3,99 €
1.000 Jahre nach dem großen Krieg der Menschen entstanden neue Länder, neue Städte und eine Magie, die die Bevölkerung in drei verschiedene gesellschaftliche Gruppen klassifizierte. In einer dieser Städte, namens Lensgarden, leben diese drei Klassen in unterschiedlichen Bezirken. Damit die Hierarchie und die Trennung der Klassen bestehen bleibt, arbeiten Beamte der Indenuntia Tag und Nacht. Dux ist einer dieser Beamten, der die Bürger von Lensgarden beschützt. Er steht für das Gesetz und setzt dieses strikt durch, selbst wenn es gegen seine eigenen Grundsätze verstößt. Doch was passiert, wenn sich genau dieses Gesetz gegen ihn selbst stellt und er plötzlich gezwungen ist, sein eigenes Leben zu retten? Hilft ihm dabei die Flucht in den Bezirk der untersten Bevölkerungsklasse? Welche Geheimnisse verbergen sich in Lensgarden? Kann Dux Verbündete finden, die Vorwürfe gegen ihn entkräften und den Schuldigen zur Verantwortung ziehen? Genießen Sie den Auftakt zur fesselnden Lensgarden - Trilogie über Magie, Loyalität und Intrigen...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 416
Veröffentlichungsjahr: 2024
Stadt der Klassen
von
Alwine Mews
Alwine Mews
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.
1. Auflage, 2024
© Alwine Mews 2024
Alle Rechte vorbehalten.
Cover & Buchsatz: Viktoria Bühling – Covered in Colours
Buchdesign - www.covered-in-colours.de
Unter Verwendung von www.freepik.de :fwstudio, daboost, user11435273, Vectonauta und stock.adobe.com: Valeriy, Tartila
Illustration Stadtplan (Cover) : Robert Sabo –
Roberts Artworld – IG: @robertsartworld
Lektorat: Jung/Helmich
Korrektorat: Aurora Flemming, c/o S. Herweg, Carl-Hagenbeck-Str. 31, 39576 Stendal
Herstellung u. Verlag: Bookmundo.de; Delftsestraat 33,
3013 AE Rotterdam, Niederlande
ISBN: 9789403705514
Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verfassers unzulässig.
Der Regen hämmerte unaufhörlich gegen die Fensterscheiben. Das stetige Trommeln der dicken Tropfen erzeugte einen gleichbleibenden Rhythmus. Dux drehte sich im warmen, kuschligen Bett auf die andere Seite. Bei so einem Wetter wollte er nicht aufstehen und lieber den ganzen Tag im Bett bleiben. Doch sein Leben sah anders aus.
Er atmete laut aus, schlug die Decke zurück und sofort fuhr die eisige Kälte in seine Knochen. Schnell stand er auf und zog sich einen Pullover an, ehe er ins Bad schlurfte. Beim Zähneputzen schaute er aus dem Fenster. Graue Wolken hingen über der Stadt und ließen keinen Sonnenstrahl durch. Die Laternen leuchteten aufgrund des dunklen Tages noch immer, doch ihr kalt-weißes Licht lud nicht zum Spaziergehen ein. Dux war schon jetzt von dem Tag genervt und er saß noch nicht einmal in seinem Büro.
Schnell spülte er den Mund aus und blickte in den Spiegel. Zwei dunkelbraune Augen starrten zurück. Die langen Abende im Büro hinterließen Augenringe und seine Haut nahm durch die fehlende Sonne zu der Jahreszeit einen helleren Ton an.
Nach einem kurzen Blick auf seine Armbanduhr lief Dux ins Schlafzimmer und zog sich eilig an. Die Wahl fiel auf ein dunkelblaues, locker sitzendes Hemd, eine Hose sowie passende schwarze Sneaker. Dann ging er in den Flur zur Garderobe, schaute ein letztes Mal prüfend in den Spiegel und nahm sich seinen langen, schwarzen Mantel sowie einen Schal. Schnell schnappte er sich seinen Regenschirm, der bei diesem Wetter nicht fehlen durfte und verließ die Wohnung.
Dux lebte seit seiner Geburt in der Stadt Lensgarden und konnte, nachdem er das Erwachsenenalter erreicht hatte, eine Wohnung in einem großen Reihenhaus beziehen. Dieses bestand aus zehn Wohneinheiten und besaß keinen Fahrstuhl. Einzig die Treppe führte in die fünf Stockwerke. Dux hatte bei der Vergabe Glück gehabt und ergatterte ein Appartement im dritten Stock. Auf dem Weg nach unten schlüpfte er in den Mantel und legte sich den Schal um. An der großen Haustür angekommen, öffnete er diese, überquerte die Türschwelle und spannte den Schirm auf. Es war ungemütlich kalt und nass. Mit schnellen Schritten lief er zu seiner Arbeitsstelle.
Auf dem Weg begegnete er nicht vielen Leuten. Die meisten waren seit Stunden in den Produktionshallen und verrichteten ihre Arbeit. Die wenigen, die mit Dux im Regen liefen, waren die Produktionshallenbesitzer, die auf dem Weg in den anderen Stadtteil Lens waren, da dort ihre Hallen ausgelagert waren. Die Chefs setzten sich morgens an ihre Schreibtische und suchten neue Wege, wie sie schnellstmöglich mit den geringsten Kosten den größten Gewinn erzielen konnten. Abends verließen sie die Hallen reicher und wohlhabender und pilgerten zu ihren glanzvollen Villen zurück.
Dux hielt nicht viel von diesen Chefs. Er hielt allgemein nicht viel von dieser Welt, aber es war die Welt, in der er lebte und noch hatte er keine Möglichkeit gefunden, ihr zu entfliehen. Dabei durfte er sich nicht beklagen. Es erging ihm nicht schlecht. Im Gegenteil, es hätte ihn härter treffen können.
Auf dem Weg zur Arbeit lief Dux die Straße entlang. Dabei wich er immer wieder den großen Pfützen aus, die sich gebildet hatten. Er wollte halbwegs trocken ankommen. Während er auf die Wasserlachen achtete und versuchte, den Regen zu ignorieren, dachte er daran, in welch surrealer Zeit er lebte. Der große Krieg zwischen den Menschen lag schon über eintausend Jahre hinter ihnen. Im Krieg hatte sich die Menschheit fast selbst vernichtet. Es gab nur wenige Überlebende und es hatte Jahrzehnte, gar Jahrhunderte gedauert, bis wieder ganze Gebiete bevölkert waren.
Doch der Krieg hatte auch Neues erschaffen. Die Magie wurde geboren und die Welt, wie man sie kannte, wurde grundlegend verändert. Mit dem Ende des Krieges und der Geburt der Magie wurde das Chaos größer und die Ordnung musste wieder einkehren. Somit wurde die Gesellschaft in Klassen eingeteilt und um deren Hierarchie beizubehalten und für Recht zu sorgen, wurde ein Amt geschaffen, das Amt Indenuntia. Dux arbeitete für die Indenuntia.
Das Amt lag unweit der Stadtteilgrenzen von Garden und Lens und je näher Dux seinem Ziel kam, desto mehr Hamonine kamen ihm entgegen. Sie waren auf dem Weg in die großen Villen, um dort zu putzen, zu bauen oder andere Arbeiten für ihre Arbeitgeber, die Donatarier, zu verrichten.
Die Grenze zwischen den Stadtteilen war der Beweis dafür, dass Dux auf der Sonnenseite lebte. Er war ein Donatarier und diese standen in der Hierarchie der drei Klassen an oberster Position. Die Donatarier regierten die Gesellschaft, erließen Gesetze, sprachen Recht und verbündeten sich niemals mit einem unter ihrem Stand. Sie waren die höchste Instanz und besaßen die größte Macht. Sie waren etwas Besseres, besser als die anderen Klassen und das ließen sie einen spüren. Donatarier waren die Elite. Sie trugen die beste Kleidung, fuhren mobile Gefährte und wohnten in riesigen Häusern. Manch einer hatte sogar eine Villa für sich allein. Doch Donatarier waren nicht nur etwas Besseres, sie waren auch gesegnet, denn jeder besaß eine magische Fähigkeit und mit dieser Magie hatten sie sich an die Spitze gekämpft. Dort harrten sie seit nunmehr vierhundert Jahren aus.
