheit im roten Meer, die Sektorengrenze nichts als eine durchlässige Membran.
Ein zartes Gitarrensolo kündigte eine Verschnaufpause an. Love me tender, schnurrte Elvis aus dem Lautsprecher und brachte Paare auf Tuchfühlung zusammen. Auch Vicky und Achim. Die Blicke ineinander verhakt, hielten sie sich umschlungen, und die feuchtwarme Abendluft schien mit einem Mal elektrisch aufgeladen.
Achim zog sie enger an sich. »Der Alte hat kurzfristig Bereitschaftsdienst«, flüsterte er an ihrem Ohr. »Die ganze Nacht.«
Vickys Herz schlug schneller. »Worauf warten wir dann noch?«, raunte sie und nahm seine Hand.
»Stopp, stopp!«, rief Hannah, die den Klammerblues ausließ und stattdessen ihren Durst mit Bier löschte. »Ihr könnt doch nicht schon abhauen!«
»Der Abend hat gerade erst angefangen!«, protestierte auch Emil.
»Jetzt bleibt’s halt noch!«, bekräftigte Max und schlug Achim kumpelhaft auf die Schulter.
»Wir ziehen nachher sicher noch weiter«, meinte Manfred, und Annette stimmte begeistert zu.
Der Osten der Stadt war berühmt für seine urigen Eckkneipen mit billigem Bier, der Westen hingegen für sein aufregendes Nachtleben. Ob Swing Point oder Liverpool Hoop, Jazzclubs wie Eierschale oder Badewanne, der leicht skurrile und ein bisschen anrüchige Eden-Saloon, in dem neben der Manfred Burzlaff Combo auch ein Moskauer Pianist aufspielte – in Westberlin steppte der Bär, und das ohne Sperrstunde.
»Trinken wir net noch ein Gläsle irgendwo?«, fragte Friederike.
»Sollen wir ins Paris?«, schlug Hannah vor.
Die feine französische Küche der Paris Bar konnte sich keiner von ihnen leisten, aber neben Künstlern, Architekten und Dozenten der Kunsthochschule zog es auch viele Studis dorthin, um bei einem Glas Beaujolais oder Pastis das Flair der Boheme aufzusaugen.
»Oder in die Hasenheide!«, rief Marlene entzückt und schwang mit fliegenden Locken die Hüften.
Im Volkspark Hasenheide gab es zwar keine Hasen, aber Bier zum Spottpreis, die beste Bockwurst im Westen – und vor allem Rock ’n’ Roll bis in die Morgenstunden.
»So jung kommen wir doch nicht mehr zusammen!«, krähte Friedemann Schenk mit großer Geste, den Schlips mittlerweile auf halbmast. Obwohl es erst auf zwanzig Uhr zuging, hatte er bereits leichte Schlagseite.
Lachend wehrten Vicky und Achim ab und vertrösteten die anderen auf das nächste Wochenende.
»Muss Liebe schön sein!«, frotzelte Max und warf dabei Hannah einen begehrlichen Blick zu.
»Ich hör schon die Hochzeitsglocken läuten!«, kiekste Marlene.
Ein Grinsen auf den Gesichtern, gingen Vicky und Achim Hand in Hand davon, um sich auf ihre Räder zu schwingen.
Eine Insel für zwei
Die Schuhe abgestreift, lag Vicky auf dem schmalen Bett und ließ sich von Gitarrenklängen umspülen. Draußen vor dem geöffneten Fenster war es dunkel, im Schein der Nachttischlampe zeigte Achims Wecker kurz nach zehn Uhr abends. Die Luft war drückend, doch noch grollte kein Donner. Stattdessen drangen Stimmen und leises Lachen herauf, das feine Klingeln von Gläsern und Besteck und ein Nachhall von Tanzmusik: Im Sommergarten, in dem die Tische des mondänen Café Warschau auf die des Nationalitätenrestaurants Budapest trafen, vergnügten sich noch einige Gäste. Daneben waren einzelne Autos zu hören und dann und wann das Tuckern eines Motorrollers.
Vicky fühlte sich in dieser Wohnung nie recht wohl. Die Stalinallee war das Vorzeigeprojekt nicht nur Ostberlins, sondern der ganzen DDR. Ein baumgesäumter und von einem Grünstreifen durchschnittener Prachtboulevard nach sowjetischem Vorbild, eine sozialistische Flaniermeile. Wenn es in Ostberlin etwas zu kaufen gab, dann hinter den Schaufenstern dieser hohen Häuser, und wer es sich leisten konnte, ging auf eine russische Fischsoljanka ins Bukarest oder kehrte im Tokayer Keller ein.
