Leidensweg zum Glück - Spomenka Mäder - E-Book

Leidensweg zum Glück E-Book

Spomenka Mäder

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Beschreibung

Nicht der ersehnte Sohn erblickte 1946 in Belgrad das Licht der Welt, sondern nur das Mädchen Spomenka. Lieblos, ständig geschlagen und mit harter Arbeit, wächst das Kind heran. Mit einer frühen Eheschließung, versucht sie der kalten und unsteten Mutter zu entfliehen, gleichsam vom Regen in die Traufe. Scheidung und eine fast 3 jährige Obdachlosigkeit folgten. Weiterhin glücklos mit ihren Partnern. Nach Deutschland kommt sie als Gastarbeiterin. Erst 1982 wendet sich ihr Leben zum positiven. Nach einem Kuraufenthalt kommt sie mit ihrem jetzigen Mann zusammen. Endlich konnte sie den Druck des vergangen Martyrium abschütteln und verarbeiten. Der Leidensweg ist beendet. Der Zug des Lebens fährt zum Glück.

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Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Kurzfassung:

Nicht der ersehnte Sohn erblickte 1946 in Belgrad das Licht der Welt, sondern nur

das Mädchen Spomenka. Lieblos, ständig geschlagen und mit harter Arbeit, wächst das Kind heran. Mit einer frühen Eheschließung, versucht sie der kalten und unsteten Mutter zu entfliehen, gleichsam vom Regen in die Traufe. Scheidung und eine fast 3 jährige Obdachlosigkeit folgten. Weiterhin glücklos mit ihren Partnern. Nach Deutschland kommt sie als Gastarbeiterin. Erst 1982 wendet sich ihr Leben zum positiven. Nach einem Kuraufenthalt kommt sie mit ihrem jetzigen Mann zusammen. Endlich konnte sie den Druck des vergangen Martyrium abschütteln und verarbeiten. Der Leidensweg ist beendet. Der Zug des Lebens fährt zum Glück.

Impressum:

Mäder, Spomenka und Reinhard

34537 Bad Wildungen/Germany

Bildnachweise © Mäder, privat

Leidensweg zum Glück

© Originalausgabe, eBook, 2014, Mäder, Spomenka und Reinhard

Verlag: Spo-Rei 4446

34537 Bad Wildungen/Germany

Sämtliche Rechte vorbehalten

ISBN: 9783955778514

Widmung:

Eine besondere Widmung für den wichtigsten Menschen in

meinem Leben. Mein Mann Reiner. Er liebt mich und gibt

mir das ersehnte Glück auf dieser Erde. Nur er akzeptiert

mich so wie ich bin.

Möge der liebe Gott mir meine Jugendsünden verzeihen.

Spomenka, Juli 2012

© Titelbild-Foto Mäder privat

Vorwort:

Diese Geschichte habe ich nicht geschrieben, um mich zu rechtfertigen, sondern um möglicherweise anderen Menschen zu helfen, die unzufrieden mit ihrem Leben sind und im Glauben an das Gute zweifeln.

Heute bin ich glücklich, und das bringt mir die Erkenntnis, dass ich lernte, die durchlaufenen Stationen meines Martyriums zu akzeptieren. Ich befreite mich von dem 66 jährigen Druck, der meine Seele umschloss und sie zu ersticken drohte.

Alle beteiligten Menschen mögen mir verzeihen, so sie negativ erwähnt werden. Verletzen möchte ich niemanden. Um die Wahrheit zu schildern, muss man manchmal mehr preisgeben als man möchte ohne die Echtheit zu verfälschen.

Ungeliebt aufzuwachsen heißt nicht, ohne Liebe zu leben oder keine Liebe geben zu können. Ich fühle mich nicht als schlechter Mensch, weil ich das erst lernen musste.

Danke auch an all die Menschen, die mich auf meinem Weg ins Glück begleiteten.

Den längsten Abschnitt meines Lebens habe ich nun hinter mir, doch ich freue mich auf den anderen „neuen“ Teil, in meinem selbst erschaffenen Paradies. Mit den Menschen, die mich lieben – und das sind viele.

Dies ist meine Geschichte:

Ich bin im Paradies! Ein Paradies unter Palmen! Denn ich liege an einem schattigen Plätzchen unseres Urlaubs Domiziles. In der altgewachsenen herrlichen Parkanlage des Hotels, duften Orangen und Zitronenblüten um die Wette. Nur einen Steinwurf entfernt windet sich der weiße Sandstrand entlang des sanft rauschenden Mittelmeeres. Man spürt die salzige feuchtwarme Luft auf der Haut. Der strahlend blaue Himmel dieses Spätsommertages lässt meine Gedanken entschwinden. Die Menschen um mich herum verschwimmen und werden zu einer unbedeutenden Kulisse. Ein Traum wurde wahr, eine Prophezeiung hat sich erfüllt – ich bin zu Hause. Obwohl ich tausende Kilometer von meinem eigentlichen Zuhause entfernt bin, weiß ich nun endlich, das Ziel meiner sehnsüchtigsten Wünsche ist erreicht. Eine letzte Träne der Erkenntnis, vermischt sich mit dem Salz des Meeres. Wie immer bei so viel Schönheit und Frieden um mich herum, zieht sich mein Herz zusammen und ich muss die Augen schließen. Meine Gedanken lassen sich nicht aufhalten, sie wandern zurück in die Vergangenheit, eine harte, grausame Vergangenheit. Mein Leben bestand lange Zeit nur aus Schmerz und Leid, und ich hoffte, diese Stationen irgendwann auszublenden oder gar vergessen zu können. Doch manchmal ist die Erinnerung überwältigend, und ich bin fühle mich verloren. Dann bin ich wie eine Walnuss Schale auf einem Ozean, und ich ertrinke in den Erinnerungen.

Kindheit

Meine Eltern wohnten in Belgrads Nobelviertel, Tito war unser Nachbar, als ich 1946 geboren wurde. Dieses junge Leben begann mit einer herben Enttäuschung für meine Eltern, insbesondere für meine Mutter. Ich bin „nur“ ein Mädchen. Für sie gab es keine Alternative, das erstgeborene Kind ist ein Sohn. Wie überall auf der Welt, ist die Geburt eines Sohnes das größte Glück. Er garantiert den Erhalt des Namens und des Geschlechtes. Ein Mädchen aber ist quasi wertlos, denn es kostet nur Geld. Früher oder später benötigt es eine Aussteuer. Diese Ansichten oder Aussagen sind schließlich nichts neues, aber es ist eben etwas anderes, wenn man selbst so eine Enttäuschung darstellt.

Niemand freute sich über mich. Zumal meine Mutter Milena im Vorfeld bereits verärgert und unglücklich über den bisherigen Verlauf ihres Lebens war. Der Mann, den sie in ihrer Jugendzeit über alles liebte, war nicht standesgemäß. Mit ihm war eine Eheschließung unmöglich. Sie wurde zur Ehe mit meinem Vater, einem Beamten und Sohn eines Beamten, gezwungen. Es war eine Ehe ohne Liebe, wie mir die Schwester meiner Mutter, Tante Vera in späteren Jahren einmal erzählte.

