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Hans, ein renommierter und angesehener Senior Software-Engineer der Schweizer Bank, betreibt einen Leerlauf. Unentdeckt schon seit Jahren in Form seines Quality-Monitors, einem Computerprogramm, das nichts macht. Er kommt in Bedrängnis, weil die Management-Methode CMMI neue Standards und Rollen definiert, die Einzelgängern wie Hans auf die Finger schauen sollen. Ihm wird eine Testerin aus Indien zugewiesen. Beim nächsten sogenannten Zügelschub, dem Wochenende, an dem Software-Neuerungen produktiv werden, kommt es zum ersten Absturz seines Computerprogramms ... Derweil die Bankenleitung mit CEO und Investmentbanker Bob Droubel beim Umtrunk mit Fussballpapst Joe Schlatter und Scheich Achmed mit der Nachricht konfrontiert wird, dass das Finanzinstitut in den USA vom FED mit einer Busse von sagenhaften 2800 Millionen Dollar wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung bestraft werden soll ... Vieles in diesem Buch basiert auf Erlebtem, insbesondere aus der Zeit um und nach der Finanzkrise. Obwohl der absurd anmutende Alltag in der Geschichte, die hier erzählt wird, auf einem Drehbuch von 2016 beruht, liefert er eine geradezu visionäre Begründung für den Bankenzusammenbruch der Schweizer Bank, alias Credit Suisse von 2023.
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Seitenzahl: 256
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Toni Saller, 1956, Lic. Phil. I, hat 30 Jahre in der IT gearbeitet, das Programmieren 1984 noch bei der damaligen SKA gelernt. Hat sich 2014 bei der Credit Suisse frühpensionieren lassen und ist seither als freier Autor und Digitalkünstler unterwegs. Lebt heute in Rüdlingen (SH) und Riberao Preto (Brasilien). Die Erfahrungen aus seinem Berufsleben erschienen 2019 in der Erzählung: Global Limits, Meine kurze Geschichte mit der IT.
Zu diesem Buch:
Hans, ein renommierter und angesehener Senior Software-Engineer der Schweizer Bank, betreibt einen Leerlauf. Unentdeckt schon seit Jahren in Form seines Quality-Monitors, einem Computerprogramm, das nichts macht. Er kommt in Bedrängnis, weil die Management-Methode CMMI neue Standards und Rollen definiert, die Einzelgängern wie Hans auf die Finger schauen sollen. Ihm wird eine Testerin aus Indien zugewiesen. Beim nächsten sogenannten Zügelschub, dem Wochenende, an dem Software-Neuerungen produktiv werden, kommt es zum ersten Absturz seines Computerprogramms ...
Vieles in diesem Buch basiert auf Erlebtem des Autors aus seinem Berufsleben als Informatiker, insbesondere aus der Zeit nach der Finanzkrise. Obwohl der absurd organisierte Alltag in der Geschichte, die hier erzählt wird, auf einem Drehbuch von 2016 beruht, liefert er eine geradezu visionäre Begründung für den Bankenzusammenbruch der Credit Suisse von 2023.
Ein kleines Vorab
Auftretende Personen
1. Zügelschub und Curry
2. Rasch, kompetent, freundlich
3. Bodenständige Kost
4. Eine Allergie und ein böser Virus
5. Willkommen im Paradies
6. Der Sektor
7. Verkehrte Welten
8. Outsourcing ist nicht ungefährlich
9. Protection Exception
10. Lesson learned
11. Leerlauf
12. Die Pfeifen da drüben
13. Schwein gehabt
14. Pollo al Ajilho
15. Gimmer na en Löffel
16. Power off
In diesem Buch geht es um einen Leerlauf. Der Begriff ist nicht, wie es in einem Erzählwerk zu erwarten wäre, eine Metapher für das Leben, nein, er steht für einen ganz konkreten technischen und buchstäblichen Leerlauf, der somit mit dieser im Internet aufgefundenen Definition umschrieben werden kann: 'Ein Leerlauf bezeichnet in der Technik den Betrieb einer Anlage oder einer Maschine, ohne dass diese die Arbeit verrichtet, für die sie vorgesehen ist'.
Wichtig für das Verständnis des Buches ist das Bewusstsein über die Zeitumstände, in denen es spielt und grösstenteils auch geschrieben wurde. Wir befinden uns nach der Finanzkrise; das Bankgeheimnis in der Schweiz kommt durch die USA ins Wanken, deren Gerichte verhängen massive Strafen wegen aktiver Hilfe zur Steuerhinterziehung gegen Schweizer Finanzinstitute. Die zwei Grossbanken der Schweiz gehen unterschiedliche Wege: Während die eine Staatshilfe in Anspruch nehmen musste und das Investmentbanking massiv reduzierte, wird die andere von einem amerikanischen Investmentbanker geleitet, der keinen Grund für die Änderung des Geschäftsmodells sieht und weiterhin in einen Skandal nach dem anderen trampelt. Unter anderem fällt in diese Zeit, 2014 um genau zu sein, die Milliarden-Busse wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung in den USA. Ein guter Teil der Spannung, die dieses Buch entwickelt, ist einer spektakulären Theorie über den 'wahren' Grund des Wirkens dieses CEOs zu verdanken.
