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Shanes Tod, hat eine große Lücke in Stephans Leben hinterlassen. Selbst seine beste Freundin schafft es nicht, ihn aus seinem schwarzen Loch heraus zu ziehen. Dann kommt ihr ein Unbekannter zu Hilfe, der Stephan, ohne dass er es selber merkt, vor dem Absturz bewahrt. Schließlich lernen die beiden sich kennen. Völlig unvoreingenommen gehen sie zusammen aus und machen Hamburg unsicher. Stephan kämpft mit sich. Ist es okay, sich schon wieder zu verlieben? Was würde Shane dazu sagen? Würde er sich für ihn freuen? Was sagen seine Eltern zu dem neuen Mann in seinem Leben? Und ist dieser unfassbar talentierte Designer der Richtige für ihn?
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Seitenzahl: 364
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Jaz Feehily
Lebewohl – für immer?
Von Jaz Feehily bisher erschienen:
Vom Leben und anderen Überraschungen
ISBN print 978-3-86361-440-9 März 2015
Auch als E-book
Himmelstürmer Verlag, Kirchenweg 12, 20099 Hamburg,
Himmelstürmer is part of Production House GmbH
www.himmelstuermer.de
E-mail: [email protected]
Originalausgabe, Juni 2016
Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages.
Zuwiderhandlungen werden strafrechtlich verfolgt.
Rechtschreibung nach Duden 24.Auflage
Coverfoto: thinkstockphotos.de
Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg. www.olafwelling.de
E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH
ISBN print 978-3-86361-527-7
ISBN epub 978-3-86361-528-4
ISBN pdf: 978-3-86361-529-1
Die Handlung und alle Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen wären rein zufällig.
Für
Martin
Rainer
Christiane
&
Guido
Stephan stand, patschnass, am Grab und sah auf das Blumenmeer der Trauergäste. Er selbst stand neben dem Loch, wo langsam der Sarg hinein gelassen wurde und die Sargträger dann zurück traten. Es war so unwirklich. Um ihn herum leises Stimmengewirr, das er komplett ausblendete. In seiner Hand hielt er neun Rote Rosen. Für jedes Jahr ihrer Beziehung eine. Langsam und nicht sicher, ob ihn seine Beine überhaupt noch trugen, trat er vor und kniete sich vor das Grab und sah auf den Sarg hinab. Er ließ sanft die Blumen hineingleiten und einen Brief dazu. Vor seinem geistigen Auge tauchten Bilder auf, von dem jungen Mann, der hier heute seine letzte Ruhe fand. Shane. Von ihrem ersten Kennenlernen, ihrem ersten Kuss, ihrem ersten gemeinsamen Urlaub. Er würde nie wieder diese sanften Lippen spüren, die Wärme seiner Hände, wenn sie ihn hielten. Nie wieder konnte er seiner Stimme lauschen, die einfach nur ein Traum gewesen war.
„Lebewohl, Shane. Ich liebe dich“, flüsterte Stephan und die Tränen flossen über sein Gesicht. Dabei hatte er gedacht gar nicht mehr weinen zu können, so oft hatte er das in den letzten Tagen schon getan. Er spürte nur eine Hand auf seiner Schulter, die sanft drückte und ihm etwas Trost spendete.
Die Kälte, die seine Kleidung nicht abhalten konnte, fühlte er nicht, auch nicht, dass seine Eltern ihn umarmten, als er vom Grab zurück trat, um Platz für Shanes Eltern und Geschwister zu machen. Er sah auf das Grab und fühlte nur Leere. Sein Freund war gegangen und mit ihm die Freude in seinem Leben.
Beim Leichenschmaus war Stephan still und in sich gekehrt. Er hatte nicht gedacht, mit 30 Jahren schon so etwas wie Witwer zu sein, denn geheiratet hatten sie nicht. Sie hatten es beide nicht gewollt, sie hatten sich auch so geliebt und Stephan war auch ohne Trauschein bis zum Schluss bei ihm geblieben.
Stephan sah heute nicht gut aus. Er hatte stark abgenommen und seine Augen wirkten glanzlos und leer. Braune Haare, die heute nicht wie sonst frisiert waren, sanfte braune Augen, weswegen ihn seine beste Freundin Amanda, ganz gerne mal Bambi nannte. Groß gewachsen und breitschultrig, was durch den vielen Sport kam. Karate und Tanzen machte er schon so lange er zurückdenken konnte. Zu seinem Job war das ein guter Ausgleich.
Seine beste Freundin Amanda brachte ihn schließlich in seine Wohnung, sie hatte Angst, ihn alleine zu lassen. Doch Stephan saß einfach nur lethargisch auf dem Sofa und tat gar nichts.
Er war jedoch völlig in Gedanken versunken. Er dachte nur an Shane.
„Schatz, beeile dich endlich, wir kommen sonst zu spät“, bat Stephan Shane eindringlich.
„Nur keine Panik, Liebling. Ohne dich werden die nicht anfangen. Es ist schließlich dein großer Tag.“ Stephan wurde heute 25 Jahre alt und alle waren eingeladen. Freunde, Familie und Bekannte. Alle kamen sie, Shane hatte zusammen mit Amanda extra einen Gay Club gemietet. Ungeduldig tippte Stephan mit den Füßen, doch Shane ließ sich nicht stören. Er war schon immer sehr eitel gewesen und wehe, die Frisur saß nicht perfekt oder die Schuhe passten nicht zur Hose. Oh weh. Weltuntergang.
Das Geburtstagskind war da weniger eitel. Er selbst benutzte zwar auch Haargel, aber ihm reichte es, wenn er vorzeigbar aussah. Jeans, Hemd, Schuhe, fertig! Shane kam jetzt endlich aus dem Bad und sah seinen Freund grinsend an.
„So, bin fertig. Gehst du so mit mir los?“ Shane steckte in einer roten Jeans, einem weißen Hemd und seinen Lacoste Schuhen. Seine dunkelblonden Haare waren perfekt gestylt.
„Aber sicher. Du siehst toll aus“, lächelte Stephan ihn an und griff sich den Autoschlüssel.
Im Club war schon gut was los. Als das Geburtstagskind mit Anhang erschien, schallte ihm lauthals und ziemlich schief, Happy Birthday entgegen. Es wurde auf ihn angestoßen und das Essen war auch schon da.
Neben Geschenken, Blumen und vielen Flaschen mit hochprozentigem Inhalt, gab es auch von Shane ein Geschenk. Ein wunderschönes Lederarmband, in dem Shanes Name eingraviert worden war.
„Danke, das ist schön. Machst du es mir um?“ Vorsichtig knotete Shane das Armband am Handgelenk seines Freundes fest und küsste ihn sanft.
