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Wie führen wir Gemeinden in eine lebendige und hoffnungsvolle Zukunft? Michael Bendorf zeigt Zukunftslinien für die Entwicklung von Ortsgemeinden auf und entfaltet die Kompetenzen, die geistliche Leiterinnen und Leiter heute brauchen. Dabei wird deutlich: Geistliche Leitungskompetenz reift dort, wo sich Führungspersonen in ihrer persönlichen Entwicklung für das Wirken des Heiligen Geistes öffnen und sich von ihm leiten lassen. Anhand einer praxisnahen Matrix aus den drei Kernfeldern Sach-, Sozial- und Selbstkompetenz sowie den drei Lernzieldimensionen Kopf, Herz und Hand beschreibt Bendorf neun Lernfelder geistlicher Leitung aus einer Reich-Gottes-Perspektive und illustriert sie lebendig durch zahlreiche Praxisbeispiele. So entsteht ein ganzheitliches Bild, das Denken, Fühlen und Handeln in Einklang bringt. Ein Buch, das inspiriert, leitet und begleitet – für alle, die Verantwortung übernehmen und ihre Leitungsaufgabe geistlich vertiefen möchten, zur persönlichen Reflexion ebenso wie als Grundlage für die Ausbildung und Weiterentwicklung von Leiterinnen und Leitern in Kirche und Gemeinde.
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Seitenzahl: 507
Veröffentlichungsjahr: 2025
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STIMMEN ZUM BUCH
„Was Michael Bendorf hier vorlegt, ist nicht weniger als ein umfassendes Kompendium der praktischen Gemeindeleitung. Das Wissen, das Sein und das Handeln des Leitenden werden von ihm durch die verschiedenen Herausforderungen des Gemeindelebens durchdekliniert. Dabei bringt Michael nicht nur umfassendes Fachwissen der gängigen Leitungsliteratur, reflektierte biblische Perspektiven und einen großen eigenen Erfahrungsschatz ein – auch seine brennende Leidenschaft für die Schönheit der Ortsgemeinde leuchtet immer wieder zwischen den Zeilen auf. Ich kenne kein Leitungsbuch, das so umfassend die verschiedenen theoretischen Disziplinen des Leitens verbindet und zugleich so begeisternd und praxisnah geschrieben ist! Große Leseempfehlung.“
Jörg Ahlbrecht, Pastor, Autor, Produzent Willow Creek Deutschland
„Für viele Gemeinden nimmt die Friedenskirche in Braunschweig seit etlichen Jahren die Funktion eines Leuchtturms ein. Die Erfahrung ist: Was hier gelingt, kann auch oft anderswo angewendet werden. Nun legt ihr Hauptpastor Michael Bendorf mit seinem aktuellen Buch ein Konzept für ekklesiale Leiterschaft vor. Zwei große Stärken besitzt dieses Buch: Zum einen ist es erwachsen aus der Braunschweiger Gemeindepraxis. Zum anderen ist es theologisch reflektiert und ebenso gemeindepädagogisch durchdacht. Das ergibt eine selten anzutreffende und ungemein wertvolle Mischung. Beim Lesen werden somit viele Aha-Erlebnisse möglich.“
Dr. Arndt Schnepper, Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Ewersbach
„Der Theologe und Erziehungswissenschaftler Michael Bendorf liefert hier einen echten Knaller: ein wissenschaftlich fundiertes und zugleich praktisches Grundlagenbuch zum Thema Leitung. Gerade Leitung in der Kraft des Heiligen Geistes ist etwas, das ich immer wieder üben will. Es geht in diesem Buch um Kompetenzen für eine dienende Gemeindeführung – die wir theoretisch alle bejahen. In der Praxis fehlen sie in unseren Gemeinden oft, und heimlich oder offensichtlich scheinen Macht, Stolz, Unvergebenheit, Missverständnisse etc. im Vordergrund zu stehen.
Michael bearbeitet unterschiedliche Aspekte dieses Themas und macht Mut, dass Leitung in der Kraft des Geistes nicht nur notwendig, sondern auch möglich ist. Noch besser: Wir sehen es an ihm persönlich und seiner Gemeinde.
Ich bete, dass dieses Buch zu einem Standardwerk für geistliche Führungskräfte wird und dass wir neu geistlich leiten lernen und Gott sich dadurch nochmals anders in und durch uns offenbart.“
Evi Rodemann, Theologin, Eventmanagerin und Coachin
„Michael Bendorf vermittelt seine Erkenntnisse und Erfahrungen über Leiterschaft auf eine scharf durchdachte und für die Praxis leicht anwendbare Weise. Dies liegt nicht zuletzt an der durchgehend methodisch überzeugenden sowie konstruktiven Reflexion vorausgehender und bereits etablierter Theorien im Blick auf Leitung und Führung. Ihm gelingt dabei, das Thema einerseits ganzheitlich anzugehen, ohne die Leserinnen und Leser durch Wissenswucht zu erschlagen, und andererseits die nötigen Tiefenbohrungen vorzunehmen, ohne sich im Detail zu verlieren. Dabei begegnet vieles, worüber man andernorts schon gehört oder gelesen hat. Und doch bietet Michael Bendorf weder einen Aufguss noch eine bloße Materialsammlung, sondern einen eigenen, neuen und kombinierten Ansatz, der von hoher Professionalität, Kompetenz, Transparenz, Sensibilität, Klarheit, Erfahrung und Geistlichkeit geprägt ist.“
Dr. Mathias Nell, Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden – Ausbildung
„Nein, kein locker-flockiges Buch mit einfachen Rezepten … Dafür eine erfrischende Kombination aus Bibel, Theologie, Einsichten aus den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, verbunden mit jahrelanger eigener Leitungserfahrung in verschiedenen Kontexten und ganz viel Geist und Heiligem Geist. Eine inspirierende Alternative zu vielen Büchern für christliche Leiter und die, die es werden wollen und müssen … gründliche Lektüre und Anwendung lohnen in jedem Fall!“
PD Prof. Dr. Christoph Stenschke, Wiedenest, Pretoria, Bonn
„Wenn ein habilitierter Wirtschaftswissenschaftler und studierter Pädagoge sowie Theologe ein Leitungsbuch schreibt – dann kommt diese exquisite Mischung dabei heraus. Theologisch und pädagogisch fundiert, kompetenzfokussiert und mit großem pastoralen Herz entfaltet Michael Bendorf den Stoff, aus dem Leitende sind (Herz), mit dem sie arbeiten (Hand) und den sie durchdringen (Kopf) sollten. In diesen Stoff werden drei Kompetenzfelder eingewoben. So entsteht ein Raster, das die Fülle der Leitungsthemen übersichtlich sortiert und kenntnisreich entfaltet. Verständlich und mit durchgehendem Praxisbezug veranschaulicht der Autor viele Modelle und Konzepte. Seine Leitmotivation prägt das Buch dabei vom Anfang bis zum Ende: Führungskompetenzen zu beschreiben, die der Gemeinde helfen, sich in ihr Umfeld senden zu lassen und auf diesem Weg nachhaltige Gemeindeentwicklung zu generieren.
Das Buch verlangt Leser, nicht Blätterer. Und die Lektüre lohnt! Wer sich mit ihr in die Praxis begibt, hat für viele Jahre eine Fundgrube, aus der er Vertrautes und Neues für die eigene Leitungsarbeit herausziehen kann.“
Dr. Oliver Pilnei, Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal
„Die Kirche Jesu Christi braucht Leiterinnen und Leiter, die sich, inspiriert durch den Heiligen Geist, von ihm leiten lassen. Dazu müssen wir ein demütiges Herz haben, das bereit ist, zu lernen und sich zu reflektieren. Und das gewillt ist, Veränderungen anzunehmen und zuzulassen. Dieses Buch beleuchtet all die wichtigen Facetten, die es für eine gute Leiterschaft braucht. Ich schätze Michael Bendorf sehr. Er vermittelt nicht nur Theorie, sondern gibt sein gelebtes Wissen anschaulich weiter. Unsere Welt braucht Vorbilder, die durch ihr Leben zeigen, wie man lebendige Kirche baut, was dabei wichtig ist und wie Menschen dadurch zu authentischen Nachfolgerinnen und Nachfolgern Jesu werden. Hier kann man das lernen.“
Sibylle Beck, Leitende Pastorin ICF Karlsruhe
„Das Buch ist aus drei Jahrzehnten Leitungserfahrung in christlichen Gemeinden erwachsen. Was es in meinen Augen besonders macht: einerseits der berufliche Werdegang seines Autors vom Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung zur Kanzel. Andererseits seine nüchterne Erkenntnis, dass Erfolg im Gemeindebau sich nicht primär Leitungskompetenzen, sondern dem Geist Gottes verdankt: d. h. der regelmäßigen ‚inneren Klausur‘ vor Gott.“
Prof. Dr. Peter Zimmerling, Leipzig
Die Edition TSC-IGWwird im Rahmen des Joint Venture des Theologischen Seminars St. Chrischona (TSC) mit dem Institut für gemeindeorientierte Weiterbildung (IGW) herausgegeben. Miteinander bilden diese Institute Pastorinnen, Gemeindeleiter sowie kirchliche und diakonische Mitarbeitende an verschiedenen Standorten in der Schweiz, in Deutschland und Österreich theologisch aus und weiter.
Die Edition TSC- GWmacht Forschungsergebnisse zugänglich, die einen Beitrag zu einem gelingenden Umgang mit aktuellen gemeindebaulichen und missionarischen Herausforderungen in Europa leisten.
IGW International
Hirschengraben 52
CH-8001 Zürich
https://igw.edu/tsc/
Die Abbildungen in diesem Buch stellen wir Ihnen und Ihrem Team gerne gratis zum Download zur Verfügung:
https://www.neufeld-verlag.de/shop/leiten-in-der-kraft-des-geistes/#abbildungen
Michael Bendorf
Kompetenzen für eine dienende Gemeindeführung
Dieses Buch als E-Book: ISBN 978-3-86256-797-3
Dieses Buch in gedruckter Form: ISBN 978-3-86256-204-6, Bestell-Nr. 590 204
© 2025 Neufeld Verlag Neudorf bei Luhe
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar
Bibelzitate, soweit nicht anders angegeben, wurden der Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by
SCM R. Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen, entnommen
Außerdem wurden die folgenden Übersetzungen verwendet:
HFA: Hoffnung für alle TM, Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.