Das Resultat davon kam 2023. Beinahe der gesamte Inhalt für die hier dargestellte Welt entstand 2016 in Form eines Drehbuches und muss demnach aus heutiger Sicht als visionär und kreative Analyse für den Zusammenbruch der Schweizer Bank alias Credit Suisse gesehen werden. Die indische Testerin im Buch sagt als Reaktion auf die oben erwähnte Busse, 2016 wohlgemerkt, ich zitiere: „Du hast doch heute Morgen auch von dieser Busse gehört. Wenn das wahr ist ... unvorstellbar. Das gibt eine Kettenreaktion, Vertrauensverlust, Kundengelder fliessen ab, ein Teufelskreis, und am Schluss geht die Firma pleite.“
Beim nachträglichen, nach 2020 sich über Jahre hinziehenden Umschreiben des Drehbuches zu dieser Erzählung hin, baute ich einige logische Schnitzer ein, weil ich selber die Zeitumstände von 2014 nicht mehr richtig einzuschätzen wusste. So wurde in einer Version die FIFA korrekterweise von Joe Schlatter alias Sepp Blatter geleitet, wenige Kapitel später jedoch bereits von Gianni Infantino, der seinen Vorgänger mit einem aufgedeckten Boni-Skandal konfrontiert. Solche Schnitzer sind für manche Leser ärgerlich, bieten aber wie Verdichtungen, die einen Traum bearbeiten, eine Originalität, die neue Zusammenhänge aufdecken können, und schliesslich nichts anderes als schriftstellerische Freiheit sind.
Dass es ursprünglich ein Drehbuch war, wird man der Erzählung anmerken: Es ist getrieben von der Story und hat viele simple Dialoge. Ich habe bewusst darauf verzichtet, eine romanhafte Stimmung zu injizieren, zum einen, weil ich das gar nicht kann, zum anderen, weil der Charakter der Erzählung dadurch etwas Spezielles bewahrt. Dazu gehört auch, dass ich gleich anschliessend die auftretenden und handelnden Personen aufführe, zum besseren Verständnis und zum Nachschlagen bei Verwirrungen während der Lektüre, aber auch um den Charakter eines Theaters beziehungsweise Drehbuchs besser zu bewahren. Wer weiss, vielleicht findet sich dadurch doch noch ein Studio, das daraus einen Film entstehen lassen möchte.
Bei meiner Suche nach einem Produzenten 2016, habe ich zeitweise damit zu werben versucht, dass ich eine Art Fortsetzung von der Komödie Schweizermacher habe, bei der nicht mehr einbürgerungswillige Ausländer im Zentrum stünden, sondern ein auswanderungswilliger Schweizer. Das wirklich Positive dieser Suche wurde, dass ich dabei tatsächlich Rolf Lissy kennengelernt habe, einen wunderbaren und überaus grosszügigen Mensch, der zu meiner ungläubigen Überraschung und Enttäuschung selber in den 1990er-Jahren einen zweiten Teil seiner Komödie etliche Male umschreiben musste und trotzdem dafür keine Unterstützung fand.
2025 in Brasilien beendete ich dann auch die vergebliche Suche nach einem Verleger für die Erzählung, nachdem ich eine Liste aller möglichen Schweizer Verleger abgearbeitet hatte, und entschloss mich, das Buch im Eigenverlag herauszugeben.
Während meiner bisherigen 10-jährigen Schreibkarriere habe ich eines gelernt: Man kann nichts erfinden! Alle Ideen und Fantasien, aus denen schlussendlich konkrete Schreibprojekte entstehen, basieren auf Erlebtem und Erfahrenem. So hatte ich tatsächlich auf Geheiss meines damaligen Chefs einen Leerlauf programmieren müssen, und so hat tatsächlich die Organisationsmethode CMMI in der Bank, in der ich 20 Jahre gearbeitet habe, die Menschen zur Verzweiflung gebracht. Dazu passt eine fundamentale Erkenntnis über unser Dasein: Die Realität übersteigt immer jegliche Fantasie.
So gesehen war dieses Schreibprojekt für mich eine humoristische Vergangenheitsbewältigung. Eine etwas seriösere Form, nicht minder kritisch, habe ich bereits mit meinem Werk Global Limits, meine kurze Geschichte mit der IT, hinterlegt. Das Buch, das mir viele böse Reaktionen eingebracht hat, ist leider nicht mehr verfügbar. Ich habe dort noch ein ausführliches Glossar angefügt, um nicht informatikaffine Leser nicht abzuschrecken, verzichte hier darauf, um sie etwas aufzuwecken und für die Absurdität der mit der IT neu entstandenen Berufsbezeichnungen sensibel zu machen. Zudem werden die meisten von ihnen bei erstmaligem Erscheinen einigermassen einsichtig vorgestellt.
Unter Humor läuft auch die Anspielung des Covers auf das traditionelle Erscheinungsbild des Diogenes-Verlages. Die Idee dazu kam mir erst kurz vor der Produktion. Das Risiko, dass der weltberühmte Verlag davon Kenntnis bekommt und in der Folge dagegen juristisch vorgehen könnte, scheint mir überschaubar, zumal dieses Buch bloss durch ein paar Geschenkexemplare in Umlauf kommen wird. Literarische Ansprüche sind mir auch fremd, wenn ich mir einen Erfolg für das Buch wünschen dürfte: es am Kiosk neben Rosamunde Pilcher zu sehen.
