4,99 €
Während der Kampf mit Lilith näher rückt, muss Len sich auf einen Krieg vorbereiten, der nur mit Hilfe der Gargoyles entschieden werden kann. Nicht zuletzt muss sie Liliane davon überzeugen, einen Fluch aufzuheben, den sie dem Mann aufgebürdet hat, dessen Unterstützung jetzt unbedingt erforderlich ist. Doch dafür müssen festgefahrene Fronten aufgebrochen werden und das, bevor Dans Clan Rache für den Mord an Franklin fordert. Die finale Schlacht, die über das Schicksal der Wölfe, Dämonen und Gargoyles entscheiden wird, steht direkt bevor.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2021
Copyright
Was bisher geschah ...
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Epilog
Nachwort
Danksagung
Leseprobe
Mehr von Dominique Heidenreich
Über die Autorin
Copyright © 2018 Dominique Heidenreich. Alle Rechte vorbehalten
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Alle in diesem Roman vorkommenden Personen, Charaktere, Schauplätze, Ereignisse und Handlungen entstammen der Vorstellungskraft der Autorin, oder sind fiktiv. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden, oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
1. Auflage
Umschlaggestaltung: Juliane Schneeweiss, www.juliane-schneeweiss.com
Lektorat & Korrektorat: Pia Euteneuer und Lillith Korn
Selbstverlag: Isabel Heidenreich, BAKampfstraße 4, 1140 Wien
Heidenreich, Dominique
Der Blutschwur
Band 5 der Reihe - Lenara
Mehr Informationen finden sie auf www.dominiqueheidenreich.at
Besucht mich auf Facebook und Instagram: @DominiqueHeidenreich
Was bisher geschah …
Als Lisa entführt wird, trifft Jamie eine folgenschwere Entscheidung. Er verrät den Dämonen den Standort des Rudels und spielt damit den Gargoyles, die mit Lilith unter einer Decke stecken, direkt in die Hände.
Die Höhle wird angegriffen und es kommt zum Kampf, bei dem Malcolm getötet wird. In dem Tumult wird Marie von den Gargoyles verschleppt und eingesperrt.
Len zieht gemeinsam mit Dan los, um sie zu befreien, und wird dabei von Jinx, Liliths rechter Hand, konfrontiert. Es kommt zur Auseinandersetzung zwischen Dan und seinem Vater Franklin, bei der Dan ihn umbringt.
Gemeinsam schaffen sie es, Jinx zu töten, und Len kann Marie nach Hause bringen.
Prolog
Sie traf Alexander in einer schmierigen Gasse in London.
Eigentlich war sie kurz davor gewesen, zwei oder drei der Dämonen an ihrer Seite zu nutzen, um ihren Hunger zu stillen. Aber für den Gargoyle musste es nach einem Überfall ausgesehen haben.
Er schritt ein wie ein Ritter in schimmernder Rüstung und sie die Jungfer in Nöten. Nichts hätte weiter von der Wahrheit entfernt sein können.
Es überraschte sie, mit welcher Präzision er in wenigen Sekunden ihre Männer tötete, und sie beschloss, die Chance nicht verstreichen zu lassen und mit ihm zu spielen.
Zu dem Zeitpunkt wusste sie nicht wer, sondern nur was er war und wofür er und sein ganzes Volk standen.
Er verwandelte sich vor ihr in einen Menschen zurück, um ihr auf Augenhöhe zu begegnen.
Sie ließ ihre Fähigkeiten sanft auf ihn einwirken, bis er noch völlig blutüberströmt über sie herfiel. Kaum hatte er Befriedigung erlangt, entschuldigte er sich für sein abruptes Handeln und seine gewaltvollen Taten, während sie vor Genugtuung und Erfüllung schwankte.
Als er sie nach ihrem Namen fragte, antwortete sie aus Reflex und ohne Tücke, wie sie es hätte tun sollen.
Lillu.
Der Name, unter dem sie Jahrzehnte später wieder wandelte.
Doch es war sein Name, der sie aufhorchen ließ.
„Der Alexander?“
„Du hast von mir gehört?“, entfuhr es ihm überrascht. „Ich dachte, ich müsste erst erklären, was ich bin, bevor ich klarstellen kann, wer ich bin.“
Hielt er sie etwa für einen Menschen? Konnte das wirklich sein? Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Das würde Spaß machen.
„Du bist ein Gargoyle“, sagte sie ihm deshalb. „Beschützer der Menschen und Unschuldigen.“ Der subtile Hohn in ihrer Stimme war leicht mit echter Bewunderung zu verwechseln. Was Alexander tat. Ihre Finger fuhren durch das Blut in seinem Gesicht und sie widerstand dem Drang, es abzulecken.
Er sah gut aus für jemanden, der den Ruf hatte, erbarmungslos seine Ziele zu verfolgen und ein kaltblütiger Mörder zu sein.
Wenigstens das hatten sie gemeinsam.
Wie er jemals etwas Verletzliches in ihr sehen konnte, blieb ihr ewig ein Rätsel. Sie war eine Frau, schön und selbstbewusst, optisch mochte sie schwach aussehen, aber ihr Kern bestand aus Stahl. Alexander unterschätzte sie. So wie Männer es taten, die sie weit weniger nah an sich heranließ als ihn.
Wie Teenager tauschten sie Telefonnummern aus und schrieben sich, vereinbarten Dates, hatten Sex. Bombastischen Sex, und sie ging bei Weitem nicht großzügig mit derartigen Beschreibungen um. Schließlich hatte sie mehr davon in einer Woche als so mancher Mensch in einem Jahr.
Lilith hätte sich nie für so kompatibel mit jemanden gehalten. Schon gar nicht mit einem Gargoyle.
Sie redeten über Gott und die Welt, über die guten und schlechten Seiten. Er vertraute sich ihr an, seine Probleme, seine Sorgen.
Und zu ihrer großen Überraschung tat sie das Gleiche.
Nach zwei Monaten beichtete sie ihm ihr größtes Geheimnis.
Sie verriet ihm ihren richtigen Namen und wer sie wirklich war, ebenso wie die Tatsache, dass sie den Namen genauso sehr hasste wie ihr Vermächtnis.
Nie hätte sie damit gerechnet, dass ausgerechnet er sie verstand.
Doch das tat er.
Gemeinsam heckten sie einen Plan aus, den Rat der Gargoyles zu überlisten, und Lilith spielte mit, mehr als nur bereitwillig.
Zum ersten Mal in ihrem Leben zeichnete sich Hoffnung für sie ab. Sie könnte ihrem eigenen Schicksal entkommen und mit Alexander an ihrer Seite herrschen. Das wäre mehr, als je ein Dämon vor ihr erreicht hätte. Mehr, als sie je zu träumen gewagt hatte, und es lag in greifbarer Nähe.
Tatsächlich malte sie sich eine Zukunft mit ihm aus. Machte langfristige Pläne, die ihn einbezogen.
Sie sprachen sogar über Nachwuchs, als wären sie ein ganz normales Paar und nicht eine horrende Version von Romeo und Julia.
Er versprach, ihr Himmel und Hölle zu Füßen zu legen.
Lilith war sich nie sicher gewesen, ob sie wirklich verstand, was Liebe bedeutete oder sein sollte. Durch ihn begann sie, all das zu überdenken. Dank Alexander schien plötzlich alles möglich zu sein.
Sie schworen sich ewige Treue und Lilith ließ zu, dass er sie schwängerte. Sie wollte ihm den Erben schenken, den er sich wünschte. Einen Sohn, der ihn liebte und ihm treu ergeben war, nicht wie die Missgeburt von einem Bastard, die er in seiner Verzweiflung mit der Wolfshure gezeugt hatte.
Ginge es nach ihr, hätte sie beide sofort getötet.
Doch sie liebte Alexander und beugte sich seinem Willen, die beiden am Leben zu lassen.
Für ihn trat sie vor den Rat der Gargoyles, dessen Meinung und Anerkennung ihm so wichtig war.
Für ihn hätte sie alle ihre Dämonen auf einen Schlag getötet.
Sie hätte alles für ihn getan.
Hätte der Rat sie nicht verstoßen.
Wäre das Leben entgegen allen Beweisen gerecht und fair.
Nachdem Alexander ihr schließlich beichtete, dass der Rat ihrer Vermählung nicht zugestimmt hatte, und Lilith klar wurde, dass er sich ihnen fügen würde, änderte sich alles.
Sie explodierte nicht auf der Stelle, so wie Alexander es wahrscheinlich erwartet hatte.
Aber sie plante ihre Rache.
Ihre Liebe zu ihm verbrannte zu Asche bei seinem Verrat. Anstatt gegen des Rates Wunsch zu handeln und sie trotzdem zu heiraten, behandelte er sie fortan wie ein schmutziges Geheimnis. Wie eine Mätresse.
Wie die Hure von Wolf, die er als Schoßtier hielt.