Die Hamonine waren die zweite Klasse der Gesellschaft. Sie waren die direkten Nachkommen der Menschen und verfügten nicht über magische Fähigkeiten. Als einfache Arbeiter verrichteten sie Tätigkeiten, für die sich die Donatarier zu fein waren. Hamonine bewirtschafteten die Felder nahe der Stadtgrenze, arbeiteten in den Produktionshallen, verkauften Waren in Geschäften oder betrieben Kulturstätten. Die Glücklichen unter ihnen konnten eine Arbeitsstelle im Haushalt eines wohlhabenden Donatariers ergattern, putzten für ihn oder halfen beim Bau von einem der Prachtbauten mit. Hamonine waren einfache Leute, stets hilfsbereit und freundlich. Sie strebten nicht nach Macht und Anerkennung und kannten ihren Platz in der Gesellschaft. Und dieser war nicht in Garden.
Garden, einer der drei Stadtteile von Lensgarden und der Bezirk, in dem Dux lebte, war der Schönste von allen. Überall gab es kleine Parks, die Wohnblöcke bestanden aus luxuriösen Häusern und die Villen hatten eigene, große Gärten. Bei gutem Wetter erstrahlte der Bezirk und wirkte wie eine kleine, idyllische Oase. An den Ecken gab es kleine Cafés und an Brückengeländern sowie an den Straßenlaternen hingen Blumenlampions. Es war ein wunderschöner Ort, um zu leben, seine Kinder großzuziehen und seinen Lebensabend zu verbringen. Einzig das triste Wetter am heutigen Tag trübte die Stimmung im Stadtteil.
Endlich erreichte Dux die breite Hauptstraße, Magna Plat, die er nur überqueren musste, um das Gebäude der Indenuntia zu erreichen. An der Straße stand ein kleiner Junge an einem großen Zeitungsstand. Wie jeden Morgen verkaufte er dort die heutige Tageszeitung mit dem Namen Lensgarden Report und hoffte, durch den strategisch günstig gewählten Standort mehr Kunden zu bekommen.
»Fest der Gründung steht bevor! Räte in allen Bezirken! Lest die aktuelle Ausgabe und erfahrt Neues zur Planung unseres Festes«, schrie der kleine Junge den vorbeilaufenden Leuten die Schlagzeile auf dem Titelblatt zu. Einige der Donatarier warfen dem Zeitungsverkäufer ein paar Denas zu und bekamen eine Zeitung. Die wenigen Hamonine auf der Hauptstraße ignorierten ihn. Sie hatten keine Zeit, während ihrer Arbeit die Nachrichten zu lesen. Dux kaufte ebenfalls das Blatt nicht, wurde er doch gleich im Amt mit den neuesten Nachrichten versorgt. Schließlich war das Fest der Gründung das große gesellschaftliche Ereignis des Jahres und sie schoben jetzt schon Doppelschichten und halfen bei den Vorbereitungen.
Als Dux die Hauptstraße überquert hatte, ragte das riesige Gebäude der Indenuntia in die Höhe. Es gab mehrere Eingänge und Stockwerke. Dux wählte wie jeden Tag den Haupteingang. Dafür überquerte er zuerst den großen Platz vor dem Gebäude, umrundete den Brunnen und lief über eine kleine Brücke, ehe er die großen, eisernen Flügeltüren erreichte. Das Bauwerk hatte eine weiße Fassade, die selbst an so einem dunklen, regnerischen Tag strahlte. Vor dem Eingangsbereich tummelten sich viele Leute, die alle zum Amt wollten und eine lange Warteschlange hatte sich gebildet. Dux beachtete sie nicht weiter und ging mit großen Schritten auf die Türen zu. Durch einen Mechanismus öffneten sich diese automatisch und Dux betrat seine Arbeitsstelle.
Hinter den Flügeltüren befand sich die große Eingangshalle, die so hoch wie das ganze Gebäude war. Im hinteren Teil waren etliche Tresen aufgebaut, sogenannte Schalter, an denen die Bürger von Lensgarden ihre Anliegen vortragen konnten. Von der Meldung einer Straftat bis hin zur simplen Beschwerde hörten die Mitarbeiter an den Schaltern alles. Die Bürger zeigten Verbrechen an, meldeten Flüchtlinge und forderten Gerechtigkeit ein.
In der Mitte der Eingangshalle stand ein großer Wegweiser mit etlichen Schildern, die den Besuchern den Weg zu den einzelnen Abteilungen wiesen. Um zu seinem Büro zu kommen, musste Dux durch die Halle, links an den Schaltern vorbei und zu den Fahrstühlen.
Während er an den Tresen vorbeilief, wurde er unfreiwillig Zeuge eines Gesprächs.
»Ich habe gehört, wie eine meiner Angestellten meinte, dass sie eine Beule an seinem Bauch gesehen hat. Als ich ihn zur Rede gestellt habe, verweigerte der Pona mir seinen Oberkörper zu zeigen«, hörte Dux den nobel gekleideten Mann am Schalter sagen.
Links an seiner Seite stand eine wunderschöne, junge Frau, die sich an seinen Arm klammerte und ängstlich über ihre Schulter blickte.
Dux konnte es ihr nicht verübeln. Das Amt, so wurde die Indenuntia oft nur genannt, war kein Ort für junge, unschuldige Frauen. Hier gab es gewalttätige Straftäter, unruhestiftende Rebellen und verhaftete Flüchtlinge, die darauf warteten, dem Namenlosen Bezirk oder dem Haftrichter übergeben zu werden.
»Calvine, ich verstehe das, aber bitte beruhige dich. Wir werden ein Team zur Überprüfung schicken«, versuchte es der Kollege hinter dem Tresen.
»Ein Team schicken? Und wann wird das sein? Das dauert ewig. So lange warte ich nicht.« Der ungeduldige Donatarier zog die junge Frau, die sich immer noch an ihn klammerte, mit sich und beide verließen das Gebäude.
Über diese Arroganz schüttelte Dux nur den Kopf. Er wollte mit den Kollegen hier im Eingangsbereich nicht tauschen. Dieses Verhalten war oft die Regel und nicht selten wurden Meldungen ohne jegliche Beweise vorgelegt. Man konnte nicht jedem Verdacht nachgehen, doch die Mitarbeiter an den Schaltern meisterten jede Situation, beruhigten die Bürger und trennten geschickt falsche Meldungen von den richtigen.
Am Fahrstuhl angekommen hatte Dux Glück, quetschte sich mit weiteren Mitarbeitern in den kleinen Raum und die eiserne Tür schloss sich. Die Fahrstühle im Gebäude waren die ältesten in der ganzen Stadt. Dux’ Kollegen sagten oft im Spaß, dass sie noch vor dem großen Krieg entstanden seien. Bei dem Ruckeln und Lärm war dies ziemlich glaubhaft. Die Lüftung war quasi nicht existent und mit voranschreitendem Tag wurde es zunehmend stickig. Im dritten Stock angekommen, war Dux froh, auf den Gang hinauszutreten und den Fahrstuhl verlassen zu können. Hinter ihm schlossen sich die Türen wieder und der Aufzug fuhr weiter nach oben.
Dux ging einen langen Gang entlang, der in einem Großraumbüro endete, das er durchquerte und nach hinten lief. Dort gab es einen kleinen separaten Raum, die Teeküche. Sie war mit einer simplen Kochzeile, in der billiges Geschirr verstaut war, einem kleinen Feuerfeld und einem Aufbewahrungsschrank, der die frischen Lebensmittel isolierte, ausgestattet. Auf dem Feuerfeld, das aus zwei Metallplatten, bestand, die unten mit Feuer beheizt wurden, war bereits ein Kessel mit Wasser aufgesetzt. Dux griff nach einer Tasse in einem der Hängeschränke und ging zum Kessel. Er brauchte dringend eine Tasse Tee und dann konnte er mit der Arbeit starten.