LUT: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017
© 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
NGÜ: Neue Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen,
Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft
SLT: Schlachter 2000, die Übersetzung von Franz Eugen Schlachter,
Copyright © 2000 Genfer Bibelgesellschaft
BB: BasisBibel © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Lektorat: Dr. Thomas Baumann
Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson
Umschlagabbildungen: Jackson Hendry/Unsplash.com
Abbildungen innen: Michael Bendorf
Autorenporträt: Alwina Unruh, UNRUH Designbüro, Braunschweig
Satz: Neufeld Verlag
Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die Nutzung des Werkes
für Text und Data Mining gemäß § 44b Abs. 1 und 2 UrhG
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VORWORT DES HERAUSGEBERS
EINFÜHRUNG: MEIN PERSÖNLICHER LEITUNGSWEG
1. GEISTLICHE LEITERSCHAFT
UND SIE BEWEGT SICH DOCH – DIE KIRCHE!
DIE LEITUNGSKOMPETENZ ALS NADELÖHR FÜR GEMEINDEWACHSTUM
LEITEN MIT DEM BLICK FÜR DAS REICH GOTTES
LEITEN UNTER DER FÜHRUNG DES HEILIGEN GEISTES
2. DER GEISTLICHE KOMPETENZQUADER
LEITUNGSKOMPETENZ IM SPIEGEL VON PERSÖNLICHKEIT, BEGABUNG UND CHARISMEN
DIMENSIONEN EINER LEITUNGSKOMPETENZ
DIE MATRIX: KOMPETENZEN MIT KOPF, HERZ UND HAND
VON DER KOMPETENZMATRIX ZUM KOMPETENZQUADER
Die kognitive Dimension
Die affektive Dimension
Die pragmatische Dimension
HÄNDE DER MACHT SIND HÄNDE DER LIEBE
MEIN PERSÖNLICHER UMGANG MIT DEM KOMPETENZQUADER
3. UNSERE SACHKOMPETENZ IN GEISTLICHER LEITERSCHAFT
DIE KOGNITIVE DIMENSION
Unser Expertenwissen
Wissen, wen wir führen – die Gemeinde erkennen, wie Gott sie sieht
Managementwissen als Führungsressource
Allen alles werden – Leitung aus milieusensibler Perspektive
DIE AFFEKTIVE DIMENSION
Leiten mit Berufung
Mit Interesse und Begeisterung leiten
Werte leben – Kultur im Geiste Jesu prägen
DIE PRAGMATISCHE DIMENSION
Vision entwickeln – das Reich Gottes im Blick
Die Vision greifbar und wirksam machen
Strategische Gemeindeführung
Veränderungsprozesse initiieren und gestalten
4. UNSERE SOZIALKOMPETENZ IN GEISTLICHER LEITERSCHAFT
DIE KOGNITIVE DIMENSION
Führungsstile verstehen – Basiswissen für wirksame Leitung
Persönlichkeit im Fokus – Dimensionen und Typen verstehen
Leitungsbegabung im Spiegel der Persönlichkeitstypen
Wissen über Kommunikation: Was zwischen den Zeilen geschieht
DIE AFFEKTIVE DIMENSION
Motivieren können – Menschen in Bewegung bringen
Führen mit Feingefühl: Empathie als Führungsstärke
Vom Geist geformt – Frucht statt Fassade
Geistesgaben im Dienst der Liebe
DIE PRAGMATISCHE DIMENSION
Wirksam führen
Starke Teams entwickeln
Führen durch Beziehung – soziale Kompetenz wirksam entwickeln
Führen mit System: Der gezielte Einsatz von Führungsinstrumenten
5. UNSERE SELBSTKOMPETENZ IN GEISTLICHER LEITERSCHAFT
DIE KOGNITIVE DIMENSION
Die Kraft des Selbst – wie Führung innen beginnt
Meinen „Punkt der Entscheidung“ finden
Selbstführung durch Lebensdeutung
Selbstführung durch Selbstfürsorge
DIE AFFEKTIVE DIMENSION
Charakter zeigen
Gott lieben – das Herz geistlicher Leiterschaft
Wenn Liebe beflügelt: Der geistliche Gestaltungswille
Widerstandskraft entfalten: Resilient führen
DIE PRAGMATISCHE DIMENSION
Spiritualität als Führungskraft
High Energy Leadership: Die besten Stunden für das Wichtigste
Cool bleiben – Emotionsregulation in der Führung
Vergebung als gelebte Leitungspraxis
EPILOG
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
LITERATURVERZEICHNIS
ÜBER DEN AUTOR
DANK
Als TSC und IGW haben wir ein gemeinsames Ziel: Leiter und Leiterinnen für das Reich Gottes auszubilden, die geistliche Führung nicht nur studieren, sondern im Alltag leben und umsetzen. Unser Bildungsansatz ist kompetenzorientiert. Jede Kompetenz denken wir mit Kopf, Hand und Herz – denn erst wenn Wissen angewendet, Fähigkeiten geübt und Haltungen verinnerlicht werden, entsteht echte geistliche Leitungskompetenz.
Die Herausgabe des vorliegenden Buches in der Edition TSC-IGW steht exemplarisch für diese Vision. Sie soll Studierenden, Praktikern und erfahrenen Leitern gleichermaßen helfen, geistliche Leitung bewusst zu reflektieren, Kompetenzen gezielt zu entwickeln und die Berufung Gottes mutig zu leben.
Dr. Michael Bendorf ist für uns ein beeindruckendes Beispiel dafür. Er verbindet Theorie und Praxis auf eine Weise, die authentisch und inspirierend ist. Bei ihm wirken Kopf, Hand und Herz in der Führung harmonisch zusammen. Sein gelebtes Know-how macht ihn nicht nur zu einem wertvollen Autor, sondern auch zu einem geschätzten Mitglied des IGW-Vorstands, das die Ausbildung der nächsten Generation geistlicher Leiterinnen und Leiter entscheidend mitprägt.
Dieses Buch ist ein wichtiges Grundlagenwerk zur geistlichen Führung. Es ist mehr als eine theoretische Abhandlung. Es lädt dazu ein, Leiterschaft bewusst zu reflektieren und praktisch einzuüben. Es hilft, nicht nur aus der eigenen Intuition heraus zu führen, sondern Führungskompetenz gezielt zu entwickeln. Gerade auch erfahrene Leiterinnen und Leiter, die sich vielleicht auf einem Plateau befinden, finden hier wertvolle Impulse, um blinde Flecken in ihrem Kompetenzquader zu entdecken, Kompetenzen zu erweitern und in ihrer Führungsarbeit weiter zu wachsen.
Wir wünschen uns, dass künftige Generationen von Führungskräften sich sowohl geistlich fundiert als auch kompetent in Gottes Reich einbringen. Unser Fokus liegt bewusst auf Kompetenzen statt reinem Wissen, denn Wissen allein macht niemanden zu einem brauchbaren Leiter. Nur angewandtes Wissen wird zu Kompetenz.
Darum wünschen wir jedem Leser und jeder Leserin dieses Buches, das enorme Wissen, das in diesen Seiten steckt, mutig anzuwenden. Möge es dir helfen, die Führung, zu der Gott dich berufen hat, mit klarem Kopf, geschickter Hand und brennendem Herzen auszuüben.
„Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt.“ (Johannes 15,16)
Möge Gott dir Weisheit schenken, dein Herz leiten und deine Hände befähigen, damit deine Führung Frucht trägt: Heute und für kommende Generationen.
WIDMUNG
Lieber Michael,
mit diesem Buch hast du uns einen großen Schatz geschenkt. Wir danken dir für deine Leidenschaft, dein Vorbild und deine Authentizität. Du lebst, was du lehrst, und genau das macht deine Botschaft so kraftvoll. Es ist uns eine Ehre, dieses Werk in der Edition TSC-IGW herauszugeben und damit einen Beitrag zur Ausbildung geistlicher Leiterinnen und Leiter zu leisten.
Im Namen des Leitungsteams von TSC-IGW
Benedikt Walker, Beat Schweitzer, Ruedi Röthenmund, Daniel Janzen
Dieses Buch widme ich zwei Männern, die mein geistliches Leben auf unterschiedliche Weise geprägt haben:
Meinem verstorbenen Freund, Kollegen und Mentor Heiner Rust – in tiefer Dankbarkeit für die geistlichen Spuren, die er in meinem Leben hinterlassen hat
Meinem Freund und Gemeindeleiter Gebhard von Krosigk, der seit über drei Jahrzehnten mit großer Liebe und Leidenschaft die Braunschweiger Friedenskirche leitet.
Im Rahmen der Stabübergabe in der pastoralen Gesamtleitung der BraunschweigerFriedenskirche segneten Gebhard und Sabine von Krosigk Heiner und mich (August 2016).
Wann ist man eigentlich reif genug, ein Buch über Leiterschaft zu schreiben? Wie viel Wissen benötigt man dazu und welche Leitungserfahrungen muss man gesammelt haben? Angesichts der persönlichen Lernkurve und im Bewusstsein der eigenen Leitungsfehler könnte es angebracht sein, ein solches Buchprojekt auf die lange Bank zu schieben. Andererseits gibt es vielleicht auch ein „zu spät“ für ein solches Buch – zu spät für diejenigen, die gerne in Leitungsherausforderungen stehen und gerne frühzeitig von denen hören möchten, die diese Herausforderungen bereits hinter sich haben, um von ihnen zu lernen.
2019 habe ich zur Verabschiedung und Entpflichtung meines Vorgängers Heiner Rust eine Festschrift herausgebracht, die den Titel trägt: Wo der Geist weht – Beiträge zur Reich-Gottes-Theologie und Gemeindepraxis. Freunde und Weggefährten von Heiner haben diese Festschrift mit ihren Beiträgen bereichert. Sechs von ihnen sind mittlerweile verstorben – einschließlich Heiner. Das ist nicht spurlos an mir vorbeigegangen, da einige von ihnen mich in meinem theologischen Denken und in meiner Persönlichkeit sehr geprägt haben. Zu ihnen gehören neben Heiner unter anderem Geri Keller, Jürgen Moltmann und Siegfried Großmann. Sie waren für mich Denker und Leiter, die Spuren in meinem Leben hinterlassen haben. Und sie waren allesamt Personen, die anderen mit ihren anvertrauten Gaben dienen wollten. Mit ihrer Haltung konnte etwas im Leben anderer Menschen aufblühen.
Immer wieder mal gibt es Momente in meinem Alltag, wo ich dankbar auf meine Begegnungen mit ihnen zurückblicke. Sie waren allesamt Leiter, die auf sehr unterschiedliche Art und Weise wirksam waren – mit ihren Möglichkeiten und im Rahmen ihrer Grenzen. Sie haben Einfluss ausgeübt. Ich habe unter anderem von ihnen gelernt, wie wichtig es ist, seine Erfahrungen und sein Wissen für andere fruchtbar zu machen. Sie waren darin ausgesprochen großzügig – und demütig zugleich.
