Lebenswege - Doris Radmayr - E-Book

Lebenswege E-Book

Doris Radmayr

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Beschreibung

Eva ist über 50 und arbeitslos. Sie hat keine Erwartungen oder Pläne mehr für ihr Leben. Vom AMS wird sie in Schulungen geschickt, die sie selbst auch halten könnte. Nur hat sie keinen Nachweis dafür, dass sie kann, was sie kann. Aber immerhin lernt sie dort Hubert kennen. Beinahe beginnt sie wieder Pläne zu machen, als sie bemerkt, dass das Leben sich nicht so einfach planen lässt. Ingrid hat ihr Leben und ihre Familie fest im Griff. So will sie es haben und so sieht es auch nach Außen aus. Nur fühlt es sich manchmal innerlich ganz anders an. Was würde passieren, wenn sie nachlässt? Beide Frauen führen ihr Leben und kommen sich dabei näher, ohne jedoch voneinander zu erfahren.

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Seitenzahl: 226

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Lebenswege

Eine Geschichte

© 2014, Doris Radmayr

Autor: Doris Radmayr

Umschlaggestaltung: Doris Radmayr

Lektorat: TransWrite; Mattsee

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN:

978-3-8495-9586-9 (Paperback)

978-3-8495-9587-6 (Hardcover)

978-3-8495-9588-3 (e-Book)

Sie läuft und läuft und läuft. Der Regen klatscht ihr ins Gesicht. Nur nicht umdrehen. Keine Zeit verschenken. Morgen wäre alles vorbei. Sowieso. Aber eben erst morgen. Sie hätten noch eine Nacht, eine ganze Nacht miteinander gehabt. Warum glaubt sie, mit Flucht etwas besser zu machen? Morgen wäre sie darauf gefasst. Morgen ist der Tag X. Das Enddatum. Kurs vorbei, alle Teilnehmer fahren nach Hause. Wenn sie nur daran denkt, bleibt ihr die Luft weg. Das Herz stolpert, sie will da nicht mehr hin. Immer das Gleiche, Arbeit, Essen, aus. Keine Abwechslung, keine Zerstreuung. Sie kann nicht mehr, ihre Füße brennen, sie bleibt stehen, atmet tief durch, läuft weiter, ein kleines Stück. Dann bleibt sie stehen. Lässt sich auf eine Mauer fallen. Sitzt, schnauft, heult.

Was soll sie tun? Wohin gehen? Zurück? Der Kurs hat schon begonnen – nähen und kochen – als ob sie das nicht eh schon ihr ganzes Leben lang tut. Andauernd, wenn man mal von der Zeit absieht, die sie im Geschäft gestanden und Fische verkauft hat. Was weiter? Es passiert nichts, wenn sie es nicht getan hat.

Ein Mann bleibt stehen, schaut sie neugierig an und fragt sie, ob sie ärztliche Hilfe benötigt. Einen Gnadenschuss, denkt sie bei sich, schüttelt aber den Kopf. Er geht weiter. Nach Hause zu seiner Frau, seinem Sohn, seinem Hund. Die werden dann in umgekehrter Reihenfolge begrüßt.

„Wie war dein Tag“, fragt sie.

„Interessiert dich das?“

„Ja, sonst würde ich nicht fragen.“

Er grunzt und geht ins Büro. Legt seinen Mantel und seine Aktentasche auf den Stuhl und sagt: „Da war gerade eine ältere Frau am Stadtplatz, die saß am Boden und hat gehechelt wie ein gejagtes Reh.“

„Wie, am Boden?“, fragt sie.

„Am Boden halt. Ich wollte ihr helfen, aber sie hat abgelehnt.“

„Und du hast sie sitzen lassen?“

„Ja, was denn sonst, ich kann sie ja nicht wegtragen.“

Im Kurs sitzen alle am letzten Werkstück. Arbeitsmarktpolitische Schulung wird das genannt. Zehn Frauen mittleren Alters bekommen nach einer Woche Kurs einen Zettel, auf dem steht, dass sie das, was sie immer schon gemacht haben, womit sie zum Teil ihren Lebensunterhalt verdient und ihre Familie ernährt haben, nun „offiziell“ können.

