4,99 €
Der Verlust der mächtigsten Waffe des Reiches verschiebt die Machtverhältnisse im Land. Der einzige Held, der helfen könnte, fällt aus, sodass eine neue Heldin geboren wurde.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 361
Veröffentlichungsjahr: 2022
L.T. Ayren
Legende der Wolkenläufer
Bewahrerin der Feder
Cover: Monia Ayernschmalz
Korrektorat/Lektorat: Petra Liermann, Christine Lagerbauer
Verantwortlich für den Inhalt des Textes
ist der Autor L.T. Ayren
© 2022 L.T. Ayren
2. Auflage, Vorgängerausgabe 2021 unter „Bewahrerin der Feder“
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
ISBN Softcover: 978-3-347-54068-2
ISBN E-Book: 978-3-347-54076-7
Alle Rechte liegen bei dem Autor L.T. Ayren
Copyright © 2022
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland. Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks und der Übersetzung, sind vorbehalten. Ohne ausdrückliche schriftliche Erlaubnis des Autors darf das Werk, auch nicht Teile daraus, weder reproduziert, übertragen noch kopiert werden, wie zum Beispiel manuell oder mithilfe elektronischer und mechanischer Systeme inklusive Fotokopieren, Bandaufzeichnung und Datenspeicherung. Zuwiderhandlung verpflichtet zu Schadenersatz. Alle im Buch enthaltenen Angaben, Ergebnisse usw. wurden vom Autor nach bestem Wissen erstellt. Sie erfolgen ohne jegliche Verpflichtung oder Garantie des Verlages. Er übernimmt deshalb keinerlei Verantwortung und Haftung für etwa vorhandene Unrichtigkeiten.
Inhalt
DER FLUCH
GESTOHLEN
WACHSAM
DER KÖNIG
THAL
DER ZAUBER
FREIAS KAMPF
THALS KAMPF
DER ALCHEMIST
DES NEFFEN PLAN
LITENS KAMPF
ANTRITT
HAST
AUF DEM WEG
ALTE PFADE
TERGRUS REICH
UNUMKEHRBAR
VERLOREN
GILDE DER SCHATTENWELT
DER AUFSTIEG
BÜNDNIS
DER WILDE FLUSS
DES KÖNIGS KRONE
SCHACHT
LIEBESTRANK
LANGE REISE
FLUCHT
DER FEHLGRIFF
DER RETTER
ERLÖSUNG
An allen Schattenkrieger dieser Welt, die gegen ihre Dämonen kämpfen: Fürchtet euch nicht, die verborgenen Seiten zu ergründen.
Für die besten Eltern auf Erden, die uns die Welt zeigten und Flügel verliehen.
DER FLUCH
Laut brummte der tiefe Siegesschrei über das Schlachtfeld. Tergru, der Herrscher über alle Königreiche, stand auf einem Berg gefallener Soldaten. Wut verzerrte das Gesicht des Hünen, das mit dem Blut seiner Feinde und dem Dreck dieser Welt beschmiert war. Wie dumpfe Pauken hallte seine Stimme zwischen den Ruinen der Hafenstadt Fangheagen und den Weiten des Tals. Verzweifelt versuchten seine Gegner, sich vor ihm und seiner Armee zu retten. In einem heillosen Durcheinander rannten sie über die Felder zu den Bergen. Die Überlebenden stolperten ohne Rücksicht über die vielen Verletzten und prügelten den letzten Funken Lebendigkeit aus ihnen heraus. Gejagt von dem Gebell und Lachen der Armee Tergrus, versuchten sich die Flüchtenden in einem der vielen Zugänge zur Schattenwelt zu verschanzen. Obwohl sie wussten, dass sich große Teile Tergrus Gefolgschaft ebenfalls in den Tiefen der Berge aufhielten, krallten sie sich an die letzte Hoffnung, dem Wesen zu entkommen, das es geschafft hatte, die gesamte Welt zu versklaven.
Triumphierend stampfte Tergru, weiter mordend, über den Schauplatz seines größten Erfolges. Mit Leichtigkeit enthauptete er einen am Boden liegenden Zwerg, nachdem er mit einem Tritt den Kopf eines Wolkenläufers zum Zerbersten gebracht hatte. Mit voller Konzentration und ohne jegliche Regung bahnte er sich seinen Weg zu dem Höhleneingang.
»Schnell, kommt hier rein! Wir müssen den Zugang verschließen.« Eile und Panik schwang in der Stimme eines jungen Wolkenläufer-Alchemisten mit. Das Schwert lag schwer in seinen Händen. Den Herzschlag spürte er bis in die Stirn. Um ihn herum stolperten zunehmend die Verletzten durch den Eingang.
Mit jedem Schwerthieb kamen Tergru und seine Armee näher. Der Alchemist sah die vielen Toten und Verletzten. Hörte die lauten Schreie der Hoffnungslosen und das Splittern der Knochen der Hilflosen. Roch das Blut und verbranntes Fleisch. Beim Anblick seiner gefallenen und leidenden Feinde funkelten Tergrus Augen voller mordlustiger Erregung.
Die Schlacht war verloren. Jeder spürte das. Mit seiner Entscheidung, die Flucht durch die Schattenwelt zu wagen, würde er weitere Opfer unter seinen Mitstreitern heraufbeschwören. Mit der Entscheidung, den Zugang zu verschließen, würde er das Todesurteil über die zurückgebliebenen Heere der verschiedenen Völker verhängen.
»Siehst du den Wolkenläufer dort? Er ist unsere Reißleine. Nach ihm müssen wir den Eingang verschütten.« Der Alchemist deutete auf einen herannahenden Soldaten, als er einer alten Zauberin seine Anweisung entgegenbrüllte. Obwohl die beiden vor wenigen Stunden noch ihre Ränge und Armeen getrennt hatten, war dies nun völlig vergessen. Armeen, Völker, Ränge: All dies war vergessen. Unruhig standen sie nun gemeinsam zwischen dem kalten brüchigen Gestein. Die vielen Angreifer ließen den Boden erzittern. Das Gestein bröckelte unter der Vibration. Schlag um Schlag kam Tergru näher. Den langen Irokesen mit seinen schweren Metallringen zusammengebunden. Kopf um Kopf rollte über den Boden. Egal, ob seine eigenen Soldaten oder einer seiner Feinde, er metzelte sich seinen Weg frei zu den Überlebenden.
»Das ist Wahnsinn, wir müssen jetzt dichtmachen!«
»Noch nicht!«, erwiderte der Alchemist, der den herannahenden Wolkenläufer nicht aus dem Auge verlor. »Ihr da! Los, kommt her und greift euch ein paar Steine!« Die hereinstolpernden Menschen, Zwerge, Waldvölkler und anderen Wesen ansprechend, versuchte er mit gezielten Würfen auf Tergru, den Fliehenden etwas Zeit zu verschaffen.