Im Buch ist jegliche Rede auf Deutsch gehalten, auch wenn die Vorbilder vieler der hier auftretenden Personen gar kein Deutsch sprechen und es insbesondere bei internationalen Konzernen üblich ist, jedwede Kommunikation in Englisch zu führen. Einige Abschnitte sind mit Silbentrennung, andere nicht, Fremdwörter z. T. Kursiv, manchmal in Anführungszeichen geschrieben, Konsequenz erwartet man vergebens, Fehlerfreiheit wohl auch, ein gratis Onlinetool hat hoffentlich schlimmste Schreibfehler beheben können.
Urs Bohner
Verwaltungsratspräsident
Bob Droubel
CEO, ehemaliger amerikanischer Investmentbanker
Dave Mathew
Finanzchef, Kumpel von Droubel
Kenny Kundert
IT-Chef
Ueli Seifer
Chef Schweizer Geschäft
Markus Mühlhaus
Ehemaliger CEO der Schweizer Bank
KDAX 1
Reto
Sektorleiter
Leo
Quality-Manager und CMMI-Beauftragter
KDAX 12
Beat
Team-Chef
Hans
Hauptprotagonist, Applikations-Owner und Programmierer vom Quality-Monitor
Charlie
Stellvertreter von Beat
Reiner
Incident-Manager
Franz
Analytiker bzw. Business-Analyst
Rolf
Programmierer bzw. Software-Engineer
Werner
Programmierer bzw. Software-Engineer
Sunita
Hauptprotagonistin, Testerin, die via CMMI dem Quality-Monitor zugewiesen wird, von der Firma TATA
KDAX 13
Heinrich
Chef
Walter
Programmierer mit Problem
Res
Programmierer
Hansruedi
Analytiker
Urs
Incident-Manager
Avan
Indischer Tester, der dem Team von CMMI zugewiesen wurde, von der Firma TATA
TATA
Ramu
Chef TATA vor Ort im Berghof
Kumar
Release-Manager für den Quality-Manager, in Bangalore, Indien, wo die Schweizer Bank ein Support- und Entwicklungszentrum führt, das von TATA betreut wird.
Weitere Personen im Berghof
Jacques
Sucht etwas im Berghof
1. Performance Manager
2. Performance Manager
Raimund (Hasler)
Zuständiger vom Human Resource für das KDAX 1
Kuno
TEV, Spezialist für die Tagesendverarbeitung der IT, Choleriker
FIFA
Joe Schlatter
Präsident
Es riecht nach Curry oder besser: nach den Gewürzen, mit denen ein richtiges Curry zubereitet wird. Hier, im Land des wahren Curry, kennt man diesen britischen Ausdruck nicht. Man kennt ihn schon, gebraucht ihn aber aus Protest nicht, weil er von den ehemaligen englischen Kolonialherren bloss darum erfunden und in Europa populär gemacht wurde, um sich vor der Aufgabe zu drücken, eine der reichhaltigsten Küchen der Welt würdig und entsprechend vielfältig zu benennen.
Wir sind in Bangalore, genau in der Mitte von Südindien, Kumar schlängelt sich wie ein Slalomfahrer so rasch wie möglich durch die wie immer zahlreiche und kritische Kundschaft auf einem Gewürz- und Lebensmittelmarkt. Er hetzt nicht wegen der beinahe unerträglichen Hitze unter der freien Sonne, sondern um einen wichtigen Termin seines Arbeitgebers einzuhalten.
Es ist 10:00 Uhr morgens an seinem üblicherweise freien Samstag, 6:30 bei seinem Arbeitgeber. Der ist zwar kein englischer Kolonialherr mehr, aber immerhin ein mitteleuropäischer Finanzdienstleistungskonzern, an den er seine Arbeitskraft temporär verkauft hat. Für gutes Geld, wie Kumar meint und sich deshalb auch selbstverständlich und pflichtbewusst dem modernen, 8-geschossigen Haus am Ende des Marktplatzes nähert, wo sich sein Büroarbeitsplatz befindet.
Er grüsst in eine kleine Gruppe von Angestellten beim Eingang, die in eine angeregte Diskussion verwickelt ist. Sie nehmen von Kumar so wenig Notiz wie der Portier, der ihn, ohne zu beachten, vorbei winkt. Über ihnen verkündet ein grosses Schild im neuen, von der Abteilung Corporate Identity weltweit lancierten Schriftzug, den Namen ihres Arbeitgebers: Schweizer Bank!
In etwas kleinerer Schrift gleich darunter: IT Centre Bangalore. Kumar ist ein sogenannter Release-Manager für verschiedene Informatik-Anwendungen der Bank. Da Computer-Programme in diesen Tagen essentiell und wertvoll sind für eine Bank, werden Änderungen an der Software streng kontrolliert und getestet und nur noch gesammelt und an wenigen, ganz bestimmten Zeitpunkten im Jahr in die produktive Umgebung überführt. Zügelschub nennt man diesen Anlass auf gut Schweizerdeutsch, der am letzten Freitag eines jeden Quartals die gesamte Informatik auf Trab hält und an den Nerven aller Mitarbeiter kratzt. Kumar ist einer der Administratoren, deren Aufgabe es ist, für die in seinem Verantwortungsbereich stehenden Applikationen diesen Zügelschub mit zu organisieren und erfolgreich über die Bühne zu bringen.
