Leckermäulchen - Asja Bakić - E-Book

Leckermäulchen E-Book

Asja Bakić

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Beschreibung

In elf Erzählungen schreibt Asja Bakić über verschiedene mehr oder weniger dystopische Welten. So begegnet uns eine Künstliche Intelligenz, die auf sexuelle Befriedigung von Frauen spezialisiert ist und darüber hinwegtrösten soll, dass es keine Männer mehr gibt. Auf einer Jugendfreizeit wird Menstruation zum Splatter-Element einer Horrorgeschichte. Genderfluidität, Klimawandel, Zeitreisen, Unterwelten, Außerirdische – der Einfallsreichtum der Autorin ist grenzenlos wie ihre Liebe zu sämtlichen Spielarten des Absurden. Wie bereits in »Mars« setzt Asja Bakić in ihren Erzählungen Frauen in den Mittelpunkt, die um ihr Leben kämpfen, die eigene Bedeutung in der Welt suchen oder schonungslos ihre Begierden ausleben. Aus einer stets feministischen und gesellschaftskritischen Perspektive vermischt Asja Bakić in ihren Texten Genres wie Weird Fiction, Speculative Fiction, Horror oder Erotik und nimmt die Leser*innen in die Vergangenheit, die Zukunft oder in eine Parallelwelt mit.

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Seitenzahl: 248

Veröffentlichungsjahr: 2025

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In elf Erzählungen schreibt Asja Bakić über verschiedene mehr oder weniger dystopische Welten. So begegnet uns eine Künstliche Intelligenz, die auf sexuelle Befriedigung von Frauen spezialisiert ist und darüber hinwegtrösten soll, dass es keine Männer mehr gibt. Auf einer Jugendfreizeit wird Menstruation zum Splatter-Element einer Horrorgeschichte. Genderfluidität, Klimawandel, Zeitreisen, Unterwelten, Außerirdische – der Einfallsreichtum der Autorin ist grenzenlos wie ihre Liebe zu sämtlichen Spielarten des Absurden.

Wie bereits im Band »Mars« setzt Asja Bakić in ihren Erzählungen Frauen in den Mittelpunkt, die um ihr Leben kämpfen, die eigene Bedeutung in der Welt suchen oder schonungslos ihre Begierden ausleben. Aus einer stets feministischen und gesellschaftskritischen Perspektive vermischt Asja Bakić in ihren Texten Genres wie Weird Fiction, Speculative Fiction, Horror oder Erotik und nimmt die Leser*innen in die Vergangenheit, die Zukunft oder in eine Parallelwelt mit.

Asja Bakić, geboren 1982, ist eine bosnisch-kroatische Autorin und Kulturkritikerin. Sie hat bisher einen Gedichtband mit dem Titel »Može i kaktus, samo neka bode« (»Es kann ein Kaktus sein, solange er sticht« [2009]) sowie zwei Kurzgeschichtensammlungen, »Mars« (Orig. 2015 / Verbrecher Verlag 2021) und »Sladostrašće« (Orig. 2020, Verbrecher Verlag 2025), veröffentlicht. Beide Bände sind in den USA bei Feminist Press erschienen und haben große Aufmerksamkeit erhalten. Ihr viertes Buch »Komm, ich sitze auf deinem Gesicht« (2020) ist eine Essay-Sammlung über Popkultur. Bakić wurde als eine der New Voices from Europe 2017 von Literary Europe Live ausgewählt. Sie lebt in Zagreb.

ASJA BAKIĆ

LECKERMÄULCHEN

ERZÄHLUNGEN

Aus dem Kroatischen

von Alida Bremer

Die Arbeit der Übersetzerin am vorliegenden Text wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.

Die Herausgabe dieses Werks wurde gefördert durch TRADUKI, ein literarisches Netzwerk, dem das Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten der Republik Österreich, das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland, die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, die Interessengemeinschaft Übersetzerinnen Übersetzer (Literaturhaus Wien) im Auftrag des Bundesministeriums für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport der Republik Österreich, das Goethe-Institut, die S. Fischer Stiftung, die Slowenische Buchagentur, das Ministerium für Kultur und Medien der Republik Kroatien, das Ministerium für Gesellschaft und Kultur von Liechtenstein, die Kulturstiftung Liechtenstein, das Ministerium für Kultur der Republik Albanien, das Ministerium für Kultur und Information der Republik Serbien, das Ministerium für Kultur Rumäniens, das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Sport von Montenegro, die Leipziger Buchmesse, das Ministerium für Kultur der Republik Nordmazedonien und das Ministerium für Kultur der Republik Bulgarien angehören.