Die Angesprochenen taten, wie ihnen geheißen worden war, und versuchten ihrerseits, Tergru und seine Angreifer so lange wie möglich von sich fern zu halten. Jeder Steinwurf brachte Hoffnung, ein weiteres Leben retten zu können. Stein um Stein hagelte auf die Angreifer ein. Wie durch ein Wunder zeigten ihre Bemühungen Wirkung. Zwar konnten sie Tergru nicht aufhalten, allerdings etwas verlangsamen. Vor allem die Masse der Angreifer wurde träge.
»Gleich hat er es geschafft, haltet noch etwas durch!«
Plötzlich stieg in dem Alchemisten die Hoffnung, dass es zumindest einige noch aus der Hölle des Krieges herausschaffen könnten. Er wollte so lange wie nur möglich warten, um noch einigen die Möglichkeit zur Flucht bieten. Doch gerade als dieser Samen der Hoffnung aufgekeimt war, machte Tergru diese zunichte. Er griff nach einem seiner eigenen Geschöpfe, einem Urger, und schleuderte ihn in Richtung des fliehenden Wolkenläufers. Das laute Geschrei des Wesens, das zur Hälfte einem Affen glich, schmerzte in den Gehörgängen des Alchemisten. Kurz gab er dem Impuls nach, seine Ohren zu bedecken, blickte dann aber hastig wieder nach oben. Gerade als er den Flüchtenden wiedergefunden hatte, sah er, wie der Urger ihn mit seinem Säbel mittig halbierte und sich dann selbst an einem scharfkantigen Stein das Genick brach. Abermals durchbrachen laute Schreie den Tumult. Dieses Mal aber war es die Zauberin, die einen schrillen Schrei der Verzweiflung ausstieß.
»Er ist zu nah, wir müssen den Eingang blockieren.« Der Alchemist zog die letzten Krieger in die Gänge. »Schnell, wir haben keine Zeit mehr!«
Die Zauberin fasste sich wieder. Eilig brachte sie sich in Position.
»Tuiteam!«, rief sie, während sie einen großen Stab mit aller Gewalt in den Boden rammte. Kaum hatte sie ihren Zauberspruch gesprochen, gaben die Gesteinsschichten nach. Hinter dem steinernen Vorhang sah sie noch, wie die auf sie Zustürmenden verschüttet wurden oder ungläubig auf den Zugang blickten. Sie wandte ihren Blick ab und ging tiefer in die Gänge. Erneut wiederholte sie ihren Zauberspruch. Schicht um Schicht verschloss sie die Gänge.
Immer tiefer trieb es die Völker in den Berg. Erst als von außen kein Ton mehr nach innen drang, legten sie eine Pause ein. Der Hohlraum war durch Fackeln und magische Zauberlichter hell erleuchtet. Die Schmerzensschreie und Klagelaute der Soldaten füllten die Halle mit Traurigkeit und Leid.
»Das hast du gut gemacht. Jetzt können wir nur noch hoffen.« Der Alchemist legte eine Hand auf ihre Schulter. Beide wussten, dass sie über Tausende Krieger etwas Schlimmeres als den Tod gebracht hatten.
Es war nur ein Bruchteil der Soldaten, die sich in die Höhle hatte retten können und doch waren es Tausende, die dicht gedrängt in der Halle versammelt waren. Der Alchemist und die Zauberin blickten sich um. Sie erkannten Trauernde, Schwerverletzte und Tote.
Plötzlich hallte ein schriller Schrei, der durch das kahle Gestein verstärkt wurde. Ein Schrei, der nicht von dieser Welt war. Sie versuchten, die Quelle ausfindig zu machen. Mehr und mehr Zauberlichter wurden entfacht, um dessen Ursprung zu finden. Langsam, aber stetig näherten sie sich der Quelle des Schreis. Die Soldaten, die noch laufen konnten, waren erschrocken zur Seite gesprungen.
Im hintersten Winkel der Höhle saß ein kleines Holzmännchen. Um ihn herum hatte sich eine kleine Gruppe Krieger versammelt. Langsam drückten sich Alchemist und Zauberin durch den Ring der Soldaten.
»Warst du es, der so geschrien hat?«, hakte der Alchemist nach.
»Ja … «, schluchze das kleine Holzmännchen, das aussah wie ein wildes Gestrüpp von dürren Ästen, mit schmerzverzerrtem Gesicht.
»Es hat Schmerzen! Wie heißt du denn, Kleiner?« Die Zauberin kniete sich nieder.
»Craobh … « schniefte er.
»Haben wir denn einen Bader hier?« Der Alchemist suchte hektisch den Raum ab, während die Zauberin Craobh untersuchte.
»Moment … Ich glaube, er ist … « Die Zauberin legte die Finger auf das kleine Männchen.
»Er ist was …?«, erkundigte sich der Alchemist ungeduldig.
»Ich glaube, er ist ein Energiewandler«, zögerte sie, ihre Vermutung zu erläutern.
»Ein Energiewandler? Aber das ist ja fantastisch«, brach es aus dem Alchemisten heraus.
»Craobh? Richtig? Du hast erst, seitdem du in der Höhle bist, Schmerzen, oder?«
Craobh nickte.
»Das ist unglaublich. Wir brauchen hier ein Feuer.« Freudig durchsuchte der Alchemist seine Taschen, während er zeitgleich versuchte, etwas Entflammbares zu finden. Er griff nach kleinen Ästen, Stoffresten der Verwundeten und packte die ein oder andere Axt auf einen Haufen. Mit seltsamer Freude eilte er durch die Reihen der Soldaten.
»Was soll das denn bitte jetzt werden?« Die Zauberin meldete sich verwirrt zu Wort.
»Ich habe eine Idee. Wir kommen hier alle wieder heil raus. Wir können ihn noch besiegen.«
»Mia könn‘ ihn b‘siegen? Geht’s no‘? Die komm‘n sicher durch ‘nen and‘ren Eingang. Mia san verlor‘n«, maulte einer der Zwerge.
Unbeirrt stapelte der Alchemist brennbares Material vor das Holzmännchen.
»Das kriegen wir hin. Lasst mich machen. Wir brauchen eine Zauberin, einen Alchemisten und einen Energiewandler.«
Mehr und mehr verwunderte Gesichter wandten sich dem Treiben zu. Sie tuschelten, wurden aber von der Hoffnung des Alchemisten angesteckt. Er griff nach einer der Fackeln und entzündete das Feuer. Das Feuer war nun zwischen ihm und der Zauberin, die bei dem Holzmännchen ausgeharrt hatte.
»Craobh. Wir können ihn mit deiner Hilfe besiegen. Deine Schmerzen kommen von der Zuneigung, die hier in der Luft liegt.«
»Zuneigung?« Craobh quälte sich die Frage über die Lippen.