„Stephan“, unsanft wurde er aus seiner Erinnerung gerissen und sah auf. Amanda hatte ihm etwas zu essen und einen Tee gemacht. „Iss bitte etwas.“
„Keinen Hunger.“
„Oh nein Freundchen, so nicht“, Amanda sah ihn mehr als böse an. „Du isst etwas. Also los. Zumindest die Hälfte. Und trink deinen Tee!“ In einem Schildkröten ähnlichen Tempo begann Stephan zu essen. Er schmeckte nichts. Nicht mal ob es gut war oder zu stark gewürzt.
Als er schließlich in dem breiten Doppelbett lag, zog er Shanes Kissen und die Decke zu sich heran und atmete den Geruch ein, der an den Sachen haftete.
Dass er am nächsten Morgen ziemlich fertig aussah, wusste er auch so, ohne einen Blick in den Spiegel geworfen zu haben. Er musste heute jedoch wieder zur Arbeit. Die letzte Woche hatte er frei gehabt. Er schlüpfte rasch in seine Jeans, ein lila Hemd und seine Turnschuhe. Ein T-Shirt packte er in seine Tasche, der Tag versprach warm zu werden.
Stephan arbeitete in einem Zentrum, das ursprünglich mal als Regenbogenzentrum gedacht war, jedoch inzwischen sehr viel mehr bot. Wohnmöglichkeiten, auch für Kinder und Jugendliche, Psychologen so wie er auch einer war, Ärzte, Sozialpädagogen, Angebote für Kunst, Sport und Musik. Drei Mahlzeiten am Tag, plus Kaffee und Kuchen am Nachmittag. Außerdem gab es hier sechs separate Einzelduschen, die sie gebaut hatten, damit die Kids sich nach dem Sport schnell abspülen konnten, die Erzieher und Pädagogen hatten auf ihrer Etage eigene Nassräume. Unten im Erdgeschoss gab es außerdem die WCs auch für Rollstuhlfahrer, sogar drei Zimmer bei ihnen waren behindertengerecht eingerichtet worden. Amber, seine Chefin, war schon da und erwartete ihn, als er um kurz vor acht das große Haus betrat.
„Morgen, Stephan, schön, dass du wieder da bist.“
„Morgen, Amber.“ Seine Chefin steckte wie eh und je in Jeans, Römersandalen und einem Hemd, welches bis zu den Ellbogen hochgekrempelt war. Ihre Haare waren perfekt geflochten und das jeden Tag. Amber war noch nie ohne ihren akkuraten Zopf zum Dienst erschienen. Alte Marine Angewohnheit, schmunzelte sie dann immer, wenn man sie darauf ansprach.
„Herr Gent“, riefen da ein paar zarte Stimmen und eh er sich's versah, hatte er drei Kinder an sich hängen, die ihn drückten. „Es ist so schön, dass Sie wieder da sind“, Finchen, sah ihn mit großen braunen Augen an. „Wir haben eine neue bei uns im Zimmer. Sie heißt Hilla und tanzt Ballett.“
„Ja, ich hab wohl so einiges verpasst. Aber das könnt ihr mir gleich erzählen. Lasst mich kurz mal meine Sachen wegbringen, dann bin ich gleich bei euch.“ Die Sommerferien hatten angefangen. Einige Kinder mussten jedoch zu Hause bleiben, da die Eltern weit weg arbeiten mussten, einige bei Ärzte ohne Grenzen, andere dienten gerade in Afghanistan oder dem Kongo. So auch die drei Kinder, die ihn eben gedrückt hatten. Finchens Mutter war bei der Bundeswehr, sie war zurzeit im Einsatz und der ging noch vier Monate. Die Eltern von Mia und Klara waren zwei Kinderchirurgen, die bei Ärzte ohne Grenzen in Afrika tätig waren.
Sein Büro war hübsch eingerichtet, drei Wände waren weiß, die andere in einem hellen grün gestrichen, Fotos von diversen Oldtimern hingen an denen, er liebte alte Autos. Sein größter Wunsch war, irgendwann, wenn er in Rente ging, sich einen zu kaufen. Ansonsten hing an den Wänden einiges,was die Kinder ihm im laufe der Zeit geschenkt hatten. Bilder, Collagen, selbst gemachte Muschelketten, Freundschaftsarmbänder und er hatte sogar einige Souvenirs aus den verschiedensten Ländern bekommen. Sein Büro war ordentlich und sehr gepflegt. Die Zimmerpflanzen waren alle gegossen worden, wahrscheinlich von der Hausmutter und es war kein Körnchen Staub zu sehen. Allerdings lagen mehrere Memozettel in seinem Ablagekorb. Also musste Amber hier gewesen sein.
Die Memozettel waren kurz nach der Anfangszeit eingeführt worden. Jeder hatte eine eigene Farbe, was ganz praktisch war. Das galt zumindest für die Festangestellten. Meistens hingen die Memozettel am schwarzen Brett im Besprechungsraum und sie alle hatten ihre Memofarben noch mal als Magnete bekommen. So wusste immer jeder, wo er wann zu sein hatte und welche Kids an den Tagen bei ihnen zum Gespräch sein mussten. Er sah auf die Zettel und sah gleich, dass Amber für nächste Woche schon drei Termine für ihn gemacht hatte.
Er arbeitete gerne hier. Amber war eine tolle Chefin und sie hatten alle viele Freiheiten. Gleich war die Besprechung und er war sehr neugierig, was sich die Chefetage dieses Jahr für die Ferien überlegt hatte.
Im Konferenzraum standen schon Tee, der wirklich gut war, und Kaffee, von dem Stephan jedoch lieber die Finger ließ. Den hatte Amber gekocht und zwar die Marke Herztod.
„Also, ihr Lieben, nehmt euch bitte Getränke, damit wir anfangen können“, bat Amber jetzt die Kollegen und sie setzten sich brav an den großen runden Konferenztisch. „Also wir haben uns folgendes überlegt. Zum einen die Ausflüge und das Schwimmen. Wir werden das Kombinieren. Wildpark, Hagenbeck, Ponyreiten, Schwimmbad, Alsterrundfahrt, Miniaturwunderland, Dungeon, Rathaus Besichtigungen, Michel und was es sonst noch so gibt. Leyla und Simone machen das.“ Sie gab den beiden die Liste und diese nickten nur. Anscheinend, war das schon vorher abgesprochen gewesen. „Dann gibt es die Holzwerkstatt wie im letzten Jahr. Felix, das machst du.“ Felix war eigentlich gelernter Tischler und immer in den Ferien hier, weil er zurzeit noch studierte. „Es haben sich acht Kinder dafür eingetragen und die Idee mit den Schachbrettfiguren ist toll. Mach das ruhig. Wenn du noch was anderes machen willst, Holz, Zubehör und Farben haben wir genug gekauft.“ Amber blätterte in ihren Unterlagen und sah dann einen anderen Kollegen an.