Originaltitel: Sladostrašće

Erschienen bei Sandorf, Zagreb, 2020

© Asja Bakić

Deutsche Erstausgabe

Erste Auflage

Verbrecher Verlag

Gneisenaustr.2a, 10961 Berlin

[email protected]

www.verbrecherei.de

© Verbrecher Verlag GmbH 2025

Coverillustration: RIP_Courtney Love, 2010, Tatjana Doll, © VG Bild-Kunst, Bonn 2024

Gestaltung und Satz: Christian Walter

Druck: CPI Clausen & Bosse, Leck

ISBN 978-3-95732-609-6

eISBN 978-3-95732-620-1

Printed in Germany

Der Verlag dankt Antonia Frenz, Zita Perko und Annalisa Strien.

Inhalt

Der Männergraben

1998

Blindheit

Das Zentrum für Leidenschaft

Mama

Die Entführung

Δάφvη

Dorica Kastra

1740

Vogelbeobachtung

Die Leiden der jungen Lotte

Der Männergraben

1.

Das Telefon klingelte hartnäckig. Der Anruf erreichte mich in einer Lebensphase, die ich fortwährend im Liegen verbrachte. Seit einer Woche verließ ich nicht das Haus, lag stets in gleichen Kleidern, im Bett wie außerhalb, zumeist mit einer Decke über dem Kopf im Halbdunkel und dachte an nichts. Ich wartete darauf, dass das Leben vorüberging.

Mein Mann versuchte, mich mit wenig überzeugenden Einladungen zu animieren, zu Konzerten oder ins Kino zu gehen. Doch mir war nicht nach Geselligkeit. In sieben Tagen putzte ich mir nur wenige Male die Zähne, das Gesicht wusch ich gar nicht. Dann und wann tat ich so, als läse ich etwas, doch ich blickte nur durch die Buchstaben hindurch, durch das Papier, selbst durch meinen Mann, der mir den Rücken zuwandte, wenn er am Tisch saß.

Als das Telefon klingelte, waren wir überrascht, da es Sonntag spät am Abend war. Normalerweise rief uns um diese Zeit niemand an. Mit Mühe erhob ich mich aus dem Bett.

»Guten Abend«, hörte ich eine weibliche Stimme. »Verzeihen Sie, dass ich so spät anrufe, aber ich würde Ihnen gerne ein Grundstück abkaufen. Die Parzelle Männergraben. Es ist ein recht steiler Hang mit einem Brunnen darauf und einigen Akazien. Ich würde es sofort und cash bezahlen.«

Die Frau hatte sich weder vorgestellt, noch nachgefragt, ob sie richtig verbunden war.

»Männergraben? Wo soll das sein?«, fragte ich.

»Ich bin sicher, dass Sie es wissen«, sagte sie.

»Ich glaube, Sie haben sich verwählt.«

»Nein, das habe ich nicht«, antwortete sie. »Ich werde Sie in einer Woche noch einmal anrufen, zur selben Zeit. Auf Wiederhören.«

Mir wurde schwindelig. Mein Mann sah mich fragend an, er hatte nichts verstanden.

»Männergraben?«, sagte er. »Wir sollten das prüfen.«

Natürlich stellte sich heraus, wie ich es vermutet hatte, dass weder mein Mann noch ich ein Grundstück dieses Namens besaßen. Wir erkundigten uns eingehender. Nichts. Es verging ein Monat und mehr, das Telefon klingelte nicht. Ich hatte den anonymen Anruf schon beinahe vergessen, als man uns plötzlich aus dem Katasteramt anrief, um uns darüber zu informieren, dass ein Fehler passiert sei und dass ein Verwandter meines Mannes ihm die Parzelle Männergraben in Bilogora vererbt habe.

»Welcher Verwandte?«, fragte er.

Man nannte ihm einen Namen, den er noch nie gehört hatte.

»Godek? Niemand in meiner Familie trägt diesen Nachnamen.«

Papieren zufolge gehörte ihm das Grundstück, obwohl es nie ein Nachlassverfahren gegeben hatte. Zusammen mit den Dokumenten, die er nachträglich unterschreiben musste, wurde ihm ein kleines Foto ausgehändigt, das auf Karton aufgeklebt war. Auf der Rückseite hatte jemand mit winzigen Buchstaben notiert: Blick auf das Haus von I. Godek, Bilogora. Er bekam auch ein kleines Notizbuch mit abgenutztem, grünem Einband, das seinem angeblichen Verwandten, dem Forstingenieur Ivo Godek, gehört haben soll.

Zwei Tage später rief die unbekannte Frau wieder an.

»Sind Sie bereit, den Männergraben zu verkaufen?«

Das Haus, das auf dem Foto zu sehen war, erwähnte sie nicht. Es schien, als wüsste sie nichts davon.

»Wir müssen uns das noch überlegen«, sagte ich. »Wir haben das Grundstück noch nicht einmal gesehen.«

Ich fand es merkwürdig, dass sie vor uns von dem Männergraben wusste, wollte jedoch mir nichts davon anmerken lassen. Ich überlegte, dass sie vielleicht im Katasteramt oder am Gericht arbeitete und Einblick in die Grundbücher oder andere Dokumente hatte.