Als er das Wasser eingoss, kamen einige Kollegen von Dux in den Raum. Er nickte ihnen zu und konzentrierte sich auf das Zubereiten des Tees. Die Kollegen grüßten ihn ebenfalls kurz, ließen sich aber in ihrem angeregten Gespräch nicht stören.
»Die Nachtschicht hat gestern ein ganzes Nest ausgehoben«, protzte Valens. »Einer der Hamonine hat zwanzig von den Flüchtlingen im Keller versteckt. Kann man das glauben?«
»Die Hamonine werden bald genauso zu einer Plage wie die Ponas«, sagte Gennadius. Er stammte aus einer Familie von Donatarier und zeigte sich stets herablassend und arrogant gegenüber den anderen Klassen. Er kostete seinen Stand in der Gesellschaft voll aus und zog gern seine Vorteile daraus.
»Ja, aber all die Anschuldigungen von den Donatarier sind ebenfalls anstrengend. Ich meine, wir können doch nicht jede kleine Ahnung verfolgen. Dafür sind wir zu wenige. Jeder wird beschuldigt, wenn auch nur die kleinste Abnormalität besteht«, beschwerte sich Liveo.
Dux stimmte ihm innerlich zu, sagte aber nichts, da er auf diese Diskussion so früh am Morgen keine Lust hatte. Er holte sich lieber aus dem Schrank einen Beutel mit Teeblättern heraus und hängte ihn in seine mit Wasser gefüllte Tasse. Bis der Tee durchgezogen war, musste er wohl oder übel das Gespräch mit anhören.
»Ach komm. Sie geben uns immerhin Arbeit und es ist unsere Pflicht, die Donatarier zu schützen.« Gennadius ließ sich nicht abbringen. Er hatte klare Vorstellungen von der Indenuntia und ihren Aufgaben hier.
»Achso und ich dachte, wir müssen ganz Lensgarden schützen? Wenn es nur die Donatarier sind, dann können wir ja alle weniger arbeiten und früher in den Feierabend gehen«, erwiderte Marky mit einem sarkastischen Unterton und grinste Gennadius an. Liveo, der neuste Mitarbeiter in ihrer Abteilung, versteckte sein Lachen hinter einem gekünstelten Husten.
»Na, jetzt siehst du es auch ein. Wir sollten nur das machen, wofür wir angestellt worden sind.« Gennadius streckte sich leicht nach oben. Er hatte sein Ziel erreicht.
Dux musste aufpassen, dass er nicht mit den Augen rollte. So viel Selbstbewusstsein und Arroganz tat keinem gut. Er hoffte nur, dass sein Tee gleich fertig sein würde und er gehen konnte.
»Wir sind für Lensgarden angestellt. Wir schützen alle Anwohner, auch die Hamonine. Wir gehen ihren Beschwerden genauso nach, wie denen von den Donatariern. Ein Hamonine putzt doch dein Haus, du solltest die Arbeit, die sie verrichten, zu schätzen wissen.« Marky war einer der Guten. Dux arbeitete gern mit ihm zusammen. Er war zwar wie Gennadius ein Donatarier, doch er hatte eine liberale Einstellung zu den Klassen und gab gern den konservativen Kollegen in Diskussionen Kontra.
»Gennadius hat nicht unrecht. Wir sollten uns hauptsächlich auf die Donatarier und Garden beschränken. Hab gestern gehört, dass selbst eine Meldung eines hohen Ratsmitgliedes, Dequan war wohl sein Name, abgeschmettert worden sei, weil wir keine Zeit für kleine Delikte haben. Kaum zu glauben, oder?«, berichtete Valens. Dux hörte Gennadius Antwort nicht mehr, da sein Tee endlich fertig war. Eilig warf er den Teebeutel in den Abfallbehälter und ging in sein eigenes Büro.
Dafür lief er in die rechte, hintere Ecke des Großraumbüros in einen schmalen Zwischengang, der zu weiteren winzigen Einzelbüros führte. Das Zweite an der linken Seite gehörte Dux. Er öffnete die Tür und betrat den kleinen Raum, der spärlich ausgestattet war. Ein Tisch mit einem Schreibtischstuhl und einer Schreibmaschine standen ihm gegenüber. Dahinter ragte ein primitives Regal in die Höhe, in dem sich Akten unordentlich stapelten. Zwei Besucherstühle waren ebenfalls beim Schreibtisch platziert worden. Rechts neben der Tür gab es einen kleinen Kleiderständer, an dem Dux, nachdem er die heiße Tasse neben seiner Schreibmaschine abgestellt hatte, erst den Schirm und dann seinen Mantel aufhängte.
Am Schreibtisch sitzend, nahm er erstmal einen großen Schluck und verbrühte sich sogleich die Lippe. Mit einem schmerzverzerrten Gesicht griff er nach der Akte, die auf dem Stapel neben ihm lag und schlug diese auf. Er musste heute einige Berichte fertig schreiben und so spannte er ein weißes Blankopapier in die Schreibmaschine und begann zu tippen.
Immer, wenn er an der Maschine tippte, wünschte er sich in die Zeit vor dem Krieg zurück. In einigen Geschichtsbüchern hatte er gelesen, dass die Menschheit versierter mit Technik gewesen war und unzählige, komplizierte Mechanismen entwickelt hatte. Befreit von der Schreibmaschine tippten sie alles in kleine Geräte ein. Das konnte man sich heutzutage nicht mehr vorstellen. Doch diese Errungenschaften und das Wissen starben mit dem großen Krieg und zurück blieben die magischen Fähigkeiten und simple Mechanismen, wie beim Fahrstuhl oder der großen Flügeltür. Selbst ihre mobilen Gefährte, die Vehicos, wurden von solchen Mechanismen und Sonnenenergie angetrieben. Einzig das elektrische Licht, das ebenfalls durch die Energie der Sonne gespeist wurde, hat den Krieg und die folgenden Jahrhunderte überdauert.
Dux hatte den letzten Satz eines Berichts getippt und legte die fertig bearbeitete Akte in das Regal hinter sich, als die Bürotür geöffnet wurde und Sandulf, sein Chef, hereinkam.
»Wunderbar, du bist hier«, begrüßte er Dux und setzte sich in einen der unbequemeren Besucherstühle.
»Wo sollte ich denn sonst sein?«
Sandulf zuckte mit den Schultern. »Hättest ja draußen eine Quelle treffen können. Ihr seid ja hier nicht eingesperrt. Auch wenn ihr das immer denkt.«
»Ja, ja, ich weiß. Aber nein, ich bin heute hier. Und das wohl noch sehr lange.« Dux zeigte auf den Stapel Akten, der nicht kleiner wurde, obwohl er schon drei Stunden hier saß.
»Einiges ist liegen geblieben?«
»Allerdings. Zwischen den Aufträgen blieb nicht viel Zeit und es kam immer etwas rein. Das hole ich jetzt nach.«
Sandulf runzelte die Stirn. Er sah es nicht gern, dass die Berichte erst später getippt wurden und so Einzelheiten nicht mehr frisch im Gedächtnis waren. Doch er musste zugeben, dass seine Mitarbeiter viel zu tun hatten und die Aufträge mit hoher Dringlichkeit, die immer wieder reinkamen, halfen dabei nicht. »Ja, allen ergeht es gerade so. Solange die Berichte lückenlos sind, ist es in Ordnung.«
Dux nickte. Erst jetzt bemerkte er, dass sein Chef eine Akte in der Hand hielt. Wohl ein neuer Auftrag. »Hat der Casube wieder etwas gehört?«, fragte Dux und deutete mit einer Kopfbewegung auf die Akte. Der Casube war der Geheim- und Nachrichtendienst in Lensgarden. Sie überwachen und spionieren jeden potenziellen Auftrag vorher aus und liefern Wissenswertes über potentielle Verdächtige, Zeugen und Angehörige.