„Den Sport übernehmen Flo und Chris. Da haben sich ganz viele Kids für eingetragen. Ihr habt also alle Möglichkeiten der Welt.“ Das Haus besaß draußen einen Fußballplatz mit Toren, Basketballkörbe und sogar ein Feld, um Hockey zu spielen. Dazu hatten sie eine Rampe für Skater gebaut.
„Stephan, dich habe ich für die Theater AG eingetragen, wenn das in Ordnung ist. Du wirst unterstützt von diesem jungen Mann. Das ist Michael. Er ist professioneller Schneider und hilft euch bei den Kostümen. Es haben sich zwölf Kinder dafür angemeldet, aber auch einige andere haben gesagt, wenn du Statisten brauchst für ein Stück, dann helfen sie euch. Ihr müsst nur rechtzeitig Bescheid geben, bitte.“ Stephan nickte nur und nahm die Liste entgegen. „So, das war es von meiner Seite aus. Aber Stephan, magst du heute bitte die Zimmer kontrollieren gehen?“
„Na klar, mache ich.“
„Danke. Dann bis zum Mittagessen, Leute.“ Stephan erhob sich und der junge Mann, der ihm zu geteilt war, kam auf ihn zu.
„Hallo, ich bin Michael.“
„Stephan, Hallo! Hast du schon eine Hausführung bekommen?“
„Noch nicht. Ich kenne nur den Raum, in dem wir nachher proben.“ Stephan bedeutete ihm zu folgen.
Das Zentrum war ein Traum. Ganz unten, wenn man rein kam, war links die Großküche, wo ein Koch und zwei Küchenhilfen von Montags bis Freitags dafür sorgten, dass sie alle satt wurden. In dem großen Saal davor standen mindestens ein Dutzend runder Tische und Stühle. Hier wurde gemeinsam gegessen. Dahinter lag dann der große Raum mit der Bühne. Rechts daneben war die Krankenstation. Hier stand so ziemlich alles, was jeden Arzt neidisch gemacht hätte. Ultraschallgerät, Gynäkologie, separat abgetrennt, Defibrillator und was man sonst noch so brauchte. Dazu standen hier drei Betten. In den Schränken die Medikamente, die allerdings weggeschlossen wurden, in einem Kühlschrank Impfstoff.
„Wow. Das ist ja wie ein Feldlazarett hier!“ Michael war wirklich beeindruckt. Das Zentrum eilte seinem Ruf wahrlich voraus, aber so schön hätte er sich das nicht träumen lassen.
„Ja, wir hatten schon ein paar Notfälle. Gerade wenn Kids nachts zu uns kommen. Deshalb haben die Ärzte, die für uns arbeiten, auch Rufbereitschaft nachts. Einige Kids sind so verstört und verängstigt, die würden eine Panikattacke kriegen, wenn wir sie ins Krankenhaus bringen würden. Wir hatten auch schon Schwangerschaften, Knochenbrüche, Scharlach, deshalb auch die Zimmer, die betreffenden werden dann isoliert. Wir führen Impfungen durch, machen Blutentnahmen, einige der Leute kommen regelmäßig zu uns und lassen das hier machen. Unsere Wartezeit ist kürzer und meistens sind es chronisch kranke Menschen.“
Unten befanden sich noch eine große Sporthalle, ein Besprechungsraum für die Kids, der eher einem Wohnzimmer glich, wo die Kids die Wand selbst besprüht hatten.
Oben im ersten Stock zeigte er ihm zwei Büros. Auch seines, was Michael zu gefallen schien.
„Du bist total ordentlich, oder?“
„Ja, hier auf der Arbeit. Gezwungenermaßen irgendwie. So von wegen Vorbildfunktion und so.“
„Also bist du mehr ganz brav und lieb und nicht wie in Fuck ju Göthe, dass du die Kids mit der Paintball Knarre beschießt.“
„Nein. Die Kinder und Teens hier, sind wirklich pflegeleicht und die meisten sind ja nicht freiwillig hier, bis auf ein paar Ausnahmen. Deren Benehmen ist wirklich tadellos. Klar, es gibt mal Streit, aber das gibt sich meistens schnell wieder.“ Michaels Blick glitt über die Wände und blieb an dem Bild mit einem roten Ford Mercury hängen.
„Ein kleiner Oldtimer Fan?“
„Ja, ich liebe solche Autos. Ich bin bestimmt jedes Jahr drei oder vier Mal auf Ausstellungen und Messen.“ Michael wanderte weiter durch den Raum und blieb an dem Foto hängen, was auf dem Schreibtisch stand. Shanes blaue Augen sahen ihm entgegen.
„Dein Freund?“, wollte er wissen und Stephans Kopf ruckte hoch.
„Jein!“
„Was heißt das?“
„Shane ist gestorben. Sonst wären wir noch zusammen.“ Jetzt sah Michael ihn bestürzt an.
„Oh, tut mir leid. Ich bin manchmal ein Trampel.“
„Ist schon gut. Du bist halt nicht aus dem Zentrum, woher solltest du das auch wissen.“ Die Tränen, die Stephan in die Augen traten, wischte dieser energisch weg. „Ist halt noch frisch.“
Michael beließ es dabei, aber Stephan sah bei näherem Betrachten nicht wirklich gut aus, musste er feststellen. Er wirkte total zerbrechlich und schmal, obwohl er so groß war.
Drei Türen weiter sahen sie bei der Chefin vorbei und wenn Michael dachte, Stephans Büro sei ordentlich, musste er seine Meinung spätestens hier revidieren.
„Wow! Heilige Ordnung“, entfuhr es ihm, als Stephan die Tür geöffnet hatte. Amber saß an ihrem Schreibtisch und sah auf, als die zwei Männer den Raum betraten. Man sah an der Wand diverse Dienstgradabzeichen vom Marinechor, einige Auszeichnungen hingen hier, alle Ordner akkurat an der Kante ausgerichtet und selbst ihr Schreibtisch war super ordentlich.
„Aber du hast kein Putzzwang oder so was?“, wollte Michael jetzt von der jungen Frau wissen, die hinter dem Schreibtisch saß.
„Nein, so schlimm ist es nicht. Aber zwölf Jahre sind eine lange Zeit und drei Einsätze machen den Rest. Da bist du immer ordentlich. Sonst verlegst du irgendwann mal deine Waffe, die dir im Einsatz das Leben retten kann.“ Stephan schluckte trocken. Amber hatte wahrscheinlich schon mehr Kameraden an der Front verloren, als er sich vorstellen konnte und sie lebte damit jeden Tag und er ließ sich gerade wegen Shane so gehen. Aber es war was anderes, wenn man die eigene bessere Hälfte zu Grabe trug, oder einen Kameraden. Michael hatte ihn beobachtet und Amber bat ihn kurz zurückzubleiben, während Stephan oben die Zimmer der Kids kontrollieren sollte.