»Wenn Sie es besichtigen wollen«, sagte die Frau, »gehen Sie Ende Oktober hin. Da fällt das Licht am schönsten.«

»Fällt worauf?«, fragte ich.

Die Frau hatte jedoch den Hörer bereits aufgelegt.

»Mit diesem Stück Land stimmt was nicht«, beklagte ich mich bei meinem Mann.

Er stimmte mir zu. Es sah so aus, als bereite uns dieses Grundstück nur Probleme. Dennoch interessierte es mich, wie der Männergraben aussah und wie das Foto zwischen die Dokumente geraten war.

Auf dem Foto konnte man ein Bauernhaus sehen, es lag versteckt hinter einem Holzzaun und einer zur Hälfte abgetragenen Scheune. Über Bilogora haben sich im Hintergrund schwarze Wolken zusammengezogen. Woher das Licht stammte, konnte man nicht erkennen. Die Straße war mit Schlamm bedeckt. Die Bäume trugen keine Blätter. Ich betrachtete dieses Bild lange. Es war zwar klar, dass es im Herbst aufgenommen worden sein musste, aber ich konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es Oktober war. Ich wollte das besagte auf den Männergraben fallende Licht auf dem Foto des Bauernhauses ausmachen.

Da der Anruf offensichtlich nicht zufällig erfolgt war, konnten auch die Orte nicht in zufälliger Verbindung zu uns stehen. Ich recherchierte den Familiennamen Godek, er stammte aus Polen und bedeutete Versöhnung wie auch Ruhm. Das Desinteresse meines Mannes überraschte mich. Es war, als würde ihn dieses Grundstück überhaupt nichts angehen. Als ich ihm sagte, dass ich mir die Parzelle gerne anschauen würde, bevor wir sie verkauften, wollte er mich nicht begleiten.

»Bald ist Oktober«, sagte ich beleidigt. »Interessiert dich etwa der Männergraben überhaupt nicht?«

»Er wird mich interessieren, wenn wir das Geld haben.«

An das Geld dachte ich gar nicht. Tagelang konnte ich nicht einschlafen. Ich fragte mich, wie dieses Stück Land in der Realität aussah: Wie sehen die Bäume aus? Wie sieht der Brunnen aus? Den ganzen September über lag ich im Bett, kurz vor Ohnmacht.

Ende Oktober setzte ich mich endlich ins Auto und fuhr los. In der Nähe des Männergrabens gab es einige Häuser, die größtenteils verlassen aussahen, aber es gelang mir, eine Person zu fınden, die mir die gesuchte Parzelle zeigen konnte.

»Da sind wir«, sagte der Bauer. »Ihr Stück fängt an diesem Zaun hier an und reicht bis auf die andere Seite, bis dorthin, wo das Feld abgemäht ist. Der verwilderte Teil – das ist der Männergraben.«

Das Grundstück war nicht klein, obwohl es so wirkte, da es eingezwängt aussah. Das Land rund herum war kultiviert, nur der Männergraben lag verwahrlost da.

»Wenn Sie etwas brauchen, rufen Sie mich an«, sagte der Mann.

Bevor er sich entfernen konnte, fragte ich ihn: »Und Godeks Haus?«

»Welches Haus?«, fragte der Bauer verwundert.

Ich zeigte ihm das Bild.

»Hier hat es nie irgendwelche Godeks oder irgendwelche Häuser gegeben«, antwortete er.

Als der Bauer fortgegangen war, betrat ich das Grundstück, gebeugt, als würde ich an meinem Schreibtisch sitzen und nicht in der Natur sein. Mein Rücken schmerzte, und ich wünschte mir, so schnell wie möglich zurück in meinem Bett zu sein. Der Schmerz wurde immer stärker, je tiefer ich zwischen die Akazien und die Sträucher geriet, unerträglicher.

In der Mitte des Männergrabens befand sich eine kleine Lichtung. Bis ich sie erreicht hatte, waren meine Arme zerkratzt. Ich schaute mich um und suchte nach einem Platz, an dem ich mich erholen konnte. Der Brunnen war nirgendwo zu sehen. Ich wollte meinen Mann anrufen, aber ich hatte kein Netz. Schließlich zog ich die Jacke aus, warf sie auf die Erde, setzte mich darauf und lehnte den Rücken an eine Akazie.

Fast hätte ich vergessen, das Notizbuch des Ingenieurs Godek mitzunehmen. Mein Mann hatte es zusammen mit den anderen Papieren in meiner Schreibtischschublade verstaut. Vor meiner Abfahrt hatte ich es mir gar nicht genau angeschaut.