Und so habe ich vor einiger Zeit die Entscheidung getroffen, dieses Buchprojekt anzugehen. Zwei Motive haben mich insbesondere zum Schreiben bewegt. Das erste liegt darin, dass wir vor dem Hintergrund unserer Rolle als größte Ortsgemeinde im Bund-Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) häufig von anderen Gemeinden auf unsere Art zu leiten angesprochen werden. Nicht wenige Leitungsteams unterschiedlicher Ortsgemeinden im Land wollen von uns wissen, wie wir manche Leitungsherausforderungen angehen und welche Erfahrungen wir dabei machen. Und so werden wir regelmäßig konsultiert und zu Gemeindeberatungen und -klausuren eingeladen.
So gut wir dies können, wollen wir diesen Leitungsteams dienen. Dabei ist uns allerdings bewusst, dass wir selbst Lernende sind, die auf dem Weg sind. Wir wissen nur zu gut, wo wir besser werden müssen und wo uns Leitungsfehler unterlaufen. Doch zugleich wollen wir uns auch unserer Verantwortung stellen und unsere Lernerfahrungen mit anderen teilen. Dieses Buch soll dazu einen Beitrag leisten. Dabei kann ich nicht beurteilen, wie groß dieser für einzelne Gemeinden sein könnte. Hier bitte ich um kritische Prüfung. Was in einem bestimmten Kontext gewachsen ist, lässt sich nicht einfach mechanisch auf einen anderen übertragen. Leiterschaft ist keine Schablone, sondern ein Weg des Hörens, Lernens und Dienens. Es gilt: Kapieren geht über Kopieren. Auch wenn manche Prinzipien geistlicher Leitung grundsätzlicher Natur sind, braucht es für jede konkrete Gemeindesituation Weisheit – die Fähigkeit, das Gehörte auf angemessene und dienliche Weise umzusetzen.
Zugleich möchte ich auch den Hinweis geben, dass Leitung nicht unabhängig von der Gemeindegröße erfolgt. Tim Keller hat hierzu in seinem einflussreichen Artikel „Führungsprinzipien für die Entwicklung wachsender Gemeinden – Wie sich Strategien durch Wachstum verändern“1 wertvolle Impulse gegeben. Auch wenn seine Ausführungen unter anderem Megachurches vor Augen haben, die in diesem Ausmaß nicht für deutsche Verhältnisse zutreffend sind, wird eine Gemeinde mit rund 100 Mitgliedern anders geleitet werden müssen als eine Gemeinde mit über 1 000 Mitgliedern.
Mein zweites Motiv für das Schreiben dieses Buches liegt in meiner persönlichen Biografie, die mit dem Thema geistlicher Leiterschaft auf besondere Weise verwoben ist. Nach einer Bankausbildung habe ich insgesamt 15 Jahre meines Lebens an der Georg-August-Universität in Göttingen verbracht. Von 1993 bis 1998 habe ich Wirtschaftspädagogik studiert. Das bedeutet, dass ich neben dem wirtschaftswissenschaftlichen Studium noch Pädagogik mit den Schwerpunkten Pädagogische Psychologie, Kognitionspsychologie, berufliche Bildung, Wissenschaftstheorie und Forschungsmethoden studiert habe. Nach meinem Studium war ich zehn weitere Jahre als Dozent am Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung tätig. Ich habe in diesem Fachbereich an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät promoviert und habilitiert – und anschließend den Lehrstuhl geleitet. Meine interdisziplinäre Arbeit an der Universität hat es mit sich gebracht, dass mir Fragen zur Kompetenzentwicklung – und damit auch zur Leitungskompetenz – aus den Perspektiven des Managements, der Personalentwicklung und der Pädagogischen Psychologie zutiefst vertraut sind. Ich habe darüber zehn Jahre lang geforscht und gelehrt. Vieles, was ich im weiteren Verlauf des Buches zur Sprache bringe, ist daher getragen von meiner jahrelangen wissenschaftlichen Tätigkeit.
Dabei habe ich auch sehr praktische Leitungserfahrungen gemacht. Als ich nach meinem Studium als Doktorand am Lehrstuhl zu arbeiten begann, wurden meine akademischen Lehrerinnen und Lehrer meine Kolleginnen und Kollegen – wobei ich zunächst das kleinste Rad am Wagen war. Über meine Qualifikationsprozesse der Promotion und Habilitation wurde ich zum Lehrstuhlleiter berufen. Nun war ich plötzlich ihr Vorgesetzter. Das war für mich damals eine völlig neue Leitungserfahrung. Wie leite ich diejenigen an, die mich persönlich ausgebildet haben? Wie führe ich sie? Zugleich war ich ehrenamtlich Mitglied der Gemeindeleitung der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Göttingen. Ich war Teil eines Leitungsteams, unterstand meinem Pastor und leitete zugleich einen eigenen Verantwortungsbereich. Zu leiten und zugleich geleitet zu werden, gehörte sowohl ehrenamtlich als auch hauptberuflich zu meinen täglichen Erfahrungen.
Während meiner Tätigkeit als Dozent habe ich im Jahr 2000 eine eindrückliche pastorale Berufung empfangen. Wir waren in unserer Gemeinde auf der Suche nach einem neuen Pastor und ich war Teil des Berufungsteams. Als ich eines Morgens im Gebet Gott um Weisheit und Führung in unserem Berufungsprozess bat, vernahm ich plötzlich eine sehr klare innere Stimme des Heiligen Geistes: „Ich werde dich einmal in einen pastoralen Dienst stellen.“ Ich war damals über dieses Reden Gottes tief erschrocken. Ich steckte mitten in meinem Promotionsprozess und hatte überhaupt nicht mit einem solchen Weg gerechnet – geschweige denn damit kokettiert. Aber das Reden Gottes war so klar und deutlich, dass ich es nicht ignorieren konnte. Ich konnte nicht einfach so weiterleben, als wenn Gott nicht gesprochen hätte. Und so habe ich dann nach Abschluss meiner Promotion parallel zu meiner Habilitation und Dozententätigkeit ein Theologiestudium an der Theologischen Fakultät der Universität aufgenommen. Ich lebte in jener Zeit ein kräftezehrendes „Doppelleben“ – auf der einen Seite tief in die akademische Welt eingebunden, auf der anderen Seite innerlich längst auf einen anderen Weg gerufen. Aushalten konnte ich diesen Spannungsbogen nur mit Gottes Gnade, getragen von der Eindrücklichkeit meiner Berufungserfahrung.
Ich kann mich noch gut an den Moment erinnern, als ich nach Abschluss meiner Habilitation die Lehrstuhlleitung übernommen habe und in mein neues Büro gezogen bin. Ich saß hinter meinem neuen Schreibtisch und ließ den Blick durch mein großzügiges Büro mit Konferenztisch und Vorzimmersekretariat schweifen. Dann lehnte ich mich in meinem breiten Bürostuhl zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und dachte innerlich: „Jetzt hast du es geschafft. Du leitest einen Lehrstuhl.“
Genau in diesem Moment vernahm ich das Flüstern des Heiligen Geistes: „Und das ist nicht das, was dein Herz begehrt.“ Und genau so war es. Der Heilige Geist hatte mich überführt. Die akademische Laufbahn war letztlich nicht das, wofür ich leben wollte. In mir war eine größere Sehnsucht: die Sehnsucht danach, Pastor zu werden. Die Berufung, die ich Jahre zuvor in meinem Gebet empfangen hatte, war ganz bei mir angekommen. Sie hatte mein Herz erobert. Und so habe ich nach Abschluss meines Theologiestudiums den Präsidenten der Universität um Entlassung aus meinem Beamtenstatus gebeten – durchaus mit Herzklopfen. Im Jahr 2009 bin ich Pastor der EFG Hannover-Walderseestraße geworden. 2015 bin ich einer Berufungsanfrage der Braunschweiger Friedenskirche gefolgt und habe dort im Jahr 2016 die Gesamtleitung von meinem Kollegen Heinrich Christian Rust übernommen. Nun bin ich seit 1997 Mitglied von unterschiedlichen Gemeindeleitungen: bis 2008 ehrenamtlich, anschließend hauptamtlich. In beiden Rollen habe ich wichtige und prägende Erfahrungen gemacht.
Ich werde gelegentlich gefragt, ob ich den Schritt in den pastoralen Dienst jemals bereut habe. Ich kann nur sagen: nicht eine Sekunde. Gleichwohl weiß ich um die Last von Leiterschaft und auch um die dunklen Stunden eines Leitenden. Aber ich empfinde mich im Zentrum meiner Berufung. Das allein zählt für mich. Ich erlebe es zugleich so, dass ich alles, was ich in den Jahren an der Universität gelernt habe – in der Unternehmensführung, in der Personalentwicklung, in der Pädagogik und in der Psychologie –, sehr gut in meiner leitenden Funktion gebrauchen kann. Diese Jahre sind mir ein Geschenk für meinen heutigen Dienst, den ich ohne sie so nicht ausführen könnte, wie ich es tue. Umso mehr möchte ich in diesem Buch über Leiterschaft das teilen, was ich gelernt habe – und noch immer lerne. Ich verbinde damit die Hoffnung, dass manche Leiterinnen und Leiter durch meine Einsichten und Einblicke inspiriert werden und neue Impulse für ihren kostbaren Leitungsdienst sowie ihre persönliche Kompetenzentwicklung erhalten. Dabei denke ich nicht nur an die ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die bereits in leitender Funktion tätig sind. Ich habe auch diejenigen im Blick, die sich in einer theologischen Ausbildung befinden und – neben der Entwicklung ihrer Fachkompetenz – gezielt ihre Sozial- und Selbstkompetenz für zukünftige Leitungsaufgaben stärken möchten.
1Keller, T.: Führungsprinzipien für die Entwicklung wachsender Gemeinden – Wie sich Strategien durch Wachstum verändern. Abrufbar unter: https://der-leiterblog.de/wp-content/uploads/2014/10/141021-tim-keller_leitung_wachsender_gemeinden.pdf.