Mitten am Nachmittag geht die Tür auf und sie betritt leise den Raum. Nimmt ihren Platz ein und greift zu einem Stück Stoff, das vor ihr liegt. Sie hat keine rechte Lust mehr, es an das fast fertige Kleid anzunähen, wie sie es ursprünglich vorgehabt hat. Während sie so sitzt, überlegt sie, warum sie hier sitzt. Sie weiß es nicht, also steht sie auf, um den Raum wieder zu verlassen. Die Kursleiterin fragt, ob sie den Faden verloren hat. „Ja, das kann man sagen.“

Mann, Frau und Kind sitzen beim Abendessen, sie reden über belangloses Zeug.

„Was noch?“, fragt sie ihn.

„Nichts mehr. Gar nichts mehr.“

Das Kind will wissen, worum es geht. „Das verstehst du noch nicht, dafür bist du noch zu klein“, sagt die Mutter. Das Kind – es heißt übrigens Peter und ist sieben Jahre alt – schmollt, ist aber zu müde, um nachzufragen. Sie essen schweigend zu Ende.

„Nach dem Zähneputzen komm ich und erzähl dir noch eine Geschichte“, sagt die Mutter zu ihm. „Ruf mich, wenn es so weit ist.“ Sie räumt ab, wartet, bis ihr Kind im Badezimmer ist, und drückt ihrem Mann die Leine in die Hand.

„Und du gehst noch mit Clara spazieren. Dabei schaust du noch mal dort vorbei, wo du heute scheinbar diese Frau hast sitzen sehen.“

„Wozu? Die ist doch gar nicht mehr da.“

„Das weißt du ja gar nicht und außerdem ist es ja egal, in welche Richtung du gehst.“

Der Gedanke an diese Frau lässt Ingrid nicht los. Warum saß sie am Boden? War sie müde, krank oder einfach nur zornig? Sie denkt zurück an die Zeit, in der sie sich selbst öfter vor lauter Wut auf den Boden geworfen und gezornt hat. Das ist fast zwanzig Jahre her, aber die Erschöpfung, wenn sie schließlich wieder aufstand, weil der Zorn verraucht und ausgelebt war, kann sie heute noch fühlen.

Sie denkt zurück an dieses Alter. Nein, da will sie nicht mehr hin. Zu unsicher, zu emotional, zu verbissen war die Zeit. Das ganze Schulwirrwarr, die verpatzten Geburtstagsfeiern, nach denen sie garantiert eine durchheulte Nacht erwartet hatte, weil nicht alles so lief, wie sie es sich erhofft hatte. All das Zeugs. Herbert, ihr Mann, weiß von alledem nichts. Als sie ihn kennengelernt hatte, war sie schon beruflich erfolgreich, Eventorganisation und -durchführung. Sie legte auf die Familie um, was sie im Job gelernt hatte. Sie organisierte, teilte ein, überwachte. Und es funktionierte auch ganz gut bisher. Manchmal beschleicht sie zwar das Gefühl, dass ein Ende in Sicht ist, sie weiß nur nicht genau wovon.

„Fertig“, tönt es aus dem Badezimmer.

„Ich komme“, ruft sie zurück und steigt die Stufen zum 1. Stock hinauf. Dort geht sie ins Kinderzimmer, wo Peter schon erwartungsvoll im Bett liegt.

„Und jetzt eine Geschichte“, bettelt er. „Eine gaaanz lange.“

Sie überlegt kurz und meint dann: „Okay, aber nur, wenn du danach sofort einschläfst!“

„Mhm.“

Dann erzählt sie von Männern in Rüstungen und Prinzessinnen und Schlössern. Sie beschreibt jedes kleine Detail so genau, dass sie selbst glaubt, es anfassen zu können. Die Größen, Farben und Formen, den Duft, die Temperatur, selbst die Geräusche, die entstanden, wenn der Ritter das Pferd abzäumt. Sie redet und erzählt, beschreibt ihre inneren Bilder und erst als sie die ruhigen, gleichmäßigen Atemzüge ihres Kindes hört, schweigt sie und verlässt leise das Zimmer.

Im Wohnzimmer sitzt Herbert. Regentropfen glitzern auf seinen Haaren, sein Gesicht ist gerötet von der kalten, nassen Luft. „Und?“, fragt sie. „Welchen Weg bist du gegangen?“

Er hebt den Kopf und schüttelt ihn leicht. „Du gibst wohl nie auf, oder?“

Lächelnd sieht sie ihn an. „Nein, du kennst mich doch, das wäre nicht mein Stil.“

Er steht auf und geht zum Kühlschrank, um sich Apfelsaft herauszunehmen. Sie bleibt sitzen, hört zu, was er tut. Schweigen hängt im Raum. Sie seufzt. Lange Zeit hatten sie immer ein Thema gehabt, über das sie reden, lachen, scherzen oder auch streiten konnten. Wohin war es verschwunden? Er kommt aus der Küche, ein großes Glas in der Hand.