Sommer 1946 mit meinen leiblichen Eltern © Foto Mäder privat

Mein Vater kam als Bahnbeamter eines Vorortes von Belgrad, mit vielen Menschen in Kontakt. Als häufig Durchreisenden, lernte er einen reichen Bauernsohn kennen. Dieser reiste als Holzeinkäufer für eine Möbelfabrik ständig durchs Land. Durch die ständigen Begegnungen, entwickelte sich zwischen ihnen eine Freundschaft. Bei einem längeren Aufenthalt in unserer Gegend, brachte er seinen neuen Freund Bely mit in unser Haus.

Es geschah das, was vorher bereits schon tausendfach in anderen unglücklichen Familien passierte. Mutter verliebte sich in den Freund ihres Mannes. Ich wage nicht zu entscheiden, ob sie sich wirklich in ihn oder in sein Geld verliebte. Eine dritte Möglichkeit ist nicht ganz auszuschließen, die Überbrückung ihrer Langeweile. Schlussendlich begannen die beiden eine heiße Affäre, die außer meinem Vater, niemandem verborgen blieb. Ein Arbeitskollege schließlich klärte den Gehörnten auf. Als dieser eines Tages vorzeitig von seinem Dienst nach Hause kam, überraschte er das Liebespaar tatsächlich im Bett. Diese Szene glich der aus einem schlechten Film. Tief in seinem Stolz verletzt, jagte Vater beide davon. Meine Mutter hatte sogar schon die Trennung von ihm vorbereitet und ihre Koffer gepackt. Sie strebte einer gemeinsamen Zukunft mit Bely entgegen. Später stellte sich heraus, dass auch Bely verheiratet und Vater von zwei Kindern war, einem Sohn und einer Tochter.

Stiefvater Bely
© Foto Mäder privat

Belys Eltern erfuhren nun ebenfalls von dieser Affäre. Sie untersagten ihm die Rückkehr auf elterlichen Hof. Seiner ersten Frau und den Enkelkindern gewährten sie als Entschädigung für seinen Ehebruch, ein lebenslanges Wohnrecht auf ihrem Hof.

Mutter und Bely blieben weiterhin ein Paar und nachdem beide Ehen geschieden waren, heirateten sie und wir zogen nach Krusevac, eine Stadt, ca. 170 km südlich von Belgrad. Hier befand sich Belys Arbeitgeber und er wohnte bereits seit Jahren hier. Zu diesem Zeitpunkt war ich ungefähr zwei Jahre alt.

Eigentlich war ich meiner Mutter nur lästig. In der Zeit der großen und heißen Liebe zu Bely überlegte sie sogar, mich zur Adoption freizugeben. Mit dieser Überlegung wollte sie eigentlich nur meinen Vater strafen, der mich, wie ich viel später erfuhr, gerne zu sich genommen hätte. Ein wenig Glück bescherte mir das Schicksal doch. Mein Stiefvater liebte nicht nur Mutter, sondern auch mich. Bald schon nannte ich ihn Papa. Er erwies sich als mein Verbündeter im Kampf gegen Mutters Hasstiraden und ihre Gleichgültigkeit. Durch Belys liebevolle Art und seine Ausgeglichenheit vermochte er es, sich auch mit seiner Familie wieder zu versöhnen.

Spätere Besuche auf dem Bauernhof seiner Eltern blieben mir für immer in besonderer Erinnerung. Der Himmel schenkte mir plötzlich neue Großeltern und Halbgeschwister. Vor allem aber genoss ich hier die Integration in seine Familie. Belys erste Frau hatte mich ebenfalls in ihr Herz geschlossen. Von dieser Frau, der meine Mutter so viel genommen hatte, erfuhr ich zum ersten Mal, was Mutterliebe bewirken kann. Meine Hochachtung ihr gegenüber hat sich bis heute bewahrt. Sie heiratete nie wieder und hat bis ins hohe Alter den Hof ihrer Schwiegereltern bewirtschaftet.

Bely war Berufsbedingt oft auf Reisen und aus diesem Grund verbrachten meine Mutter und ich viel Zeit in Belgrad bei ihren Eltern. Von der Langeweile und dem stetigen allein sein getrieben, traf sich Milena nun wieder mit ihrer Jugendliebe. Mich schickte man zum Spielen in den Garten und die Großeltern wurden durch großzügige Gaben und Geschenke zum Schweigen verdammt. Mal war es ein halbes Schwein, oder ein Wagen voller Holz und Kohlen. Dieses handeln konnte nicht immer geheim bleiben und so bahnte sich die nächste Katastrophe an.

Trotz der Liebe und Zuneigung meines Stiefvaters zu Mutter, war diese nie zufrieden und suchte permanent nur ihre Zerstreuung. Es gab ständig Krach. Immer und immer wieder stritten Milena und Bely sich und ich wurde in mein Zimmer verbannt. Wehe, wenn ich nur nach dem warum fragte, setzte es Prügel. Mutter betrog Bely nicht nur mit ihrer Jugendliebe. Mit ihren diversen Liebschaften brachte sie auch die Großeltern ins Gerede. Scheinbar war ihr jeder recht und Vater tobte.

Dieses Foto entstand nach einer Bestrafung durch Mutter© Foto Mäder privat

Wenn Mutter schlecht gelaunt, unglücklich oder unzufrieden war, stellte ich den willkommenen Prellbock. Ich wurde beschimpft und geschlagen. Dabei war sie nicht gerade wählerisch mit den Gegenständen für meine Züchtigung und ziemlich brutal. Eine dicke Leine, ein Besenstiel, der Gürtel meines Stiefvaters, alles was ihr spontan in die Hände fiel, war rechtens. Auf eines achtete sie peinlichst genau bevor sie mich schlug, ich musste mich ausziehen. Meine Kleider wollte sie nicht beschädigen oder beschmutzen.

Ein Tag brannte sich mir ganz besonders ins Gedächtnis. Ob Mutter wieder einmal heftig mit Bely stritt, oder mit ihrem neuesten Liebhaber unzufrieden war, vermag ich heute nicht mehr genau zu benennen. Zu allem Überfluss musste ich ihr beichten, dass ich an diesem Tag zwei Fünfer in der Schule bekommen hatte. Mutter war absolut außer sich. Mit heruntergelassenem Höschen musste ich mich über einen Küchenstuhl beugen, und sie schlug blindlings mit einem Ledergürtel auf mich ein.