Braucht es im gemeindlichen Kontext ein weiteres Buch zum Thema Leiterschaft? Ist hierzu nicht bereits alles gesagt und geschrieben worden? Diese Fragen bewegen mich seit geraumer Zeit. Sie sind sicherlich dringender geworden angesichts der zunehmend herausfordernden Situation zahlreicher Ortsgemeinden. Nicht wenige sorgen sich hinsichtlich ihrer Zukunftsaussichten und des Fortbestehens ihrer Existenz. Die Statistiken sprechen nicht für die Kirchen. Konfessions- und denominationsübergreifend sind zumeist rückläufige Mitgliedschaftszahlen zu konstatieren2. Die Gründe hierfür sind vielfältig und umfassend dokumentiert. Ich möchte uns an dieser Stelle keine weitere „Pathologie der Kirche“ Jesu vor Augen führen. Im Kern berühren die Gründe aber die innerkirchlich gelebten Kulturen sowie die gesamtgesellschaftlichen Veränderungsprozesse und ihre Wechselwirkung. Zudem tragen der hohe Altersdurchschnitt in den meisten Ortsgemeinden und der kirchenübergreifende Nachwuchsmangel in der Ausbildung Hauptamtlicher nicht zu einem Gegentrend bei.
Zugleich nehme ich aber auch deutschlandweit und international die hoffnungsvollen Veränderungen in der Gemeindelandschaft wahr. Sowohl innerhalb der bestehenden Konfessionen als auch konfessionsübergreifend sind neue Ansätze zu entdecken, mit denen postmodern geprägte Menschen unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen für das Evangelium gewonnen werden sollen. Manche dieser Projekte sind recht „wildwüchsig“ entstanden und wurden von den etablierten Kirchen entsprechend kritisch wahrgenommen und beobachtet. Was geschieht gerade mit der weltweiten Kirche – und wohin wird dieser Weg führen? Wie wird sich Kirche zukünftig gestalten? Welche Formen wird sie annehmen? Was wird sich verändern, und was bleibt bestehen? Solche Fragen beschäftigen viele Leiterinnen und Leiter angesichts ihrer Verantwortung für die Ortsgemeinden.
Zahlreiche dieser neueren Ansätze sind dadurch gekennzeichnet, dass sie im sozial-gesellschaftlichen Umfeld beziehungsweise Milieu ihrer jeweiligen Zielgruppe verortet sind. Sie sind von dem Wunsch geprägt, dass Kirche dort erfahrbar wird, wo Menschen ihr Leben verbringen und ihren Alltag bewältigen müssen. Sie wollen durch diesen Kontextbezug sozio-kulturell eingebunden sein und verfolgen zugleich im Sinne einer Reich-Gottes-Perspektive eine gesellschaftstransformative Intention. Insbesondere in größeren Städten ist zu beobachten, dass Gemeindegründungsprojekte sich bewusst als multikulturell verstehen und die kulturelle Vielfalt sowie die Dynamik einer Großstadt aktiv in ihr Gemeindeleben integrieren. Oftmals wollen sie sich genau dort ausdrücken, wo eine Vielfalt unterschiedlicher Milieus zum Ausdruck kommt und per se eine höhere Toleranz für Andersartigkeit gegeben ist: im Herzen der Stadt. Dort wollen sie für säkulare Menschen Gott erfahrbar werden lassen. Solche sozio-kulturellen Einbindungen von Gemeinden im Lebenskontext der Menschen sind visionär und herausfordernd zugleich, weil nicht selten damit ein Paradigmenwechsel für Ortsgemeinden verbunden ist: Ihre Mitglieder müssen Kirche (und Evangelisation) neu denken – in ihrem Sein und in ihrem Handeln.
Traditionell sind wir stark von einem institutionellen Gemeindeverständnis geprägt. Gemeinde ist für uns der Ort, an dem wir uns versammeln, unsere Gottesdienste feiern, das Evangelium hören, taufen, Abendmahl feiern etc. Aus diesem ekklesiologischen Verständnis heraus leiten wir unser Missionsverständnis ab. Wir laden zu unseren Gottesdiensten ein und verstehen das Hören des Evangeliums in unseren Räumlichkeiten als Holschuld der Menschen, die wir erreichen wollen. Diesem attraktionalen Ansatz gegenüber steht das missionale Gemeindeverständnis. Es setzt bei der Missio Dei und der Christologie an und betont die sendende Bewegung Gottes in Jesus Christus hin zu den Menschen.
Vor dem Hintergrund der Missio Dei betreibt Gemeinde nicht Mission, sie ist Mission und unterstellt sich der Mission Gottes: der Zuwendung Gottes zur Welt. In diesem Sinne versteht sie das Evangelium als Bringschuld. Der Theologe Johannes Reimer schreibt diesbezüglich: „Eine missionale Gemeinde ist immer kenotischer Natur. Sie wird sich für die Welt hingeben müssen, für die Welt entleeren, wie Jesus es ihr vorgemacht und anbefohlen hat.“3 Man könnte nach der Fleischwerdung des ewigen Gottessohnes in Jesus auch von einer Inkarnation zweiten Grades4 sprechen: Der Geist Christi sendet die Christusnachfolger zu den Menschen in ihren sozio-kulturellen Kontexten – was auch bedeutet, dass die gelebte Christusnachfolge immer kultursensibel ist.
Damit ist es konsequenterweise die Christologie, die die Missiologie bestimmt. Diese wiederum bestimmt die Ekklesiologie beziehungsweise die Form und die Funktion der Gemeinde – und nicht umgekehrt wie im oben beschriebenen attraktionalen Gemeindeverständnis. Ein zentraler Vertreter dieses inkarnatorischen Gemeindeansatzes beziehungsweise der missionalen Gemeindebewegung, Alan Hirsch, schreibt hierzu:
„Dabei werden nicht nur unsere Absichten durch die Person und die Werke Jesu geprägt, sondern auch unsere Methoden. Das hat Auswirkungen auf unsere Missiologie. Und unsere Missiologie (wozu wir auf der Welt sind) wird wiederum zum prägenden Faktor für das Wesen, die Tätigkeit und die Formen von Kirche. Ich halte es für entscheidend, diese Reihenfolge einzuhalten. Christus bestimmt unseren Zweck und unsere Sendung in die Welt, und diese Mission muss uns dann in unserer Suche danach leiten, wie wir in der Welt sind … Ekklesiologie scheint die anpassungsfähigste Lehre in der Bibel zu sein … Die Kirche muss von ihrer Mission bestimmt werden.“5
Auch wir als Friedenskirche haben etwa ab dem Jahr 2010 begonnen, ein missionales Gemeindeverständnis zu entwickeln, das wir 2014 in unserem Visionspapier „Vision 2025“ schriftlich festgehalten haben:
„Die Braunschweiger Friedenskirche (BSFK) ist eine missionale Gemeindebewegung, in deren Mittelpunkt eine attraktionale größere City-Kirche steht, die mit unterschiedlichen Gruppen und Gemeinden („Satelliten“) in der Region vernetzt ist und zusammenarbeitet. Missional bezeichnet ein ganzheitliches, vom Geist Jesu geprägtes Selbstverständnis, welches das gesamte Leben einbezieht und dieses als Teil der Sendung Gottes in diese Welt versteht. Familie, Freundschaften, Nachbarschaften, Beruf, Freizeit, Kultur usw. werden ebenso wie die Gemeinde als Felder der Mitarbeit im Reich Gottes erkannt und gestaltet. Missional ist ein Seinszustand und nicht eine spezifische Aktion oder Veranstaltung. Die Braunschweiger Friedenskirche definiert sich vor allem aus ihrer Berufung zur Mission und entwickelt ihr Wesen und ihr Handeln und ihre Struktur aus dieser Sendung in die Welt.“6
Diese Neuausrichtung verlangt von uns eine Veränderung unseres Denkens und Handelns, die wir als Gemeindeleitung kontinuierlich vorleben und kommunizieren müssen. Diese Veränderung mussten wir zuerst als Leiterschaft „verstoffwechseln“. Hierzu haben wir uns viel Zeit zum Bibelstudium, zum gemeinsamen Lesen der entsprechenden Fachliteratur und zum Gebet genommen. Von unserer Geschichte her sind wir eine ausgeprägt attraktionale Gemeinde, die ihre Gottesdienste gerne als „Filetstücke“ des Gemeindelebens bezeichnet. Zweifelsohne haben diese für uns bis heute nicht an Bedeutung verloren. Im Gegenteil: Wir investieren viel Gebet, Leidenschaft, Manpower, Zeit und Energie in die Planung und Durchführung unserer Gottesdienste. Unsere Erwartung ist es, dass Menschen in ihnen Gott begegnen und eine tiefe geistliche Erfahrung machen. Dafür wollen wir unser Bestes geben. Die regelmäßigen Rückmeldungen unserer zahlreichen Gäste, die unsere Gottesdienste besuchen, bestärken uns in unserem Handeln. Und doch wissen wir, dass Gottesdienste allein nicht die Zukunft der Kirche sichern und auch aus einer Reich-Gottes-Perspektive nicht die erschöpfende Stoßrichtung des Heiligen Geistes sind. Vielmehr erleben wir seit vielen Jahren, dass uns der Heilige Geist stärker in die Stadt zu den Menschen zieht. Das bedeutet, dass wir vermehrt die Menschen in den Blick nehmen, die noch überhaupt keine Berührungspunkte mit Kirche haben. Für diese Bewegung in die Stadt, von der ein attraktionales Gemeindezentrum zunächst wenig profitiert, müssen wir unsere Gemeinde immer wieder neu begeistern und gewinnen. Klassischerweise ziehen die Kräfte des Gemeindelebens immer nach innen – in der Begleitung, Ermutigung und Versorgung von Menschen, die in der Ortsgemeinde ihre geistliche Heimat gefunden haben.
So ist es nicht verwunderlich, dass die meisten Pastorinnen und Pastoren besonders im Hirtendienst ihren Schwerpunkt haben. Ähnliches gilt für die Ehrenamtlichen eines Leitungsteams. Unsere Ortsgemeinden sind in der Regel „überhirtet“. Eine Gemeindeleitung mit einer Reich-Gottes-Perspektive wird immer bewusst gegensteuern müssen, damit die Menschen des Umfeldes einer Gemeinde in den Blick genommen werden können. Hierfür brauchen Leitungen Personen, die ihren Schwerpunkt im apostolischen, prophetischen und evangelistischen Dienst sehen. So haben wir vor Jahren bewusst unsere Wahlordnung mit dem Hinweis ergänzt, dass die Wahlberechtigten bei ihren Vorschlägen zur Ältestenwahl den fünffältigen Dienst nach Eph 4 in den Blick nehmen mögen, um einer einseitigen Ausrichtung auf den Hirtendienst im Ältestenkreis vorzubeugen.