Sandulf übergab Dux diese. »Der Casube gibt uns den Auftrag, den jungen Mann zu finden und ihn dem Namenlosen Bezirk zu überstellen«, sagte Sandulf mit emotionsloser Stimme.
Dux nahm die Akte entgegen und schlug das Deckblatt auf. Der Namenlose Bezirk bedeutete nichts Gutes. Er war der Stadtteil von Lensgarden, den man lieber mied. In diesem Bezirk wohnten Aussätzige, die Ponas.
Die Ponas waren die dritte Klasse in ihrer Gesellschaft und man wollte sie lieber vergessen als mit ihnen leben. Ponas waren missgebildet, geistig oder körperlich benachteiligt oder im schlimmsten Fall alles zusammen. Sie waren von der Magie bestraft worden, so war zumindest das Denken in Lensgarden. In der Gesellschaft herrschte der Aberglaube, dass ein Pona oder ein Vorfahre des Pona etwas Schreckliches getan hatte, und dafür sühnten sie. Erst waren sie nur Teil eines dunklen Kapitels nach dem Krieg. Doch die Behinderungen und Missbildungen verschwanden nicht und weitere Generationen wurden damit geboren. Die Donatarier von Lensgarden erschufen daher einen Ort in ihrer wunderbaren Stadt, den Namenlosen Bezirk, und quartierten alle Ponas dort ein. Jeder Pona wurde gemeldet und in ein Register eingetragen. Keiner von ihnen durfte in einem der anderen Stadtteile leben.
»Irgendwelche bevorstehenden Probleme?«, fragte Dux der Routine wegen. Währenddessen blätterte er die einzelnen Seiten durch.
»Ich denke nicht, es ist eine einfache Überstellung.« Sandulf wartete nicht auf weitere Fragen, stand auf und verließ das Büro.
Dux war in den neuen Auftrag vertieft und war von dem unhöflichen Verhalten seines Chefs unbeeindruckt. Er las sich zuerst die Berichte durch und notierte sich Wichtiges. Vorbereitung war alles und er investierte immer viel Zeit in diesen Schritt seiner Arbeit, denn obwohl Sandulf ihm versichert hatte, dass es eine einfache Aufgabe war, gab es immer wieder Überraschungen.
Beim Durcharbeiten der dünnen Akte erkannte er, dass der Casube seine Arbeit gemacht hatte. Es fehlte an nichts. Alle Informationen lagen ihm vor. Die Arbeitszeiten der gesuchten Person, der Stammbaum, der Wohnort mit Grundriss des Hauses, sowie die allgemeinen Wege, die der zu überstellende Pona beschritt.
Nachdem sich Dux die nötigen Notizen aufgeschrieben hatte, stellte er ein Team zusammen. In seiner Abteilung innerhalb der Indenuntia arbeitete man mit individuellen Teams, die aus einem Anführer und einem oder mehreren Suchern bestanden. Wenn Aufträge dazu tendierten, gefährlich zu werden und Gewalt nicht auszuschließen war, wurden die Teams durch Leibgardisten erweitert. In der heutigen Zeit wählte fast jeder Anführer mindestens einen Leibgardisten aus, der das Team begleitete. Niemand riskierte sein Leben, schon gar nicht ein Donatarier.
Dux, ein klassischer Anführer seit etlichen Jahren, war in der Zusammenstellung des Teams routiniert. Als eine seiner Aufgaben musste er, neben der Vorbereitung des Auftrags, die passenden Teammitglieder aussuchen, die ihre Fähigkeiten punktgenau bei der Mission einsetzen konnten. Die Anführer waren, wie der Name es schon erklärte, der Kopf im Team. Sie gaben Befehle und führten den Auftrag und die Einhaltung der Gesetze durch. Die Position hatte aber auch ihre Schattenseite, denn zum Leidwesen von Dux schrieb der Anführer nach Beendigung eines Auftrages die Berichte.
Beim erneuten Durchblättern seiner Notizen zeichnete sich sofort ab, wen Dux im Team haben wollte. Er hatte an sich und an seine Teammitglieder einen hohen Anspruch und seine perfekte Erfolgsquote sprach für sich. Dux wählte stets die Besten aus und dieses Mal würde es keine Ausnahme geben.
Den passenden Sucher für diesen Auftrag würde Dux im Aufenthaltsraum finden. Er klappte die Akte mit den hinzugefügten Kommentaren zu und verließ das Büro. Mit dem Fahrstuhl gelangte er in das unterste Stockwerk, in dem sich die Trainingshallen sowie der Aufenthaltsraum der Sucher befanden.
Die Sucher, allesamt Donatarier, waren versiert in der Nutzung ihrer magischen Fähigkeiten und stellten diese der Indenuntia zur Verfügung. Ihre Magie half ihnen, Verdächtige aufzuspüren, unabhängig davon, wie gut sich diese versteckt hatten. Sie fanden jeden und das überall.
Im Fahrstuhl, zu dieser Tageszeit war es nicht mehr so beengt, bereitete sich Dux auf das ihm bevorstehende Gespräch vor. Der Sucher, den er im Auge hatte, war kein leichter Geselle und doch war er der Beste in seinem Metier und das war gerade gut genug für Dux.
Die Glocke, die signalisierte, dass der Fahrstuhl in der gewünschten Etage angekommen war, riss ihn aus seinen Gedanken. Dux stellte sich unbewusst etwas aufrechter hin und verließ, nachdem sich die Türen öffneten, den Fahrstuhl.
Er befand sich im Keller der Indenuntia. Kein Tageslicht erreichte diese Wände und alles wurde nur von den grellen Deckenlampen erhellt. Dux’ Ziel war der Aufenthaltsraum. Dafür musste er jedoch zuerst den Trainingsraum passieren und anschließend quer durch die Kabine laufen.
Im Trainingsraum hielt er den Blick starr auf die Tür zur Umkleidekabine gerichtet. Sucher waren nicht die geselligsten Donatarier und man ging ihnen lieber aus dem Weg. Er hatte Glück und die wenigen anwesenden Sucher waren alle in ihr Training vertieft und bemerkten ihn nicht.
Als er die Tür zur Kabine öffnete, kam ihm ein miefiger Geruch entgegen, eine Mischung von Schweiß, Moschus und abgestandener Luft. Ein Fenster würde denen guttun, dachte sich Dux. Mit schnellen Schritten und wenigen Atemzügen kam er an die gegenüberliegende Seite. Dort gab es eine weitere Tür, die ihn zu seinem gewünschten Zielort führte, dem Aufenthaltsraum.
Eilig betrat er das große Zimmer. Im vorderen Bereich, dort wo Dux stand, saßen in einzelne Grüppchen Sucher an kleinen Tischen. In der Mitte gab es eine Tischtennisplatte und eine Teeküche. Hinten standen kleinere und größere Sofas sowie Sessel. Dux hatte den Sucher erspäht und lief durch den Raum.
Anicetus saß, abseits der anderen Sucher, breitbeinig auf dem Sofa. Er trug Trainingskleidung und ein Handtuch war um seine Schultern gelegt. Der Kopf lehnte an der hinteren Sofakante und die Augen waren geschlossen. Anicetus war der perfekte Sucher für den Job, jetzt musste Dux ihn nur überzeugen.
»Na, was will denn der alte Dux hier?«, fragte Anicetus ihn mit geschlossenen Augen und unveränderter Haltung.
Dux roch einen Hauch von Alkohol und blickte auf den Tisch vor dem Sucher. Dort erblickte er die einzige Schwäche von Anicetus, eine kleine, halbleere, braune Flasche. Es war früh für den Sucher und er klang nicht betrunken, aber es war nur eine Frage der Zeit.
»Wir haben einen Auftrag«, sagte Dux und kam damit gleich zur Sache.