Ich weinte nur leise vor mich hin. Diese Art der Bestrafung kannte ich ja schon und hatte mir angewöhnt zu beten. Ich betete, der liebe Gott möge mich zu sich holen und meinem Leiden endlich ein Ende machen. Mein trotziges Schweigen und das stille Weinen machten meine Mutter nur noch wütender. Sie schrie und beschimpfte mich als Nichtsnutz und bösartiges Kind. Plötzlich wandte sie sich ab und ging in Richtung Küchenschrank. Sie öffnete eine Schublade und griff nach einem großen Küchenmesser. Voller Angst und Entsetzten sprang ich auf und lief immer wieder um den Küchentisch herum. Durch unser Geschrei alarmiert, trat sie ins Zimmer. Sie hatte vor allem mein Gewimmer gehört und stellte sich schützend zwischen uns. Mit ihrem beherzten Handeln verhinderte sie möglicher Weise schlimmeres, denn ich vermag nicht zu sagen, zu was Mutter in ihrer Wut noch angestellt hätte, vielleicht verdanke ich ihr sogar mein Leben.

Während sie meiner Mutter schwere Vorwürfe machte, verschwand ich still vor mich hin weinend in meinem Zimmer. Übersät mit blauen Flecken und einer hässlichen Platzwunde am Popo. Tagelang fiel mir das sitzen schwer und den wahren Grund dafür durfte ich niemandem verraten. Die Schmerzen rührten lapidar gesagt, wieder einmal von einem Treppensturz.

Die Gebete zur Ikone der Mutter Maria, die über meinem Bett hing, halfen mir in dieser schweren Zeit. Der Verzweiflung nahe, betete zum Abbild der Madonna, und bat sie um Erlösung.

Mutters Vorwürfe gegen mich entbehrten jeder Grundlage. Sie redete mir Schuldgefühle ein, die mir nicht nachvollziehbar erschienen. Warum blieb ihr ein besseres Leben versagt, nur weil ich lebe? Niemand liebte mich, niemand umarmte oder streichelte mich, keiner sprach ein freundliches Wort mit mir, niemand wollte mich. Alle Menschen um uns herum wurden aufgestachelt mich zu meiden, da ich schlechten Einfluss auf mein Umfeld ausübe. Auch meine Großeltern ignorierten mich, wenn wir sie besuchten. Es gab nur Gespräche unter Erwachsenen und ich wurde nicht mit einbezogen. Wie oft lag ich sogar hungrig im Bett, voller Wunden, die wochenlang nicht heilten, weil immer neue Schläge sie wieder aufrissen. Mancher Heilungsprozess dauerte sehr lange.

Die Schulischen Leistungen litten sehr darunter. Häufig fragte ich mich, welchem Zweck diene es, weiterhin zu lernen, da ich ganz fest damit rechnete, bald zu sterben. Naturwissenschaftliche Fächer lagen mir ganz und gar nicht. Dagegen bereitete es mir ungeheuren Spaß, kreativ zu sein. Ich malte eine heile Welt, wie ich sie mir vorstellte und die ich sehr vermisste. Diese Erkenntnisse blieben mir verwehrt und scheinbar außer Reichweite. Bilder mit herrlichen Blumenwiesen und immer wieder die wärmende Sonne. Beim Handarbeiten wie Häkeln und Sticken bewies ich ebenso viel Geschick. Abends beim Kerzenschein flossen mir die Gedichte und Kurzgeschichten nur so von der Feder. Sie handelten vorwiegend von traurigen und einsamen Kindern. Eine dieser Geschichten handelte von einem einsamen kleinen Mädchen. Sie lebte ganz allein im Wald und war nur mit den dort lebenden Tieren befreundet. Diese versorgten und beschützten sie wie eine richtige Familie.

Da meine Mutter nicht wollte, dass jemand von unseren familiären Verhältnissen erfuhr, musste ich nach der Schule auf direktem Weg den Heimweg antreten. Niemand durfte etwas über uns erfahren. Dadurch war und blieb ich eine Außenseiterin ohne Freunde. Trotz allem beendete ich die Grundschule und bestand sogar die Aufnahmeprüfung zur technischen Schule. Dieser Erfolg gab mir Auftrieb und ein ungeheures Selbstbewusstsein. Aus eigener Kraft und ohne Unterstützung schaffte ich etwas, was mir auch Mutter nicht streitig machen konnte. Das eigene Wissen in Physik und Chemie war ausreichend. Glücklich über diesen Erfolg und gleichfalls dankbar über den erfolgreichen Abschluss dieses Kapitels, kehrte ich aus der Schule heim und jubelte beim Betreten der Wohnung.

Papa freute sich ebenfalls, er klopfte mir ermutigend auf die Schulter und wünschte mir weiterhin viel Glück. Nur Mutter gönnte mir diesen Triumph nicht. „Das schaffst du sowieso nicht“, meinte sie, „aber als Putzfrau und Wäscherin für die Reichen reicht es allemal“, war ihr bissiger Kommentar. Doch für mich eröffneten sich völlig neue Perspektiven. An der Schule begann ich eine Ausbildung zur Chemielaborantin. Die Schulischen Erfolge, beflügelten den Willen immer besser zu werden und die Leistungen entsprachen voll den Anforderungen. Eine Änderung kam schneller als ich zu denken glaubte. Wie schon immer in der Vergangenheit, hielten positive Phasen nicht lange an. Mutter arbeitete inzwischen bei einer Bank und da fiel es ihr nicht schwer, die gesamten Pflichten des Haushalts, ihrem persönlichen Dienstmädchen zu übertragen.

Morgens um halb sechs wurde ich geweckt und nahm von Mutter die Aufgaben für den Tag entgegen. Natürlich gab es weder Waschmaschine noch Staubsauger oder andere Erleichterungen. Ein wöchentlicher Waschtag lief zum Beispiel wie folgt ab! In der Badewanne wurde zunächst die Wäsche im warmen Wasser eingeweicht, dieses geschah am vorhergehenden Abend. Waschpulver im herkömmlichen Sinne, gab es natürlich nicht. Mit Waschbrett und Seife, (meine Großmutter stellte die Seife aus Schweinefett und Soda selbst her), wurde Stück für Stück im inzwischen kalt gewordenen Wasser bearbeitet. Bei meiner damaligen Größe von nur etwa 1,40 Meter, war das Waschen in der tiefen Wanne eine besondere Tortur. Mein Rücken schmerzte vom bücken und die Hände platzten regelmäßig von dieser ätzenden Seife auf. Ebenfalls waren bei größeren Wäschemengen, blutige Risse an der Tagesordnung. Wäsche wie Handtücher, Bettwäsche sowie Unterwäsche, ließen sich einigermaßen behandeln. Besonders ekelig gestaltete sich die Reinigung der waschbaren Binden, voller Blut. Gleichzusetzen waren die Taschentücher mit dem aufgeweichten Schleim. Nach der Vorwäsche wiederholte sich der gesamte Vorgang mit frischem Wasser. In mehreren Spülvorgängen wurden dann die Seifenreste ausgewaschen. Bei diesem Arbeitsgang, fiel mir das ständige Auswringen mit meinen kleinen Händen, besonders schwer. Häufig beendete ich einen solchen Waschtag erst nach der Mittagszeit, denn das Ende konnte erst eingeläutet werden, wenn die Wäsche auf der Leine hängt.