Mit der missionalen Theologie wird insgesamt eine Gesellschaftstransformation intendiert, die alle Bereiche des Lebens mit Jesus in Verbindung zu bringen versucht. Vertretern dieser Schule geht es um eine Seins- und Handlungsdimension der Christusteilhabe: in ihm sein und mit ihm handeln. Ihr Anliegen ist es, herauszufinden, wo Gott in unseren Städten und Lebenskontexten wirkt, um sich mit diesem Wirken zu verbinden. Trotz des Facettenreichtums der unterschiedlichen Gemeindeströmungen eint sie auf der Erfahrungsebene das Bedürfnis, die Essenz geistlichen Lebens in natürlichen und gesellschaftlich relevanten Settings zu erleben – nicht selten fern von etablierten kirchlichen und gemeindlichen Strukturen, die häufig als erstarrt und lebensfremd wahrgenommen werden. Manche von ihnen halten es für notwendig, sich radikal von bestehenden christlichen Institutionen zu lösen, um dem ersehnten Neuen einen Raum zu schaffen, der frei von Zwängen, Vorgaben und Zugeständnissen ist. Andere wagen den geistlichen Erneuerungsprozess aus ihrer eigenen Konfession beziehungsweise Denomination heraus. Welcher Ansatz auch immer gewählt wird: Für diese Prozesse werden immer wieder Menschen mit hohem Leitungspotenzial gesucht, da sie als Schlüsselfaktor für nachhaltige Gemeindeerneuerung und -gründung gelten.
Die zentrale Frage ist dabei, wie eine Leitungskompetenz auszusehen hat, damit sich Gemeinden in ihrem Umfeld gut und nachhaltig entwickeln können. Diese Frage ist im Hinblick auf geistliche Leiterschaft grundsätzlicher Natur; sie betrifft nicht nur die Ausbildung angehender Leiterinnen und Leiter von Gemeindegründungsprojekten. Sie ist ebenso bedeutsam für die Entwicklung der sogenannten Fresh Expressions von Kirche aus dem angelsächsischen Raum sowie für die aus den USA stammenden Multisite-Ansätze, bei denen sich eine Gemeinde an verschiedenen Standorten vielfältig ausdrücken möchte. Wo auch immer wir aktuelle Änderungsprozesse bestehender Ausdrucksformen von Gemeinde im Sinne einer stärkeren Zuwendung zu den Menschen ihres Umfeldes betrachten, ist festzustellen, dass damit einhergehend neue Reflexionen über das Wesen und die Ausdrucksform von Kirche und geistlicher Leiterschaft entstehen.
Es hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend die Einsicht durchgesetzt, die Leitungskompetenz gewissermaßen als Nadelöhr für nachhaltiges Gemeindewachstum zu betrachten. Mit Wachstum habe ich dabei nicht nur die quantitative, sondern auch die qualitative Dimension im Blick. Alle wachsenden Gemeinden werden von Personen mit hoher Leitungskompetenz geführt. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass sich Menschen nicht nur in ihre Ortsgemeinde einbringen, sondern zudem ihr volles Potenzial zur Entfaltung bringen können. Sie sorgt zugleich für ein geistlich gesundes Klima, bei dem sich Menschen wertgeschätzt und geliebt fühlen. Sie erkennt die Wachstumsfaktoren einer Gemeinde und weiß zudem, wie diese fruchtbar genutzt werden können. In diesem Sinne könnte man auch von einer Grundgabe für ein florierendes Gemeindeleben sprechen.
Jeder, der in der Verantwortung von Leiterschaft steht, weiß allerdings auch, dass er Gemeindewachstum nicht einfach so bewirken kann. Wir müssen eine weitere Komponente in den Blick nehmen, die ich unter einer Reich-Gottes-Perspektive als die Wirkdimension des Heiligen Geistes bezeichnen möchte. Es zeigt sich als ein göttliches Prinzip, dass geistliches Wachstum für eine Gemeinde unverfügbar und damit nicht machbar ist. Gemeindewachstum geschieht nicht – um eine Anlehnung aus der Betriebswirtschaft zu bemühen – durch eine Produktionsfunktion, die die Beziehung zwischen den Inputs (Produktionsfaktoren) und dem sich daraus ergebenden Output beschreibt. In diesem Sinne würde gefragt, welche Inputs – wie Gebet, Bibelstudium, Fasten, Gabeneinsatz usw. – in welchem Umfang und Verhältnis eingesetzt werden müssen, um maximales Gemeindewachstum beziehungsweise die größtmögliche Ausbreitung des Reiches Gottes zu fördern. Und dennoch weist Jesus in seinen Gleichnissen vom Ackerbau auf die menschlichen Möglichkeiten des Sämanns hin, optimale Bedingungen für einen maximalen Ertrag zu schaffen – den Ertrag selbst hat er letztlich nicht in der Hand (vgl. zum Beispiel Mk 4).
Wenn ich mit manchen Kolleginnen und Kollegen im Gespräch bin, dann höre ich nicht selten, dass sie sich innerlich von einem möglichen zukünftigen Gemeindewachstum verabschiedet haben. Sie sind schon froh, wenn die Mitgliederzahl ihrer Gemeinde einigermaßen stabil bleibt oder nur geringfügig sinkt. Und wenn sie mir von ihren Herausforderungen und Lebensbedingungen berichten, dann kann ich ihre Einschätzung nach menschlichen Maßstäben durchaus nachvollziehen. Leitung auszuüben, kann mitunter ein „frustrierendes Geschäft“ sein. Manchmal hilft aber auch ein Perspektivwechsel: Was würden wir erhoffen, wenn wir aus einer bestehenden Gemeindesituation aussteigen und eine neue Gemeinde gründen würden?
Gemeindegründung ist auf Wachstum angelegt. Gründungspastoren stehen vor der Herausforderung, auf der einen Seite ganz bei den Menschen mit ihren geistlichen und lebenspraktischen Herausforderungen zu sein, zugleich aber auch die Gemeinde von der ersten Stunde an strukturell und inhaltlich zu prägen, zu gestalten und gemäß der Führung des Heiligen Geistes zu entwickeln. Mögliche Fehlentwicklungen verlaufen oft schleichend und werden daher häufig erst spät erkannt. Notwendige Korrekturen auf organisch-struktureller oder theologischer Ebene belasten dabei nicht selten bestehende Beziehungen und können zu ersten Krisen in der Gemeindeentwicklung führen. Wie auch immer Gemeindegründungsprojekte von ihrem Konzept her gedacht und umgesetzt werden: Die berufenen Pastorinnen und Pastoren beziehungsweise Leiterinnen und Leiter stehen vor der Herausforderung, ihr Rollenverständnis zu definieren. Dieses Rollenverständnis muss zentral den Aspekt gelebter Leiterschaft aufgreifen. Der US-amerikanische Pastor Rick Warren schreibt diesbezüglich:
„Deine Rolle als Pastor muss sich verändern. Sobald du entscheidest, dass du wachsen willst, musst du deine Rolle als Pastor analysieren. Du musst bereit sein, dich vom Gemeindepastor zum Leiter zu entwickeln. Wenn alles von dir abhängt – wenn du dich persönlich um jede einzelne Person in deiner Gemeinde kümmern musst –, dann kann die Gemeinde nicht über dein eigenes Energieniveau hinauswachsen. Und genau das ist die Barriere! Du wirst zum Flaschenhals, zum Wachstumshindernis.“7
Wir alle brauchen in unserer Leitungsfunktion ein dienendes Herz, das erfüllt und geprägt ist vom dienenden Wesen Jesu, aber wir brauchen auch die innere Bereitschaft, unsere Leitungsverantwortung offensiv anzugehen – wir müssen dabei versuchen, unseren Dienst zu multiplizieren, um nicht zum berühmten engen „Flaschenhals“ für alle Entscheidungsprozesse zu werden.
Beachten wir nochmals die Sondersituation einer Gemeindegründung: Für das Überleben der Gründungsphase mit anschließender Etablierung wird meist ein offenes Zeitfenster von zwei bis drei Jahren angesetzt. In dieser Zeit sollte eine Gemeinde die kritische Größe von mindestens 50 (bis 100) Personen erreicht haben und in der Lage sein, ihren Pastor mit einer halben Stelle zu finanzieren. Wenn dem so ist, kommt der Aussage von Rick Warren besondere Bedeutung zu. Gründungspastoren sind vor diesem Hintergrund noch viel mehr als Pastoren bestehender und etablierter Gemeinden darauf angewiesen, offensiv ihre Leitungsaufgabe wahrzunehmen und die von ihnen als bedeutsam eingestuften Wachstumsfaktoren zu nutzen, um möglichst frühzeitig in die notwendige Wachstumsphase zu gelangen. Dabei stehen sie vor der Herausforderung, dass ihnen nur ein kleines ehrenamtliches Team mit begrenzten zeitlichen und materiellen Ressourcen zur Verfügung steht. Auf gewisse Weise geht es um das Überstehen beziehungsweise Überleben der kritischen Gründungs- und Etablierungsphase. Dazu braucht es Leitungskompetenz mit einer klaren Vision für die Zukunft der Gemeinde.
Trotz aller Herausforderungen und Rückschläge, die Ortsgemeinden in dieser Zeit erleben, blicke ich hoffnungsvoll auf die Zukunft der Gemeinde Jesu. Das tue ich, weil ich Kirche im Horizont des Reiches Gottes denke, das mit Jesu Kommen, Kreuzigung und Auferstehung angebrochen ist und mit dessen Wiederkunft seine Vollendung erfahren wird. In diesem Verständnis geht es letztlich um die eschatologische Vollendung der befreienden Herrschaft Jesu in der Geschichte.
In Hebr 1,2 lesen wir, dass Gott seinen Sohn zum Erben aller Dinge eingesetzt hat. Jesus hat dadurch, dass er sein Leben für seine Schöpfung gelassen hat, einen Anspruch auf sie; sie gehört ihm. Sie ist sein Erbteil. Wenn ich auf unsere Erde und die Menschheit schaue mit all der Not, der Verzweiflung, der Ungerechtigkeit, den Kriegen, dem Sterben, dem Klimawandel und all dem anderen Unheilvollen, dann sind doch folgende Fragen naheliegend: Wer will denn das alles erben? Wer will diese Schulden einer ganzen Menschheit übernehmen? Wer will die Rechnung begleichen und den Kopf hinhalten? Jesus. Jesus will diese kaputte und so sehr leidende Schöpfung erben. Er hat dafür den Preis am Kreuz bezahlt. Es war der Höchstpreis. Er hat es aus Liebe getan.
Ist er der Erbe dieser Welt, dann ist er auch ihr Herr. Diese Sicht weckt in mir in diesen trüben Zeiten eine Melodie der Hoffnung. Diese Schöpfung wird nicht „den Bach runtergehen“, wenn Jesus sie geerbt und mit sich versöhnt hat. Vielmehr geht unsere Erde einer Herrlichkeit entgegen, die selbst ihre ursprüngliche Herrlichkeit im Anfang übertreffen wird: Sie geht der Vollendung der neuen Schöpfung entgegen.