„Ich war dort“, sagt er. „Ich habe wirklich nachgesehen, ob sie noch dort sitzt. Du kannst mich manchmal wirklich wahnsinnig machen. Verunsichern. Aber ich wollte schon auch selbst wissen, was aus der Frau geworden ist.“

„Was glaubst du?“

„Ich weiß es nicht. Sie sah so müde aus, so verzweifelt. Als hätte sie gerade eben eine richtig schlimme Nachricht erhalten. Aber in dem Moment, als sie mir antwortete, war sie plötzlich ganz groß, ganz stark. Ich würde wirklich gerne wissen, was mit ihr los war und wer sie war.“

„Das werden wir wohl nie erfahren. Außer du triffst sie wieder, dann könntest du sie fragen. Aber warum sollte das passieren?“

„Weil ich glaube, dass es eine Bedeutung hat, dass sie mir heute über den Weg gelaufen ist.“

„Im Ernst? Du glaubst doch sonst auch nicht an Vorzeichen?“

„Tue ich auch nicht, es ist ja nur ein Gefühl.“

Noch eine ganze Zeit sitzen sie da, schweigen und schauen zum Fenster raus. „Ich gehe schlafen“, sagt sie, steht auf und verlässt den Raum.

Am nächsten Morgen sitzt sie nachdenklich zu Hause. Mann und Kind sind mit Frühstück versorgt in Büro und Schule. Immer wieder fällt ihr diese Frau ein. Wieso eigentlich, sie hat sie ja selbst gar nicht gesehen? Was könnte denn an diesem einen Satz, den ihr Mann gesagt hat, so wichtig gewesen sein, was hat das bei ihr ausgelöst? Sie wirft noch einen Blick in den Raum, nimmt ihre Handtasche und ihren Mantel und geht aus dem Haus. Nicht wie sonst, in Richtung Büro, sondern in die andere Richtung. Dorthin, wo sie glaubt, dass das Treffen zwischen der Frau und ihrem Mann stattgefunden hat. Du bist ja wie besessen, geht ihr durch den Kopf, was soll dir das denn bringen?

Immer wieder will sie stehen bleiben, will sich selbst zur Vernunft rufen und auf ihrem gewohnten Weg ins Büro gehen, aber ihre Füße gehorchen ihr nicht, sie gehen einfach weiter. Nach ein paar Minuten glaubt sie, an der richtigen Stelle angelangt zu sein. Am Stadtplatz kommt ihr Mann jeden Tag aus der kleinen Seitenstraße heraus, um dann entweder in den Bus zu steigen oder die Strecke nach Hause zu gehen, die sie eben gekommen ist. Dort ist eine kleine Mauer am Rand eines künstlich geschaffenen Aufenthaltsbereichs. Eine in Stein eingelassene Sitzgelegenheit, ein paar Blumenrabatten mit Sträuchern, zwei armselig dünnen Bäumchen und eben eine kleine Mauer.

Wenn sie müde und verzweifelt wäre, würde sie sich hier hinsetzen und warten, ob etwas passiert. Und das macht sie jetzt auch. Sie legt sich noch eine Zeitung, die sie aus ihrer Handtasche fischt, auf die Bank aus Stein und setzt sich. Von hier aus hat sie einen wunderbaren Blick über den ganzen Platz, die angrenzenden Häuser, Geschäfte und die Leute, die hier spazieren gehen. Sie lehnt sich zurück und fühlt sich mit einem Male ganz ruhig. Ein kurzer Gedanke, das Büro zu verständigen, dass sie heute später kommt, aber wozu? Es gibt doch bei Weitem Wichtigeres, als jeden Tag ins Büro zu laufen und irgendwelche Veranstaltungen zu organisieren, die nur einen Haufen Geld verschlingen, massenhaft Abfall produzieren und dem einen oder anderen Möchtegern-Promi eine Bühne für seine Eitelkeit bieten.