In den Sommermonaten gestalteten sich diese Arbeitsabläufe im Rahmen der machbaren. Jedoch im Winter bei starkem Frost, gefroren die einzelnen Teile schon in der Hand, noch bevor ich sie auf der Leine hingen, dabei nützte es auch nichts, dass den Trockenplatz ein Wellblechdach überspannte. Erst wenn alle Teile hingen, durfte ich wieder ins Haus gehen, um mich aufzuwärmen oder etwas zu essen, erst danach durfte ich zum Unterricht eilen. Mutter kam meistens um diese Zeit von der Arbeit heim. Als ob es nichts Wichtigeres gäbe, inspizierte sie sofort die auf der Leine befindlichen Wäschestücke. Falls sie irgendein Fleckchen entdeckte, ereilte mich ihre Maßregelung. Die Wäscheteile flogen in den Schmutz

und der Waschtag begann von vorn. Der Schulbesuch für diesen Tag fiel aus. Die saubere Wäsche war ihr letztlich wichtiger als meine Ausbildung.

Da sie mich nun mehr und mehr zu ihrem Dienstmädchen degradierte, gehörten mittlerweile auch der Bereich Küche und die Wohnräume zu meinem Aufgabengebiet. Meine körperliche Konstitution ließ es einfach nicht zu, die mir aufgebürdeten Arbeiten, in dem zeitlich vorgegebenen Rahmen, zu bewältigen. Was sollte ich machen? Auch wenn ich mich noch so sehr anstrengte, alles schaffte ich selten, mit dem Ergebnis, die Schulbesuche blieben weitestgehend aus. Nachfolgend eine kleine Zusammenfassung einiger Tätigkeiten.

Die gesamte Wohnung hatte Holzfußboden. Reinlich wie sie war, musste dieser regelmäßig, auf den Knien liegend mit einer Wurzelbürste abgeschrubbt, danach gewachst und schließlich poliert werden. Der Küchenherd mit seiner glänzenden Herdplatte bedurfte sehr intensive Pflege. Vor dem erneuten Anheizen wurde eine Polierpaste gleichmäßig mit Putzwolle aufgetragen und eingearbeitet. Nach dem abtrocknen der Paste, folgte der eigentliche Poliervorgang. Mit alten Zeitungen wird nun die schwarze Schicht abgerieben. Um gleichmäßigen Glanz zu erzielen, werden die noch stumpfen Stellen leicht angefeuchtet. Hier half meist etwas Spucke, aber es funktionierte auch mit Tränen. Erst danach entfachte ich erneut das Feuer. Weitere Heizquellen die versorgt werden mussten, befanden sich im Wohn-, Schlaf-sowie im Kinderzimmer. Der Arbeitsaufwand war in diesen Räumen geringer, denn ich brauchte nur die Asche entfernen und Brennmaterial bereitstellen. Da Papa das Abfallholz kostenlos bekam, heizten wir fast ausschließlich mit Holz. Das Spalten der größeren Holzblöcke besorgten meistens die Eltern.

Wenn Mutters Freundinnen zum Kaffeeklatsch kamen, blieb mir das Holzhacken nicht erspart. Um die Gespräche nicht belauschen zu können, wurde ich für diese Arbeit in den Keller verbannt. Solange Mutter die Spaltgeräusche vernahm, konnte sie sicher sein, dass ich ihre Gespräche nicht verfolgte. Natürlich passierte eines Tages ein Unfall und ich verletzte mich mit der scharfen Axt an der linken Hand. Weinend und stark blutend stürmte ich ins Wohnzimmer. Die Reaktion auf diese unnötige Störung ihrer Unterhaltung war entsprechend. „Hättest du dir doch bloß deinen Kopf zerschlagen, da ist sowieso nichts drin“, war ihr sarkastischer Kommentar. Die Erinnerung an diese Wundbehandlung, werde ich niemals vergessen. Es war eine bestialische Tortur. Aus Zigarettenasche und meinem Urin mischte sie eine Masse und legte diese auf die Wunde. Die mir dadurch zugefügten Schmerzen waren einfach bestialisch und ich habe diesen Vorfall auch nie vergessen. Das Brennen in der offenen Wunde trieb mir abermals die Tränen in die Augen. Als einzigen Lichtblick in dieser Situation erkannte ich die Tatsache, der nächste Waschtag findet ohne mich statt.

Wie sagt man so schön: „Wer suchet der findet“ und diesem Wahlspruch folgte Mutter jeder Zeit. Gelegenheiten zum Strafen fand sie immer. Schläge gab es für schlechte Noten oder die die nicht korrekt verrichtete Hausarbeit.

Die schönste Zeit meiner Kindheit verbrachte ich in den Ferien bei Tante Vera (Mutters Schwester) und Onkel Sava. Während der Sommerferien, von Anfang Juni bis Ende August, lebte ich bei ihnen auf dem Lande, ca. 20 km von Belgrad entfernt. Die Erlaubnis bei Tante Vera Urlaub zu machen, wurde nicht uneigennützig von Mutter erteilt. So konnte sie mit Vater ungestört ihren Urlaub an der Adria verbringen, ohne mich dabei haben zu müssen. Volle drei Monate konnte ich die Freiheit ohne Eltern genießen. Onkel Sava war Bahnbeamter, und so bewohnte er mit seiner Frau ein Haus der Bahn, oberhalb des Stellwerkes. Auf der Kuppe eines Hügels mit herrlicher Aussicht. Ich konnte die ganze Umgebung überblicken und den Leuten in den vorbeifahrenden Zügen zuwinken. Zum ersten Mal bekam ich Fernweh.

Bei Tante Vera gab es einen gut durchorganisierten und geordneten Tagesablauf. Sie hatte eine Halbtagsstelle als Friseurin in Belgrad und fuhr täglich mit der Bahn zur Arbeit. Da sie erst in den frühen Nachmittagsstunden heim kam, bereitete sie die Mahlzeiten meistens am Vortag zu. Nach Feierabend wärmte sie diese dann nur noch auf. Bei den täglichen Hausarbeiten brauchte ich ihr nicht zur Hand gehen, die erledigte sie alleine. Meine einzige Pflicht bestand darin, für frisches Brot zu sorgen, welcher ich liebend gerne nachkam. Der Besuch in dem nahegelegenen Ort, bescherte mir immer eine willkommene Abwechslung und häufig kleine Leckereien.

Tante Vera

© Foto Mäder privat

Gemüse und Obst hatten sie selbst im Garten, denn der Markt des kleinen Ortes bot kaum etwas Geeignetes. Die Bauern aus der Umgebung brachten ihre Agrarartikel fast alle nach Belgrad auf den Markt. Dort ließen sich bessere Preise erzielen trotz der Fahrtkosten dort hin. Das übliche Transportmittel über längere Strecken war für den einfachen Bauern die Bahn. Alles was ins Abteil passte, wurde mitgenommen, egal ob Obst, Gemüse oder Federvieh, sogar Spanferkel transportierte man auf diese Weise.