Die Arbeitsplätze sind spärlich besetzt, trotzdem läuft die Klimaanlage auf Hochtouren, um die Temperaturen im Gebäude auf angenehme 24 Grad zu kühlen. Durch die getönten Scheiben nimmt man die gleissende Hitze des indischen Alltags nur noch wie eine weit entfernte, andere Welt wahr. Kumar ist erstaunlich ruhig und ausgeschlafen nach der kurzen Nacht vom Freitag auf den Samstag, an dem dieser zweite Zügelschub des Jahres stattgefunden hat. Kein Telefon erreichte ihn nach 23:00 Uhr, dem Moment, an dem jeweils tausende von neuen und geänderten Programmen für den Produktionsbetrieb aktiviert werden. Seine Aufgabe wäre damit erfolgreich erledigt gewesen, doch sein Pflichtbewusstsein erachtete es als selbstverständlich, dass er sich als Release-Manager auch darüber informierte, ob es an diesem Folgetag Probleme beim Neustart der Programme gab und gibt. Für diese Kontrollen und kleinere Tests waren grundsätzlich die sogenannten IT-Owner oder Applikationsverantwortlichen aufgerufen, da am Samstag keine grossen Kundenaktivitäten zu erwarten waren. Kumar schloss sich ihnen gerne an, um dann das restliche Wochenende entspannt und beruhigt mit seiner Familie verbringen zu können. Wenn alles glatt ging heute Morgen, wer weiss, vielleicht würde er sich ausnahmsweise die Zutaten für ein richtiges 'Curry' auf dem Markt besorgen. Kumar lächelte und startete seinen Computer.
Zwei Minuten musste Kumar warten, um sich ins produktive Rechenzentrum der Bank einloggen zu können. Wenig später sass er bewegungslos vor seinem Bildschirm und starrte gespannt auf einen Screen, der mit 'Quality-Monitor' überschrieben war. In etwas kleinerer Schrift wurde der genaue Startzeitpunkt des Programms und weitere Informationen protokolliert: 'QM, startet 6:30 on Saturday 07-27-2013, Version 3.5.2, designed and powered by Hans Freiholz KDAX 12'. Die leeren Zeilen darunter wurden nun alle zwei Minuten mit dem gleichen Satz gefüllt: 'Der Quality-Monitor läuft ohne Probleme'. Auch hier begleitet mit dem obligaten Timestamp. einem auf die Millisekunde genauen Zeitstempel, wann der Eintrag gemacht wurde. Und, offenbar ein kleiner Scherz dieses Programmierers Hans Freiholz, versehen mit einem primitiven, weil nicht grafisch dargestellten Smiley.
Obwohl Kumar kein Deutsch sprach, soviel hatte er in der kurzen Zeit – sechs Monate, um genau zu sein – in der er beim Quality-Monitor als Release-Manager arbeitete, gelernt, dass diese Einträge der entscheidende Hinweis war, um beruhigt zurückzulehnen und zu wissen, dass eines der wichtigsten Programm der Bank rund und problemlos lief. Und ebenso wichtig an diesem Tag; die Release-Nummer 3.5.2, die anzeigte, dass die korrekte Version dieses Zügelschubes in der Produktion lief.
Kumar öffnete seine Mailbox und überflog das Standardmail seines Chefs, das dieser bereits am Vortag versendet hatte, in dem er allen Mitarbeiter für den erfolgreichen Zügelschub dankte und mahnend darauf hinwies, dass 'nach dem Zügelschub' 'vor dem Zügelschub' sei. Alles wie gehabt, dachte sich Kumar und fuhr das System vorschriftsgemäss herunter, verliess die 'Schweizer Bank' in Bangalore, trat unter den blauen Himmel und verschwand zwischen den farbenprächtigen Ständen des südindischen Marktes.
* * * * * *
Dreimal drückte Beat ungeduldig auf den Knopf , ehe sich die Türe des Dreizehners öffnete und ihn an diesem grauen Montagmorgen zusammen mit einem ganzen Schwall gleich gekleideter und ähnlich frisierter Männer und Frauen in den Regen am Fusse des Uetlibergs entliess. Er eilte im Gleichschritt mit seinen Schicksalsgenossen auf das weinrote Haus zu, das aus der Luft betrachtet einem riesigen Bienenhaus glich, weil es in sechs gleichförmige Waben aufgeteilt war. Der damals für den Bau verantwortliche Generaldirektor war tatsächlich Bienenzüchter und betrieb einen Stock auf dem Flachdach dieses ehemals grössten und nach seinem Neubau 1980 angeblich modernsten Bürogebäudes der Schweiz. 3000 Angestellte, die Hälfte von ihnen in der Informatik, arbeiteten hier.