Wie lange will sie nun schon aussteigen? Sie weiß es gar nicht mehr. Aber Fakt ist, dass sie mit nur einem Gehalt weder das Haus noch ihren Lebensstil aufrechterhalten können, den sie so gewohnt sind. Also was jetzt?, geht ihr durch den Kopf, vielleicht bleibe ich einfach hier sitzen und warte, ob ich auch eine verheulte Frau finde, dann kann ich Herbert am Abend was erzählen.

Noch während sie diesen Gedanken denkt, schüttelt sie innerlich den Kopf über sich selbst. Auf der anderen Seite des Platzes sieht sie nun eine junge Frau mit einem riesengroßen Pudel in ihre Richtung gehen. Als sie den Hund sieht, bedauert sie, Clara nicht mitgenommen zu haben. Die Arme muss nun bis Mittag alleine zu Hause rumsitzen. Obwohl sie das gewohnt ist. Was aber noch lange nicht heißt, dass ihr das auch gefällt, genauso wie sie in ihrem Büro! Nur haben sie beide sich wohl mit ihrer Situation arrangiert. Sie etwas selbstbestimmter als Clara.

Die junge Frau kommt direkt auf sie zu. Müsste ich sie kennen?, fragt sie sich ängstlich, sie zwickt die Augen ein wenig zusammen. Mit ihrer Fernsicht ist es auch nicht mehr so weit her. Nein, keine Chance, sie erkennt das Gesicht nicht.

„Darf ich mich hier dazusetzen?“, fragt die junge Frau freundlich und lächelt.

„Natürlich, gerne“, sagt sie und ärgert sich im gleichen Moment über diese Antwort. Nein, setzen Sie sich woanders hin, hätte sie ihr entgegenschreien können. Lasst mir doch um Himmels willen mal ein paar Minuten Ruhe! Aber stattdessen dieser blöde Satz, der aus dem Knigge stammen könnte. Ruhig sitzt die junge Frau neben ihr. Auch der Pudel hat sich hingesetzt, beobachtet die beiden Frauen aber mit aufmerksamem Blick.

„Das ist Boffo“, sagt die Frau nun zu Ingrid und deutet auf den Pudel vor ihnen, „und ich heiße Natalie. Ich weiß zwar nicht, warum, aber sie zog so in Ihre Richtung, dass ich mir gedacht habe, ich setze mich jetzt einfach mal hierher und sehe, was sie so angezogen hat.“ Sie sieht Ingrid von der Seite her an. „Sie sehen irgendwie ein bisschen verloren aus.“

Ingrid schaut sie verwundert an. „Verloren? Nein, ich war in Gedanken. Ich gönne mir gerade ein paar Minuten Ruhe vor dem Büro. Wie ich Sie gesehen habe, musste ich an meinen Hund zu Hause denken.“

„Sie haben auch einen Hund? Was für einen denn? Wie machen Sie das mit dem Arbeiten? Stört es ihn denn gar nicht, wenn er alleine zu Hause bleiben muss? Wie heißt er denn?“ Eine wahre Fragenflut stürzt auf Ingrid ein. Sie erhebt sich langsam.

„Clara“, sagt sie. „Es ist eine Sie und sie heißt Clara. Nein, sie ist ganz ruhig zu Hause. Ich arbeite nur bis 14 Uhr und meistens kommt mein Mann in seiner Mittagspause heim und kümmert sich um sie. Aber ich muss jetzt.“ Sie steht auf und geht davon.

Natalie blickt ihr nach. „Na, die fühlte sich wohl ein bisschen auf die Zehen getreten, was, Boffo. Die wollte nur nicht unhöflich sein, sonst hätte sie am liebsten gesagt, wir sollen abhauen und sie in Ruhe lassen.“ Boffo schaut sie freundlich interessiert an. „Aber dir hätte sie gefallen, nicht wahr?“ Boffo stellt den Kopf schräg, gibt aber immer noch keinen Laut von sich. „Ach Maus“, entfährt es der jungen Frau jetzt, „ich will dich doch auch nicht alleine lassen oder zu jemanden in Pflege geben, aber wenn ich den Job annehmen will, und das muss ich – sonst streicht mir das AMS nämlich das Geld –, hab ich keine Zeit mehr, den ganzen Tag mit dir um die Häuser zu ziehen. Dann heißt es arbeiten von früh bis spät, vielleicht mal eine halbe Stunde Mittagspause, Überstunden für die Karriere, Kongresse und Fortbildungen an den Wochenenden. Und mitkommen darfst du leider auch nicht.“

Boffo erhebt sich, geht noch näher zu ihrem Frauchen und legt ihr den Kopf auf die Oberschenkel.