»Nennen wir es Liebe! Du musst von ihr zu mir durch das Feuer gehen.«
»Durch das Feuer? Er ist ein Baumling!«, sagte einer abfällig über Craobh von hinten.
»Ja, ich gebe zu, es ist ein kleines Risiko. Aber er wird es überleben.« Der Alchemist spürte den aufkommenden Widerstand gegen seine Idee. Er wusste, dass er schnell handeln musste. Noch bevor sich zwei Lager bilden konnten, schrie er in die Menge: »Leute! Es ist unser einziger Weg hier raus. Wir können die Energie hier nutzen, um Tergru einen Fluch aufzuerlegen. Einen Fluch, der zweihundertfünfzig Jahre dauern wird. Einen Fluch, der ihn mit der Zeit zu einem von uns werden lässt. Wir brauchen hierfür uns drei und noch jemanden …« Ungläubiges, aber erwartungsvolles Getuschel kam auf. »Der Fluch kommt nur dann zustande, wenn es ein Reich verschiedenster Völker über die Dauer von zweihundertfünfzig Jahren schafft, einen König auf den Thron zu setzen. Wir brauchen aus unserer Mitte einen König.«
Kaum hatte er seine Worte beendet, wollte plötzlich jeder König werden. Heftige Diskussionen brachen aus. Die verschiedensten Völker hatten schon bald einen der ihren als den passenden König auserkoren. Zwischen den Gruppen kam es zu Diskussionen. Jeder versuchte seinen Standpunkt als den einzig Wahren zu vermitteln. In der Hitze des Gefechts verflog zunehmend das, was sie eben noch verbunden hatte.
Der Alchemist blickte auf das Holzmännchen, dem es zunehmend besser ging. Er erkannte, dass ihm stetig die letzte Möglichkeit auf einen guten Ausgang durch den Zorn genommen wurde. Leider fiel ihm keine Lösung ein, wie er die Eintracht zwischen ihnen wiederherstellen konnte.
»Ich kenne diesen Fluch. Er ist sehr, sehr mächtig.« Die Zauberin flüsterte ihm über die Schulter ins Ohr. »Und du weißt selbst, dass an den Fluch noch weitere Verpflichtungen geknüpft sind.«
Er fühlte sich von ihr ertappt. Obwohl er keine Zeit hatte, alles zu erklären, vermittelte sie ihm das Gefühl, dass er die Hexe anlog. Doch bevor er sich weiter Gedanken machen konnte, wurde das Getuschel unterbrochen. Ein lauter Knall kündigte an, dass die Barriere durchbrochen worden war. Schritte näherten sich. Ein kehliger Schrei kündigte Tergru an.
Schlagartig kippte die Stimmung wieder. Verzweiflung machte sich breit. Wie die Ratten in einer Kiste waren sie gefangen und dem Tode geweiht. Der Alchemist blickte auf Craobh, der gerade wieder zu Boden sackte. Er verstand, dass alle Männer, Frauen und andere Wesen in Gedanken bei ihren Liebsten waren. Sie verabschiedeten sich innerlich bereits. Dachten ein letztes Mal an die Familien. Egal welcher Vertreter nun vor ihnen stand, alle hatten sie eins gemein: die Liebe zu den Daheimgebliebenen.
»Schnell! Der König, muss auch gegen Tergru standhalten können.« Der Alchemist nutzte den letzten Strohhalm, der ihm geblieben war. Er musterte die verängstigten Gesichter, während das Gebrüll immer lauter wurde. »Wer von euch starken Kriegern will nun der König werden?«
Wie erwartet, meldete sich keiner von den Vertretern, die eben noch die schönsten Reden geschwungen hatten. Lediglich ein kleiner Arm ging nach oben. Ein Junge. Kaum vierzehn Jahre alt.
»Ich kann das machen!«
Skeptisch und ebenso überrascht schauten ihn alle an.
»Du? Woher kommst du denn, kleiner Mann?«, fragte der Alchemist.
»Ich bin Knappe, ich komme aus einem Dorf namens Erbess.«
»Ich bin dafür!«, rief der größte alle Männer in der Halle.
Viele folgten ihm. Keiner widersprach. Je näher die Schritte kamen, umso mehr stellten sich auf die Seite des Jungen. Mehr und mehr suchten Schutz hinter den größeren Steinen, die überall in der Höhle verteilt waren.
»Macht’s scho‘!«
Die Frauen und Männer in der Halle wurden zunehmend panischer, was wiederum dazu führte, dass es Craobh immer schlechter ging.
»So sei es. Craobh, es liegt an dir. Willst du durch das Feuer gehen?«
Craobh lag gekrümmt auf dem Boden. Vor Schmerz konnte er sich kaum noch bewegen. Halb tot richtete er sich auf. Er stand da. Das furchteinflößende Brüllen der Vielen kam näher. Craobh zögerte. Er dachte nach. Nickte dann aber.
Schnell brachten sich die Zauberin und der Alchemist in Position. Sie nickten sich zu und gaben somit das Zeichen für den Beginn des Zaubers. Beide murmelten ihre Formeln unverständlich vor sich hin. Es war beinahe so, als hätte ein böser Zauber von ihnen Besitz ergriffen und spräche nun mit ihren Zungen in fremder Sprache.
Craobh machte sich mit kleinen Schritten auf den Weg in das Feuer. Unter den verängstigten Augen der Menge beeilte er sich, bevor das Feuer nur noch als Glut hätte bezeichnet werden können. Gerade als Tergru das Versteck betreten hatte, erreichte das Holzmännchen die Flammen.
Ein gewaltiger Lichtstrahl bahnte sich durch die Gänge der Höhle. Gleißende rote Flammen erleuchteten jeden Winkel. Der Alchemist bedeckte seine Augen mit den Händen, bevor er geblendet werden konnte. Die Erde bebte. Er spürte ein leichtes Rütteln, dann, plötzlich, ein Knall. Die schlagartig freigesetzte Energiewelle tötete den Großteil der Armee des Bösen. Tergru wurde durch die Luft geschleudert und knallte gegen einen scharfkantigen Felsvorsprung. Geschwächt versuchte er sich aufzurichten, taumelte. Mit vereinten Kräften schafften sie es, ihn zu überwältigen und mit einem Fluch auf ewig in der Hafenstadt gefangenzuhalten.
GESTOHLEN
Zweihundert Jahre später …
»Sie ist verschwunden.« Hektisch rannte der Wärter durch die dunklen Gänge der Schatzkammer in Richtung des Thronsaals. »Die Feder …«, prallte sein panischer Ton in der Dunkelheit von den kahlen Steinwänden ab. »Die Feder ist weg«, schrie er, als er die Tür vom Thronsaal zu König Ludowin von Lien, Herrscher über das Königreich Erbess, aufriss.