Für die schwereren Arbeiten, wie das waschen der Wäsche, kam eine Zigeunerin aus dem Nachbarort. Sie blieb den ganzen Tag bei uns auch zu den Mahlzeiten. Trotz der körperlichen Anstrengungen, war sie stets freundlich und gut gelaunt. In hielt mich gern in ihrer Nähe auf. Sie hatte schon das ganze Land bereist und wusste viele schöne Geschichten zu erzählen.

Auch wenn Tante Vera auf der Arbeit war, gab es für mich keine Langeweile. Sie hatte einen wuchtigen Bücherschrank mit einer großen Auswahl bekannter Autoren. Endlich hatte ich mal Zeit für mich und durfte lesen, was immer ich wollte. Mein besonderes Interesse galt den Werken mit traurigen und sehr bewegenden Geschichten, wie z. B. „Rebecca“ von Daphne du Maurier, „Vom Winde verweht“ von Margret Mitchell oder „Triumphbogen“ von Remarque. Die Inhalte saugte ich förmlich in mich auf und es eröffneten sich mir Traumwelten. Wenn es dann abends zu den üblichen Stromabschaltungen kam, las ich im Licht einer Kerze oder der Petroleumlampe weiter. (Diese Abschaltungen kamen in den abgelegenen Regionen häufig vor, um den Bedarf der Metropolen abzusichern.) Niemand machte mir Vorschriften, wann ich ins Bett zu gehen hatte.

War das Wetter gut, beschäftigte ich mich auch gerne mit Diana, einer deutsche Dogge die Onkel Sava gehörte. Sie war ein sehr großes, anhängliches und kluges Tier mit sanften Augen. Leider gestaltete sich der Umgang mit ihr meist sehr schwierig, denn ihr Fell war von Flöhen übersät. Niemand nahm daran Anstoß oder versuchte gar, diese Plagegeister zu vertreiben. Ein Hund gehört nicht ins Haus sondern er hat dieses zu bewachen und zu beschützen. Diana bekam regelmäßig Futter und Wasser, sowie den täglichen Auslauf. Wenn ich aber mit ihr spielte, Stöckchen warf und mit ihr herumtollte, merkte man ihr anschließend an, wie sehr sie diese Abwechslungen genoss. Stets suchte sie meine Nähe und genoss die zusätzlichen Streicheleinheiten. In solchen Momenten kam es mir manchmal vor, als wüsste sie über meine missliche Lage Bescheid.

Sehr häufig begleitete ich Onkel Sava zu seinem Hobby der Imkerei. Er besaß etwa zwanzig Bienenvölker, mit denen er sich stundenlang beschäftigte. Nie ist er von den Bienen gestochen worden, während Tante Vera und ich nicht einmal in die Nähe kommen durften. Selbst Diana bekam ihr Fett weg, wenn sie sich den Stöcken näherte Dieses rätselhafte verhalten, wurde mir erst viele Jahre später klar. Der Rauch aus der Imkerpfeife nimmt den Bienen ihre Angriffslust, den Stock gegenüber potentiellen Angreifern zu verteidigen. Die Produkte aus seinem Hobby, waren ein sehr willkommenes Zubrot in den damals recht mageren Zeiten. Die größte Menge des Honigs und das eingeschmolzene Wachs wurden verkauft. Ein kleiner Teil des Honigs, von dem ich oft naschen durfte, lagerte als Eigenbedarf im Keller. Zur Schönheitspflege nutzte Tante Vera den Honig ebenfalls. Da sie sehr auf ihr Äußeres bedacht war, stellte sie sich häufig aus Eigelb, Zitronensaft und Honig eine Gesichtsmaske her.

In einem so kleinen Ort in dem sie lebten, ist kaum etwas „los“. Doch sie ermöglichten es, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben ausgehen durfte. Dieser Tanzabend fand unter den Insignien der Kirche im Gemeindehaus statt, unter den Argusaugen von Onkel und Tante. Wenn ich heute über diese Situation nachdenke, kommt es mir vor wie in einem alten Spielfilm. Tante Vera hatte schon zu Beginn der Ferien meine langen Zöpfe abgeschnitten und mir ein paar hübsche Kleider gekauft. Ich war fünfzehn Jahre alt und zum ersten Mal fand ich mich, beim Blick in den Spiegel, richtig Chic.

Zu dieser Zeit wurde gerade die Autobahn Belgrad-Nis gebaut und die als Arbeitskräfte eingesetzten Soldaten waren vornehmlich unsere Tanzpartner. Wie auf einer Perlenschnur aufgereiht, standen sich Männlein und Weiblein gegenüber. Natürlich waren wir alle sehr scheu und schüchtern und wagten es nur, unter gesenkten Augenlidern den entsprechenden Tanzpartnern zu begegnen. Jede von uns hielt damals Ausschau nach ihrem Traummann, doch der Richtige war nicht unter ihnen. Mein Traum war es, einen Mann wie Onkel Sava kennenzulernen, ein Typ wie „Engelbert“. Da sie durch diese Tanzabende, die nun regelmäßig stattfanden, auch mal „unter die Leute“ kamen, konnte ich ebenfalls häufiger das Tanzbein schwingen. Der ersehnte Prinz erschien nicht und schon gar nicht auf einem stolzen Rappen.

Das Ende der Ferien nahte und schon übermannten mich wieder die altbekannten Angstgefühle. In den zurückliegenden Wochen konnte ich alle negativen Ereignisse, die mit dem Elternhaus in Verbindung standen, vergessen. Vollkommen vergessen wäre maßlos übertrieben, aber sie standen hier wenigstens nicht im Vordergrund. In der ganzen Zeit gab es keinen Streit, sondern nur bis dahin unbekannte Harmonie. Dieses friedliche Miteinander ließ mich neue Kraft schöpfen. Ich empfand es als unendlich schade und ungerecht, dass Onkel Sava und Tante Vera in ihrer Ehe kinderlos blieben.

Die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich. Als Mutter mich abholte und meine neue Frisur und die Kleider sah, flippte sie gleich wieder aus. Tante Vera machte sie schwere Vorhaltungen, bezüglich meiner Frisur und des frivolen Lebenswandels. Diese Mitteilung erhielt ich in Form ihres Handrückens mitten ins Gesicht. Die Androhung von erneuten Einschränkungen bis hin zum generellen Ausgangsverbot schockte mich nicht. Das angedrohte Verbot, Tante Vera niemals wieder besuchen zu dürfen, traf mich sehr.

Mein „Stiefvater“, der dem Alkohol nie ganz abgeneigt war, ist nun zum Alkoholiker geworden. Die andauernden Streitereien mit meiner Mutter, auch während des gemeinsamen Urlaubs, trieben ihn geradewegs dort hinein. Die Kräche zwischen den Eltern arteten immer weiter aus. Wenn Vater volltrunken heimkam und Mutter ihn nur noch mit Vorwürfen überschüttete, kam es immer häufiger zu Handgreiflichkeiten. Mutter war nicht diejenige, die Schläge kommentarlos über sich ergehen ließ. Sie schlug zurück. Da sie sich ihrer körperlichen Unterlegenheit sehr wohl bewusst war, hörte sie nach einiger Zeit damit auf, um ihre Niederlage nicht eingestehen zu müssen. Wenn Mutter ihn dann in Ruhe ließ, verschwand er in der nächsten Kneipe, um dort in aller Ruhe weitertrinken zu können. Mutter beruhigte sich keinesfalls, denn ihre Niederlage musste in einen Sieg umgemünzt werden. Jetzt bekam ich ihren Zorn zu spüren, indem sie blindwütig auf mich einschlug.