Es war sein Fehler zu glauben, dass sie sich ihm unterordnen würde und bereit wäre, ein derartiges Leben zu führen, nur um an seiner Seite zu bleiben.
Sie hätten alles erreichen können, hätte er sie nicht für seine Ideale, die Ideale seines Volkes, verraten.
Hätte er sie nicht im Stich gelassen, hätte sie ihn und seine Familie vielleicht nie getötet.
Vielleicht wären sie sogar glücklich gewesen.
Möglicherweise hätte es sogar ein Für-immer-und-ewig für sie gegeben.
Allerdings war ihrer beider Schicksal ein anderes.
Kaum erfuhr er vom Tod seines Clans, kam er, um sie zu töten, und brachte es doch nicht fertig.
Ob er zu schwach war oder zu sentimental, wusste sie nicht. Möglicherweise beides. Am Ende spielte es keine Rolle.
Sie tötete ihn.
Kurz und schmerzlos. Gnädiger, als er es verdient hatte.
Trotzdem blieb die Genugtuung aus.
Alles, was er zurückließ, war ein enttäuschter Blick ob ihres Verrats und eine Leere, die selbst das Leben, das in ihr heranwuchs, nicht zu füllen vermochte.
Kapitel 1
Len
„Immer noch ein Fan von Puzzles. Wenigstens etwas hat sich nicht geändert“, kommentierte Len und ließ sich neben Lisa auf den Boden fallen.
„Hilft mir, den Lärm auszublenden“, murmelte sie. Ihre Konzentration blieb vollständig auf das Puzzle vor ihr gerichtet, während im Hintergrund die Arbeiter, die ihre Höhle wieder auf Vordermann brachten, hämmerten und sägten.
Dan hatte ihnen das Geld für die Reparaturarbeiten und die erweiterten Sicherheitsmaßnahmen zur Verfügung gestellt, nachdem Franklin für den Angriff auf ihr Rudel verantwortlich gewesen war. Für die Mehrheit des Rudels fühlte es sich wie Schweigegeld an, Kompensation für etwas, das man nicht kompensieren konnte.
Cailin, die ihr Bein bei der Explosion verloren hatte, war in ein besseres Krankenhaus verlegt worden, sobald sie für den Transport stabil genug war. Auch das hatten sie Dan zu verdanken. Zwar hatte ihr Rudel keine finanziellen Probleme, doch fehlten ihnen die Mittel, sich all das leisten zu können.
Len war ihm dankbar, vor allem weil er sich die Mühe machte, regelmäßig nach dem Rechten zu sehen, wenngleich er selbst genug um die Ohren hatte. Franklin war tot, Elizabeth hatte sich umgebracht und Dan hatte alle Hände voll zu tun, seinen Clan davon abzuhalten, ihm an die Gurgel zu gehen.
Vielleicht bot die zerstörte Höhle ihres Rudels ihm also einfach eine Fluchtmöglichkeit vor einer Situation, die er nicht so einfach in den Griff bekommen konnte.
Ein Schniefen riss sie aus ihren Gedanken. Sobald sie die Träne Lisas Wange herunterlaufen sah, legte sich ein Gewicht auf ihre Brust.
„Ach, Engel.“ Ohne lange darüber nachzudenken, zog sie Lisa auf ihren Schoß und schloss die Arme um sie. Sie musste nicht fragen, warum sie weinte. Lisa hatte nicht nur ihre leiblichen Eltern verloren, sondern durch Malcolms Tod auch den Ziehvater und ihren Alpha.
„Ist es wirklich Jamies Schuld?“
Natürlich hatte Lisa herausgefunden, dass Jamie involviert gewesen war. Len seufzte schwer und drückte sie fester an sich. „Nein.“ Es fiel ihr immer noch nicht leicht anzuerkennen, dass es nicht Jamies Schuld war. Obwohl Marie ihn wieder im Rudel aufgenommen hatte, wurde er alles andere als mit offenen Armen empfangen. Zu tief saß der Schmerz über seinen Verrat und Malcolms Tod. „Der Einzige, der Schuld trägt, ist der Gargoyle, der Malcolm getötet hat.“
„Aber wenn Jamie nicht –“
„Jamie ist dein Bruder, er liebt dich und würde alles für dich tun. Genau das ist es, was er getan hat, um dich zurückzubekommen. Niemand in unserem Rudel kann ihn dafür verurteilen“, unterbrach Len sie sanft und gleichzeitig bestimmt.
„Das tun sie aber“, schluchzte Lisa.
„Weil Malcolm zu verlieren …“ Ihre Stimme brach und sie musste hart schlucken, bevor sie weitersprechen konnte. „… uns alle schwer getroffen hat. Es tut weh, jedem Einzelnen von uns. Auch Jamie. Es geht nur jeder mit diesem Schmerz anders um.“
Marie hatte sich kurz nach ihrer Rückkehr völlig in sich zurückgezogen und war in Katatonie verfallen. Ivera, die früher als Krankenschwester gearbeitet hatte, kümmerte sich fast Tag und Nacht um sie. Half ihr, morgens aufzustehen, sich anzuziehen … Dinge, die selbstverständlich sein sollten, aber es nicht mehr waren. Wenn man sie nicht wortwörtlich bei der Hand nahm, verbrachte sie den ganzen Tag mit leerem Blick im Bett. Wenigstens aß sie mit etwas Nachdruck. Ivera hatte angefangen, Marie Antidepressiva zu verabreichen, in der Hoffnung, ihre Starre so lösen zu können, sobald die Tabletten anschlugen. Etwas, das Tage, wenn nicht Wochen dauern konnte.
Es war schwer, dabei zuzusehen, noch schwerer zu ertragen, dass es nichts gab, das Len tun konnte.
Lisa hob ihr tränenbenetztes Gesicht und sah sie an. „Warum bist du dann so gefasst?“
Ein trockener, bitterer Ton entrang sich ihr, der Versuch eines Lachens, das bereits im Hals erstarb. „Ich bin vieles, Engel, nur nicht gefasst.“ Sanft wischte sie Lisa die Tränen von den Wangen. „Ich halte mich beschäftigt, genau wie du. Um den Rest auszublenden.“
„Alles hier ist das reinste Chaos. Das halbe Rudel ist über alle Himmelsrichtungen verstreut und es fühlt sich einfach nicht richtig an“, regte Lisa sich auf und sprang hoch.
Len wusste genau, was sie meinte. Rack war mit Joyce im Bunker geblieben, in dem sie Schutz vor den Gargoyles gesucht hatten, und schien endlich Fortschritte mit ihr zu machen. Zumindest kaute sie nicht mehr auf ihm herum und ließ sich von ihm baden, weswegen ihr Fell begann nachzuwachsen.
Bonnie und Fiona waren mit ihren Männern aufs Festland geflüchtet und würden die verbleibende Dauer ihrer Schwangerschaft dortbleiben. Len zweifelte jedoch daran, dass sie zurückkamen, selbst wenn ihre Kinder auf der Welt waren. Cailin war immer noch im Krankenhaus und obwohl Len sich bemühte das Rudel zusammenzuhalten, hatte ihr aller Fundament mit Malcolms Tod gravierende Risse bekommen.
„Hey, ihr zwei, das Essen ist fertig“, ertönte es von Nathan, der im Eingang des Zimmers stehen geblieben war. Lisa wischte sich mit beiden Händen übers Gesicht und ging ohne ein weiteres Wort an ihm vorbei. Nathan sah ihr überrascht hinterher, ehe er sich an Len richtete. „Alles okay?“
Sie zuckte die Schultern und verzog ihre Lippen zu einem bitteren Lächeln. „Wann, seit du mich kennst, war denn schon mal alles okay?“
„Touché.“ Er hielt ihr die Hand hin und half ihr aufzustehen. „Auf einer Skala von eins bis zehn, wie beschissen geht es dir?“
„Wenn zehn das Maximum ist, irgendwo bei einer sieben.“ Sie verschränkte ihre Finger mit seinen, lehnte die Stirn an seine Brust und atmete tief ein. „Tendenz fallend.“
„Kann ich irgendetwas tun, damit es besser wird?“
Seufzend schüttelte sie den Kopf. „Nicht mehr, als du sowieso schon tust.“
„Es wird sich alles wieder einrenken. Gib dem Ganzen mehr Zeit.“
Len schnaubte und sah zu ihm hoch. „Du meinst, das letzte halbe Jahr hat nicht gereicht?“
Er wackelte mit den Augenbrauen. „Willst du mir erklären, dein Leben ist nicht besser geworden, seit ich die Hauptrolle darin spiele?“
„Die Hauptrolle? Ha! Du bist der sexy, aber nutzlose Sidekick.“
In gespielter Theatralik griff er sich ans Herz. „Autsch.“
Das Grinsen, das sich jetzt auf ihrem Gesicht ausbreitete, war echt. Selbst in den unmöglichsten Situationen brachte er sie noch zum Lachen.