Sie trennten sich und Stephan ging die Treppe nach oben in den zweiten Stock. Hier lagen die Räume der Kids. Die Familienzimmer hatte die Hausmutter wohl schon kontrolliert, aber die Einzelzimmer, da ging sie nicht hin. Das machten die Betreuer. Die Hausmutter gab nur Bettwäsche und Handtücher aus und auch mal Hygieneartikel, wenn jemand mal wieder nicht Bescheid gegeben hatte, oder selber einkaufen gewesen war.
Im ersten Zimmer sah es aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte. Es war nicht schmutzig, aber überall lag Papier herum. Das Kind, das in diesem Zimmer wohnte, war vierzehn Jahre alt, hochbegabt und hatte das Abi seid einem Jahr in der Tasche. Seitdem tüftelte Lisa an Matheformeln.
„Hallo, Lisa!“, rief Stephan und hoffte, dass er sie jetzt nicht völlig raus brachte.
„Stephan! Du bist wieder da.“ Strahlend sprang sie auf und drückte ihn ganz fest. „Es war total langweilig ohne dich.“
„Das ist schön zu hören. Du solltest hier lieber mal aufräumen, Maus. Du hast extra einen Schredder in deinem Zimmer stehen, damit du die falschen Formeln vernichten kannst. Benutze ihn bitte und dann leere ihn draußen aus.“
„Jaaaa. Ist ja gut.“ Widerwillig machte sich die junge Dame ans Aufräumen.
„Und durchsaugen wäre auch mal wieder dran. Ich gucke nach dem Mittag noch mal rein. Und du kommst zum Mittagessen, Fräulein.“
„Kann ich nicht hier essen?“
„Nein. Du beteiligst dich eh viel zu wenig an den Gruppenaktivitäten. Komm nachher freiwillig runter oder Amber kommt dich holen. Du weißt, sie ist nicht zimperlich.“
Das nächste Zimmer war nicht nur ordentlich, sondern fast steril.
„Hallo, Nico!“
„Hallo, Stephan“, der Wuschelkopf sah auf. „Toll, dass du wieder da bist.“
„Ja, ich freue mich auch wieder da zu sein. Was machst du gerade?“ Nico wäre nie auf die Idee gekommen, ihn zu umarmen wie Lisa. Nico konnte mit Körperkontakt nicht umgehen. Schuld daran waren seine Eltern. Wenn sie ihr Kind angefasst hatten, dann, um es zu schlagen. Aber ihm kurz über den Kopf streicheln, das war Okay für ihn, allerdings auch nur bei bestimmten Personen. Stephan, Amber und auch Yvonne durften das. Der Rest konnte sich das nicht erlauben.
„Eigentlich wollte ich mich gleich umziehen. Ich bin bei der Holzwerkstatt dabei.“
„Das ist gut“, Stephan war froh, wenn sein Schützling unter Leute ging. „Was hat es mit den Schachfiguren auf sich?“
„Wir wollen so große Schachfiguren machen, um damit draußen zu spielen.“
„Ach, jetzt versteh ich das. Okay. Und die malt ihr dann an?“
„Genau. Wir überlegen noch wegen den Motiven. Es gibt so viele Vorschläge.“
„Ihr habt ja sechs Wochen Zeit, um fertig zu werden. Aber die Idee ist toll. Schach kann man immer spielen. Selbst wenn es kalt ist.“ Nico lächelte nur und Stephan setzte seine Runde fort.
Auch in anderen Zimmern hatte er etwas zu meckern. Er machte sich Notizen, welche Zimmer er später nachkontrollieren musste.
Im großen Raum waren die Kinder schon dabei auszusuchen, welches Stück es werden sollte. Sie saßen alle auf dem Boden im Kreis und Michael war schon da. Er hatte sogar schon eine Anwesenheitsliste angefertigt und dahinter schon die Rolle geschrieben für später.
„Wir könnten auch Mamma Mia aufführen“, schlug Hilla vor.
„Da müsst ihr aber sehr viel singen“, gab Stephan zu bedenken. „Vor allem die Hauptdarsteller. Es gibt kaum drei Szenen, in denen Donna nicht singt. Lieber etwas, wo der Text etwas gerechter verteilt ist.“
„Cinderella“, schlug jetzt Finchen vor. „Aber wir brauchen mehr Leute für die Ballszene.“ Das gefiel den anderen gut und gerade um die bösen Rollen wurde sich richtig gezankt. Schließlich entschied das Los über die bösen Rollen. Aber auch die gute Fee war heiß begehrt.
Sie ließen die Kinder ein Drehbuch anfertigen und es sollte eine ziemlich coole Mischung aus Zeichentrick, Menschenfilm und Theater werden. Michael versprach der neuen Cinderella, die Hilla verkörpern würde, dass er ihr passende Glasschuhe und ein schönes Kleid für die Ballszene organisieren würde. Es wurden Maße genommen, auch von den Füßen und dann gab es schon Mittagessen. Der erste Tag verging wahnsinnig schnell. Sie probten noch die ersten Szene und schrieben letzten Endes den ganzen Text um. Hilla wollte sogar in einer Szene Ballett tanzen, was alle sehr toll fanden. Immerhin hatte das Mädchen Talent und es passte zum Stück.
Die Zimmer seiner Chaos Kinder fand er am Nachmittag etwas ordentlicher vor. Auch Handtücher und Bettwäsche waren gewechselt worden.
Zu Hause erwartete Stephan nur eine leere Wohnung. Die letzte Woche hatte er hier nichts getan und so sah es auch aus, wie er nach einem kurzen Blick feststellen musste. Da half wohl alles nichts, er musste aufräumen. Erstmal wurde der Geschirrspüler beladen und angestellt, dann wusch er die Töpfe ab, die nicht mehr rein gingen und schnappte sich den Staubsauger. Ein paar Bücher fielen ihm ins Auge, die hatte Shane zuletzt gelesen, er hob sie auf und strich zärtlich über den Einband. Sein Freund hatte schon immer einen sehr ausgefallenen Büchergeschmack gehabt. Das eine Buch war auf Hebräisch, das andere war ein Buch über die Zwerge von Mittelerde. Stephan lächelte nur und stellte sie ins Regal zurück.
Sogar das Bad wurde noch gründlich geputzt, allerdings ließ er Shanes Sachen erstmal stehen. Er fehlte ihm so sehr. Die ganze Wohnung war leer, kein Lachen mehr, keine Schuhe, die ihm Weg standen, kein leckeres Essen.