Es war Montag nach dem Zügelschub, die Ungeduld in und um Beat verständlich, auch wenn das Wochenende ohne Noteinsätze verlief und somit ein erfolgreicher Update der Software für die gesamte Bank durch die Informatik vermutet werden durfte. Alle wussten allerdings auch, dass die grosse Bewährungsprobe noch bevorstand, heute nämlich, wenn sich die tausenden neuen und veränderten Programmkomponenten zum ersten Mal im täglichen Betrieb zu bewähren hatten.
Beat beeilte sich, um für den kurzen Weg nicht noch umständlich seinen Regenschirm aus der Tasche klauben und aufspannen zu müssen. Am Eingang versperrte eine breite Reihe von Drehkreuzen den freien Eintritt für die Ankömmlinge. Beat fürchtete sich jeden Morgen vor dieser Prozedur, um ins Innere des Gebäudes zu gelangen. Umständlich klaubte er seinen Batch, den Firmenausweis mit integriertem Chip, der für das Freigeben der elektronischen Sperren programmiert war, aus dem Portemonnaie und schob ihn mit Daumen und Zeigefinger in den Schlitz an einem freien Durchgang.
Das kleine grüne Licht an der Frontseite des Drehkreuzes leuchtete kurz auf, so wie die Hoffnung in Beats Augen, doch der 40-jährige Teamchef der Instradierung KDAX 12, die korrekte und genaue Bezeichnung seiner Heimat in der riesigen Informatik-Organisation der Bank, schaffte es zu spät, die glatte Karte wieder rechtzeitig aus dem schmalen Schlitz, in dem sich der elektronische Leser versteckte, zu klauben, was die fatale Folge hatte, dass das Drehkreuz sofort wieder blockierte. Diesmal angezeigt durch das rote Lämpchen, das permanent zu blinken begann.
Beats Flüche gingen im Geräusch der sich drehenden Aluminiumrohre neben sich unter. Es blieb ihm auch diesmal nichts anderes übrig, als an der Kontrollkamera gleich neben den Drehkreuzen um Eintritt zu bitten. Er drückte den Knopf unter dem Lautsprecher der Kamera, die so aussah wie das legendäre Computerinterface HAL aus '2001 a Space Odysse'. Was er allerdings auf sein Drücken hin zu hören bekam, klang eher wie die Lautsprecherdurchsage aus der Anfangsszene von Jacques Tatis 'Les Vacances de Monsieur Hulot', nämlich als ein völlig unverständliches und verzerrtes Gebrummel aus dem Mund eines ignoranten und sich um einen strengen Ton beflissenen Beamten.
„Halloooo, ich verstehe nichts“, schrie Beat als Antwort in das Mikrophon.
Die Stimme aus dem Lautsprecher wurde verständlicher: „Also was ist nun?“
Mit jetzt etwas gedämpfter Stimme Beat: „Können sie mir bitte ein Drehkreuz freischalten, ich konnte meinen Ausweis nicht schnell genug herausziehen.“
Die Stimme: „Halten sie den Ausweis mit dem Foto ganz nahe an die Kamera.“
Was dann Beat auch unverzüglich machte und nach langen sechs Sekunden die Reaktion aus dem Lautsprecher provozierte: „Ach, der schon wieder! Also bitte, ihr Gesicht vor die Kamera und nicht bewegen.“
Und endlich, nach weiteren sechs Sekunden: „Zweite Türe rechts, aber schnell.“
Was Beat nicht davon abhielt, sich noch freundlich vom von der Stimme zu verabschieden: „Vielen Dank!“
Schliesslich durfte man es sich mit solchen Schlüsselpersonen der Gebäudekontrolle, auf die er beinahe täglich angewiesen war, nicht leichtfertig verscherzen.
Er eilte an das Drehkreuz, wo das grüne Licht aufleuchtete. Mit der Hüfte kurz das Kreuz berührt, drehte sich dieses nun wie Butter nach vorne und gab den Eingang frei. Endlich drinnen blieb Beat kurz stehen und holte tief Luft. Über dem Eingang der Bank erlosch gerade die Nachtbeleuchtung vom Schriftzug über dem Eingang: Schweizer Bank, Zentrum Berghof.
* * * * * *
Hans starrte gegen den Uetliberg, aus seinem Grossraumbüro, Ebene 9, Wabe 5 des Berghofs, wo sein Arbeitsplatz an der Fensterfront immerhin so lag, dass ihm ein ungehinderten Blick in die Umgebung gestattet wurde. Er sah die Spitze des Zürcher Hausberges mit seinem Aussichtsturm durch den leichten, aber stetigen Regen, kaum. Durch das dicke Glas hindurch kamen keine Geräusche von draussen in das Gebäude, Hans hörte nur das gleichmässige Schnaufen der Klimaanlage.
Er war entspannt, oder zumindest nahe daran, sich mit Erfolg einzureden, dass er entspannt sei. Wieder einmal war ein Zügelschub ohne Probleme über die Bühne gegangen, das allein war doch Grund genug, den Montag und die ganze Woche in aller Ruhe anzugehen. Auf dem Bildschirm betrachtete er die erste Statistik seines Quality-Monitor nach dem Release. Die Meldungen 'Der Quality-Monitor läuft ohne Probleme' füllten im Zweiminutentakt seinen Bildschirm. Keine Probleme, wie nicht anders zu erwarten. Einmal mehr behielt er eine weisse Weste, das bedeutete hier in der Programmierabteilung: Es waren keine Notfallaktionen nach dem Zügelschub nötig, die Fehler oder gar Programmabstürze zu beheben hatten. Er faltete seine Hände hinter dem Kopf zusammen und lehnte sich in seinem Stuhl zurück: Er war und blieb einer der angesehensten Programmierer in der Schweizer Bank.