***
„Grace, was tust du da? MacClaine bezahlt einen Haufen Leute für diese Arbeiten.“
Len hielt inne und legte seufzend die Säge zur Seite. Nach dem Mittagessen und ihrem eigentlichen Training hatte sie beschlossen, sich auf aktivere Weise nützlich zu machen. Sich selbst mit physischem Schmerz zu bestrafen war ihr einziges Ventil und ihr einziger Ausgleich für Malcolms Tod. Sie wusste nicht, wie sie es verkraften sollte. Sie wusste, nicht wie sie aufhören sollte, ihn zu vermissen. Wie sie es schaffen konnte, dass es nicht mehr wehtat. In ihrem Inneren brodelte es unablässig. Ihren emotionalen Schmerz in körperlichem zu ertränken, erschien ihr daher nur logisch. Denn obwohl Lisa behauptet hatte, sie wirke gefasst, war sie alles andere als das.
Sie fuhr sich mit dem Unterarm über die Stirn und gab ein angeekeltes Geräusch von sich, ehe sie eine halbwegs trockene Stelle an ihrem Tanktop suchte und den Stoff hochzog, um sich damit abzuwischen. Die Sägespäne, die dabei in ihrem Gesicht kleben blieben, juckten auf ihrer Haut, aber sie gab sich nicht einmal die Mühe, sie abzustreifen.
Obwohl sie völlig verschwitzt war, fühlte sich ihr Hals staubtrocken an, weswegen sie einen Schluck aus ihrer Wasserflasche trank.
„Je eher sie fertig sind, desto eher kann hier so was wie Normalität einkehren“, argumentierte sie mit einem Blick zu Nathan, der wie aus dem Ei gepellt aussah.
„Du verdrängst –“
„Ich verdränge überhaupt nichts“, unterbrach sie ihn bestimmt. „Mein Dad ist tot. Ich habe es nicht vergessen, aber ich werde einen Teufel tun und mich in meinem eigenen Leid suhlen, so wie ich es sonst immer getan habe. Malcolm hätte das nicht gewollt. Allerdings haben wir einen riesigen Haufen Probleme, unter anderem eine halb eingestürzte Höhle.“
Nathan kam zu ihr herüber, schob sie mit der Hüfte zur Seite, ergriff die Säge und machte dort weiter, wo sie aufgehört hatte. „Also ist das hier nicht deine übliche Bewältigungstaktik mit dem Chaos klarzukommen, anstatt deinen Gefühlen freien Lauf zu lassen?“
Len spitzte die Lippen, ehe sich ihr Gesicht zu einer Grimasse verzog. „Keine Ahnung. Aktiv zu bleiben hilft mir beim Nachdenken und dabei, Lösungen zu finden.“
Er schnitt das Brett in der Hälfte der Zeit herunter, die es Len gekostet hätte, und sie war dankbar für die Verschnaufpause. Abgesehen davon war es eine Augenweide, Nathan beim Arbeiten zuzusehen. Auch wenn sie sich nicht recht entscheiden konnte, ob sie den Anblick seines Hinterns in Jeans oder dem Spiel seiner Muskeln bevorzugte.
„Lösungen wofür?“, fragte Nathan mit einem Blick über die Schulter.
Ihre Augenbrauen wanderten ungläubig nach oben. „Willst du, dass ich alle unsere Probleme aufzähle?“
„Ich denke, es sind nicht mal halb so viele, wie du glaubst.“
Len stoppte mit einer Hand auf seinem Oberarm seine Bewegung, damit er sie ansah. „Versteh das jetzt bitte nicht falsch, aber vielleicht solltest du dich um die Lösung deiner eigenen Probleme bemühen, bevor du mir erklärst, ob und wie viele Probleme ich wirklich habe.“
Nathan ließ die Säge los, richtete sich zu seiner vollen Größe auf und verschränkte die Arme vor der Brust. „Meiner eigenen Probleme?“
Weder sein drohender Tonfall noch seine Körperhaltung beeindruckten sie. Stattdessen erinnerte sie ihn an das, was er nur allzu gern verdrängte. „Liliane.“
„Lass sie da raus“, knurrte Nathan.
„Lass sie da raus? Sie steckt schon lange mittendrin“, brauste Len auf.
„Das zwischen ihr und mir hat nichts –“
„Wage es nicht zu behaupten, es hätte nichts mit alledem hier zu tun“, fuhr sie barsch dazwischen und presste ihren Zeigefinger in seine Brust. „Mein Rudel – meine Familie – ist verletzt, tot oder schwebt dank der Dämonen und Gargoyles nach wie vor in Lebensgefahr. Der Rest droht auseinanderzubrechen und ist in alle Windrichtungen verteilt. Du unterstellst mir, ich verdränge meine Gefühle? Sieh in den Spiegel. Ich weiß immer noch nicht, was dein Problem mit deiner Schwester ist. Mag sein, dass es mich nichts angeht. Aber was du dabei zu vergessen scheinst: Lilly ist die einzige Familie, die du noch hast. Also bieg das gerade, bevor es dafür zu spät ist und du dein Leben lang bereust, deine Probleme mit ihr nicht in den Griff bekommen zu haben.“ Weil ihre Gefühle sie überwältigten, sank ihre Stimme zu einem rauen Flüstern. Um Beherrschung ringend trat sie von ihm zurück und fixierte ihn aus tränenfeuchten Augen.
„Grace …“ Er überbrückte die Distanz zwischen ihnen, umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen und lehnte seine Stirn an ihre.
„Schmeiß das, was du und Lilly haben könntet, nicht einfach weg. Du kannst nicht ewig vor ihr und deinen Problemen davonlaufen.“ Ein bitteres Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. „Lass dir das von jemandem gesagt sein, der selbst viel zu viel Zeit damit verschwendet hat, genau das zu tun.“
Sein warmer Atem strich über ihre Lippen, als er seufzte, ehe er seinen Mund zärtlich auf ihren presste. „Okay.“
Überraschend erleichtert schloss sie die Augen und ließ sich gegen ihn sinken. Sie hatte bis zu diesem Moment nicht erkannt, wie wichtig es ihr war, dass er sich nicht länger vor Lilly drückte.
„Hätte ich gewusst, dass dir das so auf der Seele brennt, Munchkin, hätte ich mich eher dazu durchgerungen“, murmelte er an ihrer Schläfe.
Sie schnaubte ein halbes Lachen. „Ich weiß nicht, ob ich dir das glauben soll.“
Er bog sanft ihren Kopf nach hinten und schenkte ihr ein halbseitiges Grinsen. „Ich auch nicht.“
„Egal warum, nur mach es einfach. Okay?“
„Versprochen.“
Daniel
Zu seiner eigenen Überraschung hatte Dan keinerlei Schwierigkeiten, die Fassade an Gleichgültigkeit vor dem Rat der Gargoyles aufrechtzuerhalten.
Sie hatten ihm noch immer keine Gelegenheit gegeben, seine Version der Geschichte zu erzählen. Stattdessen hatten sie seinen ganzen Clan verhört und seine verbliebenen Geschwister Lindsey und James. Obwohl James sich nicht mal im selben Land befunden hatte, als Franklin gestorben war, hatte er eine sehr laute und klare Meinung zu dem Thema.
James und er hatten sich nie besonders nahegestanden, dennoch hinterließ es einen bitteren Nachgeschmack, dass er so schnell bereit gewesen war, die Vielzahl an Gerüchten zu glauben.
Lindsey wiederum war die innere Zerrissenheit deutlich anzusehen und -hören. Sie wollte keinem der Brüder in den Rücken fallen und stand buchstäblich zwischen zwei Stühlen. Ihre Aussage war emotional und wenig glaubwürdig, wenngleich sie wenigstens einen Teil des Abends bestätigen konnte. Nicht dass man ihn dazu befragt hätte.
James war wütend und verletzt. Innerhalb so kurzer Zeit die Hälfte seiner Familie zu verlieren steckte man nicht so einfach weg.
Abgesehen von Dan.
Objektiv betrachtet verstand er, wie seine Abgebrühtheit auf James wirken musste. Aber das machte es nicht leichter zu verdauen.
Dan hatte seinen eigenen Vater im Affekt getötet, hatte die Liebe seines Lebens gerächt und obwohl ihm klar war, dass nichts je wieder so sein würde wie zuvor, war er erstaunlich zufrieden damit. Er hatte weder schlaflose Nächte noch ehrliche Gewissensbisse, was den Tod seines Vaters anging.
Seine Mutter hingegen stand auf einem anderen Blatt.
Ihr Selbstmord war … Er hatte keine Worte dafür. Zweifellos unerwartet. Definitiv ein Schock. Was ihn beschäftigte, war die Frage: warum?