Im Arbeitszimmer herrschte Chaos. Früher war das Shanes Reich gewesen. Er als Steuerfachmann hatte es immer verdammt ordentlich gehabt und Stephan regelmäßig dafür angeschnauzt, dass er doch bitte sein Chaos mal wegräumen sollte. Jetzt lag hier alles wild herum. Sämtliche Papiere, Urkunden, alte Sachen von Shane und vor allem, was Stephan die Tränen in die Augen trieb, die Rechnung für die Beerdigung. Er nahm das Schreiben mit und setzte sich auf den Stuhl. Am Ende eines Lebens mussten die Hinterbliebenen auch noch viel Geld dafür bezahlen, für etwas, für das niemand etwas konnte, nämlich den Tod.
Amanda sah bei ihm vorbei. Sie hatte seit Jahren einen Schlüssel für die Wohnung und wollte auf Nummer sicher gehen, dass er sich nichts antat.
„Du solltest wieder mit zum tanzen kommen, mein Schatz“, meinte Amanda und sah ihn an.
Doch Stephan schüttelte nur den Kopf. Im Moment wollte er nirgendwohin. Schon gar nicht zum tanzen.
Als er am nächsten Morgen zur Arbeit kam, hätte er Petrus am liebsten für den Sonnenschein erwürgt. Doch als er vor seinem Büro stand, staunte er nicht schlecht. Mit Tape war eine lila Rose an die Tür geklebt worden. Ein Zettel war nicht dabei. Wer schenkte ihm bitte Blumen? Er hatte zu erst die Mädels in Verdacht, die ihn vielleicht aufmuntern wollten. Sonst wusste keiner, dass er die Blumen so sehr mochte.
Die Proben gingen gut voran und an jedem Morgen hing wieder eine Rose an seiner Tür. Inzwischen hatte er sich von der Hausmutter eine Vase geben lassen, damit die guten Blumen auch eine Weile hielten. Er hatte im Kollegium herum gefragt, aber niemand schien zu wissen, von dem die Blumen kamen.
Für Cinderellas Kleid hatte sich Michael wahrlich übertroffen. In einem schimmernden Meeresblau mit weitem Rock stand Hilla vor ihnen. An ihren Füßen glitzerten die Glasschuhe.
„Wow, Hilla, du siehst toll aus“, fand Stephan und Hilla drehte sich glücklich in ihrem Kleid. „Ganz toll. Danke, Michael. Das ist ein Traum.“
„Freut mich, wenn es euch gefällt. Aber wir packen es besser zurück in die Hülle und am besten in dein Büro, damit es nicht wegkommt oder beschädigt wird.“ Stephan nahm Kleid und Schuhe an sich und brachte sie in sein Büro.
Hilla hatte Nachmittags für zwei Stunden den Raum für sich, um ihren Tanz einzustudieren. Sie hatten zwar keinen Balletttänzer unter den Kollegen, doch eine Kollegin hatte jemanden im Freundeskreis, der Ballettlehrer war. Er kam vorbei und übte mit Hilla den Tanz für das Stück.
Die Ferien vergingen viel zu schnell und ehe man es sich versah, war die letzte Woche angebrochen und somit auch der große Tag ihrer Premiere für Cinderella. Stephan stand am Rand und war ganz begeistert davon, wie toll die Kinder das machten. Die bösen Stiefschwestern bekamen viel Applaus. Auch Patrick als der Prinz, war eine echte Wucht, vor allem als er Cinderella schließlich mit Kniefall den Glaspantoffel überstreifte. Selbst der Kuss war total süß, wie Stephan fand, auch wenn er das Wort nicht gerne benutzte, aber es passte so gut.
Am nächsten Morgen bauten sie die Kulissen wieder ab. Ihr Kleid und die Schuhe durfte Hilla sogar als Andenken behalten. Auch wenn sie ihr nicht mehr lange passen würden, sie wuchs einfach zu schnell, aber sie freute sich sehr darüber. Auch heute hatte Stephan eine Rose bekommen. Auch Michael verabschiedete sich wieder von ihm.
„Hat Spaß gemacht“, funkelnde Augen sahen ihn an.
„Das stimmt. Hat viel Spaß gemacht. Danke noch mal.“
„Immer gerne. Vielleicht bin ich nächstes Jahr wieder dabei.“
„Ich würde mich freuen.“ Michael war ein angenehmer Zeitgenosse gewesen. Sie hatte nicht viel gesprochen, aber er hatte denselben Sinn für Humor und das war immer gut. So hatten sie oft was zu lachen gehabt.
Doch am nächsten Tag, als er bei der Arbeit erschien, prangte keine Rose an seiner Tür. Stephan war irgendwie enttäuscht. Er hatte jetzt sechs Wochen lang, an sechs Tagen die Woche, eine Rose an der Tür gehabt. Sein Gesicht nahm einen traurigen Ausdruck an.
Erst als der Herbst anfing, verließ Stephan ab und zu wieder seine Wohnung, vor allem trennte er sich von einigen Sachen. Alles in der Wohnung erinnerte ihn an seinen verstorbenen Freund. Regelmäßig, bestimmt zweimal die Woche, war er auf dem Friedhof, brachte Rosen hin und kümmerte sich um das Grab.
Die Fotos, die er von sich und Shane hatte, kamen alle in ein neues Fotoalbum. Immer mit Datum dazu und auch der Ort wurde vermerkt. Die Bettwäsche wurde gewaschen und dann weggegeben, genauso wie viele von Shanes Kleidungsstücken, nur drei Hemden behielt Stephan, warum wusste er selber nicht, aber das waren die, die Shane am besten gestanden hatten. Auch im Badezimmer kam einiges weg. Nur das Duschgel behielt er aus sentimentalen Gründen. Die Bücher wollte er nicht wegschmeißen, die kamen in einen Karton auf den Dachboden, da standen sie trocken.
Nur von dem Schmuck, den Shane ihm mal geschenkt hatte, mochte er sich nicht trennen. Das Armband und die Kette trug er jeden Tag.
Am Samstag ging er dann endlich wieder mit Amanda zum Tanzkurs. Es tat gut, wieder Sport zu machen, aber nach den 90 Minuten war er fix und fertig. Die Trainer hatten keine Gnade gezeigt. Dabei wurde er die ganze Zeit von sanften braunen Augen beobachtet, was Stephan jedoch nicht bemerkte.
„Das kommt davon“, stichelte Amanda in seine Richtung. „Du bist überhaupt nicht mehr in Form. Hast du dich überhaupt aufgewärmt?“
„Ja, hab ich, Süße. So wie immer.“
„Gehen wir noch was essen? Bitte, so wie früher.“ Früher waren sie nach der Tanzstunde immer noch etwas essen gegangen, beim Thailänder.
„Von mir aus.“ Stephan packte seine Tanzschuhe ein und verließ dann mit Amanda das Tanzstudio.
Beim Thailänder war es voll, aber sie bekamen noch einen Tisch am Fenster.
„Geht es dir etwas besser?“, wollte Amanda wissen, als sie ihr Alsterwasser vor sich stehen hatte.