Der Schmerz in meiner Halswirbelsäule wurde so stark, als läge ein Teil des Grundstücks auf meinen Rücken. Aus der Innentasche meiner Jacke zog ich ungeduldig das Notizbuch hervor. Die erste Hälfte war leer. Im zweiten Teil erklärte Godek in winzigen, schlecht lesbaren Buchstaben zu zwei verschiedenen Zeiten irgendein altes Gesetz. Auf diese Einträge folgte sein »Kassenbuch«. Die Einnahmen auf der einen, die Ausgaben auf der anderen Seite. Ich versuchte diese Notizen zu entziffern. Die Begriffe: Sektionschef, Finanzministerium, Arbeiten, Kosten für die Austragung, Grundstücksmessungen erfasste ich gleich, aber dann geriet ich an einen Satzteil, der mich vollkommen verwirrte: Das kann man nach Artikel 86 des Seelengesetzes (…). Ich dachte, dass Ingenieur Godek hier bestimmt einen Fehler gemacht hatte, wahrscheinlich sollte es hier Forstgesetz heißen. Doch da stand wirklich Seelengesetz. Je länger ich dieses Wort betrachtete, desto klarer wurde mir, dass es sich um keinen Fehler handeln konnte. Godek hatte das richtige Wort verwendet.

Im Kassenbuch waren verschiedene Ausgaben und Schuldner notiert, aber ich hatte keine Zeit, mich näher damit zu beschäftigen. Es war eine Liste von Summen, die mir nicht viel sagte. Mit Mühe erhob ich mich. Vor meiner Rückkehr wollte ich noch eine Runde über das Grundstück laufen und versuchen, den Brunnen zu fınden. Sobald ich mich von der Akazie entfernt hatte und wieder zwischen den Sträuchern war, spürte ich ein lautes Summen in den Ohren. Das Summen hörte nicht auf, auch nicht, als ich im Auto saß. Ich nahm es mit nach Zagreb.

Mein Mann saß am Küchentisch und rieb sich nervös die Augen. Als er mich anschaute, war eines seiner Augen blutunterlaufen.

»Quält dich schon wieder die Allergie?«, fragte ich.

Die Tropfen, die er benutzte, halfen nicht. Schließlich streckten wir uns beide auf dem Bett aus. Ich wusste nicht, wie ich das Gespräch über den Männergraben beginnen sollte. Mein Mann hat keine einzige Frage danach gestellt. Ich sah ihn von der Seite an. Sein Gesicht war verformt. Er wirkte wie ein Fremder, der sich zufällig in mein Bett verlaufen hat. Er lag ruhig da, mit geschlossenen Augen und atmete tief ein und aus. In der letzten Zeit lag ich oft abwesend neben ihm, vertieft in meine Gedanken. Wir waren eigentlich beide gleich zurückhaltend, aber meine schlechte Laune hat sich personifıziert und drängte sich zwischen uns. Ich versuchte mir einzureden, dass ich schon immer so gewesen sei, aber das war eine Lüge. Ich konnte mich nur nicht daran erinnern, wann genau die Traurigkeit mich befıel.

»Sag mal, dieses Grundstück, das wir verkaufen wollen, also ich bin nicht sicher, warum die Frau es kaufen will. Die Parzelle ist völlig verwildert. Es sieht nach nichts aus.«

Mein Mann schwieg, gelegentlich berührte er mit der Hand sein gereiztes Auge.

»Den Brunnen habe ich nicht gefunden. Mein Rücken fıng an so weh zu tun, dass ich zurückkehren musste. Vielleicht könntest du einmal mit mir dorthin fahren, damit wir gemeinsam herausfınden können, worum es sich dabei eigentlich handelt.«

»Ich habe keine Lust, in dieses Dorf zu fahren, und ich habe keine Ahnung, woher ich dieses Grundstück überhaupt habe«, sagte mein Mann.

»Vielleicht wäre es am besten, dass … Ich würde gerne …«

Bevor es mir gelang, den Gedanken zu Ende zu führen, klingelte das Telefon. Der Klang war diesmal durchdringender, als wäre er in der Zwischenzeit lauter worden.

»Hallo«, hörte ich die bekannte Frauenstimme. »Waren Sie dort, um sich das Grundstück anzuschauen?«

»Ja, ich war dort. Es gibt gar nichts da, nicht einmal den Brunnen, von dem Sie gesprochen haben.«

»Der Brunnen ist bestimmt dort. Wann können wir uns treffen?«

»Ich muss noch mit dem Landvermesser hin«, log ich.

Ich wollte das Grundstück nicht verkaufen. Ich weiß nicht warum, aber ich konnte mich nicht von ihm trennen.

»Warum wollen Sie den Männergraben überhaupt kaufen?«, fragte ich.

»Aus sentimentalen Gründen«, erwiderte die Frau knapp. Weiter führte sie es nicht aus.

»Können Sie mir bitte Ihren Namen und Ihre Telefonnummer geben, damit ich mich bei Ihnen melden kann?«, fragte ich.

»Ich rufe Sie an«, sagte die Frau und legte auf.