Angefangen bei der monumentalen Deutschen Sporthalle war hier nirgends gekleckert worden, sondern richtig geklotzt. Hinter den weiß gekachelten Fassaden im Zuckerbäckerstil verbargen sich Marmortreppenhäuser mit orientalischen Teppichen, die Fahrstühle waren mit Edelholz ausgekleidet und die Türbeschläge und Klingelschilder aus blank poliertem Messing. Vicky kannte nur die Wohnung der Strathoffs, aber die war riesig: vier großzügige und helle Räume mit Parkettböden, Stuckdecken und Doppelfenstern, Fernheizung und Telefonanschluss, sogar ein gefliestes Bad mit Warmwasser.
Kein Vergleich zu dem Hinterhofzimmer mit Küche in der Rosenthaler Straße, wo Vicky und ihre Mutter sich die Toilette mit den Nachbarn derselben Etage teilten. Dort gab es heißes Wasser für den Badezuber nur, wenn man zuvor Kohlen aus dem Keller heraufgeschleppt hatte, und jeden Winter musste man beten, dass die Leitungsrohre nicht wieder zufroren. Die Strathoffs brauchten auch nicht in den warmen Monaten alle paar Tage Stangeneis für den Eisschrank zu holen wie Vicky und ihre Mutter bei Georg Dietz die Straße runter. Hier summte in der pastellbunten Sprelacart-Küche ein elektrischer Kühlschrank, der stets gut gefüllt war. Als Vicky ihr Päckchen aus der Fleischerei hineingelegt hatte, hatte sie sogar eine Dose russischen Kaviar und eine Flasche Krimsekt darin entdeckt. Achim hatte ihr davon angeboten, aber Vicky hatte nur gelacht, so absurd war ihr das vorgekommen. Ungefähr so absurd wie der Müllschlucker in der Küche. Den Gipfel des Luxus, einen Fernsehapparat, gab es hier allerdings nicht; davon hielt Achims Vater genauso wenig wie von Elvis oder Jerry Lee Lewis.
Wie in der Stalinallee würden in der Zukunft alle wohnen, hatte die Partei vollmundig verkündet. Bislang jedoch waren diese Arbeiterpaläste besonders verdienten Genossen vorbehalten. Und solchen, die sich dem Aufbau des Sozialismus mit Haut und Haaren verschrieben hatten. Wie Achims Vater.
Was für eine Ironie, dass im Juni vor acht Jahren ausgerechnet hier, auf einer Baustelle der Stalinallee, der Arbeiteraufstand seinen Anfang genommen hatte. Ein Flächenbrand aus Streiks, Demonstrationen und Straßenschlachten, der sich weit über Berlin hinaus erstreckte. Das gewalttätige Ende dieser Unruhen, mit sowjetischen Panzern, Tausenden Verhaftungen und mehreren Dutzend Toten, steckte ihnen allen noch in den Knochen.
Vicky warf einen Blick zu Achim, der in Blue Jeans und Unterhemd auf dem Schreibtisch saß, ein Bein auf den Stuhl gestellt und die Gitarre auf dem angezogenen Knie.
»It’s now or never«, sang er leise und mit weichem Timbre, »come hold me tight. Kiss me my darling, imperialistische Barbarei.«
Vicky musste lachen, und auf Achims Gesicht erschien ein Grinsen, bei dem sich seine Grübchen tief abzeichneten: ein vierundzwanzigjähriger Bengel, der es faustdick hinter den Ohren hatte.
Die Musik lag ihm im Blut: Die Großmutter war Klavierlehrerin gewesen, und seine Mutter hatte am Konservatorium studiert, bevor ihre Familie damals das Deutsche Reich verließ. Achim hatte auch als Einziger in der Klasse einen Plattenspieler besessen, ein Geschenk seines Vaters. Bis Reinhard Strathoff eines Tages die Scheiben genauer in Augenschein genommen hatte, die sein Sohn von Ausflügen zum Ku’damm mitbrachte, und sie mitsamt dem Gerät in Stücke gehauen hatte.
Vicky beobachtete Achim, wie er selbstvergessen auf der Gitarre zupfte. Die Muskeln und Sehnen seiner Arme waren deutlich ausgeprägt, seit er regelmäßig Betonteile schleppte und in luftiger Höhe Stahlträger zusammenschraubte. Er hatte schöne Hände, stark und zupackend. Sensible Hände, wie Vicky sehr gut wusste. Derselbe Doktorvater wie bei ihr hatte bei Achim keinerlei Bedenken gehabt, ihm ein chirurgisches Thema zuzuteilen: Er durfte sich mit Morbus Hirschsprung beschäftigen, einer angeborenen Fehlbildung des Dickdarms, für die es mehrere operative Verfahren gab.
Unter Achims Fingern brachte die Gitarre einen perlenden Akkord hervor und verstummte. Sein Blick traf sich mit dem Vickys.
Junge Leute brauchen Liebe, hatte Vicky den Schlager von heute Morgen wieder im Ohr. Aber wo gingen sie damit hin? Als OP