»Einen Auftrag? Du meinst, du hast einen Auftrag.«
Natürlich würde es nicht einfach werden, dachte sich Dux. »Ja, ich habe einen Auftrag und somit nun auch du.«
»Es war eine so wunderbare, ruhige Woche, bis du hierher reingekommen bist. Auf mehr Arbeit habe ich null Bock«, beschwerte sich Anicetus.
»Kann ich jetzt auch nicht mehr ändern. Aber ich kann dir versprechen, dass wir nicht lange brauchen werden und du, wenn alles funktioniert und jeder seine Arbeit macht, pünktlich nach Hause gehen kannst. Es ist ein Routineauftrag.«
»Na, das klingt schon überzeugender.« Anicetus öffnete die Augen, hob seinen Kopf und blickte zum ersten Mal Dux direkt an. »Und was ist das für ein Routineding?«, fragte er grinsend.
Dux setzte sich in einen der Sessel dem Sucher gegenüber und lehnte sich entspannt zurück. Der schwerste Teil war geschafft. »Ein Hamonine wird von einem Donatarier namens Dequan beschuldigt, ein Pona zu sein. Die Mutter des Verdächtigen und die Schwester decken ihn. So ist er dem Register all die Jahre entwischt. Der Casube hat nach der Behauptung von Dequan Nachforschungen angestellt und bestätigt, dass es sich um einen unregistrierten Pona handelt. Wir haben den Auftrag, den Pona zu finden und ihn in den Namenlosen Bezirk zu bringen.«
»Einfach so? Ein Donatarier beschuldigt einen Hamonine und es gibt keine weitere Ermittlung von uns? Wir werfen ihn ins Loch?« Anicetus war durch und durch ein Donatarier. Doch er war nicht so verbissen und hasserfüllt wie die meisten anderen. Er respektierte die Klassengesellschaft, aber bei solchen beweislosen Anschuldigungen wurde er hellhörig. Genau das, was Dux suchte.
Der Anführer zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung. So wie es im Bericht steht, hat der Casube eigene Ermittlungen angestellt und Beweise gefunden.« Dux hatte sich die gleiche Frage wie Anicetus gestellt, doch er fand keine Lücken in der Beweisführung. Der Verdächtige war ein Pona und nur durch die Gutmütigkeit seiner Familie entkam er einer Registrierung und lebte seitdem unter dem Radar, so stand es zumindest im Bericht.
»Und du weißt, wer Dequan ist?«
Dux schlug die Beine übereinander. »Er ist ein Donatarier, der einen Hamonine beschuldigt, ein Pona zu sein. Alles andere interessiert mich nicht. Der Casube hält es für legitim und hat uns die notwendigen Papiere für eine Übergabe an den Namenlosen Bezirk erstellt. Wir finden ihn und liefern ihn ab. Mehr muss ich nicht wissen.«
»Vielleicht solltest du mehr wissen wollen. Zum Beispiel, in welchem Netz du dich befindest.« Anicetus hatte sich, als er das sagte, vorgebeugt, stützte seine Ellenbogen auf den Knien ab und legte das Kinn auf seine Hände. Bevor Dux nachfragen konnte, was für ein Netz Anicetus meinte, fuhr dieser fort: »Dequan ist ein Ratsmitglied. Man munkelt, dass er nächstes Jahr zum Ratsvorsitzenden gewählt wird. Daher wundert es mich nicht, dass der Casube nach den Anschuldigungen von so einem wichtigen Mitglied gleich aktiv wurde. Du würdest doch zu so jemanden auch nicht nein sagen, oder?«
Dux beeindruckte das nicht im Geringsten. Er war nicht von der Politik angetan und verfolgte diese nicht. Ihm waren diese ganzen Buckeleien und Gefallen, die typisch für die oberen Hierarchien in der Politik waren, zuwider. »Wir haben einen Auftrag. Bist du dabei oder nicht?«, fragte er trocken.
Anicetus hob die Arme nach oben und warf sich wieder nach hinten. »Ja, verdammt. Zu einem Auftrag von Dequan kann ich nicht nein sagen. Ich will schließlich noch eine Weile in Garden leben.«
»Gut, aber dann ohne das hier?« Dabei deutete Dux auf die braune Flasche vor dem Sucher. Er brauchte ihn nüchtern.
»Ja, ja. Ich trinke nie, wenn ich einen Auftrag habe.«
Damit war es beschlossene Sache und Dux wollte schon wieder aufstehen, doch Anicetus zeigte mit einer Handbewegung an, dass er sitzen bleiben sollte. »Welche Leibgardisten nimmst du mit?«
»Ich führe keine Aufträge mit der Leibgarde durch. Das müsstest du wissen.«
»Aber dieses Mal solltest du von deiner Routine abweichen. Wenn etwas schiefgeht, sind die Ponas unser geringstes Problem. Nimm wenigstens einen mit«, bat Anicetus und die Stimmlage ließ Dux seinen Plan nochmal überdenken.
»Gut, ich ziehe es in Betracht. Morgen früh geht es los.« Zu mehr ließ er sich nicht überreden und darüber diskutieren wollte er erst recht nicht. Daher stand er vom Sessel auf, nickte dem Sucher zu und verließ den Aufenthaltsraum.
Anicetus schaute ihm nach und als Dux durch die Tür verschwand, schloss er wieder die Augen.
Dux musste sich eingestehen, dass Anicetus nicht unrecht hatte. Wenn Dequan, so wie der Sucher es ihm berichtet hatte, als nächster Vorsitzender gehandelt wurde, dann war es für alle besser, wenn der Auftrag, so einfach er auch war, erfolgreich verlaufen würde. Ein Leibgardist musste her.
Der Anführer hatte sich bei der Planung keine Gedanken gemacht, welcher Leibgardist zu dieser Mission passen könnte. Daher improvisierte Dux. Die meisten der Leibgardisten würde er in deren Fitnessraum finden. Daher lief er zurück in den langen, künstlich erleuchteten Gang und ging in die entgegengesetzte Richtung. Am Ende angekommen, trat er durch eine große Flügeltür. Die Wände des Fitnessraums bestanden aus deckenhohen Spiegeln und überall verteilt standen verschiedene Fitnessgeräte, hauptsächlich Gewichte und Sandsäcke.
Dux stellte sich abseits der Tür mit dem Rücken zur Spiegelwand und beobachtete die anwesenden Leibgardisten bei ihrem Training. Die Leibgarde war die dritte Gruppierung bei einem Team der Indenuntia und war für die Sicherheit verantwortlich. Es war die einzige Abteilung, die keine Donatarier, sondern nur Hamonine einstellte. Die Leibgardisten halfen bei Verhaftungen und waren die pure Muskelkraft. Durch ihren Klassenrang waren sie stille Teammitglieder, die nur Befehle ausführten und sich nicht in die Führung einmischten, anders als so manch ein Sucher.
Dux blickte sich im Raum um. Auf Anhieb sah er kein bekanntes Gesicht. Nichts Ungewöhnliches, da er selten mit der Leibgarde arbeitete. Sie hatte einen zweifelhaften Ruf, was den Umgang mit Ponas anging und Dux war in dieser Beziehung der Meinung, dass man ohne Gewalt mehr erreichte als mit. Doch wie überall gab es schwarze und weiße Schäfchen. Das Unterscheiden von beiden war das Schwierige und Dux musste den Richtigen für seinen Auftrag finden.
Ähnlich wie bei den Suchern befand sich die Umkleidekabine auf der anderen Seite des Fitnessraums, deren Tür sich geöffnet hatte. Endlich ein bekanntes Gesicht, dachte sich Dux und hatte sofort seinen Plan für den Auftrag im Kopf erweitert. Er verließ seinen Platz an der Wand und kam dem Leibgardisten entgegen.
»Hallo, Balendin. Darf ich kurz mit dir reden?«, sprach er ihn an.