„Schon gut, wir finden sicher eine Lösung“, sagt sie laut und krault Boffo hinter den Ohren. „Ich werde einfach noch öfter mal morgens hier vorbeischauen, ob wir die Tante nicht wieder treffen.“

Natalie schüttelt den Kopf – sie hat strohblond gefärbte Haare, die zu zwei dicken Zöpfen geflochten waren. Ein paar Stirnfransen, in Lila und Pink eingefärbt, umrahmen ein blasses, aber hübsches Gesicht. Sie trägt weite Klamotten. Der Pullover mit breiten hell- und dunkelgrauen Querstreifen hängt ihr bis fast zu den Knien über die Jeans, die mit einem dünnen Ledergurt festgezurrt sind. An ihren Füßen stecken uralte Doc Martens, die wohl schon auf eine ganze Reihe Vorbesitzer zurückblicken können.

Ingrid sitzt im Büro vor ihrem Computer. Wie jeden Tag. Langsam streckt sie die Hand zu ihrem Termin-Planer aus, schlägt den richtigen Tag auf und beginnt eine Aufgabe nach der anderen abzuarbeiten, die dort schön aufgelistet stehen. Wie jeden Tag. Doch heute schweift sie immer wieder mit ihren Gedanken ab. Blickt zum Fenster hinaus und fragt sich, was es mit diesem Platz denn auf sich hat. Gestern die Geschichte von Herbert mit der weinenden Frau. Heute sitzt sie dort wie eine Obdachlose und wird von diesem jungen Punk-Mädchen angesprochen. Was ist da los? Noch nie hatte sie jemand Fremdes einfach so, mitten auf der Straße angesprochen. Auch nicht im Urlaub und da saß man ja des Öfteren einfach mal längere Zeit auf irgendwelchen Bänken herum. Unproduktiv, so wie sie heute. Unproduktiv. Früher war das für sie eines der schlimmsten Schimpfworte gewesen, die sie kennt. Sie kann das auch nicht. Dieses Nichtstun. Aber im Moment findet sie diesen Zustand sehr einfach und leicht und beinahe ein wenig erheiternd!

Sie blickt sich in ihrem Büro um. Maria, die Sachbearbeiterin, die mit ihr den Raum teilt, ist ganz vertieft in die Lektüre einer Frauenzeitschrift. Mit halb offenem Mund, der gelegentlich ein paar Wörter oder Silben bildet, liest sie. Was denn? Eine Reportage? Wohl kaum, eher noch einen Fortsetzungsroman. Besonders hohe Ansprüche stellt sie nie an ihre Lektüre. Sie lächelt, nimmt sich aber innerlich ein wenig zurück. Sie hat wirklich keinen Grund, negativ über Maria zu denken. Sie ist eine Seele von Mensch, immer gut gelaunt, kann zu nichts und niemandem Nein sagen und erledigt alle ihr zugeteilten Aufgaben bereitwillig. Sie würde mit niemand anderem in diesem Büro sitzen wollen. Ach ja, Büro ... Arbeit! Langsam wendet sie ihre Aufmerksamkeit wieder ihrer Aufgabenliste zu. Sie stöhnt leise. Auch der interessanteste Job wird irgendwann mal zur Routine.