Er war überzeugt, ihren Schmerz verstehen zu können, schließlich hatte er Josephine verloren. Er hatte so oft daran gedacht, Selbstmord zu begehen, nachdem sie gestorben war, dass es einem Wunder gleichkam, dass er es nicht getan hatte. Aber wäre er eine Frau mit einem ungeborenen Kind in sich … Er konnte sich nicht vorstellen zu tun, was seine Mutter getan hatte.
Lindsey saß mit verquollenen Augen neben ihm, während sein Bruder James gar nicht genug Abstand zwischen ihn und sich bringen konnte, nur um ihm dann mörderische Blicke zuzuwerfen.
Wahrscheinlich sollte Dan es ihm nicht verübeln, dass er die falschen Schlüsse zog oder zumindest vom Schlimmsten ausging. Dennoch wurmte es ihn, dass James ihm seine Version, die einzig echte Version, nicht glauben wollte. Er hatte ihm kaum zugehört, geschweige denn ihn ausreden lassen, nachdem er zur Beerdigung gekommen war. Sicher hatte James seine Meinung bereits gefasst, bevor er in den Flieger nach England gestiegen war, und nichts, was Dan sagte oder tat, konnte daran etwas ändern.
Garret, eines der Ratsmitglieder, räusperte sich und zog Dans Aufmerksamkeit auf sich.
„Daniel MacClaine, der Rat ist jetzt bereit, Eure Version der Geschichte zu hören.“
Daniel strich seine Krawatte glatt, während er sich erhob, und schloss den untersten Knopf des Jacketts. Mit seinem besten Pokerface stellte er sich dem Verhör.
Doch er ließ den Rat gar nicht erst zu Wort kommen. Wieder und wieder war er diesen Tag im Kopf durchgegangen und er würde dafür sorgen, dass alles so verlief, wie er es wollte.
„Ich habe meinen Bruder Markus MacClaine sowie meinen Vater Franklin MacClaine eigenhändig getötet und habe daher zwangsläufig den Selbstmord meiner Mutter zu verantworten.“ Dan verzichtete auf Floskeln und Höflichkeiten. „Ich bin heute nicht hier, um euch zu erzählen, was passiert ist. An dem Abend, an dem Franklin starb, waren fünf Leute anwesend. Drei davon sind tot und ich bin eurer Meinung nach keine glaubwürdige Quelle.“
„Es gibt keinerlei Beweise, dass eine Lenara Blair existiert“, behauptete eines der Mitglieder als Antwort auf seine Anspielung.
„Das können sowohl meine Schwester, mein Clan und meine Verlobte Megan McArren bestätigen.“
„Ex-Verlobte“, zischte Megans Vater Douglas, der ebenfalls Teil des Rates war und ihn ebenso hasserfüllt ansah wie sein Bruder James. Dieser nutzte den Moment, um eine weinende Megan in den Arm zu nehmen, als wäre das hier eine Bühne für ihren dramatischen Ausbruch.
„Megan kann des Weiteren bestätigen, dass mein Vater veranlasst hat, sie zu töten, um die Prophezeiung zu vereiteln“, fuhr Dan unbeirrt fort.
„Ein Unterfangen, das vereitelt wurde. Von Wölfen.“ Pure Verachtung schwang in den Worten des Ratsmitglieds mit.
„Es dürfte weithin bekannt sein, dass mein Vater Markus und mich damit beauftragt hat, sie zu finden und zurückzubringen. Etwas, das von Lilith verhindert wurde.“
Geschocktes Raunen ging durch den Saal. Also hatte Franklin dieses Detail für sich behalten, aber nicht einmal das überraschte ihn mehr.
„Ich nehme an, auch für diesen Vorfall gibt es keine Beweise“, ertönte es von Garret.
„Das Miami Wolfsrudel war dabei.“
„Ernst zu nehmende Beweise“, zischte Megans Vater.
Ein Muskel zuckte in Dans Wange, als er die Zähne zusammenbiss. „Es ist ein unumstößlicher Fakt, dass Lilith noch am Leben ist und sie mit meinem Vater gemeinsame Sache gemacht hat.“
„Um Experimente durchzuführen, die den Fortbestand unserer Art sichern.“ Dan war sich nicht sicher, ob Garrets Aussage Franklins Taten gutheißen sollte oder nicht.
„Woher sollen wir wissen, dass es Franklin war, der gemeinsame Sache mit unserer Erzfeindin gemacht hat? Dass nicht du es warst, der die Fäden zieht und alle, die sich dir in den Weg gestellt haben, getötet hast? Nur um uns jetzt eine haarsträubende Geschichte aufzutischen und deinem toten Vater alles in die Schuhe zu schieben! Kein Wunder, dass Elisabeth Selbstmord begangen hat, nachdem ihr Erstgeborener sowohl ihren Mann als auch ihren Sohn umgebracht hat.“ Douglas wurde während seiner Tirade so dunkelrot im Gesicht, als würde ihn jemand strangulieren.
Innerlich verdrehte Dan die Augen und ließ die Bemerkung an sich abprallen. „Ich weiß ehrlich nicht, woher all diese Empörung kommt. In Wirklichkeit tauscht ihr nur einen Mörder gegen einen anderen. Seit wann kümmert es den Rat, welcher moralische Aspekt im Hintergrund steht? Die Opferung unschuldiger, junger Frauen, aufgrund einer Prophezeiung, die auf hunderte Arten interpretiert werden kann, hat ohnedies keinem hier Anwesenden schlaflose Nächte bereitet. Ich werde nicht auf mein Recht auf den Thron verzichten. Wenn ihr wirklich glaubt, dass auch nur die Hälfte von dem, was ihr da behauptet, wahr ist – dann Gnade euch Gott, denn ich werde vor nichts zurückschrecken, um zu bekommen, was mir zusteht. Vergesst nicht, ich habe sowohl meinen Vater als auch meinen Bruder umgebracht, um zu verhindern, dass sie weiter wahllos Leute umbringen, in dem impertinenten Versuch, eine Lösung für unser Fortpflanzungsproblem zu finden. Wann sind wir so tief gesunken, uns als die Gebieter über Leben und Tod aufzustellen, nur um unsere eigenen selbstsüchtigen Ziele zu erreichen? Was unterscheidet uns dann noch von den Dämonen, die wir zu vernichten trachten?“ Ein paar der Ratsmitglieder sahen aus, als würden ihnen jeden Moment die Köpfe explodieren. „Der Zweck heiligt nicht die Mittel und wenn ich dafür des Teufels Advokat spielen und mich gegen jeden Einzelnen hier stellen muss, dann soll es so sein. Ich werde nicht länger zulassen, dass die Entscheidungen alter Männer mit noch älteren Ideologien die Zukunft unseres Volkes aufs Spiel setzen, nur weil sie zu stur und ängstlich sind, um die Wahrheit zu sehen. Lilith wird gegen uns in den Krieg ziehen. Entweder wir bereiten uns vor und tun alles, um sie endgültig auszurotten, oder ihr wartet hier darauf, dass sie kommt, um euch alle abzuschlachten wie das dumme Vieh, für das sie euch hält.“ Daniel wandte sich an die restlichen Anwesenden. „Keiner von euch will Rechtfertigungen oder Entschuldigungen von mir, aber ihr müsst mich nicht mögen oder gut finden, was ich getan habe, um die Wahrheit zu sehen. Die Bedrohung durch Lilith und ihre Dämonen ist real. Je eher ihr das erkennt und anfangt, etwas zu unternehmen, desto besser stehen die Chancen, diesen jahrhundertelangen Krieg ein für alle Mal zu beenden.“
Grace
Len erwachte in Nathans Armen und in den ersten wertvollen Sekunden nach dem Aufwachen hatte sie vergessen, dass Malcolm tot war.
Doch sobald sie die Augen aufschlug, brach die Realität über sie herein und erinnerte sie daran, was sie verloren hatte.
Leise, um Nathan nicht zu wecken, löste sie sich von ihm und wanderte auf bloßen Füßen und nur im Pyjama bekleidet ins Freie.
Die Sonne ging gerade auf, der Boden war feucht von der Nacht, die Luft noch kühl, aber die Vögel zwitscherten bereits.
Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und ließ sich auf dem Baumstamm vorm See nieder, auf dem sie auch mit Malcolm gesessen hatte. Das Licht spiegelte sich auf der Wasseroberfläche und blendete sie.
„Ich vermisse dich so sehr“, wisperte sie und starrte, ohne etwas zu sehen, auf das Wasser. Für einen kurzen Moment konnte sie sich fast einbilden, dass er jetzt tatsächlich neben ihr saß. Dass seine breiten Schultern einen langen Schatten hinter sich zogen, der mit ihrer eigenen Form verschmolz. Die Vorstellung war ebenso schmerzhaft wie schön, auch wenn die Realität sie viel zu schnell einholte.
Sie wusste nicht, wie lange sie dort so saß, doch sie musste wieder eingeschlafen sein. Als Nate sich neben sie fallen ließ und sie auf seinen Schoß zog, blinzelte sie verwirrt. Er wickelte eine Decke um sie und stützte sein Kinn auf ihre Schulter.