Eines Tages wurden ihr diese Auseinandersetzungen zu viel. Sie verließ Vater und selbstverständlich musste ich mit. Voller Trauer und Wehmut nahm ich von ihm Abschied, denn Vater und ich verstanden uns immer ganz prächtig. Mittellos und ohne Bleibe waren wir bei ihren Eltern nicht gerne gesehen. Mutter verstand es wie immer recht gut, sich mit passenden Geschenken einzuschmeicheln. Einige Tage lebten wir bei Oma, doch dann stand Papa vor der Tür. Er liebte uns so sehr und setzte alles daran uns zurückholen. Zwischen den Eltern gab es eine lange Aussprache, deren genauen Inhalt ich nie erfuhr. Für mich zählte letztlich das Ergebnis. Es gab eine Einigung und wir fuhren Gott sei Dank, alle drei wieder nach Hause.

In der darauffolgenden Zeit hörten deren Streitereien fast vollkommen auf. Umso weniger verstand ich es, dass es weiterhin genügend Gründe gab, mich zu verprügeln. In mir reifte der Plan, das Elternhaus für immer zu verlassen. Ich wollte und konnte ich die Schläge sowie die Unberechenbarkeit meiner Mutter nicht mehr ertragen. Den ersten Gedanken, zu Tante Vera zu gehen, verwarf ich gleich im Ansatz. Dort würde man mich als erstes vermuten. Als nächstes plante ich meinen leiblichen Vater zu suchen. Aus verschieden Unterhaltungen heraus erfuhr ich, dass auch er Erkundigungen über mich eingezogen hatte. Das gab mir Anlass zur Hoffnung, er würde mich gern bei sich haben wollen. Von Tante Vera bekam ich die Adresse seiner Eltern und von dort aus wollte ich die Suche starten.

Von diesem Tag an galt das Hauptaugenmerk den Fluchtvorbereitungen.

Ich erkundigte mich nach Zügen und begann, Mutters Geldbörse zu kontrollieren. Von niemandem sonst hätte ich Geld bekommen oder nehmen können. Als sie eines Tages eine größere Summe im Portemonnaie hatte, nahm ich es. Wie für einen normalen Schultag bereitete ich mich vor und verließ das Haus mit meiner Schultasche. Nur an diesem Morgen waren keine Bücher darin enthalten, sondern ein paar Lebensmittel und einige persönliche Kleinigkeiten. Auf direktem Weg, begab ich mich zum Bahnhof. Voller Angst ein jeder könne den in mir schlummernden Plan erraten. Bahnsteig und Abfahrtszeit des Zuges waren mir bestens bekannt. Nach dem Erwerb des Tickets gab es nur ein Bestreben, schnell im Zugabteil verschwinden. Niemanden treffen und niemanden sehen. Keiner hielt mich auf oder sprach mich an.

Erst bei der Abfahrt des Zuges aus dem Bahnhof von Krusevac, lockerte sich die Anspannung. Nun kochten die Emotionen in mir hoch. Die Abneigung über die Machenschaften von Mutter steigerte sich ins unermessliche. Jeder Kilometer der uns entzweite, gab mir ein Stückchen Freiheit. Doch auch ein mulmiges Gefühl und viele Fragen quälten mich.

Finde ich meinen leiblichen Vater?

Will er mich überhaupt haben?

Wie wird er mich behandeln?

Dann überwog die Erkenntnis: „schlimmer als bei Mutter kann es nicht werden“! Mit diesen positiven Gedanken schlief ich schließlich ein und wachte erst kurz vor dem Ziel wieder auf.

Schon das Wetter in Belgrad war gegen mich. Völlig durchnässt fragte ich mich zu der mir bekannten Adresse durch. Niemand öffnete die Tür, es war wie verhext, keiner ist zu Hause. Angst stieg in mir hoch. Auch traute ich mich nicht, die Nachbarn zu fragen, wo die Großeltern wohl sein könnten. Für diese Situation gab es keinen Plan „B“. Dieses ausweglose Szenario, drohte meinen gesamten Plan zu zerbröseln. Mit den Gedanken: „sie werden schon bald wieder zurück sein“, schlich in den alten Schuppen, neben dem Haus. Hier lagerten vornehmlich Holz und die Gartengeräte.

Zwei Tage und Nächte verbrachte ich darin, ohne dass sich jemand der Hausbewohner zeigte. Vor Regen war ich so geschützt, aber nicht vor der Kälte. Die Lebensmittel waren verbraucht und das Geld ebenfalls. Von panischer Angst geleitet, versuchte ich irgendwie ins Haus zu kommen, doch alle Fenster und Türen waren fest verschlossen. Also schlich ich wieder in den Schuppen, um weiter zu warten. Geleitet von der Hoffnung, die Großeltern müssten nun bald wiederkommen. Bei meinen verzweifelten Versuchen ins Haus zu gelangen, sah mich ein Nachbar und verständigte die Polizei. Diese ließ nicht lange auf sich warten und man nahm mich als vermeintliche Einbrecherin mit aufs Revier. Ohne Angst fuhr ich mit und stellte mich der folgenden Befragung. Nach Aufnahme der Personalien, schilderte ich den Beamten die Situation. Tief enttäuscht erfuhr ich, dass mein Aufenthalt völlig umsonst war. Die Großeltern befanden sich zurzeit in einem Kuraufenthalt.

Es geschah genau das, was ich vermeiden wollte. Man verständigte meine Mutter. Noch am selben Tag holte sie mich mit einem bittersüßen Lächeln von der Belgrader Polizei ab. Auf der Heimfahrt in der Bahn, unterhielt sie sich sehr angeregt mit den Mitreisenden. Nie ließ sie einen Außenstehenden merken, was wirklich in ihr steckte. Auf dem gesamten Heimweg plagten mich starke Bauchschmerzen. Nur zu gut ließ sich ausmalen, wie das ausstehende Strafgericht ausfiel. Kaum schloss sich die Tür hinter uns schäumte sie vor Wut. Sie schlug mich mit allen Gegenständen, derer sie habhaft werden konnte. Natürlich stand der Verlust ihres Geldes im Vordergrund. Selten zuvor fand sie einen so triftigen Grund mich bestrafen zu können. Theatralisch perfekt stellte sie fest, dass sie mir diesen Vertrauensbruch niemals verzeihen könne. Völlig außer Atem, von der Schwerstarbeit mich verprügeln zu müssen, schickte sie mich aus dem Raum. Das Ergebnis zeigte sich am nächsten Tag erst in vollem Ausmaß. Mein ganzer Körper war zerschunden und mit blauen Flecken übersät. Hinzu kam noch eine schwere Bronchitis, die ich mir in den zwei Tagen in dem alten Schuppen zugezogen hatte. Nach vier Wochen war die Bronchitis einigermaßen auskuriert und auch die anderen Wunden soweit verheilt, dass ich wieder auf die Straße gehen konnte.