Schwerfällig richtete sich der König auf. Müde und gezeichnet von langer Krankheit bemühte er sich, Stärke auszustrahlen.
»Du meinst die magische Schreibfeder, mit der Thal sich die Gunst des Volkes erschlichen hat?« Buko, der Neffe des Königs, konnte nicht mehr innehalten und ließ seinem Impuls freien Lauf. Kurz wollte ihn der König zurechtweisen, aber er spürte, wie das Alter all seine Energie geraubt hatte.
Der Wächter richtete den Blick auf den Boden und nahm eine unterwürfige Haltung ein, als er Buko antwortete.
»Ja, mein Herr, die Schreibfeder aus unseren Schatzkammern.«
»Du erzählst mir also, dass die Feder, mit der Thal dieses schändliche Buch geschrieben und sich somit den nächsten Platz auf des Königs Thron erschlichen hat, geklaut worden ist?«
»Mein Herr, ich … ich …«
»Genug!« Buko spuckte vor Zorn, als er den Wächter unterbrach. »Was könnt ihr eigentlich?« Und an den König gewandt, erklärte er deutlich freundlicher: »Mein König, erinnert Ihr Euch noch? Die Schreibfeder, mit der der Wettstreit um Eure Nachfolge gewonnen wurde? Thals Buch, das ihn mit der Unterstützung des Volkes zu Eurem Nachfolger gemacht hat? Sie wurde gestohlen.« Bukos Stimme klang gekünstelt fürsorglich, als er seinem Onkel die Botschaft wiederholte.
Zusammengekauert, mit bleichem Gesicht und leerem Blicke lauschte dieser den Ausführungen seines Neffen, konnte sich aber keinen Reim auf das Gesagte machen.
»Wer bist du?« Die großen Hallen verschluckten die Stimme des Königs. Ein Wimmern war alles, was Buko vernehmen konnte. Er legte seine Hand auf die Schulter des gebrechlichen alten Mannes. Sein Gesicht verzog sich zu einer hinterhältigen Grimasse.
»Mein Herr, wegen der Feder … « Die Wache unterbrach die Stille.
Buko ignorierte ihn und richtete den König in seinem Thron auf. Unter dem Keuchen und Husten des Alten wandte er sich der Wache zu.
»Was glaubst du, was passieren wird, wenn wieder jemand Falsches diese Feder in die Hände bekommt und erneut mit seiner Schundliteratur Lügen und falsche Versprechen streut?« Groß und mächtig stand Buko nun vor dem Thron. Als der junge Mann aus der Schatzkammer gerade zu einer Antwort ansetzen wollte, beantwortete er seine eigene Frage. »Das Volk ist zu dumm, um das zu verstehen. Kein magisches Geschreibsel sollte irgendjemandem einen Posten vermitteln, nur weil die dumme Masse es für gut heißt. Ich bin der einzig wahre Thronfolger. Der Einzige, der dieses Volk regieren, nein, retten kann.« Buko stand mit ausgebreiteten Armen vor seinem Onkel und blickte freudestrahlend nach oben. Das lauter werdende Ächzen schien er gar nicht mehr wahrzunehmen. Geistesabwesend begann er, immer lauter zu lachen.
Kurz überlegte die Wache, sich von dannen zu schleichen, entschied sich dann aber, vor Buko auf die Knie zu gehen. Erst als das Husten des Königs so klang, als würde er sein Leben ebenfalls vor Bukos Füße speien wollen, kam Buko zurück in die Realität.
»Na, na, Großväterchen. Bald haben wir es ja hinter uns.« Zärtlich klopfte er dem König auf den Rücken. »Wachen!«, brüllte er in die große Halle. Schlagartig rissen weitere Soldaten das Tor am Ende des Thronsaals auf. »Bringt euren König in seine Gemächer. Ihm ist nicht wohl!« Seine kratzende Stimme wirkte beinahe erheitert, als er seinen Befehl aussprach.
»Buko … Wir müssen … reden …« Der König stammelte vor sich hin. In seinen lichten Momenten erinnerte er sich wieder an seinen Neffen.
»Mein König, erholt Euch erst einmal. Wir reden ein andermal. Ich regle das für Euch.«
Gestützt von den Wachen wurde der König aus seinem Thronsaal begleitet.
»Du!« Buko wandte sich wieder der Wache zu, die ihm die Botschaft von der geklauten Feder überbracht hatte. »Bringe er mir diesen Hauptmann Gingst!« Buko rieb sich freudig seine Hände. Erneut hatte er dieses gehässige Grinsen aufgesetzt.
»Hauptmann Gingst?« Ungläubig blickte der junge Mann Buko an.
»Tu einfach, was ich dir befohlen habe, und frag nicht so blöd.« Bukos Ton ließ keinen Platz für Zweifel an seinem Befehl.
Wie ein gejagtes Kaninchen sprang die Wache erschrocken von dannen, um sich auf den Weg zu machen, seinen Hauptmann aus seiner Kammer zu beordern. Schnell hatte er denn Thronsaal verlassen.
»Das war der letzte Fehler von diesem Stümper.« Buko lachte lauthals, als er die wenigen Stufen zum Thron emporstieg. Er griff nach den Polstern, die seinen Onkel gerade noch gestützt hatten, und schmiss sie mit einem heftigen Wurf in die Ecke. Zufrieden ließ er sich auf dem Thron nieder und machte es sich bequem.
WACHSAM
»Freia, kann ich einen Moment stören?« Troich, ein Zwerg und einer der ersten Gefolgsleute Freias, platzte in den Raum.
Freia blickte überrascht auf. Sie hatte ihre volle Kampfmontur, angelegt. Das geschmeidige dunkle Leder lag eng an ihrem Körper an. Freia strahlte selbst in den ruhigen Zeiten permanente Kampfbereitschaft aus. Wie so oft hatte sie sich mit der Frage beschäftigt, wie sich das Königreich nach dem Tode des Königs entwickeln würde. Sie dachte viel und oft darüber nach.
Freia lächelte freundlich, als sie Troich erkannte. Sie spürte ihm gegenüber eine tiefe Verbundenheit und glaubte, ihren ersten Freund im Leben gefunden zu haben. Immer wenn sie ihn sah, stellte sie sich vor, wie sie mit ihm Seite an Seite gegen die Bösen der Welt kämpfen und gewinnen würde.
»Die Feder wurde gestohlen.«
Ihr Lächeln verschwand augenblicklich.