„Ein bisschen. Es ist schwer, plötzlich alleine zu sein. Niemand blockiert mehr stundenlang das Bad oder kocht für mich, wenn ich abends vom Dienst nach Hause komme. Vor allem liegt niemand mehr neben mir, wenn ich morgens aufwache oder abends einschlafe.“
Amanda griff seine Hand. „Du findest wieder jemanden. Ganz sicher. Lass dir nur Zeit dabei. Es ist gerade mal vier Monate her.“
Da er eine relativ geregelte Woche hat, kam er während der Arbeit kaum zum Nachdenken. Als sie am darauffolgenden Samstag wieder beim Tanzkurs waren, kam ihm die Tanztrainerin mit einer Blume entgegen und streckte sie ihm hin.
„Die wurde für dich abgegeben. Da scheint dich ja jemand sehr zu mögen.“ Stephan lächelte, als er die lila Rose sah.
„Danke. War da keine Karte bei oder so etwas?“
„Nein. Aber ich kann dich beruhigen, der junge Mann, der sie für dich abgegeben hat, tanzt hier auch.“
„Dann kann ich ja meine Kollegen erlösen, die haben alle schon gerätselt, da ich auf der Arbeit, vor ein paar Monaten, auch schon solche Rosen bekommen habe. Hast du eine Vase für das gute Stück, nicht das sie nachher den Kopf so hängen lässt?“
„Bringe ich gleich mit. Geh du dich schon mal umziehen.“ Sie scheuchte ihn zur Umkleidekabine und als auch zehn Minuten später Amanda da war, wünschte er sich, er hätte die Rose ihrer Trainerin mit gegeben. Den seine beste Freundin war nicht mehr zu halten.
„Wow, von wem ist die? Kenne ich ihn? Wie heißt er? Wann lerne ich ihn kennen? Wie lange geht das schon mit euch ...?“
„Krümel, Stopp!“, unsanft fuhr Stephan ihr in die Parade. „Ich weiß nicht, von wem die Rosen immer kommen. Aber derjenige scheint mich gut zu kennen und er ist kein Stalker. Da ich nicht weiß, wer er ist, kennst du ihn sicherlich auch nicht. Aber im Zentrum habe ich auch schon welche bekommen.“
Jetzt sah Amanda ihn mit einem total verzückten Gesichtsausdruck an.
„Das ist ja süß!“, schwärmte sie und knuddelte ihn.
Stephan konnte nicht umhin, als zu lächeln. Da hatte seine Freundin recht. Das war wirklich süß.
Auch in den folgenden Wochen bekam Stephan jeden Samstag eine lila Rose. Selbst in der Tanzschule ging das Getuschel los. Wer war der Unbekannte? Aber er merkte, wie es ihm gut tat. Jemand mochte ihn anscheinend und versuchte ihm mit den Blumen eine kleine Freude zu machen, was durchaus gelang. Nur hätte er sich gerne mal revanchiert, nur hatte er keinen Absender dafür. Aber jedesmal wenn er eine Blume bekam, lächelte er glücklich und den Absender freute es.
Eigentlich mochte Stephan die Weihnachtszeit ganz gerne. Überall waren Lichter in den Straßen, es roch nach Zimt und Glühwein und die letzten fünfzehn Jahre war er gerne auf den Weihnachtsmarkt gegangen. Doch dieses Jahr war das anders.
Vor vier Jahren zu dieser Zeit hatte Shane seine Diagnose gekriegt.
„Herr Phelan, ich habe leider keine guten Nachrichten für Sie“, begann der Arzt das Gespräch, was er seinem Patienten gerne erspart hätte. „Wir haben Krebs gefunden, bei der Untersuchung. Am Magen und auch in ihrem Kopf. Es tut mir leid. Wir müssen gucken, ob der Krebs schon gestreut hat und Sie brauchen auf jeden Fall eine Chemotherapie. Leider sieht der Krebs inoperabel aus, ich kann Ihnen daher keine Heilung in Aussicht stellen.“
Stephan sah ihn entsetzt an. Keine Heilung, aber das würde bedeuten, dass ...
„Sie meinen, ich werde sterben?“, stellte Shane die Frage.
„Ja, es tut mir leid.“
„Wie lange hab ich noch?“
„Ungefähr ein Jahr. Wir können es nicht genau sagen. Die Chemo hält das Ganze etwas auf, aber halt auch nicht für immer.“
So hatte die Chemotherapie für Shane begonnen und Stephan war bei ihm geblieben. Auch wenn es für sie beide sehr anstrengend gewesen war, sie hatten sich nur mit Mundschutz sehen dürfen und Küsse waren vorerst Tabu. Stephan war froh, dass er seinen Liebsten überhaupt umarmen durfte. Die Chemo ging über die Weihnachtszeit und Shane bekam Besuch von ihren Freunden und Familie auf der Station, so dass er wenigstens etwas Weihnachten feiern konnte.
Als die erste Therapie vorbei war, hatte Stephan gerade seinen Master gemacht und suchte einen Job, aber das Vorhaben legte er erst mal auf Eis. Auch wenn Shane das nicht gefiel. Er wollte nicht, dass Stephan für ihn seine berufliche Zukunft aufs Spiel setzte. Aber Stephan blieb stur und so reisten sie viel, als Shanes Immunsystem das einigermaßen wieder verkraften konnte. Sie sahen sich Rom an und Florenz. Barcelona und Madrid, Wien, flogen in die USA und machten eine Rundreise. Doch der Krebs war hartnäckig und Shane merkte immer mehr, wie seine Kräfte schwanden. Also musste er wieder zur Chemo und Stephan fand einen Job. Durch puren Zufall fiel ihm die Zeitungsanzeige auf, in der das Zentrum, in welchem er jetzt arbeitete, einen Psychologen suchte.
Schließlich überlegten die Ärzte, ob sie nicht doch operieren sollten und Shane war einverstanden. Ob er nun auf dem OP-Tisch starb oder irgendwann an dieser Krankheit, das war ihm auch egal. Stephan saß während der OP im Wartezimmer und betete, dass die Ärzte es schafften und Shane noch ein paar Wochen leben durfte.
„Herr Gent?“, er sah auf, einer der Ärzte stand vor ihm. „Die OP ist so weit gut verlaufen. Allerdings sitzt der Krebsherd direkt um eine große Arterie herum, das heißt, wir können ihn nicht ganz entfernen, sondern nur ein Stück weit abtragen. Leider! Ihr Lebensgefährte wird gleich auf sein Zimmer gebracht.“
„Danke.“
„Gehen Sie zu ihm. Er sollte ein vertrautes Gesicht sehen, wenn er aufwacht.“
Die OP hätte Shane sehr mitgenommen. Er lag mehr als drei Wochen im Krankenhaus, bis Stephan ihn mitnehmen durfte. Aber auch zuhause, mussten sie sich an Hygienevorschriften halten, sich neue Matratzen kaufen, alles waschen, rausgehen mochte Shane nur noch mit Mundschutz, damit er sich nicht irgendwas einfing.