Durch die lange Abwesenheit in der Schule, ging mein Platz verloren. Ob alleine durch meine längere Abwesenheit oder ob meine Mutter mich einfach abgemeldete, habe ich niemals konkret erfahren. Eine Rückkehr an die Schule war somit ausgeschlossen. Ferner setzte sie damit ihr Ansinnen in die Tat um, mich arbeiten zu schicken. So eröffnete sie sich wenigstens die Möglichkeit, dass von mir entwendete Geld zurück zu erhalten.

Ausbildung zur Schneiderin © Foto Mäder privat

Arbeitswilligen jungen Menschen eröffneten sich damals in Krusevac viele Möglichkeiten. Mein besonderer Wunsch war es, in der Kleiderfabrik „Roter Stern“ zu arbeiten, in der man Herrenoberbekleidung herstellte. Das Vorstellungsgespräch in der Personalabteilung verlief zufriedenstellend. Ein Arbeitsplatz sei mir sicher, wenn ich eine Ausbildung als Schneiderin absolviert hätte. Nach einer dreimonatigen Grundausbildung und bekam tatsächlich die zugesagte Stelle. Endlich war ich wenigstens für einen Großteil des Tages aus dem Haus. Meine erste Abteilung war die der „Innereien“. Das heißt, hier wurden die Futterstoffe zugeschnitten und genäht. Erst nach einer Fertigungsendkontrolle verbrachte man die Teile in ein Zwischenlager.

Schnell fand ich Anschluss bei den Arbeitskollegen. In den Pausen wurde gescherzt und gelacht. Eine völlig neue Welt eröffnete sich. Was ich in der Schule nicht schaffte, gelang mir hier. Man akzeptierte mich als Gesprächspartner und hörte mir zu. Ein völlig neues Selbstwertgefühl entwickelte sich. Nicht nur geduckt und jeden Moment auf Schläge wartend, sondern mit erhobenem Kopf und geradem Blick konnte ich den Kollegen gegenübertreten. Ich wusste und konnte etwas, war somit den anderen gleichgestellt. Das Betriebsklima war gut, und langsam entwickelten sich Freundschaften, die ich nach Feierabend jedoch nicht pflegen konnte. Nach wie vor bestimmte meine Mutter nach Arbeitsschluss mein Leben, denn ich war erst siebzehn und konnte nicht ohne weiteres von zu Hause wegziehen. Der jedoch positivste Aspekt war der, ich hatte nun zum ersten Mal mein, mit eigenen Händen verdientes Geld. Ein unbeschreibliches Hochgefühl. Um den Arbeitsplatz in der Firma nicht zu gefährden, unternahm ich alles, um den Vorgesetzten positiv aufzufallen. Liebend gerne hätte ich Doppelschichten gearbeitet, nur um bei einer eventuellen Entlassungswelle nicht zur ersten Gruppe der Entlassenen zu gehören.

Meine Lebenseinstellung wurde deutlich positiver. Hatte ich früher zur Mutter Maria gebetet, dass sie mich zu ihr nehmen möge, betete ich nun darum, leben und arbeiten zu dürfen. Das Martyrium zu Hause ertrug ich inzwischen mit einer gewissen Gelassenheit. Sehnsüchtig erwartete ich den ersten Lohn, der zu der Zeit noch in bar ausgezahlt wurde. Diesen Schatz drückte ich fest an mich, denn mir war klar, wollte ich von zu Hause ausziehen, brauchte ich Geld.

Als ob Mutter ahnte, welcher Plan in mir heranreifte, erwartete sie mich bereits am Werkstor. Noch bevor sich einige Dinare von dem Lohn abzweigen ließen, verlangte sie die Abrechnung. Schweigend begaben wir uns auf den Heimweg. Erst in der Wohnung platzte mir der Kragen und ich wagte zum ersten Mal einen lautstarken Protest. Die Erklärung, für welchen Zweck ich das Geld benötige, hörte sie nicht mal bis zu Ende an. Als Antwort auf die mit ihren Worten beschriebene „Unverschämtheit“ ihr zu wiedersprechen, schlug sie ohne großartig auszuholen, mir mit dem Handrücken auf den Mund. Nicht den Hauch einer Chance mich vor dieser Attacke zu schützen, traf dieser Schlag voll auf die Lippen. Die Wucht des Treffers ließ beide Lippen aufplatzen und sie selbst verletzte sich an meinen Zähnen.

“Solange du deine Füße unter meinen Tisch setzt, bestimme ich was getan wird und wage es nie wieder mir zu widersprechen“! Mit wutverzerrtem Gesicht ließ sie von mir ab und versorgte ihre verletzte Hand. Ich zog mich ebenfalls zurück, da ich mit den zerschlagenen Lippen, zu einem weiteren Gespräch sowieso nicht in der Lage war.

Bis zu diesem Zeitpunkt, lief ich immer noch in meinen Schulmädchen Kleidern herum. Mehrfach sprach ich sie auf diesen Missstand bereits an, doch bislang ohne Erfolg. Als nach etlichen Tagen die Lippen einigermaßen verheilt waren, gab sie mit mürrischer Miene meiner Bitte nach. Eigentlich hätte ich mir dieses das alles ersparen können, denn meine Wünsche fanden keinerlei Beachtung. Um es kurz zu sagen, sie suchte das Kleid aus und ich durfte es bezahlen.

Das Glück spielte mir ein wenig in die Karten. Ihre uneingeschränkte Gewaltherrschaft, wurde zwangsläufig arg beschnitten. Papas Dienstplan änderte sich kurzfristig und dadurch war er nur noch selten unterwegs. Er verlangte Mutters Anwesenheit im Haus. Es passte ihr keineswegs so, Hals über Kopf die Arbeitsstelle aufgeben zu müssen. In dieser Situation zeigte sich die Dominanz der Männer, dass sich die Frauen letztlich immer unterzuordnen hatten. Eine gewisse Genugtuung bereitete mir dieser Werdegang schon. Ihre Freizeit war nun stark eingeschränkt. Vater verlangte das Essen pünktlich auf dem Tisch, und waschen musste sie nun auch selbst, da ich in der Fabrik arbeitete. Durch seine ständige Anwesenheit zu Hause, erfuhr Vater von meinen Problemen mit Mutter und dem Umgangston, den sie mir gegenüber an den Tag legte. Immer häufiger ergriff er für mich Partei. Nach Dienstschluss gab es nun häufiger mal etwas Freizeit, die ich selbst gestalten durfte. An den Wochenenden musste ich nicht mehr den gesamten Haushalt richten, sondern hin und wieder standen auch mal gemeinsame Vergnügungen auf dem Plan.