Natürlich träumte ich vom Männergraben. Im Traum fand ich den Brunnen ohne Schwierigkeiten. Er war mit einer Blechplatte abgedeckt, und jemand hatte Steine daraufgelegt, damit die Platte nicht herunterfıel. Der Traum wiederholte sich, und jedes Mal erwachte ich mit einem leichten Tinnitus. Meine Augen öffneten sich immer an derselben Stelle des Traums – nachdem ich meine Hand ausgestreckt hatte, um einen der schweren Steine herunterzunehmen.

Zuvor hatte mein Mann sich beschwert, dass er in der Nacht aufgrund seines Herzschlages nicht schlafen konnte. Das Rauschen seines Blutstroms verfolgte ihn. Er war sich jeden Moment bewusst, am Leben zu sein. Und das machte ihn verrückt. Dann begann das Summen in den Ohren. Er blieb nachts wach, obwohl man sehen konnte, dass er bis zur Erschöpfung übermüdet war. Er ging zum Arzt, um sich gründlich untersuchen zu lassen. Er ließ sein Rückgrat röntgen, seine Carotiden durch einen Dopplerultraschall untersuchen, er ließ seinen ganzen Körper im MRT checken, doch jeder Befund zeigte, dass das alles in Ordnung war. Das Ohrensummen kam von nirgendwoher. Zu diesem Zeitpunkt steckte er auch mich mit dem Tinnitus an.

»Andere Menschen sind seelenruhig, weil sie nicht ständig daran denken müssen, dass sie leben, aber ich, ich bin immer nervös, da sich bei mir die Vitalzeichen in den Vordergrund drängen.«

Damals habe ich nicht verstanden, was er meint. Aber je stärker mein Tinnitus wurde, umso mehr begriff ich sein Problem: Mein Kopf war eine Muschel, in der ein reißender Fluss laut toste. Ich beklagte mich nicht. Ein Auge meines Mannes war blutunterlaufen, ich wollte ihn daher nicht mit meinem Kram belästigen. Wir steckten beide in unserer je eigenen Beklommenheit ohne uns austauschen zu können.

Als das Telefon das nächste Mal klingelte, nahm ich nicht ab.

»Ich will das Grundstück nicht verkaufen«, sagte ich zu meinem Mann.

»Warum?«, fragte er.

»Ich kann es nicht erklären, aber bitte hör auf mich.«

»In Ordnung«, sagte er.

Während ich ihn umarmte, verstand ich, dass der Männergraben für mich ebenfalls einen sentimentalen Wert entwickelt hatte und dass ich mich nicht von ihm trennen konnte.

2.

Das Telefon klingelte hartnäckig, jeden Tag zur selben Zeit. Ich hatte aufgehört, mich zu melden, aber ich hatte nicht die Kraft, es ganz abzustellen. Ich wusste, dass mich das Klingeln verfolgen würde, auch wenn ich das Kabel aus der Wand reißen würde. Vor dem Anfang des Winters sagte ich zu meinem Mann, der sich weiterhin weigerte, mit mir an den Männergraben zu fahren, dass es für mich an der Zeit sei, diesen erneut zu besuchen und den Brunnen zu fınden.

Ich schlug mich durch die Akazien und die Sträucher. Jetzt war es spürbar kälter, und meine Zähne klapperten. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die Temperatur auf dem Grundstück sinken würde, je tiefer ich in sein Inneres vordrang. Obwohl man nirgends Wasser sehen konnte, spürte ich in meinem Gesicht, dass sich ein Fluss in der Nähe befand, der die Luft kühlte. Schließlich musste ich stehenbleiben, um tief einzuatmen. Der Tinnitus brachte mich fast um. Es war, als pfıffe mir jemand direkt ins Ohr. Ich war desorientiert. In meinem Kopf dröhnte es.

Einige Male schaute ich mich um und blieb, verloren wie ich war, stehen. Es wurde immer kälter. Ich trug warme Stiefel, aber sie halfen überhaupt nicht. Die Kälte drang durch die Erde, jeder meiner Schritte war so schwer, als würde ich durch tiefen Schnee waten, obwohl noch keine einzige Schneeflocke gefallen war. Und dann erblickte ich etwas, was kein Brunnen war, sondern nur ein Loch.

Mein Mann erzählte häufıg von einem Traum, in dem er auf einer verschlissenen, auf den Boden geworfenen Matratze schlief. Wenn er aufwachte, begriff er, dass eine Schlange in die Matratze eingedrungen war und dort ihre Eier abgelegt haben musste. Ich sagte ihm, dass wir alle unsere Albträume hätten, aber er versuchte, mich davon zu überzeugen, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Albtraum handelte, sondern dass dieser Traum alle Eigenschaften einer Erinnerung hatte. Wir diskutierten ständig darüber, nie kamen wir zu einem gemeinsamen Ergebnis: Er war überzeugt davon, dass er sich erinnerte, und ich versuchte ihn zu überzeugen, dass er nur schlecht geträumt hatte.

»Wann hättest du überhaupt die Gelegenheit gehabt, auf einer alten Matratze voller Schlangen zu schlafen?«, fragte ich ihn.