Er erinnerte sich mit Schrecken an diese Zeit. Sie hatten danach zwar wieder die Wohnung geschmückt, weil Shane es so gewollt hatte, aber er hätte auch gut darauf verzichten können.
Den einzigen Weihnachtsschmuck, den er hatte, war ein Adventskranz und seinen Adventskalender mit den Rubellosen, den er von Amanda bekommen hatte. Sie schenkten sich immer gegenseitig einen. Als seine Eltern am zweiten Advent zu Besuch kamen, sahen sie sich sehr erschrocken in der Wohnung um. Es war ordentlich, aber die ganze Wohnung wirkte kalt.
„Ach, mein Junge“, seine Mutter sah ihn mitfühlend an und genau deshalb war er so selten bei ihnen. Er ertrug dieses Mitleid einfach nicht. „Komm doch für eine Weile zu uns!“
„Nein danke, Mama. Ich komme schon klar.“ Sie reichte ihm eine ganze Kiste mit vorgekochtem Essen zum einfrieren. Er stellte alles in sein Gefrierfach und sah seine Eltern dann an.
„Es geht mir ganz gut. Ich gehe wieder zum Sport und Amanda passt auf mich auf.“
„Wirklich, Stephan, du solltest wieder mehr unter Leute gehen“, fand auch sein Vater, der merkte, dass sein Sohn auch mächtig abgenommen hatte. Klar, er wog immer noch genug, halt nur längst nicht mehr so viel wie noch vor einem halben Jahr.
Weihnachten wollte Stephan eigentlich so gar nicht feiern, doch das fanden seine Eltern nicht gut und hatten kurzerhand ihn und seine Geschwister eingeladen. Es gab Fondue zum Abendessen und dann Geschenke. Stephan hatte sich nichts gewünscht, doch auch er bekam etwas. Einige Bücher von seinen Eltern und dann stand da noch ein Paket für ihn. Oben drauf war kein Absender.
„Das hat man uns heute morgen vor die Tür gestellt“, sagte sein Vater zu ihm und reichte ihm das Paket. Stephan löste die Schleife und holte dann etwas heraus. Das erste, was er ertastete, war eine lila Stoffrose und jetzt wusste er auch, von wem das Paket war, dazu kamen zwei T-Shirts, beide in lila mit einem schicken Aufdruck und ganz unten drin lag ein Brief, den er jetzt öffnete.
Lieber Stephan,
ich hoffe, das Paket kommt bei Dir unversehrt an und Deine Eltern schmeißen es nicht in den Müll. Natürlich hoffe ich sehr, dass Dir die Geschenke gefallen, den diese Farbe steht dir einfach, Du solltest sie viel öfter tragen.
Du fragst Dich sicherlich schon lange, wer ich eigentlich bin. Im Umschlag ist ein Foto von mir. Erkennst Du mich noch?
Hab schöne Feiertage, vielleicht sieht man sich ja demnächst mal.
Ganz liebe Grüße
Michael
Darunter stand eine Telefonnummer. Stephan zog das Foto heraus und jetzt musste er lächeln. Das Gesicht kannte er. Der junge Kostümbildner, der ihm während des Theaterprojektes geholfen hatte, lächelte ihm entgegen. Bevor einer seiner neugierigen Verwandten einen Blick auf Brief oder Foto werfen konnte, steckte er beides schnell zurück in den Umschlag und legte den Brief zurück ins Paket.
„Wer hat dir geschrieben?“, wollte seine Mutter wissen.
„Ein Freund. Kennt ihr nicht.“ Bevor seine Mutter weiter nerven konnte, wechselte sein Vater zum Glück das Thema.
„Wisst ihr schon alle, was ihr an Silvester macht?“
„Ich werde wohl verreist sein“, war die Antwort seiner Schwestern. Sie fuhren immer über Silvester in irgendein Kaff am Ende der Welt.
„Keine Ahnung. Wahrscheinlich wird Amanda mich entführen. Frag mich nicht wohin, ich habe keinen blassen Schimmer. Es wird vermutlich irgendein Gay Club werden.“
Weihnachten ging schnell vorbei, für Stephan jedoch nicht schnell genug. Seine liebe Familie nervte ihn einfach kolossal.
Allerdings rief er am zweiten Feiertag dann doch Michael an. Es klingelte ein paarmal, dann hörte er diese sanfte Stimme.
„Ja, hallo?“
Stephan lächelte leicht. „Hier ist Stephan. Hallo. Frohe Weihnachten.“
Kurz war es still am anderen Ende.
„Schön, dass du anrufst. Wünsche ich dir auch. Dann ist mein Paket ja angekommen?“
„Ja, ist es. Danke. Es ist toll. Und das Foto hab ich schon aufgehängt.“
„Das freut mich.“
„Warum die Rosen?“
„Weil ich dir eine Freude machen wollte. Du sahst so traurig aus, als wir uns das letzte Mal gesehen haben. Anscheinend hab ich ja alles richtig gemacht.“
„Woher wusstest du von meiner Lieblingsfarbe?“
„Du hast eine nette Kollegin, die geplaudert hat!“
„Tze, unglaublich, von wegen niemand weiß, von wem die Blumen sind.“
„Sie durfte es dir nicht sagen. Sonst wäre ja die ganze Überraschung hin gewesen. Du hast immer so liebevoll gelächelt, wenn du die Rosen in der Tanzschule bekommen hast.“
Jetzt musste Stephan tatsächlich lächeln. Gott war der Kerl süß!
„Was machst du an Silvester?“, fragte Stephan spontan und war über sich selber überrascht.
„Keine Ahnung. Kann sein, dass ich arbeiten muss. Aber was hältst du davon, wenn ich dir Karten fürs Musical besorge, sollte ich auch frei haben, können wir uns die Show zusammen angucken, falls nicht, sehen wir uns hinterher auf jeden Fall und können zusammen um Mitternacht anstoßen.“
„Welches Musical denn?“
„Mamma Mia!“
„Wow, nicht schlecht. Ich hab es zwar schon mal gesehen, aber davon kann man nie genug kriegen.“
„Das ist schön zu hören. Dann reserviere ich dir eine Karte und hinterlege sie an der Kasse für dich.“
„Danke, ist lieb von dir. Dann sehen wir uns ja schon bald!“
„Ich freue mich drauf“, lächelte Michael in den Hörer.
„Ich mich auch. Bis bald.“
„Bye!“ Lächelnd legte Stephan auf. Jetzt war er für Silvester verplant. Er zog sein Handy raus und schrieb Amanda schnell eine SMS, dass er mit seinem Rosenkavalier ein Date an Silvester hatte.