Der Angesprochene sah ihn verdutzt an. Er hatte Dux nicht bemerkt und war überrascht über das Auftauchen eines Donatariers in ihren Räumlichkeiten. »Ehm, ja. Ja klar«, stotterte er und zeigte auf eine Bank an der linken Seite des Raums.
Beide liefen dorthin und setzten sich. Dabei musterte Dux den Jüngeren. Er war gut einen Kopf größer als Dux und von breiter Statur. Das tägliche Training hier unten definierte seine Muskeln und ließ ihn wie eine wahre Kampfmaschine aussehen. Wie bei vielen Leibgardisten war sein Haar kurz geschoren und sein Aussehen unauffällig. Einzig die hellen Narben auf den Armen und den Schultern blitzten unter dem Tanktop hervor. Es waren Souvenirs vergangener Kämpfe. Ein eiskalter Schauer lief Dux über den Rücken. Er konnte sich nicht ausmalen, welche Schmerzen der Mann neben ihm ertragen hatte.
Schnell besann sich Dux und erinnerte sich an den Grund seines Kommens. Zum Glück war niemand in Hörweite und Dux konnte ungezwungen reden. »Wir haben einen Auftrag bekommen. Ein Verdächtiger, der sich in Garden aufhält, soll in den Namenlosen Bezirk überstellt werden. Ich stelle das Team zusammen und möchte dich als Leibgardist dabei haben. Es wird ein einfacher Auftrag sein. Wir wissen, wo sich der Gesuchte aufhalten wird. Wir holen ihn ab und fahren zum Bezirk«, erklärte Dux.
Balendin schien kurz zu überlegen. »Wer ist denn noch dabei? Ich arbeite nicht gern in großen Teams.«
Dux, der Balendin von einem früheren Auftrag bereits kannte und ihn als besonnen und ruhig erlebt hatte, war sich dieser Tatsache bewusst gewesen und konnte ihn beruhigen. »Nur ich, Anicetus, der Sucher und du. Wie schon gesagt, ein einfacher Auftrag und ein kleines Team. Wir werden ihn schnell durchführen. Du sollst nur die Absicherung sein.«
»Anicetus ist oft betrunken«, Balendin klang weder anklagend noch besorgt. Er äußerte eine allgemein bekannte Tatsache.
Dux suchte nach passenden Worten. »Anicetus kennt die Vorschriften. Er ist der passende Sucher für diesen Auftrag. Ich bin mir des Risikos bewusst und werde morgen früh kontrollieren, ob er nüchtern ist. Jedoch verbürge ich mich für seine Einsatzfähigkeit.« Das schien Balendin zu überzeugen und er nickte. Dux war erleichtert. »Gut, dann wäre das geklärt. Morgen früh geht es los.« Damit standen beide auf und der Anführer verließ den Fitnessraum in Richtung Fahrstuhl.
Dux kehrte in sein Büro zurück und setzte sich wieder an den Schreibtisch. Jetzt hatte er sein Team zusammen. Er schlug noch einmal die Akte auf und griff nach dem Bauplan des Wohnhauses. Der Casube war wie immer gründlich vorgegangen und hatte den kompletten Grundriss der Wohnung sowie der Nachbarwohnungen beigelegt. Der Geheimdienst wusste von allem und jedem in Lensgarden Bescheid undes hieß, er hätte seine Augen und Ohren überall. Die Behörde war eigenständig und arbeitete eng mit der Indenuntia zusammen. Doch anders als die Mitarbeiter des Amts waren die Casube Mitarbeiter verschlossen und blieben unter sich. Sie waren alle Donatarier und der Casube war der perfekte Einstieg für eine Karriere im Rat. Ihre konservative Einstellung zu den Klassen passte ideal dazu. Dux war der festen Überzeugung, dass jeder, der dort angestellt war, ein Hassgedicht über die Ponas und Hamonine verfasst haben musste. Kurzum, er war kein Freund vom Casube. Doch sie waren ein notwendiges Übel. Sie beschafften in wenigen Tagen Informationen, für die die Indenuntia mehrere Teams und deutlich mehr Zeit benötigen würde. Der Casube kannte jeden Winkelzug und er konnte auf ein großes Archiv zugreifen. Es wurde gemunkelt, dass es dort zu jedem eine spezielle Akte gab, aber das wurde nie bestätigt.
Dux versuchte, sich die Grundrisse einzuprägen, um morgen schnell auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren zu können. Nachdem er das Gefühl hatte, das Haus zu kennen, als wäre er bereits dort gewesen, blätterte er weiter. Hinter den technischen Zeichnungen waren die Steckbriefe der Familie des Verdächtigen geheftet. Der Gesuchte wohnte zusammen mit seiner jüngeren Schwester bei seiner Mutter. Beide Damen waren Hamonine und es gab keine Hinweise darauf, dass auch sie vermeintliche Ponas waren. Nicht ungewöhnlich. Dux hatte in der Vergangenheit einige Aufträge ausgeführt, wo nur ein Familienmitglied als Pona registriert worden war.
Das letzte Blatt in der Akte war der abgetippte Bericht von Dequans Aussage. Dux hatte ihn zuerst nur überflogen, da Sandulf die wichtigsten Fakten bei der Übergabe des Falls erwähnt hatte. Doch nach Anicetus Warnung wollte er lieber nochmal die Aussage nachlesen, damit er nichts übersah.
Der Bericht war nur eine Seite lang und fokussierte sich auf das Wesentliche. Ungewöhnlich, dass der Casube sich nach solch einer kurzen Anschuldigung die Mühe gemacht hatte, Nachforschungen anzustellen und sich diese dann als wahr herausgestellt haben. Dux Erfahrung nach wurden solche Unterstellungen oft ohne Beweise angezeigt und nach weiteren Ermittlungen seitens des Casube und der Indenuntia stellte sich oft heraus, dass es ein Fehlalarm war. Umso bemerkenswerter, dass es dieses Mal ein vollkommen begründeter Verdacht war.
Dequan berichtete, dass er erkannt habe, wie ein Pona sich in Lens versteckt und dort in einer Bar arbeitet. Dux rieb sich die Augen und las erneut den Abschnitt, doch auch bei dieser Wiederholung fand er nicht heraus, an welchen Merkmalen Dequan erkannt haben muss, dass es sich um einen Pona handelte. Dux las weiter, vielleicht würde dieses wichtige Detail im weiteren Bericht auftauchen. Schließlich war das Detail der grundlegende Beweis, den man für eine Überstellung in den Namenlosen Bezirk benötigte. Ein paar Sätze weiter erwähnte die aussagende Person eine magische Verformung. Da hatte Dux seinen Beweis. Doch welche Art von Verformung und wo sich diese befand, wurde nicht beschrieben. Das war alles mehr als ungewöhnlich.
Dux Blick schweifte aus dem Fenster. Ohne dass er es bemerkt hatte, war es Abend geworden. Die Dunkelheit brach über die Stadt herein und noch immer peitschten dicke Regentropfen gegen das Bürofenster. Er legte die Blätter wieder feinsäuberlich in die Aktenmappe und schloss diese. Es hat schon alles seine Richtigkeit und der Casube würde nie ohne Beweise jemanden als Pona registrieren und in den Bezirk überstellen lassen. Darauf vertraute Dux. Darauf musste er vertrauen.
Nachdem er seinen Mantel angezogen und den Schirm genommen hatte, verließ er sein Büro und machte sich auf den Heimweg. Er wollte morgen den Auftrag ausgeruht durchführen.
Am nächsten Morgen lief Dux direkt in den Innenhof des Amtes und sparte sich den Umweg über sein Büro. Im Hof warteten bereits Anicetus und Balendin, die ihn kurz begrüßten und nachdem sich Dux vergewissert hatte, dass der Sucher stocknüchtern war, betraten sie die Garage. Dort standen die Vehicos der Indenuntia, die für die Einsätze genutzt wurden. Dux stapfte zum Pförtner, zeigte seinen Ausweis und bekam einen Schlüssel sowie ein kleines Heftchen. Dort trug Dux die aktuelle Uhrzeit ein und lief mit den anderen Teammitgliedern zu ihrem mobilen Gefährt.