Mit Vater verstand ich mich prächtig, wir waren ein eingeschworenes Team. Dieser Zustand jedoch missfiel Mutter sehr. Es passte ihr ganz und gar nicht in den Kram, dass ich mich nicht mehr unter ihrem uneingeschränkten Zugriff befand. Unzufrieden über ihre eigene Situation, ständig kontrolliert werden zu können, begannen die endlosen Streitereien zwischen den beiden wieder. Zu meinem größten Entsetzen musste ich nun häufiger miterleben, wie sich regelrechte Schlägereien entwickelten. Auch wenn Vater bei diesen Auseinandersetzungen körperlich die Oberhand behielt, setzten sie ihm psychisch und physisch stark zu. Was Anfänglich ein Schlückchen Schnaps zur Beruhigung bewirkte, steigerte sich mit der Zeit wieder auf Größere Mengen. Diese Spirale wand sich stets nach oben. Mein Verhältnis zu ihm blieb weiterhin uneingeschränkt herzlich.

Das Jahr 1963 neigte sich langsam dem Ende zu. Im damalig kommunistischen Jugoslawien wurde Weihnachten nicht offiziell gefeiert. Alle Christlichen Feiertage versanken in der Bedeutungslosigkeit. Der eigentliche Höhepunkt des Jahres war Silvester. Damit ich an einer Party teilnehmen durfte, schmuste ich schon Wochen vorher mit Papa. Er half mir letztlich dabei, Mutter zu überreden. Diese Silvester Party war der Alljährliche Höhepunkt in unserer Firma, an der fast alle Mitarbeiter gern teilnahmen. Räumlichkeiten für derartige Veranstaltungen ließen sich immer herrichten. Einer der riesigen Nähsäle wurde kurzerhand ausgeräumt und geschmückt.

Silvester nahte und ich bekam doch noch die Erlaubnis mitzufeiern. Auf diesen Abend freute ich mich wie ein kleines Kind. Schon in der Nacht zuvor, fand ich vor Aufregung kaum Schlaf. Alles drehte sich nur noch um diese Feier. Selbst die Einschränkung, bereits eine Stunde nach Mitternacht wieder zu Hause sein zu müssen, konnte die Hochstimmung nicht trüben.

Tante Vera besaß gute Beziehungen ins Ausland. Durch ihre Freunde erhielt ich auf diesem Umweg ein modernes und schickes Kleid für diesen Anlass. Ich erinnere mich noch genau wie es aussah. Ein schwarzes, ärmelloses Kleid mit rundem Ausschnitt und eingewebten Silberfäden im Oberteil. Der Figurbetonte Schnitt ging über in einen weiten Rock, der gerade noch die Knie umspielte. Eine selbst gehäkelte Stola in passendem Farbton, rundete das Gesamtbild elegant ab.

Ein Silberkettchen, das Tante Vera mir für diesen Abend lieh, gab mir den letzten Schliff. Mein halblanges braunes Haar, bedurfte keiner besonderen Pflege, ebenso wenig benötigte ich Schminke. Häufig nannte Tante Vera mich „Pfirsichblüte“, da ich so wunderschöne zarte Haut besaß.

In dicken Stiefeln, denn es war draußen bitterkalt, trat ich den Weg zur Feier an. Ein wenig ängstlich war ich schon, denn ich wusste nicht, zu wem ich mich setzen sollte. Im Betrieb angekommen, zog ich die Stiefel aus und ersetzte diese durch die mitgebrachten Lackschuhe. Fröhlich schritt ich in den Saal. Meine Sorge um die Sitzplatzverteilung verflog, denn auf jedem Platz an der langen Festtafel stand ein Namenskärtchen. Meinen Namen fand ich sehr schnell.

“Spomenka” Der Name heißt übersetzt „Vergissmeinnicht“.

Die Gedanken schweiften in die Ferne. Warum wohl hatten meine Paten diesen Namen ausgesucht? Hätten meine Eltern mich nicht lieber vergessen wollen? Schnell verdrängte ich die düsteren Gedanken und kehrte in die Realität zurück, denn es sollte eine fröhliche Silvesterfeier werden.

Da ich frühzeitig dieses Fest aufsuchte, waren mir nur wenige Gesichter unter den anwesenden Gästen bekannt. Der Saal füllte sich Zusehens und um mich herum saßen meist ältere Kolleginnen und Kollegen. Alle Stühle waren nun besetzt, nur der Platz neben mir blieb vorerst noch frei.

Plötzlich setzte sich ein junger Mann auf den noch freien Stuhl neben mich. Ich taxierte ihn aus den Augenwinkeln, denn für einen offenen Blick war ich einfach zu schüchtern Er sah gut aus, mit halblangen schwarzen Haaren, dunklen Augen und einem schwarzen Schnauzbart. Er stellte sich mit Damjan vor und war nicht viel größer als ich. In seinem schicken dunklen Anzug, mit weißem Hemd und passender Krawatte, stach er mir besonders ins Auge. Wir unterhielten uns erst sehr zurückhaltend, jedoch im Laufe der Unterhaltung löste sich meine Anspannung und wir plauderten dann recht locker, bis das Essen aufgetragen wurde.

Wie auf den meisten Großen Festivitäten gab es auch hier als Vorspeise eine hervorragende Rindfleischsuppe. Als Hauptspeise kam gegrilltes Spanferkel auf den Tisch. Natürlich reichte man noch andere Speisen, doch all diese leckeren

Dinge konnten mich nicht dazu bringen, etwas zu essen. Meine Aufregung war einfach zu groß um auch nur einen Bissen herunter zu kriegen. Während des Essens erfuhr ich, dass mein gut aussehender Tischnachbar an der Organisation des Festes beteiligt war und wir nicht nur zufällig nebeneinander saßen. Freimütig erklärte er mir, dass er mich schon längere Zeit wohlwollend betrachtet. Unangenehm war es mir auf keinen Fall, doch ich durfte es ihn in diesem Moment nicht merken lassen. Innerhalb kurzer Zeit erfuhr ich von ihm viele persönliche Dinge und einiges aus seiner Familie.

Er sei der älteste von drei Geschwistern und 26 Jahre alt. Seine jüngere Schwester ist bereits verheiratet und der Jüngste Bruder sei zurzeit bei der Armee.

Freimütig offenbarte er noch diverse Einblicke in seine Familie. So erfuhr ich, dass seine Mutter Hausfrau war und sein Vater den Beruf als Herrenschneider ausübte. Er selbst habe den gleichen Beruf wie sein Vater gewählt und vor einiger Zeit den Meistertitel darin erworben. Stark beeindruckt lauschte ich seinen Worten und wir bemerkten kaum, dass bereits die Tische abgeräumt wurden. Alle Speisen und das Geschirr verschwanden von den Tischen und dafür servierte man die Getränke. Nun verklang die dezente Tischmusik und eine Drei Mann Kapelle spielte derweil zum Tanz auf.