Dafür sorgt niemand anderes als der Heilige Geist. Er bereitet die ganze Schöpfung auf das Kommen Gottes beziehungsweise auf die Wiederkunft Jesu vor. Die Geschichte des Reiches Gottes ist eine Geschichte, die von Hoffen, Warten und noch ausstehenden Verheißungen geprägt ist. In der Theologie spricht man daher vom „eschatologischen Vorbehalt“. Mit der Wiederkunft Jesu wird dieses Reich unter der Herrschaft des Messias offenbar.
Als Ortsgemeinden leben wir unter dieser Spannung von „schon jetzt“ und „noch nicht“: Schon jetzt ist das Reich Gottes angebrochen, aber eben noch nicht vollendet. Manches, was wir im Gemeindeleben an Erfahrbarkeit erhoffen, steht noch aus. Manches erleben wir als Stückwerk. Und doch wirkt der Heilige Geist mit den Kräften der Neuschöpfung. Die Zukunft der Schöpfung ist keine andere als Christus selbst. Sie erwartet den Kommenden, der bereits durch seinen Geist in ihr gegenwärtig ist. Durch ihn ist erfahrbar, worauf letztlich alles abzielt: „Unter ihm, Christus, dem Oberhaupt des ganzen Universums, soll alles vereint werden – das, was im Himmel, und das, was auf der Erde ist“ (Eph 1,10; NGÜ). Dieser schmerzhafte Riss zwischen Himmel und Erde, den wir jeden Tag neu in unserer Gesellschaft, im Gemeindeleben und auch in unserem persönlichen Leben erfahren, soll in Jesus zusammengefügt und geheilt werden.
Dass die Schöpfung mit Christus Zukunft hat, drückt sich bereits in der Kirche aus. Weil die Zukunft der Schöpfung Christus gehört, hat auch die Kirche als weltweiter Leib Jesu Zukunft. Sie erwartet den Kommenden, der bereits in ihr durch seinen Geist wohnt. Im Kontext des angebrochenen Reiches Gottes ist Kirche Teil der Heilsgeschichte Gottes. Damit ist auch sie auf dem Weg zur Vollendung. Vor diesem Hintergrund hat der Theologe Jürgen Moltmann sie als „eschatologische Heilsgemeinde“8 bezeichnet. Die Sammlung und Sendung der Gemeinde Jesu geschieht in einem eschatologischen Erwartungshorizont: „Will man ihr Wesen ergründen, so muss man nach jener Zukunft fragen, auf die sie ihre Hoffnungen und Erwartungen setzt“ (Hervorhebung im Original).9
Die Zukunft der Gemeinde ist keine andere als Christus selbst. Damit weist die Gemeinde in ihrem Zweck und ihrem Ziel über sich selbst hinaus. Zudem wird sie darin zu einer treibenden Kraft in der gefallenen Schöpfung. Dies geschieht durch den Geist Gottes als ihre bestimmende Gegenwart. Durch ihn ist in der Gemeinde das erfahrbar, worauf letztlich alles abzielt – in ihr verbinden sich bereits jetzt schon Himmel und Erde. Sie drückt darin in ihrem Mikrokosmos bereits das prophetisch aus, was die ganze Schöpfung nach Eph 1,10 erwarten darf.
Ich bin zutiefst überzeugt, dass die Kirche in eine hoffnungsvolle Zukunft blickt – auch wenn das nicht automatisch bedeutet, dass jede einzelne Ortsgemeinde Bestand haben wird. Wir alle, die wir uns nach geistlich gesunden Gemeinden sehnen, beobachten in dieser Zeit mit Sorge, dass zu viele Ortsgemeinden schwach geworden sind und erheblich kränkeln – zumindest in Deutschland, in Europa und in der gesamten westlichen Welt. Viele Gemeinden wissen nicht mehr, wie sie wieder zu Orten der Hoffnung werden können, in denen Jesus selbst erfahrbar wird als die Quelle des Lebens. Immer mehr Menschen nehmen Kirchen als veraltete und morbide Gebäude war, die keiner mehr braucht und die der Abrissbirne geweiht sind. Wir wollen relevant sein – aber für die meisten Menschen an unserem Ort sind wir es tatsächlich nicht mehr.
An diese Not anknüpfend haben wir als Friedenskirche zu Beginn des Jahres 2024 ein neues Konferenzformat auf den Weg gebracht: Die Werkstatt-Konferenz. Auf ihr haben wir deutschlandweit und konfessionsübergreifend Gemeinden eingeladen, um mit uns gemeinsam in zahlreichen Werkstätten danach zu fragen, wie Gottes Baupläne für seine Gemeinden in dieser Zeit aussehen. Wir haben unsere gesamte Expertise und Erfahrung gebündelt, uns von Gott und voneinander inspirieren und motivieren lassen – und in diesen Werkstätten neue Gemeindeentwürfe entwickelt, die wir nun als einzelne Gemeinden vor Ort praktisch umsetzen wollen. Wir glauben an solche göttlichen Baupläne für seine Ortsgemeinden. Hat Gott diese Schöpfung nicht aufgegeben, dann hat er auch seine Kirche und seine Ortsgemeinden nicht aufgegeben, auch wenn es nicht alle schaffen werden. Aber an Gottes Geist liegt es nicht. Es liegt auch nicht an unserer Kraft und unserem Vermögen, aber durchaus auch an unserer Willigkeit und Bereitschaft, mit dem Geist Gottes zu kooperieren. Und genau das müssen wir wohl alle neu lernen. Gott kann besonders diejenigen führen, die sich von ihm führen und bewegen lassen.
Gott selbst hat sich aus Liebe zur Welt bewegt. Und dabei hat er auf bestimmte Weise seine Identität riskiert. Was meine ich damit? Er hat eine Seinsweise eingenommen, die er vorher nicht hatte: Der ewige Gottessohn wurde Mensch in Jesus – er, „der in Gestalt Gottes war und es nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein. Aber er machte sich selbst zu nichts und nahm Knechtsgestalt an, indem er den Menschen gleich geworden ist“ (Phil 2,6.7). Er wurde einer von uns, ohne aufzuhören, ganz Gott zu sein. Und Paulus ermutigt uns in diesem Zusammenhang: „Habt dieselbe Gesinnung in euch, die auch in Christus Jesus war“ (Phil 2,5). Dieselbe Gesinnung zu haben, bedeutet dann auch, die Bereitschaft zu haben, als Gemeinde etwas zu riskieren und mutig Schritte zu gehen, die außerhalb des bisher Vertrauten und Sicheren liegen. Ich bin froh und dankbar, Pastor einer Ortsgemeinde zu sein, die in ihrer Geschichte immer wieder bereit war, ihre bisherige Gemeindeidentität zu riskieren, wenn Gott sie so herausgefordert und geführt hat. Diese Gesinnung spüre ich in jeder Leitungssitzung: Wir klammern uns nicht an das, was uns bisher als Gemeinde ausgemacht hat. Uns ist bewusst, dass wir uns auf bestimmte Weise immer wieder „neu erfinden“ müssen, um als Gemeinde Zukunft zu haben. Wir sind bereit, Seinsweisen einzunehmen, die wir so in dieser Form noch nicht hatten. Wir wagen etwas – aus Liebe zu Gott und aus Liebe zu den Menschen unserer Stadt Braunschweig. Und so wie wir Gottes Führung verstehen, bauen wir immer wieder um – und auch neu. Dabei ist Christus unser Fundament.
Jede Ortsgemeinde steht vor immensen Herausforderungen und braucht göttliche Führung und Weisheit in ihren gewichtigen Entscheidungsprozessen. Die entscheidende Frage ist dabei, ob sie sich aus ihrer Bedürftigkeit und menschlichen Begrenztheit heraus wahrnimmt – oder aus der Perspektive von Gottes Gegenwart und Möglichkeiten. An letztere muss Paulus die Korinther erinnern, und mir scheint, dass auch wir regelmäßig diese Erinnerung brauchen: „Denn wir sind der Tempel des lebendigen Gottes; wie Gott gesagt hat: ‚Ich will unter ihnen wohnen und wandeln, und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein‘“ (2Kor 6,16). Paulus greift in dieser Zusage an die Gemeinde auf die Verheißung Gottes an Israel zurück, dass er in der Mitte seines Volkes wohnen will (vgl. 3Mo 26,11.12). An diese und ähnliche Verheißungen seiner Gegenwart erinnern wir uns in nahezu jeder unserer Leitungssitzungen. Ob wir uns wöchentlich als Ältestenkreis oder monatlich als Gemeindeleitung treffen: Die erste Stunde verbringen wir bewusst über dem geöffneten Wort Gottes, im Lobpreis, in der Anbetung und in der Fürbitte. Wir stärken uns darin für unsere anstehenden Leitungsaufgaben und Beratungen. Wir hören darin bewusst auf das Reden des Heiligen Geistes und tauschen uns über unsere Wahrnehmungen und Eindrücke aus. Diese erste Stunde rückt uns nicht nur näher in die Gegenwart Gottes, sie verbindet uns auch in unserem geschwisterlichen Miteinander. Wir geben einander Anteil an unserem Ergehen, beten füreinander und segnen uns darin.
Will Gott in unserer Gemeindemitte wohnen, dann will er auch erfahrbar werden. Die Gemeinde wird zu dem Ort, wo seine Fülle erfahrbar ist: „Sie ist sein Leib, und er lebt in ihr mit all seiner Fülle – er, der alles und alle mit seiner Gegenwart erfüllt“ (Eph 1,22; NGÜ). Mit diesem Zuspruch gehen wir in jede Leitungssitzung mit einer Grundhaltung der Hoffnung und Zuversicht. Diese und weitere Verheißungen Gottes an sein Volk beziehungsweise an seine Kirche sind für mich immer noch der gewichtige Grund, warum ich an die Zukunft von Kirche glaube und mit jeder Faser meines Seins ein hingebungsvoller Pastor und Leiter sein möchte. Ich möchte das, was Gott mit seiner Gemeinde vorhat, nicht verpassen. Ich möchte im Zentrum meiner Berufung sein und leben.