Er sagte nichts und sie war dankbar über die Stille. Und über seine Nähe. Sie war sich nicht sicher, ob er verstand, was sie immer wieder nach draußen trieb, aber er stellte keine Fragen und bedrängte sie auch nie deswegen.
„Hab ich dich geweckt?“, fragte sie sanft und schmiegte ihre Wange an seine.
„Nein.“ Er drückte sie fester an sich, hüllte sie in Wärme und Geborgenheit ein, als wäre die Geste der Zuneigung selbstverständlich.
Seufzend schloss sie die Augen. „Hört der Schmerz jemals auf?“
Nathan verkrampfte sich hinter ihr. Es dauerte ein paar stille Momente, ehe er ihr antwortete. „Man vergisst ihn und wenn man sich daran erinnert, ist der Schmerz in voller Stärke wieder da, bis man lernt, sich an das Schöne zu erinnern. Dann tut es immer noch weh, aber man redet sich ein, dass es in Ordnung ist.“
Für eine Weile hingen sie beide ihren Gedanken nach.
„Erzählst du mir von ihr?“
Sie spürte, wie sich sein Brustkorb in einem lautlosen Seufzen hob und senkte. „Meine Mutter, Helen, war wunderschön und solange ich zurückdenken kann, war sie immer traurig. Sie liebte die Gartenarbeit und versuchte, aus einer unmöglichen Situation das Beste zu machen. Versuchte, mir Moral beizubringen in einer Umgebung, wo es keine gab.“
„Sie klingt nach einer eindrucksvollen Persönlichkeit“, murmelte Len. „Ist sie der Grund, warum du dich nie einem Rudel angeschlossen hast?“
Er zuckte die Schultern. „Ich hatte nie das Bedürfnis danach.“
Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus und Len genoss es. Als spürte er ihren inneren Tumult, rieb er auf vertraute Weise seine bärtige Wange an ihrer Haut.
Doch ihre Zweisamkeit wurde jäh unterbrochen, als ein Gargoyle lautstark durch die Baumkronen krachte und unsanft landete.
Überrascht sprang Len auf. „Dan? Was ist los? Ist etwas passiert?“
Statt einer Antwort knallte er seine Faust gegen einen Baumstamm und brüllte laut genug, um die Vögel zeternd zu verscheuchen, zusammen mit jedem anderen Tier, das sich im Umkreis von ein paar hundert Metern befand.
„Okay“, kommentierte sie seinen Ausbruch und zog das Wort dabei in die Länge.
Bei Dans Darbietung verschränkte Nathan die Arme vor der Brust.
Hätten Blicke töten können, wäre es eine Frage von Millisekunden gewesen, wer von den beiden Männern zuerst umgefallen wäre. Nathan nahm es Dan übel, dass er Len mit zu seinem Vater genommen hatte, und ignorierte bequemerweise, dass er damit zum zweiten Mal ein Familienmitglied getötet hatte. Wenn auch dieses Mal nicht zu ihrem direkten Schutz. Dan wiederum war seither ein Fass ohne Boden. Ein Pulverfass. Allerdings bezweifelte Len, dass sie in seiner Situation mehr Geduld aufgebracht hätte.
„Megan hat die Verlobung aufgelöst.“
Ihre Augenbrauen hoben sich. „Und? Ich dachte, das wäre sowieso eine reine Formalität, keine Liebesheirat.“
„Darum geht es nicht.“ Dan lief vor ihnen auf und ab. „Sie und James haben sich verlobt und wollen wahrscheinlich bei den anderen Clans vorsprechen, um mich zu stürzen.“
„Königsmörder sind nun mal nicht beliebt“, kommentierte Nathan staubtrocken und erntete von Len einen bösen Blick.
„Kapierst du es nicht?“, herrschte Dan ihn an. „Wenn ihnen ihr Vorhaben gelingt, bin ich so gut wie tot!“
„Erwartest du jetzt wirklich Entsetzen von mir?“ Nathan schnaubte. „Nur ein toter Gargoyle ist ein guter Gargoyle.“
„Du bist selbst zur Hälfte einer, auch wenn du diesen Teil von dir nur allzu gern verdrängst. Nicht zu vergessen: Len. Ist sie dir tot auch lieber als lebendig? Denn dann hätte ich mir viel Ärger erspart.“
Nathan knurrte und setzte sich in Bewegung, ehe Len dazwischentrat und ihre Hände gegen seine Brust stemmte. „Schluss damit!“ Sie fuhr zu Dan herum. „Das gilt ebenso für dich. Einen Streit anzuzetteln hilft dir garantiert nicht weiter und wir sind ganz sicher nicht das richtige Ventil, um Dampf abzulassen.“
„Ah, die Stimme der Vernunft“, höhnte Dan und sie hätte ihm in dem Moment am liebsten den Hals umgedreht.
„Kein Wunder, dass dich deine Leute umbringen wollen, wenn du dich so aufführst.“
„Nathan“, mahnte Len. „Hör auf, Salz in die Wunde zu streuen.“
Dan machte eine wegwerfende Handbewegung. „Lass ihn ruhig, er denkt schließlich immer noch, dass er es mit mir aufnehmen kann.“
Sie warf die Hände in die Luft. „Natürlich, ich stell mich mal eben zur Seite und seh zu, wie ihr euch die Köpfe einschlagt.“
„Das würde es seinem Bruder ersparen, sein Schicksal als Geschwistermörder zu teilen. Wahnsinn ist bei euch eindeutig erblich bedingt.“
„Seid ihr betrunken oder einfach nur bescheuert? Könntet ihr bitte damit aufhören, euch wie kleine Kinder zu verhalten, und für zwei Minuten euer Hirn benutzen?“
Dan blieb abrupt stehen und starrte sie beide an. „Ich hätte überhaupt kein Problem mehr, wenn ich endlich den Thron besteigen könnte.“
„Was würde das ändern, wenn dein Bruder dich nicht als Clanoberhaupt sehen will und gegen dich intrigiert?“, hakte Len nach.
Nathan verspannte sich neben ihr.
„Das habe ich dir doch schon erklärt!“
„Dann erklär es eben noch mal“, zischte sie Dan an, weil sie nicht begriff, worauf er hinauswollte.
„Er redet von dem Fluch“, warf Nathan ein.
„Ja, so viel hab ich verstanden. Aber was hat das eine mit dem anderen zu tun?“
Nathan verzog voller Ekel das Gesicht. „König der Gargoyles zu sein bedeutet eine direkte Verbindung zu all deinen Untertanen zu haben und sie zu dir“, sagte er.
„Du meinst so etwas wie Telepathie?“
„Nein.“ Dan schüttelte den Kopf. „Es ist weniger und gleichzeitig viel mehr als das.“
Len unterdrückte den Drang, ihm den Mittelfinger zu zeigen. „Klar. Sprich nur weiter in Rätseln, das hilft mir total.“
„In dem Moment, in dem er den Thron besteigt, wird er zu einer Art Bienenkönigin. Als hätte er eine Horde hirnloser Zombies, die blind jedem seiner Befehle gehorchen.“
Len wurde bei Nathans Worten blass. „Gedankenkontrolle?“
„Es ist keine Gedankenkontrolle“, widersprach Dan vehement.
Nathan schnaubte angewidert. „Ach nein? Jeder Gargoyle fühlt, was du fühlst, versteht, was du willst, ohne dass du es aussprechen musst. Was ist es dann, wenn nicht das?“
Len klappte der Mund auf. „Das ist der Grund, warum es in Alexanders Zeiten nie einen Aufstand gab.“
„Weil ein Gargoyle nicht für sich selbst denken kann und nie auf die Idee käme, seinen Anführer zu hinterfragen oder ihm seinen Thron streitig zu machen“, stimmte Nathan zu.
Aus schreckgeweiteten Augen starrte sie von einem zum anderen. „Blinder Gehorsam? Heißt das, das schließt uns mit ein?“ Sie deutete auf sich und Nathan.
Dan presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen, ehe er schließlich antwortete. „In eurer Gargoyleform.“
„O mein Gott!“
„Mach nicht so ein Aufheben darum. Es ist nicht halb so schlimm, wie ihr es klingen lasst.“
„Zumindest solange du deine Macht nicht missbrauchst“, murmelte Len und rieb sich die Schläfen.
„Das würde ich nie tun!“
„Sagte jeder Herrscher, der jemals regiert hat“, höhnte Nathan.
„Okay, Auszeit! Zurück auf Anfang – Dan, warum bist du hier?“, hakte Len nach.
„Die Blutmagierin, die mit dem Seelenfresser zusammen ist – ich brauche ihre Hilfe, um den Fluch zu brechen.“
Len fletschte die Zähne. „Sin, ihr Name ist Sin, und selbst wenn sie hier wäre und bereit dir zu helfen, so bedeutet das nicht, dass sie dazu überhaupt in der Lage wäre.“
„Es ist den Versuch wert.“
„Das mag ja sein, aber wir haben keine Möglichkeit, sie oder X zu erreichen.“ Ihr Blick glitt fragend zu Nathan. „Oder?“
Er schüttelte stumm den Kopf.