Früher, von Frühling bis tief in den Herbst hinein, bestieg Hans den Uetliberg regelmässig an den freien Wochenenden. In seinen kleinen Rucksack packte er jeweils eine alte leere PET-Flasche, gefüllt mit Wasser oder Tee, zwei drei Traubenzucker, oftmals eine Banane und wichtig, ein Handtuch und ein oder zwei trockene Leibchen. Von 'Besteigen' kann bei diesem Hügel natürlich keine Rede sein, ein besserer Spaziergang war es, allerdings nahm Hans jeweils den direktesten und darum steilsten Fussweg nach oben, und war darum auf der Spitze dermassen verschwitzt, dass er das durchnässte T-Shirt wechseln musste.
Das Team, in dem er arbeitete, trudelte nach und nach ein. Die Bürotische wurden vor einigen Wochen neu angeordnet, unsystematisch und unter Mitbestimmungsrecht der Mitarbeiter diesmal, die neueste Massnahme des Managements, um die Atmosphäre kreativer zu gestalten, wie es hiess. Ein weiterer Schritt in Richtung Smart-Workplace, einer grossen Initiative der Abteilung Human Ressources. Keine Alibi-Übung wie das letzte Mal, wo sie bloss deutsche Berufsbezeichnungen durch englische ersetzten. Seither war er Senior-Software-Engineer und nicht mehr bloss Programmierer. Böse Zungen behaupteten damals, das sei bloss darum gemacht worden, um ihnen keine Lohnerhöhung bezahlen zu müssen, weil die neuen Berufsbezeichnungen in den Lohnvergleichstabellen noch kein Usus waren.
Zum neuen Smarten gehörte auch der sogenannte Marktplatz in der Mitte des wabenförmigen Grossraumbüros, zu dem jetzt Hans langsam schlenderte, um sich einen von George Cloney persönlich gesegneten Espresso genehmigen zu lassen. Nur das Beste ist gut genug für die verwöhnten Informatiker, schien die Botschaft der Stunde.
Hans stellte die Tasse auf einen der Stehtische und betrachtete fasziniert die Szene vis-a-vis durch die Glasfront einer schalldichten Besprechungsbox, wo sechs Leute wild gestikulierend auf einen eingeschüchterten Vortragenden einredeten, der, so schien es, seine komplizierte, an die Wand projizierte Präsentation zu verteidigen suchte.
Vollends überzeugt, dass er eine gute Woche vor sich haben würde, war Hans, als Jacques die Szene vor dieser Box betrat, in der rechten Hand einen Zettel, auf den er immer wieder blickte, um die darauf gelesene Nummer oder Information mit der an der Schiebetüre zum Boxen-Eingang zu vergleichen. Ob der Mann Jacques hiess, wusste Hans nicht. Er nannte ihn so, weil er exakt so durch die Welt läuft, wie es Jacques Tati in seinen Filmen zu tun pflegt. Sein regelmässiges Auftauchen in den Gängen des Grossraumbüros hatte eine gleichsam meditative Wirkung für ihn, der sonst so trübe Alltag wurde so ein wenig veredelt, wie er meinte. Er gönnte sich einen zweite Tasse Kaffee, ging damit gemächlich an seinen Platz zurück und lächelte bei der Frage, die er sich selber stellte, nämlich ob wohl Jacques auch eine Massnahme des Management war, das Arbeitsklima kreativer zu gestalten.
Hans setzte sich, und stellte seine Tasse, auf der noch der alte Schriftzug der Bank zu sehen war, auf seine Tischplatte. Auf der Rückseite der Tasse war in goldenen Letter zu lesen: 'Für den besten Programmierer 2012'. Neben dem Telefon stand eine kleine Pyramide aus Karton, deren sichtbare Seiten einen abgestandenen Werbespruch des Institutes aus dem vorigen Jahrhundert wiedergaben: 'Rasch, kompetent, freundlich'. An der Stellwand im Rücken von Hans, die ihn vor den Blicken seiner Kollegen aus dem Grossraumbüro schützen sollte, hingen Poster von einigen genialen Erfindungen des Abendlandes, ein Bericht von einem Kinderprojekt von Worldvision, bei dem sich Hans engagierte, und zwei farbenprächtige Fotos von fremden, exotischen Märkten unter blauem Himmel.
Hans las das zweite von den unzählig vielen Mails, die jeden Tag bei ihm eintrudelten. Es war ein persönliches an ihn gerichtetes vom Chef, kurz und prägnant gehalten, am Sonntagabend wohl von zuhause aus auch an alle anderen Teammitglieder verschickt: 'Gratuliere zum erfolgreichen Release, morgen Apéro.' Keine Frage, Hans hatte eine entspannte Woche vor sich.