Am frühen Nachmittag kommt sie nach Hause, begrüßt Clara und erzählt ihr von der Begegnung mit dem Mädchen und dem Pudel. Clara freut sich über ihr Kommen und lauscht hingebungsvoll mit leicht schräg gestelltem Kopf den Worten. Ihrem Tonfall kann sie entnehmen, dass sie positiv sind. Das reicht schon, um ihr Hundeherz höher schlagen zu lassen. Frauchen ist glücklich, dann ist sie das auch. Herrchen im Gegensatz dazu macht ihr momentan beinahe etwas Sorgen. Sie runzelt die Stirn. Gerne würde sie Frauchen davon erzählen, aber diese Menschen verstehen oft nur so wenig von dem, was sie ihnen sagt! Jedenfalls ist er nun schon zweimal mit ihr an diesen völlig sinnlosen Platz spaziert! Zwei Mal hintereinander! Gut, auf diesem Platz sind für ihre Hundenase Millionen und Abermillionen Zeitungen ausgelegt, in denen sie lesen konnte, aber nicht mal das hat Herrchen ihr gestattet. Er ist ein wenig auf und ab gegangen und hat in verschiedene Richtungen geblickt, völlig abwesend. Hat so gut wie nicht auf sie geachtet und scheinbar nach irgendetwas gesucht. Nach etwa 10 Minuten war er wortlos umgekehrt und mit ihr denselben Weg heimmarschiert, den sie gekommen waren ... Das tat er sonst nie. Immer sucht er eine schöne Runde für sie aus, beobachtet sie, ihr Verhalten, achtet darauf, dass sie genügend Möglichkeiten hat zu laufen und zu toben und auch andere Hunde zu treffen. Sie ist ja nicht so ein geselliger Hund, der schon beim Anblick eines Artgenossen in totale Begeisterung ausbricht, aber gelegentlich ein wenig zu schnüffeln und beschnüffelt zu werden, ist schon nicht zu verachten!

Frauchen spricht immer noch. „Weißt du was, Clara? Wir beide machen jetzt eine Runde und auf dem Heimweg können wir dann Klein-Peter vom Hort abholen. Der wird sich freuen, wenn er mit uns nach Hause spazieren darf!“ Aufmerksam und mit gespitzten Ohren beobachtet Clara, wie Frauchen zur Leine greift. Noch ein Ausflug – hurraaaa! Dann ging es jetzt wohl endlich auf die Wiese mit den vielen großen Maulwurfshügeln!!! Yippieee!!! Aber halt! Was passiert denn jetzt? Frauchen geht in die gleiche Richtung los wie Herrchen heute Mittag und gestern Abend. Ja, war denn jetzt die ganze Familie völlig gaga?

Eva sitzt in ihrem Zimmer und blickt ins Leere. Es ist ein kahles Zimmer, in dem sie in dieser Kurswoche untergebracht ist. Die Betten stehen an den gegenüberliegenden Wänden, dazwischen ein Tisch mit zwei Stühlen. Karg.

Was hat sie sich nur dabei gedacht? Fährt eine gute Woche auf einen Kurs, der es ihr erleichtern soll, mit 57 Jahren noch eine Stelle zu finden, und verliebt sich so Hals über Kopf, wie sie es das letzte Mal mit 14 getan hatte! Er arbeitet als Hausmeister, gute Seele oder wie er selbst es scherzhaft ausgedrückt hat: DvD – Dodel vom Dienst, im Bildungshaus in der Stadt. Schon das erste Mal, als er den Kursraum betreten hatte, um ein Problem mit einer Steckdose zu beseitigen, war ihr sein aufrechter Gang und die Energie, die er ausstrahlte, aufgefallen. Er war auch nicht mehr der Jüngste – 65 –, arbeitete aber noch Vollzeit, um seine Pension aufzubessern. Er hatte sie nur aus den Augenwinkeln kurz angeblickt, aber als sie am Abend des ersten Kurstages den Raum verließ, um in ihre Unterkunft zu gehen, die sie mit einer „Leidensgenossin“ teilte, stand er wie gemalt an die Wand gelehnt und sah ihr lange nach. Zufälligerweise traf sie ihn auch nach dem Abendessen, zu dem die Gruppe später gemeinsam gegangen war, um sich besser kennenzulernen.

Acht Frauen im Alter zwischen 49 und 58 Jahren, alle arbeitslos seit mindestens acht Monaten. Die meisten von ihnen ohne Lehrberuf hatten in Familienbetrieben geleistet, was sie konnten und wurden ausgetauscht, als die Firmen Pleite gingen oder an die Kinder weitergegeben wurden. Alle hatten sie nicht nur in den Betrieben um wenig oder gar kein Geld gearbeitet, sie hatten „nebenbei“ auch noch Kinder geboren, den Haushalt geführt und waren jederzeit für ihre Männer dagewesen, wenn sie Unterstützung brauchten. Einige von ihnen hatten in den Dorfwirtshäusern ihrer Wohnorte gearbeitet, oft sieben Tage die Woche, in der Küche, an der Schank, im Service. Wenn die letzten Gäste endlich gegangen waren, hieß es noch putzen und zusammenräumen, alles für den nächsten Tag herrichten. Oder die eine, die 38 Jahre ihres Lebens in dem Geschäft ihrer Schwiegereltern gearbeitet hatte. Vorzugsweise im Lager, Putzen, Regale einräumen, Aufräumen und so weiter. Nur beim Kassieren ließen sie die Schwiegereltern nie ran. Da hatten sie wohl Angst, dass sie nicht klug genug sei und von den Kunden übers Ohr gehauen werden konnte.