Balendin, der eine Ausbildung zum Fahren eines solchen Gefährts abgeschlossen hatte, stieg vorne rechts ein, Dux nahm den Platz neben ihm und Anicetus setzte sich gemütlich auf die hintere Sitzbank.
Der Leibgardist lenkte das Vehico vorsichtig aus dem Innenhof und bald darauf waren sie auf der Magna Plat, derHauptstraße. Diese führte auf geradem Wege nach Lens. Da die Indenuntia direkt an der Grenze der beiden Stadtteile lag, fuhren sie nur eine kurze Zeit durch Garden. Der Regen von gestern hatte bei den Blumen, die an den Straßenlaternen hingen, einigen Schaden angerichtet, aber schon jetzt waren Hamonine damit beschäftigt, diese auszutauschen. An den Ecken putzte man mit Körperkraft angetriebene Maschinen die Gehwege und herbeigewehtes Gestrüpp wurde entsorgt. Schon so früh am Morgen sah der Stadtteil wieder nahezu perfekt aus.
Am Übergang von Garden zu Lens war ein Posten mit einer Schranke aufgebaut, daneben stand das kleine Wachhaus. Tag und Nacht kontrollierten Wachen den Grenzübergang. Schon von Weitem erkannte der Wachposten, dass ein mobiles Gefährt der Indenuntia kam, und öffnete kommentarlos den Schlagbaum. Balendin passierte im Schritttempo die Grenze und die Insassen nickten der Wache freundlich zu.
Die drei Stadtteile waren mit Mauern voneinander getrennt, einzig über die Magna Plat konnte man in alle Bezirke gelangen. An jedem dieser Übergänge gab es einen Grenzposten. Zwischen dem Bezirk der Donatarier und der Hamonine war der Posten provisorisch gesichert. Eine simple Schranke aus Metall hinderte Hamonine daran, ohne Passagierschein Garden zu betreten. Und in Garden war die Mauer von einer großen, immergrünen Hecke umschlossen, damit die Backsteinfassade nicht das Bild des Stadtbezirks zerstörte.
Als sie die Grenze überquert hatten, wurde einem sofort klar, dass man sich in Lens befand. War die Gegend um sie herum vorher begrünt, freundlich und sauber gewesen, so waren die Grünflächen hier weniger geworden. Die Mülleimer quollen vor Müll über, sodass teilweise einzelne Reste neben den Eimern lagen, und das Licht der Straßenlaternen war schummrig, einige von ihnen flackerten.
Wenigstens regnete es nicht, dachte sich Dux, als er durch das Fenster nach oben blickte. Doch der Himmel war wie am Vortag wolkenverhangen und kein Sonnenstrahl kam hindurch.
Die Hauptstraße, die sie in Garden entlanggefahren waren, setzte sich in Lens fort und so mussten sie ihr nur folgen. Das Team passierte die Produktionshallen und sah die großen Schornsteine, aus denen dunkler Rauch aufstieg. Dieser Teil der Stadt war für die Industrie und deren Arbeiter konzipiert. War Garden auf Perfektion und Schönheit zugeschnitten, so war Lens rein funktionell und praktisch.
Balendin bog bei der ersten Kreuzung nach rechts ab. Auf der rechten Seite lagen die Produktionsstätten, auf der linken sah man ein Wohngebiet mit etlichen kleinen Häusern. Laut den Aufzeichnungen vom Casube befand sich ihr Ziel in einem dieser Behausungen. Sie fuhren auf der Straße weiter nach Süden und an der ersten Abbiegung nach links gab Dux dem Leibgardisten die Anweisung hineinzufahren.
Balendin drosselte das Tempo, da die Fahrbahn enger wurde. Sie bogen gleich wieder die nächste rechts rein und die Straße wurde zur schmalen Gasse, durch die geradeso ein mobiles Gefährt durchpasste. Zum Glück rechneten sie nicht mit Gegenverkehr. Die Vehicos konnten sich nur reiche Donatarier leisten und diese verirrten sich nicht in eines der Wohngebiete der Hamonine.
Als Dux Balendin durch die engen Gassen leitete, fasste er für den Sucher und den Leibgardisten den Auftrag ein letztes Mal zusammen und erklärte die Vorgehensweise. »Wir sollen heute den Verdächtigen Ignis festnehmen. Er lebt als Hamonine getarnt in Lens und ist ein unregistrierter Pona. Er wohnt mit seiner Schwester bei der Mutter über einer Bar in einem kleinen Reihenhaus. Ich werde vorausgehen und förmlich dem Verdächtigen die Überstellung in den Namenlosen Bezirk mitteilen. Anicetus, du wirst mir folgen.« Dux blickte kurz nach hinten und sah, wie Anicetus gelangweilt nickte, dann fuhr er fort. »Balendin, du wirst die Haustür bewachen und den möglichen Fluchtweg abschneiden. Das Haus hat laut Grundriss keine Hintertür. Nur das Küchenfenster wäre ein potenzieller Ausstieg, doch dieses führt in den geschlossenen Innenhof.« Als Balendin das letzte Mal abbog und in die Zielgasse fuhr, nickte dieser, doch anders als der Sucher war er hochkonzentriert.
»Wir wenden Gewalt nur im äußersten Notfall und zum Selbstschutz an.« Dux sah beide Teamkameraden prüfend an.
»Ach, und was ist, wenn sie sich wehren? Wir brechen die Tür auf, haben das Überraschungsmoment auf unserer Seite und schnappen ihn uns. Er weiß gar nicht wie ihm geschieht«, schlug Anicetus vor.
Dux schüttelte den Kopf. »Dann hätte ich anstatt dir lieber einen zweiten Leibgardisten mitgenommen. Nein, wir machen es, wie ich es gesagt habe. Wir werden höflich bleiben und alles ordnungsgemäß bearbeiten.« Dux hörte Anicetus schnaufen, doch der Sucher sagte nichts. Er wusste, wo sein Platz war und das Dux der Teamführer war. Am Ende galten seine Befehle und nur seine, egal was alle anderen dachten, wollten und besser wussten.
Balendin hatte das mobile Gefährt am Straßenrand zum Stehen gebracht. Es war still. Anicetus richtete sich auf und Dux atmete tief ein und aus. Dann öffneten sie zeitgleich die Türen und verließen das Vehico.
Sie standen vor Reihenhäusern, den besseren Unterkünften von Lens, die alle gleich gestaltet waren. Die Häuser bestanden aus dunklem Backstein. Die Glasscheiben der Fenster waren vergilbt und der schwarze Rauch der Produktionshallen hatte die weißen Gardinen grau gefärbt. Das Erdgeschoss wurde bei einigen Gebäuden für ein Gewerbe genutzt, sei es als ein Einkaufsladen, eine Bar oder ein kleines Restaurant. Das obere Stockwerk diente als Wohnbereich für die Gewerbetreibenden. Die Reihenhäuser, die als reine Wohnhäuser genutzt wurden, hatten zwei Wohnungen, eine im Erdgeschoss und die andere im oberen Stockwerk.
Dux schlug den Kragen seines Mantels zurück, klopfte sich symbolisch den Staub ab und marschierte die zwei Stufen zur Eingangstür hinauf. Er klingelte an der Tür und wartete. Anicetus stand hinter ihm auf dem ersten Treppenabsatz und Balendin hatte sich auf dem Gehweg positioniert. So hatte er das gesamte Haus und die Straße im Blick. Dux hörte, wie jemand auf der anderen Seite der Tür näherkam und gleich darauf öffnete sich diese.
Vor ihm stand eine kleine, pummelige Frau. Ihre langen Haare waren streng nach oben gebunden. Sie trug eine dünne, dunkle Hose und eine schwarze Bluse. Die Hamonine musterte Dux neugierig, doch als sie sah, dass er nicht allein war, erkannte der Anführer sofort, dass man sie als Indenuntia Mitarbeiter identifiziert hatte.