Nachdenklich fuhr sie sich mit den Fingern durch die Haare. Ob eine Aussprache zwischen Nathan und Lilly helfen würde? Sie hatte den Fluch ausgesprochen, also konnte sie ihn auch brechen. Theoretisch.
Len seufzte. „Gib uns ein paar Tage Zeit, vielleicht finden wir eine Lösung.“
Kapitel 2
Nathan
Lilly lehnte mit verschränkten Armen an einem Baum. Ihr Gesichtsausdruck war ebenso verschlossen wie ihre Körperhaltung defensiv und dabei hatte er noch kein Wort gesagt.
„Du wolltest mich sehen?“, fragte sie anstatt einer Begrüßung, sobald er vor ihr stehen blieb.
Er zeigte mit dem Finger auf die Bank neben ihnen. „Setz dich besser.“
Ihre Augen verengten sich misstrauisch. „Ist etwas passiert?“
„Nein, aber wir zwei müssen reden.“
„Worüber?“
Ungeduldig knirschte Nate mit den Zähnen. „Setz dich einfach hin, ja?“
„Damit du auf mich herabsehen kannst? Ich denke nicht.“
„Himmelherrgott noch mal, Lilly!“
Sie blinzelte perplex und löste ihre Arme voneinander. Ob es wegen seines Ausbruchs war oder weil er sie zum ersten Mal seit Ewigkeiten beim Namen genannt hatte, wusste er nicht. Er musste sich zusammenreißen.
In einem Zeichen guten Willens ließ er sich im Schneidersitz auf den Boden vor der Sitzbank gleiten. „Würdest du dich bitte hinsetzen?“, wiederholte er, diesmal als Bitte formuliert.
„Wenn du so nett fragst“, murmelte sie sarkastisch und verdrehte die Augen, ließ sich aber trotzdem auf die Bank fallen. „Also, was ist los?“
Nate rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht und fuhr sich in derselben Handbewegung durch die Haare. Wie zum Henker sollte er das erklären?
Er hatte selbst nie richtig mit seiner Vergangenheit abgeschlossen, sondern alles, was passiert war, jahrzehntelang erfolgreich verdrängt. Das jetzt hervorzukehren und damit auch die alten Wunden wieder aufzureißen, kostete einiges an Überwindung.
„Ach komm schon, du erstickst ja fast an der Entschuldigung“, unterbrach sie seinen inneren Tumult.
Sein rechtes Auge zuckte. „Entschuldigung?“, echote er.
„Ich bin ja kein Arsch, sag einfach, dass es dir leidtut, und ich vergebe dir.“
Er würde ihr den Hals umdrehen. „Du vergibst mir?“ Nicht dass er nicht Grund genug hätte, sich zu entschuldigen. Doch solange sie nichts von ihrer Verwandtschaft wusste, konnte sie das nicht meinen. „Wovon zum Teufel redest du?“
Sie blinzelte ihn perplex an. „Ich bin nicht davon ausgegangen, dass du dich mit mir treffen willst, um mir deine Liebe zu gestehen – auch wenn das längst überfällig wäre, wenn du mich fragst. Aber dich für dein Verhalten von damals zu entschuldigen tut es fürs Erste genauso.“
Wenn er nicht jeden Moment an einer Gehirnblutung sterben würde, weil das Zucken in seinem Augenlid definitiv kein Zeichen von Entspannung war, dann würde er ausrasten. Genau das war das Problem mit Lilly. Sie war so von sich selbst und ihren Hirngespinsten überzeugt, dass sie sich immer noch einredete, zwischen ihnen würde sich eine tragische, jedoch romantische Liebesgeschichte abspielen. Es gab nur einen Weg, ihr klarzumachen, wie sie zueinander standen: indem er das Pflaster mit einem Ruck abriss.
„Du bist meine Schwester.“
Schock zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab, ehe sie sich wieder unter Kontrolle brachte und spröde lachte. „Witzig.“
„Das ist kein Witz, Lill’. Es ist die Wahrheit.“
„Also bitte, hast du was eingeworfen? Du bist ein Wolf.“ Arrogant hob sie das Kinn und schaute über ihre Nasenspitze auf ihn herab. „Ich wüsste es längst, wenn du ein Inkubus wärst.“
Nate knirschte mit den Zähnen. „Väterlicherseits. Wir sind Halbgeschwister.“
Diesmal lachte sie ihm höhnisch ins Gesicht. „Alexander hatte keine Kinder. Keine außer mir. Hältst du mich für bescheuert? Du bist kein Gargoyle. Nie und nimmer.“
Abrupt stand er auf und beugte sich über sie. „Das hier ist kein Spiel und auch kein Scherz. Du und ich sind Geschwister, krieg das in deinen verdammten Dickschädel!“
Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen, bevor sie ihn mit beiden Händen nach hinten schubste, um ebenfalls aufzustehen. „Dann beweis es! Verwandle dich hier und jetzt in einen Gargoyle und ich glaube dir.“
Seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Das kann ich nicht.“
„Du bist so erbärmlich“, zischte sie und tötete ihn mit Blicken. „Komm endlich mit deinen Gefühlen klar und akzeptiere –“
„Du Idiotin willst es einfach nicht verstehen, oder?“
Sie verdrehte die Augen und verschränkte wieder die Arme vor der Brust. „Nehmen wir mal für eine Sekunde lang an, es stimmt, was du sagst. Warum erzählst du es mir gerade jetzt und noch viel wichtiger: Warum hätte Mama mir das verschweigen sollen?“
„Gottverdammte Scheiße, warum denkst du, hat sie gerade mir dein Leben anvertraut? Ich habe seit deiner Geburt auf dich aufgepasst und dafür gesorgt, dass dir nichts passiert und –“
„Nichts passiert? Willst du mich verarschen? Wo warst du, als sie mich windelweich geprügelt hat?“
Er zuckte zusammen. „Einmal, das hat sie einmal gewagt und von da an war ich dein Prügelknabe. Egal was du angestellt hast, ich habe stellvertretend die Strafe kassiert.“
Lilly wurde blass um die Nase, doch dann schüttelte sie den Kopf. „Alles Lügen, sie hat mich trotzdem geschlagen.“
„Nur, wenn sie mich mal wieder auf eine ihrer bescheuerten Missionen geschickt hat, um mich von dir fernzuhalten oder dauerhaft loszuwerden. Ihr Pech, dass ich immer zurückgekommen bin. Ist ihr Verhalten widersprüchlich? Ja, natürlich ist es das. Wir reden hier von Lilith. Trotzdem, du hast keine Ahnung, was ich alles getan habe, um deine Sicherheit zu gewährleisten.“
„Sie hat mir die Rippen gebrochen!“
„Und ich hab über die Hälfte ihrer Untertanten dafür abgeschlachtet“, konterte Nate eisig.
Unsicherheit wechselte zu Unglauben auf ihren Gesichtszügen ab. „Das hätte sie nicht zugelassen, sie hätte dich eher getötet.“
„Du kapierst es einfach nicht.“
„Was soll ich nicht kapieren? Du denkst dir hier irgendeinen Schwachsinn aus und versuchst, einen Keil zwischen mich und meine Mutter zu treiben, damit ich deinen Krieg für dich gegen sie führe. Denkst du, ich durchschaue das nicht? Du manipulierst mich nur für deine eigenen Zwecke!“
„Halt deinen Mund und hör mir zu“, brüllte er und sie verstummte abrupt. „Nachdem Lilith dich zur Welt gebracht hatte, hat sie sich geweigert, dich zu stillen. Ich war es, der dich gefüttert, gebadet und dir die Windeln gewechselt hat. Ich habe mich Tag und Nacht um dich gekümmert, bis du dein erstes Wort gesagt hast und Lilith kapiert hat, dass sie nicht der Mittelpunkt deiner Welt ist. Sie hat geschworen, dich zu töten, wenn ich dir noch einmal zu nahe komme. Von da an hat sie dich an ihre Untertanten weitergereicht, wann immer es ihr zu viel wurde. Als du das erste Mal entführt wurdest, war ich es, der dich zurückgeholt hat!“
Lillys Blick wurde störrischer, je länger sie ihm zuhörte. „Dann warst du eben für ein paar Jahre meine Nanny, etwas, das du leicht behaupten kannst, weil ich mich nicht daran erinnere. Aber es beweist noch lange nicht, dass wir Geschwister sind“, zischte sie. „Abgesehen davon, wenn du wirklich mein Bruder wärst, hättest du mich nicht mein ganzes Leben lang wie eine Aussätzige behandelt.“
„Ich habe jahrelang unter der Fuchtel einer geisteskranken Frau, die du deine Mutter nennst, gedient. Sie hat dich benutzt, um mich unter Kontrolle zu halten, weil sie mir kein Haar krümmen konnte. Nicht nachdem sie Alexander einen Blutschwur geleistet hatte, mir, seinem Erben, nichts anzutun. Und was hat es mir gebracht? Du weißt nicht, was Grenzen sind, bist ein verzogenes Gör, das sich nur um sich selbst kümmert, und kaum habe ich dich aus den Klauen deiner Mutter befreit, fixierst du dich auf mich und verwendest deine Kräfte gegen mich!“ Er zwang sich, seine Wut zu zügeln und scheiterte. „Weißt du, wie es ist, dein Leben lang in Gefangenschaft, Sklave von machtgeilen Wahnsinnigen zu sein? Und sobald du das erste Mal den Geruch von Freiheit in der Nase hast, will dich deine Schwester ebenso kontrollieren, wie es ihre Mutter getan hat? Noch dazu mit Sukkubus-Magie? Kannst du dir vorstellen, wie ekelerregend –“ Er brach ab und wandte den Kopf zur Seite. Mühsam schluckte er seine Gefühle herunter, ehe er etwas sagte, dass er wirklich bereuen würde.