Wir müssen Gemeinde Jesu als einen vom Heiligen Geist geführten Organismus verstehen. Wiederholt wird diesbezüglich auch von einer pneumatologischen Ekklesiologie gesprochen, die seit der charismatischen Erneuerungsbewegung neuen Auftrieb erfährt und zunehmend aus dem Schatten „einer einseitig christologisch bestimmten Ekklesiologie“10 heraustritt, wie es Walter Kardinal Kasper umschreibt. Weiter führt er aus: „Die pneumatologische Dimension muss die Kirche davor bewahren, zu einer reinen, fast bürokratischen Institution und die Ekklesiologie davor, zu einer bloßen Hierarchologie zu werden.“11 Wohl alle Ortsgemeinden sind für diese negativen Entwicklungen anfällig. Auch die Freikirchen sollten zurückhaltend darin sein, hier ihren Blick auf die Volkskirchen zu richten. Auch als freikirchliche Ortsgemeinde mit über 1 300 Mitgliedern laufen wir Gefahr, dass Administration und Programme unsere Vision „killen“ und spontane Inspirationen durch unser organisatorisch-strukturelles Gefüge „gedeckelt“ werden. Im Sinne einer pneumatologischen Ekklesiologie gilt es, diesen Entwicklungen bewusst entgegenzuwirken und erneut von einer Kirche zu sprechen, die aus der Kraft des Heiligen Geistes lebt.12
Die Kräfte des Geistes zielen zusammenfassend auf die Neuschöpfung (Bekehrung, Wiedergeburt und Bestätigung der Gotteskindschaft), den Aufbau des neuen Menschen (Verwandlung in das Bild Jesu), die Befähigung zur Nachfolge Jesu (Geistesgaben) und die Erfahrung des pädagogischen Geistwirkens (Führung, Lehre, Trost). Im Schutz- und Gnadenraum der Gemeinde wird durch dieses Wirken des Heiligen Geistes die Neuschöpfung erfahrbar – ohne darin auf diesen Raum beschränkt zu bleiben.
Vor diesem Hintergrund kann die Gemeinde Jesu auch als ein charismatisches Unternehmen verstanden werden. Das Wesen geistlicher Leiterschaft ist darin begründet, dass sie selbst unter der Leitung des Heiligen Geistes steht. Sie ist abhängig von ihm und auf seine Führung und seine Impulse angewiesen. Genau diese erwarten wir in unseren Leitungssitzungen. Damit ist auch das tiefe Bewusstsein verbunden, dass Gemeinde mehr ist als ein organisatorisch-struktureller Zusammenschluss von Menschen zu einer bestimmten Zweckerfüllung: Sie ist ein Gefäß des Heiligen Geistes, über das wir als Leiterinnen und Leiter nicht einfach so verfügen können. Leitung ist bei dieser analogielosen Größe nicht machbar und auch nicht beherrschbar. Wir müssen uns vielmehr bewusst der Leitung des Heiligen Geistes unterstellen: sowohl in der Steuerungsfunktion der Leitung (vgl. 1Kor 12,28) als auch in der Dimension, die besonders die Verwaltung und die ordnende Funktion von Leitung anspricht (vgl. Röm 12,8).
Zugleich ist die Gemeinde aber auch ein organisatorisch-strukturelles Gefüge, das entwickelt und geleitet werden muss – Organisationsformen müssen gefunden werden, Strukturen sind zu bilden, Ressourcen sind zu bestimmen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen gewonnen, gefördert und begleitet werden. Nicht zuletzt müssen auch visionsorientiert die Ziele, Strategien und der Zweck der Gemeinde klar formuliert werden können. Immer mehr Gemeindeleitungen lesen diesbezüglich Bücher über Unternehmens- und Personalführung, um sich hierzu die notwendigen Leitungskompetenzen anzueignen.
2Manche Kirche kann diesem Negativtrend der schwindenden Mitgliederzahl noch durch die Zuwanderung von Migranten der jeweiligen Konfession beziehungsweise Denomination entgegenwirken. Vgl. hierzu die Ausführungen von Bartholomä, P. & Schweyer, S.: Gemeinde mit Mission.
3Reimer, J.: Die Welt umarmen 167.
4Michael Frost & Alan Hirsch sprechen diesbezüglich von einer „inkarnierenden Evangelisation“. Vgl. Frost, M. & Hirsch, A.: Die Zukunft gestalten 101.
5Hirsch, A.: Vergessene Wege 191.
6Braunschweiger Friedenskirche: Vision 2025 1.
7Warren, R.: 8 Steps to Grow Your Church. Im Internet abrufbar unter:
https://www.pastors.com/free-resources/8-steps-to-grow (Übersetzung: Michael Bendorf).
8Moltmann, J.: Theologie der Hoffnung 300.
9Ebd.
10Kasper, W.: Katholische Kirche 204.
11Ebd. 205.
12Jürgen Moltmann hat diesem Aspekt ein ganzes Buch gewidmet: vgl. Moltmann, J.: Kirche in der Kraft des Geistes – Ein Beitrag zur messianischen Ekklesiologie.
Das Center for Missional Research, eine Abteilung des North American Mission Board, hat in einer Studie mit über 1 000 Kirchen aus zwölf verschiedenen Denominationen im nordamerikanischen Raum zehn sogenannte Prädiktorvariablen identifiziert – Faktoren also, die besonders gut geeignet sind, den Erfolg von Gemeindegründungen mit wachsender Teilnehmerzahl vorherzusagen. Zu diesen zählten unter anderem der Teamfaktor und die Leiterschaftskompetenz. Beide wurden dabei als entscheidend für das Wachstum von Gemeinden herausgestellt.13Die Situation der Gemeindegründung möchte ich dabei als Extremfall für die Notwendigkeit von Gemeindewachstum betrachten. Gerade deshalb ist dieser Wachstumsfaktor auch für Leiterinnen und Leiter relevant, die nicht unmittelbar in einer Gemeindegründung stehen.
Was genau aber sollen Leitende mitbringen an Persönlichkeit, Begabung, Kompetenz und Leidenschaft? Die Differenzielle Psychologie, die sich mit den Unterschieden zwischen Individuen in psychologischen Merkmalen und Persönlichkeitseigenschaften beschäftigt, hat zahlreiche Modelle zur Erklärung interindividueller Differenzen im Persönlichkeitsbereich entwickelt. Neben den klassischen Typologien wie den Temperamentstypologien (so zum Beispiel die vier klassischen Temperamente melancholisch, cholerisch, sanguinisch und phlegmatisch) sind hier besonders die faktorenanalytischen Persönlichkeitsmodelle zu nennen, wobei das Big-Five-Modell mit den Faktoren Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus wohl die größte Verbreitung gefunden hat.14
Dabei wurde seit den 1960er-Jahren immer wieder der Zusammenhang zwischen den Big Five und einer wie auch immer definierten Leiterschaftskompetenz untersucht – insbesondere im Hinblick auf die Frage, inwiefern eine Leitungsbegabung angeboren ist. Wird man aufgrund bestimmter Persönlichkeitsmerkmale zum Leiter geboren? Gibt es so etwas wie „natürliche Leiterschaft“ oder besteht Leiterschaft eher aus Erfahrung und umfassenden Kompetenzen, die grundsätzlich jeder erwerben kann? Zahlreiche Untersuchungen zum Verhältnis zwischen den einzelnen Big-Five-Faktoren und effektiven Leiterinnen und Leitern haben ergeben, dass es neben der Gewissenhaftigkeit insbesondere die Extraversion ist, die in einem engen Zusammenhang mit erfolgreicher Leiterschaft steht.15 Dabei wurde Extraversion in den Studien mit den Kategorien „Geselligkeit“, „Durchsetzungsfähigkeit“, „Aktivität“, „Erlebnishunger“, „Frohsinn“ und „Herzlichkeit“ definiert. Bei den übrigen Persönlichkeitsmerkmalen zeigte sich nur ein moderater Zusammenhang mit Leiterschaft. Insgesamt fällt die Beziehung zwischen Persönlichkeit und effektiver Führung also deutlich schwächer aus, als es die bekannte These vom „starken Mann“ oder charismatischen Siegertyp ursprünglich vermuten ließ.
Diese Befunde decken sich mit den empirischen Ergebnissen von Jim Collins, der mit seinem Team in einer Studie sogenannte Take-Off-Unternehmen untersucht hat, die sich dadurch ausgezeichnet haben, dass sie über 15 Jahre hinweg dauerhaft erfolgreicher waren als vergleichbare Unternehmen. Dabei kam er unter anderem zu dem Ergebnis, dass diese Unternehmen von Managerinnen und Managern geleitet wurden, die eine Mischung aus „persönlicher Bescheidenheit“ und „beruflicher Entschlossenheit“ aufwiesen – Leiter, die auf der einen Seite durchsetzungsfähig, diszipliniert, zielorientiert und entschlossen sind, andererseits stark teamorientiert arbeiten und in hohem Maße in den Nachwuchs investieren. Sie stellen sich nicht in den Mittelpunkt, sondern sind fortlaufend auf der Suche nach den besten Leuten, um ihr Unternehmen langfristig noch erfolgreicher zu positionieren.16
Die zum Teil geringen Zusammenhänge zwischen den Big Five und der Leiterschaftsqualität haben dazu geführt, dass Zusammenhänge zwischen spezifischeren Persönlichkeitsmerkmalen und effektiver Leiterschaft untersucht wurden. Dabei konnten substanzielle Zusammenhänge zwischen erfolgreicher Leiterschaft und Intelligenz, Selbstwirksamkeitserwartung17, Entschlossenheit beziehungsweise Ausdauer, Soziabilität beziehungsweise Kontaktfreudigkeit und insbesondere Integrität nachgewiesen werden. Wir werden uns diese und weitere Persönlichkeitsmerkmale im Verlauf des Buches genauer anschauen. Der Schweizer Theologe Daniel Zindel unterstreicht den Stellenwert der Persönlichkeit im Hinblick auf das Anforderungsprofil für Leitende. Er betont,
„dass Wirkungen nicht einfach nur aus unserem Tun entspringen, sondern dass wir auch äußerst wirksam und effizient sein können, einfach durch unser Sein. Ein Teil des Leitens lässt sich wirklich wie ein Handwerk lernen. Wir erwerben uns Fertigkeiten, um Resultate zu erreichen. Ein anderer Teil hängt jedoch von unserer Persönlichkeit ab.“18
Im Kern unterstreichen die Ergebnisse der Persönlichkeitsforschung im Hinblick auf effektive Leiterschaft, dass es durchaus Persönlichkeitsmerkmale gibt, die gute Leiterschaft unterstützen. All diese Persönlichkeitsmerkmale sind letztlich jedoch nicht ausreichend, um zu erklären, warum Menschen tatsächlich als Leitertypen auftreten oder sich in Leitungsaufgaben bewähren. Auch günstige Persönlichkeitskonstellationen benötigen ein Repertoire entwickelter Kompetenzen, um wirksam leiten zu können. Um es mit den Worten von Michelle Bligh zu sagen:19
„Wenn bestimmte Eigenschaften zentrale Merkmale von Führung sind, wie erklären wir dann Menschen, die diese Qualitäten besitzen, aber keine Führungspersonen sind? … Und wie erklären wir Menschen, die Führungsrollen innehatten und großen Einfluss ausübten, ohne einige oder alle dieser Eigenschaften zu besitzen?“
Ganz offensichtlich gibt es starke Persönlichkeiten, die keine Leiter sind, und umgekehrt starke Leiter mit erheblichem Einfluss, die aber keine entsprechenden Persönlichkeitsmerkmale aufweisen. Wenn wir in unseren Gemeinden nur einseitig die starken Persönlichkeiten für Leitungsaufgaben suchen, können wir leicht diejenigen übersehen, die mit entsprechender Förderung bessere Leitungsergebnisse erzielen können.