»Ich weiß es nicht.«

Ich blickte in das Loch, eigentlich in den aufgerissenen Boden. In der Dunkelheit konnte man eine steile Treppe erkennen. Ich hatte keine Angst und stellte die Taschenlampe am Handy an und stieg langsam nach unten. Feuchtigkeit lag in der Luft, es war kalt, aber meine Neugier zog mich immer tiefer hinab. Ich ging eine Zeit lang und achtete darauf, nicht zu stolpern und in den Abgrund zu stürzen. Bald konnte ich deutlich ein Wasserrauschen hören. Ich verließ mich auf das Licht meines Handys und ging weiter hinab. Es waren etwa zwanzig Minuten vergangen, seitdem ich das Loch betreten hatte. Schritt für Schritt – und so erreichte ich den Grund. In der Nähe flackerte ein Licht, und ich ging in dessen Richtung. Je näher ich dem Licht kam, desto deutlicher wurde es, dass dort ein Haus stand. Es war Godeks Haus vom Foto. Das Haus stand zwar vollständig im Dunkeln, aber es bestand kein Zweifel daran, dass es sich um genau dieses handelte. Obwohl die Handy-Taschenlampe ausgegangen war, konnte ich noch genug sehen. Die Scheune stand an derselben Stelle, der Zaun sah genauso aus. Allerdings fehlte das Gebirge Bilogora im Hintergrund. Stattdessen breitete sich da ein großer Fluss in der Dunkelheit hinter dem Haus aus.

Jetzt konnte ich die triste Landschaft um mich herum perfekt erkennen, aber ich wollte keinen Halt machen, bevor ich das Licht und das Haus erreicht hatte. Ich klopfte fest an die Tür. Einmal, zweimal, und dann hörte ich die bekannte Frauenstimme.

»Komm rein«, sagte die Frau.

Sie hat mich erwartet. Sie war nicht im Geringsten überrascht, als ich das Haus betrat. Sie saß bequem in einem alten, zerschlissenen Sessel. In einer der Zimmerecken bemerkte ich eine Matratze, eine solche, wie mein Mann sie mir beschrieben hatte: auf dem Boden liegend, voller Flecken und zerrissen, an die Seite geschoben.

»Ich habe dich angerufen«, sagte sie, »aber du bist nicht drangegangen.«

»Das Telefon ist kaputt«, log ich, »die Klingel funktioniert nicht.«

Die Frau lachte.

»Der Winter ist im Anmarsch«, sagte sie, »es ist an der Zeit, dich von deinem Mann zu verabschieden und ihm zu erlauben heimzukehren. So war es vereinbart.«

»Ich erinnere mich an keine Vereinbarung.«

»Setz dich«, sagte sie.

Sie wies mit der Hand auf einen Schemel, der neben ihren Beinen stand. Ich gehorchte, aber mit dem Fuß schob ich den Schemel leicht in Richtung Tür. Ich wollte ihr nicht so nahe sein.

Als ich Platz genommen hatte, sah ich, dass auf dem Tischchen zu ihrer Linken eine Schüssel voller Granatäpfel und Feigen stand. Ein aufgeplatzter Granatapfel lag auf ihrem Schoß. Seine Körner waren überall auf dem Boden verstreut. Es war nicht kalt, da zu ihrer Rechten ein Feuerchen glomm, aber ich zitterte noch immer.

»Wir haben vereinbart – neun Monate bei dir, drei Monate bei mir.«

»Ich kann mich nicht an eine solche Vereinbarung erinnern«, wiederholte ich.

»Sei nicht stur«, sagte die Frau vorwurfsvoll, »jedes Jahr benimmst du dich auf gleiche Weise. Du darfst ihn nicht noch länger aufhalten, es wartet viel Arbeit auf ihn.«

Ich schwieg, was die Frau sichtlich aufbrachte.

»Sind seine Augen schon blutunterlaufen? Je länger er bei dir oben bleibt, desto schlechter wird es ihm gehen.«

»Nur ein Auge«, sagte ich siegesgewiss.

»Nimm ein wenig vom Granatapfel«, sagte sie.

Ich zögerte, doch ich war so hungrig, dass ich irgendetwas zu mir nehmen musste. Sobald ich auf den ersten Granatapfelkern biss, erinnerte ich mich daran, warum ich hier war, warum ich jedes Jahr ritualhaft die Treppe in die Dunkelheit hinabstieg und mit dieser Frau sprach.

»Nein!«, rief ich, aber es war zu spät.

Mein Mann musste zurück in das Loch, auf die dreckige Matratze. Jedes Jahr befand sich der Eingang in die Unterwelt an einer anderen Stelle. Nun war der Männergraben an der Reihe. Ich weinte bitterlich, da die verzerrten Klänge der Phorminx und der Kithara, die ich nun klar vernehmen konnte, das Liebeslied, das ich für meinen Mann komponiert hatte, sich langsam in die Trauerhymne seiner Mutter im Jenseits verwandelte. Die Frau sah mich scharf an. Ihre drei Monate bedeuteten für mich an der Erdoberfläche eine Ewigkeit.