Leichenblass ließ Lilly sich auf die Bank sinken. „O mein Gott.“ Sie presste eine Hand vor den Mund und sah aus, als würde sie sich jeden Moment übergeben.
Doch kaum, dass er die Tränen in ihren Augen sah, lief ihm kalter Schweiß den Rücken hinunter. „Lilly –“
„Halt die Klappe“, würgte sie erstickt hervor. Sie sah ihn nicht an, als sie sich erhob und davonrannte.
Lilly
Lilly stürmte in das Hotelzimmer, das sie sich mit Francois teilte, und knallte die Tür hinter sich zu. Ihre Chimäre Ginger rieb sich zur Begrüßung an ihren Beinen und Lilly bremste ihren Zorn lange genug, um Ginger unterm Kinn zu kraulen, ehe sie sich vor Francois aufbaute.
„Ist es wahr?“
Francois schaltete den Fernseher stumm und sah sie verwirrt an. „Ist was wahr?“
„Nathan ist mein Bruder?“ Noch bevor er etwas sagen konnte, sah sie die Antwort in seinem Gesicht. „Und in all den Jahren –“ Sie stoppte abrupt. „Du wusstest, wie es mir ging, was ich für ihn empfand, und du hast kein Wort gesagt. Wie konntest du mir das vorenthalten? Ich hatte ein Recht darauf, das zu erfahren!“
Francois saß für wenige schmerzhafte Herzschläge schweigend vor ihr, ehe er sich erhob und den Kopf schüttelte. „Wenn es nach mir ginge, hätte ich es dir bereits an die tausendmal erzählt. Nate hat darauf bestanden, dass das seine Sache wäre.“
„Aber er hat es mir nicht erzählt!“
Francois trat auf sie zu und griff nach ihrer Hand, doch sie wich ihm aus. Seufzend ließ er den Arm sinken. „Ich verdanke ihm mein Leben, Lilly, das weißt du. Ich habe ihm versprochen, das Geheimnis für mich zu behalten. Glaube nicht, dass mir das auch nur eine Sekunde lang leichtgefallen wäre.“
„Ich habe dir vertraut“, würgte sie erstickt hervor. „Ich hätte wissen müssen, dass du Nates Laufbursche –“
„Ich bin nicht Nathans Laufbursche“, unterbrach er sie barscher, als er es jemals getan hatte. „Ich bin bei dir geblieben, weil ich es wollte, und das weißt du. Du bist wie eine Tochter für mich und ich wollte stets nur dein Bestes. Deine Gefühle für Nate –“
„Waren idiotisch. Ich dachte, er und ich hätten eine Verbindung.“ Sie biss sich auf die Lippen und presste den Mund zu einem schmalen Strich. „Mein Fehler war es nur zu glauben, dass es eine romantische sei.“
„Lilly, es tut mir leid.“ Diesmal ließ er sich nicht von ihr abschütteln und ergriff ihre Hände. „Ich wollte dich nie verletzen.“
Sie lachte spröde und zwang ihre Hände aus seinem Griff. „Mein ganzes Leben ist der reinste Clusterfuck.“ Mit einem letzten Blick auf Francois marschierte sie zur Tür raus.
Gottverdammte Männer, meine Mutter hatte recht.Sie lügen, sie verheimlichen und unterschätzen grundsätzlich immer die Stärke einer Frau, was dazu führt, dass sie saudumme Entscheidungen treffen.
Lilly bahnte sich einen Weg durch das Dorf und versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen. Ihr Herz schlug schmerzhaft gegen ihre Rippen, während sie sich darum bemühte, nicht wie üblich völlig auszurasten.
Den Blick auf die Umgebung gerichtet, verwandelte sie sich und nahm Reißaus.
Len
Len wischte sich mit einem Handtuch übers Gesicht, als Nathan sich geräuschvoll auf die plastikbezogene neue Couch im Wohnzimmer fallen ließ. Oder besser gesagt, dem, was von ihrem einstigen Wohnzimmer noch übrig war, nachdem die Granate alles in die Luft gesprengt hatte. Die Couch war zwei Wochen zu früh geliefert worden und stand eigentlich im Weg, aber jetzt war wohl nicht der richtige Zeitpunkt, Nathan zu bitten, ihr beim Wegtragen zu helfen.
„Deinem Gesichtsausdruck zufolge ist es wohl nicht so gut gelaufen.“
„Ich bin zu weit gegangen.“
„Zu weit?“ Das Plastik quietschte, als sie sich zu ihm setzte, einen Arm auf die Rückenlehne gestützt. „Womit?“
„Der ganze Scheiß ist einfach hochgekocht und ich habe die Beherrschung verloren.“
Seufzend ergriff sie seine Hand. „Hast du dich wenigstens bei ihr entschuldigt?“
Er machte ein grunzendes Geräusch.
„Also nicht.“
„Ich habs versaut“, gab er zu.
„Bevor oder nachdem du ihr gesagt hast, dass ihr verwandt seid?“, hakte sie nach, nur um sicherzugehen, dass er den wichtigsten Punkt nicht ausgelassen hatte.
„Bevor, während und nachdem.“
„O Mann, so schlimm?“
Schulterzuckend ließ er den Kopf nach hinten auf die Lehne fallen. „Früher war sie mal süß, ungefähr bis zu dem Zeitpunkt, ab dem sie angefangen hat zu sprechen. Sie hat es schon geschafft, mich auf die Palme zu bringen, als sie noch Windeln trug.“
Ihre Augenbrauen wanderten nach oben. „Ernsthaft? Dramatisierst du das nicht ein klein wenig?“
Verlegen grinste er sie an. „Ja, vielleicht.“
Sie packte seinen Arm und legte ihn sich um die Schultern, damit sie sich an ihn schmiegen konnte. „Und was hast du jetzt vor?“
„Heißt das, ich kann es nicht dabei belassen?“ Ihr Ellbogen bohrte sich zwischen seine Rippen. „Autsch. War doch bloß ein Scherz. Ich ruf sie morgen an, dann hat sie Zeit, eine Nacht drüber zu schlafen.“
„Mach das.“ Gähnend stand sie auf und streckte sich durch. „Ich bin dann meine abendliche Runde laufen.“
„Findest du nicht, dass du es ein bisschen übertreibst?“
Sie zuckte nachlässig die Achseln. „Ich muss wieder fit werden.“
„Ja? Wann hast du das letzte Mal gegessen?“, hakte Nathan nach, die Augen misstrauisch zusammengezogen.
Len überlegte, sah auf die Uhr auf ihrem Handy und griente verlegen. „Vor sechs Stunden oder so?“
„Dir ist hoffentlich klar, dass du nicht fitter wirst, wenn du nicht auch entsprechend isst?“
„Jaja, ist ja gut.“ Sie stapfte an der Couch vorbei, schob den Plastikvorhang zur Küche beiseite und kam kurz darauf mit einem Sandwich zwischen den Zähnen zurück.
„Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du stur bist?“, erkundigte er sich.
Das Essen immer noch im Mund lachte sie, während sie sich die Schuhe neu zuband. Als sie sich aufrichtete und ihren Mund freimachte, winkte sie Nathan mit ihrem Sandwich zu. „Ein- oder zweimal. Wir sehen uns in einer Stunde.“
„Einer halben“, schoss er sofort hinterher. „Oder ich schleif dich höchstpersönlich zurück in die Höhle.“
„Huh, wo nur hab ich das schon mal gehört?“, überlegte sie laut und kaute ihr Sandwich. Dann schnippte sie mit den Fingern. „Ach ja! Dan – du weißt, der Kerl, mit dem du absolut nichts gemein hast – und ich hatten mal ein ziemlich ähnliches Gespräch über seine Neandertalerpraktiken.“
Knurrend stand er auf, was sie dazu veranlasste, lachend zurückzuweichen.