In der Literatur wird zu diesem Thema wiederholt der Begriff der Begabung aufgeführt. Er ist ein viel diskutierter Begriff, besonders im Hinblick auf die Frage nach der genetischen Determiniertheit.20 War der Begriff ursprünglich stärker auf die kognitiven Grundfähigkeiten beziehungsweise Leistungsvoraussetzungen beschränkt (insbesondere Intelligenz), so ist der Begriff mittlerweile auf unterschiedliche Dimensionen ausgeweitet worden. Hierzu gehören neben der praktischen und emotionalen Intelligenz auch musikalische beziehungsweise künstlerische (allgemein Kreativität), sprachliche, sportliche und handwerkliche Begabungen. Auch Organisationstalente werden wiederholt als Begabungen klassifiziert.
Auch wenn der Begabungsbegriff nicht als wissenschaftliches Konstrukt anerkannt ist, zählen die aufgeführten Begabungen aus biblisch-theologischer Perspektive zu den sogenannten natürlichen Begabungen, die Gott den Menschen als ihr Schöpfer geschenkt hat. Besonders die kognitive und emotionale Intelligenz weisen einen positiven Zusammenhang mit effektiver Leiterschaft auf.21 So konnte insbesondere Goleman nachweisen, dass alle effektiven Leiterinnen und Leiter eine hohe Ausprägung von emotionaler Intelligenz aufweisen.22 Unter emotionaler Intelligenz subsumiert er ein Bündel von Fähigkeiten wie Selbstwahrnehmung, Selbstregulation, Motivation, Empathie sowie soziale Fähigkeiten. Wir werden uns diese Dimensionen der emotionalen beziehungsweise sozialen Intelligenz im Laufe des Buches genauer anschauen. Ist diese Intelligenz nur schwach ausgeprägt, bleiben auch sehr begabte Personen in ihrer Leitungskompetenz hinter den Erwartungen zurück. Nicht zuletzt wirkt sich eine organisatorische Begabung ebenfalls positiv auf die Leiterschaftsqualität aus.
Darüber hinaus sind an dieser Stelle die Charismen als vom Heiligen Geist bewirkte Befähigungen zu nennen. Hierzu finden sich in Röm 12,4–8 sowie in 1Kor 12,1–31 zentrale Gabenkataloge, die jeweils nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Im Bereich der Charismen finden wir eine zentrale Schnittstelle zwischen Persönlichkeit und Kompetenz. Ein Christ ist eine durch Jesus erneuerte Persönlichkeit. Die Einwohnung des Heiligen Geistes in einem Gläubigen ist ein Akt der Neuschöpfung, in dem ein Prozess der Wiederherstellung der Gottesebenbildlichkeit erfolgt. Dabei „… wird unser ganzes Wesen so umgestaltet, dass wir ihm immer ähnlicher werden und immer mehr Anteil an seiner Herrlichkeit bekommen. Diese Umgestaltung ist das Werk des Herrn; sie ist das Werk seines Geistes“ (2Kor 3,18; NGÜ). Entfaltet sich das Wesen Jesu durch das Wirken des Geistes in einem Gläubigen, so drückt sich dies auch durch die Frucht des Heiligen Geistes aus, wie sie in Gal 5,22 beschrieben wird: „Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit.“ Damit wird nicht die Persönlichkeit eines Menschen ausgelöscht. Vielmehr wird sie durch den Heiligen Geist so geprägt, dass Christus durch sie erkennbar und erfahrbar wird (vgl. Röm 8,29).
Diesem Wirken des Geistes in uns folgt das Wirken des Geistes durch uns, womit der „charismatische Dienst“ des Heiligen Geistes angesprochen ist.23 Wo Leiterinnen und Leiter handeln, wirkt der Heilige Geist durch sie mit den Geistesgaben, die er ihnen zugedacht hat. An dieser Stelle lassen sich Person und Gabeneinsatz nicht trennen. Sein und Handeln finden in Christus ihren Ursprung.
Eph 4,11–13 weist darauf hin, dass nachhaltig erkennbare Geistesgaben auch in einen anerkannten gemeindlichen oder übergemeindlichen Dienst führen können. Dabei wird allgemein von einem „fünffältigen Leitungsdienst“24 gesprochen, der die Dimensionen Apostel, Prophet, Hirte, Lehrer und Evangelist beinhaltet. Damit wird zugleich deutlich, dass Leitungsgaben (vgl. insbesondere Röm 12,8 und 1Kor 12,28) an vielfältige Aufgaben geknüpft sind und unterschiedlich zum Einsatz und zur Wirkung kommen können. Auch wenn in Eph 4,11–13 nur schwer eine Reihen- beziehungsweise Rangfolge herauszulesen ist, geht Alan Hirsch davon aus, dass der apostolische Dienst geradezu als Voraussetzung für Gemeindegründung und -wachstum zu betrachten ist.25 Dabei betont Hirsch zugleich: „Das hat nichts mit einem hierarchischen Verständnis von Organisation und Führung zu tun.“26 Folgerichtig wird in missionalen Gemeindebewegungen ein zu stark hierarchisch geprägtes Leitungsmodell zugunsten des in Eph 4 dargestellten fünffältigen Dienstes abgelehnt. Vielmehr wird eine Vielfalt in der Leitungsausübung angestrebt. Stefan Vatter schreibt hierzu: „Der fünffältige Dienst ist ein von Gott gegebenes Team-Modell. Nur in einem teamhaften Miteinander aller fünf erwähnten Dienstgaben wird die vereinende Kraft des Glaubens zur Wirkung kommen und die Fülle Christi in der Welt sichtbar werden.“27 Dieser Teamansatz unterstreicht, dass wir bei unseren Überlegungen zur Förderung von Leitungskompetenz auch den Blick für unsere Ergänzungsbedürftigkeit und unsere Einbindung in ein Leitungsteam bewahren müssen.
Die bisherigen Ausführungen haben gezeigt, dass es vielfältige Vorstellungen gibt, den Begriff der Leitungskompetenz theoriegeleitet zu fassen. Dies liegt daran, dass es unterschiedliche disziplinäre Zugänge zu diesem Begriff gibt – aus der Psychologie (Persönlichkeitspsychologie, Pädagogische Psychologie, Arbeits- und Organisationspsychologie und Entwicklungspsychologie), der Pädagogik (Schulpädagogik, Berufs- und Wirtschaftspädagogik, Sozialpädagogik, Erwachsenenbildung) sowie der Betriebswirtschaftslehre (Personalmanagement, Strategiemanagement, Innovations- und Wissensmanagement, Internationales Management).
Kompetenzen werden unterschiedlich verstanden: Sie können als Eigenschaften oder Fähigkeiten betrachtet werden, aber auch als Handlungskompetenzen zur Lösung spezifischer (beruflicher) Problemstellungen.
In der theologischen Ausbildung wird die Leitungskompetenz der Pastoralbeziehungsweise Leitungstheologie als Teildisziplin der Praktischen Theologie zugeordnet. Sie hat sowohl inner-theologische als auch außer-theologische Bezugsdisziplinen. Zu den erstgenannten gehören:
Die Systematische Theologie mit ihren Teildisziplinen Dogmatik und Ethik: Hier fragen wir nach unserem Verständnis von Kirche, ihren Ämtern und den Geistesgaben. Zudem bedenken wir unsere Leitungskompetenz im Licht unseres Gottes- und Menschenbildes. Aus ethischer Perspektive reflektieren wir insbesondere über die Verantwortung von Leiterschaft, Macht(missbrauch) und Integrität.
Die Biblische Theologie (Altes und Neues Testament): Hier bewegen wir biblische Leitungsgrundlagen und untersuchen unterschiedliche Leitungsmodelle und Ämter.
Die Kirchengeschichte: In dieser Bezugsdisziplin interessiert uns die kirchengeschichtliche Entwicklung von Leitungsämtern und -strukturen sowie die (gesellschaftliche) Veränderung von Leitungskulturen.
Zu den außer-theologischen Bezugsdisziplinen gehören neben der Soziologie die Psychologie, die Pädagogik und die Betriebswirtschaftslehre mit ausgewählten Inhalten ihrer oben aufgeführten Teildisziplinen. Diese Inhalte fokussieren insbesondere auf die Organisation von Kirche und die Führung von Menschen.
Im Folgenden möchte ich einen integrativen Ansatz zur Abbildung einer theoretisch fundierten Leitungskompetenz vorstellen, der die Erkenntnisse der unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen im Blick hat und zudem als Grundlage für die Förderung unterschiedlicher Leitungs- und Führungsdimensionen dienen kann.
Der Kompetenzbegriff ist aufgrund seiner interdisziplinären Verwendung ein schwer zu fassendes Konstrukt, das je nach Verwandtschaft der Disziplinen größere und weniger große Schnittmengen aufweist. Was genau wollen wir nun unter einer Kompetenz verstehen? Für uns ist im Sinne des Anliegens dieses Buches folgende Frage entscheidend: Wann ist eine haupt- oder ehrenamtliche Person in ihrem Gemeindedienst kompetent? Diese Frage zielt auf das Potenzial eines Menschen ab, das ihn befähigt, situationsspezifisch „erfolgreich“ zu handeln. Der Erziehungswissenschaftler Lothar Reetz versteht unter Kompetenz das interne „Potenzial an Wissen und Können, auf dessen Grundlage und im Zusammenwirken mit motivationalen Kräften das erforderliche (externe) Verhalten jeweils aktuell situations- und anforderungsgerecht generiert (erzeugt) wird“.28
Mit dieser Definition wird deutlich, dass Kompetenzen beziehungsweise Potenziale zunächst nicht sichtbar sind; sie sind erst aus einer konkreten Handlung oder