»Sind wir uns ganz sicher, dass sie gestohlen wurde? Von wem?« Ihr sonst so makelloses Gesicht legte sich in Falten, als sie angestrengt nachdachte. Sie wusste nicht, ob sie sich freuen oder zornig sein sollte. Endlich hatte sie wieder ein konkretes Thema, dem sie sich zuwenden konnte. Nach dem Zusammenbruch des alten Reiches hatte sie sich oft allzu unnütz gefühlt und als die einzige Verliererin in der neuen schönen Welt des zukünftigen Königs.
»Wir haben unsere Augen und Ohren überall, die Feder ist weg. Mehr wissen wir aber noch nicht.«
Freia ging in ihrem kleinen fensterlosen Arbeitszimmer auf und ab. Viel zu lange hatte sie in den Tiefen der Stadt ausgeharrt und darauf gewartet, dass Thal gewaltsam seinen Thron ergreifen würde, den er für sich im Wettkampf errungen hatte.
»Was ist der Plan hinter dem Ganzen? Denk nach! Wer könnte davon profitieren?«, murmelte sie vor sich hin.
Ein breites dunkles Band hielt ihre langen Haare davon ab, ihr ins Gesicht zu fallen und sie von ihren Gedanken abzulenken. Thals siegreicher Kampf um den Königsthron hatte sie und ihre Rebellengruppierung vor einiger Zeit gerade noch davon abhalten können, gegen König Ludowin und seinen Neffen Buko in den Krieg zu ziehen. Seitdem grübelte Freia oft darüber nach, wie sie ihre Fähigkeiten, die sie als ehemalige Söldnerin benötigte, einsetzen konnte.
»Es wird Zeit, mal wieder an die frische Luft zu kommen! In diesem Mief kann ich nicht denken.« Troich warf ihr ihren braunen Mantel zu, der über einem Stuhl gehangen hatte.
Aus Gewohnheit suchte Freia ihre dunkle Maske, die sie immer dann trug, wenn sie sich unter die Bewohner begab. Als sie vor dem Wettstreit noch selbst oft im Dienste Bukos gestanden hatte, hatte sie penibel darauf geachtet, unsichtbar zu sein. Seitdem sich die Stadt zum Positiven verändert hatte, verspürte sie jedoch nur noch selten die Notwendigkeit, ihr Gesicht zu verbergen. Freia hatte seit der Ankündigung des neuen Thronfolgers den Eindruck, dass sich die Menschen und Wesen viel häufiger und offener auf den Straßen begegneten. Sie alle packten mit an, um für das gemeinsame Ziel, die Verbesserung der Lebensbedingungen und ein Leben ohne Gefahren, zu verwirklichen.
Zielstrebig machten sich Freia und Troich durch die langen feuchten Gänge des Untergrundes auf den Weg. Obwohl viele der »Verstoßenen«, wie sie sich selbst nannten, wieder in ihre Heimat und Häuser zurückgekehrt waren, war in den Stollen noch immer einiges los. Bodenschätze und Güter aller Art wurden in den unterirdischen Gängen transportiert und an die Oberfläche gebracht. Viele der Gestalten und Wesen blieben einfach aus Gewohnheit hier. Als Freia die Gänge entlangschritt, bemerkte sie, wie die Männer – ihre Männer – ihr Respekt zollten. Sie wusste, dass sie sich als Anführerin jederzeit auf ihre Gefolgsleute verlassen konnte. In der Vergangenheit hatten sie es diverse Male bewiesen, so auch Troich, der ihr nun eines der klapprigen Gitter, die auf die Straßen von Erbess führten, öffnete.
Sonnenstrahlen blendeten sie, als sie die Dunkelheit hinter sich ließ. Beinahe schmerzhaft schien ihr die Präsenz der hellen Sonne am blauen Himmel.
»Das ist doch gleich besser?« Troich schloss quietschend das Gitter und reckte sein Gesicht in die Sonne.
Freia spürte die klare Luft in ihren Lungen. Sie blickte sich in der Straße um. Ihre Krähe landete elegant auf dem geschlossenen Tor, das die Seitengasse von der Straße abtrennte. Freia lächelte, als sie das in der Sonne schimmernde Gefieder des Vogels erblickte. Sie wollte ihr Tier nicht allzu oft in den engen Gängen einsperren, somit ließ sie die Krähe frei in der Stadt umherfliegen. Das enge Band, das sie verband, sorgte dafür, dass sie sich jederzeit wiederfanden, egal wo sie gerade waren.
Sanft streckte Freia ihre Hand aus, um ihren treuen Begleiter zu streicheln. Das Tier kletterte auf ihre Hand. Behutsam führte sie sie auf ihre Schulter und blickte sich um. Sie sah einen Kaufmann, der gerade aus einem Bäckerladen kam.
»Vor nicht allzu langer Zeit hätten wir ihn nicht hier in den ärmeren Vierteln gesehen«, bemerkte Troich.
Tatsächlich erkannte Freia die Straße kaum wieder, in der sie stand. Bis vor Kurzem waren hier weder Läden gewesen, noch hätte man diesen Pfad als Straße bezeichnen können. Freia schritt über das neu verlegte Kopfsteinpflaster und freute sich für die Bewohner der Stadt. Versorgt mit frischem Sauerstoff, schossen ihr wieder die Erinnerungen an das Gespräch, das sie eben noch mit Troich geführt hatte, in den Kopf. Den Mantel mit ihren Händen knetend, dachte sie nach. Wer könnte davon profitieren? Was könnte denn jemand mit der Feder anfangen wollen? Und warum hat er nicht einfach gefragt? Kaum hatte sie ihre Fragen formuliert, spürte sie, wie ihre Gedanken sprangen. Warum bin ich eigentlich noch hier? Hier werden meine Fähigkeiten eh nicht benötigt! Die Stadt braucht mich doch eigentlich gar nicht! Die sind doch alle zufrieden, wie es ist?
Tief in ihren Gedanken versunken, merkte sie nicht, wie Troich entspannt das Gesicht in die Sonne hielt. Er beobachtete sie einen Moment. Er spürte förmlich, wie sie jedes Szenario der Welt in Gedanken durchspielte.
»Wäre schon hilfreich, wenn wir wüssten, was diese Feder denn so alles kann?«, murmelte er mit einer tiefenentspannten Stimme.
Freia hielt inne und drehte sich zu Troich um. Sie hatte den kleinen kämpferischen Zwerg noch nie entspannt in der Sonne stehen sehen. Sein Bart und sein wildes Haar leuchteten rostig in der Sonnenschein.
»Du sonnst dich? Das sieht für mich aus, als würde ein Fisch an Land gehen. Pass auf, dass du dir keinen Sonnenbrand holst.« Freia war sichtlich irritiert und zugleich glücklich, ihren Freund so entspannt zu sehen. Troich schmunzelte lediglich über ihren Kommentar. »Deine Idee ist genial.« Sie boxte ihn hart auf die Schulter.