Godek war natürlich nur ein Pseudonym, mein Mann war weder jemals Ingenieur gewesen, noch hatte er sich mit Forstwirtschaft beschäftigt. All jene Seelen, die er in seinem Notizbuch nannte und die er ausradiert hatte, warteten neun Monate lang in den Hallen unweit des Hauses darauf, dass mein Mann zurückkehren und mit ihnen die Rechnungen begleichen würde. Diese drei Monate lag er auf der Matratze neben dem Feuer, unter Mamas Füßen. Nach qualvollen Träumen stand er auf, verließ das Haus, schrieb die Verstorbenen auf und löschte sie wieder. Wenn der Frühling kam, holte ich ihn ab, erschöpft von der saisonal aufkommenden Depression, die mich befıel, solange er nicht bei mir war. Ab und an wurde ich vorher schon melancholisch, während ich noch eingelullt in das süße Vergessen nur eine Vorahnung von unserer Trennung und von seiner Rückkehr in die Unterwelt hatte, wo seine Mutter auf ihn wartete.

»Nimm!«, sagte die Frau und schob mir den Granatapfel in die Hände. »Wenn du nach Hause kommst, gib ihm davon zu essen.«

»In Ordnung«, antwortete ich, aber ich wollte nicht, dass sich mein Mann erinnerte.

Meine Zunge war schwer geworden, ich konnte kein Wort mehr herausbringen. Ich starrte auf den Boden vor mir. Der Tinnitus hatte aufgehört, aber jetzt wurden meine Ohren von anderen Geräuschen verfolgt: das Wehklagen der Menschen in den Hallen und das Rauschen des Flusses, der sie alle – einen nach dem anderen – verschlingen würde.

Ich drehte den Granatapfel in den Händen und zögerte die Rückkehr an die Oberfläche hinaus.

»Geh«, sagte die Frau, »du hast nicht mehr viel Zeit.«

Vor dem Haus blickte ich mich noch einmal um, die Liebe der Mutter zu ihrem Sohn war eine karge Landschaft in feindlicher und quälerischer Gesinnung. Ich verachtete diesen Ort, ich verachtete die Mutterschaft, weil sie mehr als alles andere den Tod verkörpert. Jedes Jahr starb mein Mann für drei Monate, damit sich seine Mutter lebendig fühlen konnte. Ich spuckte die nicht zerkauten Granatapfelkerne aus und verließ Hals über Kopf den Hades.

An der Luft fühlte ich mich sofort besser, meine Augen gewöhnten sich schnell an das Sonnenlicht, aber mein Herz schlug heftig. Ich war nicht bereit, mich von meinem Mann zu trennen. Ich stand neben jenem klaffenden Loch in der Erde, die ihn geboren hatte, und fühlte mich hilflos.

Zum ersten Mal hatte ich meinen Mann in der Nähe des Flussdeiches gesehen. Gegenüber dem Gebäude der Kroatischen Rundfunk- und Fernsehanstalt lag eine Reihe kleinerer Grundstücke, durch die sich schmale Pfade zogen, auf denen ich nachts im Mondschein spazieren ging, während alle anderen schliefen. Ich liebte die Sonne, natürlich, aber genauso konnte ich die Natur manchmal nur in der Dunkelheit ehrlich lieben.

In jener Nacht war ich unterwegs, um etwas Luft zu schnappen. Plötzlich hörte ich, dass in einem der Gärten Zweige knackten. Neugierig beugte ich mich vor, um zu ergründen, was dort vor sich ging, und erblickte einen Mann, der vorsichtig aus einem Loch in der Erde hinausspähte. Er war schön. Das kam mir damals am wichtigsten vor.

Der Frühling, auch ansonsten meine Jahreszeit in jeder Hinsicht, weckte in mir eine starke Leidenschaft. Ich war nie übertrieben keusch, aber in diesem Augenblick blühten in meinen Gedanken allerlei perverse Bilder auf. Bisweilen verwandelte ich mich in eine Meise, damit ich die Liebenden durch die Fenster beobachten konnte, oder ich kletterte wie ein Kleiber den Baum hinauf, um in die Krone zu gelangen und ungestört die Intimitäten in den Hochhäusern und Wolkenkratzern beobachten zu können. An jenem Abend, an dem ich meinen Mann zum ersten Mal sah, wollte ich zu dem Gebäude im Stadtteil Cvjetno gehen, in dem ein junges Paar lebte, das ausschließlich Analverkehr betrieb. Die Kinder folgten einer eingespielten Routine: Sie verwendeten Mandelöl als Gleitmittel, und diese Wahl erregte mich stark. Sie wiederholten es ohne jede Abweichung: immer die gleiche Pose, sie gaben immer die gleichen Töne von sich und kamen immer auf die gleiche Art. Ich hatte mich in sie verliebt. Vielleicht hatte sich etwas von dieser Verliebtheit auf das Loch in der Erde übertragen und mir einen Partner beschert, mit dem ich ebenfalls gezwungen sein würde, eine Routine zu leben, in der sich ständig eine Abfolge wiederholte: Ich verliebe mich in ihn, und anschließend habe ich unter seiner Mutter zu leiden. Unsere Beziehung war schwierig, bisweilen schmerzhaft, und ich konnte nicht umhin darüber nachzudenken, dass sie genau an dem Abend begann, als ich mir wünschte, den Analsex des jungen Zagreber Paars zu beobachten.