* * * * * *
Hans war an diesem Montagmorgen nicht der Erste aus seinem Team im Berghof, weil ein Zügelschub zu kontrollieren, oder weil er gar ein Streber war, nein, schlicht und einfach darum, weil er bloss vier Fuss-Minuten von diesem Gebäude entfernt wohnte. Sicher wollte er an diesem ersten Produktionstag nach dem Release ein wenig Präsenz markieren, obwohl er ja wusste, das alles gut laufen würde. Aber diese Bank setzte viel auf äusseren Schein, ein ab und zu gezeigtes Engagement konnte sich nur positiv auf die anstehenden Bonus-Entscheide auswirken.
Seine Kumpanen aus dem Team trudelten nach und nach ein, gegen 9:30 Uhr waren sie beinahe vollzählig. Zur linken Seite von Hans am Doppeltisch zwei sich bewegungslos gegenüber sitzende Männer, die beinahe apathisch in ihre Bildschirme starrten. Rolf und Werner waren wie Hans Senior-Software-Engineers. Auch sie sassen seit der Amerikanisierung ihres Berufsstandes wesentlich entspannter und selbstbewusster in ihren Stühlen, mit so einem Titel lässt es sich bedeutend leichter nachdenken, was im übrigen die absolut treffende und Umschreibung der Tätigkeiten eines Software-Engineers ist: Dasitzen und nachdenken!
Neben den Beiden am Einzeltisch sehen wir Franz, ein Analytiker oder liebevoller, ein Request-Engineer, bei seiner typischen Arbeit: dasitzen und versuchen, nachzudenken. Jetzt gerade übte er seine zweite Lieblingsbeschäftigung aus und zupfte sich seine Nasenhaare aus seinem Riechorgan. Geschafft, jetzt durfte er sich beruhigt zurücklehnen und ein bisschen auf seinen Lorbeeren ausruhen.
An einem weiteren Einzeltisch sitzt Reiner, ein Incident-Manager, und der hatte hier wahrhaft am meisten ehrliche Arbeit zu verrichten, er musste immerhin die Produktionsprobleme entgegennehmen und tracken, sorry ich meine natürlich nachverfolgen. Nicht nur von den eigenen Applikationen verursachte, sondern auch von Teamkollegen gegenüber fremden Anwendungen aufgebrachte, die er bei den entsprechenden IT-Ownern, ich meine natürlich Applikationsverantwortlichen, platzieren und wie gesagt bis zur Lösung nachverfolgen musste. Um dieses ganze Problemlösungswesen zu administrieren wurde vor kurzer Zeit das erste im Unternehmen weltweit eingesetzte Tool mit dem sinnigen Namen Incident-Manager eingeführt. Um ein solches Tool bedienen zu können, brauchte es eine Fachkraft, einen Spezialisten, der nichts anderes tat, und das war eben in Hans' Team der Reiner.
Reiner sass angestrengt und verkrampft im Stuhl, sicher erfasste er gerade einen Incident, aber schauen wir doch schnell auf seinen Bildschirm. Zu spät, der Incident ist schon erfasst, wir sehen gerade noch die Bestätigung aufleuchten: 'Your Incicent will be processed as soon as possible, have a good day, Incident Team Wroclaw, in any case of problem, feel free to contact us any time'. Ein erfolgreich erfasster Incident, das ist die halbe Miete in diesem Laden, Reini durfte sich getrost den Schweiss von der Stirne wischen.
Kommen wir zu den leitenden Angestellten, da ist zunächst Charlie, unser Vizechef. Vis-a-vis von ihm wäre unser Chef, aber sie sehen ja, der ist noch nicht da, und so musste doch Charlie für ihn an der wöchentlichen Chef-Videokonferenz mit einigen Teams aus Indien, die gemeinsam mit ihnen an einem Projekt arbeiteten, teilnehmen. An sich keine so grosse Sache, für Charlie hingegen auch keine so einfache. Man darf gar nicht hinschauen, der arme Teufel. Nicht, dass da irgendwas Wichtiges besprochen oder gar beschlossen würde, es ist die Technik, mit der Charlie auf Kriegsfuss steht. Das gilt im übrigen auch für den noch nicht anwesenden Chef persönlich, überhaupt, so dachte Hans, erschien ihm 'Technologieunverträglichkeit' geradezu eine Voraussetzung in diesem Laden, um in der Hierarchie aufzusteigen.
Immerhin konnte Charlie mit einem Doppelklick die Videokonferenzanwendung erfolgreich öffnen: „Hallo Zürich, auch schon wach, auch schon online? Halloooo ...!“ Hastig versucht Charlie, seinen Kopfhörer mit eingebautem Mikrophon einzustöpseln, was irgendwann auch gelang, und er erleichtert antworten konnte: „Hier Zürich, alles klar.“ Dann muss er offenbar die falsche Taste gedrückt haben, der Bildschirm mit den vielen Menschen in einem weit entfernten Konferenzzimmer verschwand auf Nimmerwiedersehen.