»Welche Idee?« Der Zwerg rieb seine schmerzende Schulter. Freias Härte schätzte er am meisten an ihr.
Einen kurzen Moment dachte sie daran, sich einfach in der Stadt niederzulassen und sich von ihrem sprunghaften Lebensstil zu verabschieden, spürte aber tief in ihrem Inneren, dass sie dem Ruf des neuen Abenteuers nicht widerstehen konnte. Für ein Leben an einem Ort war sie nicht geschaffen. Eine Kriegerin wäre ohne das Kämpfen nie in der Lage, glücklich zu werden. Das Verschwinden der Feder entfachte ihre tiefste Sehnsucht.
»Es wird Zeit, denjenigen aufzusuchen, der die Feder wohl am besten kennt. Ich habe ein ganz komisches Bauchgefühl. Vielleicht wird Buko die Feder gegen uns einsetzen.« Freia blickte, mit abenteuerlich funkelnden Augen, zu Troich.
Der Zwerg rieb sich irritiert sein Haupt. »Thal?«, wollte er von ihr gerade noch in Erfahrung bringen, als er bemerkte, dass sie sich wohl umgehend in den Wald aufmachen würde, um Thal einen Besuch abzustatten.
»Genau! Thal!«, sagte sie, begleitet von dem Quietschen des Gitters, bevor sie sich im Eiltempo zurück in den Untergrund aufmachte.
DER KÖNIG
Laut hämmerte es gegen Bukos Tür. Um alle neuen Entwicklungen im Palast aus erster Hand zu erfahren, hatte er sich in einem der prächtigsten Schlafsäle, die sonst nur von den höchsten Gästen bei ihren Besuchen bewohnt wurden, einquartiert. Die Dunkelheit hatte sich, wie der Klang eines traurigen Liedes, in jeder Ritze des Zimmers ausgebreitet und wartete darauf, abgelöst zu werden.
»Mein Herr, Ihr müsst dringend kommen!«
Der fordernde Ton der Wache stieß Buko unangenehm auf. Er spürte Zorn in sich aufsteigen. Schnell war er aus dem Bett gesprungen und entzündete eine Kerze. Das kleine Licht tauchte den Raum und Buko in einen unheimlichen Lichterschein. Seine Narben leuchteten rot und wurden von dem Abdruck des Kissenmusters bedrohlich hervorgehoben. Noch bevor er seinen Morgenmantel überwerfen konnte, um den Störenfried zurechtzuweisen, ertönte erneut die Stimme des Wachmanns.
»Es geht um den König, es geht ihm nicht gut!« Des Wachmanns Stimme spülte die Dramatik seines Anliegens in den Raum.
Bukos Laune klärte sich, der Zorn verschwand und er spürte beinahe so etwas wie Freude in sich aufsteigen. Zügig öffnete er die eleganten Flügeltüren. Buko tätschelte den Überbringer der Botschaft sanft an der Schulter.
»Ja, dann leuchte er mir den Weg zum König!«, befahl er seinem Gegenüber in einer fast sanften Stimme, als würde er mit einem Kind reden.
Irritiert folgte dieser der Anweisung Bukos und begleitete ihn mit einer gusseisernen Laterne durch die Gemäuer. Auf dem kurzen Weg von Bukos Schlafsaal zu den Gemächern des Königs schien Buko übermäßig gut gelaunt und konnte es gerade noch unterdrücken, mit dem einfachen Wachmann im Nachtdienst etwas zu plaudern. Sichtlich erleichtert, Bukos unpassender Stimmung zu entkommen, öffnete die Wache die Türe zum königlichen Schlafgemach. Helles Licht sprang Buko entgegen, der schützend seine Hand vor die Augen hielt.
»Na, dann sehen wir doch mal, was wir hier haben«, flüsterte er sich selbst zu, als er den Raum betrat, um nach seinem Onkel zu schauen.
Er durchschritt den Türrahmen und schlagartig änderte sich seine Miene. Scheinbar bedrückt und traurig ging er zum Bett des Königs.
»Buko!« Der König sprach leise und schwach, freute sich aber dennoch, seinen Neffen zu erkennen.
»Mein König … Onkel, geht es Euch gut?«
Knistern von einem Feuer in einem gewaltigen und prachtvoll verzierten Kamin aus Marmor füllte die Stille. Der König versuchte, sich aufzurichten. Sein Gesicht war aschfahl und eingefallen. Er wirkte beinahe so, als hätte man den Großteil des Lebens aus ihm herausgesaugt. Buko griff ihm unter die dünnen Arme und hob ihn sanft an, sodass er etwas erhöht auf einem der weißen Kissen lag. Der König begann zu husten. Es hörte sich trocken und schmerzhaft an.
»Onkel … ! Holt Wasser für den König!« Buko blickte hektisch im Raum umher.
Ein Dienstmädchen des Königs sprang, wie aus dem Nichts kommend, mit einem Krug Wasser auf die beiden zu. Gerade als sie sich dem König näherte und sich zu ihm hinunterbeugte, um ihm beim Trinken zu helfen, riss Buko ihr den Krug aus der Hand. Unsanft schubste er sie weg. Dabei verschüttete er ein klein wenig Wasser, wofür er sie mit bösen Blicken strafte. Buko musste grinsen, als er sich vorstellte, wie er sie anschrie und sie für ihr Fehlverhalten für einige Tage in den Kerker werfen ließe. Immer noch grinsend und mit zusammengebissenen Zähnen zischt er die Magd an. »Darauf komme ich später noch zurück und jetzt verschwinde!«
Genauso schnell, wie sie gekommen war, verschwand sie nun und verließ direkt den Raum. Dadurch waren Buko und der König nun allein im Zimmer. Wieder hustete der König schmerzerfüllt und holte ihn aus seinen Gedanken zurück. Wie von einem guten Neffen erwartet, führte er den Krug sanft an die Lippen des Königs. Dieser trank, so viel er nur konnte, kam aber mit dem Schlucken nicht mehr hinterher und drohte sich zu verschlucken. Unachtsam kippte Buko dem König weiter Wasser in den Mund. Das kalte Nass quoll schon langsam aus seinem Munde und ließ sein unrasiertes Gesicht feucht werden. Hastig schluckte er ein letztes Mal, ehe er sich wild hustend dem Wasserkrug entzog.
Buko blickte überrascht. Offensichtlich war er in Gedanken schon ganz woanders gewesen.
»Verzeiht mir, Onkelchen, das war nicht meine Absicht.« Er richtete den König wieder auf und klopfte ihm emotionslos den Rücken.