Nachdem ich ihn aus der Erde herausgezogen hatte, nahm ich meinen Mann mit nach Hause, damit wir uns über dieses unselige Loch unterhalten konnten und darüber, was ihn nach oben getrieben hatte.

»Ich wollte sehen, wie das Leben an der Oberfläche ist«, sagte der junge Mann, »und vor meiner Mutter fliehen.«

Ich hätte ihn zurückbringen sollen, dorthin, von wo er gekommen war, sobald er seine Mutter erwähnte. Aber ich war viel zu erregt, um das zu tun. Ich wünschte ihn mir so stürmisch, und ich war nicht in der Lage, meinen Hunger zu bremsen. In jener Nacht verführte ich ihn zum Analsex. Wir verliebten uns und beschlossen zusammen zu bleiben.

Die Beziehung zu seiner Mutter war nicht mehr dieselbe. Sie betrog uns, indem sie uns beide mit Granatäpfeln fütterte. Deshalb wurde ihr einziger Sohn drei Monate lang dazu verdammt, die Rolle eines unterirdischen Gottes zu spielen, obwohl er für diesen Arbeitsplatz völlig ungeeignet war. Er warf die Seelen der Verstorbenen flussabwärts oder er trieb sie flussaufwärts, aber all das unabhängig von ihren Taten, sondern ausschließlich nach Belieben und Gutdünken seiner Mutter. Er war unfrei. Das Loch verließ er nur, um immer wieder lustlos zurückzukehren.

»Wenn das Mutterschaft sein soll«, sagte ich zu ihm, »dann will ich nicht Mutter werden.«

Als ich wieder in Zagreb war, erzählte ich meinem Mann alles, was mir im Männergraben widerfahren war.

»Wir müssen deine Mutter loswerden«, sagte ich.

»Unmöglich«, sagte er, »trotz allem liebe ich sie immer noch.«

Er hatte von dem Granatapfel gegessen, und seine Erinnerung war zurückgekehrt. Er sah schrecklich aus, wie auf dem Totenbett. Ich sah ihn an, und nach einigen Wochen vollständiger sexueller Lustlosigkeit überkam mich erneut die Erregung. Es war, als hätte das Hinabsteigen unter die Erde mein Verlangen wiederbelebt. Ich begann, ihn spontan mit »Herr Godek« anzusprechen, zunächst scherzhaft, dann zwanghaft, wobei ich fühlte, dass diese Rolle perfekt zu ihm passte und es an der Zeit war, dass er in mir kam.

Am nächsten Abend packte er. Ich weigerte mich ihm zu helfen. Ich konnte mich nicht vom Fleck bewegen, teils buchstäblich, teils aufgrund des Unbehagens, das sein Fortgehen jedes Mal in mir hervorrief. Ich betrachtete einen Tropfen seines Samens auf meiner Fingerkuppe und stellte ihn mir vor als eine Fackel, die die ganze unterirdische Welt inklusive seiner Mutter niederbrennen würde. Die ekelhaftesten Gedanken spukten in meinem Kopf, aber ich schämte mich nicht.

»Vielleicht«, sagte ich, »vielleicht … kann deine Mutter nicht schwimmen.«

»Sie kann schwimmen«, sagte mein Mann. »Erinnerst du dich nicht daran, dass ich versucht habe, sie ins Wasser zu schubsen, als ich ein Kind war. Sie konnte auf dem Wasser laufen.«

»Woran denkst du jetzt«, fragte ich nervös.

»Die Matratze, die dort unten auf mich wartet, ist widerlich.«

»Sie verkörpert tiefste mütterliche Liebe«, sagte ich gehässig.

»Vielleicht«, antwortete er.

Ich fuhr ihn zum Männergraben, er stieg hinab in das Erdloch, und die Erde schloss sich über ihm. Ich hatte meinen Mann begraben. Bei der Verabschiedung hatten wir uns nicht einmal geküsst. Er drehte sich nicht um. Ich konnte nicht einschätzen, ob seine eiligen Schritte ein Zeichen dafür waren, dass ihm vor der Begegnung mit seiner Mutter grauste oder ob er sich heimlich darauf freute. Wie jedes Mal, wenn er fortging, verletzte er mich.