Die Tage bis Silvester verbrachte er vorzugsweise mit Lesen und etwas schwimmen. Es tat seinen Muskeln mal ganz gut und er schaffte auch seine 1000 Meter!
An Silvester schlief er in Ruhe aus, legte sich dann in seine schöne große Badewanne und überlegte anschließend, was er anziehen sollte. Schick sollte es sein, er ging schließlich ins Musical. Also schwarze Hose, lila Hemd, extra für Michael, Schuhe dazu passend.
Am Eingang des Musicals war schon viel los und Michael stand davor, was er nicht erwartet hatte.
„Hallo, schön, dass du da bist“, wurde er gleich strahlend begrüßt.
„Hi“, Stephan war etwas unsicher.
„Darf ich dich drücken?“, wollte Michael wissen.
Stephan nickte schnell und wurde dann in sanfte Arme gezogen. Er genoss es einen Moment, dann war es auch schon vorbei. „Dann lass uns mal rein gehen. Hier draußen ist es kalt.“
Drinnen war es warm und sie brachten ihre Jacken zur Garderobe. Sie tranken noch ein Glas Sekt und suchten dann ihre Plätze auf. Sie saßen oben und zwar in der ersten Reihe.
„Hier saß ich noch nie“, gestand Stephan ihm leise.
„Es hat halt so seine Vorteile, wenn man Vitamin B hat“, grinste Michael ihn verschmitzt an. Ein paar Minuten später gingen die Lichter aus und es gab die übliche Begrüßung der Zuschauer.
Die Vorstellung gefiel ihnen sehr gut. Stephan war begeistert. Das Stück war genauso umwerfend, wie er es in Erinnerung hatte. Vor dem Operettenhaus schlug ihnen eisige Luft entgegen und es hatte zu schneien begonnen. Michael schüttelte sich und sie schlugen den Weg über den Hamburger Kiez ein. Noch war es recht ruhig, obwohl es schon 21 Uhr war.
Sie besuchten eine ruhige Bar und bestellten sich ein Bier. Stephan zog seine Jacke aus und hängte sie über die Stuhllehne, bevor er sich niederließ.
„Erzähl mir was über dich“, bat Michael ihn schließlich.
„Was willst du wissen?“
„Alles.“
„Mhhhh ... also, ich tanze gerne, mache Karate, schwimme regelmäßig. Ich bin studierter Psychologe und wenn ich ganz viel Glück habe, darf ich irgendwann mal Amber beerben und das Zentrum leiten. Aber das dauert noch etwas. Die Frau ist nur vier Jahre älter als ich.“
„Das hört sich doch nach einem ehrgeizigen Plan an.“
„So ehrgeizig bin ich gar nicht. Aber ich möchte das gerne machen. Ich liebe meinen Job.“
„Ja, das kenne ich. Ich bin den Stoffen treu geblieben. Gelernt habe ich Schneider und danach hab ich mich in Madrid an der Designerschule beworben und bin sogar angenommen worden. Da war ich drei Jahre, dann hab ich in Deutschland meinen Meister gemacht und anschließend beim Musical angefangen, um mir quasi meine Sporen zu verdienen. Aber meine Leidenschaft liegt eigentlich im Designen von Kleidern und Roben. Schwimmen tue ich auch, sogar auf Wettkampf Niveau. Ich bin dreimal die Woche beim Training. Einmal davon in der Woche mit dem Team, um die Staffel zu trainieren, sonst haben wir Einzeltraining. Ich hab ja sowieso sehr unregelmäßige Arbeitszeiten für eine Sportart. Ich muss halt mal früh, mal spät arbeiten. Lesen tue ich gerne und viel. Ich reise auch sehr gerne. Und ich bin regelmäßig in Bremen im Stadion.“
„Fußballfan?“, grinste Stephan.
„Oh ja. Allerdings nicht vom HSV. Mein Vater ist auch Bremen Fan, das hat irgendwie auf mich abgefärbt.“
„Wieso hast du keine Dauerkarte?“
„Das lohnt sich nicht, so oft wie ich am Wochenende arbeiten muss. Ich hätte gerne eine, aber naja, mal schauen. Vielleicht zur nächsten Saison. Wenn ich meinen eigenen Laden habe, wird es auf jeden Fall sehr viel eher möglich sein, Samstags mal nach Bremen zu fahren.“
„Wie alt bist du, wenn ich mal fragen darf?“ Stephan hatte Michael wirklich nie nach dem Alter gefragt.
„Dreiunddreißig. Ich hab im November Geburtstag. Und Du?“
„Dreißig. Im April geworden. Was hat dich an dem Beruf so fasziniert?“
„Gute Frage. Ich hab schon in der Schule angefangen. Es war ganz schwer für mich, Hosen zu bekommen, weil ich so schmal bin und nach einem Nähkurs hab ich angefangen, meine Hosen selber zu nähen.“
Stephan lachte.
„Und irgendwann hat sich das verselbstständigt. Meinem Date zum Abiball habe ich zum Beispiel ihr Kleid genäht.“
„Das ist cool. Gibt es Bilder davon?“
„Na klar, zu Hause im Fotoalbum. Steffi war so begeistert von dem Kleid, dass ich sogar ihr Brautkleid vor zwei Jahren nähen durfte!“
„Das freut einen doch, wenn die Arbeit auch geschätzt wird.“
„Na klar, das hat mich sehr gefreut. Ich wollte es ihr eigentlich schenken, aber das hat sie nicht gewollt. Sie hat mir den Stoff und sogar ein paar Arbeitsstunden bezahlt.“
„Was machst du sonst so in deiner Freizeit?“, wollte Stephan wissen.
„Ich tanze sehr gerne. Reise viel und möglichst außerhalb Deutschlands, koche gerne und treffe mich mit meinen Freunden. Allerdings ist bei meinem Job Freizeit eher Mangelware. Ich arbeite halt auch viel am Abend und den Wochenenden.“
Ihre Unterhaltung wurde immer entspannter. Mitternacht verpassten sie fast, weil sie so ins Gespräch vertieft waren. Sie hörten das Knallen der Feuerwerkskörper und hoben die Köpfe Richtung Eingang. Michael warf einen Blick auf seine Armbanduhr.
„Ups, wir sollten vielleicht mal kurz raus und uns das Feuerwerk anschauen“, schlug er vor und erhob sich. Stephan folgte ihm und sah sich vom Eingang aus das bunte Feuerwerk über der Stadt an.
„Frohes neues Jahr“, wünschte ihm Michael und musste dabei fast schreien.
„Danke, dir auch!“ Sie blieben nur kurz draußen, es war einfach bitter kalt. Stephan schüttelte sich, bevor er sich eine heiße Schokolade bei der Bardame bestellte.
Um ein Uhr morgens machten sie sich schließlich auf den Weg zur S-Bahn, stiegen jedoch in unterschiedliche Richtung in den Zug.