»Bu… Buko …« Der König versuchte hektisch, seine Worte an Buko zu richten. Buko spürte, dass ihm nicht mehr sehr viel Zeit blieb. Bedeutungsschwere Worte mussten dem König auf der Zunge liegen. Er blickte nachdenklich drein. »Buko! Hör zu!« Die letzten Kräfte mobilisierend, packte er seinen Neffen beherzt an der Schulter und zog ihn nahe zu sich heran. »Du musst dafür Sorge tragen, dass Thal noch heute Nacht meinen Thron besteigt!«
Die Worte des Königs riefen Verwunderung in Buko hervor. Warum soll ich diesen Vogel jetzt zum König machen? Wenn der Alte heute abkratzt, dann übernehme ich die Kontrolle hier. Kaum hatte Buko seinen Gedanken fertig gedacht, spürte er das Verlangen, seinen Onkel an Ort und Stelle mit seinem eigenen Kissen zu ersticken, allerdings ergriff der König zu schnell wieder das Wort.
»Er muss den Thron besteigen, um den Fluch aufrecht zu erhalten!«
Ein Fluch? Jetzt kann es nicht mehr lange dauern, dann hat er es hinter sich. Dabei muss ich mir die Hände nicht schmutzig machen. Lass ihn mal reden.
»Tergru, der Herrscher der Hafenstadt Fangheagen, ist nicht nur ihr König. Er ist die Reinkarnation der Schattenwelten. Ein Fluch, der über zweihundert Jahre dauert, soll ihn in eine menschliche Gestalt verwandeln.« Der Atem des Königs wurde schwerfällig und er drohte beinahe das Bewusstsein zu verlieren.
Buko verstand nicht ganz, warum ihn das betreffen sollte, also schüttelte er seinen Onkel in der Hoffnung, ihn für ein paar Minuten länger in der Welt der Lebenden zu behalten.
Der König kam wieder zu sich, doch seine Augen waren nur noch schmale Schlitze als er fortfuhr.
»Nur solange der Thron von Erbess von seinem König besetzt ist, bleibt der Fluch aufre… « Erneut fielen dem König die Augen zu. Seine Atmung wurde flacher.
Buko spürte, wie der König mit jedem Atemzug dem Reich der Toten näher kam. Obwohl Buko seinem Ziel so nahe wie noch nie war, spürte er, dass er noch nicht alles erfahren hatte. Wieder schüttelt er seinen Onkel. »Mein König, bitte erzählt weiter!«
Langsam schlug der König erneut seine Augen auf. Er lächelte, als er Buko erkannte. »Mein Junge, auch wenn du nicht König sein wirst, in meinem Herzen wirst du immer einen Platz haben. Versprich mir, dass du Thal mitteilen wirst, dass er unsere Grenzen mit aller Gewalt verteidigen muss!« Er führte sanft seine Hand in Richtung von Bukos Gesicht. Die kalte Hand tätschelte sanft die Wangen des Neffen.
Buko erinnerte sich, wie oft sein Onkel ihn so in seiner Kindheit liebkost hatte. Ungewohnte Finsterkeit stieg ihn ihm auf, als sein Onkel ihm ein letztes wohlwollendes Lächeln schenkte.
In einem Moment der Schwäche griff er nach dem Wasserkrug, mit dem er eben noch seinen Onkel versorgt hatte. Thal soll König werden, sagt er. EinFluch? Das kann nicht stimmen! Oder doch? Und warum ist mir dieses Bild aus meiner Kindheit in den Sinn gekommen? In seiner Verwirrtheit schmiss er das Gefäß gegen die Wand.
Der Lärm alarmierte den Wachmann auf dem Gang, der aufgeschreckt die Tür aufgerissen hatte und sich nun suchend im Raum umblickte. Schnell stand er in der Mitte des Raumes und blickte auf den leblosen Körper des Königs.
»Ist er … Ist der König tot?« Der Wachmann starrte ungläubig auf den im Bett liegenden bleichen Körper. Fragenden Blickes wandte er sich an Buko. Der sah in zwar, ignorierte ihn aber zunächst. »Wenn der König nicht mehr unter uns weilt, wäre dann nicht Thal … «
Noch bevor er den Satz zu Ende sprechen konnte, hatte ihn Buko bereits gepackt und drückte ihn gewaltsam gegen die nächste Wand. Allein die Nennung von Thals Namen ließ ihn völlig die Kontrolle verlieren.
»Mein Onkel ist nicht tot!« Buko schrie, während er die Kehle des Soldaten zudrückte. »Solltest du auch nur ein Wort hiervon erwähnen, dann bist du es, der nicht mehr unter den Lebenden weilt!« Buko schleuderte ihn auf den Boden.
Nach Luft ringend, meldete sich die Wache wieder zu Wort. »Mei… Mein Herr, für mich sieht er aber nicht mehr lebendig aus.«
Mit einem gezielten Tritt gegen den Kopf des Wachmanns beendete Buko die Diskussion. All seine Wut legte er in diesen einen Tritt. Als der Wachmann bewusstlos zusammenbrach, konnte er wieder einen klaren Gedanken fassen.
Er sagte, der Thron muss vom König besetzt sein. Das wäre ja jetzt Thal. Nein, das lass ich nicht zu. Aber wenn niemand weiß, dass der König tot ist, dann würde es ja reichen, wenn sein Körper auf dem Throne sitzt. Aber wie schaffe ich es, dass niemand mir auf die Schliche kommt? Er muss sich ja irgendwie bewegen, lebendig wirken. Das wäre ja dann … Zauberei!
Buko klatschte in seine Hände. »Das ist es!« Freudig erregt über seinen genialen Einfall hallte seine Stimme deutlich lauter als üblich durch den Raum auf die sonst menschenleeren Gänge. Aufgeregt wie ein Schüler am ersten Schultag ging er im Schlafsaal auf und ab. Als der Wachmann wieder in sein Sichtfeld rückte, packt ihn der nächste Einfall. Er ging zurück zu dem am Boden liegenden Mann. Seine Nase blutete und das Gesicht war durch den Tritt schon blau angelaufen.
»Komm zu dir!« Er rüttelte an dem Verletzen. Es dauerte ein Weilchen, bevor er wieder zu Bewusstsein kam.
»W.. W.. Was ist …? Wo bin ich?« Verwirrt blickte der Wachmann sich im Raum um.
Das ist gut. Er kann sich wohl an nichts mehr erinnern. Buko grinste widerwärtig.
»Du bist gestürzt. Dabei auf den Kopf gefallen. Der König braucht nun deine Hilfe« Buko griff nach einem alten Stift und einem Blatt Papier, den er auf dem Sekretär des Königs entdeckte. Eilig schrieb er einen Namen und eine Adresse auf.
»Mein Kopf.« Der Wachmann griff sich an die Stirn, als er versuchte sich aufzurichten. »Ich blute! Warum blute ich?« Ungläubig betrachtete er seine Hand.