Sie seufzt. Sie sind wie eine Herde gestrandeter Wale. Völlig am falschen Platz, in diesem Bildungsinstitut, in dem es vor jungen Menschen nur so wimmelt. Der Kurs heißt „Haushaltswesen“.

„Warum“, hatte sie am AMS gefragt, „wozu soll ich diesen Kurs machen, das sind Dinge, die ich mein Leben lang gemacht habe?“

„Erstens“, antwortete ihr Betreuer, „hätte es wohl wenig Sinn, Sie in einen EDV-Kurs zu stecken. Dieser Zug ist, wie soll ich sagen, für Sie wohl nicht mehr erreichbar. Da gibt es Jüngere, die schneller lernen, einen besseren Zugang haben und mehr Erfahrung, denen dieser Kurs schon nichts mehr bringt. Aber wenn wir Sie in einen Lehrgang für Haushaltsführung geben, wird Ihnen nach nur sieben Tagen ein Zeugnis ausgestellt, dass Sie fähig sind, das zu tun!“ Er versuchte seine Stimme begeistert klingen zu lassen. „Für Sie ist die Belastung weniger groß und vielleicht könnten Sie ja in einem privaten Haushalt oder einem Betrieb mit interner Küche unterkommen. Auch Internatsschulen suchen immer wieder fähige Personen fortgeschrittenen Alters, die sich um dies und das kümmern und sich nicht aufführen wie die Jugendlichen selbst!“

Diesem Menschen war ja wirklich nichts zu peinlich!

„Und wozu brauche ich dazu dann noch einen Kurs? Das kann ich doch alles, haben Sie denn nicht zugehört? Ich habe Ihnen doch erzählt, dass ich vier Kinder großgezogen habe, in der Firma meines verstorbenen Mannes die Buchhaltung gemacht und mich um das Personal gekümmert habe!“

„Ja, schon, liebe Frau Summen, aber das hilft Ihnen doch nicht weiter, wenn nur wir beide das wissen. Wenn Sie ein Zeugnis haben, ist das eben ein schriftlicher Nachweis dafür und das wiederum hilft Ihnen bei der Stellensuche. Und außerdem sind wir beim AMS ja auch verpflichtet, für Sie einen Kurs oder eine Schulung zu finden. Sonst werden Sie ab kommendem Monat leider nur mehr Notstandshilfe beziehen können.“

Sie schüttelte resigniert den Kopf. „Na gut, dann mach ich eben diesen Kurs. Vielleicht fällt Ihnen ja mal eine Kursleiterin aus, dann können Sie sich vertrauensvoll an mich wenden – bis dahin habe ich dann auch einen schriftlichen Nachweis, dass ich kann, was ich kann.“

„Frau Summen, seien Sie doch nicht so skeptisch, zynisch und kritisch! So einen Kurs könnten Sie natürlich nicht leiten. Sie haben dadurch ja noch keinen Nachweis, dass Sie auch Kurse geben könnten!“

Sie stand auf und ging. Verließ das Büro, das Gebäude, die Straße. Erst zu Hause sah sie sich die Unterlagen noch einmal genauer an, die er ihr in die Hand gedrückt hatte. Na gut, dann eben auf in die Stadt, zur Schulung der alten Frauen!

Die Geschichten, die sie sich am ersten Abend gegenseitig erzählten, waren fast alle gleich. Es gab wohl auch AMS-Mitarbeiter, die selbst zugaben, dass diese Kurse eine Farce waren und hauptsächlich den Zweck hatten, möglichst viele Arbeitslose in Schulungen unterzubringen, weil dadurch die Monatsstatistik geschönt werden konnte. Aber geholfen hatte das keiner. Der Kurs war Pflicht, sonst wurde das Arbeitslosengeld gekürzt oder auf Notstandshilfe umgestellt.