»Entschuldige die Störung. Dürfen wir eintreten? Wir kommen von der Indenuntia, dem Amt«, fragte er und zeigte dabei auf sich und seine Begleiter.
Sie räusperte sich und blickte über ihre Schulter zurück in die Wohnung. »Um was geht es denn?«
»Lass uns das doch nicht auf der Straße bereden«, sagte Dux und legte in seine Stimme mehr Nachdruck hinein.
Widerwillig trat die ältere Frau, die Dux sofort als Lucida, Ignis Mutter, identifiziert hatte, zur Seite, sodass das Team die Wohnung betreten konnte.
Dux ging, gefolgt von Anicetus, in den engen Flur des Hauses. Balendin war das Schlusslicht. Er schloss die Tür hinter sich und blieb vor ihr breitbeinig stehen. Lucida setzte schon zu einer Frage an, doch Dux lenkte sie sogleich ab. »Wir suchen deinen Sohn, Ignis. Kannst du mir sagen, wo er sich gerade aufhält?«
Lucida quetschte sich am Sucher und dem Anführer des Teams vorbei und führte sie in das kleine Esszimmer, das auf der rechten Seite lag. Der Raum war schlicht eingerichtet. Ein quadratischer Tisch war mit zwei Tellern, zwei Tassen, deren Inhalt dampfte, sowie zwei Löffeln gedeckt. Vier Stühle waren am Tisch jeweils links und rechts positioniert. An einem stand eine junge, blonde Frau, die die jüngere Schwester des Verdächtigen war Tamarix. Sie beäugte die Ankömmlinge kritisch.
Lucida stellte sich zu ihrer Tochter und zeigte auf den Tisch. »Wie du sehen kannst, ist mein Sohn nicht da. Er arbeitet heute in der Bar. Er macht ein paar Besorgungen, ihr werdet ihn erst am späten Nachmittag hier antreffen.« Lucida sprach ohne Pausen, ihre Stimme triefte vor Selbstbewusstsein und sie hielt die ganze Zeit den Augenkontakt mit Dux aufrecht. Der Anführer hatte das Gefühl, dass diese Art von Konfrontationen Lucida nicht fremd waren und sie Übung darin hatte. Doch das Team war von der Indenuntia trainiert und auf solches Verhalten geschult worden.
»Dann wirst du sicherlich nichts dagegen haben, wenn wir uns umsehen. Das Amt wird von deiner Hilfsbereitschaft erfahren.« Dux gab, ohne auf die Zustimmung der Mutter zu warten, Anicetus ein Zeichen. Der Sucher schritt zur Tat, übte seinen Dienst aus und begann, den Verdächtigen zu suchen.
Dux blieb ebenfalls nicht untätig. Vom Esszimmer lief er in das angrenzende Wohnzimmer. Hier standen, wie in dem Zimmer zuvor, wenige Möbelstücke, einige kleinere Kommoden sowie ein in die Jahre gekommenes blaues Sofa. Anicetus, der ihm gefolgt war, hatte alle Kissen vom Sofa geworfen und machte sich an den Kommoden zu schaffen. Er zog jede Schublade heraus, durchwühlte deren Inhalt und kippte diesen auf den Boden.
»Hey, ich glaube kaum, dass er sich da drin verstecken kann. Los! Mach deinen Job«, befahl Dux. Er wusste, dass ihre Aufgabe darin bestand, das Haus auf den Kopf zu stellen, bis sie den Verdächtigen gefunden hatten, aber das konnte man mit dem nötigen Respekt und einer angemessenen Behutsamkeit tun.
»Was wollt ihr denn von meinem Ignis? Hat er etwas angestellt? Gab es Ärger in der Bar, von dem ich nichts weiß?«, rief die Mutter aus dem Esszimmer.
Dux stellte sich auf die Schwelle zwischen Ess- und Wohnzimmer. »Es tut mir leid, ich darf den möglichen Beteiligten zu diesem Auftrag keine Auskunft erteilen. Bitte respektiert das.« Aus dem Augenwinkel sah er, wie sich Anicetus am Sofa zu schaffen machte. »Entschuldigt mich.« Damit eilte er zu seinem Kollegen.
»Anicetus?« Dux sah den Sucher prüfend an.
»Spielverderber. Das ist der einzige Spaß bei diesem Job.« Anicetus ließ von dem Möbelstück ab, stellte sich neben den Anführer und schloss die Augen. Dux atmete erleichtert aus. Endlich nutzte der Sucher seine magische Fähigkeit.
Magie, wenn man sie nicht selbst ausführte, konnte man weder sehen noch fühlen. Es passiert alles im Kopf. Die Forschung stand noch am Anfang und vieles blieb bis heute ungeklärt. Über den Ursprung wusste man ebenso wenig wie über die Ausführung. Sie entstand nach dem großen Krieg und entwickelte sich über die Jahre hinweg immer weiter. Es gab magische Fähigkeiten und dieser Fakt reichte vielen.
Man teilte, um eine Übersicht zu bekommen, die Fähigkeiten verschiedenen Klassen zu, sogenannten Ordnungen. Es gab fünf Ordnungen. Hatte man eine Fähigkeit der Ordnung 1, so besaß man nur einfache Magie im Gegensatz zur Ordnung 5, den stärksten magischen Fähigkeiten, die es unter den Donatarier gab.
Doch das war nicht genug. Neben den Ordnungen klassifizierten die Donatarier die Fähigkeiten in Kategorien. So gab es neben der Sinnes- und Anführermagie, auch die Casube- und Suchmagie.
Letzteres wendete Anicetus an. Er hatte die Fähigkeit der Echoortung der Ordnung 4. Er konnte mit Ultraschalltönen, die unhörbar für andere waren, eine Echoortung durchführen. So bekam er einen Überblick über das gesamte Haus, welche Gegenstände in den einzelnen Räumen standen, wie viele Personen sich im Gebäude aufhielten und ob es Hohlräume oder versteckte Gänge gab. Diese Fähigkeit war vom Sucher perfektioniert worden und Anicetus trainierte sie täglich.
Dux, nachdem er sich versichert hatte, dass Anicetus keine weitere Verwüstung mehr verursachen würde, ging vom Wohnzimmer über das Esszimmer nach hinten in die Küche.
»Wie du siehst, ist mein Sohn nicht da. Können wir dann wieder weiter frühstücken?« Lucida wendete sich erneut an Dux.
Dieser schaute sich in der Küche um. »Ach, und warum befindet sich ein dritter Teller in der Spüle?«, fragte Dux laut aus der Küche heraus.
»Er hat ihn schon morgens dort reingestellt. Wie gesagt, er ist früh aus dem Haus und tätigt Besorgungen.« Lucida war ihm gefolgt.
Er legte den Handrücken an die Tasse, die neben dem Teller in der Spüle stand. »Warum ist die Tasse noch warm, wenn er doch so früh das Haus verlassen hatte?«
Bevor Lucida weitere Lügen spinnen konnte, kam Anicetus herein und deutete Dux an, ihm zu folgen. »Bitte warte bei deiner Tochter im Esszimmer«, wies Dux die ältere Frau an.
Anicetus und Dux liefen aus der Küche in den Flur. Dort konnten sie leise und ungestört miteinander reden.
»Im Schlafzimmer der Mutter steht ein Kleiderschrank, hinter dessen Rückwand gibt es einen Verschlag. Dort versteckt sich jemand«, berichtete Anicetus.
Dux schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter und blickte den Flur zur Haustür entlang. Balendin stand immer noch pflichtbewusst an der gleichen Stelle. Er war ein massiger Kerl und niemand kam an ihm vorbei, so breitbeinig wie er sich positioniert hatte. Der Anführer signalisierte ihm, dass er aufmerksam bleiben sollte, und lief zusammen mit dem Sucher in den hinteren Bereich zu den Schlafzimmern.