»Keine Zeit für Erklärungen. Wir … Der König braucht dich. Geh zu dieser Adresse und hole mir diese Person hierher. Beeile dich, dem König geht es nicht gut, er braucht dich. Du bist ein Held.« Sehr darauf bedacht, dass die Wache den König nicht voll im Blick haben konnte, zog Buko ihn auf seine Beine. Er taumelte und drohte beinahe wieder umzufallen. Ruppig schob ihn Buko aus dem Schlafsaal. »Beeile dich. Der Dank deines Königs wird dir gewiss sein.«
THAL
Das Pferd schnaubte laut, als Freia es zu höherem Tempo antrieb. Das satte Grün des Waldes flog an ihr nur so vorbei. Der Hufschlag des Pferdes wurden von dem moosbesetzten Boden gedämpft. Begleitet von ihrer Krähe, die ihr auf Schritt und Tritt folgte, hastete sie durch den düsteren Wald. Kaum ein Sonnenstrahl schaffte es durch die dichten Baumkronen.
Obwohl sie den Weg kannte und es nicht ihr erster Besuch bei Thal war, fühlte es sich nicht wie gewohnt an. Irgendetwas beobachtet mich! Freia wusste, dass es unvorsichtig war, das Pferd in diesem Tempo über Stock und Stein zu treiben, aber sie wollte diesen unheimlichen Ort so schnell wie möglich wieder verlassen. Kurz Thal abholen und dann schleunigst wieder weg von diesem unheilvollen Ort.
Es war ihr immer noch ein Rätsel warum sich Thal, nachdem er sich die Nachfolge auf die Krone erkämpft hatte, hier niedergelassen hatte. Thals freiwillig gewähltes Exil war tief in diesem gewaltigen grünen Wald verborgen. Sobald man den Wald betrat, war es fast so, als würde die Sonne abgefangen und gefiltert durch die Baumkronen abgegeben werden. Fernab von jeglichem Leben wollte Thal die Dinge neu ordnen. Freia hatte sich zwar bemüht, ihn in Erbess zu halten und ihn gedrängt, in den Palast zu ziehen. Doch er hatte sich dagegen entschieden.
Wann immer Freia dieser Gedanke einholte, spürte sie die Enttäuschung in sich aufkommen. Schnell unterdrückte sie den Gedanken. Tief in ihrem Inneren hatte sie die Hoffnung, dass Thal der König werden würde, der das Königreich in ein neues glorreiches Zeitalter, geprägt von Gerechtigkeit und Mitgefühl, führen würde. Der Gedanke an ihren zukünftigen König zauberte ihr ein Lächeln ins Gesicht. Lediglich ein nicht enden wollendes Rascheln in den Büschen und Bäumen ließ ihre Aufmerksamkeit wieder in das Hier und Jetzt zurückkommen.
Was, bitteschön, kann so schnell sein? Sie zog die Zügel an, um dem Pferd das Signal zum Anhalten zu geben, und brachte ihr Pferd damit abrupt zum Stehen. Mit einem eleganten Satz sprang sie von ihrem dunkelbraunen Hengst. Dabei griff sie in einer flüssigen Bewegung nach ihrem gewaltigen Schwert. Freia inspizierte die Umgebung. Prüfte jeden Busch. Jedes einzelne Blatt wurde von ihr in Augenschein genommen. Nichts. Sie hörte kein Rascheln mehr. Die Stille des Waldes umzingelte sie.
»Zeig dich!« Freia strotzte vor Selbstbewusstsein. In freudiger Erwartung, von einem wilden Tier oder von einem Urger, der sich an die Oberfläche verirrt hatte, angegriffen zu werden, tastete sie sich langsam über den weichen Boden. Elegant führte sie das Schwert. Umgriffen von beiden Händen hoffte sie, sich damit bald wieder im Kampfe beweisen zu dürfen.
»Na los, trau dich!«, wiederholte sie. Dieses Mal lauter.
Nichts geschah.
Freia atmete tief durch. Für einen kurzen Augenblick wollte sie schon ihre Waffe wegstecken, bemerkte aber dann, dass die Blätter deutlich dunkler waren, als sie es gewohnt war. Es schien ihr fast so, als hätten einige gänzlich ihre Farbe verloren.
»Was ist hier eigentlich los?« Sie senkte ihr Schwert, um sich eines der Blätter genauer anzusehen. Das Geräusch, der sich bewegenden Blätter war so dezent, dass sie keine große Gefahr dahinter vermutete.
Gerade als sie ihr Schwert in den Boden rammen wollte, hörte sie hinter sich ein erneutes Rascheln. Sie drehte sich um. Hastig versuchte sie, einen festen Griff um das Schwert zu bekommen, rutschte aber beim ersten Versuch ab. Erst beim zweiten Nachsetzen schaffte sie es, ihr Schwert wieder zu kontrollieren. Mit einem gewaltigen Hieb rammte sie ihre Waffe fest in den Boden.
Mit einem dumpfen Schlag spürte sie ein Vibrieren in ihrer Hand. Ihr Angreifer war gegen ihr Schwert geknallt. Sie blickte nach unten und suchte nach der Ursache für den Aufruhr. Freias Blick fiel überrascht auf ein kleines Holzmännchen.
»Wer bist du denn?« Freia blickte erstaunt auf das Holzmännchen. Sie musterte ihn. Er wirkte erstaunlich vertraut und doch so fremd.
»Liten! Was machst du denn hier?«
Die Augen blickten verwirrt aus dem hölzernen Gesicht. Ein alter Bekannter und treuer Begleiter Thals lag vor ihr.
»Aua … Was soll das denn?« Litens hohe Stimme überschlug sich, als er sich den Kopf rieb und langsam versuchte, wieder auf die kleinen Beine zu kommen.
»Das tut mir jetzt echt leid. Ich wusste nicht, dass du es warst. Wieso sagst du denn nichts?« Freia reichte ihm ihren kleinen Finger, um ihm wieder auf die Beine zu helfen.
Er schüttelte sich und versuchte tapfer, seinen Schmerz weg zu atmen. Freia erkannte, dass er nicht schwerer verletzt war, und wendete sich wieder den Büschen zu.
»Was ist mit dir passiert?«
»Wieso passiert? Ich habe endlich meinen Samling gefunden. Ich werde schon bald ein Baum sein.« Liten sprach voller Stolz. Als wäre es das Normalste auf der Welt. Freia erkannte, dass sie wohl einen wichtigen Schritt in seinem Leben verpasst hatte, wollte aber nicht weiter darauf eingehen und wechselte schnell das Thema.
»Erzähl, was ist hier los? Warum sind die Blätter hier so dunkel?«, fragte sie verwundert, als sie eines der Blätter von einem kleinen Apfelbaum, der ihr gerade bis zur Hüfte reichte, zupfte. Sie begutachtete es von allen Seiten und dachte angestrengt über die Zusammenhänge nach.