„Schon gut, schon gut. Eine halbe Stunde, oh, du mein Herr und Meister.“
***
Len genoss die kühle Nachtluft auf ihrer verschwitzten Haut, obwohl sie das Bedürfnis hatte, sich ihr Sklavenhalsband rauszureißen. Dass sie immer noch keinen Zugang zu ihrer Wölfin besaß, fühlte sich an wie eine kalte Faust in ihrem Inneren. Andererseits war es wahrscheinlich gut, dass sie gerade nicht in den Köpfen ihres Rudels war und andersherum.
Sie wischte sich eine feuchte Strähne aus dem Gesicht, als sie das Unterholz hinter sich knacken hörte. Abrupt wirbelte sie herum und stand einer Gargoyle gegenüber.
Ihr Training sorgte dafür, dass sie sofort in Kampfhaltung ging, auch wenn sie als Mensch nicht die geringste Chance hatte.
„Len?“
Überrascht, aber weiterhin misstrauisch beäugte sie die weibliche Gargoyle vor sich. „Woher kennst du meinen Namen?“
Nachdem sich die Gargoyle vor ihr verwandelt hatte, blinzelte sie perplex. „Lilly?“
„Schön, dich wiederzusehen. Ist eine Weile her.“ Lilly trat auf sie zu und Len gab etwas zu spät ihre kämpferische Haltung auf.
„Ja, ist es.“
„Was machst du hier draußen? Ist es nicht viel zu gefährlich, allein herumzulaufen? Noch dazu mit diesem nicht so hübschen Accessoire an deinem Hals?“
Automatisch glitten ihre Finger zu dem Sklavenhalsband. Sie verzog das Gesicht. So angespannt, wie die Dinge gerade zwischen Lilly und Nathan standen, fing Len lieber keine Diskussion mit ihr an. Schon gar nicht darüber, ob es in Ordnung war, laufen zu gehen oder nicht. „Ich war gerade auf dem Rückweg. Willst du mich das Stück begleiten?“
Sie setzten sich gemeinsam in Bewegung und Lilly räusperte sich verlegen. „Tut mir leid, was mit Malcolm passiert ist.“
Wie immer versetzte ihr die Erwähnung seines Namens einen brutalen Stich und sie brauchte einen kurzen Moment, um nicht in Tränen auszubrechen. Weil sie ihrer Stimme trotzdem nicht traute, nickte sie statt einer Antwort.
„Und wie geht es dir? Alles okay?“, fragte Len sie vorsichtig. Natürlich war es das nicht und sie wusste das. Doch mit Lilly allein zu sein, machte sie gerade zu nervös, um klar zu denken. Sekunden später hätte sie sich am liebsten auf die Zunge gebissen. „Du bist sicher hier, um Nathan zu sehen, oder? Ich bin froh, dass du hergekommen bist. Ihn zu überreden, dich wieder aufzusuchen, wäre diesmal sicher noch schwerer gewesen.“
„Ihn zu überreden …?“ Lilly blieb abrupt stehen, ihre Augen verengten sich. „Du weißt es? Warum zum Teufel weißt du es?“
Ups, hallo Fettnäpfchen, wir haben uns lange nicht gesehen. Innerlich wand sich Len, auf der Suche nach einer passablen Antwort. „Ich – Ich habe – Nathan hat –“, stammelte sie, völlig vor den Kopf gestoßen.
„Wusste es verdammt noch mal jeder außer mir?“
Len hob beschwichtigend die Hände. „Nein. Niemand weiß von euch. Entschuldige, ich wollte dir nicht zu nahe treten, aber nachdem Nathan vergiftet wurde –“
„Nathan wurde vergiftet?“, unterbrach Lilly ihren Gesprächsdurchfall.
„Chimärengift.“
Schwer seufzend ließ Lilly den Kopf in den Nacken fallen und schloss die Augen. „Da geht auch diese Hoffnung dahin“, murmelte sie. „Wölfe reagieren nicht auf Chimärengift.“
„Genau und sobald ich ihn darauf ansprach … Na ja, eines führte zum anderen.“ Len zuckte die Schultern.
Lilly gab ein frustriertes Geräusch von sich. „Kann dieser Tag denn noch beschissener werden?“
„Deine halbe Stunde ist längst um, Munchkin. Glaube nicht, dass ich meine Drohung nicht wahr mache, wenn du nicht in einer Minute zu Hause bist!“, erklang es laut im Wald und Len drehte sich in die Richtung.
„Munchkin?“, echote Lilly stupide und wurde blass.
Als Nathan schließlich aus dem Wald und zu ihnen trat, verkrampften sich seine Schultern und die Temperatur senkte sich um gefühlte fünfzig Grad. „Lilly.“
„Das ist Munchkin?“ Ihr Blick ruckte zwischen Len und Nathan hin und her. „Munchkin und Lenara sind ein und dieselbe Person?“ Ihre Stimme wurde lauter und schriller gleichzeitig. „Du datest die da?“
„Hey!“
„Lilly, lass das nicht an ihr aus. Sie kann nichts dafür“, ging Nathan dazwischen.
„Natürlich kann sie das nicht! Hätte ich gewusst, dass sie es ist –“
„Was? Wärst du nicht an mein Handy gegangen, um die ‚Konkurrenz‘ loszuwerden?“
„Nathan“, ermahnte Len ihn.
Obwohl Lilly offensichtlich mit ihrem Temperament kämpfte, schaffte sie es, halbwegs zerknirscht dreinzusehen, sobald sie Len ansah. „Tut mir leid.“
Sie hatte nicht die Absicht, die Situation weiter zu verkomplizieren, obwohl das Telefonat sie manchmal noch wurmte. Eifersüchtig auf die Schwester meines Freundes – ich hatte schon bessere Momente. „Schnee von gestern.“ Und wenn ich mir das lange genug einrede, stimmt es vielleicht auch irgendwann!
Lilly richtete ihre Aufmerksamkeit auf Nathan. „Wir müssen reden.“
Er setzte bereits an, etwas zu sagen, als Len ihm den Ellbogen in die Seite rammte und ihn bedeutungsvoll ansah. „Hmpf. Ja, müssen wir.“
Len versuchte sich gerade zu entfernen, als Nathan sie am Handgelenk festhielt. Nervös sah sie zu Lilly. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass es eine gute Idee war zu bleiben. Außerdem war sie sich nicht sicher, ob sie bei diesem Gespräch überhaupt dabei sein wollte.
Während er Lilly ansprach, blieb Nathans Körperhaltung auf Hochspannung. „Es tut mir leid.“
Lilly verschränkte nur die Arme vor der Brust und hob arrogant die Augenbrauen. „Was tut dir leid?“
Len zuckte innerlich zusammen. Sie hätte sich denken können, dass Lilly ihn nicht so leicht vom Haken lassen würde.
„Alles.“
Len hielt sich die Hand vor Augen. Sie konnte das nicht mit ansehen. Nathan, sei bitte kein Idiot und hör auf auszuweichen.
„Geht es auch spezifischer?“, verlangte Lilly.
„Ich hätte es dir früher sagen müssen. Viel früher. Ich war dir gegenüber nicht fair und das tut mir ehrlich leid.“
Lilly schwieg und starrte ihn nur an. Die Stille hielt lange genug, um erdrückend zu werden. Doch kurz bevor Len etwas sagen wollte, erhob Lilly wieder das Wort. „Wenn du mich so sehr hasst, warum bist du dann geblieben?“
Ach du grüne Kacke, warum bin ich eigentlich hier? Das ist ein privater Moment zwischen zwei Geschwistern und ich steh da wie das unnötigste fünfte Rad am Wagen, das die Welt je gesehen hat. Kaum machte sie Anstalten, den beiden mehr Privatsphäre zu geben und sich davonzuschleichen, fixierte Nathan sie mit einem Blick, der sie abrupt stehen bleiben ließ.
„Ich hasse dich nicht. Nicht wirklich“, brummte er schließlich an Lilly gewandt. „Es ist … kompliziert.“
„Dann erklärs mir, verdammt noch mal! Das ist das Mindeste, was –“
„Ist ja schon gut, ich habs kapiert“, fuhr er sie an und legte zwei Finger an seine Nasenwurzel. „Ich hasse dich nicht“, wiederholte er gefasster und ließ die Hand fallen. „Ich hasse die Situation, in der ich mich jahrzehntelang befunden habe, um dich zu beschützen.“
„Das ist es ja, was ich nicht verstehe! Warum hast du mich überhaupt beschützt?“
Er drehte den Kopf zur Seite und vergrub die Hände in den Hosentaschen. „Ich habe es meiner Mutter versprochen.“
„Sag mir nicht, dass es ihr letzter Wunsch war, bevor sie gestorben ist. Denn ich schwöre bei Gott, dann schreie ich.