Also waren sie alle angereist. Um ein besseres Gruppengefühl entwickeln zu können, wurden sie alle im Bildungsheim untergebracht. Gruppengefühl für Haushaltsführung? Sie würden ja keine Oldies-WG gründen, sondern in einer Woche alle wieder in die verschiedensten Himmelsrichtungen nach Hause strömen, um erneut den aussichtslos scheinenden Kampf gegen eine Überzahl an Mitbewerbern für die einfachsten Arbeitsangebote auszufechten.

Aber für den Moment sitzen sie zusammen, reden, lachen, suchen Parallelen in ihren Leben und scheinen sich doch irgendwie wohlzufühlen. Sie steht als Erste auf und verabschiedet sich, mit der Begründung, früh schlafen gehen zu wollen, weil sie in der Vornacht vor Sorge kaum geschlafen hatte. Macht sich alleine auf den kurzen Weg zurück und – da ist er schon wieder! Kommt ihr beim Eingang des Heimes entgegen, lächelt sie an, nickt grüßend mit dem Kopf und hält ihr dann sogar noch die Eingangstür auf!

„Sie sahen heute so verloren aus“, sagt er. „Aber mittlerweile scheinen Sie sich gut eingefunden zu haben. Hier im Kurs und in der Gruppe“, spricht er weiter und geht – etwa einen halben Meter schräg hinter ihr – ein Stückchen mit. Sie bleibt stehen und schaut ihn an.

„Entschuldigen Sie, wenn ich so direkt frage, aber was machen Sie denn noch hier? Es ist kurz nach neun und Sie haben heute Vormittag schon hier gearbeitet. Haben Sie etwa 24 Stunden lang Dienst?“

Er ist kurz irritiert, behält aber sein Lächeln bei und schaut sie offen an. „Nein, nein, keine Sorge. Ich bin kein Fall für die Gewerkschaft!“

Sie muss schmunzeln.

„Ich habe ganz offiziell um 17 Uhr meinen Dienst hier beendet. Zwar gibt es eine Art Bereitschaft, aber die teilen sich insgesamt sieben Arbeiter und Angestellte, die hier in irgendeiner Art und Weise tätig sind. Das heißt, dass ich ca. alle zwei Monate einmal ein Diensttelefon umgehängt bekomme, und das ist’s.“

„Ja, aber, jetzt weiß ich noch immer nicht, was Sie hier machen?“

Eva gibt nicht auf. Noch immer steht er in einem gewissen Abstand zu ihr.

„Ich könnte jetzt behaupten, ich wache hier, ob auch alle Kursteilnehmerinnen gut nach Hause kommen, aber das wäre übertrieben. Auf Sie habe ich allerdings gewartet.“ Sie ist baff. So viel Offenheit hat sie nun wirklich nicht erwartet. Eher ein „Ich war gerade noch auf dem Weg und habe Sie von Weitem kommen sehen“ oder ein „Bin gerade selbst heimgekommen, mein Zimmer ist auch hier im Gebäude“ oder etwas in der Art. Sie weiß auch gar nicht, was sie nun sagen soll.

„Habe ich Sie jetzt aus dem Konzept gebracht?“, fragt er. „Ich wollte Sie wirklich nicht vor den Kopf stoßen. Aber wie ich schon gesagt habe – heute Vormittag, als ich Sie sah, wirkten Sie so verloren auf mich. Ich hätte mich zu gerne neben Sie hingesetzt und Ihnen zugehört, wenn Sie mir aus Ihrem Leben erzählen.“

„Ich … ahhh ... aus meinem Leben? Was meinen Sie damit? Und ... wieso verloren?“ Sie hat scheinbar einen akuten Anfall von Sprachverwirrung oder kann aus irgendeinem ihr unbekannten Grund keine ganzen Sätze mehr bilden. „Ich meine, also ... nein.“

„Was – nein?“, fragt er und wartet geduldig auf eine Antwort.

„Nein, ich bin nicht verloren! Wie kommen Sie auf diese Idee?“

„Ich behaupte ja nicht, dass Sie es sind. Nur auf mich wirkten Sie so, als ob Sie nicht wüssten, was Sie in diesem Raum mit der Kursleiterin und den anderen Damen überhaupt sollten.“ Jetzt lächelt sie auch.

„Das allerdings stimmt wirklich. So ein Quatsch. Was uns das wohl bringen soll, weiß keiner. Aber Hauptsache, die Statistiken stimmen. Wobei, heute Abend hatten wir wirklich Spaß zusammen – obwohl wir uns kaum kennen!“