Der weitere Verlauf des Morgens war abzusehen: Charlie würde in etwa einer Stunde zum Hörer seines Telefons greifen und seine Chef-Kontrahenten der Videokonferenz schlicht und einfach anrufen, um zu erfahren, was es so Dringendes gab. Die Telefone, von der Firmenleitung wohlweislich als 'Kommunikationsersatz' in Betrieb gehalten, waren für jemanden wie Charlie auch keine einfache Ersatzlösung, schliesslich drohten auf den Ungetümen von Apparaten aus den frühen 90er-Jahren beinahe gleich viele Tasten wie auf den heutigen Computern.
Wie gesagt, Reiner hatte es nicht so mit der Technik, war aber ein netter Kerl, übrigens wie sein Chef, den wir noch nicht kennen. Das ganze Team schien aus netten Kerlen zu bestehen, inklusive unser Hans, den über sein Team hinaus bekannte und erfolgreiche Schöpfer des Quality-Monitors.
Aahh wie schön, da sehen wir doch noch den Chef ankommen, Beat heisst er übrigens. Als erstes schmeisst er mit hochrotem Kopf seinen Batch in eine Schublade des Bürotisches. Wahrscheinlich hatte er Probleme mit der Drehtüre, aber wie gesagt, auch er ein netter Kerl.
* * * * * *
Beat packte seinen Laptop aus, schloss ihn an die Dockingstation und drückte den roten Power-Knopf. Eine mannshohe Trennwand zu seinem Gegenüber Charlie sollte so etwas wie Privatsphäre vorspielen, ein Privileg für die Chefs im Grossraumbüro. Auf der wackligen Wand thronte ein grosses Schild mit der Aufschrift 'KDAX 12', die offizielle Bezeichnung oder im Fachjargon der Organisationslehre Instradierung von Beat's Team. Flache Hierarchien wurden zwar alle Schaltjahre wieder angekündigt, für die Umsetzung fehlte der Firmenleitung der Mut, wie zu vielem anderen auch, Titel- und Hierarchiemanie wucherten wie eh und je.
Während sein Computer noch startete, ging Beat von einem Arbeitsplatz zum anderen und schüttelte jedem einzelnen Teammitglied die Hand, er gratulierte mündlich zum erfolgreichen Release vom Wochenende. Bei Hans angekommen meinte er: „Ich gratuliere dir, einmal mehr ein hervorragendes Zügel-Wochenende, kein einziges Telefon, alles tipptopp. Dein Monitor bleibt sauber und hat mittlerweile die beste Fehlerbilanz in der ganzen Bank, null Fehler in 10 Jahren! Super. Und wir gelten als eines der besten Teams, dank dir Hans.“
Beat setzte sein breitestes Lächeln auf und kehrte mit den Daumen nach oben zeigend an seinen Tisch zurück. Wie in seiner Seifenoper, dachte Hans und lächelte ihm freundlich nach.
Wenig später betrachtete Hans die Szenerie in seinem Team und sah auf den sprechenden Beat, dann auf der anderen Seite der Trennwand den sanft vor sich hin dösenden Charlie. Nach etwa einer Minute beendete Beat seinen Monolog mit der auffordernden Frage: „Stimmt's?“
Wie aufs Stichwort fuhr Charlie auf und reagierte prompt: „Ja ... ja ja.“
Beat ging nun zu Reiner, unserem Incident-Manager: „Was los heute morgen?“
„Eine ganz kleine Sache, ich habe Wroclaw schon informiert, das heisst einen Incident eröffnet.“
Beat: „Danke Reiner.“
Beinahe im gleichen Moment hatte sich im Folder 'Posteingang' von Reiner der Zähler um eins erhöht. Der öffnete umgehend die empfangene Nachricht, sie war aus Wroclaw, beziehungsweise aus dem polnischen Callcenter, das für die Schweizer Bank dort aufgebaut wurde : 'Wir können leider niemanden ermitteln, der sich für ihr Problem zstänudig erklärte und müssen den Incident daher zurückweisen, beziehungsweise an sie zur eigenständigen Lösungsfindung retournieren. Bitte beachten sie die für den Empfänger eines Incidents vorgesehenen Fristen, bei Nichteinhaltung muss und wird das offene Problem in der Organisation eskaliert. Vielen Dank für ihr Verständnis, ihr Helpdesk Wroclaw'.
Und auch diesem Mail folgte in provokanter und ebenso lächerlicher Weise angefügt die hier in Englisch belassene Standardphrase: 'In case of problems, feel free to contact us any time.'
„Sehr schön, sehr schön, vielen herzlichen Dank für diesen netten Montagmorgen. Das war das letzte Mal, das ich einen Incident erfasst habe“, dachte sich Incident-Manager Reiner vom KDAX 12, stand auf und trottete fluchend Richtung Marktplatz, um sich einen Kaffee zu gönnen.
Kumar sah zufrieden auf seinen Bildschirm, wo an diesem Montagmorgen in Bangalores IT-Zentrum der Schweizer Bank immer noch klar und deutlich zu lesen war: 'Der Quality-Monitor läuft ohne Probleme'! Deutsch war als Sprache in solchen Programmmeldungen nicht nur verpönt, sogar verboten, wenngleich nicht offiziell oder für den Übeltäter mit Konsequenzen belegt. Dieser Hans konnte sich das offenbar leisten, so dachte sich Kumar, um sich gleich zu korrigieren und verbessern: „Der Monitor von Hans ist so alt, damals gab es noch kein Englisch in der Bank.“
